„Was so ein Krieg aus dem Menschen macht!“

Berichte von Arthur von Lüttwitz aus dem Burenkrieg

 

 

Zur Bedeutung der Dokumente

 

Im Zuge des sich zum 100. Mal jährenden Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erfuhr nicht nur der Konflikt selbst, sondern auch dessen Vorgeschichte innerhalb der Geschichtswissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit.1) Bestätigt wurde dabei die These, dass der „Große Krieg“ zwar in vielen Bereichen eine Zäsur darstellte, in anderen Gebieten aber lediglich als Katalysator zahlreicher Entwicklungen wirkte, die bereits in der Vorkriegszeit begonnen hatten.2) Obwohl von 1914 bis 1918 alleine aus den britischen Dominions mehr als 900 000 Soldaten auf Seiten Großbritanniens kämpften,3) war der Erste Weltkrieg nicht der erste Krieg, in dem das Britische Empire auf die Einberufung von Freiwilligen und die personelle Unterstützung seiner Dominions und Kolonien angewiesen war. Bereits eineinhalb Dekaden vor Beginn des „Großen Krieges“ war es ein Konflikt mit einem als unzivilisiert und rückständig geltenden Gegner in Südafrika – den Buren –, der von 1899 bis 1902 die Kräfte des britischen Empires umfassend auf die Probe stellte.

Dieser „Second Anglo-Boer War“, im deutschen Sprachgebrauch als zweiter Burenkrieg bezeichnet, „war nicht nur der teuerste Konflikt, den London bis dahin je geführt hatte, er war auch der verlustreichste Kampf seit dem Krimkrieg.4) Mehr als 22 000 britische Soldaten fielen in den Auseinandersetzungen, statt der ursprünglich kalkulierten 10 Millionen Pfund verschlang der Krieg über 230 Millionen Pfund.5) Folglich bewegte der Konflikt „wie kaum ein anderer Krieg in Übersee“ die Gemüter in Großbritannien und in ganz Europa.6) Entzündet hatte er sich vor allem an den zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Gegensätzen zwischen der britischen Kolonialherrschaft und den beiden unabhängigen und überwiegend von niederländisch-stämmigen weißen Siedlern bewohnten Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal. Bereits die durch die britischen Behörden durchgesetzte Sklavenbefreiung hatte für erste Misstöne gesorgt. Spätestens die Entdeckung von Gold- und Diamantenvorkommen auf dem Gebiet der Burenrepubliken ab 1886 und die damit verbundene massive Einwanderung von Ausländern (uitlanders) ließen die latenten Spannungen jedoch eskalieren. Die ausländerfeindliche Haltung des Präsidenten von Transvaal, Paulus „Ohm“ Krüger, und der burische Widerstand gegen die politische und rechtliche Gleichstellung der großen Zahl von „Gold-Diamantengräbern“ lieferte der britischen Regierung letztlich den Scheinvorwand, sich zum Fürsprecher der Ausländer in den Burenrepubliken zu machen. Schließlich hatte London auch ein ausgewiesenes geopolitisches Interesse an den beiden Burengebieten: die Ausbeutung der dortigen Bodenschätze und die Realisierung des Kap-Kairo Plans, einer durchgängigen Eisenbahnverbindung von Südafrika bis nach Ägypten, die ein zusammenhängendes britisches Territorium, darunter auch die Auflösung der Burenrepubliken, erforderlich machte.7)

Trotz der verheerenden Verluste und der großen Kosten hatte die britische Regierung ein frühzeitiges Einlenken wie noch während des ersten Konflikts mit den beiden Burenrepubliken ausgeschlossen.8) Schließlich war der Feldzug für Großbritannien im Hinblick auf die zunehmende Überdehnung der eigenen Macht zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine richtungsweisende Markscheide – auch mit Blick auf das Prestige als Großmacht.9) Der langwierige Verlauf und die aus britischer Sicht dürftigen Ergebnisse des Krieges trugen schließlich in ganz wesentlichem Maße zur Aufgabe des britischen Prinzips der „splendid isolation“10) sowie auf lange Sicht zur Entwicklung des Apartheid-Systems in Südafrika bei.11)

Der Burenkrieg war aber nicht nur von innen- und außenpolitischer Bedeutung, sondern auch von militärischer. Die rasante Entwicklung der Waffentechnik sowie die wachsenden Möglichkeiten der Transport- und Kommunikationsmittel beeinflussten die Kriegführung beider Seiten maßgeblich. Folglich wurden den internationalen Gepflogenheiten entsprechend sowohl die britischen Streitkräfte als auch die Kämpfer der Buren von mehreren ausländischen Offizieren begleitet, deren Aufgabe es war, diese neuen Entwicklungen zu studieren und den Kriegsverlauf zu beobachten.12) Die Praxis der Entsendung solcher „Kriegsattachés“ konnte dabei auf lange Traditionen zurückblicken und wurde bereits im 18. Jahrhundert durchgeführt.13) Im Verlauf des Burenkriegs nahmen auf beiden Seiten insgesamt 20 Offiziere an der Beobachtung der Kampfhandlungen teil. Die Berichte von einigen dieser besonderen Militärattachés, beispielsweise der russischen und französischen Beobachter, sind bereits veröffentlicht worden.14) Sie geben einen Einblick in die Kriegführung der beiden Kontrahenten und schildern neue technische und taktische Innovationen.

Bislang unbeachtet geblieben sind hingegen die privaten Schilderungen der Kriegserlebnisse von Arthur von Lüttwitz (1865-1928), des deutschen Beobachters der britischen Armee. Da die von ihm an den preußischen Großen Generalstab und das preußische Kriegsministerium versandten offiziellen Militärberichte aus dem Burenkrieg bei der Zerstörung des Potsdamer Heeresarchivs im April 1945 vernichtet wurden, sind seine persönlichen Aufzeichnungen von besonderem Wert. Schließlich wurden Wahrnehmung und Auswertung des zu regen Diskussionen über die „richtige“ Infanterietaktik führenden Burenkriegs durch die deutschen Militärbehörden bislang ebenfalls nur rudimentär untersucht.15) Der Große Generalstab brachte den Ereignissen in Südafrika zwar großes Interesse entgegen und wertete sie akribisch in der behördeninternen 3. Abteilung aus,16) charakterisierte die dort ablaufenden Gefechte aber als „uneuropäisch“ und warnte daher davor, Parallelen zwischen dem als Kolonialkrieg abgestempelten Burenkrieg und einem künftigen europäischen Konflikt zu ziehen. Auf einem europäischen Kriegsschauplatz müsse man mit gänzlich anderen Verhältnissen rechnen.17) Die Berichte von Lüttwitz aus Südafrika bildeten schließlich die Basis der offiziellen Generalstabsstudie über den Krieg, die allerdings kaum über minutiöse Gefechtsschilderungen hinausreichte.18)

Für die Wahl des „Kriegsattachés“ in Südafrika war Lüttwitz, der als Sohn eines deutschen Vaters und einer ungarischen Mutter in Großbritannien und Australien aufgewachsen war,19) aus der Sicht des Generalstabs prädestiniert. Er fungierte seit Juni 1898 als deutscher Militärattaché in London und war aus diesem Grund für die Begleitung der britischen Truppen in Südafrika auserkoren worden.20) Lüttwitz galt als erfahrener Generalstabsoffizier, der seit 1893 in verschiedenen Abteilungen der Berliner Militärbehörde beschäftigt gewesen war und mit einigen antibritischen Artikeln im Militär-Wochenblatt auf sich aufmerksam gemacht hatte.21) Generalstabschef Alfred von Schlieffen urteilte über ihn: „Ein Offizier von großer Frische und lebhaftem Temperament, von Natur soldatisch veranlagt, von rascher Auffassung und klarem Urteil. Militär-wissenschaftlich gut durchgebildet. Sehr brauchbarer Generalstabs-Offizier.22) Im Anschluss an seine Rückkehr aus Südafrika im August 1900 wurde Lüttwitz gegen seinen Wunsch aus London abberufen und zum Militärattaché in Sankt Petersburg ernannt – ein Posten, auf dem er bis 1904 verblieb. Eine Spionageaffäre führte letztlich dazu, dass er abberufen werden musste: Lüttwitz hatte einem russischen Generalstabsoffizier geheimste Dokumente abgekauft. Der Skandal war durch die Verhaftung des russischen Informanten öffentlich geworden, der deutsche Attaché wurde zur persona non grata erklärt.23) Bis 1912 übernahm Lüttwitz wichtige Positionen innerhalb der 1. Abteilung des Generalstabs, die sich mit der Beobachtung der russischen Armee befasste, seit 1908 fungierte er als ihr Chef. Im Ersten Weltkrieg amtierte er zeitweilig als Gouverneur von Brüssel und als Chef des Generalstabs des Gouverneurs von Belgien, Colmar von der Goltz, der seinen Mitarbeiter ebenfalls sehr schätzte.24) Anschließend befehligte Lüttwitz bis Kriegsende verschiedene Brigaden, Divisionen und Armeekorps.25)

Durch die Allerhöchste Kabinetts-Ordre vom 21. Oktober 1899 war Lüttwitz als deutscher Militärbeobachter der englischen Operationen in Südafrika bestimmt worden, während seine Aufgabe in London fortan von Anatol von Bredow wahrgenommen wurde.26) Schlieffen erstattete derweil laufend dem Kaiser über neue Entwicklungen auf dem Kriegsschauplatz Bericht.27) Zudem instruierte der Generalstabschef Lüttwitz, er solle vor allem den waffentechnischen Neuerungen wie dem rauchschwachen Pulver und dem Vollmantelgeschoss, das dank einer gestreckten Flugbahn wesentliche größere Distanzen zurücklegen konnte, besondere Aufmerksamkeit entgegenbringen.28) Am 8. November reiste der deutsche Beobachter aus Liverpool ab.29) Noch in den Vormonaten hatte er einen Krieg zwischen den Buren und dem Empire für unwahrscheinlich und unpopulär gehalten und mit dieser Meinung auch nicht zurückgehalten.30)Weshalb Lüttwitz trotz seiner nachrichtendienstlichen Fehleinschätzung, ein Krieg zwischen Briten und Buren werde nicht ausbrechen, zum offiziellen Beobachter gemacht wurde, bleibt angesichts fehlender Quellen unklar. Offenbar gab die bereits erwähnte sonstige Expertise den Ausschlag.

Denn Lüttwitz hatte sich geirrt: Am 11. Oktober eröffneten die Burenrepubliken die Feindseligkeiten und drangen dabei in die britischen Kolonien Natal und Kapkolonie vor. Zahlenmäßig den schwachen britischen Truppen zunächst überlegen, schlossen die Buren die britischen Garnisonen in Kimberley, Mafeking und Ladysmith ein, beschränkten sich anschließend aber auf die Verteidigung, da ihnen ein klares strategisches Kriegsziel fehlte.31) In der Folge trat die unzureichende taktische Weiterentwicklung der britischen Armee seit dem Krimkrieg zutage. Die britischen Truppen rückten häufig in dichten Schützenlinien über offenes Gelände vor und erlitten hohe Verluste gegen die modern ausgerüsteten Buren. Folglich scheiterten mehrere hastig durchgeführte britische Entsatzversuche und Gegenoffensiven in einigen kleineren, aber blutigen Schlachten.32) Dies war die militärische Lage, als Lüttwitz und fünf andere ausländische Offiziere,33) die wie der deutsche Militär die britischen Kriegsanstrengungen beobachten sollten, nach einer 21-tägigen Schiffsreise am 28. November den Hafen von Kapstadt erreichten. Schnell verpasste ihnen die britische Presse den Beinamen „Europe’s Military Intelligence“.34)

In der Hauptstadt der britischen Kapkolonie wurde der Tatendrang der Militärbeobachter jedoch zunächst für einige Wochen ausgebremst, da der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in der ersten Phase des Krieges, Redvers Buller, möglichst wenig Einblick in seine Operationsführung geben wollte.35) Bullers Reserviertheit war dabei vor allem durch die zahlreichen militärischen Rückschläge bedingt, die seine Truppen zu Beginn des Krieges erlitten.36) Vorerst mussten sich die Beobachter daher mit Besuchen der britischen Kriegshäfen begnügen. Erst Mitte Dezember konnten sie die ersten Schlachtfelder bei Colenso und Magersfontein besichtigen, allerdings erst nach dem Ende der dortigen Kämpfe. Von den laufenden Operationen blieben die Attachés aber nach wie vor ausgeschlossen.37) Dieser Umstand änderte sich erst unter dem neuen britischen Oberbefehlshaber Lord Frederick Roberts,38) der den ausländischen Beobachtern mehr Freiheiten einräumte. Ab dem 11. Februar 1900 konnten Lüttwitz und seine Kollegen die britische Hauptstreitkraft begleiten und dabei die Gefechte in Natal, im Oranje-Freistaat und in Transvaal ausführlich studieren,39) die zunächst dem Entsatz der eingeschlossenen britischen Städte, sodann der Besetzung der Burenrepubliken und der Vernichtung der burischen Truppen dienten.40) Roberts war im Gegensatz zu Buller nunmehr auch bereit, seine Truppen abseits des Eisenbahnnachschubs vorgehen zu lassen, was ihm mehr operative Möglichkeiten einräumte und rasch zu Erfolgen in Form von Einkesselungen gegen die zahlenmäßig nun hoffnungslos unterlegenen Buren führte.41)

Um abseits von eigenen Beobachtungen an Informationen zu gelangen, war für die Attachés vor allem ein reibungsloser Verkehr mit höheren britischen Offizieren wichtig. Diese gewährten den ausländischen Beobachtern teilweise sogar Einblick in geheime Gefechtsberichte. Aber auch Terrainerkundungen und Truppeninspizierungen erweiterten den Wissensstand der Attachés.42) Die kriegerischen Unternehmungen wurden dabei stets durch Aufenthalte in den südafrikanischen Großstädten, beispielsweise in Kapstadt, Johannesburg, Pretoria, Bloemfontein oder Durban, unterbrochen. Den „Kriegsattachés“ muteten gesellschaftliche Events, üppige Bälle und ausgiebige Rasentennis-Partien angesichts der andernorts laufenden Kriegshandlungen äußerst befremdlich an.43) In diesen Phasen zwischen den einzelnen Operationen lernte Lüttwitz zahlreiche bekannte Persönlichkeiten kennen, die sich in Südafrika niedergelassen hatten oder ebenfalls am Burenkrieg teilnahmen. So führte der deutsche Offizier unter anderem ein langes Gespräch mit dem britischen Politiker und Magnaten Cecil Rhodes über die Verwaltung der britischen Kolonien in Afrika und über eine deutsch-britische Annäherung,44) traf die berühmten Schriftsteller Arthur Conan Doyle und Rudyard Kipling45) und ließ sich von Winston Churchill dessen spektakuläre Flucht aus burischer Gefangenschaft schildern.46)

Trotz dieser idyllischen Unterbrechungen waren die Beobachtungsmissionen der ausländischen Offiziere keineswegs ungefährlich. Schließlich nahmen sie an Gefechten teil und setzten sich damit Gefahren aus, die auch den Soldaten der kriegführenden Parteien drohten. Der auf Seiten der Buren tätige russische Offizier Wassili Gurko geriet beispielsweise in britische Gefangenschaft, wurde später aber wieder frei gelassen, während der niederländische Offizier Matthias Jan Nix, der ebenfalls auf Seiten der Buren die Kriegsereignisse beobachtete, durch einen Granatsplitter tödlich verwundet wurde.47) Die größte Gefahr bildeten jedoch Krankheiten. Während sich der japanische Offizier Hachiro Hiraoka eine Atemwegsinfektion durch Explosionsrauch zuzog und der Österreicher Robert Trimmel einen heftigen Sonnenstich erlitt, erkrankten der französische Beobachter d’Amade und der Italiener Gentilini an Typhus und überstanden die Krankheit nur knapp.48) Auch an Lüttwitz gingen die Strapazen des Krieges nicht spurlos vorüber, er verlor angesichts des Mangels an Lebensmitteln mehr als 10 Kilogramm seines Körpergewichts.

Nach der Einnahme von Bloemfontein, der Hauptstadt der Burenrepublik Oranje-Freistaat, erklärte Lord Roberts den Krieg in Südafrika im Frühsommer 1900 im Wesentlichen für beendet und wies die ausländischen Beobachter an, den Kriegsschauplatz zu verlassen. In großen Teilen des britischen Empire fanden bereits ausgelassene Siegesfeiern statt.49) Mit der Annexion des Oranje-Freistaats als „Orange River Colony“ am 24. Mai und dem Transvaal am 1. September 1900 hatte die britische Regierung ihren Sieg auch nach außen hin zur Schau gestellt.50) Tatsächlich hatten die regulären Operationen und damit die ersten beiden Phasen des Krieges ihr Ende gefunden, ohne dass sich die Burenrepubliken geschlagen gaben. Sie verlegten sich fortan vielmehr auf einen Guerillakrieg, der vor allem durch Angriffe aus dem Hinterhalt sowie die Zerstörung von Nachschub- und Kommunikationslinien charakterisiert wurde.51) Die Briten beantworteten diese Art des Krieges mit einer Politik der „verbrannten Erde“ und der Errichtung von „concentration camps“, welche die burischen Kämpfer von ihren Familien separieren sollten. Etwa 120 000 Farmbewohner, vor allem Frauen und Kinder, wurden hier interniert.52) Die katastrophalen Lebensbedingungen innerhalb der Lager forderten mehr als 28 000 zivile Todesopfer. Hinzu kamen noch einmal ebenso viele Opfer unter der eingeborenen afrikanischen Bevölkerung, darunter ebenfalls überwiegend Zivilisten.53)

Der Krieg, der als „Gentlemen’s War“ begonnen hatte, radikalisierte sich nun zu einem äußerst brutal geführten Konflikt.54) Beide Seiten griffen in großem Ausmaß auf indigene afrikanische Hilfstruppen zurück, die im Falle einer Gefangennahme selten verschont wurden. Das häufig überlieferte Bild von einem Krieg Weißer gegen Weiße spiegelt demnach nicht die Realität wider.55) Letztlich hatten die Briten den Verlust von 22 000 Soldaten zu beklagen, während die Buren  etwa 7 000 Kämpfer verloren.56) Erst im Jahr 1902, nach beinahe zwei Jahren Guerillakrieg, streckten die Buren die Waffen und stimmten am 31. Mai dem Frieden von Vereeniging zu, der ihnen weitreichende Autonomie unter der Herrschaft der britischen Krone in Aussicht stellte.57) Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die ausländischen Attachés jedoch schon lange nicht mehr vor Ort. Die meisten Offiziere hatten bereits Anfang Juli 1900 Südafrika verlassen. Die Aufmerksamkeit des deutschen Generalstabs hatte sich seit dem Frühsommer desselben Jahres ohnehin auf die Operationen der internationalen Verbände in China zur Niederschlagung des „Boxeraufstands“ konzentriert. Anders als seine Kollegen erhielt Lüttwitz trotz mehrfacher Nachfrage keine Nachricht aus der Heimat und bestieg am 8. August schließlich auf eigene Faust ein Schiff in Richtung England, wo er am 24. August eintraf.58) Seine militärischen Erkenntnisse fasste er nicht nur in mehreren Berichten und einer von ihm inspirierten kurzen Veröffentlichung zusammen,59) sondern erläuterte diese auch im Rahmen einer Audienz bei Wilhelm II.60) Resümierend fasste der deutsche Offizier seine zurückliegenden Erfahrungen in einem Brief an seine Frau mit den Worten zusammen: „Dieser Krieg ist für mich eine große Lebenserfahrung. Ich habe Tod und Zerstörung ins Angesicht gesehen und meinen Gott gefunden.61)

Welchen Wert haben aber die Schilderungen des deutschen Beobachters aus dem Burenkrieg für die Forschung? Anders als es vermutlich die offiziellen Berichte getan hätten, erhellen die privaten Aufzeichnungen weniger die einzelnen Verläufe der Kriegsereignisse und Gefechte, als vielmehr den organisatorischen Ablauf von Beobachtermissionen sowie den Alltag der ausländischen Offiziere und der britischen Soldaten innerhalb ihrer Quartiere. So beschreibt Lüttwitz detailliert die Auswirkungen der Lebensmittel- und Wasserknappheit, der extremen klimatischen Bedingungen, berichtet von Sandstürmen, großen Temperaturschwankungen oder sintflutartigen Regengüssen und von grassierenden Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber. Lüttwitz selbst musste während des Feldzugs den Tod seines Burschen hinnehmen, der an den Folgen einer Typhus-Erkrankung verstarb,62) was den Offizier zu der Aussage verleitete: „den feindlichen Kugeln sich auszusetzen, oder sich mit dem Säbel in der Faust auf den Gegner zu stürzen, ist für jedes richtige Soldatenherz etwas Schönes und Erhebendes – vor der unerbittlichen heimtückischen Krankheit erfaßt selbst den Tapfersten bleiches Grausen!63) Insofern liefern die Dokumente auch Einblicke in medizingeschichtliche Bereiche.

Darüber hinaus enthalten Lüttwitz‘ Darstellungen mehrfach interessante Schilderungen der Buren und der indigenen afrikanischen Völker, beispielsweise der Zulus, die nicht frei von gängigen Stereotypen und Vorurteilen sind und teilweise sogar rassistisches, antisemitisches und sozialdarwinistisches Gedankengut enthalten. Lüttwitz fügt sich damit in die damals vorherrschenden Ansichten innerhalb weiter Teile des deutschen Offizierskorps ein.64) Schließlich geben Lüttwitz‘ Ausführungen aber auch einen Einblick in den Wandel der Kriegführung gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die gestiegene Wirkung von Schusswaffen und die Entwicklung des rauchschwachen Pulvers begünstigten den Verteidiger und führten dazu, dass Angriffe nicht mehr wie noch in den napoleonischen Kriegen in dichten Schützenlinien vorgetragen werden konnten. Angreifende Soldaten mussten fortan auf ihren Spaten zurückgreifen und auch auf eine Ausnutzung des Geländes achten. Diese „Leere des Schlachtfelds“, der Einsatz schwerer Artillerie und der ausgiebige Gebrauch der Buren von Schützengräben wiesen bereits auf Entwicklungen hin, die einige Jahre später das Gesicht des Ersten Weltkriegs maßgeblich prägten. Aber auch die Einbeziehung der Zivilbevölkerung bedeutete einen ersten Schritt hin zu einer zunehmenden Totalisierung von kriegerischen Auseinandersetzungen.65) Auch wenn die Briefe einer Einzelperson  immer nur  anekdotischen Charakter tragen, liefern die Schilderungen von Arthur von Lüttwitz zwar nur einen kleinen, aber interessanten Einblick in die sich wandelnde Kriegführung und die Vorstellungswelt eines deutschen Generalstabsoffiziers im Vorfeld der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.

In wie fern unterscheiden sich aber die Schilderungen des deutschen Offiziers von den Berichten seiner ausländischen Kameraden? Neben Lüttwitz bestand die internationale Beobachtergruppe auf Seiten der Briten noch aus dem Russen Pavel Stachowitsch,66) dem Franzosen Albert d’Amade,67) dem US-Amerikaner Stephen L‘Hommedieu Slocum,68) dem Italiener Domenico Augusto Gentilini69) und dem Österreicher Robert Trimmel.70) Später gesellten sich noch der Spanier Don Augusto Esteban y Larzabal,71) der Japaner Hachiro Hiraoka und der Türke Aziz Bey hinzu. Allerdings liegen der Forschung bislang lediglich die Berichte von Slocum und Stachowitsch vor, während die Berichte von Trimmel zwar nicht abgedruckt, aber durch den Historiker Erwin A. Schmidl wissenschaftlich analysiert wurden. Der Vergleich mit den Schilderungen von Lüttwitz wird dabei durch den Umstand erschwert, dass die Briefe des deutschen Offiziers für den privaten Rahmen verfasst wurden, während die veröffentlichten Berichte der anderen drei Beobachter an die heimischen Militärbehörden gerichtet waren und somit offiziellen Charakter tragen.

Trotz dieser Einschränkungen lassen sich einige interessante Schlussfolgerungen treffen. So finden sich beispielsweise in den Schilderungen von Stachowitsch keinerlei Beurteilungen über die südafrikanische indigene Bevölkerung, während Lüttwitz diese mit einem sozialdarwinistischen und rassistischen Grundtenor vornimmt. Es ist unklar, ob sich der russische Beobachter generell mit derartigen Urteilen zurückhielt oder ob er lediglich in seiner dienstlichen Korrespondenz zurückhaltend agierte. Allerdings lässt sich festhalten, dass nationale Stereotypisierungen, wie sie für die Schilderungen des deutschen Beobachters wie auch allgemein für deutsche Generalstabsberichte jener Zeit üblich sind,72) durch Stachowitsch nicht vorgenommen wurden. Schmidls Auswertung der Berichte von Trimmel schweigt in diesem Punkt gänzlich. Auch in Slocums Berichten, die vollständig veröffentlicht wurden, lassen sich keine Schilderungen von nationalen Stereotypen finden. Der Eindruck, Lüttwitz schenke diesem Punkt am meisten Beachtung, wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass der deutsche Beobachter auch seine ausländischen Kollegen in stereotyper Form beschreibt.73)

Im Hinblick auf die Schilderungen zum Verlauf der Beobachtungsmission und zum Ablauf der Gefechte ähneln sich die Berichte von Lüttwitz, Stachowitsch und Trimmel sehr stark. Die drei Beobachter beschrieben das enervierende Warten auf den ersten Frontbesuch als sehr belastend und ärgerlich, erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Aufträge kamen auf. Die lange Zeit des Wartens führte daher bei Stachowitsch und Lüttwitz dazu, dass ihre Sympathien ins Lager der Buren wanderten, während Trimmel und Slocum eher als anglophil in ihrer Berichterstattung anzusehen sind.74) Slocums Berichterstattung differiert insofern, da sie mit Abstand die detailliertesten Gefechtsschilderungen liefert, während dem Leben der Attachés im Camp in seinen Schilderungen weniger Platz eingeräumt wird.

Alle vier Attachés berichteten jedoch kritisch über das anfängliche britische Angriffsverfahren, bei dem das Vorgehen in dichten Schützenlinien zu hohen Verlusten führte. Stachowitsch führte dies vor allem auf unfähige Generale und den Gegensatz zwischen den regulären britischen Truppen und den Kolonialtruppen zurück.75) Ebenso wie Trimmel betonte der Russe auch die mangelhafte Wirkung der britischen Artillerie gegen Feldbefestigungen – ein Umstand, den Lüttwitz ebenfalls aufgriff und der sich während des Ersten Weltkriegs bestätigen sollte. Das Agieren der Buren wurde hingegen von allen als sehr geschickt beschrieben, vor allem ihre Schießfertigkeit wird gelobt. Slocum bezeichnete ihren Kampf sogar als heldenhaft und betonte: „I do not know what history will say of these people, but personally, words fail me to express adequately my admiration for their tenacious and brave defense under the conditions in which they were placed.76)

Alle Attachés kamen angesichts der gestiegenen Feuerkraft zu dem Schluss, dass Frontalangriffe auf gegnerische Stellungen nicht mehr möglich sind. Offensives Vorgehen könne nur noch durch Angriffe auf die gegnerischen Flanken Erfolg haben.77) Während Lüttwitz sich in seiner offiziellen Berichterstattung wohl nicht vehement für eine defensive Kriegführung ausgesprochen haben dürfte, da andernfalls seine Karriere wohl ernsthaften Schaden genommen hätte, äußerte sich Trimmel gegenüber den österreichisch-ungarischen Militärbehörden durchaus freimütig. Seine kritischen Anmerkungen über die zu offensive Taktik der k.u.k. Armee wurden jedoch hinter Verschluss gehalten, eine Verbreitung von Trimmels Ansichten wurde gezielt verhindert.78)

Allerdings wurde auch die Kampfesweise der Buren vereinzelt kritisiert. Vor allem Stachowitsch bemängelte, dass die Buren ihre anfängliche personelle Überlegenheit nicht ausgenutzt und offensiver agiert hatten. Ihr Verharren in der Defensive während der gesamten regulären Phase des Feldzuges wurde durch den russischen Beobachter scharf kritisiert.79) Slocum sah dies ähnlich. Der in seiner Haltung probritisch eingestellte amerikanische Offizier fand darüber hinaus viele Worte des Lobes für die Leistungen der britischen Infanterie und für den Mut von Mann und Offizier. Allerdings kritisierte er die britischen Offiziere für ihre mangelnde Professionalität: „They would pile up a little parapet of stones, visible for a long distance, and consequently a target for the enemy’s guns and a source of death in itself when struck by a shell, but they would rarely ever dig a trench. I never could understand this serious fault.80) Alle Beobachter waren sich darin einig, dass mit der Ankunft von Roberts und der Ablösung Bullers eine sinnvolle Maßnahme ergriffen wurde. Die folgenden britischen Operationen wurden daher nicht mehr derart kritisch hinterfragt wie die anfänglichen Entsatzoperationen zu Beginn des Feldzugs.

Parallelen lassen sich auch hinsichtlich der Berichterstattung über die logistisch-infrastrukturellen Verhältnisse ausmachen. Während Trimmel diesen Punkt ebenfalls anschnitt und vor allem die Versorgungsschwierigkeiten der britischen Armee aufgriff,81)  beschrieben Lüttwitz und Stachowitsch beinahe minutiös die zum Teil katastrophalen Zustände im britischen Lager vor Paardeberg.82) Beide berichteten von verwesenden Tierkadavern inmitten der kampierenden englischen Truppen, von unzureichender Wasseraufbereitung sowie von mangelhaft eingerichteten sanitären Anlagen. Dass die Verbreitung von Krankheiten nicht bereits in Paardeberg einsetzt, bewerteten sowohl Lüttwitz als auch Stachowitsch als glücklichen Zufall. Was der deutsche Offizier über die Typhusepidemie an die heimischen Behörden berichtete, muss angesichts fehlender Quellen offen bleiben. In seinen nachträglich verfassten Erinnerungen schilderte er die Typhusfälle allerdings sehr genau,83) sodass die Vermutung nahe liegt, dass er ähnliche Berichte auch nach Berlin versandte. In den offiziellen Schilderungen des russischen Beobachters wurde die Krankenwelle hingegen gar nicht erwähnt. Auch Schmidls Analyse über Trimmel erwähnt die Typhusepidemie nicht.

Der amerikanische Beobachter Slocum ging ebenfalls auf die Bedingungen in Paardeberg ein, beschrieb die desolaten Zustände jedoch nur kurz.84) Ebenso wie seine Attaché-Kollegen berichtete aber auch er von den Schwierigkeiten der Briten, den Nachschub zu organisieren. Da die Buren jedoch kaum zur Offensive vorgingen, hätten sich die Briten eine gewisse Schlampigkeit in der Organisation ihres Nachschubs erlauben können, urteilte der amerikanische Offizier.85) Er war es auch, der den heimischen Behörden am detailliertesten von den eingesetzten Kommunikationsmitteln berichtete, während die anderen Beobachter ihre dahingehenden Eindrücke eher kurz fassten.

Fasst man diese Ergebnisse zusammen, so lässt sich festhalten, dass sich in der Berichterstattung der vier Militärbeobachter große Gemeinsamkeiten feststellen lassen, auch wenn einzelne Einschätzungen unterschiedlich ausfallen. Gerade hinsichtlich der Bewertung der britischen Kriegführung ähneln sich die Urteile sehr. Die Berichte von Lüttwitz fügen der bisherigen russisch-amerikanisch-österreichischen Perspektive nun auch eine deutsche Sichtweise hinzu. Interessant dürfte dabei vor allem sein, dass sich Lüttwitz offensichtlich weit mehr als seine Kollegen mit nationalen Stereotypisierungen beschäftigte. Dies erlaubt dem Historiker von heute einen Einblick in die Sichtweise eines im deutschen Generalstab sozialisierten Offiziers im Hinblick auf indigene afrikanische Völker. Auch die Schilderungen des deutschen Beobachters über den Gesundheitszustand des britischen Heeres in Südafrika lassen sich in den bisherigen Quellen der Beobachtungsmission nicht in dieser Ausführlichkeit finden. Während die Berichte Slocums und Stachowitschs ihren dienstlichen Charakter nicht verhehlen und sie daher vor allem auf die Gefechte eingehen, setzt sich der deutsche Beobachter in seinen privaten Schilderungen weitaus stärker mit dem Alltag der Offiziere innerhalb der britischen Lager auseinander. Dem heutigen interessierten Leser wird damit veranschaulicht, wie internationale Militärzusammenarbeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert funktionierte, wie internationale Beobachtungsmissionen abliefen und mit welchen Erwartungen die jeweiligen Akteure ihre Aufgaben angingen.

 

Besonderheiten der vorliegenden Quelle

 

Lüttwitz‘ Briefe und private Berichte aus dem Burenkrieg befinden sich in seinem Nachlass, der unter der Bestandssignatur N 887 im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg lagert. Sie sind Teil seiner acht Bände umfassenden und unveröffentlichten Memoiren unter dem Titel „Aus einem bewegten Soldatenleben, 1875-1918“, die seine militärische Laufbahn bis in das Jahr 1908 schildern. Für die Zeit bis zum Kriegsende, die offensichtlich ebenfalls behandelt werden sollte, fehlen weitere Bände. Zwischen 1919 und 1928 maschinenschriftlich niedergeschrieben,86) greift Lüttwitz in seinen Erinnerungen auch auf von ihm verfasste Briefe und Berichte zurück. Dies trifft vor allem auf Band 5 zu, der die Erlebnisse des Verfassers in Südafrika behandelt und zu einem Großteil auf Briefen von Lüttwitz an seine Mutter Irma basiert. Von November 1899 bis Ende Juli 1900 verschickte Lüttwitz 34 solcher „Berichte“, die er mit Ausnahme der Anrede in seinen Memoiren nahezu vollständig wiedergibt. Von diesen „Berichten“ ist nachfolgend ein Großteil in gekürzter Form abgedruckt worden. Der Originallaut der Briefe wird zumeist durch mehrere Seiten lange Anmerkungen unterbrochen, die aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stammen. Interessante Passagen aus den nachträglichen Schilderungen wurden dabei gesondert abgedruckt, um die Gefahr einer Verwechselung der Entstehungszeiträume auszuschließen. Bis auf wenige Ausnahmen wurde allerdings auf eine Aufnahme der nachträglichen Anmerkungen verzichtet, da sie überwiegend aus minutiösen Gefechtsbeschreibungen bestehen. Ebenso sind langatmige Beschreibungen der Landschaft, die sehr viel Raum in den Schilderungen einnehmen, weggelassen worden. Daneben greift Lüttwitz bei den Schilderungen seiner Kriegserlebnisse auch auf Briefe an seine Frau Mary sowie auf für ihn selbst bestimmte Aufzeichnungen zurück, die ebenfalls mit nachträglichen Ergänzungen versehen wurden. Einige Schreiben, die die „Berichte“ von Lüttwitz an seine Mutter in wesentlichen Punkten ergänzen, sind daher ebenfalls in Auszügen aufgenommen worden.

Die Briefe, Aufzeichnungen und nachträglichen Schilderungen von Lüttwitz beinhalten im Original einige Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, die stillschweigend korrigiert wurden. Hingegen ist an der alten Rechtschreibung nichts geändert worden. Die Schreibweise südafrikanischer Ortsnamen, die Lüttwitz nicht einheitlich wiedergibt, orientiert sich an der heutigen Schreibweise. Sämtliche Abkürzungen wurden aufgelöst. Ergänzungen des Editors und Auslassungen sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Der Anmerkungsapparat dient schließlich dazu, wichtige Hintergrundinformationen zu Personen und Ereignissen zu liefern, die Lüttwitz in seinen Ausführungen thematisiert, ohne sie inhaltlich einzubetten.

 

Dokumente

1. Bericht Nr. 1, ohne Ortsangabe [Liverpool], 8. November 1899.

BArch, N 887/5, S. 440.

 

Ob ich wohl je in meinem zukünftigen Leben diesen 8. November vergessen werde! Als ich dort auf der Steinmauer des Quais die Gestalt der süßen Frau in der Ferne verschwinden sah, da war mir, als sei die Verbindung mit meinem bisherigen Leben durchschnitten, als habe man mir ein Messer ins Herz gestoßen! Aber ich darf so nicht denken. In kurzer Zeit – was sind ein paar Monate in der Dauer unseres Daseins – werde ich, so Gott will, wohlbehalten und um eine schöne Erfahrung reicher in die Heimat zurückkehren. Hinweg ihr trüben Gedanken! Die Ausfahrt durch die vielen Docks und Hafenbassins von Liverpool ging nur langsam vor sich und war recht interessant. Unwillkürlich drängte sich der Vergleich mit Hamburg auf, wahrlich nicht zu Ungunsten der letzteren Stadt. Ihre Hafenanlagen machen einen einheitlicheren und großartigeren Eindruck. Sie sind eben neuer und mehr oder weniger gleichzeitig entstanden, während hier in Liverpool je nach dem hervortretenden Bedürfnis altem neues hinzugeflickt wurde.

2. Aufzeichnung vom 10. November 1899.

BArch, N 887/5, S. 446-449.

 

In Queenstown war unterdessen die Einschiffung der beiden Bataillone Dublin Fusilliers und Connaught Rangers in vollem Gange. Sie bot ein äußerst interessantes Bild großer Geschäftigkeit bei Abwesenheit eingehender organisatorischer Vorbereitungen. Ich verstehe heute noch nicht, daß schließlich, als wir zusammen mit dem General Mc Calmont um 4 Uhr nachmittags das Schiff genau besichtigten, doch alles so ziemlich an seiner Stelle war. Wir haben im Ganzen rund 2 000 Mann an Bord, die in drei Decks – zwei davon unter der Wasserlinie – untergebracht sind. Die Leute scheinen nach den Begriffen eines gewöhnlichen Sterblichen, wenn auch nicht nach der Ansicht der Transportbehörden, in geradezu unmenschlicher Weise zusammengepfercht. Die Luft in den unteren Decks war bereits jetzt zum Ersticken. Wenn ich an diese Szenen dachte, die sich in wenigen Stunden in diesen niedrigen, schlecht beleuchteten, überfüllten und dabei der Bewegung des Schiffes am meisten unterworfenen Decks abspielen mussten – denn draußen heulte der Sturm, – so wurde es mir klar, daß Dante, falls er ein Truppenschiff gekannt hätte, es in seinem „Inferno“ geschildert haben würde.

Um 5 Uhr nachmittags, es begann bereits zu dämmern, war schließlich der letzte Mann an Bord und die letzte weinende Soldatenfrau vom Schiff herunter. Angesichts einer vielhundertköpfigen Menge machten wir vom Ufer los. Nicht enden wollende Hurras erfüllten die Luft. Als wir die Kriegsschiffe passierten, enterten deren Mannschaften auf, die Musikkapellen spielten „Rule Britannia“, immer neue Hurras ertönten. […] Es war ein großer, unbeschreiblich schöner Augenblick, besonders wenn man sich vergegenwärtigte, daß aller Wahrscheinlichkeit nach viele unserer Krieger nicht heimkehren würden.87) Im Übrigen war diese Abschiedsfeier bisher so ziemlich das Einzige, was daran erinnerte, daß wir in den Krieg zogen. An Bord war von ihm kaum die Rede. Offiziere und Leute machten den Eindruck, sich auf einer Vergnügungsreise zu befinden.

3. Aufzeichnung Lüttwitz, 17. November 1899.

BArch, N 887/5, S. 456-458.

 

Der größte Teil unserer Offiziere ist gestern gegen Typhus geimpft worden.88) Das Serum wird in der Gallengegend unter die Haut gespritzt. Es stellt sich dann gewöhnlich an der betreffenden Stelle eine faustgroße Schwellung ein, und der Patient bekommt, je nach seiner Disposition verschieden, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Magenbeschwerden, für etwa 48 Stunden. Dann ist der Anfall vorüber und es heißt, er sei immun. In Indien, wo der Typhus endemisch ist, soll sich die Impfung als sehr nützlich erwiesen haben. Ob sie für das gesunde Südafrika nötig, wird vielfach bezweifelt.89) Man glaubt, daß sich Offiziere gegen Ansteckung wohl immer dadurch schützen können, daß sie nur gekochtes oder gefiltertes Wasser trinken. Die Leute könnten das nicht und für sie wäre die Impfung daher durchaus notwendig. Aber gerade sie streiken, und da man sie nicht zwingen kann hier im freien England, haben sich im Ganzen nur etwa hundert Mann zur Impfung gemeldet.

4. Aufzeichnung Lüttwitz, 21. November 1899.

BArch, N 887/5, S. 459-462.

 

Interessant ist der Verkehr in unserer kleinen internationalen Gesellschaft. Da ist zunächst der Oberstleutnant im russischen Generalstabe Stachowitsch. Er ist nach seiner Nationalität im Typ mittelgroß, etwas aufgedunsen, mit niedriger eckiger Stirn, unter der ein paar wasserblaue Augen halb kindlich halb verschmitzt in die Welt blicken, mächtigem Schnauz- und viereckig geschnittenem Kinnbart. Aus der Chevalier Guarde, einem der vornehmsten russischen Regimenter, hervorgegangen, hat er die Manieren der großen Welt. Im ersten Eindruck besticht seine stark ausgeprägte Bonhomie, sein Gebaren als eines großen Kindes. Bald jedoch merkt man, daß sich hinter dieser harmlosen Außenseite ein ganz gewiegter Diplomat versteckt. Er beobachtet scharf und ohne daß es die meisten bemerken und versteht andere auszuhorchen. In Petersburg war er zuletzt Adjutant des Generalstabschefs und hatte als solcher mit den fremden Militärattachés zu unterhandeln. Was er bisher von seinen militärischen Kenntnissen durchblicken ließ, machte jedoch nicht den Eindruck großen Wissens. Im ganzen ist er aber eine recht interessante Persönlichkeit.

Das Gegenstück zu ihm ist sein Zweibundkollege, der französische Commandant d’Amade. Er war mir schon bei den großen Manövern bei Salisbury voriges Jahr bekannt geworden, als der Chef der englischen Abteilung im französischen Generalstab. Schon damals hatte mir dieses schüchterne und bescheidene Menschenkind nicht besonders imponieren können. Nach näherer Bekanntschaft war das noch weniger der Fall. Er erscheint als ein Muster des unendlich fleißigen, gewissenhaften Bureaubeamten. Hier an Bord sitzt er den ganzen Tag unten in der Kajüte und schreibt – was, das ahnt kein Mensch. Er würde gewiß besser tun, statt zu schreiben seine Augen offen zu halten. Ich glaube wohl, wenn ich diesen in seinem Generalstab hochangesehen Mann betrachte, daß, wie behauptet wird, der Bureaukratismus und die Schreibstubenkrankheit in Frankreich noch mehr entwickelt sein müssen, wie bei uns. Sie zeitigen keine großartigen Menschen und Charaktere. Schon das Äußere d’Amades ist wenig imponierend. Er ist wohl aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen und gewöhnt, jeden Centime aufmerksam zu betrachten, ehe er ihn ausgibt. Sein Anzug ist wenig elegant, ein Bad soll er, seitdem er an Bord ist, noch nicht genommen haben. Stachowitsch hat diesen „Bundesgenossen“, mit dem er sich anfangs anzufreunden versuchte, bald als hoffnungslos aufgegeben. Nicht zum wenigsten trug dazu das schlechte Whistspielen des Franzosen bei. Ein Mann, der so schlecht Karten [spielen] versteht, ist gewiss kein Stratege. Moltke soll freilich auch miserabel Whist gespielt haben!

Auch meine beiden Dreibundkollegen sind wohl Typen ihrer Armeen. Der Hauptmann Trimmel, aus den österreichischen Pionieren hervorgegangen, jetzt im Generalstabe, ist dadurch, daß er im Sommer eine Reise nach England machte, in den Geruch einer Autorität in britischen Heeresangelegenheiten und zu diesem schönen Kommando gekommen. Er sieht recht adrett und schmuck aus in seiner weißen Tropenuniform, in welcher er auf Deck paradiert. Er ist erst 29 Jahre alt, dabei schon zwei Jahre Hauptmann, er scheint aber viel älter mit seinem am Kinn à la Kaiser Franz Josef ausrasierten Backenbart. Er ist ein Mann von schneller Auffassungsgabe und weitverzweigten Interessen.

Einen etwas armseligen Eindruck macht der Italiener, Major Gentilini. Er ist klein, schwarz mit dunklen lebhaften Augen, schnellen Bewegungen und kurz geschnittenem Borstenhaar. Geistig geweckt, findet er Schwierigkeiten, seinen lebhaften Wissensdurst zu befriedigen, da er sowohl die englische wie die französische Sprache nur notdürftig beherrscht. Gesellschaftlich ist wenig mit ihm anzufangen. Seine Kleidung ist dürftig, seine Manieren, denen eine gewisse plumpe Vertraulichkeit anhaftet, sind nicht bestechend. Der Geldpunkt scheint auch bei ihm, wie bei d’Amade, derjenige zu sein, von dem aus seine Welt bewegt wird. Ohne unser Dazutun ist es gekommen, daß er mehr oder weniger seine eigenen Wege geht.

Da ist der amerikanische Kavallerie-Kapitän und bisherige Militärattaché in Lissabon Slocum ein ganz anderer Mann. Klein, sehnig, alert, geistig „wide awake“, wie man bei ihm zu Lande sagt, äußerst elegant und soigniert in seiner Kleidung, weit gereist und daher von offenem Gesichtskreis, ist er ein ungemein angenehmer Kamerad. Mit seinen militärischen Kenntnissen ist es nicht weit her, aber er hat seine Augen offen, und es ist mir nicht einen Moment zweifelhaft, daß seine Regierung aus seiner Mission wertvolle Früchte zeitigen wird. Zwischen uns allen hat sich bereits ein sehr nettes kameradschaftliches Verhältnis entwickelt. Wir werden besonders auch später sehr auf einander angewiesen sein.90)

5. Bericht Nr. 2, ohne Ortsangabe [Kapstadt], 4. Dezember 1899.

BArch, N 887/5, S. 466-471.

 

Wenn dieser Brief morgen abgehen wird, bin ich schon eine Woche in Kapstadt. Noch habe ich von euch keine Nachricht erhalten, hoffe aber, daß eine solche mit dem morgen fälligen Postdampfer eintreffen wird. Ich lechze nach einem Wort, wie es euch geht und wie sich die Verhältnisse in London nach meiner Abreise gestalteten. Was unsere weiteren Schicksale hier unten betrifft, so ist eins bereits ziemlich klar: Man wird von englischer Seite versuchen, uns von den eigentlichen Operationen, welche durchaus nicht nach Wunsch und nur langsam vorwärts gehen, fernzuhalten. Daß wir den Kämpfen bei Ladysmith oder Kimberley beiwohnen,91) hat man bereits definitiv abgelehnt. Dagegen wurde uns versprochen, wir würden, sobald der Oberkommandierende Sir Redvers Buller, der sich für seine Person jetzt in Natal befindet, hierher zurückgekehrt sei, und dann der große Vormarsch gegen Pretoria beginne, ihn begleiten. Wann dies sein wird, ist kaum abzusehen. Tief in eurem Herzen werdet ihr wohl dieses Arrangement, welches mich vorläufig außerhalb jeder Gefahr belässt, gewiß mit Freuden begrüßen. Für mich ist es höchst peinlich. Nicht, daß ich den unwiderstehlichen Drang fühlte, mich in Gefahren zu begeben, sondern mein Pflichtgefühl sagt mir ständig, daß ich hier so gut wie deplaciert bin. Denn viel mehr wie in London erfahre ich in Kapstadt auch nicht, und ich bin nicht hierher geschickt worden, um in einem palastartigen Hotel mit sehr eleganten Menschen täglich Diners von zehn Gängen in mich hineinzuessen. Allen anderen Attachés geht es genau wie mir. Sie winden sich und stöhnen unter der ihnen auferlegten Untätigkeit.92) Aber es ist da wenig zu tun. Man muss sich in das Unvermeidliche fügen. Sollte sich aber das Versprechen der Behörden, uns wenigstens nach Rückkehr von Buller nach Norden zu schicken, nicht verwirklichen, so werde ich meine Abberufung beantragen.

Die Lage ist die, daß die Engländer bisher zwar in den meisten Gefechten wirklich siegreich gewesen sind, jedoch große Verluste gehabt haben und einzusehen beginnen, daß zur Durchführung des Feldzuges viel mehr Truppen als bisher dafür angesetzt notwendig sein werden. Die Organisation der rückwärtigen Verbindungen usw. für eine so starke Armee wird dann aber auch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen – mit einem Wort, der Krieg wird mindestens bis in den Sommer 1900 hinein dauern. Daß die Buren vorher nachgeben sollten, ist unwahrscheinlich. […] Ich habe auch schon persönlich eine kleine Idee von ihnen bekommen. Es wurde uns erlaubt, die Gefangenen, die sich in einem bisher leerstehenden neugebauten Gefängnis befinden, zu besuchen. Ich habe mit vielen gesprochen. Soweit sie wirklich holländischer oder deutscher Abstammung sind, sehen sie aus wie unsere norddeutschen Bauern, nur hünenhafter, da das Klima und ihre Lebensweise gesünder sind als bei uns, und viel intelligenter, da sie auf ihren eigenen Verstand angewiesen sind. Sehr viele Ausländer aller Nationen sind aber unter ihnen, und das ist so ziemlich der Abschaum der Welt.93) […]

Schön ist der Hafen! In ihm herrscht jetzt natürlich ein sehr reges Leben. Eine ganze Flotte großer Transportdampfer liegt in ihm vor Anker. Die Docks und Entladequais sind so voll, daß die Schiffe auf drei Tage warten müssen, ehe an sie die Reihe kommt, entladen zu können. Mitten unter ihnen liegt ein deutscher kleiner Kreuzer, der „Condor“,94) auf dem Reparaturen ausgeführt werden. Wir haben ja leider noch kein eigenes Dock in Afrika und müssen wegen jeder kleinen Beschädigung die englischen Häfen anlaufen. Ich bin bereits öfter an Bord gewesen, trotzdem der Kapitän mir nicht sehr gefällt. Er ist ein richtiger Seebär und dem Alkohol zugetan. Seine Offiziere sind aber sehr nett und zum Glück soll, wie ich höre, bald ein Wechsel im Kommando eintreten.95) Das wunderbarste ist, wenn der Herr Kommandant von den Berichten erzählt, die er nach Berlin, zum Teil direkt an S. M. schickt.96) Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was er behauptet, so ist es schlimm genug. Wenn das die Quellen sind aus denen unsere offiziellen Kreise ihre Kenntnisse der fremden Länder schöpfen, so wird mir manches plötzlich erklärlich.

6. Aufzeichnung Lüttwitz, 6. Dezember 1899.

BArch, N 887/5, S. 472-478.

 

Die Wege hier sind zum Reiten schlecht, steinig und haben zu große Steigungen. Aber man wird reichlich entschädigt durch die herrlichen Landschaftsbilder. Interessant ist es auch, die ärmeren Stadtteile zu passieren. Da gibt es greulich häßliche Kaffern mit kohlschwarzen Gesichtern; Zulus, gutgewachsen, manche mit Spitzbärten; eine große Zahl brauner Inder, gelber Malaien, und nun die Mischlinge aller dieser verschiedenen Rassen unter sich und mit den Weißen. Da gibt es keine Schattierung, die nicht vertreten wäre. Aber wie greulich sind doch alle diese Menschen! Wieviel mehr Anmut, Würde und Intelligenz hat doch der Weiße! Daher sollte er aber auch stets eingedenk bleiben, daß er von Gott gesetzt ist als Lehrer und Erzieher der Anderen.

7. Brief Lüttwitz an seine Frau, Kapstadt, 10. Dezember 1899.

BArch, N 887/5, S. 478-479.

 

Am 3.12. machten wir Militärattachés sehr energische Vorstellungen bei den hiesigen Behörden dahingehend, daß wir gezwungen sein würden, unseren Regierungen zu berichten, falls man uns noch viel länger hier in Kapstadt untätig zurückhielte. Wir baten, uns zu Lord Methuen97) nach Belmont begeben zu dürfen. Ein langes Telegramm ging ab zu Buller nach Natal, unsere Wünsche befürwortend. Buller antwortete, zu Methuen zu gehen könne er leider nicht zugeben, umso mehr als die Eisenbahnlinie nördlich De Aar dauernd von den Buren unterbrochen werde. Darauf neue bittere Klagen von unserer Seite. Am 8.12. kam dann eine Depesche von Buller, er werde sich freuen, uns in Natal begrüßen zu können. Darob große Begeisterung bei uns allen. Der nächste Postdampfer nach Durban geht von hier am 12. Dez. ab. Das bringt uns aller Voraussicht nach am 16. nach Durban. Wir hoffen, dann gleich nach Pietermaritzburg weiterfahren und an dem großen Befreiungsversuche von Ladysmith,98) der geplant ist, teilnehmen zu können. Man hat uns gesagt, wir sollten nur die allernotwendigsten Sachen nach Durban mitnehmen und unser großen Gepäck hier in Kapstadt lassen, wohin wir in etwa drei Wochen zurückkehren würden.

8. Bericht Nr. 3, ohne Ortsangabe, 13. Dezember 1899.

BArch, N 887/5, S. 480-481.

 

Am letzten Sonntag, den 10.12., statteten wir Simonstown, dem englischen Hauptkriegshafen in Südafrika, einen Besuch ab. […] Der Hafen von Simonstown ist bis jetzt noch vollkommen offen, er ist aber doch etwas mehr wie Port Elizabeth und East-London gegen die bösen Südwinde geschützt. Dockanlagen in größerem Umfange sind bisher noch nicht vorhanden, nur eine Schiffswerft ist zu sehen, auf der kleine Reparaturen ausgeführt werden können, ferner ein Marinearsenal und Militär- und Marine-Hospital. Im diesjährigen englischen Marinebudget soll jedoch die erste Rate einer Forderung von 7 Millionen Pfund für Befestigungs- und Hafenbauten in Simonstown eingestellt worden sein. Wir wurden in sehr liebenswürdiger Weise von Admiral Harris, der die Station befehligte, bei einem Tee mit Damen empfangen. Der Admiral ist derselbe, der beim Bombardement auf Kreta bekannt geworden ist.99)

Im Hafen liegen der mächtige Kreuzer „Powerful“ – wie mir einer der englischen Seeoffiziere erzählte, seiner Kohlengefräßigkeit halber ein vollkommener Mißerfolg – die sehr viel bessere und neuere „Niobe“, die kleine „Doris“, ein Wachtschiff, und die „Penelope“. Sie ist momentan dadurch interessant, daß sich auf ihr etwa hundert Buren gefangen befinden, unter ihnen auch der Deutsche Schiel.100) Uns wurde nicht erlaubt, das Schiff zu betreten. Schiel soll sich von der bei Elandslaagte101) erhaltenen schweren Verwundung bereits soweit erholt haben, daß er auf Krücken gehen kann. Seine deutschen Kameraden, erzählte mir ein englischer Offizier, der dabei gewesen, hätten sich gleich ihm wie Helden benommen. Als die Höhe erstürmt und von den Buren geräumt wurde, seien die Deutschen offen aus der bisherigen Deckung herausgetreten und hätten stehend solange geschossen, bis sie alle mit Ausnahme von Schiel, der schwer verwundet wurde, tot niedergestreckt waren. So etwas von englischer Seite zu hören ist wohltuend.

9. Nachträgliche Schilderung der Schlacht von Colenso.

BArch, N 887/5, S. 499-502.

 

Nachdem wir alle hinter der Höhe abgestiegen, gingen wir vorsichtig auf sie hinauf und setzten uns nieder. Buller allein hatte eine Karte. Er erzählte, sie sei aus sehr mangelhaften Katasterblättern für ihn vor der Schlacht zusammengestellt worden, stimmen täte sie gar nicht. Die Bridle-Drift z. B. sei an ganz anderer Stelle auf ihr eingezeichnet, als sie in Wirklichkeit liege. Das Desaster der Brigade Hart sei auf diesen Umstand zurückzuführen.102) Die Truppen hätten, soweit sie nicht auch zufällig in den Besitz von Katasterblättern gekommen, überhaupt keine Karten der Gegend. Ich dachte mir meinen Teil. […]

Der von General Clery103) gegebene Angriffsbefehl war von mir im Original nach Berlin übersandt und dem Kaiser vorgetragen worden. Derselbe hatte, wie mir Ende 1900 erzählt wurde, dazu bemerkt: „Da hat sich der Lüttwitz wohl einen schlechten Witz gemacht, wahrscheinlich leidet er auch schon an Tropenkoller.“ […] Oberst Long104), der die 66. und 14. Batterie nur 600 m vom Feinde entfernt auffahren ließ und dadurch der Vernichtung aussetzte, hatte sich bei Omdurman besonders ausgezeichnet.105) Er hatte den überhaupt kaum feuernden Derwischen gegenüber dasselbe mit Erfolg getan, wobei er natürlich den Buren gegenüber scheiterte. Der Fall ist bezeichnend dafür, wie der Kampf gegen schlecht bewaffnete Wilde und Halbwilde die Ansichten der höheren englischen Führer unheilvoll beeinflußt hatte. Bis zu Buller hinauf war dies zu bemerken. Von moderner Waffenwirkung hatte niemand mit Ausnahme von Lord Roberts zu Anfang des Krieges eine Vorstellung. Man glaubte, die stärksten Stellungen der Buren ohne genügende Artillerievorbereitung durch einen frontalen Angriff einer überdies schlecht schießenden und in der Geländebenutzung mangelhaft ausgebildeten Infanterie überrennen zu können.

10. Bericht Nr. 6, Estcourt, 8. Januar 1900.

BArch, N 887/5, S. 510-522.

 

Exerziert, scharf geschossen und Felddienst geübt wurde nur des Morgens. Anfangs habe ich oft lange dabei zugesehen. Man war einfach starr über die Ungewandtheit und geringe Ausbildung der Leute. Die Bewegungen der Schützenlinien und geschlossenen Unterstützungstruppen waren unbeholfen wie bei unsern Rekruten in der zweiten oder dritten Woche. Was das Schießen betrifft, so galt noch immer das Salvenfeuer auf Kommando als einzige Form im Gefecht. Wenn man dem gegenüber an das dachte, was man über die Fechtweise der Buren gehört hatte,106) so gab es nur den einzigen Trost, daß nach Erzählungen meiner englischen Freunde die Leute bei Colenso ganz von selbst im Drange der Gefahr ganz vernünftige Geländebenutzung getrieben und Schützenfeuer geschossen hätten. Aber gesagt muss es nun schon werden: In völliger Unkenntnis moderner Waffenwirkung und der durch die Rauchlosigkeit der Schlachtfelder bedingten neuen Gefechtsformen ist die englische Armee in den Burenkrieg eingetreten. […]

Wir waren sehr begierig, wie sich unser Leben hier draußen in dem kleinen Nest gestalten würde. Wir sind sehr zufrieden. Wir fanden zu unserer Benutzung vor ein sehr hübsches, freilich ziemlich verwahrlostes Ziegelhaus mit Wellblechdach und großen Verandas. Da unsere internationale Gesellschaft unterdessen noch um einen Spanier verstärkt wurde, brauchen wir schon eine ganze Menge Platz. Der Major Augusto Estoban ist ein großer gutaussehender Mann in mittleren Jahren von ruhiger Sinnesart und sehr liebenswürdigen Umgangsformen. Allgemein erfreut er sich großer Sympathien. Artillerist von Beruf, war er bisher in Artilleriewerkstätten verwendet worden und hat auch längere Zeit zu Studienzwecken bei Krupp in Essen geweilt. Sein Interesse konzentriert sich daher auch in erster Linie auf artilleristische Dinge. Der heilige Eifer des Betätigungsdranges fehlt ihm aber etwas.

Ich hause mit dem Russen, Italiener und Amerikaner in einem freilich sehr hohen und luftigen Zimmer. Viel Gepäck haben wir ja nicht mit uns, da wir die Masse unserer Sachen in Kapstadt zurückließen. Feldbett, Gummiwaschbecken und -wanne. Feldtisch und Stuhl kommen aber zu ihrem Recht. Das Leben, das wir hier führen, ist ungemein gesund. Um 5 Uhr früh, manchmal sogar noch früher, wird aufgestanden, pünktlich um 5.45 Uhr gefrühstückt und um 6 Uhr weggeritten. Um 11 oder 12 kehren wir gewöhnlich zurück, dann ist Lunch, um 4 Uhr Tee, um 7 Uhr Diner. Wir haben einen ganz vorzüglichen Koch mit uns und Vorräte – bis zur Gänseleberpastete – in Hülle und Fülle. Nein, wir können uns wirklich nicht beklagen. Ich bin zum Meßpräsident erwählt worden und habe bisher viel Lob eingeheimst. Aber wie gesagt, es ist keine Kunst. Leider sind wohl unsere Tage hier gezählt, und wir werden, sobald die nächste Schlacht vorüber, wohl nach dem Kap zurückkehren.

11. Nachträgliche Schilderung der Ereignisse durch Lüttwitz.

BArch, N 887/5, S. 511-522.

 

In allen Lagern wimmelte es von Ungeziefer, auch von Taranteln, großen giftigen gelben Spinnen, und Skorpionen. Letztere wurden besonders dadurch gefährlich, daß sie sich während der Nacht in den ausgezogenen Stiefeln der Leute festsetzten, sie wohl für Bruthöhlen haltend, welche die gütige Mutter Natur gerade ihnen einbeschert habe. Fuhr der Mann bei der Reveille etwas eilig in seine Stiefel, so verstanden die Herren Skorpione die Sache falsch und stachen. In Frere107) sind anfangs Fälle vorgekommen, wo Leuten das Bein bis zum Oberschenkel wegen Blutvergiftung abgenommen werden mußte. In allen Lagern hingen jetzt Plakate, auf denen die Leute angewiesen waren, nie die Stiefel anzuziehen, ohne sie vorher auszuschütteln. […]

Von besonderem Interesse war für uns alle das Geschützmaterial der Engländer. Für letztere war es eine recht peinliche Überraschung gewesen, daß die ganz neuzeitlichen, von Krupp und Creuzot bezogenen Geschütze der Buren,108) was Feuergeschwindigkeit, Reichweite und Sprengwirkung betrifft, sich den eigenen stark überlegen zeigten. Da mußte wieder einmal die Marine, die mit ihrer Initiative und Anpassungsfähigkeit jedem Engländer als Mädchen für alles erscheint, eingreifen. Sie hatte modernste Geschütze genug, Kapitän Scott109) konstruierte die notwendigen Feldlafetten und Schießgestelle dazu aus starken Balken. […]

Der Teil von Natal, in dem wir uns befanden, lag gar nicht weit von den Grenzen Zululands, das erst 1887 von den Engländern annektiert worden war.110) Die Schwarzen, die man traf, und deren Kraals111) man besuchte, die Bediensteten in den Städten waren alle Zulus. Wir hatten geplant gehabt, einen Ausflug nach Zululand zu machen, mußten aber wegen unserer verfrühten Abreise aus Natal dann darauf verzichten.112) Es soll landschaftlich ganz tropisch und wunderschön dort sein. Wie schon erwähnt, sind die Zulus unter allen Negern körperlich einer der schönsten Stämme. Unter den Frauen, die einem im paradiesischen Kostüm bei unseren Ritten begegneten, waren die jüngeren zuweilen eine echte Augenweide. Da sie sich aber den Körper mit Kokosnußöl einrieben, das in der Hitze ranzig wird, stehen sie in keinem guten Geruche. In den Städten Natals gab es unter den Weißen einen eigenen Handel mit Bildern solcher unbekleideter Schönen. […]

Der hervortretendste Zug an den Zulus, wie überhaupt an allen Negern, schien mir ihr zufriedener Sinn und heiteres Wesen zu sein. Ich habe mir von den Engländern und Deutschen, die in Natal groß geworden, viel über sie erzählen lassen. Bis der Weiße ins Land kam, sollten sie, wenn man von gelegentlichen Stammesraufereien absieht, ein geruhsames Leben geführt haben. Exemplarische Strafen sorgten für Ordnung, so stand auf Diebstahl und Ehebruch der Frauen die Todesstrafe. Beide Übertretungen waren daher so gut wie unbekannt geworden. Da erschien der Missionar, lehrte was Recht und Unrecht, und daß es verboten sei, Mitmenschen zu töten. Das Resultat war zunächst unerwartet schlecht. Männlein und Weiblein wollten jetzt einmal den Reiz des Verbotenen kosten. Man kann eben auch recht viel Unheil anrichten, wenn man glaubt Gutes zu tun und es ungeschickt anfängt. Im Gefolge des Missionars kam dann bald der Schnapshändler. Der harmlose Naturbursche war der Neger dann nicht mehr. [….]

Die Zensur befand sich im Stabe Bullers in recht ungeschickten Händen. Nachdem in der Heimat nach Colenso eine scharfe Kritik in den Zeitungen eingesetzt hatte, wurden die Kriegs-Korrespondenten scharf an die Kandare genommen. Alles was sie nach Hause berichten wollten, wurde beschnitten oder ganz unterdrückt, Briefe geöffnet und zurückgehalten. Dabei konnten diese bei ihrer Ankunft in England vier Wochen später doch wahrlich nicht mehr viel Unheil anrichten. Aber man fürchtete die Kritik.113) Auch unsere Briefe, sowohl die abgehenden wie die ankommenden, sind damals geöffnet und gelesen worden. Daher ihre lange Verspätung. Hauptmann Trimmel konnte es in einem Falle einwandfrei feststellen. Darauf erließen wir einen geharnischten Protest. Die Zensurbehörde gab die Verfehlung zu und versicherte, es würde nicht wieder geschehen.

12. Bericht Nr. 7, ohne Ortsangabe, 18. Januar 1900.

BArch, N 887/5, S. 522-526.

 

Der Grund, warum wir so plötzlich Natal verließen, ist sehr bedauerlich. Wie ich schon schrieb, hatte General Buller uns bestimmte und bindende Versprechen gemacht, uns an den neuen Operationen zur Befreiung von Ladysmith teilnehmen zu lassen. Als sich Oberst Herbert114) aber zwei Tage vor Beginn der neuen Operationen am 10.1. bei Buller einfand, um Befehle für uns entgegenzunehmen, hieß es auf einmal, unsere Begleitung der Truppen könne nicht zugelassen werden. Wenn wir wollten, könnten wir in Estcourt verbleiben. Wäre das Resultat der Expedition aber ein ungünstiges, – viel Vertrauen schien man nicht zu haben – so müßten wir sofort zurück nach Durban. Aber selbst für den Fall, daß die Sache günstig abliefe, wurde uns ein Vorgehen nach der Front nicht in Aussicht gestellt. Wir waren alle wie vom Donner gerührt. Unsere Lage war in hohem Grade peinlich. Und das Schlimmste war, daß uns auf eine jede geharnischte Erklärung von Buller geantwortet werden konnte, wir gehörten seitdem Lord Roberts am 10.1. in Kapstadt eingetroffen war, ja überhaupt dahin und nicht mehr nach Natal. Denn wir sind offiziell dem Höchstkommandierenden attachiert.

Ich setzte mich sofort mit dem Amerikaner und Österreicher in Verbindung, mit denen ich alle meine kleinen Kämpfe hier gemeinsam auszufechten pflege, und wir kamen überein, daß unseres Bleibens in Estcourt nicht länger sein konnte. Wir beantragten unsere sofortige Abreise nach dem Kap und meldeten, daß wir gleichzeitig einen Protest an unsere Regierungen absenden würden. Gegen den Willen der anderen Attachés, welche für energische Schritte wie gewöhnlich nicht zu haben waren, setzten wir unseren Willen durch, und schon zwei Tage später waren wir zurück in Durban. Da alle Truppen am 12.1. Estcourt verlassen hatten, die Zeitungskorrespondenten auf einer Farm eingesperrt worden waren und alle Nachrichten von der Front auf Bullers Befehl aufgehalten wurden, hätten wir, wie jetzt feststeht, 14 Tage in Estcourt sitzen können, abgeschnitten von der übrigen Welt. So ist unsere Abreise wenigstens ein energischer Protest gegen zukünftige ähnliche Behandlung. Ich hoffe sehr, daß Lord Roberts überhaupt andere Saiten uns gegenüber aufziehen wird als Buller. Vorläufig gönne ich ihm von Herzen tüchtige Prügel. Man kann bei einer solchen Behandlung, wie wir sie erlitten, Anglophobe werden, wenn man hierzu bisher auch keine Anlage hatte. Ich bin ungemein begierig, was für Nachrichten bei unserer Ankunft in Kapstadt uns erwarten, denn wir landen weder in East-London noch in Port Elizabeth. Bei der Abreise lagen in Durban noch keinerlei Nachrichten vor, trotzdem die Truppen schon acht Tage unterwegs sind. Ich bin auch begierig, ob S.M. mich nicht überhaupt abberufen wird nach Empfang meines Telegramms.115)

13. Bericht Nr. 9, Kapstadt, 29. Januar 1900.

BArch, N 887/5, S. 527-533.

 

Eben erhalten wir die Bestätigung des Gerüchtes, daß Ladysmith auch durch den zweiten Versuch Bullers nicht entsetzt wurde.116) Daß heißt eben eine neue Verlängerung des Feldzuges, denn durchführen müssen die Engländer ihn doch, sonst verlieren sie an Prestige auf der ganzen Welt, und das können sie sich als große Kolonialmacht nicht leisten. […]

Sonst merkt man in Kapstadt vom Kriege herzlich wenig. Alles geht seinen gewöhnlichen Gang, und nur die Ankunft vieler Transportschiffe im Hafen, der Durchmarsch von Truppen nach den Eisenbahnstationen und die ständigen Lager in den Vorstädten lassen erkennen, daß irgendwo ein Krieg wütet. Das muß man den Engländern lassen: sang froid besitzen sie! Ohne mit der Wimper zu zucken, lassen sie den Regen ungünstiger Nachrichten auf sich niederprasseln. Von irgendeiner besonderen Aufregung ist nichts zu bemerken. In Paris hätte man unter gleichen Verhältnissen bereits Ministerien gestürzt, die Minister in den Anklagezustand versetzt oder an Laternen aufgeknüpft und in den Straßen gäbe es Barrikaden! Diese Zähigkeit und Verbissenheit im englischen Charakter ist denn doch nicht zu unterschätzen. Sie war eine der Triebfedern für die bisherigen großen Erfolge der Rasse und wird auch über diesen Krieg, wenn auch nur langsam, hinweghelfen.117)

Gestern Abend dinierte ich zusammen mit Lord Kitchener118) sowie einigen anderen Offizieren des Hauptquartiers im Hause von Lord Roberts. […] Je mehr ich von Kitchener sehe, desto mehr gelange ich in seinen Bann. Wenn überhaupt jemand, so wird diese starke Persönlichkeit den Rattenkönig der bisherigen falschen Entschließungen und Maßnahmen entwirren können. Bereits macht sich seine eiserne Faust geltend. Gleich in das böseste Geschwür hat er hineingeschnitten, in die Organisation des Transportdienstes. Mir gegenüber ist Kitchener von einer großen natürlichen Liebenswürdigkeit. Er gibt sich ohne jeden Rückhalt. Aus seinen Worten klingt oft ein großes Selbstbewußtsein und auch etwas von der typischen englischen Überhebung hervor. Der Umgang mit fremden Militärattachés während eines Krieges ist ihm nichts Neues. Von Deutschen bin ich bereits der Dritte, den er wohl oder übel ertragen muß. Hoffentlich werde ich meinen beiden Vorgängern Morgen und Tiedemann Ehre machen.119) Wir werden noch lange Wochen und Monate mit diesem Hauptquartier zu verleben haben.

14. Bericht Nr. 11, Kapstadt, 11. Februar 1900.

BArch, N 887/5, S. 536-538.

 

Heute Abend verlassen wir Kapstadt, um uns nach dem Modder River zu begeben oder wohin immer uns eine wohllöbliche, sich in Heimlichkeit hüllende Heeresverwaltung dirigieren wird. Roberts und Kitchener sind schon voraus. Auf jeden Fall scheint unser großer Wunsch in Erfüllung zu gehen: Wir werden wirklich etwas zu sehen bekommen vom Kriege. Es ist höchste Zeit, wir alle waren schon sehr ungeduldig geworden hier in Kapstadt. Man kam sich schrecklich deplaciert vor in diesem großen extravaganten Hotel, während Schlachten geschlagen wurden, zu deren Beachtung man hergesandt wurde. Nun, meine geliebte Mama, ich kann mir denken, daß Dein Herz recht schwer sein wird mit Sorgen, wenn du dies liest. Aber man wird uns hüten wie den eigenen Augapfel, das sei versichert. Und im Übrigen fällt kein Haar von unserem Haupte ohne den Willen Gottes. Gott wird mich schützen. Große Strapazen aber wird es wohl geben. Wir werden zuerst nicht einmal Zelte haben, wie wir hörten. Aber es soll sehr gesund sein dort oben und die Nächte jetzt nicht zu kühl. Nur wenig Wasser scheint es zu geben. […] Nun, jetzt scheint des Lebens Ernst wirklich beginnen zu sollen – wie hochinteressant wird das werden!

15. Bericht Nr. 12, Modder River, 16. Februar 1900.120)

BArch, N 887/5, S. 538-549.

 

Dieser Brief, fürchte ich, wird nur sehr kurz ausfallen. Nicht einen Augenblick findet man Zeit zum Schreiben, ja kaum zum Denken. Wir sind seit meinem letzten Brief in alle Strapazen des Lager- und Kriegslebens mitten hinein gekommen. Am 12.2 abends fuhren wir aus Kapstadt weg. Den ganzen 13. hatten wir nichts wie eine Steinwüste, die Karoo, auf beiden Seiten der Eisenbahn, einen sehr trostlosen Anblick. Die Eisenbahnfahrt war wenig angenehm. Allzu viel Platz war uns nicht zugewiesen worden. Aber in den beiden Nächten konnte sich doch jeder im Kupee wenigstens ausstrecken. […]

Wir fuhren die ganze Nacht und den 14. hindurch. Erst um 4 Uhr nachmittags an diesem Tage kamen wir in Enslin an, einem Ort etwa 30 km südlich von diesem entsetzlichen Platz. Leider konnten wir nicht gleich weiter zum Hauptquartier des Generals Roberts, wie letzterer uns hatte raten lassen, da unsere Pferde erst in der Nacht eintrafen. Das Hauptquartier des Lord Roberts befand sich am 14.2. mit der 9. Division bei De Kiel‘s Drift am Riet Fluß. Dorthin hatten wir nach den ursprünglichen Anordnungen noch am Nachmittage des 14. eintreffen sollen. Daraus wurde nun nichts. – Wir brachen am nächsten Morgen, am 15.2. früh auf, eine große Karawane, da wir Proviant und Rationen für uns und unsere Leute für vier Tage mitnehmen mußten. In diesem gelobten Lande muß man alles was man braucht, um sein Leben zu fristen, immer bei sich haben. Hier in Südafrika bewegt sich alles in Extremen. […]

Am 15.2. kamen wir auf unserem Marsche nicht sehr weit. Wir sollten, wie gesagt, Lord Roberts bei De Kiel‘s oder Waterfall Drift treffen. Nachdem wir 3 Stunden marschiert waren – ich schoß dabei mit einer Mauserpistole einen prachtvollen Geier von 10 Fuß Flügelweite im Fluge – kamen wir an die verlassene Ramdam Farm. Wir tränkten unsere Pferde, als die Nachricht eintraf, die Buren hätten mit 2 000 Mann und einem Geschütz den Posten angegriffen, auf den wir zumarschierten, und die schwache englische Besatzung gefangen genommen. Unser Führer, Lord Downe,121) schickte unsere Bagagen sofort nach unserem Ausgangspunkt Enslin zurück. Wir Offiziere rückten vor bis wir in einiger Entfernung die Posten der Buren erblickten. Weiter ließ man uns nicht, und wir hatten einen langen heißen Rückmarsch nach dem Lager.122)

Gestern am 16.2. marschierten wir nach Modder River. Das große Lager hier, wo bis vor kurzem zwei Divisionen waren, liegt mitten in der Wüste, kann man nur sagen. Wie hier menschliche Wesen es zwei volle Monate aushalten konnten, bleibt unverständlich. Mit der Bahn oder per Wagen muß alles von weither herbeigeschafft werden, auch das Wasser. Dasjenige des Flusses ist ungenießbar, seitdem die Buren nach der Schlacht all ihre Toten mit Steinen beschwert hineinwarfen. Selbst unsere Maultiere nehmen es nicht an.

16. Nachträgliche Schilderung der Modder River Schlacht.

BArch, N 887/5, S. 548.

 

Nach einem sehr frugalen Frühstück beim Stabe des Truppenführers benutzte ich den Nachmittag, um mir den Verlauf der Modder River Schlacht an Ort und Stelle möglichst von Teilnehmern erklären zu lassen.123) Hier gewann ich zum ersten Mal ein plastisches Bild des modernen Infanteriegefechts in, wie es hier der Fall war, völlig übersichtlichem deckungslosen Gelände und ohne wirksame Artillerievorbereitung. Näher wie 1 200 m ist kaum ein einziger Angreifer an die in den Erdboden eingegrabene und völlig unsichtbare Verteidigungsstellung der Buren herangekommen. Munitionsersatz, Befehlsübermittlung, Vorbringen von Wasser und Lebensmitteln, sowie Zurückbringen von Verwundeten hörten von selbst völlig auf. Auch ein Loslösen vom Feinde vor Eintritt vollständiger Dunkelheit war unmöglich. Um 4 Uhr nachmittags hatte sich die Garde-Brigade ganz und gar verschossen. Bis 9 Uhr abends blieb sie untätig liegen, wie angenagelt am Boden. Viele Leute schliefen in der Schützenlinie. Aber es sind schon damals, wie später bei Paardeberg, Fälle vorgekommen, wo Leute plötzlich wild gestikulierend aufsprangen und niedergeschossen wurden. Sie waren von Durst wahnsinnig geworden oder zeigten die schweren Erscheinungen des vom Rückenmark ausgehenden Sonnenstichs.

17. Bericht Nr. 13, Paardeberg Drift, 21. Februar 1900.

BArch, N 887/5, S. 549-567.

 

Seit vier Tagen sah ich mich heute Morgen das erste Mal wieder im Spiegel. Ich mußte laut loslachen! Ein scheußlicher dunkler Bart à la Ohm Krüger,124) denn besonders stark wuchs eine Halskrause, umrahmt ein von der Sonne verbranntes und in vollkommenster Häutung befindliches Gesicht. Die Haare kurzgeschoren wie bei einem Sträfling, allerhand Spuren des erheblichen Wassermangels für Reinigungszwecke! Und doch glaube ich, mich noch nie in meinem Leben so wohl gefühlt zu haben. Das macht der dauernde Aufenthalt in dieser gesunden Luft in 1 000 bis 1 500 m Höhe – seit dem 18. haben wir nicht einmal Zelte mehr in der Nacht – und die viele Bewegung. Auch die großen und schnellen Temperaturunterschiede müssen wohl im Ganzen nicht ungesund sein, wenigstens bei sonst gesunden Leuten. Wir haben jetzt nachmittags immer über 40 Grad in der Sonne, um 5 Uhr morgens aber nur 8 Grad, wie der glückliche Besitzer eines Thermometers feststellte. Die Staubstürme sind nach wie vor das Schlimmste neben dem schrecklichen Wassermangel und dem Verwesungsgeruch von toten Pferden, Maultieren und Ochsen, die überall herumliegen.

Wie gesund aber für Geist und Seele ein solches Leben ist! Wie klein und lächerlich einem die gewöhnlichen Sorgen des Lebens erscheinen, wenn man überall auf Spuren stößt eines plötzlichen Übergangs von diesem Leben zum Tode. Was für ein Gottvertrauen man da bekommt! Ich bin im Infanterie- und Artilleriefeuer gewesen, ich habe Kugeln über und neben mir pfeifen hören und niemals dabei das Gefühl gehabt, als könne mir etwas passieren. Ich glaube so felsenfest daran, daß mein Leben vollkommen in Gottes Hand ist, daß ich auch in Gefechten mich frei fand von jeder Nervosität. Der Krieg ist etwas furchtbares, er ist viel schlimmer noch als die Phantasie sich ihn ausmalt. Seine Begleiterscheinungen sind das Schlimmste. Auf der andern Seite aber ist er ein Purgativ für die Menschheit, voll sittlichen Ernstes und ethischer Anregungen.

Am frühen Morgen des 17.2. begannen wir unseren Marsch zu Lord Roberts Hauptquartier in Jacobsdal. Wir waren froh, die Hölle des Modder River Lagers zu verlassen. Auf dem Wege fanden wir ein wohl erst tags zuvor in großer Eile verlassenes Burenlager voll mit allerlei Gebrauchsgegenständen, Mundvorräten etc., alles entsetzlich schmutzig. Dann begegneten wir mächtigen Heuschreckenschwärmen, auch eine angenehme Zugabe zu der Blütenlese afrikanischer Annehmlichkeiten.

18. Bericht Nr. 14, Paardeberg Drift, 26. Februar 1900.

BArch, N 887/5, S. 567-572.

 

Eine gute Woche ist es jetzt her, seitdem wir mit Pauken und Trompeten hier einzogen. Und noch immer macht unser braver Herr Cronjé125) keine Anstalten, seine doch auf die Dauer unhaltbare Stellung aufzugeben, die Engländer aber scheuen sich, sie anzugreifen.126) Dabei wird der Aufenthalt in diesem zu einer wahren Pesthöhle gewordenen Lager immer mehr zu einer großen Unannehmlichkeit. Dies Südafrika ist das Land der Extreme. Handelten meine letzten Briefe von Staubstürmen und großer Dürre, so könnte ich in diesem viele Seiten füllen mit Beschreibungen von tropischen Gewittern und Regengüssen, die uns zwei- bis dreimal am Tage und in der Nacht heimsuchen. Da wir keine Zelte und kein Lagerstroh haben, erzeugen sie peinlichste Gefühle vollkommener Hilflosigkeit und nicht zu überbietender Nässe. Das Schlimmste aber, was diese Güsse gezeitigt, ist das Hochwasser in unserem Flusse, der für die allermeisten Mitglieder dieses nun bald 35 000 Mann starken Heeresteils das Trink- und Waschwasser liefern muß und an seinem mit Bäumen bestandenen Ufer den einzigen Schatten der ganzen Gegend bietet.

Die Buren in ihrer Stellung oberhalb von uns haben durch Hunger und unser Artilleriefeuer den größten Teil ihrer Pferde und Zugochsen verloren. Ein Parlamentär, der am 23. bei ihnen war, beschrieb den Leichengeruch in ihrem Lager als so entsetzlich, daß es zu verwundern sei, wie selbst diese hartgesottenen und mit ziemlich primitiven Geruchsnerven ausgestatteten Leute es in ihnen aushielten. Jetzt hat sie der angeschwollene Fluß aus der größten Verlegenheit befreit. Nicht weniger als 500 Pferdeleichen, wie im Hauptquartier behauptet wird, kamen gestern hier vorbeigeschwommen und blieben zum Teil im Gestrüpp der Ufer und auf den seichten Stellen des Flusses hängen. An einer einzigen Stelle im Fluß lagen 25 Pferdekadaver zusammen. Kommt die Sonne heraus, so ist der Effekt kaum zu beschreiben entsetzlich.127)

19. Nachträgliche Schilderung der Belagerung von Cronjé

BArch, N 887/5, S. 561-566.

 

Beim Gefecht am 18. [Februar]128) waren die Truppenverbände vollkommen durcheinander gekommen. Am 19. wußte man beim Hauptquartier nicht, wo sich bestimmte Bataillone befanden. Lord Kitchener hatte, ohne sich Skrupel zu machen, über die Köpfe der Reg[imen]ts- und Brig[ade]-Führer, ja der Div[isions]-Kommandeure hinweg, Bataillone aus ihren Verbänden herausgerissen und in andere hineingeschoben. Es war Lord Roberts erste Sorge, zunächst einmal Ordnung in den Wirrwarr zu bringen. Erst nach dem 20. kam es in den Lagern zur Ruhe. Anfangs waren sie übersät gewesen mit toten, oder bereits dem Tode geweihten Pferden und Maultieren. Solche hatte man einfach laufen lassen, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Sie verendeten dann im Flusse oder an einem Wasserloch. Nur sehr langsam wurde das Lager von ihnen gereinigt. Aber bis zuletzt konnte man von einer Lagerordnung, wie wir sie als selbstverständlich voraussetzten, nicht sprechen. Die Truppenteile hatten sich auf eigene Faust eingerichtet, wo eben Platz war. Latrinen kamen auf diese Weise neben die Kochlöcher des Nachbarn. Und da auch hier die Fliegenplage bald entsetzlich war, sind auch auf diese Art gewiß Typhuskeime verbreitet worden. Übriggebliebene Teile von Schlachtvieh lagen herum, niemand dachte daran, sie zu vergraben. Es lag Pestilenz in der Luft. Noch mehrere Tage nach dem endlichen Verlassen des Lagers konnte ich den Leichengeruch in meiner Nase nicht loswerden. […]

Da wir von dem kurzen Gefecht am 21. nichts gesehen hatten, – wir erfuhren davon erst, als es vorbei – benutzte ich den Nachmittag, um mich mal in der vordersten Linie umzusehen. Ich begab mich dazu zur 6. Div[ision] und kroch bei der 18. Brigade bis zu den vordersten Postierungen vor. Eine zusammenhängende Schützenlinie befand sich an dieser Stelle nicht. Etwa 1 000 m entfernt sah man deutlich das Burenlager, in dem es an mehreren Stellen brannte. Bis dahin war es eben wie ein Tisch, die einzige Deckung gegen Sicht, eventuell auch gegen einen Schuß, waren ganz niedrige buschartige Pflanzen und sehr zahlreiche Termitenhaufen. Gegen einen in Stellung befindlichen, unerschütterten und mit modernen Gewehren bewaffneten Feind über eine solche Ebene vorzugehen, war freilich der helle Wahnsinn. Und trotzdem war es geschehen, nicht nur am Modder River und Magersfontein, sondern auch auf diesem selben Gefechtsfelde am 18.2. Die Buren waren sehr aufmerksam, man brauchte nur den Kopf zu heben und sofort pfiff es aus irgendeiner unbekannten Richtung. Ein Vorschieben der eigenen Linien gegen den Gegner war nur bei Nacht und mit Spatenarbeit möglich. So geschah es von jetzt ab bei den Engländern. Der Ring um die Burenstellung schloß sich immer enger zusammen.

20. Bericht Nr. 16, Osfontein Farm, 4. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 582-590.

 

Lord Roberts hatte uns vor dem Abreisen darauf aufmerksam gemacht, daß wir ein schnelles Tempo einschlagen müßten, da die Etappenstraße Kimberley-Paardeberg nicht mehr sicher sei. Das Land sei überschwemmt von Streifen der Buren, welche unterdessen aus Natal und vom Oranje Fluß herbeigeeilt seien, um uns den weiteren Vormarsch nach Bloemfontein zu verlegen. Es war ein sehr heißer Tag und überdies die Entfernung länger als beim Einritt. Das Hauptquartier war unterdessen nach Osfontein Farm verzogen. Auch mußten wir verschiedentlich noch Umwege machen, da tatsächlich Burenabteilungen in der Farm gesichtet wurden. Die Hälfte des Weges wurde galoppiert. Wir machten in fünf Stunden 56 km. Mein ausgezeichnetes Pony konnte von Anfang bis zu Ende mit dem Araber, dem der Rajah von Patiala129) Lord Roberts für den Krieg übersandt hatte, und mit Kitcheners Vollblüter Schritt halten. Ich ritt fast den ganzen Weg mit letzterem, er erzählte mir sehr interessant über seine Schöpfungen im Sudan und seine Pläne für diesen Feldzug. Auch ein außerordentlicher Mann mit klarem Blick, unbändiger Willenskraft und einem ausgesprochenen Organisationstalent.

Unser neues Lager liegt im Garten der hübschen Osfontein Farm, die Gebäude sind zerstört und unbewohnbar. Wir haben ein paar hohe Bäume, die uns vor Regen schützen. Dieser scheint sich jetzt so langsam als ständiger Gast einnisten zu wollen, es wird auch kühler, besonders in den Nächten – rechtes Herbstwetter. Das Gras beginnt zu wachsen und die ganze Gegend erhält etwas mehr Kolorit. Wir werden wohl in den nächsten Tagen den Vormarsch auf Bloemfontein fortsetzen. Vorläufig sind wir hier durch Verpflegung- und Nachschubschwierigkeiten festgehalten. Mann und Pferd sind nunmehr schon bald drei Wochen auf halber Ration. Mein armer Oskar130) klagt sehr über Hunger. An einem Rations-Biscuit hat er sich vorgestern einen Zahn ausgebissen und das „tinned beef“, das die Ration vervollständigt, kriegt er, wie er behauptet, nicht mehr herunter. Auch für uns ist Schmalhans Küchenmeister, wir sind auch auf die Soldatenportion gesetzt, aber das Wasser ist gut.

21. Brief Lüttwitz an seine Frau, ohne Ortsangabe, 4. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 590-592.

 

4 103 unverwundete Gefangene mit Cronjé und Albrecht an der Spitze haben die Engländer am 27.2. gemacht. Albrecht, der Kommandant der Freistaat-Artillerie, wurde von den Engländern für einen aktiven deutschen Offizier gehalten.131) Ich habe dem energisch widersprochen. Unter den Gefangenen befanden sich Leute jeden Alters, Knaben und Greise nebeneinander. Ein kleiner Teil, besonders aber die Verwundeten, war bei unserer Rückkehr aus Kimberley noch nicht abtransportiert. Die Leute sehen aus wie brave Landarbeiter aus Hannover oder Westfalen. Sie sind über alle Beschreibung schmutzig und heruntergekommen durch Entbehrungen. Ihre Haltung aber ist meist würdig. Cronjé hat sich anscheinend besser benommen als mancher französische General 1870.132)

Ihre verlassene Stellung zu sehen war hochinteressant, wenn auch nicht erfreulich. Wie die Maulwürfe hatten sie sich unterirdische Höhlen und Gänge gebaut zum Schutz gegen das Artilleriefeuer. Unendliche Mengen der merkwürdigsten Munition – bis zu solcher aus Elefantenbüchsen – liegen umher. Decken, Kochgeschirre, Fetzen, das reine Zigeunerlager. Ganze Schützengräben waren mit Toten angefüllt, um die sich niemand gekümmert hatte, 195 Verwundete waren da, die Wunden stinkend und in Eiterung. Das ganze Lager ist jetzt noch besät mit toten Pferden und Ochsen, Aasgeier kreisen darüber – eine Luft herrscht, die Pestilenz mit sich bringt. Arme Leute! Mißleitet von ehrgeizigen Politikern hätte ihr heroischer Patriotismus ein besseres Los verdient. Es ist die alte Geschichte: Die Überwindung einer niedrigen Zivilisation durch die höhere.

22. Nachträgliche Schilderung der Burenstellungen.

BArch, N 887/5, S. 592-594.

 

Das Hauptquartier Cronjés war in der Verlängerung der von Kimberley heranführenden Straße am südlichen Flußufer gewesen. Es hatte bis zuletzt noch 2 englische Offiziere und 9 Mann als Gefangene beherbergt und bestand aus einem ganzen System von Höhlen, die durch Gänge miteinander verbunden und durch Sandsäcke gegen Sprengstücke geschützt waren. Ähnliche Höhlen befanden sich fast überall in den steilen Rändern des Flußbettes, sowie an den kleinen Rinnsalen, die von Norden oder Süden dem Modder River zuströmten. Die 6 Geschütze, deren Stellung die Engländer nie herausgefunden hatten, befanden sich etwas außerhalb in den Gebüschen nordöstlich der eigentlichen Stellung gut eingegraben auf dem nördlichen Ufer, die 3 Pompons133) auf die Stellung verteilt. Die Schützengräben, in denen die Buren in der letzten Zeit auch Tag und Nacht gelebt hatten, waren nur an wenigen Stellen, besonders auf dem Nordufer, zusammenhängend, meist bestanden sie nur aus Schießlöchern von 5 bis 6 Fuß Tiefe für je 2 Schützen. Geschossen wurde meistens nicht über eine Brustwehr, sondern nach Entfernung der ausgeworfenen Erde über dem gewachsenen Boden. Oft wurden die Schießlöcher nach unten zu ausgebaucht, sodaß die Insassen während der Beschießung Deckung unter dem gewachsenen Boden hatten und beim Schießen die Beine ausstrecken konnten. Gegen Regen und Kälte, vielleicht auch gegen Sicht und schlaffe Schrapnellkugeln waren die Löcher nach oben zu mit Wolldecken oder leichten Sandsäcken überdeckt. Sie hatten keine Ausgangsstufen, und waren oben möglichst schmal. Die Leute zum Gegenstoß schnell aus ihnen herauszubringen, war ganz unmöglich. Sie waren aber auch nur rein defensiv gedacht und zur Abgabe des Feuers auch auf weite Entfernungen sehr geschickt im Gelände ausgesucht, sich gegenseitig flankierend und tote Winkel ausschaltend. Man sah, daß es von Jägern geschaffen war, die gewöhnt waren an den Ansitz auf scheues Wild.

23. Bericht Nr. 17, Poplar Grove, Orange-Free-State, 10. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 595-605.

 

In der Nacht vom 6. zum 7. brach unsere ganze Heeresabteilung auf, um den Feind, der auf einer sehr langen Front unsere Vormarschlinien auf Bloemfontein zu sperren versucht, zu vertreiben. Dies führte zu sehr interessanten Maßnahmen, deren Erfolg ich in der unmittelbaren Umgebung des Feldmarschalls beobachten konnte. Um 1 Uhr mittags war der Feind überall in vollem Rückzuge, unsere Verluste waren ganz gering. Wir setzten dann am Nachmittage des 7.3. noch den Vormarsch etwa 16 km weit fort bis zu einer erst im letzten Moment von einem feindlichen Feldlazarett geräumten Farm Poplar Grove. Wir nahmen noch im feindlichen Artilleriefeuer von ihr Besitz und erfuhren hier interessante Nachrichten. Zunächst, daß am Vormittage Krüger und Steyn,134) die beiden Burenpräsidenten, auf dem Schlachtfelde anwesend gewesen waren, um den Mut der durch Cronjés Mißerfolg sehr erschütterten Buren anzufeuern. Nur dem Umstande, daß unsere Kavallerie durch die vorhergegangenen langen Märsche bei ungenügendem Futter vollkommen fertig war, haben sie es zu verdanken gehabt, daß sie nicht gefangen genommen wurden.

Weniger Glück hatten 2 Militärattachés auf der Burenseite, der russische Oberst Gurko135) und der holländische Kapitän Thomsen.136) Der Bagagewagen war durch Artilleriefeuer zerstört worden. Sie hatten sich dann zulange bei ihm aufgehalten und waren unseren Truppen in die Hände gefallen. Sie sind zwei volle Tage mit uns zusammen gewesen und haben uns sehr viel Interessantes berichtet. Gurko entpuppte sich als ein außerordentlich gescheiter und angenehmer Mann, der Holländer stand gegen ihn zurück. Beide hofften, ohne weiteres wieder zu den Buren zurückgeschickt zu werden, was mir von vornherein sehr unwahrscheinlich erschien. Schließlich sind sie mit einem Transport Verwundeter nach Kapstadt geschickt worden. Sie waren der Meinung, daß man ihnen gestatten werde, von dort über Laurenzo Marques137) nach Pretoria zurückzukehren.

Jener denkwürdige 7.3. schloß übrigens noch recht unangenehm auch für uns Attachés ab. Wir hatten Befehl bekommen, in Poplar Grove zu bleiben, Lord Roberts mit dem Hauptquartier war weiter vorn in Salderpoort. Unsere Wagen mit Lebensmitteln und Gepäck trafen erst um 10 Uhr am nächsten Morgen bei uns ein, da die Trains am 7. in Osfontein geblieben waren. Nicht einmal einen Mantel hatte ich bei mir und die Nacht wurde sehr kalt. Das einzige bewohnbare Zimmer in dem ehemaligen Burenhospital, welches nicht durch unser Artilleriefeuer zerstört worden, war von zwei Divisionskommandeuren mit Beschlag belegt worden. Ich beneidete sie nicht, denn der Raum war buchstäblich voller Blutlachen, überall lagen blutige Wattetampons umher und ein entsetzlicher Jodoformgeruch erfüllte die Luft. […]

Wir haben den 8. und 9. hier stillgelegen, um den Pferden Ruhe zu gönnen, hauptsächlich aber wegen Verpflegungsschwierigkeiten. Bereits seit über einer Woche ist alles was die Leute erhalten, eine tägliche Ration von drei Zwiebäcken, daneben ab und zu frisches Fleisch. Seit vier Wochen haben auch wir Attachés außer in Kimberley kein Brot und keine Butter, sowie kein Gemüse gesehen. Unsere Vorräte an Konserven, die wir von Kapstadt mitnahmen, sind auch fast aufgebraucht.

Am 8. und 9.3. habe ich mir die von den Buren vorbereiteten Stellungen auf den Kopjes138) der Umgebung angesehen. Anstatt der Schießlöcher in der Ebene hatten sich meistens 2 Schützen aus Felsstücken eine kleine halbkreisartige Mauer zur Deckung gebaut. Manchmal war auch eine Rückendeckung vorhanden bis auf eine kleine Ausgangstür. Sehr viele unbenutzte Patronen lagen in solchen verlassenen Schanzen herum.

24. Brief Lüttwitz an seine Mutter, Bloemfontein, 14. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 605-616.

 

Erst jetzt komme ich dazu, diesen Brief zu beendigen, aber er hätte doch nicht früher abgehen können, denn unsere Heeresabteilung hat schon am 10.3. ihre Verbindungslinie nach Kimberley aufgegeben und erwartet nun die Eröffnung der Eisenbahn, um sich mittels dieser neu zu basieren. Uns wurde mitgeteilt, daß die nächste Gelegenheit Briefe wegzuschicken etwa der 16. sein werde. Du wirst auf diese Weise eine Woche ohne Lebenszeichen von mir bleiben, dafür dann aber mit Genugtuung hören, daß dieser strapaziöse Abschnitt des Feldzuges für uns zum Abschluss gekommen ist und wir wieder einige Segnungen der Zivilisation genießen. Ohne Zelte und mit sehr beschränktem Gepäck in einem Lande, das gar nichts bietet, vier Wochen lang herumzuziehen, ist wahrlich kein Vergnügen. Von jetzt ab haben wir wieder die Eisenbahn zur Küste zu unserer Verfügung. Ich bitte dich, diesen Brief Walter Lüttwitz139) zu zeigen. Ich bin mit meinen Berichten an meine Vorgesetzten stark in Rückstand gekommen. Für mich hieß es die letzten vier Wochen beobachten – jetzt wird Zeit genug sein zum Beschreiben. Walter kann einiges aus diesem Briefe bereits an zuständiger Stelle im Generalstab bekanntgeben.

Am 10.3. brachen wir sehr frühzeitig auf. Zuerst hatte es geschienen, als werde der Tag friedlich verlaufen. Alle Meldungen, die bis gegen 10 Uhr eingegangen, bezeichneten die Buren in vollem Rückzuge. Wir machten einen zweistündigen Halt bei einer hübschen Farm, von der stolz die deutsche Flagge wehte. Der Besitzer, ein alter westfälischer Bauer mit Namen Mücke, lebte schon seit 45 Jahren hier und war, wie sich herausstellte, längst aus dem deutschen Untertanenverbunde ausgeschieden. Er hatte mithin wenig Recht auf unsere Trikolore, aber sie hat ihm in diesem Falle gute Dienste geleistet gegen Requisitionen der Hochländer Mac Donalds.140) Kaum hatten wir gegen 12 Uhr im Gefolge von Roberts den Weitermarsch angetreten, als von halblinks her heftiger Kanonendonner ertönte. Etwas später hörten wir, daß die linke Kolonne der 6. Inf[anterie]-Div[ision] in ein nicht unerhebliches Gefecht verwickelt sei gegen Buren auf einer Reihe von Kopjes, die nördlich unserer Vormarschstraße lagen. Lord Roberts schickte die Kav[allerie]-Brig[ade] Broadwood,141) die sich mit der 1. Kav[allerie]-Brig[ade] Porter142) vereinigt hatte, Befehl, die Buren im Rücken zu bedrohen und dadurch zum Aufgeben der Stellung zu bringen. Ich begab mich zu dieser Kavallerie, wo ich wenig Erfreuliches zu sehen bekam. […]143)

Anstatt direkt in Richtung auf Bloemfontein weiterzurücken, wie die Buren es wohl erwarteten, hatten wir am 12.3. die Richtung etwas mehr nach Süden genommen, wodurch wir all ihre vorbereiteten Stellungen vermieden. Der Tag verlief wieder ohne Gefecht. Wir kampierten in Venters Valley, der Farm des durch seine Verurteilung der „Jameson Raiders“144) bekanntgewordenen Richters Gregorowski.145) Das Anwesen war verlassen und Schmalhans wieder einmal Küchenmeister. Unsere Kavallerie erschien bereits am Nachmittage dieses Tages vor Bloemfontein und meldete, der Ort sei unverteidigt. Daraufhin beschloß der Feldmarschall, den übrigen Truppen vorauseilend mit dem Stabe unter einer geringen Bedeckung berittener Infanterie schon am nächsten Morgen in die Stadt einzuziehen. So brachen wir denn noch einmal am 13.3. bei stockfinsterer Nacht aus unserem Lager auf. Die Gegend machte bald einen kultivierteren Eindruck. Etwa um 10 Uhr vormittags erreichten wir die Eisenbahn bei der Farm Fereire Siding, die dem Bruder des Präsidenten Steyn gehörte. Der Besitzer und seine Familie waren anwesend und machten Lord Roberts die Honneurs. Der Präsident, hieß es, sei von Bloemfontein in nördlicher Richtung entwichen, auch hörten wir, daß Krüger, tief niedergedrückt durch den plötzlichen Wechsel der Lage und die Desertion seiner Bürger, die in Haufen auf ihre Farmen zurückkehrten, nach dem Transvaal abgedampft sei.

25. Bericht Nr. 18. Bloemfontein, 20. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 616-622.

 

Wenn es der Wechsel der Dinge ist, der das Leben würzt, so müßte ich seit dem letzten November in einem Meer von Entzücken schwimmen. Nirgends sind wir noch länger als höchstens drei Wochen gewesen. Auf den Luxus von Kapstadt folgten die Entbehrungen von Stinkfontein,146) wie Paardeberg allgemein genannt wurde, und auf die Hungerkur von Poplar Grove der Aufenthalt in diesem idyllischen Städtchen, das mich ungemein anheimelt. Es erinnert an mitteldeutsche Kleinstädte mit seinen Ziegelhäusern, die von reizenden Gärten und Fruchtanlagen umgeben sind und in seiner Anlehnung an schöne grüne Hügel. Aber es ist moderner wie jene. […]

Am 18.3. gab Lord Roberts bereits ein großes offizielles Diner zu Ehren der fremden Militärattachés. Es war ein sehr feierlicher Akt und wohl zu dem Zwecke veranstaltet, auf immer die unangenehmen Eindrücke unserer ersten Zeit mit Buller zu verwischen. Der Feldmarschall sagte in einer sehr liebenswürdigen Rede, er habe unsere Entsagungsfähigkeit und unseren Wagemut während der verflossenen schweren Periode des Feldzuges auf das Höchste bewundert. Er sei andererseits überzeugt, daß wir ihm gegenüber nur einen Groll haben könnten, nämlich den, nicht noch mehr als es geschehen, in der vordersten Feuerlinie gewesen zu sein. Alles verlief in äußerster Harmonie, und Stachowitsch, als der einzige Oberst, antwortete in unserem Namen mit Worten des Dankes und der Anerkennung für alle die Liebenswürdigkeiten, die wir erfahren haben. Das Präsidentenhaus, in dem noch vor gar nicht langer Zeit jene berühmte Konferenz stattfand zwischen Krüger und Sir A. Milner,147) die den Krieg verhindern sollte und erst recht beschleunigte,148) ist auch inwendig sehr schön. Wir aßen vom Porzellan mit dem Wappen des Freistaates, der nun nach der Proklamation des Lord Roberts aufgehört hat zu existieren.149) Auch die alten Postmarken, die ich eifrig sammele, und das Geld mit Krüger auf der Außenseite (geprägt in der Münze in Berlin) wird nun wohl bald verschwinden. Merkwürdig war es, bei einem solchen Staatsdiner uns alle in unseren Felduniformen (Khaki) zu sehen. Ich besitze, nachdem ich wieder über mein Gepäck verfügen kann, hier wenigstens zwei derselben zum Wechseln, die meisten englischen Offiziere jedoch nur eine, aus der sie nunmehr 6 Wochen kaum herausgekommen sind.

Aus dem entsetzlichen Wanzen-Hotel der ersten Tage sind wird Gottlob bald herausgekommen. Noch jetzt bin ich halb aufgefressen; es war die bisher schlimmste Erfahrung des Feldzuges, böser als „Stinkfontein“ und Poplar Grove! Man hat uns drei zusammenliegende Häuser überwiesen, zwei für uns und eines für unsere Diener und Pferdepfleger.

26. Nachträgliche Aufzeichnungen von Lüttwitz zu Kriegskorrespondenten und zur Zensur.

BArch, N 887/5, S. 620.

 

Übrigens zeigte sich in diesem Kriege, daß durch die verstärkte Waffenwirkung und das rauchlose Pulver sich auch die Gefahren für neugierige Kriegskorrespondenten erheblich vermehrt haben. Einer wurde in der Schlacht getötet, zwei verwundet und drei (darunter der nachmalig so bekannt gewordene Winston Churchill) von den Buren gefangen genommen. An Krankheiten starben zwei, Kriegsinvaliden wurden vier. Buller hatte ebenso wie uns, so auch die Kriegskorrespondenten gefürchtet, gehaßt, und schlecht behandelt. Er hat sich nur selbst dadurch sehr geschadet. Ganz anders verfuhr Lord Roberts. Bei Beginn seiner Operationen im Freistaat sagte er den Korrespondenten bei einer Versammlung: „Meine Herren, gehen Sie, wohin Sie wollen und schreiben Sie, was Sie wollen. Ihre Berichte werden der Zensur nicht unterliegen. Kritisieren Sie, soviel Sie wollen; auf diese Weise werde ich ja hören, was für Fehler gemacht wurden.“ Nach dieser Ankündigung ist beim H[aupt]Qu[artier] auch wirklich verfahren worden, wenigstens soweit briefliche Mitteilungen in Betracht kamen. Telegramme wurden einer strengen Zensur unterworfen, aber von Offizieren des Stabes, die Takt und Urteil besassen und sorgfältig ausgesucht waren.150)

27. Bericht Nr. 19, Bloemfontein, 26. März 1900.

BArch, N 887/5, S. 623-625.

 

Lies nicht so viele Zeitungen. Dreiviertel von dem, was in ihnen steht, ist erlogen. Als ich deine Briefe las vom „armen, armen“ Cronjé, musste ich ordentlich auflachen. Dieser „arme“ Mann ist ein recht durchtriebener Zeitgenosse, den viele seiner eigenen Landsleute nicht schätzen. In unseren deutschen, England feindlichen Zeitungen wird alles entstellt. Gewiss ist manches auch bei den Engländern nicht so wie es sein könnte – ein Krieg ist eben an sich kulturfeindlich und barbarisch – aber das glaube mir nur, die höhere und bessere Kultur ist nicht bei den Buren. Und die Soldaten, die jetzt die Sache hier ausfechten, haben mit den Sünden von Politikern und Börsenspekulanten – die meisten von ihnen in Johannesburg sind überdies deutsche Juden – gar nichts zu tun. Sie kämpfen einfach für ihre Ehre und ihr Land, gerade wie die Buren und sind ebenso überzeugt von der Gerechtigkeit ihrer Sache als diese. Ich finde – rein als Privatperson und vom Standpunkt des Soldaten – das sich die deutsche Presse während dieser ganzen Kriegszeit miserabel benahm und benimmt.151) Wie ein Hund hat sie hinter dem Wagen der Geschichte hergebellt, Heldentaten mit dem Munde verrichtet und jetzt, wo sich das Blättchen zugunsten der Engländer gewendet hat, fängt sie bereits an sich auszudenken, ob man nicht am allgemeinen Raube nach dem Kriege Teil nehmen könne. Alles dies kann mir nicht imponieren.

28. Bericht Nr. 20, Bloemfontein, 4. April 1900.

BArch, N 887/5, S. 625-634.

 

Wie du siehst, bin ich noch immer in Bloemfontein; es ist fraglicher denn je, wann wir den weiteren Vormarsch antreten werden. Ich sollte mich gar nicht wundern, wenn es erst in einigen Wochen der Fall sein sollte. Es sind gewiss sehr zwingende Gründe für unser langes Verweilen hier vorhanden.152) Dennoch bleibt es sehr zu beklagen, denn der Feind, welcher bei unserem Eintreffen hier völlig desorganisiert und in panikartiger Auflösung war, hat neuen Mut und neue Kraft zum Widerstande gefunden, sodass die Engländer noch harte Arbeit vor sich haben. Immerhin werden einige größere Erfolge und der Weitermarsch auf Pretoria den Mut der Buren schnell wieder abkühlen. Ich persönlich bedauere nur, dass wiederum das Ende des Krieges in nebelhafte Ferne gerückt ist. Ich glaube ja immer noch an unsere Rückkehr im Sommer, frage mich aber dabei manchmal, ob nicht der Wunsch der Vaters des Gedankens ist. Noch immer arbeite ich von morgens bis abends an meinen Berichten. Sie scheinen gar kein Ende nehmen zu wollen. Man hat so viel zu sagen, vielleicht ist auch manches Überflüssige darunter; aber wie schwer ist es, bei nachträglicher Durchsicht des Geschriebenen an eigenen geistigen Kindern Massenmord zu verüben! Zur Auffrischung mache ich ab und zu grosse Ritte. Die Buren haben ihre bisherige Taktik der absoluten Defensive anscheinend geändert und dafür eine Art Guerillakrieg begonnen. Die Engländer sind durch diesen plötzlichen Wechsel etwas überrascht worden mit dem Resultat, das sie Rückschläge erlitten, ja Kanonen und Gefangene verloren haben.153)

29. Nachträgliche Schilderung über die Typhus-Epidemie.

BArch, N 887/5, S. 630-632.

 

Schon in den ersten Tagen des April hatte der Typhus in Bloemfontein böse Dimensionen angenommen. Besonders die Truppen, welche bei Paardeberg gewesen, wurden von ihm dezimiert. Jetzt nachdem auch die Wasserleitung zerstört war,154) wuchsen die Krankenzahlen rapide an; bis zum 15.4. waren auf dem Bloemfonteiner Friedhof bereits 1 100 Typhusleichen begraben worden. Jeden Nachmittag von 3 Uhr ab war Begräbnis von Offizieren. Da ich so viele kannte, habe ich oft daran teilgenommen. Nach schöner englischer Sitte wurden die Leichen auf Artillerie-Lafetten mit 6 Pferden hinausgefahren. Da auch in Bloemfontein Holz sehr rar war, wurden die Toten immer auf derselben alten Tür in die Wolldecke eingewickelt, in der sie gestorben waren, aber mit dem Union Jack bedeckt hinausgefahren. Das Einscharren war einem Unternehmer übergeben worden, der Schwarze beschäftigte. Diese gruben die Gräber nicht tief genug in die Erde hinein. Auf dem Friedhof herrschte ein schrecklicher Leichengeruch.

Bald waren alle grossen Schulen etc., auch das Parlamentsgebäude, zu Lazaretten eingerichtet und überfüllt. Auf meinen Ausritten in aller Herrgottsfrühe in diesen geradezu herrlichen Herbsttagen, die mittags immer noch recht heiß waren, kam ich oft an solcher großen früheren Schule vorüber. Da lag denn stets auf dem Rasenplatze vor dem Gebäude die „Ernte“ der Nacht, eine Reihe völlig zu Skeletten abgemagerter ganz unbekleideter Toten ausgebreitet. Der Kontrast dieses grauenvollen Anblicks mit der lachenden Natur war sehr eindrucksvoll. Es gibt nichts Grausameres als die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber Menschenschicksalen. Aber es ist gut so, wenn es uns die Nichtigkeit alles Menschlichen zur Erkenntnis bringt. Bald entstanden um den Ort herum, besonders in der Nähe des städtischen Volkshospitals, ganze Zeltstädte, angefüllt mit Typhuspatienten. In diesen Zelten lagen die armen Kranken in ihren Kleidern, mit Wolldecken zugedeckt und Tragbahren, in seltenen Fällen auch auf Feldbetten. […]

Mich interessierte insbesondere, welchen Einfluss das Impfen gegen Typhus, dem z.B. unsere Irländer auf der Bavarian155) während der Herreise unterworfen worden waren, gehabt hatte. Die Angaben waren widerspruchsvoll. Einige Ärzte behaupteten, Geimpfte machten die Krankheit leichter ab, andere meinten das Gegenteil. Verschont blieb jedenfalls wegen des Impfens, das damals wohl noch recht unvollkommen ausgeführt wurde, niemand. Die Ärzte sahen die Ansteckungsgefahr in schlechtem Wasser oder Milch, die Verbreitung wohl mit Recht hauptsächlich in den Fliegen. Dass eine grosse Anzahl der Fälle zweifellos Flecktyphus156) war und von Läusen stammte, die stark verbreitet waren, wurde nicht erkannt. In damaliger Zeit wusste man nur von einer Art Typhus, dem „enteric fever“. Als die Heeresgruppe Lord Roberts’ in den ersten Tagen des Mai 1900 den Vormarsch gegen Pretoria begann, hatte sie neben einer Frontstärke von rund 65 000 Mann 23 000 Lazarettkranke, meist an „enteric fever“! Der schlagendste Beweis dafür, dass blutige Verluste in gar keinem Verhältnisse stehen zu denen durch Krankheiten.

30. Bericht Nr. 23. Ventersburg-Road Station, 10. Mai 1900.

BArch, N 887/5, S. 647-650.

 

Unter einem Wagen, der wenigstens etwas vor der starken Sonne schützt, aber nicht vor dem schrecklichen Staub und Schmutz, schreibe ich diese Zeilen. Wir sind wieder einmal tüchtig ins Kriegserleben hineingelangt. Seit dem 3. Mai bin ich nicht aus den Kleidern gekommen. Wasser ist nur sehr spärlich zum Trinken und Kochen vorhanden, zum Waschen reicht es nicht. Was so ein Krieg aus dem Menschen macht: Wenn ich daran denke, welch verwöhnter Zeitgenosse ich in London war und meinen jetzigen Zustand betrachte, muß ich lachen über den Kontrast! Und so geht es allen anderen auch. Wir haben wiederum keine Armeezelte mit, auch ist Stroh und Brennholz in diesem Lande niemals aufzutreiben. Ich habe mir in Bloemfontein aus zwei wasserdichten Decken und vier Stangen ein kleines Zelt machen lassen, welches leicht transportierbar ist und mich auf meinem niedrigen Feldbett grade bedeckt. Auf dieses kommt der Schlafsack, in dem man mit allen Sachen – mehr oder weniger – hineinrutscht, denn sonst würde man erfrieren. Dann wird eine wollene Kapuze über den Kopf gezogen, der Mantel und andere Decken über die Füße geworfen und um 8 Uhr Abends, da kein Licht vorhanden, gottesfürchtig zu Bett gegangen.

Zuerst entwickelt sich auch alles ganz gut. Nach so großer körperlicher Anstrengung, wie wir sie täglich haben, kommt der Schlaf von selbst, besonders da auch nichts vorher gegessen wurde, was unnötig den Magen beschweren könnte. Um 4 Uhr Morgens – es ist stockfinster bis 6 – wacht man auf vor Hunger und schneidender Kälte. Durch alle Decken und Fettpolster dringt sie durch bis auf die Knochen. Und der Tau ist so stark, daß er die obere Decke durchnäßt. Man begrüßt es ordentlich mit Freude, wenn um 5 Uhr der Diener kommt, um zu wecken. Dann kommt der heroische Entschluß des Aufstehens in die Kälte und Nässe hinaus. Aber ein tüchtiges Eintauchen des Kopfes in kaltes Wasser macht einen dampfen wie ein Ofen und man ist frisch für den ganzen Tag.

Dann kommt immer noch bei stockfinsterer Nacht und einer Stalllaterne die Zeremonie des Frühstücks. Hafergrütze, Kaffee, Speck und – erschrick nicht – ein tüchtiger Schluck Cognac, der bei keiner Mahlzeit fehlen darf und nur von Whisky ab und zu abgelöst wird. Ohne diese beiden Freuden – meint man zur Entschuldigung – würde man sich mit dem entsetzlich schlechten Wasser paarmal am Tage vergiften. Um 6 Uhr, grade wenn es hell wird, steigt man zu Pferde, um, je nach dem Tagewerke, früher oder später am Nachmittage wieder herabzusteigen. Die Märsche sind meist lang, in der Tat länger, als wir sie im Durchschnitt in der deutschen Armee machen würden. Schon in 2 Tagen werden wir wohl in Kroonstad sein, und dann sind es nur 14 Tagemärsche oder weniger bis Pretoria. Täglich kommt jetzt eine große Zahl von Buren herbei, um sich gefangen zu geben. Um wie viele Burensiege mögen unsere Zeitungen wohl berichten! Es ist ganz außerordentlich, wie der Krieg das Lügen entwickelt! Doch das ist wohl immer so gewesen.

31. Bericht Nr. 24, Kroonstad, 20. Mai 1900.

BArch, N 887/5, S. 650-654.

 

Aus dem Hotel aber wie aus den Kirchen und Schulen bildeten sich im Umsehen Lazarette. Sie sind jetzt bereits so überfüllt, daß nach neuen Gebäuden Umschau gehalten wird, sich wie bei Bloemfontein Zeltstädte rings umher zu bilden beginnen und viele noch transportfähige Kranke nach rückwärts befördert werden, vorläufig mit Wagen, da erst in ein paar Tagen die Eisenbahn herangebaut sein wird. Der Typhus von Bloemfontein sitzt der Armee noch schrecklich in den Gliedern. Das ist uns allen klar geworden: die feindliche Waffenwirkung macht diesen Krieg lange nicht so bösartig als die mit ihm verbundenen Krankheiten. Es mag auch immer so sein: den feindlichen Kugeln sich auszusetzen, oder sich mit dem Säbel in der Faust auf den Gegner zu stürzen, ist für jedes richtige Soldatenherz etwas Schönes und Erhebendes – vor der unerbittlichen heimtückischen Krankheit erfaßt selbst den Tapfersten bleiches Grausen! Die Begleitumstände, die man so oft sieht, machen es böse: der Mangel an richtiger Wartung und Pflege, das enge Zusammenliegen mit Schwerleidenden und Sterbenden in improvisierten Lazaretten, das Gefühl der Verlassenheit, wenn das letzte Stündlein schlagen sollte. Für den Gesundheitszustand der Armee wird es ausgezeichnet sein, wenn wir in einigen Tagen wieder marschieren. Nichts wirkt auf ihn schlimmer wie das lange Verweilen an einem Ort.

32. Bericht Nr. 26, Johannesburg, 31. Mai 1900.

BArch, N 887/5, S. 661-662.

 

Wir sind 8 Tage lang ohne Unterbrechung marschiert, im Ganzen 200 km, eine denkwürdige Leistung! In den letzten Biwaks hatten wir morgens stets einen halben Zoll Eis auf dem Waschwasser, der Schwamm war nicht zu gebrauchen, weil er gefroren war. Die Nächte waren entsetzlich kalt, die Tage aber sehr schön. Wir sind jetzt 2 000 m über den Meeresspiegel. Der Widerstand des Feindes war sehr schwach. All die großen Heldentaten, welche die Burenzeitungen angekündigt haben, sind ausgeblieben. Selbst den Minen, die gesprengt und zerstört werden sollten, ist nichts passiert. Wir Soldaten hätten den dicken Aufsichtsräten und Aktionären den Schrecken einiger Explosionen herzlich gegönnt. Sie haben den Krieg angezettelt und während die armen Soldaten in unerhörten Strapazen und unter grossen Verlusten ihn durchführen, trinken sie in sicheren Zufluchtsorten im Schweiße ihres Angesichts Champagner bei großen Diners.

33. Bericht Nr. 27, Pretoria, 6. Juni 1900.

BArch, N 887/5, S. 662-669.

 

Vom Einzuge in Johannesburg157) werden Eure Zeitungen wohl berichtet haben. Es war eine etwas improvisierte Feier, bei der nichts so recht klappte, außer der Tatsache, dass die Stadt eben eingenommen war. Lord Roberts legte besonderen Wert darauf zu zeigen, dass er mit dem Gesindel dieses Neu-Jerusalem nichts zu tun haben wollte. Den Truppen wurde nur gestattet, einmal durch den Ort zu ziehen, sie wie auch das Oberkommando kampierten außerhalb desselben. Nur uns Militärattachés, die wir das Lagerleben ja nur zur Genüge kannten, wurde gestattet, uns in einem Hotel unterzubringen.

Am 1.6. sahen wir uns in der Stadt um. Ihr Kern zeigte große schöne Geschäftshäuser, aber das Parvenutum stand ihr auf der Stirn geschrieben, da neben Palästen die alten Hütten noch standen aus der Zeit, bevor das Gold entdeckt worden war. Das war ja erst 1886 gewesen. Seitdem hatte man jährlich 230-280 000 Unzen des Edelmetalls dem Boden entnommen, allein vom ersten 1.10.88 bis 30.9.99 für 12 Millionen £ : 240 Millionen Mark. Es gab wohl überall elektrisches Licht, aber die Straßen waren noch vielfach ungepflastert. Johannesburg erinnerte mich sehr an amerikanische Städte, die ich 1892 gesehen hatte. Schon die Einteilung in die City der Geschäftshäuser und die Villenviertel zum Wohnen mutete amerikanisch an, ebenso wie die windschiefen Telegrafenstangen in den Straßen und die Bauart vieler Häuser. In den Minen waren auch eine große Zahl von Amerikanern beschäftigt, da sie für geschickte und erfahrene Mineningenieure galten. […]

Eine sehr nette Bekanntschaft machte ich in der Person des deutschen Konsuls. Er besuchte mich im Hotel und erzählte mir gar manches über das entsetzliche Gesindel, welches der Krieg aus Deutschland hierher gelockt hatte. Das schlimmste sei gewesen, dass sich viele dieser Leute, die nie im Leben den Soldatenrock getragen, als Offiziere ausgegeben hatten. Es sei eine schwere Schande gewesen! Und von solchen Individuen sei zum Teil auch die Stimmung in Deutschland gemacht worden. Kein Wunder, dass einem beim Lesen deutscher Zeitungen die Haare zu Berge standen.

34. Bericht Nr. 28, Pretoria, 11. Juni 1900.

BArch, N 887/5, S. 669-675.

 

Was uns noch nicht passiert ist während des ganzen Krieges ist glücklich jetzt eingetreten, wo wir die feindliche Hauptstadt besetzt halten: wir sind vom Verkehr mit Europa abgeschnitten dadurch, daß Eisenbahn und Telegraph im Orange Freistaat von den Buren unter de Wet158) zerstört wurden. Lange wird dieser Zustand gewiß nicht dauern, er ist jedoch schon für kurze Zeit unangenehm genug. Unsere Telegramme, in denen wir um die Erlaubnis zur Rückkehr bitten, sind auch noch nicht abgegangen der Unterbrechung des Telegraphen wegen. Friedensverhandlungen, die bereits angefangen hatten, scheinen sich vorläufig auch zerschlagen zu haben.159) So ist denn das Barometer unserer Stimmung erheblich gefallen.

Die Wahrheit ist, daß der Widerstand der Buren seit unserem Abmarsch aus Bloemfontein minderwertig war, und daß alle Nachrichten über sie – auch solche aus ihnen freundlichen Quellen – darin übereinstimmten, ihre Organisation sei zusammengebrochen. Dies schließt nicht aus, daß ein Friedensschluß vielleicht noch in weiter Ferne liegt. Das Land ist sehr groß und es wird lange dauern, bis englische Detachements und Polizeiaufgebote bis in seine entfernten Winkel vorgedrungen sein werden.

Wir sind bereits schon 8 Tage in Pretoria, sodaß man Eindrücke sammeln konnte. Zweifellos ist die Stadt, die vor dem Kriege etwa 20 000 Einwohner zählte, eine der hübschesten in Südafrika und man kann wohl verstehen, daß ihre Einwohner mit Liebe an ihr hängen. Sie erinnert von Weitem, ähnlich wie Pietermaritzburg, durchaus an eine deutsche Kleinstadt mit ihren hübschen Ziegelhäusern, die fast alle von Gärten und hohen Bäumen umgeben und in ein schönes Tal zwischen Hügeln eingebettet sind. Sieht man näher zu, so sind freilich bedeutende Unterschiede vorhanden. Pretoria ist ein neuer Ort, aus erst kürzlich erworbenem Reichtum emporgesprossen. Nur wenige alte Häuser sind vorhanden, solchen Buren gehörend, die Gewohnheiten und Umgebung ihrer Jugend der neuen Zeit noch nicht angepaßt haben. Ein solches Haus ist dasjenige Krügers. Er hat seine Frau hier zurückgelassen, als er am 4.6. die Stadt in der Richtung auf Middelburg fluchtartig verließ. Sie hat eine Art Leibgarde von 8 alten Buren, die ihr Mann ihr zurückgelassen, auf Anordnung von Lord Roberts behalten dürfen, und man hat auch noch englische Posten vor die Tür gestellt, um unbefugte Neugierige abzuhalten.

35. Bericht Nr. 29, Pretoria, 18. Juni 1900.

BArch, N 887/5, S. 675-676.

 

Heute schreibe ich in recht gedrückter Stimmung, da ich schon eine ganze Weile ohne Nachrichten aus der Heimat bin. Die Buren hatten die Eisenbahnlinien und den Telegraphen in unserem Rücken zerstört. Die Telegramme an unsere Regierungen, worin wir die Erklärung von Lord Roberts mitteilten, daß die größeren Operationen beendet seien, und wir um unsere Abberufung baten, sind deshalb auch liegen geblieben. Vorgestern konnten unsere Depeschen nun glücklich abgehen, und zu gleicher Zeit erfolgte eine neue offizielle Kundgebung, die den Krieg wirklich als in den letzten Zügen liegend erscheinen läßt. Auch unsere rückwärtige Verbindungslinie ist wieder sicher. Wir alle erwarten nun mit Ungeduld die Antworten unserer Regierungen. Sollte die meinige, woran ich vorläufig nicht zweifeln möchte, meine Rückkehr genehmigen, so werde ich Ende dieser Woche die Rückreise nach Kapstadt antreten und hoffe dann um den 4. Juli herum von dort aus heimzufahren. Geht der Kaiser, wie ich hier in den Zeitungen las, wirklich in den ersten Augusttagen nach Cowes,160) so könnte ich mich dort bei ihm melden. Tut er es nicht, so werde ich sofort nach Deutschland weiterreisen.

Ich möchte sehr gerne meine Stellung als Militär-Attaché in London behalten. Ich habe hier sehr viele interessante und wertvolle Freundschaften geschlossen, wie es im Laufe eines Feldzuges ja nicht anders möglich ist. Mitglieder der höchsten Aristokratie, wie der Herzog von Westminster, an den ich soeben ein Pferd verkaufte, der Earl of Dudley,161) Lord Stanley,162) Milton,163) Castleton164) und viele andere sind mein täglicher Umgang gewesen. Ich würde jetzt über einen einflußreicheren Bekanntenkreis verfügen als alle anderen Mitglieder der Botschaft.

36. Bericht Nr. 30, Bloemfontein, 29. Juni 1900.

BArch, N 887/5, S. 676-681.

 

Die letzte Woche war für mich eine der unangenehmsten des ganzen Feldzuges. Auf mein erstes Telegramm, worin ich die Erklärung des Lord Roberts meldete, daß die größeren Operationen beendet seien, und daß ich aus diesem Grunde die Erlaubnis zur Rückkehr erbäte, ist überhaupt keine Antwort aus Berlin gekommen. Ich finde dies sehr rücksichtslos von Seiten der dortigen Autoritäten. Wollten sie, daß ich hier noch bleiben soll, so hätten sie dies klar und deutlich zum Ausdruck bringen, oder wenigstens den Empfang des Telegramms bestätigen sollen. So weiß ich nicht, ob es überhaupt seine Bestimmung erreichte, denn sehr viele Briefe und Telegramme sind in letzter Zeit, wo die Eisenbahn und der Telegraph nach der Küste mehrfach von den Buren zerstört wurden, verloren gegangen. Unterdessen erhielten die meisten anderen Attachés die gleich mir erbetene Erlaubnis zur Rückkehr. Ich befand mich in sehr peinlicher Lage, als der Feldmarschall und sein Stab sich immer wieder erkundigten, ob ich noch keine Antwort hätte. Ihr Ausbleiben bedeutet einen direkten Affront gegen Roberts, dessen Erklärung über das Ende des Krieges dadurch in Zweifel gezogen erscheint. Der Feldmarschall setzte nunmehr unter dem Vorwande, uns bei der Abreise ganz besonders ehren zu wollen, Tag und Stunde derselben fest – in Wirklichkeit setzte er uns den Stuhl vor die Tür. So beschloß ich denn, mit den anderen Attachés bis Bloemfontein zu fahren. Auf der Strecke dahin oder zum Schutz derselben spielen sich ja noch interessante Kämpfe ab, da gehörte ich also auch von Rechtswegen hin. Ich gewann damit auch Zeit und konnte erwarten, vielleicht in Bloemfontein die Antwort vorzufinden. Im Übrigen telegraphierte ich ein zweites Mal nach Berlin und erbat definitive Order nach Bloemfontein.

Wir hatten eine großartige Abschiedsfeier in Pretoria auf dem Bahnhofe. Das Komische und für uns Peinliche war, daß sie uns eigentlich nicht ganz motiviert erschien, indem außer mir auch noch der Österreicher und Türke keine definitive Order zur Rückkehr und der Russe den Befehl zum Dableiben erhalten hatten. Eine Ehrenwache zog auf, Roberts, Kitchener und fast alle Offiziere des Hauptquartiers waren anwesend; man überschüttete uns mit Liebenswürdigkeiten und ließ uns persönlich die Verstimmung über unsere Regierungen nicht vergelten.

 

37. Bericht Nr. 31, Bloemfontein, 7. Juli 1900.

BArch, N 887/5, S. 681-683.

 

Das sind böse Zeiten! Den ganzen Feldzug über hat mich mein froher Mut, mein Gottvertrauen und mein Unternehmungsgeist nicht verlassen. Und jetzt, wo alles vorüber, alle persönlichen Gefahren wenigstens – möchte ich manchmal schier verzagen. Bis heute habe ich eine Antwort auf meine beiden dringenden Telegramme an das Kriegsministerium nicht erhalten. Dafür gibt es nur die eine Erklärung, daß ich eben hier noch weiter beobachten soll. Die Situation ist für mich unendlich peinlich. Alle anderen Attachés, auch d’Amade und Gentilini, sind, wie ich erfuhr, tatsächlich am 4. Juli nach Europa abgereist, mit alleiniger Ausnahme des Russen. Seiner und meiner Regierung Maßnahmen werden mit Rücksicht darauf, daß uns Lord Roberts offiziell verabschiedete und sagen ließ, er hielte die größeren Operationen, zu denen wir allein eingeladen waren, für beendigt, von jedermann als eine Provokation des Feldmarschalls angesehen. Lord Roberts ist aber nebst seinem ganzen Stabe gegen mich von einer solchen Güte gewesen, daß ich unter dem Gedanken, daß der liebe alte Herr sich meinetwegen verletzt fühle, sehr leide. Die jetzt im Schwunge befindlichen Operationen im Freistaate165) mit anzusehen, hat man mir sehr höflich, aber bestimmt unter Hinweis auf meine gefährdete persönliche Sicherheit abgeschlagen. Nun sitze ich vorläufig hier in Bloemfontein, wo ich freilich die allerbesten Nachrichten über die gegenwärtigen Operationen einziehen kann. Schließlich könnte ich dies aber auch, wenn auch etwas weniger schnell, in London. Ich habe in einem langen Bericht die Schwierigkeiten meiner Lage dem Kriegsministerium auseinandergesetzt, sehr energisch um sofortige Ablösung bittend.

 

38. Bericht Nr. 33, Kapstadt, ohne Datum.

BArch, N 887/5, S. 687-689.

 

Am besten wäre es schon, daß ich heute gar nicht schriebe. Meine Stimmung ist miserabel. Hoffte ich doch immer noch, in diesem Brief berichten zu können, daß ich endlich die Erlaubnis zur Abreise erhalten hätte. Nichts dergleichen! Es ist wirklich grausam von den Leuten in Berlin und am grausamsten, daß sie mir überhaupt keine Nachricht zukommen lassen. Die Ungewißheit ist das Schlimmste von allem. Mit jedem „fait accompli“ kann man sich abfinden, mit der Ungewißheit nicht. Der eigentliche Krieg ist vorüber; was jetzt vorgeht, schlägt doch mehr ins Gebiet des Räuber- und Soldatenspiels. Mich deswegen hierzulassen, ist ziemlich unwürdig für einen Vertreter einer großen Macht. Ich könnte ebenso gut von London aus berichten, wie von hier.



Anmerkungen:

1) Als Beispiele seien hier genannt: Dominik Geppert/William Mulligan/Andreas Rose (Hrsg.): The wars before the Great War. Conflict and international politics before the outbreak of the First World War. Cambridge 2015; Stig Förster (Hrsg.): Vor dem Sprung ins Dunkle. Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft, 1880-1914. Paderborn 2016 und Jack S. Levy/John A. Vasquez (Hrsg.): The Outbreak of the First World War. Structure, Politics, and Decision-Making. Cambridge 2014. Zu den neuen Forschungen zum Ersten Weltkrieg siehe allgemein: Martin Sabrow: Die Rückkehr des Ersten Weltkriegs in das deutsche Zeitgedächtnis. Vom Aufarbeitungsjahr 2013 zum Erinnerungsjahr 2014 (Teil 2). In: Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 3/2014, S. 134–144; Alan Kramer: Recent Historiography of the First World War (Part I). In: Journal of Modern European History 12/2014, S. 5–28; Ulrich Wyrwa: Zum Hundertsten nichts Neues. Deutschsprachige Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg (Teil I). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 62/2014, S. 921–940; Annika Mombauer: Der hundertjährige Krieg um die Kriegsschuld. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 65/2014, S. 303–337 und Michael Epkenhans: Der Erste Weltkrieg – Jahrestagsgedenken, neue Forschungen und Debatten einhundert Jahre nach seinem Beginn. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 63/2015, S. 135–165.

2) Aribert Reimann, Der Erste Weltkrieg – Urkatastrophe oder Katalysator? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 29,30/2004, S. 30–38.

3) Peter Wende: Das Britische Empire: Geschichte eines Weltreichs, München 2008, S. 244.

4) Andreas Rose: „Unsichtbare Feinde“. Großbritanniens Feldzug gegen die Buren. In: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck/Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute. Strukturen - Akteure - Lernprozesse, Paderborn 2011, S. 217–239, hier S. 237f. und Cord Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“. Der Burenkrieg (1899-1902). In: Thoralf Klein/Frank Schumacher (Hrsg.): Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus. Hamburg 2006, S. 182–207, hier S. 182f.

5) Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 238.

6) Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 182 und Erwin A. Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg 1899-1902. Ein Rückblick nach 100 Jahren. In: Österreichische militärische Zeitschrift 38/2000, S. 179–188, hier S. 179.

7) Zu den Ursachen des Zweiten Burenkriegs siehe Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 218-220 und Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 183-185.

8) Bereits während des sogenannten „Ersten Burenkriegs“ ging es letztlich um die Frage der Selbstständigkeit der Buren. Der Konflikt dauerte von Dezember 1880 bis März 1881 und endete nach wenigen blutigen Gefechten mit einem burischen Sieg, da die britische Regierung ein weiteres Engagement nicht für notwendig hielt. In der Folge erlangte der Transvaal seine Unabhängigkeit, wenn auch unter formeller britischer Herrschaft. Siehe dazu in aller Kürze Martin Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, 1899-1902. Santa Barbara 2000, S. 37f.

9) Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 239. Zum Burenkrieg siehe vor allem die beiden umfassenden Gesamtdarstellungen von Thomas Pakenham: The Boer War. London 1979 und von Martin Bossenbroek: Tod am Kap. Geschichte des Burenkriegs. München 2016; sowie die Darstellung von Winston Churchill, der den Zweiten Burenkrieg als Kriegsberichterstatter der Morning Post erlebte: Winston Churchill: The Boer War. London 1989. Einen Überblick über die Literatur geben Fred R. van Hartesveldt: The Boer war. Historiography and annotated bibliography. Westport, Conn., London 2000 und Nicol Stassen: German publications on the Anglo-Boer war = Duitse publikasies oor die Anglo-Boereoorlog = Deutsche Publikationen über den Anglo-Burenkrieg. Pretoria 2007. Eine lexikalische Darstellung liefert Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War.

10) Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 191. Zu den weitreichenden Auswirkungen des Krieges siehe Donal Lowry: „The Boers were the beginning of the end“? The wider impact of the South African War. In: Donal Lowry (Hrsg.): The South African war reappraised. Manchester, New York 2000, S. 203–245.

11) Der Friedensvertrag von 1902 vermied aus Rücksichtnahme auf die Buren die Regelung der Wahlrechtsfrage für Nicht-Weiße – ein Umstand, der deren dauerhafte politische Entmündigung festschrieb. Erwin A. Schmidl: Der Burenkrieg von 1899-1902: ein „Kleiner Krieg“? In: Verband Österreichischer Geschichtsvereine (Hrsg.): Bericht über den Achtzehnten Österreichischen Historikertag in Linz veranstaltet vom Verband Österreichischer Geschichtsvereine in der Zeit vom 24. bis 29. September 1990. Wien 1991, S. 244–248, S. 247 und Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 187.

12) Maureen O’Connor Witter: Sanctioned Spying: The Development of the Military Attaché in the Nineteenth Century. In: Peter Jackson/Jennifer Siegel (Hrsg.): Intelligence and Statecraft. The Use and Limits of Intelligence in International Society. Westport 2005, S. 87–107, hier S. 94-99 und David R. Jones: Military Observers, Eurocentrism and World War Zero. In: Yokote Shinji/John W. Steinberg/David Wolff/Steven G. Marks/Bruce W. Menning/David Schimmelpenninck van der Oye (Hrsg.): The Russo-Japanese war in global perspective. World War Zero. Bd. 2. Boston 2007, S. 135–178, hier S. 150-156. Kurze Biographien der Attachés auf beiden Seiten finden sich bei Jay Stone/Erwin A. Schmidl: The Boer War and military reforms. Lanham 1988, S. 322-326.

13) Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 189.

14) Cornelis de Jong : Verslae van neutrale Militere Waarnemers tydens de Anglo-Boereoorlog. Kapt. J. Allum. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 4/1974, H. 1, S. 1–34; Cornelis de Jong: Verslae van neutrale Militere Waarnemers tydens de Anglo-Boereoorlog. Kapt. Jonkheer J. H. Ram. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 4/1974, H. 2, S. 1–12; Cornelis de Jong: Verslae van neutrale Militere Waarnemers tydens de Anglo-Boereoorlog. Lt. C. J. Asselbergs and Lt. M. Nix. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 5/1975, H. 1, S. 46–65; Cornelis de Jong: Reports of Neutral Military Observers during the Anglo-Boer War. The Reports of two Russian Military Attachés 1899-1900. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 5/1975, H. 3, S. 1–21; Cornelis de Jong: Reports of Neutral Military Observers during the Anglo-Boer War. Captain Demange and Lieutenant Raoul-Duval, French Military Attachés with the Boers. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 6/1976, H. 1, S. 52–56; Cornelis de Jong: A neutral military observer in the Anglo-Boer War in 1900. The Norwegian Captain Julius Allum. In: Kleio 8/1976, S. 17–28; Henk de Jong: Past as Future. The South African War, Dutch Observers and Military Memory. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 41/2013, S. 34–64; Gennady Shubin: Russian perceptions of the Boer and British Armies: An introduction through Russian documents. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 30/2000, S. 13–31 und M. C. E. van Schoor: Depeches van die Russiese Attaches, kol. Stakhovitch en lt.kol. Gurko. In: Christiaan de Wet-annale 3/1975, S. 123–201.

15) Dieter Storz: Kriegsbild und Rüstung vor 1914. Europäische Landstreitkräfte vor dem Ersten Weltkrieg. Herford 1992, S. 55-61; Christian Thomas Müller, Anmerkungen zur Entwicklung von Kriegsbild und operativ-strategischem Szenario im preußisch-deutschen Heer vor dem Ersten Weltkrieg. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 57/1998, S. 385–442, hier S. 395-398; Bernd F. Schulte: Die deutsche Armee, 1900-1914. Zwischen Beharren und Verändern. Düsseldorf 1977, S. 173-191; Eric Dorn Brose: The Kaiser's Army, 1870-1918. Technological, tactical, and operational Dilemmas in Germany during the Machine Age. New York, Oxford 2001, S. 85-94 und Nicholas Murray: The rocky road to the Great War. The evolution of trench warfare to 1914. Washington 2013, S. 81-122. Lediglich am Rande hat sich die Forschung mit der deutschen Haltung und den deutsch-britischen Beziehungen während des Burenkrieges beschäftigt. Siehe dazu Ulrich Kröll: Die internationale Buren-Agitation 1899-1902. Haltung der Öffentlichkeit und Agitation zugunsten der Buren in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden während des Burenkrieges. Münster 1973; Harald Rosenbach: Das Deutsche Reich, Großbritannien und der Transvaal (1896-1902). Anfänge deutsch-britischer Entfremdung. Göttingen 1993; Martin Kröger, Imperial Germany and the Boer War. In: Keith Wilson (Hrsg.): The International Impact of the Boer War. Chesham 2001, S. 25–42 sowie – mit einem Schwerpunkt auf die deutsche Presse – Steffen Bender: Der Burenkrieg und die deutschsprachige Presse. Wahrnehmung und Deutung zwischen Bureneuphorie und Anglophobie, 1899-1902. Paderborn 2009.

16)Über die Tätigkeiten in der 3. Abteilung, die für die Beobachtung der Armeen Frankreichs und Großbritanniens zuständig war, schrieb der Generalstabsoffizier Ludwig von Estorff in der Rückschau: „Die Arbeitslast, die ich dann im Winter zu bewältigen hatte, war außerordentlich. Ich mußte allen geselligen Verkehr aufgeben und fast allen Briefwechsel mit Bekannten. Die Neujahrsnacht des Jahrhunderts verbrachte ich am Schreibtisch.“ Ludwig von Estorff: Wanderungen und Kämpfe in Südwestafrika, Ostafrika und Südafrika 1894-1910. Hrsg. v. Christoph Friedrich Kutscher. Windhoek 1979, S. 78. Zur Tätigkeit der 3. Abteilung vor dem Ersten Weltkrieg allgemein siehe Lukas Grawe: Deutsche Feindaufklärung vor dem Ersten Weltkrieg. Informationen und Einschätzungen des deutschen Generalstabs zu den Armeen Frankreichs und Russlands 1904-1914. Paderborn 2017, passim.

17) Müller: Anmerkungen zur Entwicklung, S. 395-398 und Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 196.

18) Großer Generalstab: Kriegsgeschichtliche Einzelschriften. Erfahrungen außereuropäischer Kriege neuester Zeit. Aus dem südafrikanischen Kriege 1899 bis 1902, Heft 32 (1. Colenso – Magersfontein, Dezember 1899). Berlin 1903; Heft 33 (2. Operationen unter Lord Roberts bis zur Einnahme von Bloemfontein). Berlin 1904 und Heft 34/35 (3. Die Kämpfe in Natal nach dem Gefecht von Colenso. Übersicht über die Ereignisse im Oranje-Freistaat und Transvaal bis zum Herbst 1900). Berlin 1905. Bezeichnenderweise wurden die folgenden Ereignisse des Krieges bis 1902 nicht in die Betrachtungen miteingeschlossen.

19) Ulrich Trumpener: The Service Attachés and Military Plenipotentiaries of Imperial Germany, 1871-1918. Notes, Bibliographies, and Documents. In: The International History Review 9/1987, S. 621–638, hier S. 626.

20) Tatsächlich hatten sich auch die beiden Generalstabsoffiziere Gustav Adolf von Götzen und Ludwig von Estorff auf die Aufgabe Hoffnungen gemacht, da beide als „Afrikaexperten“ der Behörde galten. Nach Lüttwitz‘ Ernennung fungierten beide als Bearbeiter der eingehenden Nachrichten in der 3. Abteilung des Generalstabs. Siehe „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 697 und Paul von Lettow-Vorbeck: Mein Leben. Biberach 1957, S. 46.

21) Arthur von Lüttwitz: Invasionsversuche in England. In: Militär-Wochenblatt 81/1896, Sp. 87-93 und 123-130 sowie Arthur von Lüttwitz: Deutsche Seepolitik und Seestrategie. In: Militär-Wochenblatt 81/1896, Sp. 2539-2550 und 2564-2577. Dazu auch Matthew Seligmann/Frank Nägler/Michael Epkenhans: The naval route to abyss. The Anglo-German Naval Race 1895-1914. Farnham 2015, S. 109f. und Alfred Vagts: The Military Attaché. Princeton 1967, S. 153 und 313. Vagts verwechselt Arthur von Lüttwitz allerdings mit dessen Cousin Walther von Lüttwitz, indem er ihn mit den Vorgängen des „Kapp-Putsches“ von 1920 in Verbindung bringt.

22) GStA-PK, VIII. HA, Slg. Priesdorff, Nr. 651.

23) Zu seiner Tätigkeit in Sankt Petersburg und im Generalstab siehe Grawe: Deutsche Feindaufklärung, S. 68 sowie 125-150.

24) Colmar von der Goltz betonte, Lüttwitz nehme „die Dinge nicht so tragisch ernst“. „Wir gehen im Temperament vortrefflich zusammen.“ Zitiert nach: Carl Alexander Krethlow: Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz Pascha. Eine Biographie. Paderborn 2012, S. 428. Auch Krethlow verwechselt Lüttwitz allerdings mit dessen Cousin Walther. Adolf Wild von Hohenborn, der 1915 zum preußischen Kriegsminister avancierte und in Belgien eine härtere Besatzungspolitik favorisierte, freute sich allerdings über den Weggang der beiden Militärs: „Daß Goltz nach der Türkei als Fetisch geht, freut mich sehr, weil ich ihn von dem Gouverneursposten in Belgien los bin. Diese Märchentante als Gouverneur und Lüttwitz in seiner Aalglattheit als Chef des Stabes war eine zu harmonische, aber auch zu schlappe Ehe.“ Schon zuvor hatte er Lüttwitz als „zu weich“ charakterisiert. Zitiert nach: Adolf Wild von Hohenborn: Adolf Wild von Hohenborn. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen des preussischen Generals als Kriegsminister und Truppenführer im Ersten Weltkrieg. Hrsg. von Helmut Reichold. Für die Veröffentlichung vorbereitet von Gerhard Granier. Boppard am Rhein 1986, S. 38 und 42.

25) Zur militärischen Laufbahn von Lüttwitz siehe „Lebenslauf und militärischer Werdegang“, BArch, N 887/9; Hanns Möller-Witten: Geschichte der Ritter des Ordens „pour le mérite“ im Weltkrieg. Bd. 1. Berlin 1935, S. 711-713 und Karl-Friedrich Hildebrand/Christian Zweng: Die Ritter des Ordens Pour le Mérite des I. Weltkriegs, Bd. 2 (H-O). Erstmalig mit Foto, Verleihungsbegründung, Dienstlaufbahn, Beförderungen und verliehenen Orden. Bissendorf 2003, S. 388-390.

26) Siehe die umfangreichen Telegramme Bredows in PA-AA, Afrika Generalia 13 Nr. 2, Bd. 1-8, R 14771 bis R 14778.

27) Peter Winzen: Das Kaiserreich am Abgrund. Die Daily-Telegraph-Affäre und das Hale-Interview von 1908. Darstellung und Dokumentation. Stuttgart 2002, S. 199.

28) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. IV, BArch, N 887/4, S. 435. In den dargestellten Berichten von Lüttwitz spiegelt sich der Auftrag Schlieffens jedoch nicht wider.

29) Ebenda, S. 432f. Ein anderes Datum, nämlich den 6. November, nennt Elisaveta Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, 1899-1902. Roodepoort 1981, S. 142.

30) So betonte der deutsche Botschafter in London, Paul von Hatzfeld, in einem Schreiben an den Wirklichen Geheimen Legationsrat im Auswärtigen Amt, Friedrich von Holstein: „Ihnen gegenüber bemerke ich aber dazu (und stelle anheim, dies Graf Bülow zu sagen), daß Herr von Lüttwitz in seiner friedlichen Auffassung der Sachlage noch weiter geht, als ich es für richtig halte.“ Zitiert nach: Paul von Hatzfeldt: Botschafter Paul Graf von Hatzfeldt. Nachgelassene Papiere 1838-1901. Zweiter Teil. Hrsg. von Gerhard Ebel in Verbindung mit Michael Behnen. Boppard am Rhein 1976, S. 1242.

31) Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 183.

32) Wie in vielen anderen europäischen Armeen herrschte auch in der britischen Armee die Ansicht vor, die Offensive sei der Defensive moralisch überlegen und bilde daher den einzigen Weg zum Sieg auf dem Schlachtfeld. Siehe Stephen van Evera: The Cult of the Offensive and the Origins of the First World War. In: International Security 9/1984, S. 58–107.

33) Es handelte sich dabei um den US-Amerikaner Stephen L'Hommedieu Slocum, den Franzosen Albert d'Amade, den Österreicher Robert Trimmel, den Italiener Domenico Gentilini und den Russen Pavel Stachowitsch. Im weiteren Verlauf des Feldzugs kamen noch der Spanier Don Augusto Esteban y Larzabal, der Japaner Hachiro Hiraoka und der Türke Aziz Bey hinzu. Auf Seiten der Buren beteiligten sich zudem auch niederländische und norwegische Offiziere an der Beobachtung der Kampfhandlungen. Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 322-326. Der deutsche Generalstab erhielt zudem durch den Truppengeneralstabsoffizier von Reitzenstein, der sich als Freiwilliger auf den Kriegsschauplatz begeben hatte, auch Nachrichten von der burischen Partei. Siehe Hahnke an Bülow, 22. Dezember 1899, PA-AA, Afrika Generalia 13 Nr. 2a, Bd. 1, R 14781 und Paul von Lettow-Vorbeck, Lebenserinnerungen, 1955, BArch, N 103/24, Bl. 82.

34) Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 192.

35) Zur Person Bullers und seiner Operationsführung siehe Ian F. Beckett: Buller and the Politics of Command. In: John Gooch (Hrsg.): The Boer War. Direction, experience and image. London, Portland 2000, S. 41–55.

36) Die überstürzten britischen Versuche, die eingekesselten Städte zu entsetzen, waren in der „black week“ im Dezember 1899 wiederholt gescheitert, wobei die britische Armee hohe Verluste gegen die taktisch geschickt agierenden Buren erlitt. Zur ersten Phase des Krieges siehe Pakenham: The Boer War, S. 151-382 und Bossenbroek: Tod am Kap, S. 197-302.

37) Zur zunehmenden Unzufriedenheit der Attachés siehe auch Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 143-147.

38) Zu Roberts siehe William Henry Hannah: Bobs, Kipling‘s General. The Life of Field-Marshal Earl Roberts of Kandahar, V.C. London 1972 und Tony Heathcote: The British field marshals 1763-1997. A biographical dictionary. London 1999, S. 246-250.

39)Zum zeitlichen Ablauf der Beobachtungsmission der ausländischen Militärattachés siehe auch Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 191-199.

40) Zur zweiten Phase des Krieges siehe Pakenham: The Boer War, S. 383-573 und Bossenbroek: Tod am Kap, S. 303-380.

41) Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 184.

42) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 493 und 637.

43) Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 193.

44) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 575-582 sowie 584-587. Lüttwitz verfasste über das Gespräch mit Rhodes einen ausführlichen Bericht, den die Militärbehörden auch an das Auswärtige Amt weiterreichten. Vagts: The Military Attaché, S. 110, Anm. 2.

45) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 619f.

46) Ebenda, S. 663.

47) Ebenda, S. 600 und 629f. Zu Nix siehe auch de Jong: Verslae van neutrale Militere Waarnemers (Asselbergs).

48) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 651f. Bei Typhus handelt es sich um eine bakterielle Erkrankung der Verdauungsorgane, die mit Fieber und Diarrhöe einhergeht und besonders zu damaliger Zeit häufig tödlich verlief. Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 188, Anm. 17.

49) Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 217 und Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 188f.

50) Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 184.

51) Zum Guerillakrieg siehe Fransjohan Pretorius: The Experience of the Bitter-ender Boer in the Guerrilla Phase of the South African War. In: John Gooch (Hrsg.): The Boer War. Direction, experience and image. London, Portland 2000, S. 166–186.

52) Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 229. Die „Konzentrationslager“ sind trotz ihrer Namensgleichheit allerdings nicht mit den Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Deutschen Reichs gleichzusetzen. Siehe dazu Jonas Kreienbaum: „Ein trauriges Fiasko“. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika, 1900-1908. Hamburg 2015 und Andrzej Józef Kamiński: Konzentrationslager 1896 bis heute. Geschichte, Funktion, Typologie. München 1990, S. 34-39.

53) Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 187.

54) Ebenda, S. 184.

55) Zur Rolle der indigenen afrikanischen Bevölkerung während des Krieges siehe William Nasson: Africans at War. In: John Gooch (Hrsg.): The Boer War. Direction, experience and image. London, Portland 2000, S. 126–140 und John Laband: Zulus and the War. In: John Gooch (Hrsg.): The Boer War. Direction, experience and image. London, Portland 2000, S. 107–125.

56) Schmidl: Der Zweite Anglo-Burenkrieg, S. 186f.

57) Im Jahr 1910 schlossen sich schließlich die Kapkolonie, Natal und die beiden Burenrepubliken zur „südafrikanischen Union“ zusammen, die den Status eines „Dominion“ erhielt. Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 190.

58) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 689f.

59) Curt von Lindenau: Was lehrt uns der Burenkrieg für unseren Infanterieangriff? Vortrag, gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 5. März 1902. Berlin 1902.

60) „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 698f.

61) Lüttwitz an seine Frau, „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 652.

62) Siehe dazu ebenda, S. 645.

63) Ebenda, S. 651.

64) Zum preußisch-deutschen Offizierskorps vor dem Ersten Weltkrieg siehe Wilhelm Deist: Zur Geschichte des preußisch-deutschen Offizierkorps 1888-1918. In: Hanns Hubert Hofmann (Hrsg.): Das deutsche Offizierkorps, 1860-1960. Boppard am Rhein 1980, S. 39–58.

65) Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 191.

66) Stachowitsch (1862-193?) stieg bis zum Generalleutnant auf und beteiligte sich auch am russisch-japanischen Krieg sowie am Ersten Weltkrieg. Nach der russischen Revolution emigrierte er in den Westen. Zu Stachowitsch und seiner Berichterstattung siehe de Jong: Reports of Neutral Military Observers (Russian Attachés); Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, vor allem S. 141-154; Shubin: Russian perceptions of the Boer and British Armies und Apollon Davidson/Irina Filatova: The Russians and the Anglo-Boer War 1899-1902. Kapstadt, Pretoria, Johannesburg 1998. Andere Informationen liefert Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 322.

67) Albert d’Amade (1856-1941) diente nach seiner Zeit in Südafrika unter anderem als Militärattaché in London, als Mitarbeiter des Deuxième Bureau und als Befehlshaber der französischen Streitkräfte in Marokko. Während des Ersten Weltkriegs befehligte er unter anderem das französische Landungsdetachement bei Gallipoli. Siehe Spencer C. Tucker: World War I: The Definitive Encyclopedia and Document Collection. Vol. 1. Denver, Colorado, Oxford 2014, S. 82f. und Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 322.

68)     Stephen L'Hommedieu Slocum (1859-1933) diente während des Ersten Weltkriegs als Verbindungsoffizier an der amerikanischen Botschaft in London. Seine Berichte aus dem Burenkrieg sind teilweise abgedruckt in: War Department (Hrsg.): Boer War Operations in South Africa 1899-1901. Extracts from the reports of Captain S. l’H. Slocum and Captain Carl Reichmann. Mellville 1988. Zu seiner Dienstlaufbahn siehe Stone/Schmidl, The Boer War and military reforms, S. 322.

69) Domenico Augusto Gentilini (1862-1907) galt als Experte für militärtechnische Fragen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er bereits 1904 aus der Armee ausscheiden. Er starb 1907 an den Folgen einer Typhus-Erkrankung, die er sich während des Burenkriegs zugezogen hatte. Ebenda, S. 322.

70) Robert Trimmels (1870-1958) Berichte stießen im österreichisch-ungarischen Generalstab auf wenig Interesse, was den Offizier zeitlebens belastete. Er stieg später bis zum Generalmajor auf und erlitt in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs einen Nervenzusammenbruch, da er sich für die hohen Verluste der k.u.k. Truppen mitverantwortlich fühlte. Anschließend befehligte er verschiedene Verbände an der Italienfront. Zu Trimmels Dienstlaufbahn und seiner Berichterstattung aus dem Burenkrieg siehe ebenda, S. 189-221.

71) Don Augusto Esteban y Larzabal (1855-1918), spanischer Beobachter des Burenkriegs, galt in seiner Heimat als Artillerieexperte. Peter B. Boyden/Marion Harding/Alan J. Guy (Hrsg.): Ashes and blood. The British Army in South Africa, 1795-1914. Chelsea 1999, S. 482 und Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 323.

72) Zu den Denkschriften des deutschen Generalstabs, die teilweise sehr stark von Stereotypisierungen durchzogen werden, siehe Grawe: Deutsche Feindaufklärung, passim.

73) Lüttwitz, „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, N 887/5, S. 459-462.

74) Stone/Schmidl, The Boer War and military reforms, S. 195.

75) de Jong: Reports of Neutral Military Observers (Russian Attachés), S. 11.

76) War Department (Hrsg.): Boer War Operations in South Africa, S. 37.

77) Slocum betont: „A careful study of the war in South Africa by European powers, showing, as it does, the great possibilities of the defensive with smokeless powder, magazines, rifles, and increased artillery range, will do more to preserve the peace of Europe than a hundred Hague conventions.“ Ebenda, S. 81.

78) Stone/Schmidl, The Boer War and military reforms, S. 201-204.

79) de Jong: Reports of Neutral Military Observers (Russian Attachés), S. 8.

80) War Department (Hrsg.): Boer War Operations in South Africa, S. 79.

81) Stone/Schmidl, The Boer War and military reforms, S. 208 f.

82) de Jong: Reports of Neutral Military Observers (Russian Attachés), S. 15 f. und Lüttwitz, „Aus einem bewegten Soldatenleben“, BArch, N 887/5, S. 567-572.

83) Lüttwitz, „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 630-632.

84) War Department (Hrsg.): Boer War Operations in South Africa, S. 35.

85) Ebenda, S. 38.

86) Vorwort von Lüttwitz, „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. I, BArch, N 887/1, S. 1.

87) Nachträgliche Anmerkung von Lüttwitz: „Es sind nur wenige heimgekehrt. Beide Bataillone hatten starke Verluste, außerdem wütete unter ihnen der Typhus.

88) Almroth Wright entwickelte 1896/97 den ersten Impfstoff gegen Typhus und testete ihn an britischen Soldaten in Indien. Philippe Sansonetti: Vaccination against Typhoid Fever: A century of Research. End of the Beginning or Beginning of the End? In: Stanley A. Plotkin (Hrsg.): History of Vaccine Development. New York 2011, S. 65–72.

89) Tatsächlich setzte sich Wright für weitaus umfangreichere Impfmaßnahmen ein, was allerdings durch das britische Militär nicht für nötig erachtet wurde. Ebenda.

90) Über das gute Verhältnis zwischen den einzelnen Attachés berichtet auch Stachowitsch. Siehe Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 147.

91) Kimberley und Ladysmith waren direkt zu Beginn der Kampfhandlungen von burischen Truppen eingeschlossen worden und konnten erst am 15. bzw. 28. Februar 1900 durch britische Streitkräfte entsetzt werden. Siehe Pakenham: The Boer War, S. 396-408 und Bossenbroek: Tod am Kap, S. 303-336.

92) Siehe dazu die Aussage von Stachowitsch: „We (that is the military attachés) are made to feel that we are wanted, but they do not want to show us what we want to see”. Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 143.

93) Tatsächlich beteiligten sich zahlreiche europäische Freiwillige auf Seiten der Buren am Krieg. Diese setzten sich vor allem aus Abenteurern, „Glücksrittern“ oder auch Söldnern zusammen. Eine umfassende wissenschaftliche Darstellung zur Rolle der ausländischen Soldaten auf Seiten der Buren ist bislang ein Desiderat. Siehe dazu Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 193; Erwin A. Schmidl: Österreicher und Ungarn im Burenkrieg. In: Andrea Heuberger (Hrsg.): Rot-Weiss-Rot in der Regenbogennation. Geschichte und Geschichten österreichischer Auswanderer in Südafrika. Wien 2012, S. 53–62; Brian Pottinger: The foreign volunteers. They fought for the Boers, 1899-1902. Melville, South Africa 1986 und die mit Vorsicht zu genießende Darstellung von Claus Nordbruch: Die Europäischen Freiwilligen im Burenkrieg 1899-1902. Pretoria 1999.

94) Die „SMS Condor“ hielt sich bereits seit einigen Jahren in den Gewässern vor Südafrika bzw. Deutsch-Südwestafrika auf. Mit Beginn des Burenkrieges und der Beschlagnahmung eines deutschen Schiffs durch die britische Marine sollte die „Condor“ deutsche Schiffe vor Übergriffen schützen. Hans H. Hildebrand/Albert Röhr/Hans-Otto Steinmetz: Die deutschen Kriegsschiffe. Biographien. Ein Spiegel der Marinegeschichte von 1815 bis zur Gegenwart. Bd. 2. Herford 1985, S. 189-191.

95) Korvettenkapitän August von Dassel wurde im Dezember 1899 durch Korvettenkapitän Georg Friedrich Scheibel ersetzt. Ebenda, S. 189-191.

96) Die Berichte der „Condor“ sind größtenteils erhalten geblieben und befinden sich im BArch, RM 5/5677 bis RM 5/5681.

97) Lord Paul Methuen (1845-1932) kommandierte während des Feldzugs die 1. Division. Mit seinem Verband erlitt er eine verheerende Niederlage in der Schlacht von Magersfontein und geriet 1902 sogar in burische Gefangenschaft, aus der er wegen einer schweren Verwundung jedoch wieder entlassen wurde. Stephen M. Miller: Lord Methuen and the British army. Failure and redemption in South Africa. London, Portland 1999 und Heathcote: The British field marshals, S. 205-207.

98) Die britischen Versuche, nach Ladysmith durchzubrechen, endeten in der ersten Phase des Krieges in den Niederlagen bei Colenso und Spion Kop. Siehe Saul David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte. Von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Operation Desert Storm. München 2001, S. 46-61 und 98-108; Michael Barthorp: The Anglo-Boer wars. The British and the Afrikaners, 1815-1902. New York 1987, S. 81-91 und Pakenham: The Boer War, S. 273-295.

99) Admiral Robert Harris (1843-1926) befehligte während des kretischen Aufstands gegen die osmanische Herrschaft die HMS Revenge, die im Rahmen einer internationalen Flotte für eine Eindämmung der Unruhen auf der Insel sorgen sollte. Harris ließ schließlich das Feuer auf die bewaffneten griechischen Kämpfer eröffnen. Stephan Verosta: Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzerts (1886-1914). Wien 1988, S. 60-80 und Jost Dülffer/Martin Kröger/Rolf-Harald Wippich: Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Grossmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg (1865-1914). München 1997, S. 129-140.

100) Adolf Schiel (1858-1903), Kommandeur des deutschen Freiwilligen-Korps, das auf Seiten der Buren am Krieg teilnahm. Er starb bereits 1903 an seinen bei Elandslaagte erlittenen Verwundungen. Adolf Schiel: 23 Jahre Sturm und Sonnenschein in Südafrika. Leipzig 1902; L. Jooste: Foreigners in the defence of South Africa. In: Scientia Militaria. South African Journal of Military Studies 16/1986, S. 20–32, hier S. 23f. und Nordbruch: Die Europäischen Freiwilligen, S. 37.

101) Am 21. Oktober 1899 hatten die Briten die Eisenbahnstation von Elandslaagte erobert, welche die britischen Hauptstreitkräfte mit dem belagerten Ladysmith verband, und dabei einen ersten taktischen Erfolg gegen die Buren erfochten. Allerdings erkauften sie diesen Sieg mit dem Verlust von 52 Gefallenen und 213 Verwundeten, während die Buren 46 Gefallene und 105 Verwundete zu beklagen hatten. 189 Buren gerieten in britische Gefangenschaft. Zudem nutzen die eingeschlossenen Truppen in Ladysmith diesen Sieg nicht zum Abzug aus der Stadt. Wenig später gaben die Briten die eroberte Station daher wieder auf. Bossenbroek: Tod am Kap, S. 223f. und David J. Biggins: Elandslaagte. An account of the battle and medal roll for the Queen’s South Africa Medal 1899-1902. Honiton 2004.

102) Generalmajor Arthur Fitzroy Hart führte seine Truppen in dichten Reihen gegen die burischen Stellungen vor, als handelte es sich um ein Manöver. Aufgrund fehlerhafter Karten am falschen Ort, befanden sich seine Soldaten schließlich in einem Feuer von drei Seiten. Mehr als 400 Männer wurden verwundet oder getötet. Zur Schlacht bei Colenso siehe David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte, S. 98-108 und Pakenham: The Boer War, S. 273-295.

103) Cornelius Francis Clery (1838-1926), Kommandeur der 2. Division. Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, S. 60.

104) Charles J. Long (1849-1933), Kommandeur der britischen Royal Horse Artillery. Ebenda, S. 157.

105) In der Schlacht von Omdurman gelang den britisch-ägyptischen Streitkräften am 2. September 1898 der entscheidende Sieg gegen die Anhänger des „Mahdi“, Führer einer radikal-islamischen Bewegung im Sudan. Siehe Donald F. Featherstone: Omdurman 1898. Kitchener's victory in the Sudan. Westport, CT 2005.

106) Andreas Rose schreibt über die Taktik der Buren: „Immer wieder griffen sie aus der Distanz und der sicheren Deckung von Schützengräben und von Anhöhen aus an, um sich sodann bei Heranrücken des Feindes in bereits vorbereitete, rückwärtige Stellungen zurückfallen zu lassen und den Kampf von Neuem zu beginnen.“ Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 223. Die Buren nutzen bei ihren Vorstößen vor allem das Gelände geschickt aus und hatten keine Scheu vor Spatenarbeit – eine Tätigkeit, die in den europäischen Armeen bislang eher rudimentär gefordert worden war. Zur deutschen Rezeption der „Burentaktik“ siehe Storz: Kriegsbild und Rüstung, S. 59f. und Müller: Anmerkungen zur Entwicklung, S. 397f. Zu den britischen Lehren aus dem Burenkrieg siehe Spencer Jones: From Boer War to World War. Tactical reform of the British Army, 1902-1914. Norman 2013.

107) Heutiger Name: Mount Frere.

108) Tatsächlich konnten die Buren auf einige neue Geschütze französischer und deutscher Hersteller zurückgreifen. Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 220 und Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 195.

109) Percy Scott (1853-1924) avancierte später zum Admiral, nachdem er sich im Burenkrieg als Artilleriefachmann einen Namen gemacht hatte. D. D. Hall: The Naval Guns in Natal. In: Military History Journal 4/1978, S. 76–81.

110) Britische Truppen hatten das Zululand im Jahr 1879 erobert. 1887 wurde es zum Protektorat erklärt und 1897 der britischen Kolonie Natal einverleibt. Ian Knight: The Zulu War 1879. Oxford 2003.

111) Südafrikanische Siedlungen zur Viehzucht.

112) Zur Haltung der Zulus während des Burenkrieges siehe Laband: Zulus and the War.

113) Ähnliches über die scharfe Zensur berichtete auch Stachowitsch: „Lately the censorship of the press has become still more severe; now the papers know nothing. It is difficult to surmise anything from conversations, as the majority know nothing and those who know anything carefully conceal it”. Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 141.

114) Ivor Herbert (1851-1933) war verantwortlich für die Betreuung der ausländischen Offiziere. Er avancierte später bis zum Generalmajor.

115) Nachträgliche Anmerkung von Lüttwitz: „Das Telegramm lautete: ‚Begleitung der Natalarmee mir versagt, kehre Kapstadt zurück.‘ Es war direkt an den Kaiser gerichtet und kostete nur 52 Shilling. Einen Bescheid darauf habe ich nicht erhalten. Wie ich später hörte, hat S.M. dem englischen Botschafter energische Vorhaltungen gemacht. Lord Roberts hatte, wie aus seinem Benehmen gegen uns hervorging, zweifellos Anweisungen seiner Regierung erhalten, sich uns gegenüber liberaler zu benehmen.

116) Gemeint ist die britische Niederlage in der Schlacht von Spion Kop am 23. und 24. Januar 1900. David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte, S. 46-62.

117) Ähnliche Einschätzungen traf auch Stachowitsch, der ebenfalls von der Ruhe und Gelassenheit der britischen Militärführer beeindruckt war. Siehe Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 143.

118) Horatio Herbert Kitchener (1850-1916) diente als Generalstabschef von Lord Roberts, ehe er nach dessen Rückkehr nach Großbritannien selbst den Oberbefehl in Südafrika übernahm. Fortan verfolgte er gegen die Buren eine Politik der „verbrannten Erde“. Kitchener war bereits zu Lebzeiten außerordentlich populär und galt als fähiger Kolonialsoldat – ein Ruf, den er vor allem dem gewonnenen Feldzug gegen den „Mahdi“ verdankte. Während des Ersten Weltkriegs fungierte Kitchener als Kriegsminister. Er starb 1916 bei der Überfahrt nach Russland, da sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Philip Warner: Kitchener. The man behind the legend. London 1985; C. Brad Faught: Kitchener. Hero and anti-hero. London, New York 2016 und Heathcote: The British field marshals, S. 191-197.

119) Curt von Morgen (1858-1928) begleitete Kitchener und die britische Armee als deutscher Beobachter der Dongola-Expedition gegen Truppen des Mahdi, während Adolf von Tiedemann (1865-1915) die Schlachten von Karthum und von Omdurman mitmachte. Christian Senne: Auf den Schlachtfeldern des Orients. Der preußische Militärbeobachter Curt Ernst von Morgen. In: Militärgeschichte 1/2009 und Adolf von Tiedemann: Mit Lord Kitchener gegen den Mahdi. Erinnerungen eines preußischen Generalstabsoffiziers an den englischen Sudanfeldzug. Berlin 1906.

120) Muss heißen: 17. Februar.

121) Hugh Dawnay, 8th Viscount Downe (1844-1924) war nach der Versetzung von Ivor Herbert für die Betreuung der ausländischen Offiziere verantwortlich. Im Gegensatz zu Herbert war er allerdings weit weniger dazu in der Lage, die Attachés mit Informationen zu versorgen. Siehe Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 148.

122) Nachträgliche Anmerkung von Lüttwitz: „Dieser 15.2. hätte mit größter Leichtigkeit unserer Beobachtungstätigkeit in Südafrika bereits in ihren ersten Anfängen ein Ende bereiten können. So harmlos, wie ich die Sache meiner Mutter darstellte, um sie nicht zu erschrecken, war sie nicht.

123) In der Modder River Schlacht war es britischen Truppen unter der Führung von Lord Methuen am 28. November 1899 unter hohen Verlusten gelungen, die Buren aus ihren Stellungen zu vertreiben. Methuen plante auf diese Weise das eingeschlossene Kimberley zu entsetzen, musste dieses Vorhaben nach der Niederlage in der Schlacht von Magersfontein jedoch aufgeben. Pakenham: The Boer War, S. 231-241.

124) Paulus (Paul) Kruger (1825-1904), Präsident der Südafrikanischen Republik (1882 bis 1902). Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, S. 144f.

125) Pieter (Piet) Cronjé (1836-1911), burischer General, besiegte die britischen Truppen bei Magersfontein. Nach seiner Gefangennahme blieb er bis 1902 auf der britischen Insel St. Helena inhaftiert. Ebenda, S. 70f.

126) Britische Truppen hatten vom 15. bis zum 18. Februar die Buren-Einheiten unter Pieter Cronjé in der Nähe von Paardeberg eingeschlossen. Cronjés Männern war es nicht wie bisher gelungen, sich der Einkesselung zu entziehen. Ihre Vorräte waren durch britischen Artilleriebeschuss zerstört worden. Am 27. Februar gaben Cronjé und seine 4 000 Soldaten auf. Für die britischen Truppen war fortan der Weg nach Bloemfontein frei. Bossenbroek: Tod am Kap, S. 312-316.

127) Eine ähnliche Beschreibung des Lagers bei Paardeberg liefert auch Stachowitsch. Siehe Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 149f.

128) Der Einkesselung Cronjés gingen zahlreiche kleinere Gefechte voraus. Siehe dazu Anthony Baker: Battles and battlefields of the Anglo-Boer War, 1899-1902. Milton Keynes 1999, S. 139-158.

129) Herrscher des Fürstenstaats Patiala in Britisch-Indien.

130) Oskar Kettenbeil war der Bursche von Arthur von Lüttwitz. Er starb am 7. Mai 1900 an Typhus. „Aus einem bewegten Soldatenleben“, Bd. V, BArch, N 887/5, S. 645.

131) Richard F.W. Albrecht, ehemals preußischer Artillerieoffizier, der am deutsch-französischen Krieg teilgenommen hatte. Er organisierte und vergrößerte die burische Artillerie. Wie Cronjé wurde er nach der Gefangennahme auf St. Helena interniert. Jooste: Foreigners in the defence of South Africa, S. 24 und 29 sowie Nordbruch: Die Europäischen Freiwilligen, S. 37.

132) Lüttwitz spielt hier auf vorzeitige Kapitulationen einiger französischer Generale während des deutsch-französischen Krieges an.

133) „Pom-Poms“ war die Bezeichnung für schwere Maschinengewehre. Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 195.

134) Marthinus Theunis Steyn (1857-1916), Staatspräsident des Oranje-Freistaats (1896-1902). Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, S. 241-243.

135) Wassili Gurko (1864–1937) nahm später am russisch-japanischen Krieg teil. Im Ersten Weltkrieg erhielt er das Kommando über die russische Westfront, ehe er im Anschluss an die Februarrevolution ins Exil ging. Kandyba-Foxcroft: Russia and the Anglo-Boer War, S. 152-154; Rotem Kowner: Historical Dictionary of the Russo-Japanese War. Lanham, Toronto, Oxford 2006, S. 137f. und Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 324.

136) Lodewijk Thomson (1869–1914) betätigte sich nach dem Krieg in der niederländischen Politik und gehörte von 1905 bis 1913 dem Parlament an. Er starb 1914 in Albanien, wo er als Teil der internationalen Gendarmerie zur Erhaltung des jungen Staates beitragen sollte. Stone/Schmidl: The Boer War and military reforms, S. 325; C. M. Schulten: LWJK Thomson (1869–1914). In: Armamentaria 13/1978, S. 72–92 und de Jong: Past as Future, passim.

137) Lourenço Marques, heute Maputo, war die Hauptstadt der portugiesischen Kolonie Mosambik. Die gefangenen Militärattachés mussten durch portugiesisches Gebiet zu den Buren zurückkehren. Siehe de Jong: Past as Future, S. 45.

138) Afrikaans für Kopf oder Haupt, hier also: Hügel oder Bergkuppe.

139) Walther von Lüttwitz (1859-1942) war der Cousin von Arthur von Lüttwitz und zu diesem Zeitpunkt in der 4. Abteilung (Fremde Festungen) im Großen Generalstab beschäftigt. Er beteiligte sich später am gescheiterten „Kapp-Lüttwitz-Putsch“, floh anschließend ins Exil und starb 1942 in Breslau. Hildebrand/Zweng: Die Ritter des Ordens Pour le Mérite. Bd. 2, S. 391-393.

140) Hector A. MacDonald (1853-1903), Kommandeur der Highland Brigade. Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, S. 160f.

141) Robert George Broadwood (1862–1917), britischer Kavallerieoffizier. Ebenda, S. 50f.

142) T. C. Porter, britischer Kavallerieoffizier.

143) Lüttwitz beschreibt in einer Anmerkung das Gefecht von Driefontein, bei dem 3 000 britische Soldaten etwa 2 000 Buren gegenüberstanden. Der deutsche Offizier geht dabei vor allem auf die zahlreichen mangelhaften taktischen Anweisungen britischer Kommandeure ein.

144) Unter der Führung des Politikers Leander Starr Jameson (1853-1917) waren britische Polizeieinheiten und afrikanische Hilfstruppen Ende Dezember 1895 in Transvaal eingefallen, um die britisch-stämmige Bevölkerung zu einem Aufstand gegen die Buren anzustacheln. Der geplante Aufstand blieb jedoch aus, burische Truppen konnten die Eindringlinge bereits am 2. Januar 1896 gefangen nehmen. Zum „Jameson-Raid“ siehe Elizabeth Longford: Jameson’s raid: The prelude to the Boer war. London 1982 und Bossenbroek: Tod am Kap, S. 129-132.

145) Reinhold Gregorowski (1856-1922), südafrikanischer Richter.

146) In Südafrika existierte tatsächlich ein Ort mit dem Namen „Stinkfontein“, was „stinkende Quelle“ bedeutet. Wahrscheinlich hatte Lüttwitz diese Ortsbezeichnung aufgeschnappt. Der heutige Name des Ortes lautet Eksteenfontein.

147) Alfred Milner, 1st Viscount Milner (1854–1925), britischer Politiker, Hochkommissar für das südliche Afrika und Gouverneur der Kapkolonie. Siehe Bossenbroek: Tod am Kap, S. 163.

148) Am 31. Mai 1899 trafen sich Milner und Kruger in Bloemfontein zu Verhandlungen. Milner, der die Eskalation längst als Ziel ausgegeben hatte, forderte von Kruger die sofortige Einführung des uneingeschränkten Stimmrechts für alle Uitlanders und sieben Abgeordnete im (Ersten) Volksrat. Obwohl Kruger den Forderungen weit entgegen kam, brach Milner die Gespräche am 5. Juli ab, um eine Konfrontation herbeiführen zu können. Siehe ebenda, S. 180f. und Eberspächer: „Albion zal hier ditmaal zijn Moskou vinden!“, S. 185.

149) Lord Roberts betonte kurz nach dem Einmarsch in Bloemfontein in einem persönlichen Schreiben an Königin Victoria „It seems unlikely that this State will give much more trouble.” Zitiert nach Bossenbroek: Tod am Kap, S. 337.

150) Zur Rolle der Kriegskorrespondenten siehe Stephen Badsey: War Correspondents in the Boer War. In: John Gooch (Hrsg.): The Boer War. Direction, experience and image. London, Portland 2000, S. 187–202.

151) Zur pro-burischen Haltung der deutschen Presse siehe Kröll: Die internationale Buren-Agitation und Bender: Der Burenkrieg und die deutschsprachige Presse.

152) Laut Lüttwitz bestanden die Gründe in der Notwendigkeit, vor Antritt des Vormarsches das Heer zu ergänzen, mit Ausrüstung und neuen Pferden zu versehen, sowie in der Notwendigkeit den südlichen Teil des Freistaates zu sichern.

153) In der dritten Phase des Krieges änderten die Buren unter ihrem neuen Befehlshaber Christiaan de Wet ihre Strategie und verlegten sich fortan auf gezielt ausgeführte „Raids“ gegen die britischen Nachschub- und Kommunikationslinien. Pakenham: The Boer War, S. 480-492 und Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 229-237.

154) Neben der Zerstörung der Nachschub- und Kommunikationslinien sabotierten die Buren auch die Lebensmittelversorgung großer Städte. Rose: „Unsichtbare Feinde“, S. 230.

155) Name des britischen Truppentransportschiffes, mit dem die ausländischen Beobachter nach Südafrika gekommen waren.

156) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Typhus und Flecktyphus häufig noch als verschiedene Ausdrucksformen einer Krankheit gedeutet. Die heutige Medizin unterscheidet jedoch zwischen Fleckfieber, das von Läusen, und Typhus, das durch Salmonellen übertragen wird.

157) Am 31. Mai 1900 zogen die Briten in die Stadt ein.

158) Christiaan de Wet (1854-1922) wurde 1900 Oberkommandierender der Truppen des Oranje-Freistaats und änderte die Taktik der Buren. Diese vermieden fortan offene Feldschlachten und gingen zum Guerilla-Krieg über. Marix Evans: Encyclopedia of the Boer War, S. 73-75.

159) Roberts hatte gegenüber dem Burengeneral Louis Botha (1862-1919) Friedensverhandlungen angeregt, die jedoch von Botha nach einigem Zögern abgelehnt wurden. Bossenbroek: Tod am Kap, S. 367.

160) Wilhelm II. war von Marine und der Seefahrt fasziniert und weilte anlässlich der bekannten Segelregatta „Cowes Week“ in Cowes.

161) William Humble Ward, 2nd Earl of Dudley (1867-1932), britischer Offizier und Politiker.

162) Edward Stanley, 17th Earl of Derby (1865-1948), britischer Offizier, versah die Geschäfte des Zensors, später Politiker und Diplomat.

163) Zu Milton konnten keine weiteren Informationen gefunden werden.

164) Zu Castleton konnten keine weiteren Informationen gefunden werden.

165) Zu den letzten größeren Operationen vor dem eskalierenden Guerillakrieg siehe Pakenham: The Boer War, S. 546-574.