Aphrodite ist noch immer auf Urlaub

Zur Situation in Zypern

 

Wolfgang Taus

 

Die Öffnung der Ledra-Straße im Herzen der zypriotischen Hauptstadt 2007, nachdem zuvor eine Grenzmauer zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil Nikosias niedergerissen worden war, ließ mit der Wahl des linksgerichteten Dimitris Christofias bei den Präsidentenwahlen vom Februar 2008 die Hoffnung aufkeimen, dass eine Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Mittelmeerinsel nun doch in greifbarere Nähe gelangen könnte. Christofias verfügte über gute Beziehungen zum türkischen Teil Zyperns und gilt im Bestreben einer Wiedervereinigung der beiden Inselteile als kompromissbereiter als sein konservativer Amtsvorgänger Tassos Papadopoulos. Am 23. Mai 2008 führten Christofias und der damalige Führer der türkischen Zyprioten, Mehmet Ali Talat, erste Gespräche über eine Wiedervereinigung der Insel. Beide Seiten waren sich nach wie vor einig, dass die Lösung der Zypernfrage auf der Basis einer Föderation von zwei Territorien und zwei Volksgemeinschaften gesucht werden müsse, hieß es. Diese Föderation hätte dann eine Bundesregierung, die Zypern international vertrete.
Seit dem von der damaligen Athener Junta unterstützten Putsch gegen Präsident Makarios III. im Jahr 1974 und der dadurch ausgelösten Invasion türkischer Truppen ist Zypern zweigeteilt. Wie diese Teilung überwunden werden kann, hat bereits fünf Präsidenten der Republik Zypern und fünf UNO-Generalsekretäre beschäftigt. Diverse Initiativen der UNO wurden jedoch verworfen.
Der griechisch-zypriotische Präsident Dimitris Christofias ist der Vorsitzende der linken Fortschrittspartei des arbeitenden Volkes (Akel), einer einst Moskau-treuen und heute gemäßigten linken Partei. Die Akel, seit den 1950er-Jahren die größte politische Partei des Landes, hat sich der Überwindung der Teilung Zyperns verschrieben. Mehmet Ali Talat war jahrelang Vorsitzender der Türkisch-Republikanischen Partei, einer türkisch-zypriotischen Version der Akel, die ebenfalls für eine Vereinigung der geteilten Heimat plädiert. Bezeichnenderweise sprach Christofias von seinem „Genossen und guten Freund Talat“.
Als Anfang Juli 2008 auch der türkisch-zypriotische Präsident Talat von einer „einheitlichen Souveränität und Staatsbürgerschaft“ sprach, war die Freude im griechischen Teil der Insel groß. Dann wurde Talat aber von Ankara zurückgepfiffen. Die türkischen Generäle beharrten auf einer Lösung des Konflikts auf der Grundlage zweier Völker und zweier Staaten. Die Frage, welche Rolle die türkische Armee künftig auf der Insel spielen soll, ist ebenfalls völlig offen.
Die türkischen Streitkräfte haben auf Zypern rund 36.000 Soldaten stationiert; ihre Generäle pochen darauf, dass Ankara ein Recht auf militärische Intervention zukommt. 2004 sprach sich der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan im Rahmen des so genannten Annan-Plans für die Wiedervereinigung der Insel aus - und zog sich den Unwillen des Militärs zu. Mittlerweile hat sich die Rhetorik Erdogans geändert. Eine Lösung des Konflikts könne nur auf der Grundlage zweier gleichberechtigter Staaten und damit einer losen Konföderation gefunden werden, gab er zu verstehen. Ein Streit um das direkt an der Demarkationslinie gelegene und von Inselgriechen bewohnte Fischerdorf Kato Pyrgos hatte die Wiederaufnahme der Verhandlungen überschattet.1)
Zypern gehört seit 2004 zur EU. Die international anerkannte Regierung in Nikosia kontrolliert jedoch nur den Süden der Insel. Nur dort gilt das EU-Regelwerk und -Recht. Die Türkische Republik Nord-Zypern wird ausschließlich von der Türkei anerkannt.
Griechenland unterhält dagegen nur ein kleines Kontingent im griechischen Süden, um die aus etwa 10.000 Mann bestehende Nationalgarde zu unterstützen.2)

Verhandlungen in der Sackgasse

Trotz anfänglicher Euphorie ist 2009 der Elan zur Lösung der Zypernfrage stark zurückgegangen. Seither trafen sich die zwei Volksführer trotzdem kontinuierlich zu Verhandlungen, und wie sie immer wieder beteuerten, herrschte jeweils ein „sehr positives Klima“. Die beiden Politiker schienen aber über genau dieselben Schwierigkeiten zu stolpern wie früher auch ihre nationalistischen Vorgänger. Dazu gehörte die Frage, wie die Macht der Zentralregierung bei einer Wiedervereinigung unter den Inselgriechen und den Inseltürken verteilt werden müsste. Keine Einigung konnte zudem gefunden werden bei der komplexen Frage, was mit den Häusern, Wohnungen und Ländereien geschehen soll, die griechische und türkische Zyprioten auf der jeweils anderen Seite der Insel besitzen.
Das größte Hindernis war und ist aber die Frage der so genannten Garantiemächte. Im Gründungsdokument der Republik Zypern 1960 sicherten sich die Türkei, Großbritannien und Griechenland als „Garantiemächte“ das Recht, militärisch auf der Mittelmeerinsel zu intervenieren.3) Die Türkei wolle auf dieses Recht nicht verzichten und bezeichne es als ihre „rote Linie“, die nicht überschritten werden dürfe, erläuterte Christofias. Zypern sei aber erwachsen und betrachte die Streichung dieses Rechts der drei Garantiemächte als Conditio sine qua non. Seine Regierung, so betonte Christofias, befürworte einen EU-Beitritt der Türkei. „Der Ball dafür liege aber in Ankara und nicht in Nikosia“, hieß es von Seiten der griechisch-zypriotischen Regierung.
Als der türkische Premierminister Erdogan 2004 wegen der EU-Perspektive seines Landes eine Wiedervereinigung Zyperns unterstützte, schmiedeten die Generäle Putschpläne, um ihn gewaltsam aus seinem Amt zu entfernen.
So drohte die ungelöste Zypernfrage immer mehr zum Anlass für eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU zu werden. Nach dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen hatte sich Ankara nämlich verpflichtet, entsprechend den Prinzipien der Zollunion die türkischen Häfen und Flughäfen für Schiffe und Flugzeuge aus dem EU-Mitgliedstaat Zypern zu öffnen. Noch immer weigert sich aber die türkische Regierung, dieser vertraglichen Verpflichtung nachzukommen. Sie begründet ihre Weigerung damit, dass die EU wichtige Kapitel der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wegen der Zypernfrage nach wie vor eingefroren hat.
Die Türkei ist desillusioniert. Die Hoffnung, dass das Land mit seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung jemals in die EU aufgenommen wird, schwindet. Und damit geht auch die Bereitschaft zurück, Kompromisse in der nach wie vor schwierigen Menschenrechtsfrage in der Türkei oder in der Zypernfrage einzugehen. In diesem Klima des Misstrauens könnten die Türkei-Skeptiker in der EU und die EU-Skeptiker in der Türkei versucht sein, die EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara insgesamt einzufrieren. Damit wäre der Traum der Türkei, vollwertiges Mitglied Europas zu werden, ausgeträumt. Auf Zypern würde die Teilung zementiert.

Unterschiedliche Sichtweisen zur Geschichte Zyperns an den Schulen beider Seiten

Die Absicht der griechisch-zypriotischen Regierung, die Geschichtsbücher der Republik Zypern im Sinne einer friedlichen Koexistenz zwischen Inselgriechen und Inseltürken zu ändern, sorgte und sorgt bei den griechischen Zyprioten für kontroverse Debatten.4)
Auch im türkischen Norden der Insel sorgte die bereits 2004 erfolgte reformorientierte Änderung der Geschichtsbücher für einigen Wirbel von nationalistischer Seite.
Besonders am griechisch-zypriotischen Erziehungsminister Andreas Dimitriou entzündete sich die hartnäckige Kritik konservativ gesinnter griechischer Zyprioten im Süden des Landes. So schrieb er am Namenstag des Republikgründers, Erzbischof Makarios, Mitte Jänner 2009 in einem in allen Schulen verteilten Rundschreiben die Schuld für die tragische Teilung Zyperns im Jahre 1974 „illegalen griechisch-zypriotischen und türkisch-zypriotischen Extremisten“ zu. Von „griechisch-zypriotischen Extremisten“ hörten manche Schüler zum ersten Mal. Seit dem Einmarsch türkischer Soldaten auf Zypern und der Teilung der Mittelmeerinsel in einen griechisch-zypriotischen Süden und einen türkisch-zypriotischen Norden lernen sie in den Schulen, dass die Teilung lediglich auf die Machtansprüche der „bösen“ Türkei zurückzuführen sei. Das Schreiben des Erziehungsministers löste einen Aufschrei der Empörung im griechischen Süden aus. Nationalistische Kritiker sprachen gar von einer „Verstümmelung des griechischen Erbes“.
Eine Kluft zeichnete sich seit September 2008 zwischen der Regierung des neuen griechisch-zypriotischen Präsidenten Christofias einerseits sowie der Kirche und den Nationalisten andererseits ab. Der Wahlsieg von Christofias im Süden der Insel und die Politik von Talat im Norden hatten nach Jahrzehnten der Frustration wieder Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Zyperns aufkommen lassen. Erziehungsminister Andreas Dimitriou hatte damals unter jenen günstigen politischen Bedingungen eine umfassende Bildungsreform auf den Weg zu bringen versucht. Eine Umschreibung und Ergänzung der bisher an den Schulen gelehrten zypriotischen Geschichte war wesentlicher Teil dieser Reformmaßnahmen.
Für die griechisch-zypriotische Bevölkerung, die 80% der Gesamtbevölkerung ausmacht, beginnt die Geschichte Zyperns laut bisheriger alter Geschichtsdarstellung mit der Kolonisierung und Hellenisierung der Mittelmeerinsel durch die Mykener in der Antike und setzt sich mit dem griechisch-orthodoxen „glorreichen Byzantinischen Reich“ fort. Die 300-jährige Periode des Osmanischen Reichs wurde als eine Ära „der Erniedrigung und brutalen Unterdrückung“ angesehen. Die griechisch-zypriotischen Schüler lernten, dass die Bevölkerung Zyperns schon immer griechisch und griechisch-orthodox war. Die übrigen ethnischen Gruppen Zyperns, etwa die Inseltürken, die Latiner und die Maroniten, würden als Überbleibsel ehemaliger Besatzungsmächte behandelt. Eine Zäsur in der jüngsten Geschichte bildete der Einmarsch der türkischen Truppen 1974, aus der Sicht der Inselgriechen „eine Tragödie“. Die Türken wurden als „türkischer Attila“ bezeichnet.5)
„Glückbringende Friedensoperation“, so benennt man bislang die türkische Invasion hingegen im Norden Zyperns. Für die Inseltürken (18% der Gesamtbevölkerung) beginnt die Geschichte der Insel (erst) 1571, als Zypern vom Osmanischen Imperium annektiert wurde. Dabei wurde bisher das antike-hellenistische Erbe zurückgestellt. Der Begriff „Mutterland Türkei“ bezeichnet die Bevölkerungsmehrheit mit dem oftmals als erniedrigend empfundenen Begriff „Rum“. „Rum“ nannte man in der Türkei gewöhnlich die griechischsprachigen Untertanen der Osmanen. Den Kindern der türkischen Zyprioten wurde nach 1974 in den Schulen gelehrt, dass die griechischen Zyprioten Massaker an den Türken auf der Insel begangen und deren Besitztümer sich selbst einverleibt hätten.6) Ein Zusammenleben beider Seiten sei deshalb unmöglich. Dagegen wurde bisher die osmanische Besatzungsära (beginnend mit der Eroberung durch die Osmanen 1571 bis zur Abgabe der Macht an die Briten 1878) als Zeit der Freiheit und des Fortschritts glorifiziert.
Im türkischen Norden Zyperns wurden 2004 die Geschichtsbücher reformiert. Darin fehlt der Begriff „Mutterland Türkei“. Stattdessen wird Zypern als „unsere Insel“ bezeichnet. Das Wort „Zypriote“ wird häufig gebraucht und bezeichnet griechische und türkische Zyprioten. Auf Karten fehlt die Demarkationslinie. Wegen dieser Reformen haben rechtsnationalistische türkisch-zypriotische Gruppen eine Schlammschlacht gegen die Reformer geführt und sogar Morddrohungen ausgesprochen. Nationalistische türkisch-zypriotische Lehrer im Norden weigern sich zudem, die Reformen im Unterricht umzusetzen.
Auf breite Ablehnung stießen die Reformen auch bei der Gewerkschaft der Mittelschullehrer im griechischen Süden. Sie veröffentlichte ein eigenes Papier mit dem Ziel, „die geschichtliche Wahrheit wiederherzustellen“, wie es hieß. Die Türkei habe nach 1955 die extremistische türkisch-zypriotische Organisation TMT mit Waffen ausgerüstet und im Jahre 1963 den bewaffneten Konflikt mit den Inselgriechen angeheizt, wurde darin hervorgehoben.
Zypern war britische Kronkolonie, bevor die Insel 1960 die Unabhängigkeit erlangte. Während des Befreiungskriegs gegen die Kolonialmacht ab 1955 träumte ein Großteil der Inselgriechen von der „Enosis“,7) der Vereinigung Zyperns mit Griechenland, und ein Großteil der Inseltürken von „Taksim“,8) einer Teilung der Mittelmeerinsel. Beide verfügten über bewaffnete Gruppierungen, die einander mit aller Härte bekämpften - ohne Rücksicht auf die jeweilige Zivilbevölkerung.
So gab Erzbischof Makarios 1977 kurz vor seinem Tode zu, dass das Streben der griechischen Zyprioten nach einem Anschluss Zyperns an Griechenland die ungeteilte Republik Zypern zerstört habe.9) Makarios ist im griechischen Teil Zyperns noch immer eine unantastbare Lichtgestalt.10) Fragen zu seiner Politik zu stellen kommt heute weiterhin für viele Inselgriechen einer nationalen Beleidigung gleich. Insbesondere Teile der griechisch-orthodoxen Kirche empfinden das so. Allerdings mehren sich auch hier die Stimmen, die jenes festgefahrene „schwarz-weiß“ gefärbte Geschichtsbild als nicht mehr zeitgemäß betrachten.
Der Prozess hin zu einer jeweils reform- und damit auch faktenorientierten Geschichtsdarstellung ist auf beiden Seiten der Insel noch lange nicht abgeschlossen.

Türkisch-Zypern: Konservative Opposition gewinnt Parlamentswahl

Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im türkischen Nordteil Zyperns errang am 19. April 2009 die oppositionelle konservative Partei der Nationalen Einheit (UBP) unter Dervis Eroglu einen klaren Sieg. Sie erreichte rund 44% der Stimmen. Die bisher regierende gemäßigte Republikanisch-Türkische Partei (CTP) erhielt 29% der Stimmen.
Eroglu sagte nach dem Wahlsieg, die Bemühungen zur Wiedervereinigung der seit 35 Jahren geteilten Insel würden fortgesetzt. Seine Partei werde den Volksgruppenführer der Zyperntürken, Mehmet Ali Talat, unterstützen. Dessen Partei, die bei der Wahl unterlegene CTP, setzt sich für eine Konföderation des türkisch besetzten Nordteils mit dem von der griechisch-zypriotischen Bevölkerungsmehrheit bewohnten Süden der Insel ein. Die UBP stand den Verhandlungen mit dem zypriotischen Präsidenten Demetris Christofias über eine Wiedervereinigung Zyperns bisher grundsätzlich ablehnend gegenüber.11)
Völkerrechtlich wurde ganz Zypern 2004 Mitglied der EU, doch findet das EU-Regelwerk in dem von türkischen Truppen besetzten Nordteil keine Anwendung. Ein UNO-Wiedervereinigungsplan war 2004 von den griechischen Zyprioten in einem Referendum massiv verworfen worden, die türkischen Zyprioten hatten ihn dagegen gutgeheißen.
Bisher fehlte es insbesondere auch innerhalb der EU zum Teil am politischen Willen, sich ernsthaft mit dem Verhältnis zur Türkei als Schutzmacht Nord-Zyperns auseinanderzusetzen. In den wichtigsten EU-Hauptstädten weiß man, dass die meisten EU-Bürger einen Beitritt der Türkei kritisch beurteilen, insbesondere wegen der muslimischen Identität des Landes. Das Gezerre um Zypern dürfte da als durchaus willkommene Entschuldigung erscheinen, um das Thema EU-Beitritt der Türkei auf die lange Bank schieben zu können, glauben Kritiker.

Einzementierte Positionen

Die Griechisch-Zyprioten waren und sind in einer stärkeren Position als der nur von Ankara anerkannte türkische Nordteil, der trotz der Versprechen der EU, den direkten Handel mit den EU-Ländern zu erleichtern, noch immer ökonomisch stark isoliert ist. Auch deshalb nimmt die Skepsis gegenüber einer Föderation mit dem griechischen Süden zu. Die türkischen Zyprioten können inzwischen dennoch Pässe der Republik Zypern beantragen und so Bürger der EU werden. Damit fällt ein wichtiger Anreiz weg. Die Aufnahme des geteilten Zypern in die EU ohne eine vorherige politische Lösung war ein Fehler, meinen rückblickend manche politische Beobachter. Die EU hatte damit den wichtigsten Hebel aus der Hand gegeben, mit dem Nikosia zu Kompromissen hätte gezwungen werden können. Der EU-Beitritt zementiere die Teilung, so Kritiker.
Für Ankara ist die Lösung des Zypern-Problems eine Voraussetzung für einen EU-Beitritt, auch wenn ein solcher derzeit mittel- bis langfristig kaum zu erwarten ist. Das EU-Mitglied Zypern (heißt de facto: Griechisch-Zypern) kann bereits jetzt jeden Schritt der Türkei mit einem Veto belegen. Für die Gegner eines EU-Beitritts diene der ungelöste Zypern-Konflikt zudem als willkommener Vorwand, die Türkei von Europa fern zu halten, glauben Kritiker.
Im Falle eines Scheiterns des anvisierten Ziels einer Wiedervereinigung der Mittelmeerinsel würde der Norden Zyperns de facto zu einer Provinz Zyperns und zu einem noch stärker ausgebauten militärischen Vorposten als bisher.
Nord-Zypern ist mittlerweile aber auch zu einem Paradies für Casinos und Spielhöllen sowie für Briefkastenfirmen geworden.
Ein geteiltes EU-Mitgliedsland, in dem auf Dauer Truppen eines Beitrittskandidaten völkerrechtswidrig stationiert sind, wäre letztlich aber auch für Brüssel eine große Belastung. Deshalb wurden und werden die Gespräche zur Lösung des langwierigen Konflikts um Zypern weitergeführt.

Wahlsieg des Nationalisten Dervis Eroglu in Türkisch-Zypern

Mitte April 2010 gewann der besonders auf nationalistische Positionen beharrende Kandidat, Dervis Eroglu, die türkisch-zypriotischen Präsidentenwahlen gegen den bisherigen Amtsinhaber, dem eher liberalen Mehmet Ali Talat. Talat war erklärter Favorit des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Eroglu hingegen wurde vom türkischen Generalstab favorisiert. Sowohl für die griechisch-zypriotische Seite als auch für die türkische Regierung in Ankara selbst war der Wahlsieg Eroglus mehr als eine Ernüchterung. Erdogan erklärte dennoch vollmundig nach dem Wahlausgang: „Unser Ziel ist es, bis Ende 2010 eine Einigung auf Zypern zu erzielen.“ 12) Eroglu selbst versprach vielmehr nur, die Verhandlungen mit den Griechisch-Zyprioten fortzusetzen.

Wiederaufnahme der Zypern-Gespräche

Die Konfliktparteien auf Zypern setzten am 26. Mai 2010 nach zweimonatiger Unterbrechung ihre Gespräche zur Wiedervereinigung der Mittelmeerinsel fort. Das Treffen war das erste zwischen dem griechisch-zyprischen Präsidenten Christofias und dem neuen türkisch-zypriotischen Präsidenten Eroglu. Der türkisch-zypriotische Volksgruppenführer verzichtete nach Angaben des UNO-Sonderbeauftragten Alexander Downer auf die Forderung nach einer Zweistaatenlösung für die geteilte Mittelmeerinsel und akzeptierte das Prinzip eines „wiedervereinigten Bundesstaates“.
Trotz der Erleichterungen beim Grenzverkehr zwischen dem türkischen Norden und griechischen Süden Zyperns stand und steht die Versöhnung zwischen Griechen und Türken weiter aus.

Wachsende Spannungen zwischen der Türkei und Nord-Zypern

Geplante Kürzungen der finanziellen Unterstützung der Türkei für den türkischen Teil Zyperns lösten Mitte Februar 2011 schwere Spannungen zwischen Ankara und den türkischen Zyprioten aus.
Die Ernennung eines neuen türkischen Botschafters für den türkischen Inselteil wurde von der Presse in der Türkei als Kampfansage gewertet. Ankara hatte überraschend seinen Botschafter im türkischen Teil Nikosias abberufen und durch einen Beamten ersetzt, der Kürzungen der finanziellen Zuwendungen durchsetzen sollte.
Geplante Gehaltskürzungen in Nord-Zypern, die auf türkische Sparmaßnahmen zurückgehen, hatten schon Ende Jänner 2011 antitürkische Demonstrationen der türkischen Zyprioten ausgelöst. Der türkische Ministerpräsident Erdogan warf ihnen daraufhin Undankbarkeit vor.

Explosion eines Munitionsdepots zerstört ökonomische Infrastruktur im Süden

Bei einer gewaltigen Explosion eines Munitionsdepots der griechisch-zypriotischen Streitkräfte auf dem Marinestützpunkt „Evangelos Florakis“ nahe Larnaka am 11. Juli 2011 wurden 13 Menschen getötet, 60 weitere wurden dabei verletzt. Der Marinechef des Inselstaates und der Kommandeur der Basis kamen ebenfalls bei der Explosion ums Leben. Die Detonation von 98 Containern mit Munition legte auch teilweise die Energieversorgung des griechischen Südens lahm. Das nahe gelegene größte Elektrizitätswerk der Insel wurde großteils zerstört. Im Süden kam es seitdem immer wieder zu Stromunterbrechungen. Die EU lieferte Generatoren und Experten nach Zypern.
Die Katastrophe ließ die Griechisch- wie Türkisch-Zyprioten wieder näher aneinander rücken. Erstmals seit 30 Jahren lieferte der türkische Norden der Insel als Geste des guten Willens Strom an den Süden. Doch nicht bei allen griechischen Zyprioten wurde dies gutgeheißen. Denn damit würde ihrer Meinung nach einer indirekten diplomatischen Anerkennung Nord-Zyperns quasi „durch die Steckdose“ Vorschub geleistet.
Nach der Teilung Zyperns 1974 bezog der türkische Norden viele Jahre lang kostenlos Elektrizität aus dem Süden, denn dort befanden sich alle Kraftwerke. 1996 nahm ein mit Hilfe der Türkei gebautes eigenes Kraftwerk in Nord-Zypern seinen Betrieb auf.
Nun ließen sich die türkischen Zyprioten den in den griechischen Süden gelieferten Strom teuer bezahlen: Ca. 20 Cent pro Kilowattstunde würden fällig, hieß es.
Das Unglück brachte die Regierung des griechischen Südens in arge Bedrängnis. So kam es u.a. zu wütenden Protesten der eigenen Bevölkerung gegen die Regierung von Präsident Christofias, zu wenig für die Sicherheit der Bürger getan zu haben. Außenminister Markos Kyprianou und Verteidigungsminister Costas Papacostas traten nach der Katastrophe zurück.13)
Nach Maßgabe der Behörden hatte ein Buschbrand auf die Marinebasis übergegriffen und die dort lagernden Munitionscontainer zur Explosion gebracht. Die zypriotische Küstenwache hatte das Material Anfang 2009 nach einem Hinweis von US-Geheimdiensten an Bord eines russischen Schiffes in Verwahrung genommen. Es handelte sich um eine illegale Waffenlieferung aus dem Iran, die wahrscheinlich für den Gazastreifen bestimmt war.14)
Seither lagerten die Munitionscontainer auf dem Marinestützpunkt unter freiem Himmel, Wind und Wetter ausgesetzt - nur 300 Meter neben dem größten und modernsten Kraftwerk Griechisch-Zyperns. Auf wiederholte Warnungen von Experten, die Munition so schnell wie möglich zu entsorgen, reagierte die Regierung nicht.
Die ökonomischen Folgen dieser Katastrophe dürften für Griechisch-Zypern gravierend sein. Griechisch-Zypern ist eines der schwächsten Mitglieder der Eurozone. Die Sachschäden gingen in die Milliarden, was rund 20% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Insel oder 43% des Staatshaushalts entsprach. Das stark beschädigte Kraftwerk von Vassilikos deckte bisher über 50% des Elektrizitätsbedarfs im griechischen Süden. Die geteilte Insel droht nun in eine schwere Rezession zu schlittern, was Zypern womöglich zum vierten Empfängerland der Eurozone nach Griechenland, Irland und Portugal für internationale Hilfskredite machen könnte, befürchteten Experten. Der griechisch-zypriotische Notenbankchef Athanasios Orphanides schlug diesbezüglich Alarm. Das Land könne sich nach der schweren Beschädigung des wichtigen Elektrizitätswerkes dazu gezwungen sehen, im Ausland um Finanzhilfe zu bitten.15) Wegen seiner engen Verbindungen zum hoch verschuldeten Griechenland steht Zypern auf den Finanzmärkten bereits auf wackeligen Beinen. Das Defizit mit prognostizierten 5,3% allein im laufenden Jahr 2011 liegt signifikant über den Vorgaben des Stabilitätspakts.16)
Die Türkei goss in dieser schwierigen Situation noch Öl ins Feuer, indem sie den Ball der nach wie vor ungelösten Zypernfrage wieder zurück nach Brüssel spielte. Wenn es keine Lösung der Zypernfrage gebe, die Republik Zypern aber dennoch im Juli 2012 die EU-Präsidentschaft übernehme, dann wolle man die diplomatischen Beziehungen mit Brüssel einfrieren, so der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu Mitte Juli 2011. Zugleich kritisierte er die seiner Meinung nach bewusste Verzögerung der seit 2008 geführten Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der Insel durch Griechisch-Zypern.
In Zypern sind während der langen Trennung nationale und internationale Fakten geschaffen worden, die nur mehr schwer rückgängig gemacht werden können - und das allen Vermittlungsbemühungen zum Trotz. Der Aufbau einer gesamtzypriotischen Identität im Sinne eines gesamtstaatsbürgerlichen Bewusstseins scheint eine sehr vage Vision zu sein, die wahrscheinlich erst nach Generationen in einem gemeinsamen Staat Konturen annehmen kann. 


ANMERKUNGEN:

1) Cyprus international press service v. 3.9.2008: http://www.cips.com.cy/cips.php?l_id=1&sw=1280.
2) Cyprus international press service v. 24.10.2008: http://www.cips.com.cy/cips.php?l_id=1&sw=1280.
3) Zur Vertiefung der Ereignisse: Carol Migdalovitz: „Cyprus: Status of U.N. Negotiations and Related Issues“. Congressional Research Service Report RL33497 v. 2.10.2008. WikiLeaks Document Release: http://stuff.mit.edu/afs/sipb/contrib/wikileaks-crs/wikileaks-crs-reports/RL33497.pdf.
4) Siehe etwa: Yannis Papadakis: History Education in divided Cyprus: A Comparison of Greek Cypriot and Turkish Cypriot Schoolbooks on the „History of Cyprus“. In: PRIO Report 2/2008: http://www.prio.no/upload/Report-History%20Education%20low.pdf.
5) Siehe dazu: Yannis Papadakis, a.a.O., S.12.
6) Ebenda, S.14.
7) Vgl: Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870-1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“, Südosteuropäische Arbeiten Band 113, München 2002, 303 Seiten.
8) Einblicke in die türkisch-zypriotische Sichtweise: „The North Cyprus Problem“. Official Website of TRNCFreedom: http://trncfreedom.com/?page_id=19.
9) Siehe dazu: Christina Wendt: Wiedervereinigung oder Teilung? Warum das Zypern-Problem nicht gelöst wird. (Dissertation), Würzburg 2006, 338 Seiten.
10) Vgl. dazu: Website „Erzbischof Makarios III. - Hellenica“: http://www.hellenica.de/Griechenland/Zypern/Biographie/MakariosIII.html.
11) „Nationalisten gewinnen Wahl im türkischen Teil Zyperns“. In: Reuters.de v. 20.4.2009. http://de.reuters.com/article/worldNews/idDEBEE53J01C20090420.
12) NZZ v. 21.4.2010, S.3.
13) „Protests follow Cyprus navy fire deaths“. In: Financial Times-Online v. 12.7.2011: http://www.ft.com/cms/s/0/02df9b86-aca9-11e0-a2f3-00144feabdc0.html.
14) „Cyprus: Zygi naval base munitions blast kills 12“. In: BBC-News Europe v. 11.7.2011: http://www.bbc.co.uk/news/world-europe-14102253.
15) „Notenbanker: Zypern könnte nach Explosion Finanzhilfe benötigen.“ In: Reuters.com v. 20.7.2011: http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE76J05R20110720.
16) „Explosion macht Zypern zum vierten Hilfskandidaten“. In: Handelsblatt-Online v. 17.7.2011: http://www.handelsblatt.com/politik/international/explosion-macht-zypern-zum-vierten-hilfskandidaten/4390580.html?p4390580=all.