Der Stratege des 21. Jahrhunderts

Die Renaissance prinzipienorientierter Strategielehre

Gunter Maier


Ausgangssituation

Die Welt ist im Wandel. Betrachtet man das aktuelle Geschehen beispielsweise im Nahen Osten, so stellt man fest, dass die Konflikte unserer Zeit nicht mehr vergleichbar sind mit den Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte. Der Krieg des IS, der Syrienkonflikt, der Irakkrieg und natürlich auch die Flüchtlingskrise etc. - alles sind Konflikte und Phänomene, die miteinander in Verbindung stehen, und das ist ein bedeutender Unterschied zu früher. Es ist nicht mehr möglich, getrennte Lösungen für separate Probleme zu finden. Die Schwierigkeit der nächsten Jahre wird darin bestehen, die multikausalen Gefüge, die dem politischen Geschehen zugrunde liegen, inklusive ihrer Interdependenzen zu erfassen und zu verstehen. Denn bis dato ist es kaum möglich, die immer komplexer werdenden Ursache-Wirkungsbeziehungen1) inklusive der Beziehungsstärke zwischen den Variablen wissenschaftlich zu erfassen und abzubilden, um Verantwortlichen valide Grundlagen für ihre Entscheidungen zur Verfügung zu stellen. Das Verstehen des Zusammenhangs der Dinge ist letztendlich aber eine zwingende Voraussetzung zur Findung adäquater Lösungen.
Nun könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Analysearbeit optimiert werden muss. Dieser Schluss ist, bezogen auf die Erfassung des realen Geschehens, teilweise richtig, es geht aber auch und vielmehr darum, auf Basis der Analyse geeignete Strategien zu entwickeln, d.h., es geht um die Strategiesynthese und deren erfolgreiche Implementierung. Dabei ist zu beachten, dass Strategie interdisziplinär und multidimensional2) ist, ein Aspekt, dem in Zukunft wesentlich mehr Beachtung geschenkt werden muss, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Basierend auf dieser Ist-Situation hat sich eine interessante Diskussion in den USA unter Militärprofessoren und auch zivilen Professoren darüber entwickelt, wie man die strategische Ausbildung3) für Entscheider in Politik und Militär signifikant verbessern kann. Ausgelöst wurde diese Diskussion übrigens durch die amerikanische Öffentlichkeit, und zwar angesichts der unbefriedigenden Ausgänge der Engagements in Afghanistan und im Irak.4)
Es stehen momentan viele Dinge auf dem Prüfstand, beispielsweise die Lehrmethodik, die Curricula und v.a. das zugrunde liegende Strategieverständnis an sich. Und hier liegt das Hauptpotenzial zur Verbesserung der strategischen Ausbildung. Seit dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine Theoretisierung und auch Elitisierung der strategischen Lehre, einhergehend mit Standardisierung und Prozessoptimierung, die der technische Fortschritt mit sich brachte. Dies war in den vergleichsweise geordneten Verhältnissen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus verständlich. Heute stellen wir allerdings fest, dass die strategische Ausbildung darunter gelitten hat.
Die beschriebene Entwicklung erfolgte interessanterweise ebenso in der Ökonomie. Die ökonomische Strategielehre entwickelte sich seit den 1950er-Jahren zu einer eigenen ökonomischen Unterdisziplin und spaltete sich somit zunehmend von den strategischen Studien ab.5) Auch in diesem Bereich erfolgte eine Elitisierung und auch Standardisierung strategischen Handelns. Hier wird insbesondere durch den bekannten Strategie-Professor Henry Mintzberg die komplette MBA-Ausbildung kritisiert, da man über die Jahre Analytiker statt Strategen ausgebildet habe.6) Im Resultat mangelt es nun an geeigneten Generalisten, die Unternehmen mit Feingefühl und Weitsicht durch die Turbulenzen der heutigen Zeit, auch VUCA-world genannt, steuern.
Zwei Fachgebiete wollen also ihre strategische Lehre den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen. Im Kern geht es dabei um die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten des Strategen. Diese Fähigkeiten müssen der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Komplexität der Welt gerecht werden. Die neuen Strategen müssen schneller erfassen, flexibler denken und auch effektiver handeln können, jenseits der zahlreichen Modelle, Methoden und Theorien der letzten Jahrzehnte, die in Zukunft eher unterstützende Funktion haben sollen. Will man also der eingangs beschriebenen Komplexität gerecht werden, muss man die strategische Lehre verändern und dem Strategen wieder ein Bewusstsein bzw. ein Feingefühl für die strategische Praxis vermitteln. Ohne die strategische Praxis kann die Theorie auch nicht überprüft und v.a. nicht valide weiterentwickelt werden.7)

Blick in die Vergangenheit

Ist nun Komplexität ausschließlich ein Phänomen unserer Zeit oder tun wir uns nur schwer damit umzugehen, da die letzten drei Generationen in unserer westlichen Hemisphäre durch zunehmenden Wohlstand und auch durch stabile und geordnete Lebensumstände geprägt waren? Das Letztere ist wohl eher der Fall, denn blickt man in die Vergangenheit, erkennt man immer wieder Perioden hoher Komplexität, man erinnere sich nur an die Pariser Friedensverträge (1919), die damals zu einer Neuordnung der Welt führten.
Sucht man wesentliche Quellen des Wissens für strategische Studien, so trifft man auf die Klassiker der Strategie wie beispielsweise Carl von Clausewitz, Sun Tsu oder Thukydides. Aber sehr kenntnisreich sind auch die Werke japanischer Schwertmeister wie Miamoto Musashi oder Yagyu Munenori. Diese teils jahrtausendealten Werke stellen das Praxiswissen der Strategielehre dar und werden nach wie vor genutzt von Militär- und Politikwissenschaftlern sowie von Ökonomen. Eine Gefahr beim Studium dieser Werke besteht allerdings darin, dass man sie mit unserem modernen Bildungsverständnis zu interpretieren versucht.
Anders als moderne Lehrwerke lehrten die Klassiker prinzipienorientiert, und dies ist uns heutzutage fremd. In einer standardisierten Welt entwickelt man für jede Aufgabenstellung eine Lösungsmethode mit der Motivation, zukünftige Problemstellungen dieser Art schneller und besser lösen zu können. Das macht Sinn, solange die Art und Anzahl der Problemstellungen überschaubar bleibt. Dies ist aber leider nicht mehr der Fall, und somit ist die Menge der bis dato entwickelten Methoden für den Anwender nicht mehr überschaubar, und für komplexe Problemstellungen gibt es keine Standardvorgehensweise.
Prinzipienorientierte Lehre hingegen bedeutet, dass man den Lernenden mit einem überschaubaren Repertoire von allgemeingültigen Prinzipien ausstattet, aus dem er im Bedarfsfall geeignete auswählt und sich daraus eine situationsgerechte Lösung zusammenstellt. Dies macht den Anwender wesentlich flexibler, da er auch auf Situationen reagieren kann, für die es keine Standardlösung gibt. Die Prinzipien, die die Klassiker lehrten, sind die Strategischen Prinzipien.8) Dies sind universelle Handlungsmuster in der sozialen Interaktion, auf den Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt beruhend. Die Klassiker haben sie als immer wieder auftretende (Erfolgs-) Muster identifiziert und ihre Lehren darauf aufgebaut. Kennt man nun diese Muster und kann sie idealerweise unbewusst anwenden, so verfügt man über eine entscheidende strategische Kompetenz.9)
Der Lösungsansatz, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, besteht also darin, die prinzipienorientierte Strategielehre der Klassiker in ihrem ursprünglichen Sinn wieder aufleben zu lassen, um zukünftige Strategen mit einem gefestigten strategischen Praxiswissen und damit einhergehend mit einer umfassenden Flexibilität auszustatten.

Erstellung eines universellen Curriculums

Bevor man ein Lehrkonzept aufstellt, muss man sich einiger Besonderheiten der historischen Strategielehre bewusst werden. Im Gegenzug zu der heute dominierenden formalen Ausbildung10) erfolgte die strategische Bildung vor der Etablierung der Theorien in non-formalen Ausbildungsrahmen. Strategielehre in früherer Zeit war beispielsweise im antiken Japan gekoppelt an die (körperliche) Kampfkunstausbildung. Dies bedeutet, Strategie und Kampfkunst bildeten ein integrales Ausbildungssys­tem.11) Denn die körperlichen Prinzipien fanden auch im späteren Stadium des Lernprozesses Anwendung auf der mentalen Ebene, wie es anhand noch existierender japanischer Kampfkunstschulen, der so genannten Koryu-Schulen,12) rekonstruierbar ist. Und diese Ausbildung erfolgte nach strengen praxisbasierten Curricula, gereift über Jahrhunderte.
Aus heutiger Sicht würden wir solche Ausbildungen der non-formalen Bildung zuordnen, und hier ist es eher selten, dass nach Curricula verfahren wird, die einen Ausbildungsrahmen über Jahrzehnte abbilden. Aber was spricht dagegen, ein modernes ganzheitliches Curriculum zu erstellen, das auf den Lehren weltberühmter Strategieklassiker basiert?
Genau dies erfolgte in einem dreijährigen Forschungsprojekt. Mit Hilfe der Grounded Theory, einer Forschungsmethode der qualitativen Sozialwissenschaften, wurden die zwölf wichtigsten Klassiker, die insgesamt einen Zeitraum von 2.500 Jahren umfassen und aus vier Kulturkreisen stammen (siehe Grafik), auf Strategische Prinzipien untersucht. Die zugrunde liegende Forschungsfrage war dabei: Wie viele Prinzipien gibt es eigentlich? Mithilfe einer umfangreichen Datenbank wurden die Wissensbestände identifiziert, isoliert und anschließend gruppiert. Das Interessante dabei war, dass die Klassiker letztendlich immer wieder über die gleichen Sachverhalte schreiben, ungeachtet der Zeitepoche oder des Kulturkreises. Im Resultat entstand ein Curriculum, bestehend aus 153 literarisch beschriebenen Strategischen Prinzipien, die zeitlos und der Hypothese nach auch kulturunabhängig sind. Das Ergebnis ist sozusagen ein Destillat aus 2.500 Jahren Strategielehre, kultiviert für die Anwendung im
21. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um reines Praxiswissen, nicht um theoretische Erwägungen. Da Strategie im ursprünglichen Sinne ein interaktiver Prozess zwischen Individuen, ähnlich der Kommunikation, ist, wird dieses Curriculum auch das Vokabular der Strategie genannt.

Die Einordnung prinzipienorientierter Strategielehre

Wie sind die Forschungsergebnisse nun zu verstehen und wo ist die Lehre einzuordnen? Prinzipienorientierte Strategielehre ist als Denklehre zu verstehen und stellt das Zentralwissen des Strategen dar. Die Lehre steht nicht in Konkurrenz zu den aktuellen Lehren, sie ist vielmehr eine sinnvolle Ergänzung und schließt eine Lücke, denn bis dato beschäftigt sich kaum jemand wissenschaftlich fundiert und ganzheitlich mit diesem Thema.
Strategische Prinzipien, als kleinste sinnvolle Elemente, sind dabei gewissermaßen die Bausteine, um ganze Strategien zu erstellen. Ähnlich wie in der Chemie aus Atomen Moleküle entstehen. Die Anzahl der Prinzipien ist wie die Anzahl der Atome begrenzt, die Zahl möglicher Strategien ist dagegen unendlich. Die Prinzipien sind erlernbar, und somit stellt ein gepflegtes Prinzipienrepertoire die persönliche Toolbox des Strategen dar, die er flexibel zur Handlungsanalyse, aber auch zum eigenen strategischen Handeln einsetzt. Da es sich dabei um universelle Handlungsmuster der sozialen Interaktion handelt, ist die Lehre auch universell, d.h. einsetzbar in der Ökonomie, der Konfliktforschung, beim Militär oder auch in der Pädagogik.
Die Metakompetenz, die der Lernende im Laufe des Lernprozesses entwickelt, wird Sozialstrategische Kompetenz genannt. Sie befähigt ihn insbesondere zu Instant-Analysen strategischen Handelns, zur Komplexitätsreduzierung, und sie erweitert den persönlichen strategischen Handlungsradius.
Ein besonderer Vorteil liegt in der gezielten Nutzung der unbewussten Kapazitäten. Denn strategisches Handeln erfolgt in starkem Maße unbewusst. Diese historische Sicht steht im klaren Gegensatz zu aktuellen Sichtweisen, beispielsweise die der Politikwissenschaften, die ausschließlich bewusstes Handeln als strategisch betrachten.13)
Den antiken japanischen Lehrmeistern war der Wert des Unbewussten für den Strategen bekannt, und somit erfolgte der Lernprozess anhand von drei Stufen:14) Zuerst erlernte der Schüler die Prinzipien auf körperlicher Ebene, sprich im Anwenden der Kampfkunst. Anschließend erfolgte die Thematisierung der Prinzipien auf der (mentalen) Bewusstseinsebene. Durch ausgefeilte Automatisierungsübungen wurde dann der Übergang ins Unbewusste bewerkstelligt, mit dem Ziel, den Strategen auch in der unmittelbaren Konfrontation handlungsfähig zu halten, dann nämlich, wenn keine Zeit für bewusste Analyseprozesse und Entscheidungen zur Verfügung steht. Diese zeitliche Ebene wird im Übrigen als tatsächliche operationale Ebene bezeichnet, sie findet in formalen Ausbildungsrahmen allerdings kaum Beachtung. Eine weitere Stärke des Unbewussten liegt in der Fähigkeit des Abwägens. Anders als im Bewusstsein können hier wesentlich mehr Faktoren sowie das ganze sachliche und emotionale Erfahrungswissen in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, sodass ein ausbalancierteres Ergebnis zustande kommt, als es das Bewusstsein zustande bringen könnte.15)

Aufbau eines strukturierten Lehrkonzeptes

Nachdem nun die Anforderungen an den Strategen des 21. Jahrhunderts und das Wesen prinzipienorientierter Strategielehre besprochen wurden, soll im Folgenden skizziert werden, wie prinzipienorientierte Lehre in ein strukturiertes Lehrkonzept münden kann.
An erster Stelle muss hierzu die Strategieperspektive definiert werden. Es gibt wie erwähnt verschiedene Perspektiven, sei es die der Ökonomen, die der Politikwissenschaftler oder auch die der Militärs. Sie alle sehen Strategie in engem Kontext zu ihren Bereichen und Aufgabenstellungen und fokussieren sich dabei stark auf die Analyse. Prinzipienorientierte Strategielehre bedarf allerdings einer übergeordneten bzw. disziplinenübergreifenden Perspektive, da die Prinzipien der sozialen Interaktion entstammen, unabhängig vom Anwendungsbereich. Ausgangssituation ist daher ein realitätsorientiertes und universelles Strategieverständnis, orientiert an den Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt. Damit einhergehend stellt sich die Frage nach der zukunftstauglichen Strategiedefinition. Diese muss sehr weit gefasst sein, um strategisches Denken, und darum geht es hier in erster Linie, möglichst barrierefrei und kreativ-visionär zur Entfaltung bringen zu können.16) Zudem muss sie der inflationären Verwendung des Begriffes Strategie entgegentreten.
Unter Beachtung dieser Rahmenbedingungen kann prinzipienorientierte Strategielehre nun in Form einer Kaskade aufgebaut werden. Die oberste Ebene repräsentieren dabei die disziplinenübergreifenden Inhalte, wobei es konkret um die Strategischen Prinzipien und die Regeln der Anwendung geht. Die zweite Ebene der Struktur könnte sich mit den Kontexten und Aufgabenstellungen der jeweiligen Disziplin beschäftigen, d.h. spezifisch gestaltet sein. Auf einer dritten Ebene könnten dann zielgruppenspezifische Aspekte die Hauptinhalte darstellen, also spezifische Fragestellungen, die jeweiligen Akteure der Disziplinen betreffend, dominieren. Im weiteren Verlauf soll jedoch die oberste Ebene im Fokus bleiben. Sie ist die entscheidende Instanz für die Qualität zukünftigen strategischen Denkens.
Um eine Vorstellung zu ermöglichen, wie das didaktische Konzept gestaltet werden kann, sollen nun einige ausgewählte Aspekte dargestellt werden, die prinzipien­orientierte Lehre von aktuellen Lehransätzen unterscheidet. Kern der Lehre sind, wie mehrfach erwähnt, die Prinzipien. Da sie als immer wiederkehrende Muster in der sozialen Welt in Erscheinung treten, muss man darunter das Praxiswissen der Strategie verstehen. Sie muss der Lernende tief verinnerlichen, denn aus ihnen formiert sich das zentrale Wissen, auf das der Stratege permanent zurückgreift, sei es zur Analyse, zur Synthese von Strategien oder im Rahmen der Implementation derselben.
Dieses Zentralwissen muss intuitiv abrufbar sein, und damit ergibt sich ein weiterer bereits andiskutierter Aspekt - das gezielte Training des Unbewussten. Antike Strategen waren sich der Bedeutung bewusst, wenngleich sie keine Kenntnis der detaillierten neurobiologischen Zusammenhänge hatten. Die neuesten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften liefern allerdings ausreichend empirische Befunde, die erlauben, ein funktionstechnisches Modell unserer Kognition aufzustellen, sodass die spirituell oder esoterisch anmutenden Lehren gerade japanischer Strategieklassiker ernst genommen werden müssen. In der Psychologie gibt es beispielsweise den ausreichend nachgewiesenen Effekt der Veränderungsblindheit (Change Blindness).17) Dieser Wahrnehmungsfehler führt dazu, dass Menschen nach kurzer Ablenkung oft nicht erkennen, wenn sich essenzielle Teile ihres ursprünglichen Fokus verändert haben. In den antiken Samuraischulen kannte man diesen Effekt auch. Ein Beleg dafür sind scheinbar beiläufige täuschende Handlungen in der direkten Kampfsituation. So wird dem Gegner unmerklich das eigentliche Ziel „ausgetauscht“. Er greift unbewusst und ungewollt nicht mehr zentral den Körper des Protagonisten an, sondern ein neues Ziel, z.B. die Hand, die damit den Angriff in eine ungefährliche Richtung ablenkt. Es gibt viele weitere dieser Effekte, die ein versierter Stratege kennen und beherrschen sollte, im Rahmen der Konfrontation, aber auch im Rahmen der Selbstreflexion. Ein Stratege muss sich nämlich stets beeinflussender und störender Faktoren in seinem Unbewussten bewusst sein, um seine eigene Subjektivität und Urteilskraft möglichst nahe an der objektiven Realität zu halten. Bildhaft dargestellt muss er eine Taschenlampe zur Verfügung haben, um die Black Box des Unbewussten im Bedarfsfall punktuell ausleuchten zu können. Die Kognitionswissenschaften stellen daher wertvolle Wissensbestände für die strategische Ausbildung dar und sollten einbezogen werden.
Ein dritter wichtiger Aspekt ist das Thema Ethik und Moral. Strategie an sich ist frei von Moral, und diese Tatsache birgt eine latente Gefahr in sich. Wenn zukünftige Strategen mit bestem Wissen und Können ausgestattet sind, besteht immer die Möglichkeit, dass all dies im Rahmen eigenrationalen Handelns zur uneingeschränkten Anwendung kommt, mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft. Ethische Grundsätze dienen der Handlungsbegrenzung und gleichzeitig in strategischem Sinne dem Kollektiv. An dieser Stelle soll zum besseren Verständnis auf die Lehren des Florentiners Machiavelli eingegangen werden. Er thematisiert zum einen sehr viele strategische Prinzipien in seinen Werken, zum anderen aber findet sich darin keine Spur von Moral, was die Ursache für die Diskussion um den Begriff des Machiavellismus ist. Missachten die Entscheider die Grundsätze eines moralischen Konzeptes, wird das Kollektiv nicht lange Bestand haben. Der Araber Ibn Zafar hingegen ordnete seine strategischen Lehren im 12. Jahrhundert in ein regelrechtes moralisches Korsett ein, um den islamischen Standards bzgl. tugendhafter Staatsführung gerecht zu werden.18) Strategisches Wissen stellt Macht dar, und Macht korrumpiert. Einzig Ethik und Moral können dem Einhalt gebieten, und deswegen sollen sie Einzug in die prinzipienorientierte Strategielehre halten.
Der letzte Aspekt, der angesprochen werden muss, ist die logische Konsequenz aus den drei vorangehenden. Prinzipienorientierte Strategielehre richtet sich an Führungskräfte der mittleren und oberen Ebenen. Diese Klientel wurde in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich nach den so genannten Skillset-Ansätzen19) ausgebildet. Ihr jeweiliges Curriculum stellt die Summe aus verschiedenen Lehrbausteinen dar, abgeleitet aus definierten Kompetenzen, die der Lernende für seine berufliche Aufgabe benötigt. Das Problem bei Skillset-Ansätzen besteht generell immer in den Verbindungen zwischen den Modulen. Es wird nicht systematisch ein Zentralwissen aufgebaut, was jedoch von essenzieller Bedeutung für den zukünftigen Strategen ist. In diesem Zentralwissen liegen die Strategischen Prinzipien und stehen bereit für die Anwendung, sei es im Beruf, im Alltag oder in anderen Lebensbereichen. Denn es ist zu beachten, dass Strategische Prinzipien disziplinenübergreifend und auch zeitlos sind. Als Gegenmodell zu den Skillset-Ansätzen gibt es mittlerweile ein paar wenige Mindset-Leadership-Ansätze, die ganzheitlich schulen.
Prinzipienorientierte Strategielehre ist definitiv den Mindset-Ansätzen zuzuordnen, da es sich um ein holistisches System handelt, es geht um nicht mehr und nicht weniger als um effizientes Denken, genauer um Denken in Mustern. Der Begriff Mindset muss in diesem Zusammenhang noch kurz erläutert werden. Mindset bedeutet wörtlich übersetzt: Denkart. Es geht also dabei im Kern darum, dem Lernenden eine völlig andere Denkweise zu vermitteln. Im Begriff Mindset steckt auch das Wort Mind, und dies bedeutet Verstand. Prinzipienorientierte Strategielehre kann somit auch als die Schulung des Verstandes gesehen werden, der erst im ausgeklügelten Zusammenspiel zwischen Bewusstsein und Unbewusstem zu freier und voller Entfaltung kommt. Es wird an dieser Stelle ersichtlich, dass es sich hier um ein integrales Ausbildungssystem handelt. Es steht im Gegensatz zum aktuellen Modularisierungstrend. Modularisierung macht an vielen Stellen Sinn, doch es gibt auch Grenzen der Anwendbarkeit. Diese liegen in der in spezifischen Situationen notwendigen Anpassungsfähigkeit und in der innovationshemmenden Tendenz, die ein System im Wandel behindert. Da das menschliche Gehirn nicht im Sinne einer modularen Struktur aufgebaut ist bzw. funktioniert, sondern eine holistische Einheit darstellt, sollte man daher auch in diesem Falle integral schulen.
Im Resultat der Lehre werden verstärkt Generalisten ausgebildet. Dies steht im klaren Gegensatz zum aktuellen Spezialisierungstrend. Spezialisierung macht oft Sinn, hat aber auch einen entscheidenden Nachteil. Grund hierfür ist das in der Psychologie hinlänglich nachgewiesene und beschriebene Phänomen der Unaufmerksamkeitsblindheit (inattentional blindness).20) Unser Gehirn ist so geschaffen, dass es selektiert, wenn es sich fokussiert, d.h. Dinge außerhalb seines gesetzten Fokus nicht oder kaum wahrnimmt. Zu viel Spezialisierung führt deshalb zum Verlust des Gesamtbildes. Im Kontext der gestiegenen Komplexität des 21. Jahrhunderts ist dies fatal. Es geht also bei der Renaissance prinzipienorientierter Strategielehre gewissermaßen auch um einen Paradigmenwechsel.
Es gibt noch weitere Aspekte, die ausgiebig zu erörtern wären, beispielsweise jene einer speziellen Lehrmethodik. Reine Wissen vermittelnde Methoden, die nicht zuletzt durch die modernen technischen Möglichkeiten in den Vordergrund gerückt sind, sind weniger geeignet im Rahmen prinzipienorientierter Strategielehre. Vielmehr soll das Können geschult werden, und hierzu bietet die Vergangenheit ebenfalls ein vielfältiges Repertoire. Die Erörterung dieses Aspekts würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Die Anwendung der Prinzipien

Um die Anwendung bzw. den Nutzen prinzipienorientierter Strategielehre verständlich zu machen, macht es Sinn, sich dem realen Weltgeschehen zuzuwenden und Beispiele herauszuarbeiten. Militärische Prinzipien sind dabei ihrem Ursprung nach kongruent mit Strategischen Prinzipien; der Unterschied besteht darin, dass die Anzahl Strategischer Prinzipien umfangreicher ist. Dies bedeutet, dass nicht jedes Strategische Prinzip im engeren Kontext der militärischen Auseinandersetzung zum Einsatz kommt, wohl aber die meisten im weiter gefassten politischen Rahmen.
Ein gutes Beispiel ist das Prinzip Das Letzte Gefecht, im Folgenden detailliert dargestellt: Thematisiert wurde es im Rahmen militärischer Auseinandersetzungen durch Sun Tsu,21) Thukydides22) und im historischen Rahmen der 36 Strategeme.23) Aber auch der spanische Jesuit Balthazar Gracian widmete dem Sachverhalt eine Maxime - man solle sich nicht einlassen mit dem, der nichts zu verlieren hat.24) Das Prinzip gründet auf dem Phänomen, dass Menschen zu äußerster (ggf. irrationaler) Leistungsbereitschaft tendieren können, wenn ihnen klar wird, dass sie außer ihrem Leben nicht mehr viel besitzen bzw. die Situation ausweglos erscheint. Das Prinzip kann nun in zweierlei Hinsicht verwendet werden. Entweder man nimmt seinen Mitstreitern (Synergisten) ihre Besitzstände oder lässt sie erst gar nicht welche aufbauen und führt somit die gewünschte Leistungssteigerung gezielt herbei - man hält sie sozusagen hungrig. Die zweite Einsatzmöglichkeit besteht in der Verwendung des Prinzips als Bedrohung des Gegners (Antagonist), denn das letzte Gefecht skizziert bzw. suggeriert dem Gegner einen sehr verlustreichen Kampf. Der Gegner wird sich sehr gut überlegen, ob es die Mühe lohnt, den Kampf einzugehen, oder ob die drohenden eigenen Verluste nicht den möglichen Gewinn übersteigen. Um die Drohung wirksam zu gestalten, muss eine tatsächliche oder zumindest glaubhaft vorgetäuschte Irrationalität des Drohenden (Protagonist) vorliegen.
Die Anwendung des Strategischen Prinzips als Drohung lässt sich regelmäßig im Weltgeschehen beobachten. Wirtschaftlich schwache und damit auch militärisch unterlegene Staaten streben nach Nuklearwaffen; sind sie in deren Besitz, können sie die Drohkulisse aufbauen und umgehen somit die Notwendigkeit, einen umfangreichen und modernen Militärapparat bereitzuhalten, um sich vor äußeren Aggressionen zu schützen. Das beste Beispiel für den Wirkungserfolg bzw. den notwendigen Einsatz des Prinzips wird im aktuellen Ukrainekonflikt sichtbar. Im Jahre 1996 hat die Ukraine, damals drittgrößte Atommacht, im Zuge der Entspannungspolitik freiwillig ihre Atomwaffen komplett abgerüstet, im Gegenzug für die Sicherheitszusagen bzgl. territorialer Integrität durch die Weltmächte USA, Russland und Großbritannien, niedergeschrieben im Budapester Memorandum (1994). Würde die Ukraine noch Atomwaffen besitzen, wäre die Geschichte wohl anders verlaufen, denn eine starke Drohkulisse wäre vorhanden gewesen. Aus der heutigen Sicht der Ukraine sowie aus der Perspektive anderer (potenzieller) Atommächte wäre bzw. ist das letzte Gefecht daher das einzig wahre Mittel, um seine Sicherheit nachhaltig zu gewährleisten, denn blindes Vertrauen in Zusagen und Garantien erwies sich als töricht.
Ein weiteres interessantes Prinzip, das als Gegenprinzip zum Letzten Gefecht fungieren kann, ist das Prinzip Durchlässige Belagerung, mehrfach beschrieben von Sun Tsu25) sowie dem Griechen Thukydides.26) Um den in die Enge getriebenen Gegner nicht zur äußersten Kampfbereitschaft zu bringen bzw. um nicht die beschriebene Irrationalität zu erzeugen, empfiehlt das Prinzip dem Protagonisten, dem Gegner einen Ausweg aus seiner Misere aufzuzeigen und ihn dazu zu verleiten, diesen Ausweg zu nehmen. Danach kann der Gegner gegebenenfalls erneut attackiert werden, v.a. dann nämlich, wenn die Rahmenbedingungen des Ausweges seine Verteidigungschancen reduzieren.
Beide Prinzipen, das Letzte Gefecht und Durchlässige Belagerung, finden auch Anwendung im polizeilichen Alltag, beispielsweise im Falle einer Geiselnahme. Sind die Geiselnehmer umzingelt, drohen sie nicht selten, ihre Geisel zu erschießen (Letztes Gefecht). Will die Polizei dies verhindern und entschließt sich, einen direkten Zugriff zu unterlassen, stellt sie nicht selten dem Geiselnehmer ein Fluchtfahrzeug zur Verfügung (Durchlässige Belagerung), in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn weniger Gefahr für die Geisel bzw. Unbeteiligte besteht, zugreifen zu können. Das Ziel des Prinzipieneinsatzes kann aber auch sein, mehr Zeit für Verhandlungen zu gewinnen, indem man die aktuelle Situation vorerst deeskaliert.
Als nächstes soll eine strategische Fehlentscheidung mit gravierenden Folgen auf Prinzipienebene beleuchtet werden, die der Militärexperte Prof. Dr. Stahel aus der Schweiz im Online-Beitrag „Der Islamische Staat: Umsetzung der Guerillakonzeption des Brasilianers Carlos Marighela?“27) detailliert aufbereitet hat: Nachdem die amerikanischen Truppen im Irakkrieg das System von Saddam Hussein besiegt hatten, löste man die komplette irakische Armee sowie den Geheimdienst auf. All die erfahrenen Kämpfer waren nun arbeitslos, teilweise auch gedemütigt und radikalisiert durch Inhaftierungen im Camp Bucca. Diese Personengruppe, viele dem ehemaligen Fedayeen Corps entstammend, schloss sich anschließend mit Al Qaida zusammen. In der Folge entstand eine sehr effektive Widerstandsorganisation, die nach erprobten Guerilla-Prinzipien operiert.
Mit der Auflösung der irakischen Armee verfolgten die Amerikaner vermutlich das Strategische Prinzip Nachhaltige Zerschlagung, beschrieben durch den japanischen Schwertmeister Munenori,28) den Florentiner Machiavelli29) und den Preußen Carl von Clausewitz.30) Es sieht vor, den Antagonisten durch ununterbrochenen Einsatz der (Kampf-) Mittel kampfunfähig zu machen und ihm darüber hinaus durch geeignete Maßnahmen jede Möglichkeit der Rache zu nehmen. In den Kriegen des Altertums und des Mittelalters wurde das Prinzip oft umgesetzt, indem man nach dem Sieg alle Gefangenen tötete. Dies ist natürlich aus ethischen Gründen heutzutage nicht mehr gängige Praxis, und das Prinzip Nachhaltige Zerschlagung im historischen Sinn stellt somit natürlich keine adäquate Wahl mehr dar. Die Auflösung der irakischen Armee war strategisch betrachtet der falsche Weg, denn es war definitiv keine nachhaltige Zerschlagung.
Die Geschichtsschreibung überliefert aber auch andere, dieser Situation angemessenere Strategische Prinzipien. Das Prinzip Befriedung der Widersacher, zu finden in sechs historischen Werken, u.a. bei Gracian, dem Araber Ibn Zafar oder Sun Tsu, wäre demnach die bessere Alternative für die Amerikaner gewesen, um das Konfliktpotenzial zu eliminieren, zumindest zu reduzieren. Das Prinzip sieht vor, dem Antagonisten sowie dessen Synergisten gezielt Wohltaten entgegenzubringen und damit Verbindlichkeiten oder Abhängigkeiten zum Protagonisten zu erzeugen. In der Praxis wäre dies in Form eines Ausstiegsprogramms für ehemalige Militärs umsetzbar gewesen, das dieser Personengruppe eine Zukunftsperspektive geboten hätte. In der Folge wäre vermutlich der Zusammenschluss mit Al Qaida nicht erfolgt. Zudem wären die Kosten für ein Programm sicherlich in einer fundierten Risikoanalyse geringer ausgefallen als die Folgekosten, die aufgrund der verschärften Sicherheitslage nun zu kalkulieren sind.
Im Folgenden soll nun der Zusammenhang zwischen Strategischen Prinzipien und ganzen Strategieansätzen aufgezeigt werden. Der britische Militärstratege Liddell Hart favorisierte die so genannte indirekte Strategie,31) wobei es darum geht, nicht in die direkte Konfrontation mit dem Gegner zu gehen, sondern ihn zuerst mittels vorbereitender Maßnahmen zu destabilisieren, mit dem Ziel, seine Handlungsspielräume einzuengen bzw. seine Kampfkraft zu lähmen. Dies schont eigene Ressourcen und erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Hart studierte sehr früh schon das Werk von Sun Tsu32) und leitete hieraus offensichtlich auch seine Erkenntnisse ab. Die Destabilisierung des Gegners als vorbereitende Maßnahme des Konfliktes war auch im konfuzianischen Kulturkreis geläufige Praxis. In den Curricula der japanischen Samuraischulen war das Prinzip Kuzushi33) das erste, was ein junger Schüler verinnerlichen musste,34) und so trachtete jeder Samurai später im Zweikampf danach, dem Opponenten seine stabile Position zu rauben. Mit großer Wahrscheinlichkeit gewannen auch die Samuraischulen viele Erkenntnisse aus dem Werk von Sun Tsu, da dieser in der konfuzianischen Welt weit verbreitet war. Was auf körperlicher Ebene funktioniert, kann auch auf mentaler Ebene und auch in der Kriegführung angewendet werden.
Varianten der Destabilisierung gibt es nun sehr viele, und so kann die indirekte Strategie von Hart als allgemeiner Oberbegriff verstanden werden. Die möglichen Wege35) stellen nun die Strategischen Prinzipien dar, einzeln ausgeführt oder aber auch in Kombination. Im Katalog der Strategischen Prinzipien wurden 53 identifiziert, die der Destabilisierung dienen können. Ein klassisches Prinzip ist der Schock, man konfrontiert den Gegner mit Dingen, die er nicht erwartet, und führt einen Stillstand bzw. eine Lähmung herbei, wobei zu beachten ist, dass diese nur von kurzer Dauer ist, also nur ein kleines Zeitfenster für den Protagonisten entsteht. Destabilisierung kann auch durch das Prinzip Verhinderte Einheit eintreten, wenn der Antagonist seine Kräfte nicht vereinen kann. Auch das Prinzip Scheinbare Aufgabe kann im Rahmen der Destabilisierung wirken. Der Protagonist suggeriert dem Antagonisten sein Aufgeben, wobei dieser angesichts des greifbar nahen Sieges nachlässig wird und sich sozusagen durch aufkommenden Übermut in Verbindung mit Nachlässigkeit selbst destabilisiert. Das Perfide an dieser Variante ist, dass der Antagonist sich seiner Destabilisierung nicht bewusst ist, sollte er nicht über die absolute Selbstkontrolle verfügen. Es wird ersichtlich, dass sich mit dem System der strategischen Prinzipien ungeahnte Handlungsspielräume eröffnen lassen, denn jedes der infrage kommenden Prinzipien kann man wiederum mit verschiedenen kontextbezogenen Handlungen in Verbindung bringen.

Fazit

Anhand der praktischen und theoretischen Beispiele wurde dargestellt, wo sich Strategische Prinzipien im Konflikt bzw. in der militärischen Auseinandersetzung verbergen. Angesichts der Tatsache, dass das System der Strategischen Prinzipien 153 beschriebene Handlungsmuster enthält, kann jedoch die gesamte Tragweite des Konzeptes hier schwerlich dargestellt werden. Einige Prinzipien (Bsp. Allianz und Spaltung) sind (scheinbar) trivial und jedermann bekannt, andere jedoch sind hochentwickelt, und es bedarf einiger Sinnesschärfe, um die zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen. Zudem stehen die Prinzipien in der Realität meistens miteinander in Verbindung. Das System der Strategischen Prinzipien favorisiert weiterhin keine Strategien oder Prinzipien, einzig und allein der situative Kontext ist maßgebend für die Wahl, wie am Beispiel der Auflösung der irakischen Armee aufgezeigt wurde. Somit handelt es sich vielmehr um ein Baukastensystem mit vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten.
Es wird auch sichtbar, wie prinzipienorientierte Strategielehre aufgebaut werden kann und auch zu verstehen ist. Sie reduziert die Komplexität, indem der Stratege Handlungsmuster vom Kontext trennt und die Sachlage auf Prinzipienebene durchdenkt. Auf dieser Ebene bedient er sich eines äußerst umfangreichen Handlungsrepertoires, um Lösungen zu schaffen, die den Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt auch gerecht werden. Dabei spielt er, idealerweise intuitiv, permanent kontextfreie Szenarien durch und überprüft anschließend erfolgversprechende Lösungen auf ihre Praxistauglichkeit, indem er mögliche Wege und Mittel zur Zielsetzung in Betracht zieht.
Diese Denkweise ist effizienter und schneller, zudem wesentlich flexibler, da man sich limitierender Faktoren, bedingt durch die Kontexte, bei der Lösungsfindung vorerst entledigt. Und dies entlastet den kognitiven „Arbeitsspeicher“.36) Man schafft sich dadurch freie Denkkapazitäten, um die eingangs beschriebenen multikausalen Wirkungsgefüge im Weltgeschehen detaillierter und zusammenhängender erfassen zu können, v.a. durch die gezielte Nutzung des Unbewussten. Denn das Unbewusste ist ein wesentlich leistungsfähigerer „Prozessor“ als unser Bewusstsein, sozusagen das Rechenzentrum unseres Gehirns.37)
Das wussten schon unsere Vorväter, und daher wurde auch das Unbewusste gezielt trainiert bzw. mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet. Im Gegenzug zu Naturtalenten, die durch ihre persönliche Lernbiografie unbewusste Kompetenzen aufbauen, wurden früher gezielt strategische Sachverhalte auf dem „Tisch des Bewusstseins“ thematisiert und anschließend mittels Automatisierungsübungen ins Unbewusste eingepflegt. Die Generierung des Strategen war also kein Zufallsprodukt, sondern ein geleiteter Weg, strengen Curricula folgend. In diesem Zusammenhang muss man sich auch des ursprünglichen Sinns des Wortes denken wieder bewusst werden. Denken heißt im Lateinischen cogitare und bedeutet etwa „zusammenwerfen“. Denken bedeutet also, alle vorhandenen Aspekte zu einem Gegenstand zusammenzubringen, um daraus die bestmögliche Lösung zu generieren.38) Da die Anzahl der Aspekte tendenziell enorm hoch ist und mit Sicherheit aufgrund der wachsende Komplexität weiterhin steigt, muss der Stratege des 21. Jahrhunderts gleichermaßen seine Ratio und seine Emotio bzw. seine Intuition benutzen, denn nur letztgenannte verfügt über die entscheidenden Kapazitäten.
Es darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, man könne diese Denkweise nun in einer linearen Prozesskette standardisieren; es handelt sich dabei vielmehr um Strategische Kunst, und diese ist gekennzeichnet durch Non-Linearität. Die Bedeutung der strategischen Kunst wurde übrigens, im Gegensatz zu heute, intensiv durch die Klassiker erörtert.39) Vergleichbar ist die künstlerische Strategieentwicklung mit der Arbeit eines Malers. Die Schaffung eines Gemäldes entstammt dem schöpferischen Zusammenspiel zwischen vielen Faktoren, beispielsweise der Intuition, der Emotion oder auch dem Sachverstand. Ein Bild gemäß einer Prozesskette zu generieren wäre „Malen nach Zahlen“.
Prinzipienorientierte Strategielehre ist überall dort einsetzbar, wo Individuen interagieren. Menschliches Handeln, insbesondere strategisches Handeln erfolgt nach immer wiederkehrenden Mustern. Die Kenntnis der Muster befähigt den Strategen zur intuitiven Erfassung auch komplexer Zusammenhänge und ermöglicht ihm treffsichere Antizipationen sowie ausbalancierte Entscheidungen. In der Folge wird er Fehlentscheidungen vermeiden und v.a. nicht intendierte Auswirkungen oder so genannte Kollateralschäden seines Handelns reduzieren.


ANMERKUNGEN:

1) Die Erfassung könnte theoretisch mittels ausgefeilter Strukturgleichungsmodellierung erfolgen.
2) Vgl. Robert C. Gray: The Study of Strategy: A Civilian Academic Perspective. In Teaching Strategy: Challenge and Response, Marcella Gabriel: US-Army War College, 2010, S.63f.
3) Strategische Bildung im Rahmen der Professional Military Education (PME).
4) Vgl. Robert H. Dorff: The Debate About Teaching Strategy. In Teaching Strategy: Challenge and Response, Marcella Gabriel: US-Army War College, 2010, S.1ff.
5) Vgl. Henry Mintzberg/Bruce Ahlstrand/Henry Lampel: Strategy Bites Back, Prentice Hall, Glasgow 2005, S.20.
6) Vgl. Henry Mintzberg: Managers Not MBAs, Berret Koehler, 2005, S.34.
7) Vgl. Albert A. Stahel: Klassiker der Strategie, 4. Auflage, VDF, 2004, S.3f.
8) Vgl. Thomas Cleary: Secrets of the Japanese Art of Warfare, North Clarendon, Tuttle Publishing, 2012, S.11.
9) Vgl. Guido Keller/Hiroaki Sato: Yagyu Munenori - Der Weg des Samurai, München 2011, Piper Verlag, S.16.
10) Im folgenden - Klassifizierung gemäß OECD, vgl. http://www.oecd.org/germany/41679629.pdf.
11) Vgl. Karl F. Friday: Legacies of the Sword, University of Hawai’i Press, 1997, S.62f.
12) Koryu bedeutet Alte Schule und ist terminologisch der Sammelbegriff für die japanischen Kampfkunstschulen vor 1867.
13) Vgl. Joachim Raschke: Politische Strategie, Springer Verlag, 2. Auflage, 2013, S.133.
14) Vgl. Friday, Legacies, a.a.O., S.62ff.
15) Vgl. Ap Dijksterhuis: Das kluge Unbewusste, Klett-Cotta, 2. Auflage, 2010, S.201.
16) Vgl. Wolfgang Peischel: Zum Nutzen der Definition des Strategiebegriffes S.30ff. In: Gneisenau Blätter 09/2010.
17) Vgl. Dijksterhuis, a.a.O., S.82.
18) Vgl. Joseph A. Kechichian/R. Hrair Dekmejian: The Just Prince, S.97ff, Saqi Books, London 2003.
19) Fiona Kennedy/Brigid Carroll/Joline Francoeur: Mindset Not Skill Set: Evaluating in New Paradigms of Leadership Development, Advances in Developing Human Resources 15 2013, S.10-25.
20) Vgl. Dijksterhuis, a.a.O., S.82.
21) Vgl. Klaus Leibnitz: Sun Tsu - Die Kunst des Krieges, WBG Darmstadt 2010, 2. Auflage, S.85, S.96.
22) Vgl. August Horneffer: Thukydides - Der Peloponnesische Krieg, Phaidon Verlag Essen 1993, S.267.
23) Vgl. Julia Kotzschmar/Josef K. Pöllath: Strategeme, Etwas aus einem Nichts erzeugen, Marix Verlag, Wiesbaden 2010, Strategem 28.
24) Eduard Grisebach (Hrsg.): Balthasar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, Philipp Reclam Leipzig 1895, Maxime 172.
25) Vgl. Leibnitz, Sun Tsu, a.a.O., S.47, S.73.
26) Vgl. Horneffer, Thukydides, a.a.O., S.236.
27) Vgl. Albert A. Stahel: 29.4.2015, http://strategische-studien.com/2015/04/29/der-islamische-staat-umsetzung-der-guerillakonzeption-des-brasilianers-carlos-marighela/.
28) Vgl. Keller/Sato, Munenori, a.a.O., S.59f.
29) Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Nikol Verlag, Hamburg 2011, S.25.
30) Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Nikol Verlag, Hamburg 2012, 4. Auflage, S.244, S.288f.
31) Vgl. Liddell B.H. Hart: Strategy, London, Meridian Book, 1991, S.16ff.
32) Vgl. Stahel, Klassiker, a.a.O., S.218f.
33) Hier ist das Prinzip eher als Prinzipiengruppe zu verstehen, da viele mögliche Varianten der Destabilisierung gelehrt wurden.
34) Tobin E. Threadgill (1): Takamura ha Shindo Yoshin Kai - Students Handbook, Evergreen, New Willow Press, 2009,S.85.
35) Gemäß dem bekannten End-Ways-Means-Paradigma.
36) Vgl. Daniel Kahneman: Thinking Fast and Slow, London 2011, Penguin Books, S.30.
37) Vgl. Dijksterhuis, a.a.O., S.29ff.
38) Ebenda: S.139.
39) Vgl. Clausewitz, a.a.O., S.134ff.