„Die Schrecklichen“: Südafrikas erfolgreichstes Infanteriebataillon im Einsatz (1975-1993)

Jan Breytenbach

 

Kein anderer Verband der südafrikanischen Streitkräfte war erfolgreicher als das 32. Bataillon, dessen Aufgabenspektrum abwechselnd klassisch-konventionelle Operationen sowie solche zur Aufstandsbekämpfung beinhaltete. Entsprechend vielfältig wurde diese Truppe eingesetzt und brachte dem Gegner verheerende Verluste bei. So ging das Bataillon als Os Terriveis - „Die Schrecklichen“ - in die Geschichte ein. Ihr Gründer und langjähriger Befehlshaber war Colonel Jan Breytenbach.

ÖMZ: Colonel, warum war das 32. Bataillon bei der Aufstandsbekämpfung derart erfolgreich?

Breytenbach: Zur Analyse des Auftrages, der Struktur, politischen Orientierung und Demografie des kleinen Verbandes im Kontext des Buschkrieges muss ich etwas weiter ausholen, als die Frage es eigentlich gebietet. Dazu gehört eine Schilderung der Umstände, die zur Gründung geführt haben, und konsequenterweise auch der Modus Operandi, der aus den Anpassungen an das sich verändernde operative Umfeld zwischen der Aufstellung 1975 und der Auflösung des Bataillons 1993 entstand.

 

ÖMZ: Gut, dann schildern Sie uns bitte die Anfänge.

Breytenbach: 1961 hatte sich in Angola die nationalistische Freiheitsbewegung FNLA (Frente Nacional da Libertação de Angola) unter der Führung von Holden Roberto gebildet, um den Portugiesen den Norden ihrer Kolonie, ungefähr entlang der vorkolonialen Grenze des Bakongoreiches, zu entreißen. Die FNLA hatte keinerlei Verbindung zu den Kommunisten; es waren ausschließlich nationalistische Ziele, die den Konflikt mit den portugiesischen Siedlern motivierten. Die FNLA genoss frühzeitig die Unterstützung des benachbarten Zaire unter Mobutu Sese Seko; die von der UdSSR unterstützte und von dem bekennenden Kommunisten Dr. Augistino Neto geführte MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) kam erst etwas später ins Spiel. Sie verfolgte das Ziel, Angola von einer Kolonie des kapitalistischen Westens in eine Festung des leninistischen Kommunismus in Schwarzafrika zu verwandeln. Zwischenzeitlich entstand außerdem die von Rotchina unterstützte UNITA (União Nacional para a Independência Total de Angola) unter Jonas Savimbi. Der Maoismus war in dieser Weltgegend allerdings nur eine Übergangserscheinung, da China weder ökonomisch noch militärisch in der Lage war, einen derart weit entfernten Aufstand zu unterstützen. Auch der FNLA ging angesichts der massiven portugiesischen Reaktion bald der Dampf aus, zumal sie keine gefestigte Machtbasis in der Bevölkerung hatte und von Sese Seko, der inzwischen Robertos Schwager geworden war, nur unzureichend unterstützt wurde.

Die Lage änderte sich dramatisch, als die portugiesische Regierung Chissano 1974 durch einen Militärputsch zu Fall gebracht wurde. Nach Verhandlungen mit Neto, Savimbi und Roberto wurde eine Übergangsregierung beschlossen, die am 11. November 1975 die Macht übernehmen und das Land für Wahlen vorbereiten sollte.

Zuvor hatte ein gewisser Daniel Chipenda, der damalige Militärchef von FAPLA - dem bewaffneten Flügel der MPLA -, eine Auseinandersetzung mit dem MPLA-Präsidenten Agostinho Neto. Chipenda und mit ihm ein Großteil seiner Kämpfer schlossen sich in der Folge Roberto an. Der letzte Gouverneur von Angola, der zur portugiesischen Junta gehörende Kommunist De La Rosa (auch als „Roter Admiral“ bekannt) sorgte sich vor diesem Hintergrund, dass die FNLA, möglicherweise mit Hilfe der UNITA, die geplanten Wahlen gewinnen und die favorisierte MPLA hinter sich lassen könnte. So flog er nach Kuba und bat Fidel Castro um Unterstützung. Mit Erfolg, denn schon bald floss ein Strom von Soldaten und Kriegsgerät nach Luanda, um die Vorherrschaft der MPLA zu sichern.

Die Mehrheit der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) sah sich durch die Ankunft kubanischer Truppen aufgeschreckt und bat die südafrikanische Regierung unter John Vorster um Unterstützung. Dieser wollte bei den schwarzen Staatschefs Punkte sammeln, wurde vom CIA und der amerikanischen Ford-Regierung zum Eingreifen ermuntert und wagte schließlich den Sprung ins Ungewisse, indem er einen Plan entwarf, um FNLA und UNITA ausreichende militärische Kraft zu verleihen, mit der die FAPLA vor dem Wahltermin am 11. November 1975 auf dem Schlachtfeld besiegt werden sollte.

Elf meiner Kameraden und ich wurden daraufhin ins angolanische Mpupa an den Ufern des Cuito geschickt, um die Reste von Chipendas zerrupfter Truppe zu organisieren, auszubilden und zu führen. Die Einheit bekam die Bezeichnung Bravo Group. Eine Anzahl von Südafrikanern wurde darüber hinaus der UNITA zugeteilt, sie spielten aber keine Rolle bei der Führung der Truppe, weil Savimbi keine Weißen in seiner Befehlsstruktur duldete.

ÖMZ: Wie und warum wurde die Einheit dann so erfolgreich?

Breytenbach: Den zusammengewürfelten Haufen, der im September 1975 vor mir stand, konnte man beim besten Willen nicht als eine organisierte militärische Einheit beschreiben. Es handelte sich um hungernde Flüchtlinge; viele waren zu Räubern geworden, um zu überleben; ihre Ausrüstung ließ zu wünschen übrig, die militärische Ausbildung ebenso. Dementsprechend waren wir seinerzeit als das „zweite dreckige Dutzend“ bekannt (das erste, ebenfalls meinem Befehl unterstehende, hatte einige Jahre zuvor Südafrikas Spezialkräfte gegründet), mit dem Auftrag, einen demoralisierten Haufen in eine schlagkräftige Truppe umzuwandeln. Und dies in maximal vier Wochen! Danach sollten wir in die Welt hinausziehen und mit der weitaus besser gerüsteten und versorgten FAPLA auf einem unbestimmten Schlachtfeld die Schwerter kreuzen.

Wir hatten nicht die Zeit für schicke Ausbildung und konzentrierten uns auf das Notwendigste. Der Rest musste während der Marschbewegung und auf dem Gefechtsfeld vermittelt werden, als wir im Rahmen der südafrikanischen Großoffensive Unternehmen Savannah voranstolperten. Zu diesem Zeitpunkt bestand ohnehin noch keine Notwendigkeit, die Truppe in der Aufstandsbekämpfung auszubilden, weil wir die FAPLA und die kubanischen Truppen auf allen Wegen des Landes in konventioneller Schlachtordnung vorfanden. Zum Glück nahm parallel zur schnelleren Abfolge und der wachsenden Intensität der Kämpfe auch die Kampfbereitschaft der Bravo Group zu, einschließlich meiner Fähigkeit als Kommandeur.

Meine Einheit hatte damals zu Beginn jeder neuen Schlacht die totale Vernichtung vor Augen. Wäre die Truppe tatsächlich zerbrochen, hätte das das Ende der Taskforce Zulu, also der südafrikanischen Hauptstreitmacht, bedeutet, die, zusammen mit dem 31. Bataillon, den zentralen Stoß auf Luanda durchführte. Jedes Gefecht erforderte vor diesem Hintergrund die Durchsetzung unbedingter Disziplin. Im weiteren Verlauf des Feldzuges wurden aus den ehemaligen FNLA-Kämpfern harte, disziplinierte und kampftüchtige Soldaten mit Stolz für ihre Einheit, die mit jeder weiteren Auseinandersetzung zu einem immer wirksameren militärischen Werkzeug geschmiedet wurden.

Nach einer Vielzahl von Kämpfen erreichten wir die Front bei Cela und fanden uns in einer Patt-Situation wieder. Die Männer waren müde und es war auch der Zeitpunkt gekommen, uns südafrikanische Ausbilder und Führer durch frische Leute zu ersetzen.

Chipenda, mein eigentlicher Vorgesetzter und Befehlshaber, hatte sich inzwischen nach Portugal abgesetzt, denn er ging davon aus, dass alle südafrikanischen Truppen und sämtliche größere Unterstützung auf politischen Druck hin abgezogen werden würden. Und wirklich: Uns wurde befohlen, die Einheit an eine neue Führungsgruppe aus Südafrika zu übergeben und unsere mittlerweile lieb gewonnenen angolanischen Kameraden in einer unsicheren Lage zurückzulassen. Geschlossen weigerten wir uns, diese Truppen inmitten eines Feldzuges zu verlassen, und bestanden darauf, sie entweder mit uns den Rückzug antreten zu lassen oder gemeinsam weiterzukämpfen. Wir streikten (lacht)! Das Oberkommando in Pretoria wusste nicht, wie es mit dieser Situation umgehen sollte, und erlaubte schlussendlich den geordneten Rückzug der gesamten Bravo Group.

Die daraus folgenden politischen Entwicklungen bedeuteten, dass Südafrika nun - entgegen allen militärischen Planungen und Grundsätzen - plötzlich über ein voll bewaffnetes schwarzes Infanteriebataillon verfügte. Die Verantwortlichen mutete die neue Situation peinlich an, hatten doch seit der Ära des britischen Empires schwarze Soldaten noch nie in einer Kampfrolle bei den südafrikanischen Streitkräften gedient. Das Militär wurde sozusagen mit einem „unehelichen Kind“ ertappt, das es der Vorster-Regierung und dessen Wählern erst erklären musste. Immerhin erschien die Apartheid damals - v.a. im Kontext der Internationalisierung des Buschkrieges in Angola und Südwestafrika/Namibia - bereits zunehmend als überholte und inakzeptable Weltanschauung.

Ich nutzte die Gelegenheit, indem ich darauf hinwies, dass meine Männer am besten für den Einsatz gegen die SWAPO (South West African People’s Organisation), eine klassische Aufstandsbekämpfungsaufgabe also, geeignet seien. Allerdings in einer offensiven Rolle gegen die Guerillastützpunkte in Angola, da sie Angolaner und nicht nur dort zuhause seien, sondern auch von der Bevölkerung mehr Akzeptanz und Unterstützung erwarten konnten als jeder weiße südafrikanische Soldat. Savannah war nicht zuletzt deshalb zum Kommunikationsdesaster geworden, weil die Regierung sich beim Einsatz von weißen Wehrpflichtigen tief im Feindesland sehr unwohl fühlte. Sie ließ die Öffentlichkeit so lange im Dunkeln, bis die Medien sie für das Vertuschen des südafrikanischen Engagements in Angola „grillte“ und die Wähler genau wissen wollten, wo sich ihre Söhne und Brüder befanden. Dieser Wirbel betraf Bravo Group ganz und gar nicht. Keiner in Südafrika interessierte sich für den Aufenthaltsort des ehemaligen Chipe Esquadrao. Jegliche weitere Operationen in Angola sollten daher bevorzugt durch schwarze Angolaner durchgeführt werden, ohne dabei die UNO, OAU, die liberale Presse und die weiße Bevölkerung zuhause zu alarmieren.

 

ÖMZ: Dank der Konzentration auf die klassische Aufstandsbekämpfung konnte die Initiative zurückgewonnen und der Gegner meist in die Defensive gedrängt werden. Wie gelang Ihnen das mit Ihrer verhältnismäßig kleinen Einheit?

Breytenbach: Während meines kurzen Urlaubs und bevor ich mich beim Kommandeur der Task Force 101 bei deren Hauptquartier in Rundu melden musste, arbeitete ich eine Einsatzstrategie für Bravo Group aus, die er nicht wirklich ablehnen konnte. Die südafrikanischen Streitkräfte hatten sich aufgrund des internationalen Drucks ja ganz aus Angola zurückziehen müssen, was der SWAPO dort die Gewinnung neuer Basen ermöglichte, v.a. in der Provinz Kunene, die genau nördlich von Ovamboland im heutigen Namibia liegt. Von da aus konnte mit relativer Leichtigkeit ins Ovamboland hinein operiert werden und die Unterstützung der SWAPO unter der regionalen Bevölkerung verstärkt werden. Ich wollte, dass meine Männer in diesem Gebiet eingesetzt werden, um selbst als Guerilla gegen die SWAPO-Stützpunkte zu fungieren.

 

ÖMZ: …nach dem Motto: „Die Terroristen terrorisieren“?

Breytenbach: Genau. Denn mit dieser Strategie war der SWAPO ein wichtiger Bereitstellungsraum und ein ideales Sprungbrett entlang der Grenze zwischen Angola und Namibia zu entreißen. Bis 1976 hatten die Untergrundkämpfer ihr Zielgebiet in Nordnamibia noch aus dem westlichen Sambia infiltrieren müssen, was einen allzu weiten Weg darstellte. Als ich noch Befehlshaber der Spezialkräfte war, hatte ich immer wieder Teams ins südwestliche Sambia geschickt, die als Guerilleros gegen SWAPO-Stützpunkte agierten und die Lage für den Gegner dort so heiß machten, dass dieser die Region räumte und sich nach Osten und ins Landesinnere zurückzog. Über immerhin zwei Jahre hinweg fanden daraufhin keinerlei Infiltrationen mehr statt, weder ins Ostkaprivi-Gebiet noch ins Ovamboland. Das Konzept hatte sich also schon bewährt. Ich schlug daher vor, auf gleiche Weise SWAPO-Stützpunkte weiter ins angolanische Inland hineinzudrücken, um deren „Ho-Tschi-Minh-Pfad“ deutlich zu verlängern und die Aufständischen durch meine Truppen nördlich der Grenze und die regulären Einheiten südlich davon besser bekämpfen zu können.

Natürlich wurden mit der Umsetzung dieser Strategie nicht alle Infiltrationen unterbunden. Einige Banden gelangten bis südlich der Grenze und mussten dort durch andere Einheiten abgefangen werden, wobei die Operationen mit äußerster Rücksicht auf die dortige Infrastruktur und die Befindlichkeiten der Bevölkerung - also wesentlich defensiver - zu führen waren. Zu diesem Zweck kam es zur Bildung von Spezialeinheiten wie der Polizeieinheit Koevoet, des 101. Ovambo-Bataillons, des 201. Kavango-Bataillons, des 701. Kaprivi-Bataillons, alles Spezialkräfte auf Motorrädern und Pferden oder auch mit Hunden, während gleichzeitig weiße Wehrpflichtige herangezogen wurden.

Der Kernauftrag dieser südlich der Grenze eingesetzten Truppen lag darin, die Herzen und Hirne der einheimischen Bevölkerung zu erreichen. Das Militär gewährleistete den Schulunterricht, baute Brunnen, offerierte Unterstützung in der Landwirtschaft, sicherte die Straßen vor Landminen, reparierte Wasserrohre und legte Stützpunktketten an. Mit diesen Maßnahmen sollte der SWAPO die Möglichkeit genommen werden, der Bevölkerung den kommunistischen Lebensstil aufzuzwingen oder Rekruten für die People’s Liberation Army of Namibia (PLAN) zu gewinnen.

Ein defensiver Ansatz wie dieser kann, alle Experten bestätigen das, zwar einige wichtige Schlachten bei der Aufstandsbekämpfung gewinnen, niemals aber den ganzen Krieg. Kriege werden nur mit Offensivoperationen gewonnen - und dies war auch v.a. die Position des damaligen Chefs des Heeres und späteren Chefs der Streitkräfte, General Constand Viljoen.

Bravo Group, bald auf 32. Bataillon umbenannt, übernahm im Zuge dieser Strategie die Führung beim Vorgehen nördlich der Grenze. Zunächst taten wir das allerdings noch ohne das Wissen des Militärhauptquartiers in Pretoria, später mit dessen Segen, v.a., nachdem die ersten sehr positiven Lageberichte von „illegalen“ Aktivitäten der Bravo Group tief in Angola eingetroffen waren.

 

ÖMZ: Ab welchem Punkt spielte die Einheit auch wieder eine konventionelle Rolle, und wie kam es dazu?

Breytenbach: Ich setzte einige Kompanien des inzwischen neu benannten 32. Bataillons rund 200 km bis 250 km nördlich der Grenze ein, um vorrückende FAPLA-Einheiten aufzuhalten und somit ein Gebiet für die zurückweichenden UNITA-Truppen zu sichern. Diese befanden sich noch in der Umgruppierung und hatten sich noch nicht vom Abzug der Südafrikaner erholt. Natürlich waren wir durch diese selbst aufgebürdete Aufgabe stark überdehnt, aber durch Anpassungen unserer Taktik gelang es uns, FAPLA dermaßen zu zermürben, sodass diese das Gebiet räumte, um sich weiter nördlich bei Cuito Cuanevale neu zu gruppieren. So konnte sich die UNITA schließlich in Landstriche zurückziehen, die meine ehemaligen FNLA-Männer, geschworene Feinde von Savimbi und dessen UNITA, für sie gesichert hatten.

Die Effektivität des 32. Bataillons als Aufstandsbekämpfungseinheit muss vor dem Hintergrund der politisch-militärischen Rahmensituation beurteilt werden. Während die meisten südafrikanischen Einheiten überwiegend defensive Aufgaben übernahmen, kam dieser Einheit eine offensive Rolle zu; sie zerstörte Guerillastützpunkte oder erzwang deren Verlegung ins angolanische Inland, von wo aus die Attacken in Richtung Südwestafrika/Namibia lediglich kraftlosen Nadelstichen gleichkamen, mit denen die Sicherheitskräfte leicht fertig wurden.

Von Zeit zu Zeit wurden - in Zusammenarbeit mit dem 32. Bataillon - konventionelle Operationen gegen SWAPO-Stützpunkte durch andere südafrikanischen Einheiten unternommen, v.a. dann, wenn wir oder die Nachrichtendienste den Gegner lokalisiert hatten. Als ein wichtiges Resultat unserer Guerillaaktivitäten gab es eine Konzentration gut eingegrabener SWAPO-Kämpfer, die sich vor Angriffen sichern mussten und damit ihre Mobilität einbüßten. So entstanden aus bis dahin zerstreuten Guerillagruppen lohnenswerte Ziele, die mit konventionellen Kräften niedergekämpft werden konnten - z.B. durch südafrikanische Fallschirmtruppen in Cassinga (1978) oder durch mechanisierte Infanterie bei Cheteguera. Auch das 32. Bataillon war hierin involviert, als es während der Operation Reindeer (1978) mit geballten Kräften bei Eheke zum Einsatz kam, sowie während der Operation Daisy (1981) zusammen mit mechanisierten Einheiten und Fallschirmtruppen, bei der Operation Sceptic (1980) für mechanisierte Truppen und der Nachfolgeoperation Smokeshell (1980). Eine besonders erfolgreiche Aktion für das 32. Bataillon war die Operation Super (1982) einschließlich einer oder zweier Nachfolgeoperationen. Tausende SWAPO-Guerillas wurden durch diese gezielten Schläge innerhalb ihrer vermeintlich sicheren Aufenthaltsräume getötet und die zuvor formidable Streitmacht zu einer nur mehr kleineren militärischen Bedrohung zurechtgestutzt, deren Einfluss nun zu schwinden begann. Der Krieg veränderte sich hin zu einer Serie konventioneller Konfrontationen innerhalb Angolas, zwischen FAPLA und regulären kubanischen Truppen einerseits und südafrikanischen Einheiten andererseits, die bis dahin eigentlich südlich der Grenze eingesetzt waren. Die Bedeutung der SWAPO war nur noch marginal.

In dieser konventionellen Phase des Krieges spielte das 32. Bataillon eine wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle als umorganisiertes und neu ausgebildetes konventionelles Bataillon. Höhepunkte dieser Einsätze bildeten die so genannten „Lomba-River-“, „Cuanavale-“ und „Calueque-Schlachten“ der Jahre 1987/88.

 

ÖMZ: Gab es während der nichtkonventionellen Phase des Krieges eine Doktrin der Aufstandsbekämpfung, auf die Sie sich stützen konnten, oder mussten Sie einen „look and learn“-Ansatz verfolgen?

Breytenbach: Dazu würde ich sagen, dass sich Doktrinen oder Gefechtsanleitungen bei konventionellen Konflikten und bei der Aufstandsbekämpfung, v.a. bei mobilen Operationen in ländlichen Gebieten, ähneln. Wir lernten alle, wie man einen zeitlich begrenzten Stützpunkt errichtet, einen Unterschlupf baut, Hinterhalte selbst legt, solchen des Gegners entrinnt, Spuren verwischt, Fährten liest, einen Beobachtungsposten tagelang bemannt, einen Stützpunkt oder eine Stellung angreift - alles unverzichtbare Busch- und Überlebensfertigkeiten. Manche waren Büchern entnommen, etwa über die Erfahrungen der Briten in Malaysia und der Amerikaner in Vietnam. Doch all diese Fertigkeiten mussten dem eigenen Gegner und dem Terrain angepasst werden. Wir experimentierten und entwickelten unsere Spezialgebiete, hielten uns nie streng an die Buchinhalte. Dies galt v.a., wenn wir als integriertes Team mit Luftunterstützung vorgingen. So gab es beispielsweise im Zusammenwirken mit den Rhodesiern von uns entwickelte so genannte „Fireforce“-Konzepte (Hubschrauber-gestützte Blitzschläge gegen Stützpunkte), die der SWAPO letztlich weitaus mehr Verluste zufügten als alle anderen Einsatzmethoden. Vorhandene Literatur wurde dafür durchaus als Ausgangspunkt verwendet - zumal die Amerikaner ein ähnliches Konzept schon in Vietnam kannten -, aber immer variiert und an die doch sehr unterschiedlichen Anforderungen der jeweiligen Lage und das breite Spektrum der Gegner angepasst, das von kampferprobten SWAPO-Guerillas über FAPLA-„Kanonenfutter“ bis hin zu den etwas zögerlichen Kubanern reichte. Erst die mentale Belastbarkeit und das Geschick der Führungskräfte bei der Anwendung der erlernten und häufig erprobten Kampftechniken an das Terrain und den Gegner gewährleisteten die Effizienz des 32. Bataillons in jeder Situation.

Zur Festigung dieser Fähigkeiten und der Heranbildung neuer Konzepte errichteten wir eine exzellente Ausbildungseinrichtung im Süden unseres Stützpunktes im westlichen Caprivi (Buffalo Base). Dort wurden alle Mitglieder der Einheit durch eine Vielzahl von Kursen und Lehrgängen für die Art der Gefechte und Schlachten vorbereitet, die sie erwarteten. Die Inhalte dieser Ausbildung mussten ständig verändert werden, um den praktischen Anforderungen des Krieges Genüge zu tun. Gegen Ende mussten wir sogar mechanisierte Kompanien, Panzerwagen und Artillerie in den Verband integrieren, um mit der nun ausschließlich konventionellen FAPLA- bzw. Kubaner-Bedrohung fertig zu werden, während die SWAPO-Guerilleros im Grunde verschwunden waren. Also hatte sich auch die Ausbildung dahingehend zu wandeln, dass neue Taktiken, neue Gefechtsrichtlinien und neue Waffensysteme integriert wurden.

 

ÖMZ: Gab es dennoch Anpassungsschwierigkeiten?

Breytenbach: Nein. Wir kämpften in völlig entlegenen Gebieten ohne jede auch nur rudimentäre Infrastruktur im Umkreis von Tausenden Quadratkilometern Busch. Diese Herausforderungen waren von den schwarzen Soldaten des 32. Bataillons jedoch weitaus leichter zu bewältigen als von städtischen weißen Wehrpflichtigen. Deshalb leistete die Einheit auch in einem solchen Umfeld immer Herausragendes.

 

ÖMZ: Bei einer solch heterogenen Einheit stellt sich die Frage, ob und ggf. wie Ethno- bzw. Stammesrivalitäten eine Rolle spielten.

Breytenbach: In der Tat, denn die Mitglieder der Einheit kamen aus sieben unterschiedlichen Stämmen Angolas. Alle hatten ihre eigene Sprache, nutzten aber Portugiesisch als „lingua franca“. Von den Stämmen innerhalb Südwestafrikas/Namibias wurden sie nicht gerade mit Zuneigung betrachtet, was ein Hauptgrund dafür war, weshalb sie nicht südlich der Grenze zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt wurden. Demgegenüber brachten ihnen die südlichen Stämme Angolas - sofern diese nicht unter der Gewalt von SWAPO oder FAPLA standen - einige Begeisterung entgegen.

Als ich die Chipe Esquadrao übernahm, war ich mir der Stammeszugehörigkeiten der Männer nicht bewusst. Die Untereinheiten waren ohne jede Rücksicht darauf vermischt worden. Der Savannah-Feldzug erscheint im Nachhinein als Klammer, die die Männer durch die in der Schlacht geschmiedete Kameradschaft zusammenhielt und die sich als fester als die durchaus bestehenden Stammesrivalitäten erwies. Allerdings musste ich es mir gegen Ende von Savannah zur Aufgabe machen, den Männern zu verdeutlichen, dass ich keine Stammesloyalitäten, politischen Loyalitäten oder gar ein System dualer Führung tolerieren würde, wie es der Fall gewesen war, als die Loyalität der Truppe noch zwischen mir und Chipenda geteilt war. Es würde in Zukunft nur einen Stamm geben, nämlich das Bataillon, und ich würde bis auf Weiteres der „Häuptling“ dieses Stammes sein, so lautete die Botschaft. Einige wenige Männer, die dies nicht akzeptierten, wurden in ein Flüchtlingslager in Rundu abgeschoben.

Ich bemühte mich, einen Korpsgeist zu schaffen, den es sonst nur unter Spezialkräften gab. Ihre Siegesserie im gerade vollendeten Savannah-Feldzug und der Respekt, der ihnen von den weißen Truppen der uns zugeteilten Panzerwagenschwadron gezollt wurde, boten dafür eine gute Grundlage. Wir entwarfen ein Truppenabzeichen, ein Barett, Gürtel und Schulterabzeichen. Das unvermeidliche Ergebnis war, dass die Männer anfingen, wie Schuljungs in ihrer Uniform durch die Gegend zu stolzieren und sich - v.a. in Anwesenheit des weiblichen Geschlechts - drei Meter groß fühlten.

 

ÖMZ: Wie gestaltete sich innerhalb des Bataillons die Beziehung zwischen den Rassen angesichts der Tatsache, dass die Führungskräfte ja überwiegend Weiße waren? Und das in Zeiten der Rassentrennung?

Breytenbach: Die Führungskräfte von der Zugsebene aufwärts waren zunächst alle weiße Südafrikaner, bis wir später kampferprobte schwarze Sergeanten und „Spieße“ auf Offizierslehrgänge schickten, damit einige von ihnen als Zugs- und Kompaniekommandanten eingesetzt werden konnten. Ich führte eine Politik ein, die offen die schwarzen Soldaten bevorzugte. Alle weißen Bewerber für die Mitgliedschaft im Bataillon mussten sich einem strengen Auswahlverfahren unterziehen, vergleichbar mit dem von Spezialkräften wie der SAS. Apartheidstendenzen wurden ihnen dort ausgetrieben oder man schickte sie dahin zurück, wo sie herkamen. Alle Zugskommandanten mussten dann noch ein letztes Hindernis erfolgreich überwinden: die Gewinnung der Akzeptanz ihrer Männer. Denn diese pflegten einen neuen Zugskommandanten beim ersten Gefecht genau auf seine Reaktionen hin zu beobachten. Anstatt den Gegner anzugehen, wie sie es eigentlich hätten tun sollen, warteten sie zunächst das Verhalten des „Neuen“ ab und analysierten ihn, ob er „feuerfest“ war. Ich besprach mich anschließend immer mit den schwarzen Unteroffizieren. Wenn diese den Neuling als tatkräftigen Anführer annahmen, war dessen Zukunft im Bataillon gesichert, wenn nicht, wurde er sofort versetzt.

Die Bindung zwischen den schwarzen Soldaten und den weißen Führungskräften festigte sich derart, dass ich Probleme hatte, Züge überhaupt einzusetzen, wenn der Zugskommandant in Urlaub war, man ihn zu einer anderen Einheit versetzt hatte oder, wie es leider allzu oft passierte, verwundet nach Südafrika ausgeflogen worden war. Sie tolerierten den Ersatz dann nur schwer und begrüßten die Rückkehr ihres „Tenenti“ mit großer Begeisterung und oft mit mehr als nur ein paar Bieren.

Da das Bataillon für die Männer zum Lebensmittelpunkt geworden war, wurde die Außenwelt kaum wahrgenommen, und sie waren von der Politik und anderen Entwicklungen isoliert. Dies lag teilweise daran, dass wir auch physisch abgeschottet waren und der „Buffalo“-Stützpunkt ein hermetisch abgeriegeltes Gebiet - eine „no go area“ - am Kavango darstellte, in dem die Soldaten und deren Familienmitglieder lebten.

 

ÖMZ: Neben der Loyalität, dem Kampfgeist und der Kampfgemeinschaft, die sie bisher schilderten, gab es da noch weitere Motivationen, die die Truppe beeinflussten?

Breytenbach: Es gab unter den Männern zweifellos starke Antikommunisten, insbesondere unter den ehemaligen FNLA-Leuten, aber dies wurde nie besonders hervorgehoben oder zur Schau gestellt. Bis Mitte 1976 waren alle Mitglieder des Bataillons in die südafrikanische Armee übernommen worden. Diese stellte nun ihr neues Zuhause dar, v.a., nachdem man ihnen auch die südafrikanische Staatsbürgerschaft verliehen hatte. Ab und zu nahmen wir auch FAPLA- und UNITA-Soldaten gefangen, die sich uns daraufhin ausnahmslos anschlossen. Dabei hatten wir erwartet, dass diese Gefangenen im Sinne des russischen oder chinesischen Kommunismus „durchtränkt“ sein würden. Doch sie legten diese fremden Ideologien ab und empfanden es als ehrenhafter, in unserer Einheit zu kämpfen, offenbar, weil sie den Korpsgeist des 32. Bataillons attraktiver fanden.

 

ÖMZ: Gab es erfolgreiche Versuche seitens des Gegners, die Einheit zu infiltrieren und die Truppenmoral zu untergraben bzw. Loyalitätskonflikte zu schüren?

Breytenbach: Es gab nach Savannah einen Versuch des Parteisekretärs der FNLA, Roberto wieder auf die politische Bühne zurückzubringen, indem er das Bataillon übernehmen wollte, um mit ihm nach Luanda zu marschieren. Ich nehme an, dass dies mit dem dann gescheiterten Versuch der Söldner um „Colonel“ Curran zusammenhing, Angola der MPLA zu entreißen. Der Parteisekretär hatte Zugang zu „Buffalo“, unseren geheimen Einrichtungen am Okavango, aber ich hinderte ihn an seinem Plan, indem ich ihn und die wenigen Unterstützer, die er hatte, in das Flüchtlingslager südlich von Rundu verbannte. Keinem anderen Gegner gelang jemals die Infiltration unserse Verbandes, weil die „Agenten“ recht schnell zu begeisterten Rekruten wurden und sich als Kämpfer im 32. Bataillon einreihten.

 

ÖMZ: In einigen Ihrer Bücher betonen Sie, dass politische Entscheidungsträger mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft zeigten, die Dynamik und die Natur dieses Konfliktes zu verstehen. Das ist kein seltener Vorwurf von Soldaten an die Adresse der Politik. Könnte man daraus für diesen speziellen Fall ableiten, dass ein anderer Kriegsausgang erreicht worden wäre, wenn die Kommandierenden mehr operative Freiheit gehabt hätten?

Breytenbach: Man muss Sorge dafür tragen, dass Kommandierende nicht über eine Befehlsgewalt verfügen, die sich im Konflikt mit unseren demokratischen Philosophien oder der Verfassung befinden. Generäle sind nicht gewählt, sondern seitens der Regierung dazu bestimmt, klar definierte Militäraufgaben zu erfüllen. Allerdings müssen Aufgaben, die den Oberkommandierenden durch eine Regierung aufgetragen werden, Ziele, Einschränkungen und andere Vorgaben stipulieren, was nur in übereinstimmender Planung mit dem militärischen Oberkommando geschehen kann. In Südafrika wurde dies ja auch durch den Staatssicherheitsrat (SSC) gebilligt. Zu diesem Zweck hatte Winston Churchill während des Zweiten Weltkrieges ja ein Kriegskabinett einberufen, in dem Marine, Heer und Luftwaffe vertreten und integriert waren, unter dem wachsamen Auge von Lord Alan Brooke, Churchills rechter Hand. Unser SSC meinte das Gleiche zu sein, war aber nur eine blasse Nachahmung des britischen Systems, wobei man sagen muss, dass Großbritannien sich im totalen Krieg befand und unser Buschkrieg ja vergleichsweise nur ein „Rülpser“ in einem abgeschiedenen Teil der Erde war.

Das größte Problem war, dass sich unsere Politiker in den eigentlichen Verlauf der Schlacht einmischten. Sie hätten sich auf die politische Strategie konzentrieren und den Generälen die Militärstrategie und Taktik überlassen sollen. Politische Entscheidungen gehören den Politikern, während Schlachtfeldstrategie und Taktik die Werkzeuge sind, mit denen militärische Führer politische Ziele realisieren.

Vom 32. Bataillon wurde also erwartet, spezifische Arten von Militärkampagnen durchzuführen: so genannte „externe Operationen“, welche die Zerstörung von SWAPO-Stützpunkten bzw. Ausbildungslagern und die Zerschlagung von FAPLA und kubanischen Truppenansammlungen beinhalteten. Dadurch würde die SWAPO ihre operativen Räume und sicheren rückwärtigen Gebiete in Angola verlieren. Diese Aufgabe wurde mehrfach in größeren Unternehmen mit der Hoffnung wiederholt, am Ende die Kunene-Provinz zu dominieren und das FAPLA-/kubanische Schild, hinter dem sich SWAPO verstecken konnte, zu zerstören.

 

ÖMZ: Hat doch anscheinend immer geklappt. Wo lag das Problem?

Breytenbach: Unser Außenminister, Pik Botha, hatte die Angewohnheit, nach jedem Sieg ins zairische Lusaka zu trotten und unsere Gewinne an den Feind zurückzugeben, indem er unsere Armee aus Angola und den gerade eroberten Gebieten abziehen ließ. Deshalb mussten wir die Operationen mehrfach wiederholen, wenn die SWAPO-Infiltration nach Namibia wieder zunahm. Zum Glück hatten wir Generäle, deren Eckstein ihrer Kriegsstrategie die Offensive ins Nachbarland war und eben nicht, bereitwillig darauf zu warten, bis der Feind in der namibischen Bevölkerung untergetaucht war.

Dieser „Hin-und-Her-Zirkus“ hatte seinen Anfang mit dem Ende von Savannah; wir wiederholten diesen Quatsch in mehreren Großoperationen bis 1988.

 

ÖMZ: Weitere kriegsentscheidende politische Einmischung gab es aber auch auf den weniger bekannten Kriegsschauplätzen, oder?

Breytenbach: Naja. Ich hatte angenommen, wie auch viele andere Offiziere, dass das Ziel sei, der SWAPO einen sicheren Bereitstellungs- und Ruheraum, aus dem sie operieren konnten, zu verwehren. Zu diesem Zweck hatte ich schon immer meine Kompanien im südlichen Teil der Kunene-Provinz eingesetzt. Durch den Mangel an geeigneten Fahrzeugen wurde unsere Penetration des Gebietes eingeschränkt, was uns dazu zwang, immense Distanzen zu Fuß zu bewältigen.

Mit unseren weiteren Verpflichtungen in der Provinz Kuando-Kubango und der Notwendigkeit, Truppen zur Rast und Erholung oder Ausbildung zu rotieren, konnte ich nie mehr als sechs Infanteriezüge gleichzeitig in der Kunene-Provinz operieren lassen. Dennoch gelang es uns, die SWAPO aus äußerst wichtigen Gebieten zu verdrängen. Allerdings konnten wir keine weitere Eskalation riskieren, da uns zu wenige Truppen zur Verfügung standen, um die Initiative unbegrenzt behalten zu können. Weil wir in diesem Teil von Angola im Stammesgebiet der Kwanyama waren, entschloss ich mich, meine Kampfkraft durch die Ausbildung ihrer Krieger zu stärken. Ich hatte ja schon eigene Kwanyamas im Bataillon und bildete diese speziell für den Guerillakampf in unserem hochgeheimen Stützpunkt im Westkaprivi aus. Ich setzte sie als „Pseudo-SWAPOs“ in zwei wichtigen Situationen ein, in denen sie sich in feindlicher Uniform als äußerst wirksam erwiesen. Auch dachte ich an eine Anfrage nach Spezialkräften, die als Berater bei der Ausbildung fungieren sollten, wenn nicht sogar als Führungsgruppe für die Bildung eines eigenständigen Kwanyamabataillons, mit dem die Kunene-Provinz dominiert werden sollte, solange es notwendig schien, die SWAPO dort zu bekämpfen und die FAPLA an deren Unterstützung zu hindern.

Viele Kwanyamas agierten bereits als Kämpfer bei der UNITA, daher war diese Organisation für uns zunächst Hauptquelle für Rekruten. Der damalige UNITA-Befehlshaber, dessen Zuständigkeitsbereich diese Provinz war, war Dr. Vakula Kuta KaShaka. Der zuständige Militärchef der UNITA, General Chevalle, war selbst ein Kwanyama und unternahm auch schon einzelne Operationen in der Provinz.

Beide wären über diesen Schritt - die Stärkung der Kwanyamas durch Ausbilder, Waffen und Munition - äußerst erfreut gewesen. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass unsere Generäle die volle Absicht hatten, die SWAPO auf diese Weise aus der Provinz Kunene fern zu halten und daher mit diesem Plan übereinstimmten.

UNITA-Chef Savimbi jedoch, vom Stamm der Ovimbundu, sah die weitaus aggressiveren Kwanyamas in seiner Organisation mit einer gewissen Antipathie und fürchtete deren Stärkung und die Macht von KaShaka und Chevalle. Also traf er sich mit dem südafrikanischen Verteidigungsminister und plädierte überzeugend für mehr militärische Unterstützung in der Kuando-Kubango-Provinz, auf Kosten der strategisch weitaus wichtigeren Kunene-Provinz.

Kurz danach verschwand KaShaka auf mysteriöse Weise, Schicksal unbekannt. Chavalle wurde seines Kommandos unter fragwürdigen Umständen enthoben, in Jamba (UNITA-Hauptquartier) eingesperrt und später von Savimbi getötet. Ein Südafrika-freundliches Südangola, mit dem der Aufmarsch von SWAPO und FAPLA/Kubaner hätte dauerhaft verhindert oder eingedämmt werden können, wurde somit nie realisiert.

 

ÖMZ: Also klares Scheitern der Politiker wie in Vietnam oder Irak?

Breytenbach: Zusätzlich war hier auch eine Zurückhaltung bei den Spezialkräften zu spüren, die damals unter dem Befehl eines etwas in die Jahre gekommenen ehemaligen Chefs des Militärnachrichtendienstes standen und Ressourcen ausschließlich zur Aufrüstung der UNITA einsetzten. Das war daher nicht gerade hilfreich, sondern sogar ein Problem, da die Aufgabe der Unterstützung an den Militärnachrichtendienst, über dessen neu gegründete Special Tasks Section, weitergegeben wurde. Hier wurden Spezialkräfte genutzt, die von eher teilnahmslosen Offizieren befehligt wurden, die außerdem keinen professionellen Zugang zur Guerillakriegführung hatten. Als ich Jahre zuvor die Spezialkräfte gegründet hatte, hielt ich die Bildung von freundlichen Guerillaeinheiten, im Stil der Green Berets oder der SAS, als äußerst wichtig für südafrikanische Spezialoperationen in fremden Ländern. Aber der nun kommandierende General der Spezialkräfte hatte eine andere Einstellung dazu als ich. So kam es ja auch, dass ich lange zuvor schon abgeschoben worden war, um mit dem „dreckigen Dutzend“ Chipendas Männer auszubilden.

Insofern wurden die Ausbildung und der Einsatz von ausreichenden Guerillatruppen zur Kontrolle der Kunene-Provinz, ob Kwanyamas oder nicht, leider nie ernsthaft in Erwägung gezogen, weder von den Mitgliedern des SSC noch vom Militärnachrichtendienst. Es fehlte offenbar an glaubwürdiger militärischer Meinung, die auf SSC-Ebene einem Haufen Zivilisten klar machen konnte, dass die Kontrolle des Gebietes durch uns wohlgesinnte Guerilleros die Voraussetzung dafür war, dass nach dem Abzug südafrikanischer Truppen SWAPO und FAPLA nicht einfach nachrücken würden. Wir hätten einen großen, hässlichen Sumpf kreieren können, durch den SWAPO-Kämpfer und FAPLA-Truppen nur schwer bis an die Grenze von Namibia durchgedrungen wären.

In der Kuando-Kubango-Provinz hingegen und auf Bestehen von Jonas Savimbi, der signifikanten politischen Einfluss beim Militärnachrichtendienst und dem Sicherheitsrat geltend machen konnte, wurde eine konventionelle UNITA-Armee mit Unmengen von Geld aufgebaut. Diese bewies immer wieder, dass sie sich nicht einmal aus einem Papierkorb freikämpfen geschweige denn eine Schlacht kleineren Ausmaßes gewinnen konnte.

Somit kam jetzt hinzu, dass das 32. Bataillon den wiederholten Auftrag hatte, die UNITA vor der totalen Vernichtung zu retten. Die so genannten UNITA-Guerilleros verschimmelten in ihren kleinen Stützpunkten, die von Savimbi und der FAPLA gleichermaßen ignoriert wurden, weil sie einfach nicht von Bedeutung waren. Der einzige Grund, weshalb Savimbi so viel von Angola zu kontrollieren schien, war, dass die FAPLA kein Interesse an dem unattraktiven Hinterland hatte, mit Ausnahme einiger Diamantenminen.

Seine Provinz wurde jedoch sehr effektiv von seinen Feinden zu einem anderen Zweck genutzt. Bei einem dortigen Aufmarsch würde Südafrika immer wieder konventionelle Truppen schicken, um Savimbis Haut zu retten, mit all den damit verbundenen politischen Folgen. Dabei mussten sie sich in den meisten Fällen nicht einmal um ihre Nachschublinien durch die Kunene-Provinz sorgen, weil wir ja hier versäumten, der Provinz die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken.

Manchmal gelang es uns jedoch, die Politiker zu täuschen. 1983 wurde Operation Askari initiiert, um zum wiederholten Mal die FAPLA aus der Kunene-Provinz zu drängen und die bestehenden SWAPO-Stützpunkte zu zerstören. Ohne das Wissen der Politiker wurde gleichzeitig Operation Forte durchgeführt, bei der das gesamte 32. Bataillon geschlossen auf „Chindit Art“ als Guerillaeinheit eingesetzt wurde.

Die Operationen waren zwar eher komplementär zu den konventionellen Einsätzen der mechanisierten Kampfgruppen der Großoperation Askari, stießen jedoch weit in die Kunene-Provinz vor, griffen dort Stützpunkte an und zerstörten diese von Ongiva im Süden über Evale und Mpupa bis ins nördliche Cuvelei. Das 32. Bataillon infiltrierte über Buschpfade teils mit Fahrzeugen, teils zu Fuß, tief in die stark bewaldeten Gebiete des Ostkunene, weit hinter den Linien von FAPLA. Es wurden SWAPO-Stützpunkte lokalisiert, die sich geschützt glaubten, und diese angegriffen.

Inzwischen stieß eine mechanisierte südafrikanische Brigade nordwärts, um in der größten und entscheidenden Schlacht eine FAPLA-Brigade in der Nähe von Cuvelei zu schlagen. Nachdem die FAPLA-Brigade sich besiegt zurückgezogen hatte, trafen diese zermürbten Truppen überraschend auf das weit im Hinterland operierende 32. Bataillon. Die Brigade wurde ausgelöscht, wie auch eine weitere, die den Versuch unternahm, von Norden her als Rettung zur ersten zu stoßen. Beide Brigaden verloren alle ihre Panzer und fast alle ihre Schützenpanzer. FAPLA war geschlagen und aus der gesamten Kunene-Provinz vertrieben worden.

Das 32. Bataillon hat bei dieser Gelegenheit gleichzeitig die schlecht ausgerüsteten Kwanyamas unter den UNITA-Truppen bewaffnet, mit dem Ziel, eine freie Zone ohne das Wissen von Savimbi, dem Militärnachrichtendienst und der südafrikanischen Regierung zu errichten. Doch dieses Geheimnis hielt nicht lange, und in Kürze war unser Außenminister wieder unterwegs, um alles Gewonnene zu verschenken. Dies bedeutete erneut den Abzug, auch für das 32. Bataillon.

Wir hatten jedoch vor zu bleiben, die Kwanyamas zu einer Guerillastreitmacht und die Kunene-Provinz wenigstens zum sicheren Guerillastützpunktgebiet für die UNITA zu machen. Doch der Außenminister kam aus Lusaka mit der frohen Kunde, dass alle Probleme diplomatisch gelöst worden seien und der besagte Abzug stattfinden würde. Auf diese Weise endete eine sehr vielversprechende Operation, weil der Außenminister nicht die strategischen Möglichkeiten eines Guerillakriegs verstand. Das beweist, wie wenig Politiker von Kriegführung wissen.

Wir mussten mit Politikern zurechtkommen, die dachten, dass sie mehr von Krieg verstünden als professionelle Soldaten. Daher auch der Spruch, dass Krieg ein zu ernstes Geschäft sei, als dass man es den Generälen überlässt. Diese arrogante Einstellung erreichte ihren Höhepunkt der Verachtung während der Kämpfe 1987/88 am Lomba. Dieser Fluss war ein Ort, an dem entscheidende Kämpfe zu der Niederlage von vier größeren FAPLA-/Kubaner-Formationen führten, die von einer schwachen südafrikanischen mechanisierten Brigade zerschlagen wurden.

Zuvor hatten fünf mechanisierte FAPLA-Brigaden den Cuito östlich von Cuito Cuanevale über die einzig verfügbare Brücke überquert, um nach Mavinga vorzustoßen und ein Flugfeld zu erobern, von wo aus Savimbi der Todesstoß gegeben werden sollte. Dieser war im abgelegenen Jamba verschanzt. Savimbi schrie, wie immer, „Mord! Mord!“ und die südafrikanische Armee wurde zum soundsovielten Mal durch den SSC umgehend zu dessen Rettung entsandt. Das 32. Bataillon - wer sonst? - setzte sich also am Lomba fest, um den Vormarsch des Feindes zu stoppen. Weitere Einheiten wurden eingeschoben, um zusammengefasst eine schwache Brigade zu bilden. War dies jedoch der richtige Weg?

Die Südafrikaner waren wieder verpflichtet, den Gegner zurückzudrängen. Dabei sollten diesem maximale Verluste beigefügt werden, doch nirgendwo bot das Terrain die Gelegenheit, die Feindbrigaden in die Enge zu drängen und endgültig zu vernichten. Den Gegner erfolgreich in eine Situation hineinzumanövrieren, in der er mit minimalen eigenen Verlusten vernichtet werden kann, ist immer die Kerneigenschaft eines fähigen Kommandeurs.

Einem Kommandeur jedoch eine Philosophie aufzudrängen, die man dann auch noch eine „win win-Situation“ nennt, in der keine Seite gewinnt oder verliert, ist die Einführung einer Art „Blasphemie“ in die „edle“ Kunst der Kriegführung. Genau das tat der SSC mit uns, doch es konnte nur die Frucht des Gehirns eines Karrierepolitikers sein, der seine Fertigkeiten als internationaler Diplomat herangezüchtet hatte. Außenminister Pik Botha passte zu dieser Beschreibung. Aber Krieg ist keine Sportart, bei der sich beide Seiten auch mal gelegentlich auf ein Unentschieden einigen können. Es ist ein Sache von Leben oder Tod, charakterisiert von aggressiver Willenskraft und einer starken, manchmal verzweifelten Entschlossenheit, den Feind zu besiegen. Eine Seite verlässt das Schlachtfeld als Sieger, während die andere Seite immer schwer beschädigt oder vollständig besiegt ist. Manchmal kämpfen sich zwei Armeen in ein Patt hinein, ziehen sich zurück, um sich neu zu gruppieren, Verluste auszugleichen oder sich zu versorgen, nur um dann wieder den Kampf fortzusetzen.

Jedenfalls gab es unter uns Obristen einige, die dafür plädierten, den Vormarsch auf dem Westufer des Cuitos einfach fortzusetzen, um Cuito Cuanevale vom Westen her anzugreifen, d.h. in den Rücken des Feindes zu gelangen. Dadurch würde das vorgeschobene Logistikzentrum des Gegners und, vielleicht noch wichtiger, auch die einzige Brücke erobert werden. Die südafrikanische Brigade wäre dann genau auf der Versorgungs- und Rückzugslinie des Gegners platziert, und dieser wäre von seinem Nachschub abgeschnitten.

Die Brigaden selbst waren ja schon allein durch das 32. Bataillon am Lomba aufgehalten worden. Doch sie konnten dauerhaft dort verharren, solange der Nachschub floss oder sie sich auf Cuito Cuanevale zurückziehen konnten. Würden wir Cuito Cuanevale nehmen, wären sie auf der falschen Flussseite ohne Nachschub gestrandet, würde bald kein Fahrzeug mehr fahren können, und die Truppe, ohne dass wir einen Schuss abfeuerten, würde liegen bleiben. Was nützt ein Panzer ohne Treibstoff? Er wird zur metallenen Hülle, dessen Besatzung sich bei einem Ausbruch zu Fuß einer Umgebung voller UNITA-Kämpfer aussetzen müsste, die ihnen mit Begeisterung, v.a. den Kubanern, die Kehlen durchschneiden würden. So hätten fünf Brigaden restlos vernichtet werden können.

 

ÖMZ: Was hinderte Sie daran, genau dies zu tun? Doch nicht etwa politische Intervention?

Breytenbach: Vernichtung der feindlichen Kräfte war leider nicht auf der Tagesordnung, v.a. nicht beim Außenminister. Die Brigaden sollte lediglich nach Cuito Cuanevale zurückgedrängt werden, der Ausgangsstellung ihrer Offensive. Man hielt es für politisch klug, der FAPLA die Demütigung zu ersparen, fast ihre ganze Armee durch eine einzige südafrikanische Brigade vernichtet zu sehen. Hier kamen die „win win“-Parole und die diplomatische Schiene durch, die nun ins militärische Umfeld transplantiert werden musste, egal ob der militärische „Patient“ diese außergewöhnliche Behandlung annehmen wollte oder nicht.

Wie man so schön sagt: Der Rest ist Geschichte. Die Südafrikaner saßen mit dem Handicap am Verhandlungstisch, dass die FAPLA-Kräfte durch unsere eigenen Politiker vor der endgültigen Niederlage gerettet wurden.

Wie immer führten die Verhandlungen zum Abzug unserer Truppen und der Behauptung, dass die „Apartheid-Kriegsmaschine“ bei Cuito Cuanevale von den „heldenhaften“ FAPLA-/kubanischen Kräften besiegt worden sei. Und dies, obwohl die Wracks von 94 Panzern, hunderten BTRs, BRDMs und Lastkraftwagen heute noch dort herumliegen, mit ungefähr 4.760 gefallenen FAPLA-Kämpfern und Kubanern, während Südafrika drei Panzer, zwanzig Schützenpanzer und 31 Mann (Gefallene) verloren hatte.

Hätten wir unseren unbestreitbaren Sieg gehabt, indem wir die fünf Brigaden gänzlich zerstört hätten, wäre am Verhandlungstisch ein anderes Ergebnis erzielt worden. Um die Lage zu verschlimmern, stimmten stattdessen der Außenminister und der Verteidigungsminister ein, dass nach dem Abzug die südafrikanischen Streitkräfte in ihren Basen verbleiben müssten, während der Implementierung der UNO-Resolution 435 in Namibia. Die SWAPO hingegen musste lediglich in ihren „geheimen“ Lagern bleiben, von denen die überwachende UNO-Truppe (UNTAG) nicht einmal wusste, wo sich diese befanden. Sie zeigte auch keinen Willen es herauszufinden, um somit die Einhaltung des Abkommens zu gewährleisten. Als Sam Nujoma, der Chef der SWAPO, im April 1989 das Abkommen brach und eine Invasion Nordnamibias lostrat, konnte UNTAG diese nicht stoppen, weil sie nicht wussten, wo die SWAPO-Kämpfer überhaupt alle herkamen. Der UNO-Beauftragte Ahtisaari hatte auch keine Vorstellung, was zu tun war, und tat daher zunächst … nichts.

Es war Margaret Thatcher, zu diesem Zeitpunkt gerade in Windhuk auf dem Weg zu Gesprächen mit der südafrikanischen Regierung, die ihm den einfachen und richtigen Rat gab, die kasernierten südafrikanischen Sicherheitskräfte zu entfesseln und die SWAPO in ihre Schranken weisen zu lassen.

Die Polizei, eigentlich die Aufstandsbekämpfungseinheit Koevoet, wurde mobilisiert, die Hubschrauber wieder mit Waffen bestückt, und innerhalb einiger Tage waren 400 bis 600 SWAPO-Kämpfer im Gefecht getötet worden, wonach der Rest panisch über die Grenze flüchtete.

Diese militärische Schweinerei als Teil eines Waffenstillstands, der durch die Nachgiebigkeit kurzsichtiger Politiker ausgehandelt worden war, wurde also gemeistert durch die brillante Margaret Thatcher auf der Durchreise! Thatcher, nie eine Vertreterin der „win win“-Strategie, zeigte sich wieder einmal couragiert und erkannte die globale Bedeutung der südafrikanischen Position besser als Pik Botha.

Als Kampftruppe bejubelten wir Margaret Thatcher, während wir im Stillen Typen wie Botha und Ahtisaari verachteten. Sie waren die großen Kompromissbereiten, die sich gegenseitig in dem Glauben bestätigten, das Militär spiele „Cowboy und Indianer“ und die Diplomatie habe alle Antworten. Sie konnten nicht erkennen, dass das Militär die „Läufer“ auf dem Schachbrett waren, während die Diplomatie, die „Königin“, niemals allein die Show erfolgreich zum Ende bringen konnte. Wenn die anderen Figuren nicht ihre Rolle erfüllten, konnte für den gegnerischen „König“ keine „lose lose“-Situation entstehen. Und dies war nun mal das eigentliche Ziel des „Spiels“.

 

ÖMZ: Gehen wir auf die taktische/operative Ebene. Was sind aus Ihrer Sicht die Schlüsseleigenschaften oder optimalen Merkmale einer Führungskraft im Aufstandsbekämpfungsszenario?

Breytenbach: Ich möchte mich nicht über jedes einzelne Merkmal ausbreiten, sondern auf die außergewöhnlichen Schritte hinweisen, die wir im 32. Bataillon unternommen haben, um die Beziehung zwischen weißen Führungskräften und ihnen fremden schwarzen Soldaten zu zementieren, die sie die Ehre und Pflicht hatten zu befehligen.

Es gibt ein überragendes Konzept des Kommandierens, das alle anderen überstrahlt und leider oftmals nicht angenommen wird. Dies ist, dass die Kommandierenden auf allen Ebenen ihren Truppen zum Dienst verpflichtet sind und nicht umgekehrt. Das bedeutet, dass diese im Kampf nicht verschwenderisch mit den Leben ihrer Truppen umgehen, als wären diese lediglich Gegenstände wie Panzer und Artillerie, mit denen Schlachten gewonnen oder eben auch manchmal verloren werden.

Jeder Befehlshaber sollte sich nur für eine Schlacht entscheiden, wenn das Ergebnis der Sieg sein wird. Sicherlich müssen Risiken in Kauf genommen werden, doch diese müssen kalkulierte Risiken sein. Das Leben seiner Männer muss dem Kommandierenden wertvoller sein als sein eigenes. Er muss auch seine Soldaten und sich selbst für den Kampf vorbereiten, weil deren Überleben und sein eigenes im Gefecht auf jeden Fall von deren Ausbildung, Motivation und Gefechtsbereitschaft abhängen wird, was auch die Anwendung von hervorragendem Kampfgerät mit einschließt. Außerdem muss er von vorne führen und nicht von hinten „schieben“. Selbst ein Brigadekommandeur sollte gelegentlich sein Gesicht auf dem Schlachtfeld zeigen, um mit seiner Bereitschaft, herumfliegendes Blei in Kauf zu nehmen und die raue Wirklichkeit zu durchleben, seine Männer zu inspirieren.

Das notwendige Delegieren in einer Aufstandsbekämpfungssituation, aufgrund der riesigen Gebiete, erfordert Verantwortungsbereitschaft bis zur untersten Ebene. Dies ist nur dann möglich, wenn die Führung auf allen Ebenen von äußerster Integrität geprägt ist und die Kommandierenden alle Unterführer entlang der Befehlskette in allen Aspekten von Führung ausgebildet haben. Dazu gehören auch die Erwartungen an das Verhalten der Truppe gegenüber anderen, z.B. der Zivilbevölkerung.

Dieser Aspekt war gerade beim 32. Bataillon äußerst wichtig, wenn die Truppe in den vom Gegner dominierten Gebieten Angolas eingesetzt wurde. Ich behandelte fehlerhafte Führung in diesem Zusammenhang mit Strenge, musste aber akzeptieren, dass die Verantwortung immer bei mir lag. Der beste Weg, Führungsschwächen auszumerzen, war die Versetzung fragwürdiger Führer zu anderen Einheiten, sobald sie nicht die Erwartungen erfüllten.

In der Aufstandsbekämpfung mussten die Führer schon auf unterer Ebene eine geistige Beweglichkeit präsentieren, die von intrinsischer Integrität und der Bereitschaft, volle Verantwortung zu übernehmen, geprägt war. Doch, wie gesagt, ich stand gerade für die Fehler auf unterer Ebene, da ich sie ja schließlich ausgewählt und ausgebildet hatte. Und bedenken Sie, die Führer der Truppe und die kleinen Einheiten waren über ein 800 km langes und 250 km tiefes Gebiet verteilt, weit jenseits meines persönlichen Einflussbereiches und unter Einheimischen mit unberechenbaren Loyalitäten und Zugehörigkeiten.

Dies bringt mich zu einer weiteren Eigenschaft oder Grundvoraussetzung, nämlich der Loyalität zur Einheit, die von allen Führern implementiert und vorgelebt werden musste. Den Vorfall, bei dem wir uns als Führungskader weigerten, unsere Männer zu verlassen, hatte ich schon erwähnt.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich später auf unterer Ebene. Ein Kompaniekommandant, dessen Kompanie dem 4. mechanisierten Infanteriebataillon zugeteilt worden war, verweigerte den Befehl, einen verwundeten Soldaten zurückzulassen. Gegen den ausdrücklichen Befehl ging er mit dem Zugskommandanten des Verwundeten zurück und zog diesen unter schwerstem Feuer in Sicherheit. Diese Loyalität, auf die sich alle Soldaten der Einheit verlassen konnten, bedeutete, dass sie ihren Anführern überall hin folgen würden. Deshalb empfanden es auch die Männer als extremen Schock, dass der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, der Staatspräsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, 1993 das Bataillon auflöste, nachdem zuvor Versicherungen zum Gegenteil über Kanäle der Heeresleitung an die Truppe gegeben worden waren. Verschlimmert wurde dies dadurch, dass der damalige Befehlshaber des 32. Bataillons sich nicht für den Verband einsetzte, so wie wir es 18 Jahre zuvor getan hatten, weil er seine zukünftige Karriere nicht gefährden wollte.

Drittens, das Wohlbefinden der Truppe war genauso wichtig wie deren Kampfbereitschaft, v.a., weil sie erwarten konnte, unter dauerhaftem physischen und psychischen Druck über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten eingesetzt zu werden. Daher errichteten wir eine Ortschaft mit guten und bequemen Häusern für die Familien, einer hervorragenden Schule, einer Klinik, einem Einkaufszentrum, einer Gemeindehalle, einem Sportplatz und einem Rehabilitationszentrum für die Schwerverwundeten. Wir setzten Feldgeistliche ein, die sich um das spirituelle Wohlbefinden der überwiegend katholischen Familien kümmern sollten. Unverheiratete Soldaten waren in komfortablen Mannschaftsunterkünften untergebracht.

Es gab ein Unteroffiziers-, Sergeants- und Sergeant-Major-Casino wie auch ein Offizierscasino, die Anlaufstellen für diverse Veranstaltungen waren. Der kämpfende Soldat musste in der Lage sein, sich zu entspannen, weg von den Anforderungen und Schrecken des Krieges.

Der Befehlshaber des 32. Bataillons war daher nicht nur Kommandeur, sondern auch „Bürgermeister“ einer mittelgroßen Ortschaft, wenn man bedenkt, dass das Bataillon aus acht kampfstarken Schützenkompanien, einer verstärkten Unterstützungskompanie (mittlere und schwere Granatwerferzüge sowie Pionierzug), später noch einer Panzerabwehrkompanie, einer Batterie Artillerie und einer Versorgungskompanie bestand. Als Bataillonskommandeur musste man mitfühlend mit gestressten Frontsoldaten und deren Problemen umgehen, sei es im operativen Bereich oder mit Familien, deren Kindern und Familienstreitigkeiten als „Häuptling“ des „Stammes“ mit dem Namen „32. Bataillon“.

 

ÖMZ: Was sind die Hauptbedrohungen für die Kohäsion, Effektivität und allgemeine Leistungsfähigkeit in irregulären operativen Bedingungen?

Breytenbach: Unter den Bedingungen der irregulären Kriegführung kann Kohäsion und Führungsstil ein Problem für Offiziere sein, die die engere „Front“ konventioneller Kriege gewohnt sind. Kommandeure erfahren die Schwierigkeit, Kontrolle bei Operationen auszuüben, wenn diese über große Gebiete geführt werden und die Untereinheiten weit auseinander liegen. Ich war, wie schon gesagt, gezwungen zu delegieren, zum Glück mit hervorragenden Offizieren, die in „Sektoren“ die operative Befehlsgewalt hielten. Und ich musste jeden Sektor, wegen der Distanz und der unterschiedlichen Art der Operationen behandeln, als wäre dort ein eigenes Bataillon im Einsatz. Zu einem Zeitpunkt hatte ich beispielsweise drei verstärkte Kompanien in Verzögerungsgefechten gegen drei FAPLA-Brigaden, die sich in drei Marschsäulen jeweils 150 km voneinander auf dem Vormarsch Richtung Südwestafrika/Namibia befanden. Dazwischen lag nur von Gott verlassener Busch, während gleichzeitig sechs Züge in Guerillagefechten in einem anderen, westlich davon gelegenen Gebiet involviert waren. Dabei handelte es sich um ein Gefechtsfeld von 70 km Länge und 30 km Breite. Daher hatte jede Kompanie ihren eigenen besonderen Zusammenhalt und auch jeder Zug, einfach durch die intensive und oftmals sehr unabhängige Art der Operationen, egal, was der Rest des Bataillons gerade tat. Dies war Modus Operandi bis fast zum Ende des Krieges, als die Einheit ein weitaus überschaubareres Operationsgebiet zugewiesen bekam und als konventionelles, wenn auch sehr verstärktes Infanteriebataillon gegen mehrere vorrückende FAPLA-Brigaden bei den schon vorhin angesprochenen Kämpfen am Lomba 1987/88 eingesetzt wurde.

Das Wichtigste ist jedoch, dass, eingesetzt als Guerilleros, jeder Zug im 32. Bataillon verpflichtet war, seine Präsenz den Gegner spüren zu lassen und dies über ein riesiges Gebiet. Nur so ließ sich der Guerillakrieg in unserer Funktion zu seinem vollen Potenzial betreiben. Insofern bedeutete diese Art der Kriegführung keinen Verlust der Kohäsion, sondern viel mehr einen Gewinn derselben. Wir hatten ja vorsorglich dahingehend ausgebildet, Kontrolle auf die untersten Ebenen zu delegieren und verantwortliche Selbstständigkeit zu fördern. Auf oberster Ebene war ich als Befehlshaber viel mehr ein Koordinator, der dafür sorgte, dass die unabhängig operierenden Elemente die notwendige Unterstützung bekamen, d.h. Logistik, Verstärkung oder Informationen zur Lage. Es ging um ständige Planung, um dadurch die Initiative zu behalten oder Gelegenheiten zu nutzen, wie sie gerade entstanden, außerdem Reserven im richtigen Moment einzusetzen und v.a. die Luftunterstützung zu leiten, um den Feinddruck gegen kleinere Einheiten in gegebenen Situationen zu lindern bzw. sich den Fängen überwältigender feindlicher Materialüberlegenheit zu entziehen.

Mit unserem scheinbaren Mangel an Kohäsion, den wir auf der Philosophie der Guerillakriegführung aufbauten, zwangen wir den Gegner, seinen tatsächlichen Mangel an Kohäsion in der Gegenreaktion zu zeigen, womit er aber nicht umgehen konnte. Er konnte sich nicht an eine Guerillabedrohung anpassen und war nicht in der Lage, adäquate Gegenmaßnahmen durchzuführen. Zu weit verteilt und zu zentral befehligt, als dass er sich wirksam gegen die Vielzahl der Angriffe hätten wehren können, die unsere kleinen Einheiten unabhängig, wenn auch koordiniert, unnachgiebig durchführten. Also entschied sich die SWAPO für den Rückzug und gab die Stützpunktkette in der Kunene-Provinz auf, um sich tiefer ins Inland zurückzuziehen. Ähnlich erging es der FAPLA, die die Verbindung zu ihren Flanken schon verloren hatte. Es war ihnen unmöglich, ihre Brigaden am Okavango-Grenzfluss zu versorgen. Zwischen den Hauptversorgungsbasen und den Truppen hatten wir unsere Züge eingeschoben und ihre Verbindungen getrennt, indem wir Tausende Quadratkilometer in guerillaverseuchtes Gebiet verwandelten. Sie mussten sich einige Hundert Kilometer zurückziehen, und die gesamte Kuando-Kubango-Provinz fiel uns so in den Schoß. Wir übergaben sie an die UNITA als rückwärtiges Gebiet, Bereitstellungsraum und Ausgangspunkt für deren Guerillaaktivitäten.

Die Gefahr des Kohäsionsverlustes durch die Verteilung des 32. Bataillons über ein so großes Gebiet blieb daher fern, weil die Führungsqualitäten und Ausbildung auf allen Ebenen von ganz oben bis zur Gruppenebene selbstständiges Handeln ermöglichten. Außerdem hatten wir hervorragende Hochfrequenzfunkkontakte, die streng kontrolliert und mit 24-Stunden-Besetzung jeden Zug mit dem Bataillonsstab verbanden und die Koordinierung gewährleisteten.

 

ÖMZ: Sind Sie der Auffassung, dass die Militärliteratur und Akademiker in den letzten Jahren Forschritte gemacht haben im Verständnis für die Realitäten von Aufstandsbekämpfung, oder fokussiert die Forschung immer noch darauf, den letzten und vorletzten Krieg zu gewinnen?

Breytenbach: Alle Militärliteratur, bis zu den alten Imperien zurück, zu konventioneller und unkonventioneller Kriegführung, wird für Kommandeure immer wertvoll sein. Methoden des Krieges ändern sich, aber seine Prinzipien blieben konstant, seit Kain den Abel beseitigte, bis hin zur Moderne, wo extrem potente Armeen, Luftwaffen und Flotten über riesige Distanzen und komplexe Kriegsschauplätze manövriert werden müssen. Der Gruppenführer in einem Hinterhalt muss die gleichen Prinzipien des Krieges anwenden wie Eisenhower, als er mit Operation Overlord die Invasion des besetzten Westeuropas einleitete.

Kluge Kommandeure werden die Lektionen der Vergangenheit selektiv erkennen und mit Anpassungen in der Gegenwart anwenden. Ein Kommandeur muss jedoch immer lokale Faktoren berücksichtigen, um zu einer Strategie für einen Feldzug oder einem Schlachtplan zu gelangen, auch wenn die Kriegsprinzipien sich in den kommenden Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden - bis die letzte Schlacht geschlagen ist - nie ändern werden.

Auch können keine zwei Schlachten oder Feldzüge gleich sein, weder kontemporär noch in unterschiedliche Zeitrahmen geteilt, historisch oder wiederholt gegen den gleichen Feind im gleichen Kriegsschauplatz. Ich kämpfte beispielsweise zwei total unterschiedliche Schlachten am gleichen Kriegsschauplatz, aufgrund unterschiedlicher Gegner- und Terrainfaktoren. So kämpften die Züge meines Bataillons einen Guerillakrieg gegen SWAPO-Verbände in der angolanischen Kunene-Provinz, während die Verzögerungskämpfe gegen die FAPLA-Brigaden in der Kuando-Kubango-Provinz durch weit auseinander liegende Kompanien geführt wurden.

Die Kriegsmethoden ändern sich, wenn Waffensysteme eingeführt werden, die Schlachtentempo und -verlauf verändern, wenn auch nicht die Taktik an sich. Historisch betrachtet wurden die Hopliten von den Griechen benutzt, um ein Loch in die Schlachtlinie des Gegners zu schlagen, und die Kavallerie, um die Flanken des Gegners zu umgehen. Der Einsatz von Panzern in der Moderne hatte die gleichen Aufgaben wie die Hopliten und die Kavallerie. Nuklearkrieg hingegen ist ein ganz anderes Spiel, bei dem Interkontinentalraketen tausende Meilen fliegen und Städte wie auch ganze Länder zerstören können. Aber der Terror eines solchen Krieges ist, für den Moment zumindest, von solchem Ausmaß, dass Länder alles in ihrer Macht tun, um solch eine totale Zerstörung zu vermeiden und sich weiterhin mit den Methoden des Krieges begnügen, an die wir gewöhnt sind. Dies gibt uns im Wesentlichen eine Art „Speisenkarte“, von der wir auswählen können, wie z.B. Guerillakrieg, Gegenguerillakrieg, begrenzter konventioneller Krieg, unbegrenzter konventioneller Krieg, oder meistens eben eine Kombination aller verfügbaren Methoden.

 

ÖMZ: Welche Parallele, wenn überhaupt, sehen Sie zwischen dem hier besprochenen Krieg und den Einsätzen westlicher Streitkräfte im Irak und Afghanistan?

Breytenbach: Die heutigen Führungskräfte müssen ihre Geschichtsbücher lesen und aus der Vergangenheit lernen. Die von Ihnen erwähnten Kriege dienen dabei als gute Beispiele. Die Amerikaner und Briten gingen in den Irak mit überwältigender Kampfkraft, gewannen die Schlachten und fanden sich schnell in einem nicht gewinnbaren Krieg mit fundamentalistischen islamischen Terroristen, die ihnen eine harte Zeit bereiten. Ähnlich war auch der Sieg über die Taliban, die jedoch immer noch ein Dorn im Fleisch der Amerikaner und der NATO-/britischen Truppen bleiben. Es scheint, als hätten die militärischen Nachrichtendienste in beiden Einsatzgebieten keine sorgfältige Analyse der Menschen, Geschichte, Religion und Stammeszugehörigkeiten usw. gemacht. Sie haben sich anscheinend auf die Analyse der konventionellen Militärorganisationen der jeweiligen Länder beschränkt.

So haben die Amerikaner und Briten sich in eine Situation der irregulären Kriegführung festgefahren, die sie hätten vermeiden können, indem sie einheimische Verbände aus der Bevölkerung vor Ort aufgestellt hätten. Sie hätten damit ihre konventionellen Siege unter der Bevölkerung konsolidieren können. Es hätte eigentlich offensichtlich sein müssen, dass v.a. die besiegten Führungsriegen unter den Taliban wie auch Saddam Husseins Streitkräfte, hier v.a. die Sunniten, untertauchen oder dass Al Qaida jene Lücken füllen würde, die die Alliierten offen ließen.

Und dies, obwohl es eine Fülle von Beispielen aus der Geschichte gibt, die als richtungweisend hätten dienen können. Gerade die Briten hatten in ihrer Kolonialzeit den Nahen Osten mit Militärkräften beherrscht, die aus der einheimischen Bevölkerung heraus rekrutiert waren, so wie ich es mit dem 32. Bataillon nach der Operation Savannah getan habe. Diese einheimischen Kräfte waren weitaus wirksamer in einem demografischen Umfeld, das der einfache Schütze „Tommy Atkins“ kaum verstehen konnte und auch von dessen Befehlshaber „Captain Ponsonby“ nicht verstanden wurde. Die formidablen pakistanischen und indischen Streitkräfte bezeugen diese britische Kolonialpolitik bis Ende des Zweiten Weltkrieges.

Im Südwestafrika-/Namibia-Kontext wurden die Südafrikaner in eine ähnliche Situation gezwungen, als sie zähneknirschend einheimische Einheiten aus der Lokalbevölkerung aufstellten. Dies schloss auch das aus Ovambos bestehende 101. Bataillon ein, das extrem effektiv im Ovamboland als Aufstandsbekämpfungseinheit operierte. Ähnlich auch die polizeiliche Spezialeinheit Koevoet, die noch effektiver war, weil hier Kopfprämien an die Spurenleser für jene SWAPO-Kämpfer gezahlt wurden, die das Pech hatten, getötet zu werden. Das 32. Bataillon operierte sehr effektiv innerhalb ihres eigenen Heimatlandes und war, offen gesagt, nicht „daheim“ in der urbanen Aufstandsbekämpfung, wie in den städtischen Einsatzgebieten während der Unruhen Anfang der 1990er-Jahre in den Metropolen Südafrikas. Ähnlich wie die Buschmänner des 31. Bataillons. Diese waren auch zweifellos weitaus effektiver im südwestafrikanischen oder angolanischen Busch als Fährtenleser, als sie in den relativ dicht bevölkerten Gebieten von Ovamboland gewesen wären.

Diese und andere indigene Einheiten hatten außerdem noch einen Vorteil, indem deren überwiegend weißes Führungspersonal sie ausbildete, lange Zeit unter ihnen weilte und mit ihnen in den Kampf zog. So bestand ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Befehlshabern und den Männern. Die aus Wehrpflichtigen bestehenden „weißen“ Einheiten wurden in Südafrika ausgebildet und dann als Untereinheiten den Aufstandsbekämpfungseinheiten im Operationsgebiet zugeteilt. Dies bedeutete neues Führungspersonal, das sie nicht ausgebildet hatte und ihnen fremd war. Das war ein großer Fehler, weil nun die Beziehungen zwischen den Männern und der Befehlsstruktur von Grund auf neu aufgebaut werden mussten, und dies oft in einem Kampfumfeld, was natürlich wenig ideal war. Nur als spezialisierte Einheiten von Wehrpflichtigen wie Fallschirmjäger, mechanisierte Infanterie, Panzer und Artillerie, die mit ursprünglichen Ausbildungsleitern eingesetzt wurden, konnten sie ihr volles Potenzial entfalten. Was ich daher vorschlage, ist, dass vollständige Einheiten, mit intakter und vollständiger Befehlsstruktur, immer durch Operationsgebiete rotiert werden und nicht Einzelne oder Gruppen von Soldaten als Ersatz dienen.

Nun, die Amerikaner und Briten scheinen sich ja inzwischen auf dem richtigen Wege zu befinden. Sie bilden aus und beraten jetzt einheimische Einheiten mit einigem Erfolg, v.a. im Irak. Sie hätten das früher machen sollen, mit dem Ziel, kurz nach der erfolgreichen Beendigung der konventionellen Kriegsphase diese Einheiten einsetzen zu können. Dadurch wäre das unvermeidbare Machtvakuum sofort durch indigene, irreguläre Einheiten unter ihren eigenen Befehlshabern gefüllt worden, aber unter strikter Kontrolle der Alliierten.

Diese Einheiten hätten die Initiative ergreifen können, den Frieden zu sichern, noch bevor die feindlichen Irregulären ihr Comeback machen und die Kontrolle über die Bevölkerung gewinnen konnten. V.a. die religiösen Militanten, die sich seit Jahrhunderten zanken, die in die Bevölkerungsschichten einsickerten und ihre Territorien auf Kosten anderer abstecken konnten.

Dieser Mangel an Voraussicht hat verursacht, dass der Krieg in beiden Ländern sich seit Jahren hinzieht und weitere Folgen produziert, v.a. wenn man die Verschlechterung der Lage in Pakistan berücksichtigt. Die USA und die Briten verfügen beide über Einheiten, die speziell zur Ausbildung indigener Truppen zugeschnitten sind, namentlich die Green Berets und das SAS. Es ist anzunehmen, dass diese für andere Spezialunternehmen eingesetzt worden waren, aber die Ausbildung indigener Truppenteile für das Ende der konventionellen Kriegsphase war anscheinend nicht Teil des Auftrags.

Die südafrikanischen Streitkräfte gewannen ihre Schlachten mit Leichtigkeit, aber verloren den Krieg an den diplomatischen und ökonomischen Fronten. Es dauerte zu lange für die Politiker, die Apartheid abzuschaffen. Aber ein „Eckstein“ der Menschenrechte ist es ja schließlich, dass jeder das Recht hat, seine eigenen Fehler zu begehen, um daraus zu lernen. Weshalb von den Fehlern anderer lernen, wenn man sie selbst noch begehen kann? Also lassen Sie uns dieses Gespräch mit etwas Zynismus beenden.

 

ÖMZ: Wir bedanken uns für das Gespräch.

 


Jan Breytenbach 

Geb. 1932; Colonel; Mitgründer der südafrikanischen Spezialkräfte; 1972 erster Befehlshaber des nach dem Vorbild des britischen Special Air Service (SAS) aufgestellten 1. Re­connaissance Commando; Einsatz als Befehlshaber des 32. Bataillons; 1978 Leitung der 44. Fallschirmbrigade bei deren erfolgreichem Luftlandeunternehmen gegen SWAPO-Basen bei Cassinga in Angola. Breytenbach hatte den Ruf eines „kämpfenden Denkers“ und erwies sich durch seine nicht selten beißende Kritik an der südafrikanischen Armeeführung und der Politik als unbequemer Soldat. Von den Veteranen des Buschkrieges in der Ära 1966-1989 als „lebende Legende“ verehrt und liebevoll „Oom Jan“ genannt; 1987 frühzeitig pensioniert; inzwischen Autor mehrerer Militärbücher und ein international gefragter Interviewpartner. Jan Breytenbach ist der Bruder des weltweit bekannten Schriftstellers und Anti-Apartheids-Aktivisten Breyten Breytenbach. Er lebt nach wie vor in Südafrika und engagiert sich insbesondere für die Kriegsversehrten und Veteranen des 32. Bataillons, die er durch die ANC-Regierung gezielt benachteiligt sieht.