Die neue PKK 

Zwischen Extremismus, politischer Gewalt und strategischen Herausforderungen (Teil 2) 


Walter Posch

 

Zwei Geschehnisse, die zwischen dem Abschluss des Manuskriptes dieser zweiteiligen Studie Mitte Dezember 2015 und ihrer Drucklegung stattfanden, sind für unsere Analyse der Ideologie und Organisationstrukturen der PKK/KCK von Bedeutung: Erstens die Publikation der geheimen (!) Gespräche zwischen Öcalan, kurdischen Politikern und Vertretern der türkischen Regierung aus den Jahren 2012-2014 und zweitens die Beschlüsse des DTK-Kongresses vom 27. Dezember 2015 (zur DTK siehe den ersten Teil dieser Studie).

Die geheimen Gespräche wurden mit überraschender Detailgenauigkeit und Worttreue vom Mezopotamya-Verlag in Neuss am Rhein Ende November 2015 veröffentlicht,1) ihr Inhalt wurde aber erst Ende Jänner/Anfang Februar 2016 in der türkischen Presse diskutiert.2) Die Gesprächsnotizen bestätigen Bekanntes, indem sie zeigen, wie groß der Einfluss Öcalans auf die Organisation ist und dass sein Verhältnis zu Kandil zeitweise gespannt war. Überraschend sind jedoch der vertrauliche Ton zwischen ihm und den Vertretern des türkischen Staates.

Darüber hinaus wird die Bedeutung eines weiteren politischen Papiers Öcalans, seines „Entwurfs für die demokratische Autonomie Kurdistans“3) deutlich, den er vermutlich gegen Ende 2014 verfasst hatte. Dieses Papier ist als für die Türkei adaptierte Variante des „KCK-Abkommens“ zu lesen und wurde vermutlich mit Blick auf den DTK-Kongress, der am 27. Dezember 2015 stattfand, geschrieben. Jedenfalls lesen sich die Schlussfolgerungen des DTK4) wie eine Kurzfassung des Öcalanschen „Entwurfs“. Die darin enthaltenen Forderungen (s.u.) betreffen auch die Aufstellung eigener PKK-treuer militärischer Kräfte vor Ort, d.h. in den kurdischen Städten der Südosttürkei. Diese sind im doppelten Kontext der militärischen Strukturen des KCK/PKK und seiner Expansion zu verstehen.

 

Militärische Strukturen: Die Guerilla

Die Ursprünge des militärischen Apparats der PKK liegen im linksextremen Terrorismus der Türkei, ihre Effizienz und Bedeutung hätte sie aber ohne syrische Hilfe und Unterstützung in den 1980er-Jahren nie erreichen können. Mannigfaltige Beziehungen zu Damaskus blieben auch nach 1999 bestehen.

In der Theorie sind die militärischen Strukturen nach marxistischer Tradition den politischen untergeordnet. In der Realität stehen sie bei Gegnern und Anhängern im Zentrum der Aufmerksamkeit, und die wichtigsten politischen Führer haben immer militärische Einheiten kommandiert - das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen.

In der Symbolik und Emblematik der militärischen Strukturen findet sich auch die alte PKK-Fahne wieder, die verschiedenen Einheiten verwenden den roten Sowjetstern auf grünem und gelbem Grund, und vereinzelt tauchen Sichel und Hammer wieder auf.5) Nationalkurdische Symbolik dominiert nur in der grün-gelb-roten Fahne der syrischen Kurdengebiete. Die Feldzeichen der militärischen Einheiten der KCK/PKK lassen sich leicht an der Form erkennen: Es handelt sich im Gegensatz zu den rechteckigen Fahnen der zivilen Organisationen um dreieckige Wimpel.

Selbstverteidigung

Im Zuge der großen Krise 2002 wurde die „Volksbefreiungsarmee Kurdistans - ARGK“ aufgelöst und in „Volksverteidigungskräfte - HPG“ unbenannt. Die Namensänderung, in der auf den offensiven Begriff „Armee“ verzichtet wird, entspricht einer allgemeinen Sprachregelung. Heutzutage heißt es in den Publikationen der KCK/PKK anstelle von Aufstand (kurdisch: serhildan) Notwehr bzw. legitime Selbstverteidigung (türkisch: meşru savunma). Damit löste die Organisation für sich den Widerspruch zwischen Fortbestand eines eigenen militärischen Flügels und offizieller Friedenspolitik.

 

Verteidigungsfall

Artikel 32 des KCK-Abkommens regelt das Eintreten des „Kriegsfalls der legitimen Verteidigung“ (meşru savunma savaşı hali). Dieser herrscht, (a) wenn der Staat (=die Türkei) die Chance auf eine demokratische Friedenslösung nicht nutzt; (b) das KCK-System oder die Führung (=Öcalan) angreift, sowie (c), wenn die Benachteiligung der Kurden, die Assimilationspolitik und die wirtschaftliche Unterentwicklung fortdauern. Unklar ist, ob alle oder nur einige dieser Punkte eintreffen müssen, um den „legitimen Verteidigungsfall“ eintreten zu lassen. Den Entschluss für Krieg und Frieden soll in der Theorie der Volkskongress mit absoluter Mehrheit treffen. Sollte dieser nicht zusammentreten können - was den Umständen entsprechend wahrscheinlich ist - dann würden andere Institutionen diese Entscheidung gemeinsam mit dem Exekutivrat treffen (Artikel 33). In den Artikeln 10c und 31 des KCK-Abkommens wird die Wehrpflicht für alle Kurden festgeschrieben. Artikel 31b verpflichtet „jedermann, sich für die legitime Selbstverteidigung vorzubereiten und die Arbeiten für die Selbstverteidigung zu unterstützen“. Das heißt aber auch, dass die Organisation im Kriegsfall keine Neutralität oder Unparteilichkeit auf Seiten der Bevölkerung akzeptiert.

 

Truppenstärke und Kindersoldaten

Seriöse Schätzungen über die heutige Gesamttruppenstärke der HPG existieren nicht. Als unwahrscheinlich gilt, dass der hohe Stand wie zu Zeiten des serhildan in den 1990er-Jahren von 30.000 Kämpfern und 50.000 Milizionären wieder erreicht werden konnte. Türkische Schätzungen für die Zeit unmittelbar vor der Expansion gehen von weit geringeren Zahlen aus, 3.000-4.000 Kämpfer für das Jahr 20116) und 6.000 bis 6.500 für 2012. Das heißt, die HPG muss bei einer geschätzten Überlebensdauer von zwei bis drei Jahren in der Guerilla 150 Kämpfer pro Jahr rekrutieren, um den eigenen Stand zu halten.7) 2013 vor dem Befehl Öcalans, sich aus der Türkei zurückzuziehen, sollen ungefähr 1.400 Kämpfer in der Türkei überwiegend in Grenzprovinzen zum Irak aktiv gewesen sein.8)

Diese Zahlen stehen in keinem Verhältnis zu den militärischen Herausforderungen, denen sich die Organisation in der Türkei, in Syrien und im Irak gegenübersieht. Truppenmangel wäre eine plausible Erklärung für die Berichte über Kindersoldaten, die v.a. in den türkischen Medien kolportiert werden. 2010 verurteilte auch UNICEF den Einsatz von Kindersoldaten durch die PKK.9) Es handelt sich überwiegend um zwangsrekrutierte oder entführte Jugendliche im Alter von 12-17 Jahren. Einige von ihnen sollen als Strafe für die Weigerung ihrer Eltern, an die Organisation Steuern zu zahlen, in der Südosttürkei entführt worden sein.10) Der Einsatz von Kindersoldaten geht laut Şükrü Gülmüş, dem ehemaligen Gebietsverantwortlichen von Mardin, direkt auf Öcalan zurück, der diese Praxis wiederum von den Palästinensern übernommen hat.11) Die Angaben für die Jahre 2013-2015 variieren dabei von 300-2.000 Kindern in den Reihen der Kampftruppen der KCK/PKK.12) Dramatischer soll die Lage in Syrien sein.13)

Stammten die Kämpfer in den 1990er-Jahren v.a. aus den türkischen Kurdengebieten und zum Teil aus Syrien, so sind seit 2003 vermehrt Freiwillige aus Iran und Irak dazu gekommen. Die Lage in Syrien und die Ereignisse im Irak im Sommer 2014 sorgten für einen weiteren Zustrom von Kämpfern, vorwiegend aus der linksradikalen Studentenschaft der Türkei und Europas und von religiösen Minderheiten wie den Jesiden. In Europa betreibt die KCK/PKK seit den 1990er-Jahren ein ausgedehntes Netzwerk zur Rekrutierung und für die militärische Grundausbildung der Kämpfer. Die Koordination der Grundausbildung soll laut Europol über das in Charleroi in Belgien ansässige „Sozialforschungsinstitut Mesopotamien“ koordiniert werden.14)

 

HPG - Organisation

Die HPG ist gemäß Artikel 43 des Abkommens eine autonome Organisationsform (özerk bir örgütlenmedir) und koordiniert ihre Aktivitäten mit den anderen KCK-Organen über den Zentralbereich Volksverteidigung. Dieser wurde erst im Zuge der von der 9. Generalversammlung des Volkskongresses im Sommer 2013 beschlossenen Umstrukturierungen geschaffen. Er ging aus der Vereinigung des HPG Hauptquartier-Kommandos (ana karargah komutanlığı) mit dem - nun aufgelösten - Volksverteidigungskomitee (halk savunma komitesi) hervor, wodurch die Struktur gemäß Artikel 14/4 des KCK-Abkommens eingenommen wurde.

 

Allgemeine Leitungsebene

Die HPG verfügt laut Reglement15) über eine alle zwei Jahre tagende allgemeine Konferenz, in der die 41 Mitglieder der HPG-Versammlung (HPG meclisi) des höchsten Beschlussfassungsorgans der HPG gewählt werden. Diese wiederum wählt die 13 Mitglieder des Kommandorats (komuta konseyi) mit einfacher, den Generalkommandanten (genel komutanı) mit Zweidrittelmehrheit. Der Generalkommandant muss von der Führung - sprich Öcalan - und der Kommandorat vom Präsidium des Exekutivrats bestätigt werden (Artikel 43 des KCK-Abkommens; Punkt 2 des Reglements sieht noch eine Bestätigung durch das aufgelöste Volksverteidigungskomitee vor). Die jährliche HPG-Versammlung ist für die Angleichung von Strategie und Politik, ideologische und militärische Überprüfung und Inspektion, das allgemeine Dienstreglement, Versetzungen und Beförderungen zuständig. Der Kommandorat (Reglement, Punkt 3) tagt alle sechs Monate. Im Übrigen ist zu fragen, ob die Inhaftierung Öcalans nicht von Vorteil für die HPG ist, da seine militärischen Führungsfehler und Uneinsichtigkeit Ende der 1990er-Jahre maßgeblich zur militärischen Niederlage beigetragen haben.16)

 

Hauptquartiere

Die Führung des Hauptquartierkommandos (anakaragah komutanlığı) besteht aus mindestens fünf Mitgliedern der HPG-Versammlung, von denen einer der Generalkommandant ist, drei weitere sind Mitglieder des Kommandorats. Bei ihm liegt die eigentliche militärische Führung, die gemäß Punkt 4 des HPG-Reglements durch die üblichen Stabsfunktionen unterstützt wird: also Personalwesen und Archiv, Nachrichtendienst und Aufklärung, Logistik, Technik und Forschung, Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Gerichtsbarkeit usw. (Reglement, Punkt 4/A-J). Das Hauptquartier der HPG verfügt also über professionelle Untergliederungen, von denen die beiden wichtigsten, das Pionier- und Nachrichtenwesen, hier kurz referiert werden sollen:

Die Abteilung für Logistik und Pionierwesen (Punkt 4/E) ist für die entsprechende Infrastruktur wie den Ausbau von Unterständen und Bunkern im Einsatzgebiet oder den Bau geheimer Tunnels und Feldseilbahnen u.Ä. zuständig. Dabei zeigte sich die Organisation in der Lage, mehr als nur einfache Schützengräben auszuheben, Unterstände zu bauen oder Geländeverstärkungen durchzuführen: ganze Berge im irakisch-türkischen Grenzgebiet sollen untertunnelt sein (was freilich erst durch Augenschein bestätigt werden muss).

Unklarheit herrscht beim Nachrichtendienst bzw. den Nachrichtendiensten. Laut Reglement Punkt 4/F obliegt dem militärischen Nachrichtendienst die Ausbildung des Kaders und die Führung gemischter (zivil-militärischer) Aufklärungsteams. Aufklärung innerhalb der Organisation zu betreiben bzw. den Abwehrdienst zu führen ist ihm jedoch untersagt. Hierfür scheinen andere Einheiten verantwortlich zu sein, die im Reglement jedoch nicht aufscheinen (s.u.).

Interessant ist Punkt 4/I des Reglements Öffentlichkeitsarbeit (halkla ilişkiler), deren Ziel darin besteht, „eine illegale Organisation der Zivilverteidigung (sivil savunma) unter den Volksmassen aufzubauen. Die HPG schafft sich, um diese Arbeit durchführen zu können eine Organisationsbasis außerhalb der allgemeinen politischen Arbeit“.

Diese Basis ist für die Versorgung der HPG, Aufnahme und Durchschleusen von Kämpfern, Kurier- und Ausspähdienste verantwortlich und soll die „breite Masse“ (geniş kitleleri) überzeugen, sich dem Aufstand (serhildan) anzuschließen. Dieses Kommando ist demnach für die ortsgebundenen Kräfte verantwortlich, sprich für die ehemalige milis bzw. für die heutigen Selbstverteidigungskräfte (s.u.). Unklarheit besteht darin, ob das Büro für „Öffentlichkeitsarbeit“ heute noch besteht und wie seine Funktion vis-a-vis den Kommanden für Selbstverteidigung geregelt ist.

Bei der HPG liegen somit die militärische Gesamtleitung, Ausbildungs- und Logistikverantwortung. Dadurch sind alle anderen bewaffneten Einheiten in die HPG integriert, behalten aber ihre eigenen Hauptquartiere (karargahı). Diese organisieren sich nach dem Vorbild des Hauptquartierkommandos und bestehen aus mindestens sieben Personen, von denen drei ausschließlich Koordinationsfunktionen ausüben (Reglement, Punkt 6).

 

Flügelkommandanturen

Die Flügelkommandanturen (kol komutanlıklar, Reglement, Punkt 5) integrieren folgende wichtige Elemente in die HPG, jeweils mit ihren eigenen Kommanden: YJA-Star, Akademien und Schulen, Sonderkräfte und Selbstverteidigungskräfte sowie die Stadtguerilla und Operationsgebiete.

 

Frauenkampfeinheiten

Die Freien Fraueneinheiten-Star (YJA-Star Reglement, Punkt 5/A 1-10),17) können auf eine eigene, parallele Entwicklung zurückblicken und haben daher in der Theorie großes politisches Gewicht, was gelegentlich zu Spannungen führte. So soll laut Aussage des ehemaligen PKK-Kommandanten Hıdır Sarıkaya die damalige Kommandantin Filiz Yerlikaya im Jahre 2002 auf Befehl des späteren KCK-Vorsitzenden Cemil Bayıks umgebracht worden sein, um die YJA-Star ihrer politischen Eigenständigkeit zu berauben.18) Als Bestätigung für die Einschränkung der Autonomie bei den Fraueneinheiten kann Punkt 5/A-7 des Reglements gelesen werden, der die Enthebung der Kommandantinnen von ihren Positionen „unter außergewöhnlichen Umständen“ vorsieht, ein ähnlicher Passus fehlt bei den anderen Einheiten. Außerdem muss YJA-Star Beförderungen ab einer gewissen Ebene (vermutlich Kompanieebene) durch den Kommandorat bestätigen lassen. Ansonsten sind ihre Vertreterinnen auf allen hierarchischen Kommandoebenen der HPG anwesend und agieren weitgehend autonom. In den meisten Einsatzgebieten operieren Frauen- und Männereinheiten parallel. Es gibt jedoch bemerkenswerte Unterschiede, die auf die örtlichen kulturellen Gegebenheiten Rücksicht nehmen: Während in der alevitischen Region Tunceli/Dersim Frauen seit jeher aktiv sind und eine Frau sogar Gebietsverantwortliche war, wurde in der überwiegend sunnitischen Provinz Amed/Diyarbakır, zu der auch das konservative Erzurum und Garzan gehören, erst 2006 beschlossen, einen Trupp von 20 Frauen, jedoch ohne Kampfauftrag einzusetzen.19)

 

Akademien und Schulen

Im Zuge der großen Umgliederung der militärischen Kräfte im Jahre 2013 wurde auch die Ausbildung neu organisiert. Hierzu wurden alle Ausbildungszentren dem „Apollo Akademiekommando“20) unterstellt, das die Gesamtleitung der Akademien und Schulen innehat. „Apollo“ ist gemäß Reglement 5/D auch für die HPG-eigene Propaganda und Fachpresse zuständig und organisiert regelmäßig Seminare für die militärische Führung, in denen die neuesten technischen und taktischen Entwicklungen am Gefechtsfeld analysiert werden, um die Ausbildung dementsprechend zu verbessern. Unklar ist, inwieweit Apollo selbst ausbildet oder in erster Linie die Ausbildung organisiert und die Absolventen aller anderen Schulen und Akademien verabschiedet, wie dies erstmals im Sommer 2014 der Fall war.

Nach einem Bericht von „Stêrk-TV“21) vom September 2014 werden unter dem „Akademiekommando Apollo“ drei Schulen vereint: die „Attentatsschule Şehit Bahtiyar“, die „Şehit Mahmut Afarof-Schule für mittlere Waffen“ und die „Şehit Şiyar-Schule für schwere Waffen“. Angesichts der Bewaffnung der PKK dürften beide Schulen wohl eher in Klein- und Leichtwaffen22) ausbilden.

Damit stellt sich die Frage, inwieweit die drei oben genannten Waffenschulen die eigentliche „Militärakademie“ der PKK die „Mahsum Korkmaz Akademie“ ersetzen. Letztere wurde Ende der 1980er-Jahre im Libanon eingerichtet und dann in den Irak transferiert.23) Sie war die höchste Ausbildungsstätte für militärische Kader und Kommandanten und bildet diese in taktischen, strategischen, ideologischen und logistischen Fächern aus. Den Großteil der ideologischen Ausbildung für Kommandanten und Kämpfer gleichermaßen führte oder führt jedoch die „Ideologische Bildungsakademie Haki Karer“ durch. Inwieweit sie mit dem Zentralbereich Ideologie (siehe den ersten Teil dieser Studie) kooperiert, ist unklar. Aus jüngster Zeit ist der Versuch, eine „Ideologieschule Haki Karer“ im politischen Untergrund in Gaziantep zu errichten, belegt.24) Ihr weibliches Gegenstück ist die „Gülnaz Karataş Frauenakademie“. Militärische Grundlagen vermitteln die „Rekrutenausbildungsschulen“ (yeni savaşçi eğitim okulları), deren primäre Aufgaben neben der militärischen Grundausbildung die Gewöhnung an das Leben im Gebirge ist. Das ist als Beleg dafür zu lesen, dass die PKK infolge der türkischen Umsiedlungsmaßnahmen in den 1990er-Jahren25) immer weniger auf die abgehärteten Freiwilligen aus dem Bergbauernmilieu zurückgreifen kann, sondern zunehmend in den Städten rekrutieren muss. Die Ausbildungszentren der HPG sind ausnahmslos im Nordirak verortet, YPG, YPS und andere betreiben Ausbildung vor Ort.

Bleibt noch anzumerken, dass die Nomenklatur der Schulen nicht einer gewissen Ironie entbehrt: So halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach die PKK-Märtyrer Mahsum Korkmaz, Haki Karer und Mahmut Afarof von der PKK selbst umgebracht wurden. „Apollo“ wiederum ist die Quasi-Apotheose Abdullah „Apo“ Öcalans.

 

Sonderkräfte

Die Sonderkräfte (özel kuvvetler) der HPG (Reglement, Punkt 5/B)26) stehen zur besonderen Verfügung des Generalkommandanten und sind dem Kommandorat verantwortlich. Ihre Aufträge werden aus den Befehlen der Führung (Öcalan) abgeleitet und sie müssen in der Lage sein, alle militärischen und Aufklärungsfunktionen auszuüben. Sie bestehen daher aus eigens ausgesuchten, erfahrenen Mitgliedern der HPG. Die Ausbildung dieser Gruppe wurde selbst während der verschiedenen Waffenstillstandsphasen niemals unterbrochen. Sie führen einen Teil der strategischen und taktischen Aufklärung sowie die Abwehr und den Truppenschutz durch. Sarıkaya meint wahrscheinlich diese Truppe, wenn er detailreich die Instrumentalisierung des Nachrichtendienstes für interne Machtkämpfe durch Murat Karayılan berichtet.27) Ebenso obliegt ihnen der Personenschutz;28) so finden sich Elemente der Sonderkräfte im Hauptquartierkommando am Zap und beim Volkskongress in Xinere und Xakurki.

Ihr Operationsgebiet schließt (oder schloss?) aber auch den städtischen Raum mit ein. Operationen, bei denen sie Städte infiltrierten, dort einen Anschlag mithilfe von Sympathisanten organisierten und sich wieder in die Berge zurückzogen, sind z.B. aus dem Jahr 2008 für Diyarbakır/Amed29) belegt. Der oder die Regionalbeauftragte der Sonderkräfte hat dabei kein Initiativrecht in der Zielauswahl, sondern muss dies vorher mit dem Regionalkommando der HPG koordinieren.

 

Stadtguerilla

Die HPG ist im Kern eine Landguerilla geblieben, was das Fehlen jeglicher Anweisungen für das Vorgehen als Stadtguerilla im Reglement erklärt. Dieser Befund mag angesichts der gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Städten der Südosttürkei verwundern, doch unterscheiden sich die kürzlich aufgebauten YPS-Milizen (s.u.) in Diyarbakır, Cizre und andernorts deutlich vom Konzept der Stadtguerilla im Sinne Carlos Marighelas.30) Dieses Konzept ist in der Türkei bekannt und wird seit den 1970er-Jahren von der „Revolutionären Jugend“ Dev-Genç (Devrimci Gençlik) und ihren Nachfolgern (z.B. DHKP-C) praktiziert.

Dem Wesen einer Stadtguerilla am nächsten stehen die „Freiheitsfalken Kurdistans - TAK“,31) deren Ursprünge laut Sarıkaya32) bis in die Zeit unmittelbar nach der Verhaftung Öcalans (1999) zurückreichen. Die eigentliche Gründung fand 2003 statt. Sie wurden damals an das Kommando der Sonderkräfte angebunden, sollten aber unabhängig von der PKK agieren und in der Lage sein, bei Bedarf eine Terrorwelle in der Türkei zu entfesseln. Zivilisten und Touristen sowie die touristische Infrastruktur wurden von der TAK zu legitimen Anschlagszielen erklärt. Eine derartige Gruppe würde es Kandil erlauben, militärischen Druck auf die Türkei auszuüben, ohne gleichzeitig den Friedensprozess abzubrechen. In offiziellen Erklärungen der KCK/PKK33) und im Gründungsmanifest (Kuruluş Bildirgesi) der TAK34) aus dem Jahre 2005 wird dann auch ihre Unabhängigkeit von der PKK behauptet. Demnach bestünde TAK aus ehemaligen PKK-Mitgliedern, die sich aufgrund des Friedenskurses von der Organisation getrennt hätten. Dies erscheint angesichts ihrer absoluten Öcalan-Treue und der Tatsache, dass ihnen die Organisation ihren gesamten Medienapparat zur Verfügung stellt, äußerst unglaubwürdig. Ebenso fällt auf, dass das KCK in der Lage war, der TAK Einhalt zu gebieten, als diese nach einem Selbstmordanschlag im November 2010 viele Sympathien bei den eigenen Anhängern verlor.35) In der türkischen und internationalen Öffentlichkeit wurden die TAK daher immer schon als Tarnorganisation der PKK/KCK betrachtet.36)

Um das Jahr 200937) soll TAK aus ungefähr 400 Personen, überwiegend Studenten, bestanden haben, was angesichts der geringen Zahl von damals geschätzten 4.000 PKK-Kämpfern viel ist. Diese wurden großteils in den Lagern im Kandil-Gebirge von den Sonderkräften im Bombenbau ausgebildet, einen kleineren Teil unterwiesen itirafçıs, ehemalige PKK-Kämpfer, die ihre Strafen verbüßt hatten, in İstanbul und in İzmir. Nach ihrer zweimonatigen, oft mangelhaften Ausbildung bekamen die verschiedenen Gruppen vermutlich vom Kommando der Sonderkräfte ihre Aufträge erteilt und wurden in die Türkei geschickt, wobei nach Art der Sonderkräfte vorgegangen wurde, also Ausrüstung und Aktivisten gelangten getrennt ins Zielgebiet. Die Aufträge muss man sich als Rahmenaufträge vorstellen, Zielgebiet und Art des Anschlags wurden in Kandil definiert, doch die eigentliche Aufklärung und die Festlegung des endgültigen Ziels muss von den einzelnen Gruppen vor Ort selbstständig durchgeführt werden. Gefangene TAK-Kämpfer berichteten von ihrer großen Unerfahrenheit: So seien sie mit einer großen Gruppe von über 25 Personen über Syrien eingeschleust und rasch bei der Ausspähung der Anschlagsziele verhaftet worden.

Kontakte zwischen TAK- und PKK-Kräften vor Ort wurden vermieden, eine direkte Führung durch das Kommando der Sonderkräfte oder den Exekutivrat scheint unwahrscheinlich, doch gewisse Verbindungen müssen existiert haben, selbst wenn die TAK nur an der losen Leine von Kandil hingen - oder hängen.

TAK dürfte nur mehr in kleinen Gruppen weiter existieren. Sie verübten in den Jahren 2011 und 2012 weitere Anschläge, um gegen die Isolationshaft Öcalans zu protestieren. Einer der jüngsten Anschläge fand am 23. Dezember 2015 auf dem Flughafen von Sabiha Gökçen in İstanbul statt und wurde als Racheaktion auf das türkische Vorgehen im Südosten des Landes dargestellt. Entweder sind die neuen Aktivisten der TAK in den Reihen der Komalên Ciwan zu suchen, oder die Führung der Komalên Ciwan gibt ihnen heutzutage die Aufträge. Denn nur so ist zu erklären, warum der Anschlag knapp eine Woche nach ihrer Erklärung vom 15. Dezember 2015 stattfand, in der von der Notwendigkeit militärischer Aktionen in der Westtürkei gesprochen wurde.38) In ihrer eigenen Erklärung unterstrich TAK ihren Willen, ausländische Touristen angreifen zu wollen, um den türkischen Tourismus zu treffen.39) Ihren bislang letzten Anschlag verübte TAK ebenfalls aus Rache auf die militärischen Operationen in der Südosttürkei am 17. Februar 2016 in Ankara gegen Militärpersonen.40) Wie viele Zellen heutzutage im Westen der Türkei aktiv sind, ließ sich anhand der uns vorliegenden Quellen nicht feststellen.

Die sporadischen Anschläge der TAK legen nicht nur ihre Schwäche als unabhängig agierende Stadtguerilla bloß. Vielmehr ist auch in Betracht zu ziehen, dass die eigentliche Macht in den Städten aus Sicht der KCK/PKK die Selbstverteidigungskräfte sein sollen.

 

Selbstverteidigungskräfte

Im Februar 2004 beschloss die HPG die Gründung der Selbstverteidigungskräfte (öz savunma güçleri),41) die an die Stelle der alten Miliz (milis) der PKK traten. Gemäß Artikel 24 des KCK-Abkommens sind die Bereiche der Selbstverteidigung (öz savunma alanları) auf der niedersten Kommunalebene angesiedelt, ihre Mitglieder sind in geheimen Zellen organisiert (Reglement, Punkt 5/C, dieser ist gemeinsam mit Punkt 4/I „Öffentlichkeitsarbeit“ zu lesen). Der Auftrag der Selbstverteidigungskräfte ist im Wesentlichen ident mit dem der milis der PKK,42) nämlich „mit Aufklärung und Ausspähung, im Kriegsfall durch Sabotage und Attentate (suikast), die Hauptkräfte im Kampfgebiet zu unterstützen und an ihren Aktionen teilzunehmen.“ In diesem Sinn bilden sie ein Gegengewicht zu den von den Behörden organisierten Dorfschützern (köy korucuları).43)

Den Aufbau dieser Kräfte betrieben zunächst sowohl die im Operationsgebiet tätigen HPG-Kräfte als auch das Hauptquartierkommando eher halbherzig. Die Selbstverteidigungskräfte verfügen über eigenes Führungspersonal in der Region, das direkt mit dem eigenen Kommando im Hauptquartier über chiffrierte Internet- und Telefonverbindungen kommuniziert. Mindestens bis 2011 befanden sich die Kommanden der Selbstverteidigungskräfte für die Türkei und Syrien direkt beim Hauptquartier; ob dies noch der Fall ist, konnte anhand der vorliegenden Quellen nicht festgestellt werden.

Ähnlich wie bei der TAK wurden auch in diesem Fall einzelne Aktivisten ausgewählt und für eine kurze Ausbildung in die Berge geschickt. Im August 2006 wurde seitens der HPG-Führung jedoch starke Kritik an ihnen geübt; so sei z.B. die Geheimhaltung vernachlässigt worden, was zu Verlusten erfahrener HPG-Kader, die mit ihnen in Verbindung standen, geführt habe. Noch 2008 beurteilten die türkischen Behörden den Erfolg der HPG bzw. des KCK, bewaffnete Kräfte vor Ort aufzubauen, trotz zahlreicher Sympathisanten als eher gering. Öcalan wies ab August 2009 noch einmal mit Nachdruck auf die Bedeutung der Selbstverteidigungskräfte hin. Diese Forderung wurde im Dezember 2010 im „Workshop für eine Demokratische Autonomie“ des DTK erneut bekräftigt44) und im DTK-Kongress 2015 wieder aufgegriffen.

Die Bedeutung der Selbstverteidigungskräfte liegt darin, dass sie über die Flügelkommandantur von der HPG-Spitze geführt werden und diese damit die innere Sicherheit in der Türkei direkt beeinträchtigen kann, wie es mit dem Aufbau lokaler Kräfte geschah, deren letzte Transformation die YPS (s.u.) sind.

 

Operationsgebiete und Rückzugsräume

Der Mangel an Originaldokumenten der HPG erschwert die eindeutige Identifizierung und Kategorisierung ihrer Lager und Haupteinsatzgebiete. Angaben in türkischen Zeitungen und westlichen Publikationen widersprechen sich oft oder sind veraltet.45) Dennoch lässt sich ein grobes Bild für den Zeitraum unmittelbar vor der Umgliederung von 2013 erstellen. Aufgrund der geographischen und politischen Gegebenheiten in der Region ist anzunehmen, dass seither keine großen Veränderungen eintraten.

Seit dem Verlust der Ruhe- und Rückzugsräume in Syrien und Iran Anfang der 2000er-Jahre befinden sich die gesamte kritische Infrastruktur und der Großteil der Lager im Nordirak, in den Einflusszonen der KDP und der PUK.46) Die Basen, von denen aus die Türkei angegriffen wird, liegen im ausschließlichen Einflussbereich der KDP. Die Kämpferinnen und Kämpfer der HPG sind von Geographie und Natur abhängig, sie brauchen natürliche Wasservorräte und müssen sich großteils von der Zivilbevölkerung versorgen lassen. Die Lebensmittelversorgung von Kandil läuft zum Beispiel über die Kleinstadt Raniya; wichtige - wenn auch bescheidene - finanzielle Mittel werden aus der Besteuerung des Warenverkehrs an der iranisch-irakischen Grenze bei Hajji Umran lukriert. Aus diesem Grund sind die Örtlichkeiten und die Infiltrations- und Versorgungswege der lokalen Bevölkerung den Sicherheitskräften der KRG und den türkischen Militärs bekannt.

Die Unschärfe der von der HPG für ihre Lager verwendeten Terminologie bereitet Verständnisschwierigkeiten. So lässt sich anhand der Nomenklatur keine Unterscheidung in Einsatz-, Verfügungs- und Rückzugsräume treffen. Die Synonyme alan und saha („Gebiet,“ „Bereich“, „Region“) bezeichnen drei (!) hierarchische Ebenen: Zunächst werden die „Bereiche“ (alan) „Nord“ (Türkei) und „Süd“ (Irak) unterschieden. Diese werden in die „Gebiete“ oder „Regionen“ (saha) unterteilt, die - wiederum - in „Bereiche“ (alan) oder „Provinzen“ (eyalet) aufgespaltet werden. Letztere werden in der Regel nach historischen Namen oder dem nächsten größeren Berg, Fluss oder Dorf benannt. Innerhalb dieses Bereiches können sich ein oder mehrere Lager befinden.

Nordbereich: Einsatzgebiet

Der Nordbereich (kuzey alanı) ist für die Einsatzräume verantwortlich. Er koordiniert die „Regionen“ (saha) Dersim, Botan und Amed, die wiederum in „Bereiche“ (alan) oder „Provinzen“ (eyalet) unterteilt werden. Letzteres könnte ein Hinweis darauf sein, dass die HPG in einer Region operiert, die über eine starke KCK-Untergrundstruktur verfügt. Das wäre bei der Region Dersim (Tunceli) der Fall. Diese besteht aus den Provinzen Dersim und Karadeniz und dem Bereich Koçgiri (d.i. die Region östlich von Sivas); doch am Schwarzen Meer (Karadeniz) ist die PKK notorisch schwach. Logisch scheint die Provinzgliederung für Amed (Diyarbakır) zu sein, da in den Provinzen Amed, Erzurum und Garzan die KCK-Strukturen relativ stark ausgeprägt sind; die Region Botan wiederum bilden die Provinzen Mardin; Botan, d.i. das Gebiet um Cizre und Silopi, und der Bereich Haftanin im Irak. Die Kommandanten dieser drei Regionen sind in vielen Fällen Mitglieder des Kommandorates oder bekleiden sonst hohe Posten. Das gilt auch für die Kommandanten der Provinzen Zagros und Metina. Das Einsatzgebiet von Zagros reicht von Çukurca zum Berg Cilo, Çarçalla/Yüksekova bis nach Şemdinli, es hat also nichts mit dem Zagros-Gebirge im Iran zu tun! Die Kämpfer von Metina sind überwiegend in der Region zwischen Çukurca und dem Hauptquartierkommando am Zap sowie Haftanin nördlich Zaxo im Einsatz. Metina im Norden und Gare im Süden schließen den türkischen Militärstützpunkt Bamerni, ca. 50 km östlich von Zaxo, ein. Während die im Nordbereich eingesetzten Teile der HPG in der Regel in der Türkei bleiben, ziehen sich die Einheiten von Zagros und Metina im Winter auf irakisches Gebiet zurück, wo sie in den Regionen zwischen Barzan und Avaşin bzw. Metina bei Amedi (oder Imadiya, nicht zu verwechseln mit Amed/Diyarbakır) überwintern. Eine Ausnahme bilden Teile aus Botan, die sich nach Haftanin zurückziehen. Die genannten Regionalkommanden - Amed, Botan, Dersim, Metina und Zagros - haben Initiativrecht und koordinieren mit dem Hauptquartierkommando.

 

Südbereich: Rückzugsgebiet

Zagros, Metina, Xakurki und das Hauptquartier werden zum Südbereich (güney alanı) der HPG gezählt. Direkt vom Hauptquartierkommando werden die Provinz Serhat nördlich des Van-Sees bis zur armenischen Grenze, der Bereich Amanos, in den gleichnamigen Wäldern bei İskenderun sowie Gare östlich Zaxo und Xakurki in der Nähe von Xinere im Dreiländereck Iran, Irak, Türkei geführt. In Xinere befindet sich neben dem Volkskongress auch die Propagandainfrastruktur für die Türkei. Es beherbergte auch das Volksverteidigungskomitee und die PJAK, was der Grund für die zahlreichen iranischen Artilleriebeschüsse in den Jahren 2005-2007 war. Das Hauptquartierkommando befindet sich am oberen Zab/Zap, nur von einem Bergzug von der Kleinstadt Çukurca auf türkischer Seite getrennt. Dort befinden - oder befanden - sich auch das Kommando der Spezialkräfte, die Kommanden der Selbstverteidigungskräfte für Syrien und die Türkei und die Akademien.

Zum Südbereich gehört auch die Region Kandil. Dieser Gebirgszug erstreckt sich auf ca. 150 km von östlich von Erbil und nord-nordöstlich von Suleymaniya entlang der iranisch-irakischen Grenze zwischen Ravanduz im Norden und Panjwin im Süden. Allerdings sind die meisten Lager auf 50 km2 zwischen dem eigentlichen Gebirgsstock Kandil und Karox disloziert. Der Zugang zu diesen Lagern in Kandil ist von den Kleinstädten Raniya und Qal’a Dizah aus möglich.47) Dort befinden sich der Großteil der Infrastruktur und ein wichtiger Teil der HPG-Truppen.

Vermutlich ebenfalls zum Südbereich gehört das Flüchtlingslager Maxmur (Makhmur). Dieses Lager wurde 1998 von der UNO eingerichtet und betrieben. Bei den 12.000 Einwohnern handelt es sich um vertriebene Kurden aus der Türkei, was die großen Sympathien für die PKK/KCK erklärt.48) Im offiziellen PKK-Schematismus werden sie nicht extra geführt, obwohl mindestens 60 Kaderleute - also nach HPG-Diktion ein Bataillon - dort anwesend sind. Im Jahr 2014/15 erweiterten die KCK/PKK ihren Einflussbereich auf Sinjar/Şingal. Es ist jedoch unklar, ob er organisationsmäßig zur YPG oder zum Südbereich der HPG gerechnet wird.

 

Ausbaustufen und Sicherung

Anhand der Bezeichnungen sind keine Rückschlüsse auf die Ausbaustufen der Lager möglich. Diese dürfen in ihrer überwiegenden Mehrzahl kaum mehr als Biwaks mit in Höhlen oder in gegrabenen Unterschlupfen ausgelagerten Magazinen für Waffen, Munition und Medikamente sein. Berichte von ausgedehnten Tunnelsystemen, mithilfe derer es möglich ist, die türkischen Luftangriffe zu überleben, sind glaubwürdig und beziehen sich sowohl auf Lager in den Rückzugs- und Verfügungsräumen als auch auf Anlagen im Operationsgebiet. So befindet sich nach Augenzeugenberichten ein zur Festung ausgebauter Berg in der Nähe Hakkaris (der oben genannte Çarçella?), dessen unmittelbare Umgebung von der HPG zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde.49) Andererseits sind v.a. in der Region Kandil die zivilen KCK-Strukturen direkt in Dörfern untergebracht, das betrifft z.B. das Feldspital in Levje (dessen Ärzte und Krankenschwestern in Osteuropa ausgebildet wurden), ein Kraftwerk in Dola Koge usw.

Wir vermuten, dass jene Lager und Verfügungsräume, in denen die Führungs- und Versorgungsfunktionen disloziert sind oder von denen aus in die Türkei eingesickert wird, am besten ausgebaut wurden, da sie - oder ihre Umgebung - regelmäßig von der türkischen Luftwaffe bombardiert werden. Wie aus der Karte hervorgeht, sind die Lager im Kandil am stärksten gesichert: Die 300 Mann in Şehid Ayhan sind mit RPG-7, schweren MGs („doçka“, d.i. die DShK-38) und 60 mm-Granatwerfern ausgerüstet, die von Qal’a Tuqa mit einer ungenannten Anzahl von schweren Waffen und einigen SAM-7 (Strela 2).

Mehr Schein als Sein dürfte der so genannte „Verteidigungsbereich Medien“ (Medya savunma alanı) sein, der wiederum alle im Irak vorkommenden Basen und Lager der PKK/KCK zusammenfasst. Eine Rundum-Verteidigung dieses (fiktiven?) riesigen L-förmigen Gebietes, das sich 200 km entlang der türkisch-irakischen Grenze und dann noch einmal 300 km entlang der iranisch-irakischen Grenze erstreckt, ist ohnehin unmöglich. Wahrscheinlich haben jene Stimmen recht, die in diesem Verteidigungsbereich nichts anderes als einen großen Bluff sehen, denn in der Realität blieb die besiegte Guerilla - damals noch ARGK - in ihren Lagern und beschränkte sich auf die Selbstverteidigung.50)

 

Die Truppe

Die HPG ist eine leicht bewaffnete, an das Gebirge gewöhnte Infanterie, die seit neuerer Zeit versucht, sich mithilfe der oben erwähnten Selbstverteidigungskräfte im städtischen Raum zu etablieren. Schwere Waffen werden - soweit vorhanden - mit Maultieren transportiert. Augenzeugen berichten von der großen Disziplin und Selbstbeherrschung und ihrem quasi mönchischen Leben, das sie in den Bergen und in den Lagern führen.

Die eigentliche Truppengliederung der Guerilla (Reglement, Teil 2, Punkt 7) folgt der traditionellen Infanterieeinteilung in Trupps (tim), Züge (takım), Kompanien (bölük) und im Irak auch Bataillone (tabur). Ein Trupp besteht aus drei bis fünf Mann, ein Zug aus zwei oder drei Trupps, eine Kompanie aus zwei oder drei Zügen (also ca. 30 Mann) und ein Bataillon aus zwei oder drei Kompanien. In der Regel werden aber alle Einheiten ab 40 Mann als Bataillon bezeichnet. Das HPG-Reglement betont außerdem, dass die Anzahl der eingesetzten Truppen sich nach dem Gelände im Einsatzgebiet richtet.

Die Einheit von Befehl und Führung scheint nicht gewährleistet zu sein. So haben die jeweiligen Kommandanten zwar die Befehlsgewalt inne, doch für die Führung müssen sie immer die Kommandanten der untergeordneten Ebene und ab Zugsebene auch den Politoffizier und auf Bataillonsebene Kommandanten der YJA-Star einbeziehen (Reglement, Punkt, 9). Die Truppe besteht aus - idealerweise freiwilligen und indoktrinierten - Kämpfern (savaşçı Reglement, Punkt 10) und Kommandanten (komutan). Das Anforderungsprofil eines komutan entspricht dem eines Offiziers, der die Auftragstaktik anwendet: Initiative, Entschlussfähigkeit und Entschlussfreude und die Fähigkeit zur selbstständigen taktischen Planung werden im HPG-Reglement (Punkt 9a) betont. Der Vizekommandant (yardımcı komutan, Punkt 9b) ist für Stabsaufgaben zuständig (sevk ve idare) und unterstützt den komutan bei der militärischen Planung und Durchführung. Schließlich ist noch der Politoffizier (eğitmen, wörtlich Ausbilder, Erzieher; Punkt 9c) zu nennen, der für die ideologische Ausbildung der jeweiligen Einheiten zuständig ist. Bei kleineren, ideologisch gefestigten Einheiten ist sein Einsatz gemäß Reglement nicht vorgesehen.

Die inneren Abläufe und der innere Dienst werden ebenfalls im Reglement (Teil 3, Punkte 1-7) geregelt. Wie bei den zivilen Einrichtungen auch wird auch von den HPG-Einheiten genaue Berichtlegung verlangt. Bei Befehlen wird zwischen knappen Befehlen (emir) und schriftlichen Instruktionen (talimat) unterschieden. Letztere können auch Operations- und Kampfpläne sein. (Reglement, Teil 3, Punkt 1 und 2) Obwohl die Organisation viel Wert auf Egalität und Gleichwertigkeit der Mitglieder legt, herrscht die für Guerillaorganisationen typische strenge Hierarchie. Andererseits kann laut Reglement in den zahlreichen Versammlungen (toplantı) der Einheiten auch Manöverkritik geübt werden. Beispiele für Abläufe in der Praxis sind allerdings kaum bekannt. Dafür wurden die politischen Kritik-Selbstkritik-Sitzungen berüchtigt, in denen militärische Fehler und Fehlverhalten thematisiert werden. Diese Sitzungen entsprechen der Öcalanschen Logik, wonach das Individuum fehlbar ist und sein Verhalten an das Kollektiv - in diesem Fall die militärische Einheit, der es dient - anpassen muss.

Widersprüchlich ist die Einstellung der HPG zu Rotationen, so heißt es einerseits, dass zu häufiger Wechsel der Funktionen negative Konsequenzen zur Folge hat, andererseits darf z.B. der Kommandant des Hauptquartierkommandos nicht länger als vier Jahre auf seinem Posten bleiben. Dasselbe gilt für einfache Kämpfer, die ebenfalls nicht länger als vier Jahre im jeweiligen Kampfgebiet zum Einsatz kommen sollen. Andererseits erlaubt das Rotationsprinzip, erfahrene Kämpfer dorthin zu versetzen, wo sie gebraucht werden. Dessen ungeachtet stellt die Expansion der PKK/KCK in der Türkei und Syrien die HPG vor große Herausforderungen bei der Ausbildung und Führung.

 

Die Expansion der PKK/KCK

Anfang der 2000er-Jahre begann die Expansion der PKK. Diesem Schritt lag eine politische Beurteilung von Abdullah Öcalan zugrunde, der die amerikanische Militärintervention in der Region als Schwächung der Nationalstaaten und damit als Chance zur Ausweitung des eigenen Handlungsspielraums sah. Gleichzeitig trug dieser Entschluss zwei weiteren Tatsachen Rechnung: Erstens, dass die drohenden amerikanischen Interventionen im Irak das Regime in Bagdad, den letzten Ansprechpartner der PKK in der Region, aus der strategischen Gleichung zu nehmen drohte und somit die von allen politischen Gruppen der Kurden betriebene Paralleldiplomatie51) für die PKK unmöglich machen wird. Und zweitens, dass die PKK seit Mitte der 1990er-Jahre vermehrt Mitglieder aus anderen kurdischen Gebieten, v.a. Syrien, Irak und dem Iran, in ihre Reihen aufgenommen hat und beginnen konnte, politische Strukturen für die eigenen Anhänger in diesen Ländern aufzubauen:

2002 wurde in der Region Kurdistan im Irak die „Partei der Demokratischen Lösung - PÇDK“52) gegründet, die bei den letzten Wahlen immerhin 6% erreichen konnte. Im Jahr darauf, 2003, folgten weitere Parteigründungen, nämlich die „Partei für ein Freies Leben in Kurdistan - PJAK“ in Iran und die „Demokratische Einheitspartei PYD“ in Syrien.53) Alle drei Parteien identifizieren sich mit der Ideologie Abdullah Öcalans und sind Teil des KCK-Systems. Ihre formale Zuordnung zum „ökologisch-regionalen Führungskomitee“ im Zentralbereich Politik darf aber nicht als hierarchische Unterordnung missverstanden werden, obschon das genaue Maß ihrer politischen Unabhängigkeit und Autonomie unklar bleibt.

 

Weitere Guerillaeinheiten

Die Erweiterung der Gesamtorganisation wirkte sich auch auf die militärischen Kader aus, sodass zunächst die Konzentration auf die Türkei relativiert wurde.54) So stiegen der Syrer Fehim Huseyn (bekannt als Bahoz Erdal/Dr. Bahooz Erdal) und die 2006 in der Türkei gefallene Irakerin Leyla Wali Huseyn (Viyan Karox) in hohe Führungsfunktionen auf. Dementsprechend kamen neue Einsatzregionen wie Syrien und Iran dazu.

Die im letzten Jahrzehnt vorgenommene Ausweitung der Einsatzregionen stellt die HPG vor große Herausforderungen im Bereich der militärischen Führung und logistischen Unterstützung und birgt das Risiko der strategischen Überdehnung in sich. Begründen lässt sich die Ausweitung des Einsatzgebietes durch die einmalige historische Chance, in allen Kurdengebieten militärisch aktiv sein zu können. Passivität und Abwarten hätten den Verlust der Initiative und damit des eigenen Gestaltungsspielraumes bedeutet.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die KCK/PKK trotz geographischer Erweiterung im Kern eine türkische Organisation geblieben ist. Selbst der Schauplatz Syrien wird, wie noch zu zeigen ist, immer in Relation zu den Ereignissen in der Türkei gedacht. Die HPG-Führung verfügt heute also über direkt geführte Einheiten inklusive Frauenverbänden und Sondereinheiten sowie in der Region - sprich in der Türkei - dislozierten Einheiten, den so genannten Selbstverteidigungseinheiten. Daneben agiert die YPG in Syrien weitgehend autonom. Gerade im Vergleich zur YPG wird deutlich, um wie viel schwächer die iranischen KCK-/PKK-Strukturen sind.

 

Iran: HRK/YRK und HPJ

Dem Schauplatz Iran widmete die Leitung in Kandil erst nach der Inhaftierung Öcalans größere Aufmerksamkeit. Sie scheint aber die politischen Verhältnisse in der Islamischen Republik viel schlechter zu lesen als jene in Syrien, im Irak und in der Türkei. Ähnlich ergeht es den iranischen politischen Eliten, die sich zwar der Bedeutung der Kurdenfrage sehr bewusst sind55) und die alten iranisch-kurdischen Bewegungen (Komala, KDP-I) politisch und militärisch neutralisieren konnten, mit der PKK/KCK und ihren Konzepten jedoch Verständnisschwierigkeiten haben.

Gleichzeitig mit der Gründung der PJAK baute KCK/PKK die „Streitkräfte Ost-Kurdistan HRK“ auf. Die HRK wurde anfänglich als zusätzliche Sicherungseinheit in der KCK-/PKK-Zentrale in Kandil eingesetzt, unternahm aber von dort aus Streifzüge auf das iranische Kurdengebiet, wo sie alsbald Lager bezogen. Um 2010 waren sie in der Lage, in der Region Gefechte mit iranischen Einheiten aufzunehmen und Anschläge außerhalb Iranisch-Kurdistans zu verüben. Die Politik der KCK bestand offensichtlich darin, die politische Verantwortung für den Kampf gegen Teheran an die PJAK und die militärische an die HRK zu delegieren und sich dadurch Gesprächskanäle mit den Iranern offen zu halten. Das erklärt die Reaktion im Sommer 2010, als Teheran Einheiten der HPG und DKB angreifen ließ und damit den militärischen Nerv der Organisation traf. Wie sehr diese Maßnahme der Iraner schmerzte, wird anhand folgender Presseerklärung des Exekutivrates deutlich: „Ganz besonders wichtig ist, dass die iranischen Kräfte ihre aggressive Haltung unverständlicherweise nicht gegen die PJAK, sondern direkt gegen die HPG und DKB, welche die militärischen Kräfte unserer Bewegung sind, einnahmen.“56)

Ein Jahr später hatten die Iraner ihr Ziel vorläufig erreicht, und PJAK und HRK zogen nach Vermittlung durch die KRG und der Festnahme hoher PKK-Führer durch iranische Agenten ihre Kämpfer ab.57) Bis 2014 herrschte Waffenstillstand zwischen der PJAK, HRK und den Iranern.

Im Mai/Juni 2014 hielt die PJAK ihren vierten Parteikongress ab,58) wo die Ausweitung des KCK-Systems auf iranisches Territorium beschlossen wurde. Das kommt einer Änderung der Iran-Politik der PKK/KCK gleich, da bisher eine direkte Konfrontation mit dem Regime vermieden wurde. Hierzu wurde das KCK-Abkommen ins Persische übersetzt und unter dem Namen „Demokratische Freiheitsgesellschaft Ost-Kurdistan - KODAR“ veröffentlicht (siehe den ersten Teil dieser Studie). Der Einfluss KODARs ist schwer abzuschätzen, nach Aussagen iranischer Akademiker zirkuliert der Text unter den kurdischen Studenten in Teheran, die ihn mit ihren Kommilitonen diskutieren. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass es zur Zeit der einzige Entwurf einer Alternative zur Islamischen Republik ist, der außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe gelesen wird und den Außenstehende mit einer konkreten Politik - dem Widerstand in Kobanê - identifizieren können.

Dem PJAK-Kongress vom Mai folgend beschloss die HRK im Juni 2014, sich als „Verteidigungseinheiten Ost-Kurdistan - YRK“ neu zu formieren.59) Gleichzeitig wurden die „Frauenverteidigungskräfte - HPJ“ aufgestellt. Über die Truppenstärke von YRK und HPJ liegen keine Quellen vor, doch dürfte es sich um kaum mehr als einige Hundert Kämpferinnen und Kämpfer handeln. Offensichtlich wurde die Konfrontation mit dem Regime trotz Waffenstillstands zwar geplant, aber aufgrund der laufenden Ereignisse in der Region verschoben. Die YRK dislozierte daher im August 2014 nach Sindschar/Şengal, Hunderte Kilometer westlich der iranischen Grenze.60) Iranische Beobachter interpretierten dies als Zaudern und Uneinigkeit, die sie auf Streitigkeiten innerhalb der PJAK zurückführten.61)

Unabhängig von den Aktivitäten der KODAR führten die Ereignisse um Kobanê zu zahlreichen Protesten und Solidaritätskundgebungen nicht nur unter den Kurden, sondern auch unter linken Iranern, denen das Regime mit positiver Propaganda begegnete, indem es die Allianz der PYD mit Assad, Irans Verbündetem, betonte und die Rolle unterstrich, die Iran als Schutzmacht für die KRG im Sommer 2014 spielte, als der IS drohte, von Mossul nach Erbil durchzustoßen.62) Während der Wintermonate 2014-15 kam es erwartungsgemäß zu keinen Kampfhandlungen, doch müssen die Kämpfer der YRK an die iranische Grenze zurückverlegt haben. Im Mai brachen soziale Unruhen in Mahabad aus, die jedoch keine der iranischen kurdischen Gruppen ausnutzen konnte.63) Vielmehr führten Streitigkeiten innerhalb der kurdischen Gruppen zu einem kurzen, aber blutigen Gefecht zwischen der iranischen KDP-I64) und YRK, dessen Hintergründe bis jetzt nicht ganz geklärt wurden. Einer Darstellung nach hinderten HPG-Kräfte Peschmergas der KDP-I in den „Osten“, also Iranisch-Kurdistan, überzuwechseln.65) Das würde bedeuten, dass der HPG und dem Exekutivrat so sehr an guten Beziehungen zu den Iranern gelegen ist, dass sie selbst vor Waffengewalt nicht zurückschrecken, um zu verhindern, dass aus den von ihnen kontrollierten Regionen Gegner Irans nach Ost-Kurdistan kommen. Dem steht wiederum die Eskalation der Gewalt zwischen der PJAK/YRK und den Iranern im August 2015 entgegen.66)

Bedeutet dies, dass PJAK und YRK eine vom Exekutivrat unabhängige Politik betreiben können? Wenn dem so ist, wäre es ein wichtiger Beleg dafür, dass KCK nicht in der Lage ist, in allen Teilen Kurdistans als einheitliche Organisation koordiniert aufzutreten. Eine andre Deutung könnte sein, dass die Iranpolitik der PJAK und den YRK überlassen wurde und der Exekutivrat sich damit begnügt, über den Kommandorat bei Bedarf politische Kurskorrekturen durchzuführen.

 

Syrien: YPG, YPJ und Asayiş

2008 entschied die KCK-/HPG-Führung auch formell, in Syrien den Aufbau der Selbstverteidigungskräfte zu beginnen.67) Kriegsveteranen und Rückkehrer der HPG spielten dabei eine wichtige Rolle. Diese Einheiten verhielten sich anfangs ruhig und bauten im Geheimen und offensichtlich unter Duldung des Baath-Regimes lokale Kräfte auf, die die Grundlage für die „Volksverteidigungseinheiten YPG“ und die „Frauenverteidigungseinheiten YPJ“ sowie die Polizeikräfte Asayiş bildeten. Diese Milizen traten erstmals im Jahre 2011 an das Licht der Öffentlichkeit.

In weiterer Folge ging die PYD/YPG aus den Spannungen mit den in der „Patriotischen Sammlung der Kurden Syriens - ENKS“ organisierten kurdischen Organisationen und Parteien68) als Sieger hervor. Daraufhin folgte, ganz dem Alleinvertretungsanspruch der PKK entsprechend, die versuchte Ausschaltung aller anderen kurdischen Parteien. Das wiederum führte zur Eskalation mit dem KRG-Präsidenten Masud Barzani, der 2014 die Grenze in die syrischen Kurdengebiete („Rojava“) sperren ließ.69)

Die Bedeutung des Rojava für die KCK-/PKK-Führung liegt darin, dass hier erstmals im großen Maße die Organisation einer Gesellschaft nach den Idealen Öcalans erprobt wird. Dadurch soll die „demokratische Selbstverwaltung“ à la PKK als Beispiel für andere kurdische Gebiete gelten. Diese Selbstverwaltung hat jedoch ihre Grenzen. Zum einen bietet Rojava wenige Zukunftsaussichten für die Bevölkerung, sodass sich syrische Kurden aufgrund des Krieges und der wirtschaftlichen Not den syrischen Flüchtlingsströmen nach Europa anschließen.70) Darüber hinaus wurde das syrische Regime in vielen Bereichen zurückgedrängt, doch wird die punktuelle Kooperation mit Assad durchaus zugegeben.71) In manchen Städten wie Kobanê blieb die syrische Verwaltung weiterhin vor Ort,72) und in Qamishloo wird die kritische Infrastruktur (Flughafen, Grenzübergänge) noch von syrischen Truppen kontrolliert. Ein offener Bruch mit Assad wird dadurch schwierig und wäre angesichts der Bedrohung von Seiten des IS und der unfreundlichen Haltung der Türkei gegenüber der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien politisch auch unklug.

 

Kampf gegen den IS: Sindschar und Kobanê

Der Aufstieg des „Islamischen Staates IS“ im Irak und in Syrien im Sommer 2014 wurde von den beiden kurdischen Hauptkontrahenten KCK/PKK und der KRG dazu genutzt, ihre jeweiligen Visionen von kurdischer Herrschaft zu verfolgen:73) Im Juli besetzten Peschmerga-Verbände der KRG die jahrzehntelang umstrittene Stadt Kirkuk, „das Jerusalem der Kurden“. Der Prestigegewinn der Peshmerga ging einen Monat später durch ihre blamable kampflose Aufgabe des von den kurdischen Jesiden bewohnten Sindschar-/Şingal-Gebirges wieder verloren.

 

Sindschar

Die Niederlage der Peschmerga ermöglichte es den aus Syrien kommenden Kräften der YPG und später der HPG, sich im Sindschar zu etablieren. Dadurch konnten sie auf Kosten Barzanis neben Kandil eine zweite territoriale Basis in irakisch-kurdischem Territorium gewinnen. (Eine dritte Basis ist das Lager Maxmur, das jedoch nicht in der Kurdenregion liegt.) Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen durch die - umstrittene - Rolle der PYD in der Sicherung der Flucht der Jesiden.74) Die Bedeutung des Sindschar für die PKK/KCK ist auch daran erkennbar, dass immer mehr Kämpfer in die Region verschoben werden und von Seiten der HPG versucht wird, die lokale Bevölkerung in PKK-kontrollierten Milizen wie den aus Jesiden rekrutierten „Widerstandseinheiten Şingal - YBŞ“ zu organisieren, deren Aufbau und militärische Ausbildung von der YPG übernommen wurde. Anders ausgedrückt: Seitens Kandil wird versucht, das KCK-System in das Sindschargebirge zu verpflanzen. Die YBŞ war an der großen gemeinsamen kurdischen Gegenoffensive im Herbst 2015 beteiligt, doch wurden die wichtigsten Einheiten der PKK von YPG und HPG gestellt.

Seit der Vertreibung des IS aus Sindschar herrscht angespannte Ruhe unter den verschiedenen kurdischen Milizen.75) Diese Situation ist typisch für das allgemeine Verhältnis der kurdischen Gruppen zueinander: Sie sind gerade noch in der Lage, ihre Kräfte gegen einen gemeinsamen Feind wie den IS zu bündeln, doch ist keine gemeinsame kurdische Strategie erkennbar und aufgrund ideologischer Unterschiede wohl auch unmöglich. Die Notwendigkeit zur Kooperation war den Protagonisten aber auch 2014 bewusst. Denn in der kurdischen Öffentlichkeit herrscht wenig Verständnis für die Konkurrenz der bewaffneten Milizen.76) Im Sommer 2014 verhandelte Barzani daher die Rückkehr seiner Milizen in die PYD-kontrollierten Regionen des Rojava, dem von Seiten der PYD nur widerwillig zugestimmt wurde. Anlass dafür waren die dramatischen Ereignisse um die Kleinstadt Kobanê, die damals kurz vor dem Fall stand.

 

Kobanê/Ayn el-Arab

Ähnlich wie Sindschar liegt Kobanê am Rand des arabisch-sunnitischen Gebietes mit Zentrum Rakka; seine Einnahme sollte diese ethnisch kompakte Region für den IS geographisch arrondieren und einen weiteren direkten Grenzübergang zur Türkei sicherstellen. Die Aufwertung und Heroisierung des Widerstands in Kobanê, v.a. der weiblichen Kämpferinnen der YPJ, durch die PKK-/KCK-nahen Medien sorgten zunächst dafür, dass die Menschenrechtsverletzungen77) durch die PYD/YPG in der internationalen Öffentlichkeit vergessen wurden.

Gleichzeitig bedeutete die mediale Aufmerksamkeit für Kobanê unerwartete Schützenhilfe für die amerikanischen Bemühungen, den IS im Irak zurückzudrängen. Dabei wog der psychologische Aspekt schwerer als der eigentliche militärische Wert, da jeder Tag, an dem sich die Milizen des IS in die Gefechte um Kobanê verbissen, die strategisch weit bedeutendere IS-Offensive gegen Bagdad aus den Schlagzeilen verdrängte. Nach dem Dahinschmelzen der irakischen Armee und der Peschmerga-Verbände im Sommer 2014 wurde den USA der Kampfwert der YPG- und anderer PKK-Einheiten schnell bewusst. Vor diesem Hintergrund unterstützten die Amerikaner die Unterzeichnung des Abkommens von Dohuk im Oktober 2014 zwischen der PYD und der KRG, der einem Teil der Perschmergas die Rückkehr in die von der PYD kontrollierten Regionen Syriens ermöglichte.78) Seither gibt es eine komplizierte Kooperation amerikanischer Luftstreitkräfte mit der YPG.79) Wenn die USA insgeheim hofften, dass ihre Unterstützung für das Abkommen und das Herunterspielen der Beziehungen der PYD zur KCK/PKK genügten, um die PYD/YPG näher an Barzani und die KRG heranrücken zu lassen, dann wurden sie enttäuscht.

Denn dem Pragmatismus Salih Muslims, des Ko-Vorsitzenden der PYD, der sowohl mit der Türkei80) als auch mit den USA konstruktive Beziehungen anstrebte, stand die Pflege eines antiimperialistischen - sprich antiamerikanischen - Diskurses von Seiten des KCK gegenüber. So mobilisierte die Schlacht um Kobanê und seine an den Spanischen Bürgerkrieg und Che Guevara erinnernde Ikonographie die Sympathien der gesamten Bandbreite linker und antiimperialistischer Bewegungen weltweit. V.a. linksorientierte ethnische Separatistenbewegungen wie katalanische,81) Amazigh,82) Baluchi,83) selbst bretonische84) Separatisten erklärten sich solidarisch mit Kobanê und „den Kurden“, sprich der PKK. Ganz zu schweigen vom Spektrum der post-kommunistischen Parteien85) in Europa, aus deren Reihen Freiwillige nach Nordsyrien in den Kampf zogen (siehe den ersten Teil). Diese Kampagnen trugen zunächst zur Selbstüberschätzung der KCK bei, die sich nun als strategischen Akteur sah. Für die syrischen Kurden waren sie aber von weniger konkretem Nutzen als für die Europaorganisation CDK bzw. KCD-E, die danach trachtet, durch die Solidarität für Kobanê die Legalisierung der KCK/PKK zu erreichen.

Langfristig gefährlicher für die syrischen Kurden war jedoch die Verknüpfung des „Rojava“ mit dem Schicksal der Kurden in der Türkei. Die türkische Seite bestand von Anfang an darauf, dass die syrischen Kurden ihre Beziehungen zur KCK/PKK aufgeben oder lockern und sich wenigstens in die inneren türkischen Verhältnisse nicht einmischen. Und für die PYD und YPG wären gute Arbeitsbeziehungen zur türkischen Regierung sehr wohl notwendig gewesen, sie waren aber nicht in der Lage, den von Ankara verlangten politischen Preis zu bezahlen. Stattdessen mussten sie auf die Empfindlichkeiten der KCK Rücksicht nehmen. Die Beziehungen zu Ankara wurden durch die Debatte um Kobanê, die von den türkisch-kurdischen Aktivisten mit den Gezi-Protesten der Jahre zuvor in Zusammenhang gebracht wurde, und die türkischen Wahlen komplizierter. Schließlich verknüpfte der vermutlich vom IS im Juli 2015 ausgeführte Anschlag von Suruç auf ein von linken türkisch-kurdischen Aktivisten gebildetes Solidaritätskomitee für Kobanê das Schicksal der türkischen und syrischen Kurden noch enger, sodass sich aus Sicht der Beteiligten die Kurdenfrage in der Türkei mit den türkischen Sicherheitsinteressen in Syrien verstrickte.

Die Türkei blockierte seither die diplomatische Aufwertung der PYD, indem sie z.B. ihre Partizipation an den Genfer Friedensgesprächen verhindert. Vor Ort ist Ankara bemüht, die Expansion der YPG-Kräfte zu blockieren. Hierbei verfolgt die Türkei zwei verschiedene, aber sich ergänzende politische Ziele: Aus Sicht der nationalen Sicherheit geht es darum, die Etablierung eines PKK-Staates, der entlang der türkisch-syrischen Grenze verläuft, zu vereiteln und unabhängige - d.h. weder vom Regime noch von der YPG kontrollierte Grenzposten - auf syrischer Seite zu bewahren. Vom Blickpunkt der türkischen Regionalpolitik aus betrachtet geht es um den Sturz Assads, herbeigeführt von sunnitisch-islamistischen Kräften. Beide Ziele kombinierend war Ankara in der Wahl seiner Partner vor Ort nicht allzu wählerisch. Aufgeflogene Waffenlieferungen an sunnitische Extremisten in Syrien86) und die Art, wie die Regierung danach damit umging (prominente Journalisten wurden zu absurd hohen Haftstrafen verurteilt), schockierten die türkische Öffentlichkeit und verärgerten Ankaras Verbündete, allen voran die USA, die an ihrer prinzipiellen Unterstützung der YPG - noch - festhalten.

 

Türkei: Trauma der Selbstverwaltung

Gestärkt durch die internationale Aufmerksamkeit für Kobanê und das dadurch gesteigerte Ansehen der Organisation hielt die PKK-/KCK-Führung in Kandil und auf İmrali an der Ausweitung ihrer Untergrundstrukturen in der Türkei fest. Dazu gehörte auch der Aufbau militärischer Strukturen im Sinne der vom KCK geforderten Selbstverteidigungskräfte, was von den türkischen Behörden, die sich auffallend ruhig verhielten, genau beobachtet wurde. Ein Grund hierfür mag darin gelegen haben, dass damals noch Verhandlungen zwischen Öcalan und Ankara stattfanden und die türkische Regierung - sprich Präsident Erdoğan - eine Eskalation vermeiden wollte. Aus Sicht des KCK-Exekutivrates war es daher sinnvoll, die politische Atmosphäre auszunutzen und die Türkei weiter unter Druck zu setzen.

Sowohl mit Blick auf die Türkei als auch international galt es, die Regierung Erdoğan weiter zu diskreditieren und einseitig als Unterstützer des IS darzustellen. Dabei wurde die komplizierte Gemengelage im Sommer 2014 vor Ort auf einen islamistischen Kampf gegen „die Kurden“, sprich die PYD, zugespitzt. Unpassende Tatsachen wie die kurdischen Kämpfer im IS oder die Duldung von Nachschublieferungen und Verwundetenversorgung für die Kämpferinnen und Kämpfer von Kobanê durch die türkischen Behörden im Jahr 2014 wurden dabei ignoriert.87)

Es waren v.a. vier Faktoren, die zur Eskalation in den Jahren 2014 und 2015 beitragen sollten: der Aufbau der YDG-H, die Neuformation der kurdischen Islamisten und die Wahlen vom Juni und November 2015. Der vierte Faktor war die Unzufriedenheit im neu strukturierten Sicherheitsapparat, der - wie in den letzten Jahrzehnten auch - die PKK „endgültig“ mit militärischen Mitteln besiegen will.

 

Zorn der Jugend: YDG-H

Wie weiter oben dargestellt, wurden in den letzten Jahren die KCK-Strukturen überall in der Türkei verstärkt und erweitert. Das betraf auch die Selbstverteidigungskräfte und die Jugendbewegung YDG-H. Letztere zeichnet sich durch hohe Gewaltbereitschaft und Abenteuerlust aus, was wohl im Durchschnittsalter von 15-17 Jahren, der hohen Jugendarbeitslosigkeit und mangelnden Bildung88) liegen mag. Der Großteil der in der YDG-H organisierten Jugend stammt aus sozial deklassierten Familien, viele von ihnen Bauernfamilien, die den großen Umsiedlungen bzw. Vertreibungen der 1990er-Jahre zum Opfer gefallen waren und sich unter großen Mühen und Entbehrungen ein neues Leben aufgebaut hatten.

Gegen Ende 2012/Anfang 2013 begann die YDG-H ihre eigenen Vorstellungen von demokratischer Autonomie umzusetzen und „Polizei“-Einheiten (asayiş) als Teil der - noch zu etablierenden - Selbstverteidigungskräfte aufzustellen. Die zahlreichen Spontanaktionen der YDG-H in den Jahren 2013-14 verstellen den Blick auf die Tatsache, dass sowohl die Ausweitung des KCK-Systems als auch der Aufbau lokaler militärischer Elemente im KCK-Abkommen vorgesehen waren und vom Exekutivrat verlangt wurden. Die unerfahrenen YDG-H-Kämpfer wurden nun von erfahrenen HPG-Kadern geführt, die nicht mehr wie früher nur zur Anschlagskoordination in die Städte kamen, sondern blieben und gemäß KCK-Abkommen die lokalen Selbstverteidigungskräfte aufbauen. Die von Murat Karayılan und Emine Ayna vorgebrachte Behauptung, wonach es aufgrund jugendtypischer Dynamiken und der laufenden militärischen Operationen des Staates für Kandil immer schwieriger würde, die YDG-H noch zu leiten,89) ist im Lichte der bekannten KCK-Dokumente unglaubwürdig. Was Kobanê und Rojava als neue Faktoren einbrachten, waren Enthusiasmus und ein Glaube, die „demokratische Autonomie“ selbstständig und sofort umsetzen zu können, sowie eine große Wut auf alle wahren oder vermeintlichen Islamisten.

Als die YDG-H begann, in Lice, Şırnak, Diyarbakır und selbst in Istanbul sporadisch Straßenkontrollen zu errichten, gingen die türkischen Behörden erstmals gegen sie vor.90)

 

Die Islamisten

Das eigentliche Ziel der YDG-H waren zunächst die kurdischen Islamisten, die sich ungefähr zeitgleich wie die PKK/KCK, also ab 2004, neu formierten. Sie stammen zum größten Teil aus der im Jahr 2000 zerschlagenen Hisbollah-Bewegung der 1980er- und 1990er-Jahre.91) Seither gibt es in vielen kurdischen Städten einen Hisbollah-Untergrund, der mit einem weiten Netz von Vereinen und Organisationen verbunden ist,92) zu denen auch die „Partei der Freien Sache - Hüda-Par“93) gehört.

Spätestens gegen Ende 2013 formierte sich aus in diesen Kreisen sozialisierten Jugendlichen eine militante Organisation namens „Şêx Said Serriyeleri - Sturmscharen des Scheich Said“, deren Beziehungen zu den radikalen islamistischen Gruppen in Syrien nicht nachgewiesen wurden, die aber mit ihnen sympathisieren. Diese Kreise reagierten mit deutlicher Ablehnung auf die Sympathiekundgebungen der türkischen Linken und der HDP/BDP für Kobanê, die gleichzeitig als Machtdemonstration der KCK/PKK inszeniert wurden. Spannungen zwischen beiden Gruppen eskalierten bald, und die Hüda-Par veröffentlichte eine Liste von 77 Übergriffen von Seiten der PKK auf ihre Mitglieder für die Monate September und Oktober 2014.94) Als während des Opferfestes Anfang Oktober 2014 ein 16-jähriger Sympathisant der Hüda-Par von YDG-H-Mitgliedern ermordet wurde, nahmen die Spannungen weiter zu, bis sie sich Ende Dezember 2014 in Cizre in gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der YDG-H und den Şêx Said Serriyeleri entluden.95)

Die YDG-H hatte seit Oktober Stadtviertel in Cizre, Silopi und anderen Orten zu autonom befreiten Gebieten erklärt, in denen die staatliche Autorität keine Gültigkeit mehr besaß. Dort wurden Straßensperren und Barrikaden errichtet und Schützengräben ausgehoben. In den so kontrollierten Gebieten begann die YDG-H, Anhänger der Hüda-Par und anderer Hisbollah-Gruppen zu vertreiben.96) In deren traditionellen Hochburgen wie Batman verhielt es sich jedoch umgekehrt, dort gelang es den Islamisten, den Aufbau der KCK-Strukturen zu verhindern.97) Viele von ihnen gingen alsbald in die Offensive, so wurde über Twitter aufgerufen, die „Apostaten“ (mürtedler, gemeint sind alle Teile der PKK) zu verfolgen und nicht auf den Staat zu warten, denn „der Staat ist in der Hölle, die Serriyeler sind im Dienst“.98)

Damit herrschte Anfang 2015 wieder die gewalttätige Dreieckskonfrontation zwischen PKK bzw. YDG-H, Hisbollah bzw. Serriyeler und den türkischen Sicherheitskräften in der Region, die die 1990er-Jahre kennzeichnete. Nur mit dem Unterschied, dass die Auswirkungen des Bürgerkrieges im Nachbarland deutlich spürbar sind. Diese Situation dauerte im Wesentlichen bis zu den Wahlen im Juni 2015 in der Türkei an. Die Serriyeler verteidigten sich zwar, doch warteten sie darauf, dass die türkischen Behörden gegen die YDG-H und ihre Selbstverwaltung zuschlugen. Es ist davon auszugehen, dass der Hisbollah-Untergrund erst nach dem Ende der Konfrontation zwischen den Sicherheitskräften und der KCK/PKK aktiv wird und die Zeit bis dahin nutzt, die eigenen Strukturen zu stärken.

 

Gegenschlag, Selbstverwaltung/YPS und Flucht

Die von Beobachtern erwarteten Maßnahmen der türkischen Behörden begannen unmittelbar nach der Wahl im Juni und dauern bis heute an. Sie waren in ihrer Härte dennoch überraschend. Die Gründe hierfür sind in der Enttäuschung Erdoğans über das Verhalten der HDP hinsichtlich der Frage seiner präsidialen Vollmachten und in seiner Frustration über den Verlauf der Friedensgespräche, die er indirekt mit Öcalan führte, zu suchen. Eine weitere Ursache liegt sicherlich in der Art der Gefechte, da der Häuserkampf im Stadtgebiet der militärisch unerfahrenen YDG-H wenig andere Möglichkeiten lässt, als bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Auf Seiten der überwiegend von der Polizei gestellten Kampftruppen dominierten Hass und Erbitterung. Denn den Operationen gingen ein schwerer Anschlag mit 16 gefallenen Soldaten in Dağlıca/Oramar, Provinz Hakkari, im September 2015 und die Ermordung zweier Polizisten durch Kopfschüsse in Ceylanpınar, Provinz Urfa, im Juli desselben Jahres voraus.

Ein weiterer Aspekt, der die Brutalität der Kämpfe erklärt, ist der Korpsgeist der neu aufgestellten Sondereinheiten der Polizei (PÖH Polis Özel Harekati), der so genannten „Esedullah Timleri“.99) Über diese paramilitärischen Kräfte ist wenig bekannt, sie werden aber aufgrund der Slogans und Propagandasprüche, die sie verbreiten, als Mischung von Rechtsextremisten in der Tradition der Grauen Wölfe, deren Symbole sie oft verwenden, und Islamisten bezeichnet. Die Operationsschwerpunkte der neu strukturierten türkischen Polizei, die spätestens ab Herbst 2015 auch von Armeeeinheiten unterstützt wurde, geben einen guten Einblick in jene Regionen, in denen die KCK/PKK ihre Hochburgen hat und über Untergrundstrukturen verfügt: Diyarbakir/Sur, Nusaybin, Derik, Cizre, Silvan, also die Einsatzgebiete „Botan“ und „Amed“ (siehe oben) der HPG. Interessanterweise blieb es im „Dersim“, einer anderen Hochburg der KCK, ruhig. Dort bombardierte die türkische Luftwaffe im Oktober 2015 nur einen Heldenfriedhof der PKK im Tal von Plimori/Pülümür.100) Hier stellt sich die Frage, ob das Regionalkommando der HPG sich bewusst zurückhielt oder ob die Guerillaeinheiten erst die Schneeschmelze abwarten, bevor sie auch hier aktiv werden.

Die Polizeiblockaden begannen Anfang September mit einer achttägigen Ausgangssperre in Cizre, gefolgt von Silvan Anfang Oktober und wieder vom 3.-11. November, Nusaybin 13.-26. November, Derik vom 27. November-3. Dezember, die Altstadt Sur von Diyarbakır ab dem 11. Dezember, gefolgt von Silopi am 15. Dezember und İdil im Jänner 2016. Die Ausgangssperren werden immer von Unterbrechungen des Telefonnetzes und der elektronischen Informationsdienste begleitet. In einigen Fällen wurden die medizinische Versorgung Verwundeter und das Bergen der Leichen verhindert.101) Wie schwer die Gefechte gewesen sein müssen, geht aus den Bildern der Zerstörung nach den Operationen hervor, die an Syrien und Irak erinnern. In den betroffenen Städten herrscht eine absurde Situation: Während meist in den ärmeren Stadtvierteln Barrikaden errichtet wurden und der Häuserkampf tobt, herrscht in anderen Stadtteilen Ruhe. In Amed/Diyarbakır zum Beispiel tagte im Dezember 2015 der DTK unweit der umkämpften Altstadt von Sur. Die Ergebnisse des Kongresses nahmen kaum Bezug auf die dramatische Situation vor Ort. Das Schlusskommuniqué betonte die Notwendigkeit der Selbstverteidigung - was in dieser Form nur gegen die türkischen Sicherheitsbehörden gedacht sein kann, während der „14-Punkte-Plan“ neben umfangreichen Autonomieforderungen auch die Schaffung lokaler Sicherheitskräfte vorsieht, die mit den zentralen Sicherheitsbehörden kooperieren sollten.102) Unter idealen und demokratischen Voraussetzungen könnte dies als Ausgangspunkt für sinnvolle Autonomieverhandlungen hinter verschlossenen Türen dienen. Unter den gegebenen Umständen bleiben Verhandlungen jedoch Illusion.

Die Leitung des KCK in Kandil bereitet sich jedenfalls auf eine Offensive vor, denn zeitgleich mit dem DTK-Kongress wurde dort beschlossen, alle in der Region aktiven lokalen Kräfte unter einem organisatorischen Dach zu vereinen - den „Zivilen Verteidigungseinheiten YPS.“103) Diese sind eine logische Fortsetzung der bisherigen Bemühungen, die von der HPG geführten YDG-H und Selbstverteidigungseinheiten zu reorganisieren. Offensichtlich ist die KCK überzeugt, dass sich die YPS auf Dauer in den kurdischen Städten etablieren kann. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass die YPS mindestens bis zur Schneeschmelze, also dem Beginn der jährlichen HPG-Offensive, kämpfen wird. Damit wird eine weitere Eskalation für den Sommer 2016 möglich. Davon scheint jedenfalls die türkische Armee auszugehen, die sich im Herbst 2016 mit 900 Maultieren für den Gebirgskrieg versorgte,104) was den Schluss nahelegt, die Türken wollen die HPG in ihren Verfügungs- und Rückzugsräumen im Irak angreifen.

Befürchtungen, dass die Türkei nun vor einem Bürgerkrieg steht, sind daher nicht unbegründet.105) Ähnliches wurde schon in den 1990er-Jahren vorausgesagt. Doch haben sich drei Parameter verändert: Erstens wird der Kampf nun in den Städten geführt, und damit greifen die klassischen Methoden der Aufstandsbekämpfung - nämlich Absiedlung der Bevölkerung vom Land in die Städte, wo sie vermeintlich besser zu kontrollieren wäre - nicht mehr. Zweitens kann der Krieg nun länger dauern, weil durch die Lage in Syrien panzerbrechende Waffen viel leichter organisiert werden können. Damaskus hielt seinerzeit den Waffenmarkt unter strenger Kontrolle, heute herrscht ein bürgerkriegsbedingt liberalisierter Markt für MANPADs, Milan, Kornet und TOW. Die dritte Veränderung betrifft die neue Generation von Kämpfern, aus denen eine neue KCK-Generation hervorgehen wird und deren Ausgangspunkt die Umsetzung der KCK-Herrschaft als „demokratische Selbstherrschaft“ ist. Verhandelte Kompromisse zwischen der türkischen Regierung und der KCK werden damit schwieriger, wenn sie überhaupt angestrebt werden.

Politisch gesehen nutzten diese Operationen weder der KCK/YDG-H noch der Regierung. Die Wut der eingeschüchterten Zivilbevölkerung, die in ihrer Mehrzahl gegen ihren Willen in die Kämpfe involviert wurde, richtete sich gleichermaßen gegen die Brutalität der Polizei wie gegen das verantwortungslose und gewalttätige Abenteurertum der YDG-H/YPS und der PKK-Führung in den Bergen.106) Das einzig greifbare Resultat der Selbstverwaltung sind die militärischen Operationen, der große wirtschaftliche und menschliche Schaden. Experten warnen bereits vor den psychologischen Folgen der Ereignisse.107) Noch dramatischer ist die Flucht der Zivilbevölkerung in andere Regionen des Landes - auch wenn die meist minderjährigen YDG-H-/YPS-Vertreter dies verhindern wollen. In İdil reichte die Ankündigung der Polizeiblockade, dass die Masse der Bevölkerung panikartig die Region verließ.108) In Sur verließ der Großteil der demoralisierten Bevölkerung ihre Heimat,109) und in Cizre sollen nach Aussagen des HDP-Abgeordneten Faysal Sarıyıldız von 120.000 Einwohnern nur mehr 20.000 in der Stadt leben.110) Auf die Tragödie der Zivilbevölkerung reagierte die Yeni Özgür Politika mit Durchhalteparolen,111) die Kurden mögen standhaft bleiben, solidarisch mit anderen Kurden sein und Widerstand leisten. Wenn dies die offizielle Haltung des KCK ist, muss davon ausgegangen werden, dass die Organisation sich in der Lage sieht, ihren Widerstand noch lange fortzusetzen. Ihre ideologische und organisatorische Struktur lassen ohnehin keinen anderen Handlungsverlauf zu. Dasselbe dürfte für die türkischen Sicherheitskräfte gelten.

 


ANMERKUNGEN:

1) Abdullah Öcalan: Demokratik Kurtuluş ve Özgür Yaşamı İnşası, (İmralı Notları), [Die demokratische Befreiung und die Erschaffung eines freien Lebens. Die Notizen von Imrali], Neuss 2015. Die erste Auflage 2014 wurde vom Verlag als für die Öffentlichkeit noch nicht geeignet befunden und nach Drucklegung sofort vernichtet. Die neue „erste“ Auflage erschien im November 2015 und war sofort vergriffen, die zweite Auflage erschien im Februar 2016. Emailkorrespondenz mit Sırma Çiçek, Neuss.

2) Ezgi Başaran: „İmralı notları-3: Cemaat, 6-7 Ekim olayları, YDG-H ve nasıl bir barış?“ [Die İmralı Notizen 3: Die Fethullah Gruppe, die Vorfälle vom 6-7 Oktober, YDG-H und was für ein Friede], Radikal, 5.Februar 2016; dieselbe, „İmralı notları-2: Öcalan’a göre ABD, geri çekilme ve hiç bilmediğimiz detaylar“ [İmralı Notizen 2: Die USA aus Sicht Öcalans, Rückzug und einige unbekannte Details,] Radikal, 4. Februar 2016; dieselbe, „İmralı-Notrları-1: Öcalan’dan Kandil’e,“ [Die İmralı Notizen-1: Von Öcalan an Kandil,] Radikal, 3.2.2016.

3) http://bianet.org/files/doc_files/000/000/179/original/demokratik%C3%B6zerklik.htm.

4) „DTK kongresinin sonuç bildirgesi açıklandı: Tam metni“ [Das Endkommuniqué des DTK Kongresses wurde veröffentlicht. Vollständiger Text] http://www.imctv.com.tr/dtk-kongresinin-sonuc-bildirgesi-aciklandi-tam-metni/; „DTK sonuç Bildirgesi, Türkçe ve Kürtçe Tam Metni,“ [Schlußkommuniqué des DTK, vollständiger türkischer und kurdischer Text,] 27.12.2015 http://demokratiktoplumkongresi.com/dtk/dtk-sonuc-bildirgesi-turkce-ve-kurtce-tam-metin.html.

5) Z.B. auf dieser Seite http://www.sehid.com/.

6) Önder Aytaç: „PKK-KCK: Kampları, Yönetim Kademesi ve silahlı güçler,“ [PKK-KCK: ihr Lager, ihr Führungskader und bewaffneten Kräfte,] Haber X, 9.9.2011; http://www.haberx.com/Default.aspx?p=19&w=9750&fp=3.

7) „Şu Anda Dağda PKK’lı var?“ [Wieviele PKK-ler gibt es jetzt in den Bergen?], Haber Vaktim, 11.2.2012.

8) Diese Zahlen beruhen auf Schätzungen des türkischen Generalstabs, siehe „Türkiye’de hangi İlde kaç PKK’lı terörist var?“ [In welcher Provinz der Türkei gibt es wie viele PKK-Terroristen] Haber7, 23.3.2013 http://www.haber7.com/print.php?id=1005218.

9) http://www.unicef.org/turkey/pc/gi67.html.

10) Michel Martens: „Die heimlichen Herrscher von Diyarbakir,“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.11.2015.

11) Haşim Söylemez: „PKK’nin çocuk militanları“ [Die Kindersoldaten der PKK], Aksiyon, 11.6.2012.

12) „PKK bin 853 çocuğu Kandil de esir aldı,“ [Die PKK hält 1.853 Kinder in Kandil gefangen] Haber Star, 30.8.2015; „PKK Son iki yılda 316 Çocuk Dağa kaçırdı,“ [Die PKK hat in den letzten beiden Jahren 316 Kinder in die Berge entführt], Haberler.com, 24.8.2015.

13) Human Rights Watch, Under Kurdish Rule. Abuses in PYD-run Enclaves of Syria, New York 2014, S.38-43; Kurdwatch, Forcible recruitments and the deployment of child soldiers by the Democratic Union Party in Syria, (Report 10), Berlin May 2015, passim; http://www.kurdwatch.org/pdf/KurdWatch_A010_en_Zwangsrekrutierung.pdf.

14) Europol, TE-SAT 204, European Union Terrorism Situation and Trend Report, Den Haag, 2014, S.32; „Mezopotamya Araştırmalar Akademisi açıldı“ [Die Forschungsakademie Mesopotamien wurde eröffnet], Özgür Gündem, 5.4.2011.

15) 2005 wurde das „Allgemeine Reglement der HPG“ (HPG Genel Yönetmeliği) veröffentlicht siehe www.hezenparastin.com/tr/hpg/hpg_yonetmenlik.html und https://rojbas2.files.wordpress.com/2012/06/hpg-genel-yonetmeligi.pdf. Vgl. den Schematismus von Zaman http://medya.zaman.com.tr/2009/04/14/yapilanma2.jpg. Siehe auch „PKK’nın Profesyonel Gerilla Hedefi“ [Das Ziel der PKK: eine professionelle Guerilla], Mesaj Haber, 15.8.2013 http://www.mesajhaber.com/haber.php?haber_id=16650.

16) Hierzu siehe die Kommentare des PKK Dissidenten Hüseyin Topgiders bei Aliza Marcus: Blood and Belief. The Kurdish Fight for Independence, New York 2007, SS.150, 224.

17) http://www.yja-star.com/tr/.

18) Hıdır Sarıkaya: „Kürt halkının bilgisine sunuyorum“ [Dem kurdischen Volke bringe ich zur Kenntnis] Rizgari, 20.2.2006; http://www.rizgari.com/modules.php?name=News&file=article&sid=3446.

19) Aytaç: „PKK-KCK: Kampları, Yönetim Kademesi ve silahlı güçler.“

20) Ebru Aydin: „PKK’nin Apollo Akademisi“ [Die Apollo Akademie der PKK], Ankara Strateji, 9.9.2014, http://ankarastrateji.org/yorum/pkkn-n-apollo-akademisi/.

21) „Karayılan’dan AKP’ye Uyarlar“ [Karayılan warnt die AKP] Stêrk, 10.9.2015, http://tr.sterk.tv/9962-karaiilandan-akpie-uiarilar.html#.Vr9gNOYpoqI.

22) Siehe die Definition gemäß „Small Arms Survey“ der OSZE und VN folgen: http://www.smallarmssurvey.org/weapons-and-markets/definitions.html.

23) „Mahsum Korkmaz Akademisi“ [Die Mahsum Korkmaz Akademie], Serxwebûn, No. 23, August 1987, S.6, 23. http://www.serxwebun.org/arsiv/68/files/assets/downloads/page0023.pdf.

24) „Haki Karer Siyasi Akademi.“ [Die Politische Akademie ‚Haki Karer‘] Özgür Gündem, 9.7.2015.

25) Die Zahl der Binnenflüchtlinge und Zwangsumgesiedelten soll sich auf 1-3 Millionen Menschen belaufen. Hierzu siehe Turgay Ünalan, Ayşe Betül, Dilek Kurban: „Internal Displacements in Turkey: the Issue, Policies and Implementation“. In: Dilek Kurban (u.a.), Coming to Terms with Forced Migration. Post-Displacement Restitution of Citzenship Rights in Turkey, TESEV İstanbul August 2007, S.83-87; Vedat Çetin, Yakılan/Boşatılan Köyler ve GÖÇ, [Niedergebrannte/Evakuierte Dörfer und Flucht], Ankara 1999, S.61, siehe auch die Seite des International Monitoring Centers und die dort angegebene Literatur http://www.internal-displacement.org/idmc/website/countries.nsf/%28httpEnvelopes%29/6C2FF84BC58D8530802570B8005AAFAA?OpenDocument#sources.

26) Vgl. Önder Aytaç: „HPG’ye bağlı öz savunma güçleri, özel kuvvetler nedir? Nasil melanetler yapar?“ [Was sind die Selbstverteidigungskräfte und die Sonderkräfte der HPG? Wie begehen sie die Verbrechen?] HaberX, 21.9.2011.

27) Sarıkaya: „Kürt halkının bilgisine sunuyorum.“

28) „PKK yöneticiler kaç korumayla geziyor?“ [Wieviele Leibwächter haben die Leiter der PKK?] Samanyolu Haber, 28.9.2012 http://www.samanyoluhaber.com/gundem/PKK-yoneticileri-kac-korumayla-geziyor/848655/.

29) Gespräch mit Sicherheitskräften in Diyarbakır, September 2008.

30) Siehe Carlos Marighela, „Minimanual of the Urban Guerilla“. In: Jay Mallin (Hrsg.),Terror and Urban Guerillas. A Study of Tactics and Documents, Coral Gables 1982, S.67-115; sowie derselbe, Handbuch des Stadtguerillero, Sao Paolo (?) Juni 1969; http://www.socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019701200_2.pdf.

31) Siehe die neue Leitseite der TAK http://www.teyrebazenkurdistan.com; die folgenden Ausführungen stützen sich v.a. auf Önder Aytaç, „TAK (Kürdistan Özgürlük Şahinleri) nedir? Nasıl melanetler yapar?“ [Wer sind die Freiheitsfalken Kurdistans? Wie verüben sie ihre Verbrechen?] Medyafaresi, 23.9.2011.

32) Sarıkaya: „Kürt halkının bilgisine sunuyorum.“

33) Zeynep Dicle: „Karayılan: Sonunda bizimle görüşecekler,“ [Letztendlich werden sie mit uns sprechen] ANF, 22.2.2006.

34) „Kuruluş Bildirgesi“, [Gründungsmanifest] http://www.teyrebazenkurdistan.com/TR_Bildiri.html; http://rojbas6.wordpress.com/kurulus-bildirgemiz-turkce/.

35) „KCK’dan TAK’a eylemlerine son çağrısı,“ [Aufruf der KCK an die TAK, ihre Aktionen zu beenden] Sol Portal, 4.11.2010 http://haber.sol.org.tr/devlet-ve-siyaset/kckdan-taka-eylemlerine-son-ver-cagrisi-haberi-35407.

36) Baskın Oran: „Devlet: Kürt meselesi“ [Der Staat: die Kurdenfrage], in derselbe, Türk Dış Politikası. Kurstuluş Savaşından Bugüne, Olgular, Belgeler, Yorumlar, [Türkische Außenpolitik: Fakten, Belege, Interpretationen] Bd. III, 2001-2012, İstanbul 2013, S.122, 128.

37) Die folgenden Ausführungen nach Aytaç, „TAK (Kürdistan Özgürlük Şahinleri) nedir?“ der sich hauptsächlich auf Verhörprotokolle der Staatsanwaltschaft Diyarbakır stützt; Gamze Polat, „TAK bombacılarını kim eğitiyor“ [Wer bildet die Bombenleger der TAK aus] Aksiyon, 17.4.2006 http://www.aksiyon.com.tr/aksiyon/haber-12097-34-tak-bombacilarini-kim-egitiyor.html; Nagehan Alçı, „PKK içinde iki grup var: köylüler ve enteller“ [In der PKK gibt es zwei Gruppen: die Bauern und die Intellektuellen] En Son Haber, 30.7.2008 http://www.ensonhaber.com/gundem/142970/pkk-icinde-iki-grup-var.html; Ozan İncesaraç, „Küçük PKK’yı Tanıyalım: TAK“ [Wir lernen die kleine PKK kennen: TAK] haber365, 4.11.2011 http://www.haber365.com/Haber/Kucuk_PKKyi_Taniyalim_TAK/.

38) „Komalên Ciwan: Direniş Türkiye Metropollerine yayınmalıdır“ [Der Widerstand muss in die Großstädte der Türkei gebracht werden,] ANF, 15.12.2015. http://anfturkce.net/kurdistan/komalen-ciwan-direnis-turkiye-metropollerine-yayilmalidir.

39) „Von nun an werden wir als TAK die Sicherheit der ausländischen Touristen, die mit internationalen Fluglinien in die Türkei kommen, nicht mehr gewährleisten können.“ http://www.teyrebazenkurdistan.com/2015_Eylemlerimiz.html.

40) http://teyrebazenkurdistan.com/2016_Eylemlerimiz.html.

41) Aytaç: „HPG’ye bağlı öz savunma güçleri, özel kuvvetler nedir?“ und Emre Uslu, „Öz Savunma Güçleri Tamam“ [Die Selbstverteidigungskräfte sind aufgestellt] Taraf, 13.6.2014.

42) Marcus, Blood and Belief, SS.132-134, 152; Söylemez, „PKK’nin çocuk militanları.“

43) Beide Maßnahmen veränderten die kurdische Gesellschaft, weil sie den „kleinen Mann“ politisierten und damit den Einfluss traditioneller kurdischer Eliten zurückdrängten. Hierzu siehe Günter Seufert, „Ethnien und Ethnizität: die Kurden und andere Minderheiten“. In: Udo Steinbach: Länderbericht Türkei, bpd Bonn 2012, S.242.

44) Oran: „Kürt meslesi“ S.124, 125.

45) James Brandon: „Qandil: Panahgah-e shureshiyan-e Kord“ [Kandil: Zufluchtsort der kurdischen Kämpfer] (aus dem Englischen übersetzt von Seyyed Musa Purmusavi und Jehanbakhsh Rahnoma,). In: Ettelaat-e Siyasi-Eqtesadi, 24/August-September 2009, S.60-69; David Cockburn, „In the Kandil Mountains with the PKK,“ Counterpunch, 9.11.2007. Aytaç, „PKK-KCK: Kampları“; „İste PKK’nın barındığı kamplar“ [Die Lager, die die PKK beherbergen] Habertürk, 12.11.2007. http://www.haberturk.com/gundem/haber/44051-iste-pkknin-barindigi-kamplar.

46) Zur PKK im Nordirak siehe Koray Düzgören, „Türkiye’nin Kürt Sorunu“ [Die Kurdenfrage in der Türkei] Cumhuriyet Dönemi Türkiye Ansiklopedisi, 13, S.853-862, insbesondere SS.859-862.

47) Cockburn: „In the Kandil Mountains“.

48) „İşte çok tartışılan Mahmur Kampı“ [Das vieldiskutierte Lager Mahmur], Radikal, 27.7.2009; „Maxmur Halk Meclisi: Amacımız sistem örnek modeli olmak“ [Volksversammlung Maxmur: Unser Ziel ist es, ein Nachahmungsmodell zu sein] Besta Nûçe, 23.6.2015.

49) Interview mit E. N., Wien 10.2.2016.

50) Serhat Ararat: „Medya Savunma Bölgeleri demagojisi“ [Die Demagogie über den Verteidigungsbereich] Kızıl Bayrak, 28.9.2002, http://www.kizilbayrak.org/2002/sykb38/sayfa_17.html.

51) Hamit Bozarslan: La Question Kurde. États et minorités en Moyen-Orient, Paris 1997, S.321-331.

52) http://pcdk.org/.

53) www.pyd.info; http://www.pydrojava.net/.

54) Olivier Grosjean: „Un champ d’action régionalisé? Le PKK et ses organisations sœurs au Moyen-Orient,“ CERI 2/2014, S.2, 3; http://www.sciencespo.fr/ceri/fr/content/dossiersduceri/un-champ-d-action-regionalise-le-pkk-et-ses-organisations-soeurs-au-moyen-orient.

55) Alireza Sheykh-Attar: Kordha va qodratha-ye manteqehi va fara-mateqehi, [Die Kurden und die Regionalmächte und Mächte außerhalb der Region] (Bd. I Irak) Teheran 2003.

56) Presseerklärung des Exekutivrats, 24.8.2010; http://pkkonline.com/tr/index.php?sys=article&artID=529.

57) Bayram Sinkaya, „Rationalization of Turkey-Iran Relations: Prospects and Limits“, Insight Turkey, 14/2012, S.137-156.

58) „Iranian Kurdish-PJAK held 4th Ordinary Congress,“ Kurd-Net, 13. Mai 20143 http://www.ekurd.net/mismas/articles/misc2014/5/irankurd1100.htm.

59) http://www.ekurd.net/mismas/articles/misc2014/6/irankurd1113.htm.

60) „Rückeroberung von Jalula: YRK und HPJ entsenden Guerillakräfte“, Kurdische Nachrichten, 13.8.2014.

61) „Ta’sis-e Kodar dar sofuf-e ferqeh-ye terrroristi-ye Pjak tanash bevojud avard, [Die Gründung der Kodar in den Reihen der Terrorgruppe PJAK brachte Spannungen zum Vorschein], 11. Mai 2014.

62) Galip Dalay: „Where do Iranian Kurds fit in Iran’s Kurdish Policy?“ Huffington Post, 20.8.2015.

63) Thomas Erdbrink: „Riot Erupts in Iran’s Kurdish Capital Over Women’s Death“, The New York Times, 7.5.2015; Amberin Zaman, „Iran’s Kurds rise up as their leaders remain divided“, Al-Monitor, 11.5.2015.

64) Es handelt sich um die Partei des 1989 in Wien ermordeten Dr. Abdul Rahman Qasemlou. Siehe http://www.pdki.org/english/.

65) „Ahmedi clarifies events that led PKK attacking KDPI fighters,“ Ekurd-Daily, 25.5.2015.

66) „PJAK strikes Iranian military post kills 20,“ Daily Sabah, 7.8.2015.

67) Aytaç: „HPG’ye bağlı öz savunma güçleri, özel kuvvetler nedir?“

68) Müzehher Selcuk: „Die gespaltene kurdische Opposition in Syrien“, ÖMZ 6/2012, S.717-721.

69) Fehim Taştekin, „Kürtleri Bölen Hendek“ [Der Graben, der die Kurden teilt], Al Monitor (online), 21.4.2014, www.al-monitor.com/pulse/tr/originals/2014/04/krg-trench-divides-syrian-iraqi-kurds.html.

70) Wladimir van Wilgenburg: „Syria’s Kurdish Parties: Don’t go to Europe“, al Jazeera, 17.9.2015.

71) „YPG spokesman: our cooperation with Syrian regime is logical under current conditions“, ARA NEWS, November 2015.

72) Raniah Salloum: „Die Guten Deutschen von Kobane“, Der Spiegel, 30.6.2015.

73) Zu den verschiedenen kurdischen Staatsbildungsprojekten siehe Walter Posch: „Zurück in die Berge?“ Zenith, 4/2015, S.46-51.

74) Interview mit Nauaf Isa Ali: „Die PYD hat im Sindschar nicht gekämpft und sie hat die Yeziden nicht gerettet,“ http://kurdwatch.org/syria_article.php?aid=3255&z=de.

75) Mohammed A. Salih: „With the Islamic State gone from Sinjar, Kurdish groups battle for control,“ Al-Monitor, 10.12.2015.

76) Wladimir van Wilgenburg: „Iraqi Kurds seize control of key Syrian border town“, Al-Monitor, 19.6.2014.

77) Human Rights Watch (Hrsg.), Under Kurdish Rule. Abuses in PYD-run enclaves of Syria, London 19.6.2014.

78) „Kurdish Parties in Syria Sign Dohuk Deal to Fight ISIL“, Al-Manar (online), 23. Oktober 2014, <www.almanar.com.lb/english/wapadetails.php?eid=177604>.

79) Siehe z.B. Rukmini Callimachi: „Inside Syria: Kurds Roll Back ISIS but Alliances are Strained,“ The New York Times, 10.8.2015; linksradikale Deutsche Kriegsveteranen bestätigen die Bedeutung der NATO-Luftschläge gegen den IS für die YPG, siehe Felix Huesmann: „Ich war bereit dort zu sterben - ein deutscher Linker im Kampf gegen den Islamischen Staat,“ Vice News, 26.8.2015.

80) Siehe z.B. „MIT-Salih Müslim Görüşmesi Perde Arkası,“ [Hintergründe zum Treffen Salih Muslims mit dem türkischen Geheimdienst] Nasname, 27.3.2013.

81) „Rally for Kobanê in Catalunia“, Help Catalonia, 12.10.2014 http://www.helpcatalonia.cat/2014/10/rally-for-kobane-in-catalonia.html.

82) „Amazigh People demonstrate in support of Kobanê“, Kurdish Info, 28.10.2014. Kamaleddine Fekhar: „De Kobané la Kurde à Berriane le Mozabite Amazigh… Les peuples autochthones et la gouvernance des Daeches“, Siwel Agence Kabyle d’information, 13.10.2014.

83) http://balochwarna.com/2014/11/14/baloch-martyrs-day-observed-in-united-kingdom-canada-sweden-and-south-korea/.

84) Und zwar ausgerechnet von der Breiz Atao, die seinerzeit mit den Nazis kooperiert hat. http://breizatao.com/2014/10/24/kobane-la-resistance-heroique-du-peuple-kurde-video/. Für Breiz Atao siehe Xavier Crettiez und Isabelle Sommier (Hrsg.) La France Rebelle. Tous les mouvements et acteurs de la contestation, Paris 2008, S.83f.

85) So feiert PKK-Presse das Hissen der PKK-Fahne im Deutschen Bundestag „PKK Bayrağı Alman Meclisi‘nde“ [Die PKK-Fahne im Deutschen Bundestag], Yeni Özgür Politika, 15.11.2014.

86) „IŞI Tırlarıyla 10 soru 10 cevap“ [10 Fragen und Antworten über die IS-Lastwägen], Yeni Yön, 30.5.2015; http://www.yeniyon.tv/mit-tirlariyla-ilgili-10-soru-10-cevap/.

87) Alfred Hackensberger: „Die Schmuggler von Kobane“, Die Presse, 13.10.2014.

88) Im Jahr 2008 hatten 26% der Jugendlichen in Diyarbakir keinen Zugang zur Bildung. Siehe ICG, Turkey’s Kurdish Impasse. The View from Diyarbakır, (Europe Report No 222) 30.11.2012, S.12.

89) „Karayılan’dan çarpıcı YDG-H itirafları“ [Karayılans überraschende Äußerungen zur YDG-H], Vatan, 17.9.2015; „YDG-H’li gençler bizi kızıyor, onlarla birlikte çatışmamızı istiyorular,“ [Die jugendlichen YDG-Hler zürnen uns, sie wollen, dass wir mit ihnen kämpfen,] T24.com.tr, 2.12.2015.

90) „Şok Tespit: Sözde asayiş birimlerinin 3 amacı var“ [Die so genannten Polizei Einheiten haben drei Ziele] Milliyet 22.7.2013; „PKK Asayiş Timi’nin lideri yakalandı“ [Der Führer des PKK-Polizei Teams wurde festgenommen ] Akşam, 5.2.2014; Uslu: „Öz Savunma Güçleri Tamam.“

91) Für diese siehe Ruşen Çakır, Derin Hizbullah. İslamcı Şiddetin Geleceği, [Die tiefe Hizbullah und die Zukunft der islamistischen Gewalt] Istanbul 2001 und Walter Posch: „Islam und Islamismus in der Türkei“. In: Walter Feichtinger und Sibylle Wentker: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus, Wien u.a. 2008, SS.189-206, insbesondere SS.202-205.

92) ICG, Turkey’s Kurdish Impasse, S.22, 23.

93) www.hudapar.org.

94) http://hudapar.org/Detay/Haber/1029/rsn-ku-bi-hinceta-kobany-hatin-rastkirin-latin-alfabe.aspx.

95) „Cizre’de PKK-Hüda Par Çatışması,“ [Kämpfe zwischen PKK und Hüda Par in Cizre] Milliyet, 27.12.2014.

96) „Cizre’de Neler Oldu; PKK Bu Güce Nasıl Erişti?“ [Was geschah in Cizre, wie konnte die PKK so stark werden?] Aktif Haber, 31.12.2014.

97) „300 kiralık terörist öldürüldü,“ [300 Terrorsöldner wurden getötet] Yeni Akit, 24.1.2016.

98) „Şeyh Said Serriyeleri Cizre’de katliami önledi,“ [Die Sturmscharen des Şeyh Said haben in Cizre ein Massaker verhindert,] Yüksekova Ajans, 27.12.2014.

99) „HDP ve CHP: Esedullah Tim kimler tarafından kuruldu?“ [Wer gründete die Esedullah Teams] Imctv.com 19.11.2015.

100) „Dersim’deki PKK şehitliği bombalandı,“ [Der Heldenfriedhof der PKK im Dersim wurde bombardiert,] Dersimnews.com, 15.10.2016.

101) Der HDP-Abgeordnete von Urfa und ehemalige Bürgermeister von Diyarbakır, Osman Baydemir, begann im Jänner 2016 einen Hungerstreik, um auf die dramatische Lage einer Gruppe von verletzten Bürgern hinzuweisen, die wochenlang in einem Keller ausharren. „Osman Baydemir: Yaralılar hastaneye taşınana kadar açlık grevimiz devam edecek“ [Wir bleiben so lange im Hungerstreik, bis die Verletzten ins Spital gebracht werden], Radikal, 28.1.2016.

102) „DTK’dan Öz-yönetim deklarasyonu“ [Die Deklaration der Selbstverwaltung des DTK], Milliyet, 27.12.2015.

103) Tolga Şardan: „PKK’dan yeni oluşum: YPS,“ [YPS, das neue Element der PKK], Milliyet, 30.12.2015.

104) Metin Gürcan: „Turkey’s military mules take their marching orders serioiusly“, Al-Monitor, 27.1.2016.

105) Metin Gürcan: „Türkiye iç savaşın eşiğinde mi?“ [Steht die Türkei an der Schwelle zum Bürgerkrieg?], Al-Monitor, 14.12.2015.

106) Levent Gültekin: „Diyarbakır’da neler gördüm?“ [Was ich in Diyarbakir gesehen habe,] Diken, 23.11.2015; derselbe „Hendek taraftarlarına bir çift sözüm var“ [Den Befürwortern der Barrikaden habe ich ein paar Worte zu sagen], Diken, 2.12.205; Mahmut Bozarslan: „Hayaller Özyentim gerçekler iç göç“ [Träume von der Selbstverwaltung und die Wirklichkeit der Flucht], Al-Monitor, 14.12.2015.

107) Mehmet Tezkan: „Henüz Vakit Varken Daha“ [Solange noch Zeit ist], Milliyet, 27.12.2015.

108) „Abluka söylentisi yetti: İdil’de halk operasyon korkusuyla göç etmeye başladı“ [Das Wort ‚Blockade‘ hatte gereicht: In İdil begann die Bevölkerung aus Furcht vor einer Operation zu fliehen], Diken, 21.1.2016.

109) „Sur’dan Göç eden halkın dramı“ [Das Drama der Menschen, die Sur verlassen], Doğru Haber, 28.1.2016.

110) „120 bin nüfuslu Cizre’de 20 bin kişi kalmış“ [In der 120.000 Einwohnerstadt Cizre leben nur mehr 20.000], Radikal, 25.1.2016.

111) M. Delila: „Kürt Halkı hiçbir yerde mahallesini ve evini terk etmemelidir“ [Das kurdische Volk darf nirgendwo seinen Wohnort oder sein Heim verlassen], Yeni Özgür Politika, 5.1.2016.