Gast-Vortrag von Joseph Nye: Amerikanische Geopolitik im 21. Jahrhundert

Am 13. Juni 2017 hat mit Professor Joseph S. Nye Jr. einer der weltweit bedeutendsten Gelehrten auf dem Feld der internationalen Beziehungen erstmals Wien einen Besuch abgestattet und an der Landesverteidigungsakademie einen Vortrag zum Thema " Amerikanische Geopolitik im 21. Jahrhundert" gehalten.

Auf Einladung der Forschungsgruppe Polemologie & Rechtsethik von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, in Kooperation mit der Direktion für Sicherheitspolitik des Verteidigungsministeriums, hat Nye über gegenwärtige geopolitische Konstellationen reflektiert und seine Einschätzung zu einer sich weiterhin vertiefenden, konfrontativen Multipolarität mit den Zuhörern geteilt.

Joseph Nye bei seinem Vortrag.

Das Ende der alten Ordnung

Angesichts vielfältiger sicherheitspolitischer Krisen und wachsender Machtkonkurrenz definieren die USA ihre Rolle als globaler Ordnungsgarant neu. "Die alte Ordnung endet mit dem 21. Jahrhundert", so Nye. Mit der Trump-Regierung habe im Sinne einer pragmatischen "America first"-Ausrichtung eine Abkehr von traditionellen Linien der US-Außenpolitik Einzug gehalten. Eine Rückkehr zur militärischen Hard-Power erkennt Nye nur bedingt. Ansätze lassen sich anhand eines gestiegenen Verteidigungsetats nachvollziehen, die USA würden sich bei militärischen Interventionen vermehrt zurückhalten.

Sicherheitsvakuum

Das Sicherheitsvakuum (die USA wollen nicht mehr Ordnungsgarant sein, die anderen aufstrebenden globalen Machtakteure entbehren der Intentionalität beziehungsweise des Potentials), das hierbei sukzessive entsteht, eröffnet Raum für einen Kampf um geopolitische Deutungshoheit. China, so Nye, werde dieses Vakuum nicht ausfüllen und die USA als "globalen Hegemon" ablösen können. Russland sieht er vordergründig als regionalen Akteur, Indien werde zwar wachsen, aber keine sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen können und Europa kranke an der fehlenden Einheit und dem Willen, eine gemeinsame Außenpolitik mit globaler Machtprojektion zu kultivieren. Also werde es letztendlich doch noch den USA obliegen, weiterhin geopolitische Macht zu entfalten.

Volatilität, Fragilität und Komplexität

Sicherheitspolitik ist aufgrund neuer geostrategischer Konstellationen unberechenbarer geworden und von einer strukturellen Fragilität und Komplexität gekennzeichnet. Der volatile amerikanische Außenpolitik-Kurs, den Nye für riskant hält, trage zur instabilen geopolitischen Lage bei.

 

Das Publikum folgte gespannt den Ausführungen.

Professor Nye ist "Distinguished Service Professor" der Harvard University und ehemaliger Dekan der renommierten Kennedy School of Government. Neben seiner akademischen Karriere blickt er auf zahlreiche hochrangige Funktionen in der US-Politik zurück, unter anderem als stellvertretender Verteidigungsminister.