Geostrategie und Kartenwissenschaft

Robert Ditz/Mirjanka Lechthaler/Reinhard Mang

 

Rationale Entscheidungsverfahren beruhen immer auf entscheidungsorientierten, vereinfachenden Modellen einer komplexen Realität. Solche Modelle bestehen aus Objekten dieser Realität und den zwischen diesen Objekten bestehenden kausalen Beziehungen. Objekte und Beziehungen werden dabei derart ausgewählt, dass damit die Realität zu einem festgelegten Grad abgebildet, erklärt und prognostiziert werden kann.

Entscheidungsverfahren sind immer dann georaumorientiert, wenn sie auf Modellen beruhen, deren Objekte neben anderen Attributen zwingend auch über Attribute der georäumlichen Verortung (z.B. Koordinaten) verfügen müssen, damit eine Entscheidung getroffen werden kann. Solche Modelle sind Geomodelle.

Enthalten diese Geomodelle einen bedeutenden Anteil an Objekten, die dem Militärwesen zugeordnet sind, so werden sie zu Milgeomodellen. Man unterscheidet deskriptive und explikative Milgeomodelle.

Deskriptive Milgeomodelle sind z.B. topographische und thematische Landkarten. Sie enthalten lediglich Objekte.

Explikative Milgeomodelle sind z.B. Geoexpertensysteme. Sie enthalten nicht nur Objekte, sondern zusätzlich eine Wissensbasis, mit der die zwischen den Objekten wirksamen kausalen Beziehungen (Funktionen) dargestellt werden können.

Entwicklung und Operationalisierung von Milgeomodellen ist erste Aufgabe der Militärgeographie. Dies erfordert - wenn die Ergebnisse nachvollziehbar, lehr- und lernbar sein sollen - den synchronen und synergetischen Einsatz militärwissenschaftlicher und zugleich geowissenschaftlicher personeller Ressourcen, organisatorischer Strukturen, Methoden und Verfahren, die allesamt a priori weder im zivilen noch im militärischen Bereich alleine verfügbar sind. Es bedarf mithin für Forschung und Lehre einer institutionalisierten Brückenfunktion zwischen den beiden sachlogisch kohärenten Teilwissenschaften Militärwissenschaft und Geographie.

Geomodelle sind nicht nur auf allen Ebenen militärischer Entscheidungsfindung (Milgeomodelle), sondern - in Anbetracht zunehmender allgemeiner Globalisierung - auch auf politisch-strategischer Ebene unverzichtbar (Stratgeomodelle). Hier muss etwa das globale Geomodell Planet Erde und das individuelle Wirtschaftsinteressenmodell eines Staates durch einen Geostrategen zu einem wissenschaftlich begründeten Entscheidungsmodell integriert werden.

Allen diesen letztlich immer entscheidungsorientierten Geomodellen ist eines gemein: das adäquate inhaltliche Visualisierungsmittel Karte, deren wissenschaftlich begründete Entwicklung, Formalisierung und Realisierung Gegenstand der folgenden Abhandlung ist.

 

Definitionen, Positionen, Ambitionen

Der Term „Geostrategie“ besteht ganz offenbar aus zwei Wortbestandteilen: dem Bestandteil „Geo“ und dem Bestandteil „Strategie“. „Geo“ ist selbst wiederum Bestandteil eines zunächst nicht näher definierten Vollwortes. Man wird aber nicht fehl gehen, „Geo“ als Platzhalter für die Terme Geographischer Raum - kurz Georaum - oder für die Worte „georäumlich orientiert“ oder „geowissenschaftlich fundiert“ zu interpretieren.

Zum zweiten Wortteil - Strategie - gibt es unzählige Definitionen. Der österreichische Landesverteidigungsplan 1985 definiert Strategie als die planmäßige Vorbereitung und koordinierte Anwendung aller Mittel durch die Staatsführung und Ausnützung aller ihrer Möglichkeiten zur Wahrung der sicherheitspolitischen Ziele gegenüber allen Bedrohungen.1) Die immer auch zeitgebundene Sprache unseres Alltags zeigt nun Tendenzen, diesen umfassenden, sicherheitspolitisch orientierten und in Mode gekommenen Strategiebegriff durch Voransetzen entsprechender Wortteile noch weiter zu spezifizieren. Wir kennen eine Militärstrategie, aber auch eine Verkehrsstrategie, eine Wirtschaftsstrategie oder eine Klimastrategie. Auf politischer Ebene mutieren diese Terme dann zu den medial noch häufiger verwendeten und bekannteren Termen wie Militärpolitik, Verkehrspolitik, Wirtschaftspolitik oder Klimapolitik - in Summe also verschiedenen, durch den jeweils ersten Wortbestandteil näher spezifizierten Politikbereichen.

Alle damit angesprochenen Strategie- oder Politikbereiche zielen offenbar auf die sektorale Optimierung eines Gemeinwesens - in der Regel eines Staates - ab. Folglich muss „Geostrategie“ und damit (eine Ebene darunter) „Geopolitik“ in der Bedeutung von „Georaumstrategie“ („Georaumpolitik“) auf die Optimierung des „Georaumes“ (zur Wahrung der sicherheitspolitischen Ziele gegenüber allen Bedrohungen) abzielen. Was aber ist nun der Georaum?

Unter „Georaum“ soll im Rahmen dieses Beitrages der dreidimensionale, anschauliche, physikalische Materie enthaltende Raum verstanden werden. Damit wird dieser Raum eindeutig etwa gegenüber allen Arten mathematisch-statistischer Räume, aber auch gegenüber dem „Cyberraum“ abgegrenzt. Es ist der Raum, in dem wir alle leben, den wir unmittelbar erleben, dessen Präsenz evident ist.

Die o.a. Optimierung dieses Georaumes durch geostrategische oder geopolitische Maßnahmen erfolgt nun - vereinfacht gesagt -

- im Inneren eines Staates durch Maßnahmen der örtlichen und überörtlichen Raumplanung und Raumordnung,

- im Äußeren eines Staates durch Maßnahmen der Außenpolitik.

In beiden Fällen werden die angestrebten Optimierungsziele im Wege konsensualer innen- bzw. außenpolitischer Interessenausgleiche erreicht. Dies war nicht immer so, ist nicht überall so, und niemand weiß, ob dies immer so sein wird. Darin begründet sich wohl auch die historisch noch immer verspürbare Belastung dieser Terme.

Liegt das geostrategische oder geopolitische Ziel eines Systems nun in der Wahrung bestehender Verhältnisse, handelt es sich also um wesensgemäß defensive Maßnahmen, so entsteht Veränderungsdruck in der Regel von außerhalb des Systems.

Liegt das geostrategische oder geopolitische Ziel eines Systems hingegen in der Veränderung bestehender Verhältnisse, handelt es sich also um wesensgemäß offensive Maßnahmen, so entsteht Veränderungsdruck in der Regel von innerhalb des Systems.

Der zweite Term im Titel dieses Beitrages ist die „Kartenwissenschaft“. Ihr - und im Besonderen ihrer Definition und Struktur - ist im Weiteren das Schwergewicht gewidmet. Dies deshalb, weil nur mit solider Kenntnis der Mittel, Verfahren und Produkte der Kartenwissenschaft georäumlich orientierte Entscheidungen - eben und gerade auch auf höchster Ebene - getroffen und abgesichert werden können. Denn woher bezieht ein Entscheidungsträger sein Wissen über den Georaum in globaler, kontinentaler, nationaler oder regionaler Dimension, wenn nicht aus geeigneten, für ihn nachvollziehbaren, einsichtigen Abbildungen dieses Raumes? Und diese Abbildungen sind eben bei Weitem nicht nur etwa rohe oder aufbereitete Fernerkundungsdaten - es ist die Vielfalt kartenwissenschaftlicher Produkte unterschiedlicher Thematik und unterschiedlicher Datenaufbereitung. Es sind darüber hinaus immer die Ergebnisse kartenwissenschaftlicher Grundlagenforschung, Regelentwicklung und deren praktischer, maßstabsadäquater (karto-)graphischer Umsetzung.

Man mag nun einwenden, dass ja zusätzlich immer auch persönliche Kenntnisse des betreffenden Raumes in die Entscheidungsfindung einfließen. Dabei ist aber zu bedenken, dass jede persönliche Kenntnis eines bestimmten Georaumausschnittes zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung zumeist punktuell, selten aber linear, areal, synthetisch oder multithematisch ist. Solche komplexeren, zeit- und flächensynchronen Kenntnisse vermitteln lediglich kartenwissenschaftliche Produkte, denen damit ganz offenkundig außerordentliche Verantwortung aufgebürdet wird. Inadäquate Karten = falsche Entscheidungen ist eine zulässige Kurzformel hierfür.

Gemäß der Vorschrift „Führungssystem des ÖBH“, Stand 1. Mai 2000, S.89 ist „die Lagekarte die wichtigste Führungsunterlage des Kommandanten. Abstrahiert man diese Aussage geringfügig von ihrem militärisch orientierten Inhalt, so wird die Karte generell zur wichtigsten Entscheidungsgrundlage für alle georäumlich orientierten Entscheidungsverfahren. Dies trifft für alle sachlichen Sparten, aber auch für alle hierarchischen Entscheidungsebenen gleichermaßen zu - also auch für höchste militärische und politische Ebenen.

Der deutsche Historiker, Philosoph und Soziologe Karl Schlögel hat in seinem Werk „Im Raume lesen wir die Zeit“ quasi als „außenstehender“ Beobachter die Karte und ihre (machtpolitische) Bedeutung unter verschiedenen Aspekten bewertet. Er bestätigt die o.a. Bewertung kartographischer Produkte, indem er u.a. feststellt: „Kein Krieg beginnt ohne Karten und kein Krieg geht zu Ende ohne Karten.“ 2) oder „Karten bilden Macht ab und sind Machtinstrumente.“ 3)

Es erstaunt auch wenig, wenn er zur Erkenntnis gelangt: „Macht findet im Raum statt. Karten bilden Macht ab. Kartenwissen ist sogar selbst Macht. Wer Karten hat, weiß mehr über die Organisation eines Raumes.“ 4)

Und weiter stellt er fest: vermutlich nie zuvor in der Geschichte hatte es einen so großen Bedarf an mastering space, Raumüberwindung, Raumbeherrschung, Raumaufklärung und Raumerforschung gegeben, und zwar weltweit.“ 5)

Nun mag man einwenden, dass in Zeiten fortschreitender Virtualisierung von Konflikten, also zunehmender Verlagerung von Auseinandersetzungen in den Cyberspace, Bedeutung und Darstellung des klassischen geographischen Raumes an Bedeutung verlieren. Doch auch hierzu äußert sich Schlögel: „Es zeigt sich, dass auch in Zeiten von Cyberspace Ortskenntnis und Terrainerkundung nicht überflüssig geworden sind.“ 6) Dies ist durchaus nachvollziehbar, denn auch genuine Elemente des Cyberspace sind letztlich materielle Objekte - wie Rechner, Server, Datenleitungen, Datenendgeräte usw., die ihrerseits wieder alle im geographischen Raum verortet sind. Ihre Positionen in diesem Raum müssen daher fundamentale Elemente jeglicher (sicherheitsorientierten) Lagebeurteilung sein.

Die klassische Karte ist das zentrale, das beste und zugleich bewährteste Mittel für die Kommunikation georäumlicher Strukturen. Dies gilt gleichermaßen für alle Arten analoger und digitaler kartographischer Produkte, seien es inhaltliche (z.B. topographische oder thematische Karten), seien es maßstäbliche Aspekte (z.B. Detailkarten oder Übersichtskarten).

Doch vor der Bereitstellung kartographischer Endprodukte, vor der Abbildung des geographischen Raumes steht seine zweckorientierte Analyse, steht die Auswahl entscheidungsrelevanter Objekte und Sachverhalte sowie die Untersuchung der zwischen diesen wirksamen kausal-funktionalen Beziehungen. Und diese Analyse war und ist immer die vornehmste Aufgabe der in ihrem Selbstverständnis stets integrativ-orientierten Wissenschaft „Geographie“. In historischer Sichtweise sind diese beiden Wissenschaften - Geographie und Kartenwissenschaft - aber nicht von außen in georaumorientierte, strategische, politische oder militärische Entscheidungsverfahren eingeflossen, sie wurden vielmehr innerhalb dieser Bereiche (v.a. im Rahmen militärischer Organisationen) selbst entwickelt und dort auch zu einer hohen Vollkommenheit geführt. Erst viel später entstanden daraus die zivilen Zweige dieser Wissenschaften. So stellt auch Schlögel fest: „Fast überall ist die Zivilgeographie aus der Militärgeographie, die Zivilkartographie aus der Militärkartographie hervorgegangen oder sind die Verbindungen überaus wichtig und offensichtlich.“ 7)

Georäumlich orientierte Entscheidungsverfahren bedürfen also immer zwangsläufig geeigneter Abbildungen des geographischen Raumes. Denn textliche Darstellungen vermögen immer nur ein „Nacheinander“ zu vermitteln, das Bild hingegen - und auch die Karte ist ein Bild - das „Nebeneinander“. Aus dieser Sicht ist der bekannte Satz „Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte“ einsichtig. Man versuche doch etwa, eine ganz einfache militärische Lageskizze präzise nur mit Worten zu beschreiben - ein zeitaufwändiges und zudem ineffizientes Unterfangen!

Nach alldem ist einsichtig, dass wohl jeder Träger georäumlicher Entscheidungen über ein Grundwissen verfügen sollte, wie denn nun diese „wichtigste Führungsunterlage des Kommandanten“ entsteht, welche Prozesse hierfür erforderlich sind, welches Systemwissen (im Sinne einer Quellenkritik) auf Seiten des Entscheidungsträgers zweckmäßig ist, um die Kommunikationskette vom Georaum zum entscheidungsorientierten Georaummodell jederzeit transparent zu halten. Es kommt darauf an, die existenziellen Rahmenbedingungen der Kartenwissenschaft im Reigen der Nachbarwissenschaften zu beleuchten und ihre fachwissenschaftlichen Ambitionen darzulegen.

Globalisierung und Vernetzung, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität führen vielfach zur Auflösung klassischer Kernkompetenzen und Grenzen von Wissenschaften. Die Grundsatzfrage lautet daher zunächst: Sind klassische, scharfe Definitionen der Kompetenz- und Aufgabenbereiche von Wissenschaften in Zeiten der Vernetzung, der Synergie, der Integration usw. noch zeitgemäß oder bereits kontraproduktiv? Abbildung 1 zeigt am Beispiel kartenwissenschaftlich relevanter Nachbarwissenschaften deren gegenseitige inhaltliche und methodisch notwendige Durchdringungen und Verflechtungen.

Trotz all dieser Interdependenzen gibt es aber noch immer Kernkompetenzen und diesbezüglich auch Grenzen der Wissenschaften zueinander. Diese Grenzen muss es auf absehbare Zeit auch weiterhin - insbesondere aus praktischen Erwägungen - geben. Man kann und muss diese Grenzen daher auch definieren. Dieser Imperativ hat neben der theoretischen auch eine sehr vitale praktische Bedeutung. Es handelt sich nämlich darum, wie man der im Zuge struktureller Reorganisationen von Dienststellen und deren Aufgabenbereichen entstehenden Gefahr einer aufgabenseitigen und damit auch organisatorischen Filetierung der Kartenwissenschaft - einer aufsplitternden Zuordnung von Teilen ihrer Aktivitäten zur Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), zur Geoinformatik, zur Computergraphik und zu anderen Nachbarbereichen, begegnet.

Einer derartigen „Atomisierungs“-Gefahr unterliegt nun nicht nur die Kartenwissenschaft, sondern jede Wissenschaft, die sich ihr (Basis-)Wissen aus „Nachbarwissenschaften“ entlehnt, um dieses für ihre eigenen Fragestellungen integrierend in Wert zu setzen. Daraus entsteht seitens der „Geberwissenschaften“ oftmals der Eindruck, dass es sich bei den „Nehmerwissenschaften“ doch lediglich um partielle Auslagerungen eigener Kompetenzen handelt und dass diese Kompetenzen möglichst umgehend wiederum - womöglich erweitert - re-importiert werden sollten. Dies gilt daher übrigens - ceteris paribus - auch für die sich maßgeblich auf die Produkte der Kartenwissenschaft abstützenden Aufgabenbereiche Geostrategie und Geopolitik.

Und auch hier ist wieder eine Dualität zu erkennen: Denn was für die integrierende Kartenwissenschaft gilt, muss auch für andere Wissenschaften gelten: Aufgabenseitige Erweiterungen von Nachbarwissenschaften führen dort zu teilweiser Arrogierung kartenwissenschaftlicher Aufgaben- und Aktivitätsbereiche, oftmals durch fachfremde Akteure in artverwandten Berufen - wie etwa dem Gebrauchsgraphiker, dem Navigationssystemdesigner, dem Geoinformatiker, dem Mediendesigner usw. Diese Berufe - ihre Aufgaben und ihre Aktivitäten - dringen also von außen in die kartenwissenschaftliche Kerndomäne ein, ohne dass hierfür aber die erforderlichen ausbildungsseitigen Voraussetzungen gegeben wären.

Schlussendlich sind aktuelle und mittelfristig zukünftige Position und Ambition der Kartenwissenschaft noch durch ein anderes, ebenfalls generelles Phänomen gefährdet. Je höher nämlich der Grad der Formalisierung, der Regelbasierung der Kartenwissenschaft ist, umso eher können auch Nichtfachleute deren Ergebnisse nutzen. Diesen Nichtfachleuten stehen schlussendlich zahlreiche kartenwissenschaftlich begründete black boxes zur Verfügung, in die lediglich irgendwelche Ausgangsdaten einfließen, die dann - zunehmend computergestützt - fachwissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse und Ergebnisse, eventuell sogar bereits in kommerziell verwertbarer Form, liefern.

Die langfristige und zugleich zwangsläufige Konsequenz aus dieser Entwicklung liegt darin, dass sich die Kartenwissenschaft tendenziell im Verlauf der Zeit selbst wegrationalisiert! Denn wenn alle durch sie entwickelten Methoden und Verfahren einwandfrei formalisiert, algorithmisiert und programmiert sind, kann sich jedermann dieser black boxes bedienen. Damit wäre dann das Ende der Kartenwissenschaft erreicht. Zweifellos hat hierzu die omnipräsente Diffusion der Daten- und Informationsverarbeitung nachhaltig beigetragen. Denn erst die Formalisierung von Prozessen schafft die Voraussetzung für deren Algorithmisierung, deren maschinenadäquate Programmierung und Automatisierung. Somit gilt nun etwa bald jeder, der ein ausgereiftes kartographisches Softwarepaket auch nur halbwegs hinreichend beherrscht, als Kartograph! Als schwacher Trost kann gelten, dass dieses Phänomen eben nahezu alle jene Wissenschaften betrifft, die formalisierte Verfahren zur Bereitstellung irgendeines Produktes entwickeln.

Schon lange vor dem „EDV-Zeitalter“ gab es „Strategiespiele“, deren Vielseitigkeit durch den Übergang in das digitale Zeitalter Legion geworden ist. Doch formale Regeln mit absoluter Erfolgsgarantie gibt es bis jetzt weder in der Geostrategie/Geopolitik noch in der Kartenwissenschaft.

 

Basis der Kartenwissenschaft

Zur terminologischen Lösung der gegenseitigen Abgrenzung von Wissenschaften gibt es grundsätzlich eine passive und eine aktive Ausgangsposition. Bei passiver Ausgangsposition werden durch die Summe der Definitionen von Nachbarwissenschaften jene Restbereiche ermittelt, die mit diesen Definitionen nicht abgedeckt werden. Sie beschreiben dann das Aktivitätsfeld der eigenen Wissenschaft. Bei aktiver Ausgangsposition hingegen wird eine terminologische Abgrenzung aus dem eigenen Aktivitätsbereich ohne Rücksicht auf Überschneidungen mit anderen Bereichen vorgenommen. Analog zu dem bekannten Statement „Geography is what geographers do“ ist dann eben „Geostrategie/Geopolitik das, was Geostrategen tun“ und „Kartenwissenschaft das, was Kartenwissenschaftler tun“. Diese Variante erscheint insbesondere bei Integrativwissenschaften nicht nur erlaubt, sondern durch den adjektivischen Wortteil integrativ sogar zwingend erforderlich. Denn eine Integrativwissenschaft ist eine Wissenschaft, die in Forschung und Lehre einen grundsätzlich interdisziplinären Ansatz zur expliziten Nutzung und Inwertsetzung von Wissensinhalten anderer Wissenschaften verfolgt, um solcherart neue, durch diese allein nicht erbringbare Wissensinhalte zu schaffen.

Die o.a. aktive Position ist der Weg, das Gesetz des Handelns wieder an sich zu ziehen und nicht zu warten, bis man durch andere, fachfremde Akteure endgültig in den defensiven Zwang permanenter Existenzrechtfertigung gedrängt wird. Die Kartenwissenschaft festigt sich also nicht nur im Wege einer defensiven, sondern durchaus auch im Wege einer offensiven Haltung gegenüber den terminologischen Grenzen zu benachbarten oder ähnlich strukturierten (Integrativ-)Wissenschaften. Überschneidungen sind dabei kein Casus Belli, sondern im Gegenteil ein Zeichen fruchtbarer Vernetzung und gegenseitiger Durchdringung. Abbildung 2 zeigt hierzu schematisierend die Struktur der Kartenwissenschaft als synergetisch zweckmäßige Integration relevanter Nachbar- oder Basiswissenschaften.

Die Integration mit Bedarfsträgerwissenschaften oder -bereichen wie etwa der Geostrategie ist hier bewusst noch nicht berücksichtigt, weil diese Vernetzung erst in einer höheren Integrationsstufe auftritt.

Weder in der Kartenwissenschaft noch in der Geostrategie/Geopolitik gibt es Kernkompetenzen, die nicht in irgendeiner Art eine Kombinationen externer Wissenschaftsinhalte sind. Beide Bereiche sind mithin klassische Integrativwissenschaften, die ihre Erkenntnisse und Fortschritte mit Masse aus der geeigneten Kombination bereits vorhandenen Wissens aus anderen Wissenschaften gewinnen. Sie stehen damit nicht allein, denn es gibt streng genommen wohl nur sehr wenige nicht-integrative Wissenschaften wie z.B. die Mathematik oder die Logik. Die Qualifikation Integrativwissenschaft gilt so gesehen also ganz sicher für wesentlich mehr Wissenschaften, als man dies auf den ersten Blick vermuten würde.

Wissenschaft und Technik bringen permanent neue Produkte auf den Markt. Oftmals setzen sich dabei aber aus ökonomischen Gründen gerade qualitativ minderwertigere Produkte durch. Da es außerhalb der Kartenwissenschaft aber kein ausreichendes, ausbildungsseitig erworbenes Qualitätsbewusstsein geben kann („kartographisches Analphabetentum“ nach E. Arnberger, schon 1966!8)), das die Konsumenten zur gezielten Wahl hochwertiger Produkte anleiten könnte, ist alleine schon marktbedingt langfristig mit einem umfassenden Qualitätsrückgang kartographischer Produkte zu rechnen. Da dieses mangelnde kartenwissenschaftliche Qualitätsbewusstsein aber nun auch bei vielen (re)organisationsbetreibenden Entscheidungsträgern gegeben ist, entsteht nahezu zwangsläufig ein doppeltes Anerkennungsdefizit und damit eine akute Existenzkrise der Kartenwissenschaft: Denn wenn einerseits nicht bekannt ist, was die Kartenwissenschaft eigentlich leisten kann, wird sehr bald ihre Existenzberechtigung infrage gestellt. Wenn andererseits aber noch mangelhafte kartographische Produkte auf dem Markt als Beweis für die Ineffizienz der Kartenwissenschaft herangezogen werden, wird verständlich, dass ihr institutioneller Fortbestand gefährdet ist. Und spätestens an dieser Stelle werden wieder Analogien sichtbar: Bestehen adäquate Tendenzen nicht auch im geostrategisch/geopolitischen Bereich? Führen mangelnde geographische Basiskenntnisse seitens der Konsumenten und die Überschwemmung des Marktes mit minderqualitativen Georaumanalysen nicht auch zur Infragestellung geostrategisch/geopolitischer Forschung und Entwicklung?

Um also solchen Entwicklungen wirksam zu begegnen, kommt es für die Kartenwissenschaft darauf an,

- ihre Kernkompetenzen darzustellen,

- ihre Vernetzung mit Nachbarwissenschaften als Teil ihres Selbstverständnisses (als Integrativwissenschaft) festzuschreiben und, aufbauend darauf schließlich,

- eine zeitgemäße, zweckorientierte, konsensuale, transportable und kommunizierbare Terminologie der Kartenwissenschaft und gegebenenfalls ihrer Teilbereiche zu entwickeln.

Historisch gesehen ist die Kartographie der älteste, methodisch am weitesten entwickelte Teil der Kommunikations-/Informationsgraphik. So sind etwa paläolithische Höhlenmalereien oder Tontafeln mit Ortsbezeichnungen bereits in Mesopotamien um 2.300 v. Chr. bekannt.9) Diese Kartographie hat ihre über Jahrhunderte, wenn nicht über Jahrtausende entwickelten Methoden und Verfahren praktisch ausschließlich auf den Gesetzmäßigkeiten des geographischen Raumes, des Georaumes, aufgebaut.

Dieser Georaum ist aber definitiv noch nicht unmittelbarer Gegenstand der Kartenwissenschaft. Vielmehr wird dieser reale, hochkomplexe Raum zunächst durch verschiedene Fachwissenschaften auf vereinfachende, operationalisierte Erklärungen und Prognosen ermöglichende Modelle - so genannte Georaummodelle oder einfach Geomodelle - abgebildet.

Ein Modell ist hier eine sachwissenschaftlich definierte intelligible Teilmenge von Objekten und Relationen einer transintelligiblen Realität, die diese in Form von Faktoren und Funktionen derart erfasst und abbildet, dass damit Erklärungen und Prognosen in einer festgelegten Qualität möglich sind.

Ein Geomodell ist hier analog eine geowissenschaftlich definierte, intelligible Teilmenge von Objekten und Relationen des transintelligiblen Georaumes, die diesen in Form von Geofaktoren und Geofunktionen derart erfasst und abbildet, dass damit georäumlich orientierte Erklärungen und Prognosen in einer festgelegten Qualität möglich sind.

So erfolgt etwa als Vorstufe zur Erstellung einer geologischen Karte eine die Realität unterschiedlich stark vereinfachende geologische Modellbildung aus den realen, komplizierten geologischen, tektonischen oder lithologischen Lagerungsverhältnissen. Erst dadurch wird eine kartenwissenschaftlich zulässige kartographische Umsetzung ermöglicht.

Analoges gilt für Geomodelle zum Zwecke geostrategischer/geopolitischer Entscheidungsverfahren. Hier kann weder der Entscheidungsträger selbst noch der Kartenwissenschaftler eine brauchbare Modellbildung vornehmen. Es bedarf eines „Geointerpretors“, etwa eines Politikgeographen, eines Militär- oder Wehrgeographen, um - analog zur Bildung eines Milgeomodells für militärische Zwecke - die Bildung eines „Stratgeomodells“ für strategische Zwecke vorzunehmen.

Geometrische Vereinfachungen, Betonungen, Eliminierungen, thematische Klassenbildungen usw. von Objekten und Sachverhalten des Georaumes sind also lediglich einzelwissenschaftliche Vorstufen für eine kartenwissenschaftlich begründete Umsetzung in eine (karto-)graphische Ausdrucksform. Die entstehenden Geomodelle mit all ihren sachwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten sind somit die Eingangsgrößen jeglicher kartenwissenschaftlicher und damit Kartographischer Aktivitäten. Diese Aktivitäten kulminieren immer in der Visualisierung der Geomodelle. Darunter versteht man den Prozess und zugleich das Produkt der auf einem Trägermaterial dauerhaft gespeicherten, reproduzierbaren graphischen Veranschaulichung von Objekten und Sachverhalten zur unmittelbaren Rezipierung durch den Gesichtssinn, zur optischen Wahrnehmung.

Unbeschadet dessen umfassen Visualisierungen immer auch dann „kartenverwandte Ausdrucksformen“ (Blockdiagramme, Globen, Karten für Sehbehinderte usw.), wenn diese eindeutig überwiegend zur Erfassung durch den Gesichtssinn und nicht durch andere Sinne (z.B. taktil, auditiv) konzipiert und ausgeführt sind. Ansonsten wären es nicht-kartographische Geomodelle.

Interessant erscheint die Frage nach der terminologischen Zuordnung offensichtlich sinnleerer Produkte wie etwa des für ganz andere Zwecke geschaffenen Globus von Österreich.10) In diesem konkreten Fall wurden Methoden und Verfahren der Kartenwissenschaft auf ein Produkt angewandt, für das es hinsichtlich seines Ortes und seiner planetarischen Dimensionen kein wie immer geartetes reales Urbild gibt und das deshalb auch nicht als wissenschaftlich begründetes, Kartographisch visualisiertes Geomodell bezeichnet werden kann (Abbildung 3).

Weshalb wird nun ein derartiges „sinnleeres“ Produkt überhaupt erwähnt? Weil es eine Unzahl an ähnlichen, realitätsverzerrenden Darstellungen der Erde gibt - und die meisten werden als solche gar nicht erkannt. Welche geostrategische Entscheidung etwa berücksichtigt die konkreten geometrischen Lagerelationen auf der realen Erdkugel? Ist in der Vorstellungswelt des Entscheidungsträgers nicht vielmehr eine Planisphäre (die zweidimensionale Darstellung der Erde) als ein Globus prägend und daher präsent? Wer kann schon die eigenartigen, sinusförmigen Bahnen erdumkreisender Satelliten auf Planisphären als geometrisch korrekte Abbildungen nahezu kreisförmiger Umlaufbahnen „erkennen“ und „sehen“? Und von diesen Bahnen ist es auch nur ein kurzer Verständnisweg hin zur Dislokation von Abschusszentren ballistischer Interkontinentalraketen und den davon ausgehenden ortsbegründeten Bedrohungen.

Abbildung 4 zeigt schematisch für einen sehr großmaßstäblichen Bereich den Weg vom realen, hochkomplexen Georaum über ein datenbasiertes Georaummodell zu einem datenbasierten, visualisierten Georaummodell - der kartographischen Visualisierung. Diese Visualisierung wird für den Kartennutzer zur Basis seines eigenen, internen kognitiven Georaummodells - jener Vorstellung des realen Georaumes also, die der Kartennutzer auf Basis der kartographischen Visualisierung in seiner Vorstellung, seiner Imagination, entwickelt.

 

Kartographen sind infolge ihrer kollateralen, curricular begründeten geographischen Ausbildung häufig in der Lage, zahlreiche dieser Geomodelle selbst zu entwickeln und zu visualisieren. Die Erfahrung lehrt, dass dies zweckmäßig ist, um derart eine möglichst verlustfreie Kommunikation zwischen Geomodellbedarfsträger, Geomodellentwickler und Geomodellvisualisierer sicherzustellen. Denn nur wenn der Geomodellvisualisierer (der Kartograph) über ein solides Basiswissen der Gesetzmäßigkeiten des Georaumes (der „Objektgesetzlichkeiten“ i.S. E. Arnbergers, 1967) verfügt, können logische Fehler beim Visualisierungsprozess vermieden werden. Die Praxis gibt dieser Ansicht Recht, denn eine reine Lehre kartenwissenschaftlicher Methoden und Verfahren ohne jeglichen geowissenschaftlichen Hintergrund ist in akademischen Curricula bislang nirgendwo anzutreffen.

In diesem Zusammenhang erhebt sich allerdings die Frage, ob überhaupt irgendjemand den realen, hochkomplexen Georaum als Ganzes erfassen kann oder ob dieser nicht vielmehr selbst schon ein Modell eines in Wahrheit niemals erfassbaren - weil unendlich komplexen - Georaumes ist. Darin liegt wohl die Ursache mannigfaltiger Fehlentscheidungen in allen Ebenen und Sachgebieten. Denn da es schlichtweg unmöglich ist, die reale Vielfalt des Georaumes zu erfassen, degradiert der entscheidungsorientierte Selektionsprozess automatisch zu einer Sekundärselektion - der Selektion aus einer lediglich als vollständig angenommenen Grundgesamtheit an Objekten und Sachverhalten. Da bleibt Wesentliches oft unerkannt auf der Strecke …

Eine ganz bestimmte kartenwissenschaftliche Kernaktivität, die vielfach als die Kernkompetenz der Kartenwissenschaft bezeichnet wird, die kartographische Generalisierung, verliert unter den oben angeführten Aspekten allerdings jede Bedeutung. Denn inhaltliche Modifikationen eines gegebenen Geomodells können ausschließlich dem dieses Modell entwickelnden und bereitstellenden Fachwissenschaftler obliegen. Der Kartenwissenschafter hat die Aufgabe, die sachgerechte Visualisierung des ihm vorgegebenen Geomodells zu bewältigen und er ist nicht autorisiert, durch rein graphische Visualisierungsmaßnahmen in irgendeiner Weise den diesem Modell zugrunde liegenden Georaum quasi rekursiv selbsttätig zu modifizieren. Woher soll etwa ein Kartenwissenschaftler wissen, welche Bodenschätze für einen Entscheidungsträger von „geostrategischer“ Bedeutung sind und welche daher - auch bei ganz geringer Förderung - noch in wesentlich kleineren Kartenmaßstäben (also bei großräumlicher Betrachtung) entscheidungsrelevant sind und daher in geeigneter Weise wiedergegeben werden müssen?

Abbildung 5 zeigt hierzu, dass es für jeden Zielmaßstab einer gesonderten fachwissenschaftlichen Geomodellbildung bedarf und der rein kartographische Generalisierungsbegriff somit in Wahrheit seiner eigentlichen Grundlage entbehrt.

In diesem Sinne ist auch zu fragen, ob es für ein und dieselbe kartographische Aufgabe nicht mehrere methodisch „richtige“ Lösungen gibt. Wäre dies der Fall, dann erhöbe sich nämlich die Frage nach der strengen Nachvollziehbarkeit und damit auch der Wissenschaftlichkeit kartenwissenschaftlicher Methodenlehre. In vielen Fällen sind kartographische Aufgabenlösungen, also die Geomodellvisualisierungen, durch unterschiedliche Zwecke, denen das Endprodukt dienen soll, gesteuert, woraus sich nun logischerweise auch unterschiedliche Lösungen ergeben können. Ist der Zweck jedoch hinreichend scharf definiert, so wird damit auch der Lösungsspielraum entsprechend eingeschränkt, und man nähert sich dann einer einzigen, einer strengen Lösung.

Aus solchen Erkenntnissen heraus resultieren Publikationen wie jene von Monmonier,11) deren große Verbreitung wenig geeignet ist, kartographischen Produkten die verdiente Wertschätzung entgegenzubringen.

 

Struktur der Kartenwissenschaft

Die Kartenwissenschaft besteht, wie viele andere vergleichbare Wissenschaften, aus den Bereichen Grundlagenforschung, Regelentwicklung und Anwendung. Es ergeben sich folgende Festlegungen:

Kartenwissenschaft ist die Integrativwissenschaft der Visualisierungen von Geomodellen.

Der Term Visualisierung in dieser Definition umfasst sowohl Prozesse (kartographische Visualisierung) als auch Produkte (kartographische Ausdrucksformen). Die Verwendung der Mehrzahlform Visualisierungen erscheint daher besonders geeignet, Prozesse (Methoden, Verfahren) und Produkte gleichermaßen anzusprechen.

Der Bereich kartenwissenschaftlicher Grundlagenforschung zur Schaffung eines formalorientierten Erkenntnissystems wird durch den Teilbereich Kartologie abgedeckt.

Der Bereich kartenwissenschaftlicher Anwendungsforschung zur Schaffung eines visualisierungsorientierten Regelsystems wird durch den Teilbereich Kartonomie abgedeckt.

Der Bereich kartenwissenschaftlicher Anwendung kartologischer und kartonomischer Erkenntnisse wird durch den Teilbereich Kartographie abgedeckt.

Die Kartographie i.e.S. umfasst also selbst keine wissenschaftlichen Vorgänge, erfolgt aber auf Basis kartologisch begründeter und kartonomisch operationalisierter Regeln. Sie liefert mit ihren Produkten im Sinne eines Rückkopplungsprozesses jedoch wesentliche Eingangsgrößen für die kartologische und kartonomische Forschung und ist solcherart und deshalb struktureller Bestandteil der Kartenwissenschaft.

Abbildung 5 veranschaulicht diesen Dreiklang, ergänzt durch exemplarische Aufgaben in den Teilbereichen.

In der Kartenwissenschaft, aber auch in anderen Wissenschaften sind diese drei Bereiche nicht immer scharf voneinander zu trennen, insbesondere deshalb, weil die darin agierenden Personen oft bereichsübergreifend wirken. Im Konkreten waren kartenwissenschaftliche Aktivitäten zumeist gerade dann besonders fruchtbar, wenn Grundlagen, Regeln und Anwendung in einer Hand lagen, was in der Praxis außerhalb der Forschungs- und Lehreinrichtungen allerdings eher die Ausnahme darstellt.

Die Analogien zu einer Wissenschaft der Geostrategie und Geopolitik sind evident: Zunächst muss Grundlagenforschung betrieben werden. Auf deren Ergebnissen können Regelsysteme (Handlungsanweisungen im Sinne „wenn - dann“) aufgebaut werden, die lehr- und v.a. lernbar sind. Und erst diese Regeln können in schlussendlich strategisch-politische Anwendungen - das Handeln - umgesetzt werden.

Vergleicht man diese Dreiergliederung mit den in der Fachliteratur veröffentlichten und im folgenden Abschnitt erörterten kartenwissenschaftlichen Terminologieansätzen, so erstaunt, dass einzelne Elemente zwar bereits zu sehr frühen Zeitpunkten erörtert wurden, eine Integration aus einer Art „Außensicht“ jedoch unterblieb. Dies behinderte offenbar den Weg zu einer Strukturierung, die derart allgemein formuliert ist, dass ihre Gültigkeit auch für andere Wissenschaftsbereiche nachgewiesen werden kann. Diese Allgemeingültigkeit, diese Loslösung von der konkreten, betroffenen Wissenschaft aber ermöglicht es erst, diese Struktur an anderen Wissenschaften, also quasi „extern“ zu testen. Nach Ansicht der Autoren steht es außer Zweifel, dass der Dreiklang aus Grundlagen („-logie“), Methoden („-nomie“) und Anwendung („-graphie“) innerhalb der allermeisten Wissenschaften zum Tragen kommt - weshalb also nicht auch in der Kartenwissenschaft?

 

Genese der Kartenwissenschaft

In diesem Abschnitt wird die Genese der wissenschaftstheoretischen Entwicklungen zur Kartenwissenschaft, nicht jedoch jene der Kartenwissenschaft selbst, anhand relevanter Literaturzitate skizziert. Damit soll gezeigt werden, wie langwierig der Weg zur Konsolidierung der Kartenwissenschaft als Wissenschaft war, wie früh aber schon fundierte Einzelerkenntnisse verfügbar waren.

In dem programmatischen Aufsatz von Karl Peucker12) mit dem Titel „Drei Thesen zum Ausbau der theoretischen Kartographie“ werden erstmals die Terme „Kartographie“, „Wissenschaft“ bzw. „Technik“ und „geographischer Raum“ miteinander verknüpft (die zentralen Terme wurden durch die Autoren hervorgehoben). Peucker stellt fest: „Erst dann, wenn einmal die theoretischen Grundlagen für die gesamte Praxis der kartographischen Darstellung auf einen einheitlichen Gesichtspunkt zurückgehen werden, wird die Kartographie den Anspruch erheben dürfen, als wissenschaftliche Technik und technische Wissenschaft Anerkennung und Würdigung zu finden. Als letztere aber lässt sich die theoretische Kartographie begrifflich umschreiben als die Lehre von der in geometrisch optischem Sinne naturtreuen Darstellung des geographischen Raumes und der Erscheinungen in ihm in objektiven, das ist (nach allen jeweils wesentlichen Merkmalen) eindeutig anschaulichen und messbaren Bildern.“ 13)

Peucker betont zu Recht, dass die Kartographie - wie andere Aktivitätsbereiche auch - erst nach Vorliegen umfassender theoretischer Grundlagen zur Wissenschaft wird. Obwohl er die theoretische Kartographie als technische Wissenschaft qualifiziert, wird in der entsprechenden Definition lediglich die „Lehre“ angesprochen. Als Besonderheit wird in dieser Definition aber auch bereits präzise der Gegenstand der Kartographie, nämlich der geographische Raum, genannt. Dieser wird zusätzlich noch um „die Erscheinungen in ihm“ erweitert, womit offenbar die „naturtreue Darstellung“ auf weitere, „nicht naturtreue“ (unmittelbar anschauliche) Kategorien ausgeweitet wird, was zweifellos richtig ist.

Der Doyen der Kartenwissenschaft, Max Eckert, spricht bereits mit dem Titel seines 1921 erschienenen Buches „Die Kartenwissenschaft“ deren wissenschaftlichen Anspruch an und begründet dies gleich zu Beginn: „Die Hauptaufgabe, durch die die Annahme einer besonderen Kartenwissenschaft gerechtfertigt wird, besteht darin, die Vorgänge zu beobachten und zu untersuchen, nach denen die Entstehung der Karte erfolgt, d.h. die Erfahrungsweisen, nach denen die Umstände, unter denen die Grenzen, innerhalb derer die in der Natur, im Raume gegebenen Gegenstände aufgenommen und zum Kartenbilde umgebildet werden, und endlich die einzelnen Schritte, wie wir, auf Naturerscheinungen und -beobachtungen gestützt, durch die kombinierende und abstrahierende Tätigkeit des Verstandes, also durch Messen, Zählen, Vergleichen, Unterscheiden, Auswählen, Verallgemeinern, Zusammenfassen usw. zu zweckbestimmten Karten gelangen.“ 14)

M. Koláčný15) beschreibt den Prozess der Kommunikation der kartographischen Information u.a. wie folgt: „Der Kartograph transformiert in seinem Gedächtnis das mehrdimensionale Gedankenmodell der Realität in ein zweidimensionales Gedankenmodell der Realität, d.h. in eine Gedankenform der kartographischen Information …. 16)

Hier stellt sich sogleich wieder die Frage, ob die Bildung dieses „mehrdimensionalen Gedankenmodells der Realität“ durch den Kartographen selbst, durch einen fachlich zuständigen Geowissenschaftler oder in der integrativen Phase durch einen Geographen erfolgt ist. Die Autoren vermuten, dass Koláčný diese Geomodellbildung eher dem Kartographen überantwortet, womit dieser aber - wie gezeigt wurde - oft sehr bald überfordert wird. Koláčný zeigt mit seiner Aussage jedenfalls klar auf, dass nicht die Realität, sondern nur deren Modell Ausgangspunkt kartographischer Aktivitäten ist.

Der Term „Kartologie“ findet sich erstmals in einer Arbeit von L. Ratajski:17) „Because of the need to distinguish between the two fields of scientific interest, theoretical and technological, the term ‚Cartology’ is suggested to cover the theoretical field only. Cartology is then considered as the essential science of cartography.“ 18)

Hierarchischer Überbegriff für „Cartology“ ist bei Ratajski jedoch nach wie vor die „Kartographie“. Im Weiteren führt er aus: „Cartology is a science that studies the expression and transformation of chorological information by means of a map.“ 19)

Diese Definition deckt sich weitgehend mit jener, die in diesem Beitrag gegeben wurde. Es geht um die grafische Umsetzung (transformation) chorologischer, also georaumorientierter Informationen durch die Karte.

A. A. Ljuty führt den Term „Kartonomie“ in seiner Arbeit „Kartensprache: Grundlagen, System, Funktionen“ ein: „Somit vereinigt die Kartonomie das Untersystem der Wissenschaften über die Sprache der Karte, der Gesetze ihres Aufbaus, der Funktion und Entwicklung ihrer Verbindungen mit der Realität, der Gesellschaft, dem Bewusstsein und dem Denken.“ 20)

Entscheidend sind in dieser Definition die Elemente „Sprache der Karte“, „Gesetze“ und „Funktion“ - sie alle stehen letztlich für die Summe der durch die Kartologie zugrunde gelegten und durch die Kartonomie formalisierten und festgeschriebenen Gesetze, Methoden und Regeln für die Erbringung Kartographischer Leistungen und Produkte.

Fasst man diese definitions- und terminologieorientierten Ansätze zusammen, so zeigt sich, dass die zentralen Terme der Kartenwissenschaft in der einschlägigen Literatur zwar bereits sämtlich vor geraumer Zeit eingeführt worden sind, doch geschah dies in zeitlich und sachlich weitgehend voneinander unabhängiger Form.

Die Dreigliederung der Kartenwissenschaft in Kartologie, Kartonomie und Kartographie wird jedoch durch Ulrich Freitag (1991) antizipiert, wenn er schreibt: „U. Freitag gliedert die allgemeine Kartographie in einen theoretischen, einen methodologischen und einen praktischen Bereich, .“ 21)

Freitags „Kartographie“ kann unschwer der Eckert’schen „Kartenwissenschaft“ gleichgehalten werden, und die adjektivisch eingeführte Bereiche Theorie, Methode und Praxis lassen sich widerspruchsfrei mit den Termen „Kartologie“, „Kartonomie“ und „Kartographie“ parallelisieren.

 

Zusammenfassung

Die Bedeutung der Kartenwissenschaft für alle Arten georäumlich orientierter Entscheidungsverfahren ist evident. Dies gilt auch für hohe und höchste hierarchische Ebenen, in denen Georaumkenntnisse, die auf Basis punktueller oder linearer persönlicher georäumlicher Präsenz von jenen Kenntnissen, die auf Basis zweckorientiert modellierter Georaummodelle gewonnen wurden, besonders weit divergieren. Zu diesen Ebenen zählen besonders die Geostrategie und die Geopolitik - Aktivitätsbereiche, die auf die Wahrung oder Veränderung bestehender georäumlicher Verhältnisse ausgerichtet sind.

Am Beginn steht immer die Frage nach dem Gegenstand einer Wissenschaft, hier der Kartenwissenschaft. Eine erste Annäherung kann durch die Frage nach dem, was Kartographen tun, gewonnen werden. Es zeigt sich, dass Kartographen im herkömmlichen Sinne Modelle des geographischen Raumes (Geomodelle) visualisieren - oftmals Modelle, an deren Entwicklung sie selbst beteiligt oder mit deren Entwicklung sie sogar ausschließlich befasst waren. Spätestens seit den Arbeiten von Chorley und Haggett 196722), aber auch schon von Bobek und Schmithüsen 1949 (Geographische Wirkungsgefüge23)) ist das Potenzial des Terms Modell auch im Bereich der Geographie und der herkömmlichen Kartographie bekannt. Der Metapher des Geomodells als eigentlicher Gegenstand nachfolgender Visualisierung hat sich als Instrument sehr gut bewährt, weil er letztlich eine konkrete Spielart jeder wissenschaftlichen Aktivität beschreibt - nämlich die der Vereinfachung einer transintelligiblen, nicht erfassbaren zu einer intelligiblen, erfassbaren Realität.

Die vorgestellten Definitionen zur Kartenwissenschaft und zu einigen ihrer Elemente sind naturgemäß puristisch. Sie können aber deshalb - mit minimalen adjektivischen Änderungen - auch auf andere (Integrativ-)Wissenschaften angewandt und somit auch evaluiert werden.

In Zeiten vielerorts sinkender Ausbildungsqualität und wachsender medialer Manipulationspotenziale erscheint es wichtig, auf dadurch bedingte grundlegende kommunikationstheoretische Probleme hinzuweisen. Die Kartenwissenschaft kann nur dann eine Wissenschaft sein, wenn sie selbst in allen Teilen wissenschaftlichen Kriterien verpflichtet ist. Eine Kartenwissenschaft im Sinne der angegebenen Definition kann deshalb dazu beitragen, künftig den Missbrauch georäumlich orientierter Visualisierungen aufzuzeigen, zu vermeiden und damit Entscheidungsqualitäten maßgeblich zu optimieren.

Die Autoren fühlen sich in diesen Schlussfolgerungen durch die in der Literatur belegten einschlägigen Forschungen und Ergebnisse auch der größten Vertreter der Kartenwissenschaft bestärkt.


ANMERKUNGEN:

1) A. W. Stupka: Strategie denken. Truppendienst Handbuch. Wien 2008, Arbeitsgemeinschaft Truppendienst.

2) K. Schlögel: Im Raum lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Frankfurt 2009, Fischer, S.84.

3) Ebenda, S.12.

4) Ebenda, S.249.

5) Ebenda, S.46.

6) Ebenda, S.30.

7) Ebenda. S.214.

8) E. Arnberger: Handbuch der thematischen Kartographie. Wien 1966, Franz Deuticke.

9) J. O. E. Clark & J. Black: Die faszinierende Welt der Kartographie. Wie die Karten die Welt verändert haben. Bath: Parragon Books Ltd, 2005.

10) R. Ditz: The globe of Austria - Cartographic design, production and some selected problems. In: Proceedings of the 24th International Cartographic Conference, Santiago de Chile 2009.

11) M. S. Monmonier: How to Lie with Maps. Chicago 1996, University of Chicago Press, (2. Auflage).

12) K. Peucker: Drei Thesen zum Ausbau der theoretischen Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 8, 1902, Heft 2, S.65-80; Heft 3, S.145-169; Heft 4, S.204-222.

13) Ebenda, S.65.

14) M. Eckert: Die Kartenwissenschaft. Forschungen und Grundlagen zu einer Kartographie als Wissenschaft. Band 1, Berlin und Leipzig 1921, De Gruyter, S.1.

15) M. Koláčný: Kartographische Informationen - ein Grundbegriff und Grundterminus der modernen Kartographie. In: Internationales Jahrbuch für Kartographie, Wien 1970, Freytag & Berndt und Artaria, S.186-191.

16) Ebenda, S.189.

17) L. Ratajski: The Research Structure of Theoretical Cartography. In: Internationales Jahrbuch der Kartographie, Wien 1973, Freytag-Berndt & Artaria, S.217-228.

18) Ebenda, S.218.

19) Ebenda, S.220.

20) A. A. Ljuty: Yazik Karty: Suschtschnost, Sistema, Funkcii. Moskau 1988, Institut Geografii AN SSSR, Übersetzung aus dem Russischen, S.275.

21) U. Freitag: Zur Theorie der Kartographie. Grundlagen und Tendenzen ihrer Entwicklung im deutschen Sprachraum in den letzten 40 Jahren. In: Kartographische Nachrichten 41, 1991, Heft 2, S.47, S.42-50.

22) R. Chorley & P. Haggett: Models in geography. London 1967, Methuen.

23) H. Bobek, & J. Schmithüsen: Die Landschaft im logischen System der Geographie. In: Erdkunde Bd. 3, Berlin 1949, S.112-120.