Ideologie und Strategie des Islamischen Staates

Matthias Wasinger

 

Auf der Suche nach einem neuen Konflikt-, Kriegs- beziehungsweise Bedrohungsbild sah sich die Staatengemeinschaft spätestens ab dem Jahr 2014 öffentlichkeitswirksam mit einer innovativen Herausforderung konfrontiert. Der Islamische Staat war im Nahen Osten entstanden. Inhaltlich stellte dieser ein neuartiges Phänomen dar. Während sich Al Qaida durch ihr Handeln über autonom agierende Zellen mit dem „Unternehmensgesicht“ Osama bin Laden in der Anwendung terroristischer Gewalt auszeichnete, machte der Islamische Staat den nächsten Schritt. Bereits die Benennung als Staat sollte ein Hinweis auf eine Abkehr vom Terror herkömmlicher Natur sein.

Einführung, Abgrenzung und Definitionen

Einführung und Abgrenzung

Inmitten der Nachwehen des letzten Irakkrieges und im Rahmen des syrischen Bürgerkrieges betrat ein bis zu diesem Zeitpunkt unbekannter Akteur die Weltbühne im Nahen Osten - der inzwischen so genannte Islamische Staat. Die nachstehende Abhandlung wird sich mit diesem in Hinsicht auf den Stellenwert seiner Ideologie und Strategie beschäftigen. Die Betrachtung erfolgt jedoch ausschließlich in Bezug auf die Anwendung dieser Elemente. Eine Wertung moralischer, ethischer beziehungsweise humanitärer Aspekte wird jedenfalls ausbleiben, da dies den Fokus der Arbeit verzerren und deren Rahmen überladen würde. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Ideologie des Islamischen Staates und dem anzuwendenden Strategiebegriff für diesen.

Definitionen

Ideologie

Eine Ideologie ist im philosophischen Sinn eine Weltanschauung, die einen hohen Anspruch auf Wahrheit erhebt und die für abweichende Lehrmeinungen kaum noch offen ist.1)

Im gesellschaftlichen Sinn werden aus solchen „erstarrten Lehrmeinungen“ ideologische Normen abgeleitet, von denen die Mehrzahl der Beteiligten zutiefst überzeugt ist.2)

Eine Ideologie erstreckt sich somit auf alle Teile des gesellschaftlichen Lebens in einem Gemeinwesen. Je nach Ausprägung greift eine Ideologie als staatliche oder gemeinschaftliche Weltanschauung in die individuellen Rechte der Bürger ein, ohne Rücksicht darauf, ob sie deren Ansichten teilen. Ihr unterstellter Wahrheitsgehalt wird in extremis zu einem Dogma erhoben, das über jeden Zweifel erhaben ist.

Die Grundannahmen oder Auswirkungen einer Ideologie werden in der Regel nicht hinterfragt. Eine Ideologie wird in der Norm erst als solche erkannt, wenn sich anderenorts modernere Erkenntnisse etablieren.3) Bis zu diesem Zeitpunkt wird Zweifel an der Ideologie jedoch als unangemessene Ignoranz verstanden, da Ideologien der Regel nach einen Exklusivitätsanspruch verfolgen.

 

Strategie

Strategie ist die planmäßige Vorbereitung und koordinierte Anwendung aller Mittel durch die Staatsführung und Ausnützung aller ihrer Möglichkeiten zur Wahrung der sicherheitspolitischen Ziele gegenüber allen Bedrohungen.4)

Strategie ist der Einsatz aller verfügbaren Mittel, v.a. des Mittels der Streitkräfte, zu politischen Zwecken, mit dem Ziel, dem Gegner die eigene Politik und den eigenen Willen aufzuzwingen.5)

„A strategy therefore is an expression of the aim and its links to the overall purpose and the context of the conflict, together with limitations on actions that flow from that political purpose in the circumstances. It will describe the desired pattern to events together with the measures intended to achieve this pattern, and it will allocate forces and resources“.6)

Die angeführten Strategiedefinitionen zeigen die heutzutage inflationär gebräuchliche Verwendung des Strategiebegriffs. Stupka beschreibt Strategie als Verbindung zwischen dem Staat in Form der Politik und den staatlichen Instrumenten unter primärer Betrachtung der Existenzsicherung des Staates. Heuser erweitert den mannigfaltig verwendeten Strategiebegriff7) um eine militärstrategische Facette. Dies ist allein durch die Zentrierung auf das Mittel der Streitkräfte zu erkennen.

Die Fokussierung auf das Instrument des Militärs in diesem Deutungsversuch entstammt eindeutig dem Clausewitz’schen Denken, der sagte, dass

„die Strategie der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges ist; sie muss also dem ganzen kriegerischen Akt ein Ziel setzen, welches dem Zweck desselben entspricht; das heißt, sie entwirft den Kriegsplan, und an dieses Ziel knüpft sie die Reihe der Handlungen an, welche zu demselben führen sollen, das heißt, sie macht die Entwürfe zu den einzelnen Feldzügen und ordnet in diesen die einzelnen Gefechte an. Da sich alle diese Dinge meistens nur nach Voraussetzungen bestimmen lassen, die nicht alle zutreffen, eine Menge anderer, mehr ins Einzelne gehender Bestimmungen sich aber gar nicht vorher geben lassen, so folgt von selbst, dass die Strategie mit ins Feld ziehen muss, um das Einzelne an Ort und Stelle anzuordnen und für das Ganze die Modifikationen zu treffen, die unaufhörlich erforderlich werden. Sie kann also ihre Hand in keinem Augenblick von dem Werke abziehen.“8)

Der preußische Militärtheoretiker konnte aus seiner Sicht jedoch nur zu der eben erwähnten Definition gelangen, da er in einer absoluten Monarchie lebte. Er kannte den Staat nur als Monarchie, in der das Staatsoberhaupt auch der Oberbefehlshaber über die Armee war. Das primäre Mittel zur Erreichung staatlicher Ziele war demnach zur Zeit Clausewitz‘ das Militär, dem, im Gegensatz zur Wirtschaft, der Monarch vorstand.9) Durch die heutzutage vielerorts vorherrschende Instanzentrennung untersteht das Militär, ebenso wie die anderen „Instruments of Power“, einer legitimierten staatlich-politischen Führung. Es ist also eines von mehreren staatlichen Wirkmitteln.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass mit Stupka gerade ein Berufsoffizier einen gesamtheitlichen, nicht-militärzentrierten Strategiebegriff formulierte.10) Er marschiert sozusagen im „Gleichschritt“ mit General Sir Rupert Smith, der durch die letzte der oben angeführten Definitionen ebenfalls den ganzheitlichen Ansatz sucht.

 

Salafismus, Islamismus und Dschihadismus

Salafismus beschreibt die Orientierung an den „frommen Altvorderen“. Diese ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren stellen die ersten drei Generationen an Muslimen dar. Sie standen entweder in unmittelbarem Kontakt mit dem Propheten Mohammed und waren dessen Anhänger, oder sie kannten seine Nachfolger. Wer wiederum diese Nachfolger kannte, gehört zur dritten Generation, Nachfolger der Nachfolger.11)

Islamismus wird in der Literatur als die politische Sphäre des Islam beschrieben. Dies bedeutet das Streben nach einem Staat unter islamischer Ordnung (Scharia) und die Ausarbeitung einer politischen Ideologie auf Grundlage religiöser Anschauungen und Dogmen.12)

Unter Dschihadismus ist die militante, gewaltbereite Komponente des Islamismus zu verstehen.13)

Die oben angeführten Definitionen beschreiben unterschiedliche Dimensionen nahezu jeder Religion. Unter Salafismus wird demnach der Versuch einer Weltanschauung verstanden, das Wissen und Verständnis eines ganz bestimmten Zeitpunktes zu konservieren, um die Reinheit - in diesem Fall des Glaubens - zu erhalten. So verlockend dies aus Gründen der Nostalgie oder der Überzeugung erscheint, so sehr missachtet ein solches Denken und Verhalten den Lauf der Zeit. In der Regel stößt eine derartige Versteinerung auf Tendenzen der Wertanpassung, die wiederum über ein sich veränderndes Wertverständnis, Sozialstrukturen und Politik erfolgt.14)

Eine Versteinerung bedarf also der Hemmung oder Rückversetzung des Fortschrittes aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens. Als Gegenstück zum Säkularismus stellt im Islamismus eine religiöse Rechtsordnung die Basis der staatlichen Ordnung in Verbindung mit einer politischen Ideologie dar. Der Islamismus stellt durch den Rückgriff auf die Scharia als Rechtsordnung eine Befolgung der naturrechtlichen Systematik dar, da in ihm - im Verständnis der Anwender - im Recht die Sitte und Sittlichkeit aufgehen.15)

Letzten Endes stellt per definitionem der Dschihadismus den exekutierend-militanten Arm des Islamismus dar. Der Aspekt der Gewaltbereitschaft erscheint lediglich aus dem Grund erwähnenswert, da Dschihadisten nicht zur Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols berechtigt sind. Unter dem Begriff des Militärs subsumiert erscheint dies jedoch anders.

Gesamtheitlich betrachtet stellen die oben angeführten Elemente durchaus Bausteine dar, die ein Staatsvolk beschreiben. So definiert sich auch auf diese Art ein Gemeinwesen im Rahmen einer politischen Ordnung innerhalb sittlich-rechtlicher Normen.16)

Ideologie und Strategie in einem Staat

„Wir müssen bescheidener werden und nicht meinen, dass wir die Länder mit unseren europäischen Segnungen und unserem Besserwissen ändern und auf den richtigen Weg bringen.“ 17)

Rupert Neudeck, deutscher Philosoph und Journalist

Den Ausgangspunkt der Betrachtung hat der von Neudeck angesprochene Perspektivenwechsel darzustellen. Die Suche nach einer Strategie innerhalb eines als „terroristische Mörderbande“ oder Terrormiliz verstandenen Komplexes wie dem Islamischen Staat erscheint nicht möglich. Vielmehr muss man diesen als - aus seiner Sicht - einen real existenten Staat betrachten, ohne ihn als solchen anzuerkennen, um ihn verstehen, seine Strategie nachvollziehen und die Relevanz seiner Ideologie abschätzen zu können.18)

Gemäß der völkerrechtlichen Definition besteht ein Staat aus Staatsgewalt, Staatsvolk und Staatsgebiet. Hat er mit diesen Komponenten die Grundvoraussetzungen für die Wahrnehmung als Staat geschaffen, so wird er rein auf diesen noch kein Fortkommen erleben. Einmal als Staat verstanden, bedarf dieser eines Zweckes, um nicht zu stagnieren. Die vielfältigen Gesellschaftstheorien in diesem Bereich sind hierbei nicht Kern dieser Abhandlung, trotzdem wird festgehalten, dass mit der Staatswerdung dieses Gemeinwesen den Zweck der Sicherstellung der eigenen Existenz erhält. Niccolò Machiavelli bezeichnete dies mit dem Begriff mantere lo stato.19) Diese primäre Funktion erwächst allein aus dem Verständnis des Gemeinwesens als Summe vieler Individuen, die nach Überleben streben.20)

Erst nach Erfüllung dieser Kernforderung kann der Staat zur Befriedigung anderer Bedürfnisse übergehen. Irrelevant, welcher Natur diese dann sind, der Staat wird sie koordiniert, synchronisiert, effektiv und effizient erreichen wollen. Zu diesem Behufe bedienen sich Staaten, Organisationen und Unternehmen Strategien. Diese definieren dann - losgelöst von Ressourcen, Möglichkeiten und aktuellen Umfeldbedingungen - auf lange Sicht zu erreichende Ziele.21) Strategien unterliegen aufgrund ihrer Komplexität ähnlich der Rechtsordnung einem Stufenbau und dienen als Richtpunkt in der Zukunft für das Handeln im Jetzt.22)

Strategien sind dabei in ihrer Umsetzung immer wesentlich von der Ambition des Staates oder der jeweiligen Organisation beeinflusst. Der angeführten Definition folgend stellt eine Ideologie jedenfalls ein Instrument zur Umsetzung einer Ambition dar. Die Ideologie wiederum definiert in der Regel die Hemmschwelle zur Anwendung staatlicher Gewalt.23) In Europa beispielsweise wird davon ausgegangen, dass vor einem Einsatz des Militärs sämtliche anderen Mittel, also zum Beispiel wirtschaftliche oder diplomatische Sanktionen oder Verhandlungen, ausgeschöpft wurden.24) Der Islamische Staat wiederum versteht dies anders: Seine Hemmschwelle zur Gewaltanwendung liegt sehr viel niedriger.

Eine direkte Interdependenz zwischen der eigenen Wahrnehmung als Staat, einer Strategie und Ideologie ist also offensichtlich ableitbar. Ideologien stellen jedoch letzten Endes oftmals lediglich ein Hilfsmittel zur Untermauerung einer Ambition dar. Anders kann sonst nicht erklärt werden, warum Staaten, die ideologisch diametral voneinander entfernt sind, trotzdem politische und militärische Allianzen25) eingehen.26)

Der Ursprung des Islamischen Staates

„Von 42 Anführern des Islamischen Staates sind 34 in den vergangenen 90 Tagen getötet oder gefangen genommen worden… Diese Organisation ist am Boden zerstört.“ 27)

Admiral Mike Mullen, Generalstabschef der US-Streitkräfte im Juni 2010

Im Zentrum jedweder Konflikte und Bedrohungen im arabisch-islamischen Raum steht ein Streit, der Muslime seit Jahrhunderten trennt, nämlich die Frage, ob den Lehren der Sunna28) oder jenen der Schia29) zu folgen ist. Wesentlich ist, dass die Differenzen zwischen den beiden Strömungen im Islam erst über den Salafismus, beziehungsweise Islamismus, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen.

Die heute als Islamischer Staat bekannte Organisation ging, ebenso wie die mit ihr temporär im Kampf stehende Jabhat al-Nusra, jedenfalls als irakischer Ableger der Al Qaida hervor.30) Als IS-Vorkämpfer galt der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, von Osama bin Laden einst der „Emir von Al Qaida im Zweistromland“ genannt. Schon bald wurden zwischen den beiden Differenzen augenscheinlich. Von Anbeginn an zielte Abu Musab al-Zarqawi auf die Schnittstelle zwischen Sunniten und Schiiten ab, um diese gegeneinander aufzuhetzen.31) Dabei waren ihm Opfer unter den sunnitischen Glaubensbrüdern gleich, sofern sie zur Zielerreichung beitrugen. Während die Al Qaida-Führung letzten Endes die Gewalt selbst gegen Schiiten verurteilte, wurde diese von Abu Musab al-Zarqawis Nachfolger und Gründer von ISI (Islamischer Staat im Irak), Abu Umar al-Baghdadi, weiter forciert. Nachdem die Organisation als Al Qaida in Mesopotamien firmiert hatte,32) wurde am

15. Oktober 2006 offiziell die Abspaltung des ISI von Al Qaida vollzogen, jedoch nach wie vor mit dem definierten Ziel, im Irak den gemeinsamen Feind Amerika zu bekämpfen.33) Im April 2013 beherrschte al-Baghdadis Organisation inzwischen unter dem Namen ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) weite Teile des Nord- und Westiraks. Im Gegensatz zu Al Qaida erhob ISIS damit den Anspruch, einen weltweiten Dschihad zu führen.34)

Dieser Aspekt und v.a. der progressiv betriebene Gebietsgewinn sollten sich als typische Abgrenzungen zu allen anderen herausstellen. So nutzte die Organisation mit dem syrischen Bürgerkrieg35) gleich den nächsten regionalen Konflikt, um territorial zu expandieren. Dieser Schritt machte aus ISIS den ISIL (Islamischer Staat im Irak und der Levante).36) Mit der Eroberung Mosuls im Juni 2014 benannte al-Baghdadi, nachdem er die Wiedererrichtung des Kalifats37) propagiert hatte, die Organisation schließlich in IS - den Islamischen Staat, also ohne räumliche Einschränkung - um.38)

Inzwischen steht der Islamische Staat, seine Wurzeln außer Acht lassend, im Konflikt mit Al Qaida, Jabhat al-Nusra und anderen Terrororganisationen. Er begründet dies im Sinne des Salafismus durch deren partielle Abkehr vom reinen Glauben.39) Interessant erscheint, dass man sich jedoch mit Glaubensbrüdern dann arrangiert, wenn man sich weder räumlich noch zeitlich - wie bei der afrikanischen Boko Haram40) - überschneidet.41) Erwähnenswert ist an dieser Stelle ebenfalls, dass einer der Ursprünge des Islamischen Staates, nämlich die Taliban, von eben jenen unterstützt und ausgebildet wurden, die sie nun mehr oder weniger ambitioniert beziehungsweise erfolgreich bekämpfen, nämlich den USA.42)

De facto grenzt sich der Islamische Staat als dschihadistisches Staatsbildungsprojekt durch die Gebietsgewinne deutlich ab. Er kontrollierte mittelfristig rund ein Drittel Syriens und des Iraks.43) Die Maßnahme der USA nach dem Sieg über Saddam Hussein, dessen Streitkräfte aufzulösen, vervielfachte den ideologisch-sunnitischen, intellektuellen und militärischen Zulauf zum Islamischen Staat; v.a. die militärische Komponente konnte dadurch wesentlich gestärkt werden.44) Im jeweils gewonnenen und verwalteten Gebiet lebten bis zu rund acht Millionen Menschen. Der Islamische Staat hebt in diesem Steuern ein, fördert Öl, organisiert das Justizsystem und stellt in Teilbereichen die Grundversorgung sicher. Entstammt der Islamische Staat ursprünglich einer Terrororganisation, übernimmt er inzwischen im Nahen Osten räumlich begrenzt staatliche Aufgaben.45)

Die Ideologie des Islamischen Staates

„Die letzte Stunde wird nicht kommen, bevor die Römer in al-A’maq oder in Dabiq landen. Eine Armee aus den besten Menschen der Welt dieser Zeit wird aus Medina kommen, um sich ihnen entgegenzustellen.“ 46)

Hadith 6924

Der Koran stellt die Grundlage der Ideologie des Islamischen Staates dar. Er wird dabei nicht kontextualisiert oder zeitgemäß interpretiert, sondern im Sinne der eigenen Sache vereinfacht und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst.47) Ziel ist es dabei, auf Grundlage des Korans die Scharia als Gesellschaftsmodell zu implementieren. Jedwede friedliche Interpretation der heiligen Schrift des Islam wird nicht nur negiert, eine derartige Auslegung wird sogar als Häresie verstanden. Unter dem Motto „Die Basis einer Religion ist ein leitendes Buch und ein unterstützendes Schwert!“ wird der Islam als Religion des Schwertes48) propagiert.49)

Durch diese wesentliche Vereinfachung der Schrift kann das eigene Handeln gerechtfertigt und für die breite Masse nachvollziehbar gemacht werden. Dies spricht natürlich auch die so genannten unteren Schichten der Gesellschaft an, da diese den Koran oftmals selbst nicht lesen und somit interpretieren können. Im Rahmen der Übersetzungsleistung wird das Dienliche hervorgehoben und das Entbehrliche verzerrt.50) Unterstützend wirkt dabei, dass der Islamische Staat jedwede vom Menschen geschaffene Rechtsordnung negiert.51) Alles Recht im Sinne von Sitte und Sittlichkeit hat direkt aus der heiligen Schrift ableitbar zu sein.

Überhaupt annihiliert der Islamische Staat jedwede vom Menschen geschaffene Ordnung. So ist für sein Agieren und seine Gebietserweiterungen nicht nur das hemmungslos brutale Vorgehen als ideologisch-dschihadistische Terrorgruppe typisch. Der Islamische Staat folgt einer klaren Strategie: Er bekämpft unterschiedslos andere Religionen und Konfessionen, ignoriert geltendes Recht und negiert vom Menschen festgelegte - in diesem Fall die von ehemaligen europäischen Kolonialstaaten diktierten syrisch-irakischen - Grenzen.52) Auf die daraus erwachsende Problematik der politischen internationalen Anerkennung reagiert der Islamische Staat wiederum mit der Ablehnung der Kenntnisnahme dieses Faktums. Für den IS ist die internationale Anerkennung aus ideologischen Gründen schlicht und einfach kein Kriterium.53)

Durch dieses Verhalten appelliert er an Ressentiments weiter Teile der arabischen Bevölkerung, die ohnedies die von Europa geschaffene Schmach abzustreifen gedenkt.54) Den fruchtbarsten Nährboden stellt die mit Masse im arabischen Raum noch vorhandene heroische Gesellschaft55) dar.56) Als Voraussetzungen für eine heroische Gesellschaft gelten ein ausgeprägter Totenkult,57) das Vorherrschen einer agrarischen Lebenswelt und ein starker Einfluss der Religion auf den Alltag, sprich Merkmale, die man heutzutage in der westlichen Hemisphäre kaum mehr vorfindet.58)

Dieses Faktum macht den Islamischen Staat für Europa auch so schwer verständlich, für gewisse Bevölkerungsschichten jedoch derart interessant. Gerade der heroisierende Aspekt wirkt auf weite Teile der Jugendlichen (sogar weltweit) anziehend. In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache zu verstehen, dass die Kämpfer im Islamischen Staat einander - bezugnehmend auf die Richtig- und Rechtmäßigkeit ihrer Sache - Mudschaheddin59) nennen.60) Ihre Bindung an diese (heroische) Ideologie macht sie zu überzeugten, wirkungsvollen Kriegern, die jedoch in ihrer Gesamtheit strukturiertem und organisiertem Militär in der koordinierten und synchronisierten legitimen Gewaltanwendung unterlegen sind.61) Der einfachen Miliz oder Bürgerwehr sind diese Kämpfer aufgrund der Bedingungs- und Hemmungslosigkeit ihrer Kampfführung überlegen.62)

Letztlich verhindert die Ideologie des Islamischen Staates aber auch, dass er sich mit anderen dschihadistischen Gruppierungen, beispielsweise in Syrien, vereint.63) Der der Ideologie immanente Exklusivitätsanspruch grenzt derart selbst von anderen ähnlich gearteten Gruppen ab, dass eine Koalition nur unter großem Druck von außen als möglich erscheint.64)

Die Gesamtheit aller ideologischen Maßnahmen dient dem Islamischen Staat zur Abgrenzung zu anderen Organisationen. Durch diese Maßnahmen versucht er die notwendige Anziehungskraft zu entwickeln, um in personeller Hinsicht durchhaltefähig zu sein. Durch die Exklusivität seiner Ideologie wirkt er auf orientierungslose, zurückgewiesene und nicht integrierte (beziehungsweise integrierbare) Menschen anziehend.65) Er nährt somit die völkerrechtlichen Komponenten Staatsgewalt und Staatsvolk.

Somit wird festgehalten, dass die Ideologie im Islamischen Staat bewusst erdacht und gesetzt wurde. Sie ist ein wesentlicher Baustein in dessen Strategie zum Erreichen seiner Ziele. Wie bei allen Ideologien wird dieser Zugang funktionieren, bis er sich als eben solcher entlarvt.

Die Strategie des Islamischen Staates

„Wir sehen, was wir kennen. Unsere Erwartungen hat der ,Islamische Staat´ gern bedient. Aber unter der starren Oberfläche des Fanatismus sitzt ein mutationsfreudiger Organismus, flexibel bis zum Äußersten und klüger als all seine Vorgänger.“ 66)

Christoph Reuter, Journalist

Das entscheidende Element einer jeden Strategie ist - wie eingangs bereits definiert - ihr Ziel. Dem Islamischen Staat sind zwei Ziele immanent, nämlich jenes der Errichtung eines Gottesstaates und jenes der Vernichtung des Staates Israel.67) Während der Kampf gegen Israel in ideologischer Hinsicht als so genannter „pull-Faktor“68) in Teilen des arabischen Raumes gilt, erscheint die Staatswerdung als reales Ziel.

Der Islamische Staat soll dabei als wachsendes, islamistisches, regional-hegemoniales und, v.a., als totalitär-salafistisches Projekt verstanden werden. Er erhebt als Staat der wahrhaft Gläubigen einen ideologischen Exklusivitätsanspruch auf die Zulässigkeit der Glaubensauslegung. Diese ideologisch-religiöse Exklusivität drängt alle anderen Religionen und Konfessionen in die Ungläubigkeit. In extremis führt der Alleingültigkeitsanspruch sogar so weit, dass Andersgläubige noch besser behandelt werden als Muslime anderer Konfessionen. Wie bereits dargestellt, bestätigt sich das System durch das Negieren jedweder vom Menschen geschaffener Ordnung selbst. So erhob al-Baghdadi, nachdem er sich selbst zum Kalifen ernannt hatte, grundsätzlich den Anspruch auf das Gefolge aller Muslime weltweit.69)

Der IS kombiniert weiters diese Rigorosität nach innen mit der Gabe, sich bietende Chancen zu nutzen. Der Islamische Staat wächst, wo andere Staaten auseinanderbrechen.70) Diese Lektion des widerstandslosen Territorialgewinns wurde offensichtlich aus dem Zerfall des Iraks gelernt. Der Islamische Staat nutzt die Strategielosigkeit der so genannten westlichen Welt aus, da er dort, wo er staatliche Strukturen übernehmen kann, dies auch tut. Er kann diese „windows of opportunity“ nicht nur nutzen, weil sie ihm vom Westen durch hinterlassenes Machtvakuum ermöglicht werden, sondern auch, weil er das entsprechende Wissen und die geistige Kapazität aus sunnitischen Intellektuellen aufgelöster irakischer Regierungskreise generieren konnte. Dies stellt im Bereich der strategischen Planungsfähigkeit eine komplett neue Dimension dar, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal der geistigen Kapazität im Vergleich zu anderen Terrororganisationen. Der Islamische Staat agiert strategisch im Sinne eines Staates, da er strategische Planer eines „failed state“ flächendeckend in seinen Strukturen aufweist.71)

Der Islamische Staat wächst also nicht unkontrolliert. Er erweitert seinen Einfluss im „nützlichen“ Irak und Syrien.72) So sichert sich al-Baghdadis Organisation Versorgungseinrichtungen, Gas- und Ölquellen, Umspann- sowie Wasserkraftwerke. Der IS bereichert sich jedoch nicht rein im Stil der organisierten Kriminalität auf diesem Weg. Durch diese Maßnahmen wird er in seinem Verantwortungsbereich wirtschaftlich und finanziell handlungsfähig. Nach ähnlichen Kriterien sind weitere territoriale Gewinne in Syrien, Palästina, dem Libanon und Jordanien geplant. Der Islamische Staat wächst nicht schneller als er Territorium verwalten kann, und er beansprucht kein „totes Land“ in der Wüste für sich.73) All diese Maßnahmen trifft er mit dem Ziel der Errichtung eines Gottesstaates in Form eines Kalifats.74) Erst in einem nächsten Schritt wird der IS dann eine weltweite Herrschaft des Islam unter diesem Kalifat anstreben.75)

Somit können an diesem Beispiel eindeutig Elemente des eingangs erörterten Strategiebegriffs erkannt werden, als „ends (Ziele) - ways (Wege) - means (Mittel, Ressourcen)“. Der Islamische Staat verfolgt das Ziel der Staatswerdung im Sinne des Salafismus auf dem Weg der Ideologisierung und Radikalisierung durch Islamismus und Dschihadismus unter Einsatz aller staatlicher „instruments of power“, wobei das Militär durch militärische Organisationen substituiert wird. Terror und irreguläre Einsatzführung wollen (noch) konventionelle Streitkräfte ersetzen, da der militärische Arm des IS noch nicht stark genug für eine reguläre Konfrontation mit konventionellen Streitkräften ist.76) Er benötigt zur Umsetzung dieses Prozesses unbedingt diese Art der radikalen Ideologie, um seine Kämpfer, seinen militärischen Arm, in Zaum zu halten.77) Diese Notwendigkeit erwächst aus der Natur irregulärer Kräfte. Im Gegensatz zu regulären Streitkräften, die im Sinne einer politischen Führung eingesetzt werden und somit legal, effektiv und effizient sind, stellen irreguläre Truppen aufgrund der fehlenden rechtlichen und rechtsstaatlichen Bindung einen zerstörerischen und tödlichen Faktor dar.78) In wirtschaftlicher Hinsicht hat der IS wiederum einen grundsätzlich pragmatischen Zugang: Öl und Gas werden, um durchhaltefähig zu bleiben, gewinn- und nicht religions- oder gar ideologieorientiert verkauft.79) Letzten Endes heiligt so der Zweck auch für den Islamischen Staat die Mittel.

Der Zweck heiligt die Mittel - Religion und Ideologie als staatliche Instrumente?

„Jeder, der Krieg führt, nimmt sich das Ziel vor, das Feld gegen jede Art von Feind behaupten zu können und am Tag der Schlacht den Sieg davonzutragen. Hierzu muss man ein Heer bilden. Um ein Heer zu bilden, muss man Leute suchen, sie bewaffnen, einteilen, sie in großen und kleinen Haufen üben, sie lagern und sie dem Feind entgegenstellen, sei es nun festen Fußes oder im Marsch. Darin besteht die ganze Geschicklichkeit des Feldkrieges, welcher am notwendigsten und rühmlichsten ist. Wer dem Feind mit Vorteil eine Schlacht anzubieten versteht, kann alle übrigen, in der Führung des Krieges gemachten Fehler wieder gut machen. Der aber, dem dies Talent abgeht, und wäre er in allen übrigen Teilen seiner Kunst noch so geschickt, wird niemals einen Feldzug mit Ehren beenden. Denn ein Sieg lässt alle übrigen schlechten Maßnahmen verschwinden, so wie eine Niederlage alle früher errungenen Vorteile vernichtet.“ 80)

Niccolò Machiavelli, italienischer Staatstheoretiker

Greift man nun auf die zu Beginn aufgestellte Theorie zurück, dass der Islamische Staat als Staat zu betrachten ist, um ihn zu verstehen und in weiterer Folge bewirken zu können, so muss denklogisch auch die abgeleitete Folgerung zulässig sein, dass er den Erhalt seiner Existenz zur obersten Prämisse erhebt. Diese Tatsache macht eben das oben angeführte Zitat Niccolò Machiavellis ebenso anwendbar. In extremis heiligt der Zweck die Mittel, jedenfalls immer im Falle einer direkten Betroffenheit und gerade unter der Voraussetzung, dass die gelebten moralischen Vorstellungen in der als gültig verstandenen Rechtsordnung dem in keiner Weise widersprechen.81)

In dieser Hinsicht stellt kein Element der Ideologie oder Strategie des Islamischen Staates eine Novität dar. Ein Rückgriff auf archaische Elemente einer Religion als Staatsdogma erscheint immer in jenen Gesellschaften anwendbar, die entweder die Erkenntnisse der Aufklärung nicht erlebten oder aber deren Ergebnisse aufgezwungen bekamen.82) Somit stellt der religiöse Bezug als motivierender wie auch legalisierender Faktor jenes ideologische Element dar, das dem System selbst als Alleinstellungsmerkmal dient. Der Motivationsfaktor der Ideologie wird eingesetzt, um sowohl Kampfkraft als auch Kampfwert der eigenen Kämpfer anzuheben. Die religiöse Indoktrination macht diese effektiv zu besseren Kriegern. In eben dieser Indoktrination liegt jedoch auch ein gewaltiger Nachteil begraben.83) Abgesehen von Stunden der größten Not und somit dem existenziellen Kampf einer Gesellschaft hat der Islamische Staat nahezu keine Anziehungskraft; es will ganz einfach kein Staat oder Bündnis mit ihm koalieren.84)

Das Alleinstellungsmerkmal als klare Abgrenzung zu anderen Organisationen stellt letzten Endes deren Durchhaltefähigkeit sicher. Die Organisation bleibt durch die Schärfung des Profils attraktiv und am „Markt“ überlebensfähig. Aus diesem Grund nützt der Islamische Staat beispielsweise auch jede Gelegenheit, um sich zu anderen „Anbietern“ abzugrenzen, seine Taten zu propagieren und die gelebte Ideologie zu verbreiten.85) Diese Besonderheit stellt im Falle des Islamischen Staates die Mischung aus „mafiöser Profitmaximierung im Diesseits“86) und „apokalyptischen Verlautbarungen der Medienabteilung des IS, auf seine Todesverherrlichung und den Glauben seiner Mitglieder, in göttlicher Mission unterwegs zu sein“,87) dar.

Die Mischung aus Religion und Ideologie in einem Staat dient diesem zu mehreren - wie den oben angeführten - Zwecken. Eine wesentliche, an dieser Stelle nicht angemerkte Motivation zu deren Einsatz ist aber die durch diese Elemente gewährte Legitimierung und Legitimation. Wie dargestellt erhält der Islamische Staat keine internationale Anerkennung. In einer Umkehr der Logik verneint er die Notwendigkeit eines solchen dementsprechend bereits im Voraus mit der Betonung, dass er seinerseits die Staatengemeinschaft negiert. Das dadurch für den Menschen entstandene Vakuum füllt der Islamische Staat nun mit der Religion. Nicht umsonst propagiert er ein grenzenloses Kalifat, das sich im Endzustand auf die Gemeinschaft der gläubigen Muslime88) erstreckt. Somit wird das Kalifat allumfassend. Durch die Ideologie der Vernichtung Ungläubiger wird er auch noch in jedweder Hinsicht exklusiv.89)

Ein Staat vermag somit über Religion und Ideologie geltendes internationales Recht zu unterwandern, die Aufklärung zu negieren und nach innen trotzdem, da von höchster göttlicher Stelle ermächtigt, sittlich und richtig zu sein.

Folgerungen und Zusammenfassung

„Also ist es klar, dass das erwünschte Ende und Ziel des Krieges der Friede ist. Sucht ja doch jeder auch durch den Krieg nur den Frieden, niemand durch den Frieden den Krieg. Auch wer im Frieden lebt und dessen Beseitigung wünscht, ist nicht ein Gegner des Friedens, sondern möchte nur einen anderen, seinem Wunsch entsprechenden Frieden. Er will also nicht, dass kein Friede sei, sondern, dass ein Friede sei, wie er ihn wünscht.“ 90)

Augustinus, lateinischer Theologe und Philosoph

Aus der bisherigen Darstellung hat sich ergeben, dass das Vorgehen des Islamischen Staates durchaus anhand des heutigen Strategiebegriffs erfasst, beurteilt und nachvollzogen werden kann. Zur Erreichung eines für die Zukunft klar definierten Zieles (Staatenwerdung) setzt er alle sich bietenden „staatlichen“ Effektoren und Mittel ein. Die Basis für all dies ist eine Ideologie, die sich auf eine „versteinerte“ Auffassung eines politischen Islams beruft. Die Kombination dieses Denkens mit neuzeitlicher Propaganda und Werbemethoden lässt sein Handeln für bestimmte Segmente der Bevölkerung weltweit, so auch in Europa, attraktiv und gerechtfertigt erscheinen, auch wenn die in der Regel hemmungslose Anwendung von Gewalt im Verständnis der breiten Masse unverständlich bleibt. Doch auch dieses Vorgehen ist dabei soweit nachvollziehbar, als die Gewaltanwendung selbst immer dem subjektiven Verständnis und weniger dem objektiven Bedarf entspricht.91)

Was bleibt, ist die Tatsache, dass der Islamische Staat ein vorhandenes Machtvakuum zu nutzen vermag und dieses sofort füllt. Abseits des syrischen Bürgerkriegs war dies auch in Libyen zu erkennen. In der Post-Ghadafi-Ära nutzte er den leeren Raum zwischen Tuareg und rivalisierenden (Regierungs-)Parteien. Staatlichen Effektoren muss er jedoch letztlich bei koordinierter Anwendung weichen. Er zielt offenbar auf völkerrechtliche Elemente der Staatswerdung wie Staatsgewalt, Staatsvolk und Staatsgebiet ab. Im Sinne einer Zweckmäßigkeit und der machiavellistischen Staatsräson mit einem unethisch-animalischen Überlebenswillen92) bietet er jene Aspekte in strategischer Abstimmung auf, die Durchhalte- und Durchsetzungsfähigkeit in vielen staatlichen Domänen gewährleisten. All dem dient seine Ideologie, die im Kern vorhandene Defizite der westlichen Welt anspricht und - in sich geschlossen - auf das strategische Ziel der Staatswerdung über den Aspekt des Glaubens im Sinne eines Kalifats abzielt.93)

Eine Bekämpfung des Islamischen Staates kann daher, nach Analyse seiner Strategie, auch lediglich im Rahmen eines gesamtheitlichen Ansatzes erfolgen. Er hat einerseits einem Staat gleich bekämpft zu werden. Das erscheint aus dem Grund wichtig, da er aufgrund seiner Ideologie nicht zermürbt und abgenutzt werden kann. Ein rein militärischer Ansatz gegen seinen militärischen Arm würde auch deswegen zu kurz greifen, weil er - ohne ein Bewirken der anderen Sektoren - hoch regenerativ zu bleiben scheint.94) Versteht man den Islamischen Staat als Staat, so erkennt man, dass er als solcher über eine (quasi-politische) Führung, militärische und wirtschaftliche Infrastruktur, Ressourcen und Effektoren sowie eine Zivilgesellschaft verfügt. Folgerichtig hat er auch auf all diesen Ebenen bewirkt zu werden.

Andererseits muss der Islamische Staat jedoch auch als Terrororganisation bekämpft werden. Daraus folgt, dass er niemals als Staat anerkannt werden darf und ein direkter Ansatz auf ihn, solange er unter der so genannten konventionellen Schwelle der Einsatzführung bleibt, nicht möglich ist. Terrororganisationen können nur über deren Wurzeln bekämpft werden, nämlich Unterstützung mit Finanzmitteln, Ressourcen, Waffen, Logistik, Infrastruktur und vieles mehr.

Das jedenfalls letzte, jedoch nicht weniger wichtige Element einer Terrororganisation ist deren Ideologie. Schlussendlich gilt es ebenso diese zu bekämpfen.95) Auch die Ideologie kann jedoch nicht direkt angegriffen werden. Einer Ideologie kann nur durch Bildung begegnet werden, wobei dies nicht kurzfristig möglich ist. Es ist auch auf Bedürfnisse, Kultur und Werte des Gegenübers zu achten, da sonst Bildung mit Missionierung und Kolonialisierung verwechselt werden wird.96)

Das zentrale Element stellen jedoch Glaube und (missverstandene) Religion im salafistisch-islamistischen Islamischen Staat dar. Diese stellen das verbindende und motivierende Element in dieser Organisation dar. Sie bilden die Grundlage der Ideologie und des strategischen Ziels. Fallen diese Elemente weg, so kollabiert seine Strategie. Dies kann jedoch lediglich in einem indirekten Ansatz durchgeführt werden, da ein direkter Ansatz auf Glauben und Religion grundsätzlich als falsch zu beurteilen ist. Begleitend aber bleibt die Erkenntnis, dass einem Staat, irrelevant ob legal oder nicht, nur gesamtstaatlich begegnet werden kann.

 


ANMERKUNGEN:

1) Greschonig/Sing: Ideologien zwischen Lüge und Wahrheitsanspruch1, Kulturwissenschaft/Deutscher Universitäts-Verlag (2004) S.1-2.

2) Austeda: Lexikon der Philosophie 6 (1989) S.165-166.

3) Greschonig/Sing: Ideologien zwischen Lüge und Wahrheitsanspruch, S.2-4.

4) Stupka: Strategie denken, Truppendienst-Handbuch (2008) S.41.

5) Heuser: Den Krieg denken (2010) S.17.

6) Smith: The utility of force (2006, c2005) S.13.

7) Dies liegt unter anderem auch daran, dass der durch die Strategie mitgeprägte Sicherheitsbegriff als Antwort auf Bedrohungen das Gesamtkonzept sehr subjektiv und auch politisch-ideologisch erscheinen lässt. Aus diesem Grund definierte Mintzberg Strategie auch über die 5 Ps, nämlich Plan (Strategie als Plan), Pattern (Strategie als Handlungsmuster), Ploy (Strategie als Spielzug), Position (Strategie als Verortung und Positionierung) und Perspective (Strategie als Ergebnis von Entscheidungen). Mintzberg, The Strategy Concept I, California Managment Review (1987) S.11-24.

8) Clausewitz: Vom Kriege (2008) S.113.

9) Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde erstmals die gefechts- und militärlastige Definition der Strategie, beispielhaft durch Clausewitz geprägt, kritisiert. Liddell Hart brachte somit den Begriff der „Grand Strategy“ als jene die Strategie selbst kontrollierende Instanz ein, sozusagen als Zubringer zu dieser, da noch immer sehr eng verbunden mit der Kriegführung. Durch die zunehmende Komplexität inter- und intrastaatlicher Verbindungen entstand der Bedarf nach beispielsweise Gesamt-, Sicherheits- und Militärstrategie. Wagener: Über das Wesen der Strategie, ÖMZ 2010, S.4-6.

10) Stupka: Militärwissenschaften 2, Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie Wien: Sonderpublikation, Bd. 2014, 24 (2014) S.148.

11) Esposito: The Oxford encyclopedia of the modern Islamic world (1995) S.463.

12) Feichtinger: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus, Internationale Sicherheit und Konfliktmanagement, Bd. 1 (2008) S.7.

13) Mühlberger/Jureković: Der syrische Bürgerkrieg zwischen Friedensverhandlung und militärischer Lösung, Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie, Bd. 2015, 2 (2015) S.43.

14) Schnur: Die normative Kraft der Verfassung, Deutsches Verwaltungsblatt 1960, S.126.

15) Kunz/Mona: Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Rechtssoziologie 1, UTB, Bd. 2788 (2006) S.88.

16) Stupka: Militärwissenschaften, Bd. 2014, 24, S.38.

17) Seitz: Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, dtv premium, Bd. 26038 (2014) S.15.

18) In der Tat wird dem Islamischen Staat bis zum heutigen Tag der Status als Staat abgesprochen. De facto verfügt er jedoch über einen funktionierenden Wirtschaftszweig, ein Staatsterritorium, ein Volk, ein Justizsystem und einen militärischen Arm. Ihm fehlt jedoch jedwede Anerkennung. Perthes, Krieg den Ungläubigen, Süddeutsche Zeitung, S.2.

19) Machiavelli: Der Fürst (2010) S.69-81.

20) Darwin: Gesammelte Werke (2009) S.782.

21) Das bedeutet jedoch nicht, dass Staaten ohne Strategie ihre Ziele nicht erreichen können. Viel eher hebt das Vorhandensein einer Strategie die Wahrscheinlichkeit einer Zielerreichung. Strategien tragen zur Wirtschaftlichkeit des Handelns bei und helfen bei der Bündelung aller staatlichen Effektoren.

22) Wagener, ÖMZ 2010, S.4-6.

23) Die Republik Österreich hat ihrerseits den so genannten sozialen Frieden zum Staatsdogma erhoben, über welchen der Staat die Sicherheit für sein Volk zu generieren sucht. Bundeskanzleramt Österreich, Österreichische Sicherheitsstrategie Sicherheit in einer neuen Dekade - Sicherheit gestalten (Juli 2013), S.10.

24) Stupka: Militärwissenschaften, Bd. 2014, 24, S.168.

25) Als Beispiel sind in diesem Zusammenhang die USA und Saudi-Arabien anzusprechen.

26) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.9.

27) Reuter: Die schwarze Macht (2015) S.7.

28) Die Sunna beschreibt die Handlungsweisen des Propheten Mohammed. Sie ersehnt die große Zeit der ersten Kalifen und entspricht der islamistischen Ideologie, die im Kalifen noch immer den Stellvertreter des Propheten sieht. Röhrich: Die Politisierung des Islam, essentials (2015) S.29. Die Sunniten stellen die größte Glaubensgruppe innerhalb der Muslime dar. Saudi-Arabien versteht sich als Schutzmacht der Sunniten.

29) Die Schiiten stellen die zweitgrößte Gruppierung innerhalb der Muslime dar. Den wesentlichen Unterschied in inhaltlicher Natur stellt die Nachfolgeregel als Kirchenoberhaupt dar. Mohammed bestimmte seinen Schwiegersohn Ali zu seinem Nachfolger und Imam. Die Schiiten sind demnach der Überzeugung, dass das Amt des Kalifen leidglich in direkter Ahnenfolge Alis ausgeübt werden darf. Madelung, The Succession to Muhammad (1997) S.43. Der Iran sieht sich als Schutzpatron der Schiiten. Zu diesem Behufe bildet er mit Syrien, der Hisbollah und der Hamas die „Achse des Widerstandes“. Mühlberger/Jureković: Der syrische Bürgerkrieg zwischen Friedensverhandlung und militärischer Lösung, Bd. 2015, 2, S.46.

30) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.42.

31) Es ist für weitere Betrachtungen jedoch wichtig zu verstehen, dass für das Vorgehen des Islamischen Staats die Sunna „bessere Voraussetzungen“ schafft als die Schia, da über das der Sunna immanente Ziel der Schaffung eines Kalifates geltende staatliche Grenzen übergangen werden können.

32) Perthes, Süddeutsche Zeitung, S.2.

33) Wichmann: Al-Qaida und der globale Djihad (2014) S.276.

34) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.29-31.

35) Der syrische Bürgerkrieg begann im März 2011 in der Stadt Deraa im Süden Syriens, nachdem Schüler, die „Das Volk will den Sturz des Regimes“ an eine Schulwand geschrieben hatten, festgenommen, verhört und gefoltert wurden. Auf die darauf folgenden Demonstrationen reagierte das Regime al-Assads mit äußerster Härte. Inzwischen stellt der syrische Bürgerkrieg ein buntes Sammelbecken unterschiedlichster nationaler (SNC - Syrian National Council, FSA - Free Syrian Army, das Regime), radikaler (IS, Jabhat al-Nusra, Al-Qaida) und internationaler (UNO, USA, Russland, Saudi-Arabien, etc.) Interessensgruppierungen dar. Ein Ende des Konfliktes sowie dessen Ausgang ist nicht absehbar. Feichtinger: Von der Rebellion zum Bürgerkrieg, in Feichtinger (Hrsg): Syrien (2013) S.14.

36) Wichmann: Al-Qaida und der globale Djihad, S.277.

37) In einem Kalifat liegt idealtypisch sowohl weltliche als auch geistliche Macht beim Kalifen als Nachfolger Mohammeds. Ein Kalifat soll seine Autorität nach islamistischer Ansicht über die gesamte Gemeinschaft der Muslime ausweiten. Vor dem Kalifat erfolgt, analog zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Errichtung eines Emirats. Dieses stellt die territorial eingeschränkte Form eines Kalifats dar. Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.66.

38) Perthes, Süddeutsche Zeitung, S.2.

39) Trotzdem bleibt der Islamische Staat in jedweder Hinsicht situationselastisch. Im Rahmen der letzten Entwicklungen in Syrien mit einer akuten Bedrohungen für seine militärische Lage, hervorgerufen durch das militärische Eingreifen Russlands im Nahen Osten, wird durchaus wieder eine zweckorientierte Allianz mit Teilen der Jabhat al-Nusra im Raum angedacht. Coronakis: Rivals IS, al-Nusra join against Russia and US, New Europe, S.20.

40) Die Boko Haram ist eine islamistische Terrororganisation in Afrika. Sie tritt für die Einführung der Scharia in Nigeria ein. Mit Masse rekrutiert sich die Boko Haram aus dem Volk der Kanuri, welches seit dem elften Jahrhundert dem Islam angehört. Bonnecase/Brachet: Crises et chuchotements au Sahel (impr. 2013, cop. 2013) S.148-150.

41) Islamic State, DABIQ, Bd. 2014 (Juli 2014) S.50-51.

42) Auszüge aus einem Kongress-Hearing über globalen Terror und Südasien in: Ahmed: Geheimsache 09/11, One earth spirit (2003) S.432-444.

43) Lister: Analysis: Islamic State seeks to link its conquered territories, IHS Jane’s Defence Weekly 2014, S.21.

44) Nicht zuletzt aufgrund des regen Zulaufs an ehemaligen Soldaten der irakischen Streitkräfte konnten die Fähigkeiten im Islamischen Staat weit ausgebaut werden. Die Fähigkeit zum Führen konventioneller Gefechte hat in Teilbereichen bis hin zum Einsatz von Kampfflugzeugen wesentlich zugenommen, kann natürlich trotzdem bei Weitem nicht mit herkömmlichen Streitkräften konkurrieren. Prothero, Baghdad breakdown, IHS Jane’s Defence Weekly 2014, S.22.

Unbedacht dessen bleibt natürlich immer neben der staatlichen Legitimation für den militärischen Arm des Islamischen Staates noch die Abgrenzung zu „richtigem“ Militär und Streitkräften gemäß dem Humanitären Völkerrecht, wie beispielsweise Kommandostruktur, einheitliche Uniformierung, offen getragene Waffen, funktionierendes Disziplinarsystem usw. Hinz/Rauch: Kriegsvoelkerrecht 3, Handbuch des Wehrrechts (1984) S.3.

45) Perthes, Süddeutsche Zeitung, 2.

46) Khoury: Der Koran (1990-2001) Sahih Muslim Buch 41, Hadith Number 6924.

47) So wird das eingangs angeführte Zitat durch den Islamischen Staat schleichend zu eigenen Gunsten abgeändert. Verlautbart wird „Wir sind hier und verbrennen den ersten Kreuzfahrer in Dabiq. Und wir warten auf den Rest eurer Armee“. Man verleiht damit den kriegerischen Auseinandersetzungen den Charakter von Gut gegen Böse, wobei der eigene Standpunkt durch diese überzeichnet glorifiziert („…die besten Menschen dieser Zeit…“) und von einer Eventualität zu einer Sachverhaltsdarstellung übergegangen wird. Schneider: Die apokalyptische Welt des Islamischen Staats, Die Presse 2015, S.38 (39.). In weiterer Folge kommt es über die Medien des Islamischen Staates zur vollendeten Formveränderung des Zitates hin zu einer Art Auftrag. So verkündete Abu Musab Al-Zarqawi: „The spark has been lit here in Iraq, and its heat will continue to intensify - by Allah’s permission - until it burns the crusader armies in Dabiq.“ Islamic State, DABIQ, Bd. 2014, S.2.

48) „Der Prophet wurde von Allah mit vier Schwertern gesandt: Das erste Schwert für die Heiden und Götzenanbeter, das zweite Schwert für die Ungläubigen, das dritte Schwert für religiöse Heuchler und das vierte Schwert für externe Aggressoren.“ Khoury: Der Koran, Surat At-Tawbah, Vers 5-73. Der Islamische Staat vereinfacht gerade auf diese Art erneut drastisch in seinem Sinne. Der Dschihad wurde geschaffen, um den Islam, wenn notwendig auch mit Gewalt, zu verbreiten. Er unterlag dabei jedoch strikten Regeln in der Anwendung, die ein Dasein des Islam als Religion des Schwertes eindeutig ausschließen sollten. Durch das Christentum wurden diese Expansionsbestrebungen natürlich als Bedrohung wahrgenommen. Dem Abwehrkampf, beispielsweise auf der Iberischen Halbinsel, folgten die christliche Expansion und die Kolonialisierung des Nahen Ostens. Der durch die Dschihadisten des Islamischen Staates ausgerufene Heilige Krieg ähnelt keinesfalls dem Dschihad des Koran, da er lediglich der explizit gewaltsamen Erweiterung des Territoriums des IS dient, jedoch nicht der Verbreitung des Islam. Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.31-33.

49) Islamic State, DABIQ, Bd. 2014, S.20-24.

50) Wichmann: Al-Qaida und der globale Djihad, S.257-258.

51) Islamic State, DABIQ, Bd. 2014, S.19.

52) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.31.

53) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.99-101.

54) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.31.

55) Grundsätzlich erfolgt die Kategorisierung Münklers in prä-, post-, un- beziehungsweise heroische. (Hier wiederum ist in große heroische Gesellschaften, heroischen Gemeinschaften in unheroischen Gesellschaften und heroische Gesellschaften nach dem Beispiel des 19. Jahrhunderts zu unterscheiden.) Gesellschaften und Gemeinschaften, um deren Einfluss auf die Art der Kriegführung beschreiben zu können. Der Heroismus selbst definiert sich als „ein erhöhtes persönliches Bewusstsein, berufen zu sein, unter Einsatz aller Kräfte bis zur Selbstaufopferung mitzuwirken an der Verwirklichung einer allgemeinen Aufgabe“. Postheroische Gesellschaften vermissen dieses Bewusstsein. Es verschwindet in diesen sowohl der Kämpfertyp als auch das erhöhte Maß an gesellschaftlicher Ehrerbietung gegenüber dessen Opferbereitschaft. Münkler: Der Wandel des Krieges (2010) S.310.

56) Münkler: Der Wandel des Krieges, S.329.

57) Dieser Totenkult stellt das zentrale Element einer solchen Gesellschaft dar. Für den noch Lebenden soll dieser Kult als Ansporn und gleichzeitig Versicherung für das eigene Handeln dienen. Er macht somit die Vorstellung vom Sterben nicht nur erträglich, der Tod wird sozusagen zum Höhepunkt des Lebens, nicht zu seinem Abschluss. Münkler: Der Wandel des Krieges, S.311.

58) Münkler: Der Wandel des Krieges, S.311.

59) Der Stamm des Wortes dürfte sich dabei von Dschihad ableiten. Mudschaheddin verbreiten und/oder verteidigen den Islam.

60) Islamic State, DABIQ, Bd. 2014, S.3.

61) Kuchler: Kriege (2013) S.120-124.

62) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.125.

63) Islamic State, DABIQ (Oktober 2015) S.66-68.

64) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.67.

65) Schneider: Die Presse 2015.

66) Reuter: Die schwarze Macht, S.7.

67) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.65.

68) Unter „pull-Faktoren“ sind jene Faktoren zu verstehen, die für einen Staat, eine Organisation oder eine Gemeinschaft anziehend wirken. Das Gegenteil stellen „push-Faktoren“ dar.

69) Perthes: Süddeutsche Zeitung, S.2.

70) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.125.

71) Reuter: Die schwarze Macht, 22-24.

72) Ahmed: Geheimsache 09/11; Rupp/Zinkanell: Fact Sheet Syrien&Irak, 1.

73) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.33.

74) Mühlberger/Jureković, a.a.O., S.42.

75) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.31.

76) Smith: Time for a reboot, IHS Jane’s Defence Weekly, 25.

77) In diesem Sinne sind auch die Leitlinien für Kommandanten im Islamischen Staat zu verstehen, wie 1) Glaube an Allah, da er für Gerechtigkeit sorgen wird in diesem Leben oder im Jenseits, 2) Gerechtigkeit im Handeln in Anbetracht der gesetzten Ziele, 3) Beratung und Diskussion mit seinesgleichen, da aus diesen Weisheit entsteht, 4) sich mit Ja-Sagern und schlechten Menschen zu umgeben, 5) die Gefahr, das Wesentliche der Zielerreichung und Religion aus den Augen zu verlieren, 6) die Einhaltung der Gebote und Verbote Allahs - auch durch seine Untergebenen, 7) religiöser Glaube, 8) Unbescheidenheit und Maßlosigkeit, 9) die Last des Krieges durch Geduld, Nachsicht und Durchhaltefähigkeit zu tragen, 10) Motivation und Steigerung der Kampfeslust der eigenen Krieger, 11) Nutzung aller Möglichkeiten durch Verwendung erbeuteten Kriegsgerätes, 12) Kameradschaftspflicht, 13) Einnahme einer Führungsstruktur, 14) Einzunehmende Gliederungen und Kampfgruppengrößen, 15) Vorbildwirkung, 16) Geländestudium, 17) Täuschung, Aufklärung, Tarnung und Verschleierung, 18) Nutzung aller sich bietenden Gelegenheiten, 19) das Anstreben des Sterbens als Vorbild, jedoch das Vermeiden, dass die eigenen Krieger durch den Verlust eines heroischen Vorkämpfers entmutigt werden, 20) keine Gefangenen zu nehmen, die den Zusammenhalt des Kampfverbandes gefährden, 21) Vermeidung des ungerechtfertigten Blutvergießens anderer Sunniten, 22) Konzentration und Fokussierung, auch in einfachen Phasen des Gefechts, 23) Ehrung der Tapferen und Verkündung deren Taten, 24) Bewusstmachen der eigenen exponierten Haltung und dass die restliche muslimische Welt auf das Werk der Krieger emporsieht, 25) den Versuch, die Herzen und das Gefolge weiterer Krieger und Muslime zu gewinnen, 26) das Respektieren der Werte anderer und Wertschätzung von Tapferkeit und Loyalität, 27) das Verständnis für die Sorgen der eigenen Brüder im Kampf, 28) besondere Kriterien zur Auswahl der Boten, die man zu anderen Stämmen und Kampfgruppen schickt, sodass diese selbstständig handeln können, 29) die Verhinderung des Partisanenwesens, da dieses jedwede militärische Ordnung vernichtet, und letztlich 30) die Forderung nach Ambition, Ernsthaftigkeit und Fleiß. Islamic State, DABIQ, Bd. 2014, S.9-16. Die angeführten Anweisungen geben den jeweiligen Kommandanten - immer im Zusammenhang mit den vorausgesetzten beziehungsweise indoktrinierten Korankenntnissen - einen exakten Rahmen des Handelns vor und setzen - natürlich - das Anerkennen der Richtigkeit und Notwendigkeit der Handlungen des Islamischen Staates voraus.

78) Smith: The utility of force (2006, ©2005) S.7.

79) Lister: IHS Jane’s Defence Weekly 2014, S.21.

80) Machiavelli: Gesammelte Werke in einem Band S.725.

81) Um Machiavelli in dieser Hinsicht jedoch dem Vorwurf einer dem IS ähnlichen Radikalität zu entziehen, sei angeführt, dass der italienische Staatstheoretiker dem Staat neben seinem Zweck der Existenzsicherstellung das Ziel des Erhalts der Freiheit seines Volkes vorschrieb. Machiavelli/Zorn: Discorsi 3, Kröners Taschenausgabe, Bd. 377 (2007) S.20-21. Da die eigene Freiheit immer durch die Grenzen der Freiheit eines anderen begrenzt ist, ergeben sich auch bei Machiavelli Grenzen in der Berechtigung der Mittel zur Erreichung eines Zwecks.

82) Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling/Fuhrmans: Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Universal-Bibliothek, Nr. 8913-15 (1964) S.5-8. Der Rückgriff des Islamischen Staates auf ein solches Denken wirft natürlich auch die Frage auf, inwieweit die westliche Wertegemeinschaft auf diese Bedrohungen mit Einschränkungen der eigenen gewonnenen Freiheiten wie Bürgerrecht etc. reagieren soll, ohne dabei gleich erneut wieder dem Auslöser zuzuspielen. Eine Beantwortung dieser Frage impliziert jene nach dem Stellenwert der eigenen Werte und inwieweit ein Staat oder eine Gemeinschaft bereit ist, für Werte - wortwörtlich - zu bluten. Wichmann: Al-Qaida und der globale Djihad, S.351-352.

83) Reuter: Die schwarze Macht, S.197-209.

84) Mühlberger/Jureković, a.a.O., 96-98.

85) Coronakis: Islamic State pumping out propaganda daily, New Europe, 20.

86) Reuter: Die schwarze Macht, 8.

87) Idem.

88) Er kategorisiert dazu im Großen in (1) Iman (Gläubige), (2) Kufir (absolut Ungläubige), (3) Taghut (Anbetung anderer neben Allah), (4) Mushrik (Götzenanbeter) und (5) Murtadd (Vom Glauben abgefallene). Khoury: Der Koran, Sure 16,36-16,39.

89) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.33-36.

90) Augustinus: Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften (1911-1916) XIX, S.12.

91) Clausewitz/Kuster: Strategie 500 (2011) S.39.

92) Stockhammer: Das Prinzip Macht 1 (2009) S.145-146.

93) Röhrich: Die Politisierung des Islam, S.35-36.

94) Reuter: Die schwarze Macht, 8.

95) Ideologie ist hier keinesfalls mit Religion gleichzusetzen. Ein Angriff auf eine Religion ist nicht nur rechtswidrig im westlichen Verständnis, er ist auch im Rahmen der Zielerreichung aufgrund der Totalisierung des Krieges nicht umsetzbar.

96) Rupp: Nach dem Kampf ist vor dem Kampf, IFK Monitor (September 2015).