Imperiale Parallelen

Die Weltmacht USA im Urteil der Geschichte

Wolfgang Taus

 

Die USA sind heute unumstritten die einzig verbliebene Weltmacht nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums. In den 1990er-Jahren schien es, als würden sie im Zusammenhang mit dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus ein unipolares Herrschaftssystem auf dem Globus installieren. Doch spätestens mit Anbruch des 21. Jahrhunderts zeigt sich immer mehr, dass die USA zur Durchsetzung ihrer weltweiten Interessen Verbündete brauchen - wenn auch in so genannten „wechselnden Allianzen der Willigen“ wie im Irakkrieg 2003. Gerade im Nahen und Mittleren Osten wird vor Augen geführt, wie unipolare neokonservative Machtstrategien Washingtons in der Ära von US-Präsident George W. Bush ins Wanken geraten, ohne die tatkräftige Unterstützung von Verbündeten - u.a. aus der Region. Zweifellos haben die USA auf dem Globus in den letzten 100 Jahren mehr Einfluss ausgeübt als irgendein anderes Land. In diesem Sinn mag man das 20. Jahrhundert als das Amerikas bezeichnen - mehr noch, als man das 16. Jahrhundert mit Spanien, das 18. mit Frankreich und das 19. Jahrhundert mit Großbritannien verbindet. Der Historiker Paul Kennedy etwa geht jedoch davon aus, dass die USA an imperialer Überdehnung leiden. Es ist ein „relativer“ machtpolitischer Abstieg der USA und seiner bisherigen Weltgeltung, der jetzt vor sich geht, zieht man den rasanten ökonomisch-politisch-militärischen Aufstieg etwa Chinas und Indiens in Betracht.1)

Sind die USA ein Imperium?

Nach Kennedy sind die USA ein Imperium - jedoch nicht im streng römisch-juristischen Sinn. „Wir haben keine formellen Kolonien mit einem Generalgouverneur und einer Garnison. Aber wenn man den Begriff flexibler verwendet - Land A hat unverhältnismäßig großen Einfluss auf Land B; Land B wird von Land A geschützt, und die Hauptexporte von Land B gehen in Land A -, dann sind die USA ein Imperium“, so Kennedy.2)
Ein Imperium (von lateinisch imperium: Oberbefehl, Herrschaft, Gewalt oder imperare: „befehlen, beherrschen“) ist definiert durch die Möglichkeit, Macht auch außerhalb der eigenen (Staats-)Grenzen auszuüben. So findet der Begriff heute auch Anwendung in der Wirtschaft (Firmenimperium). Im Römischen Reich gehörte der Begriff Imperium zum Konzept der rechtlichen Amtsbefugnisse. Ein Mann, der ein Imperium innehatte, hatte absolute Macht innerhalb des Zuständigkeitsbereichs seines Amtes, konnte aber per Veto oder Mehrheitsbeschluss durch den oder die Inhaber eines höhergestellten Imperiums überstimmt werden. Einige außergewöhnliche Aufträge wie das berühmte Kommando des Gnaeus Pompeius Magnus gegen die Piraten waren mit einem Imperium maius ausgestattet, was bedeutete, dass es alle Inhaber anderer Imperia innerhalb des Auftrags überragte (in Pompeius’ Fall auch die Konsuln). Ein ähnliches Imperium maius wurde später ein wichtiger Bestandteil der Amtsgewalt der römischen Kaiser und gab ihnen die Möglichkeit, auch in den Provinzen einzugreifen, die formell dem Senat unterstanden (senatorische Provinzen).3)

Aufstieg zur Weltmacht USA

Um 1900 schien es so, als gehörten die traditionellen Großmächte wie Frankreich, Spanien und die Habsburgermonarchie zu den Verlierern, und das 20. Jahrhundert würde von vier miteinander rivalisierenden Imperien dominiert werden: dem britischen, dem russischen, dem amerikanischen und dem deutschen. Die Amerikaner sprachen damals von der manifest destiny ihres Landes, der Bestimmung, die Welt mit amerikanischen Werten zu beglücken. Es war allerdings der Ausgang des Rennens um die Vorherrschaft der Welt in den kommenden 100 Jahren für die meisten Strategen völlig offen. Nur wenige außerhalb der USA - der britische Premierminister William Gladstone und vielleicht der deutsche Kaiser Wilhelm II., der 1896 die europäischen Staaten zur Einigung aufrief, um sich gegen die zukünftige ökonomische und politische Vormacht der USA zu wappnen, fühlten, dass dieses Land eines Tages Mittelpunkt der Weltgeschichte sein könnte. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war das US-Bruttosozialprodukt genauso groß wie das aller anderen Großmächte zusammengenommen. Es erwiesen sich diejenigen als hellsichtig, die instinktiv begriffen, dass die riesigen Ressourcen früher oder später die Balance der Großmächte beeinträchtigen würden. Dazu zählten etwa der britische Außenminister Sir Edward Grey oder der junge Winston Churchill, der die USA als eine „riesige Industrie-Maschine“ bezeichnete. Während des Ersten Weltkrieges war der finanzielle Einfluss Amerikas spürbar, und im entscheidenden Jahr 1918 beendeten seine Armeen das militärische Patt an der Westfront. Der Aufruf des damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson nach nationaler Selbstbestimmung, einem Frieden ohne Sieg, der Freiheit der Meere und einer neu zu errichtenden internationalen Ordnung, veränderte die globale politische Landschaft nachhaltig. Nach 1919 waren die USA eine sehr zurückhaltende Großmacht. Der US-Kongress votierte für Isolationismus und Neutralität. Eine Mitgliedschaft im Völkerbund, den Wilson zuvor geschaffen hatte, wurde nicht mehr in Betracht gezogen. Die US-Streitkräfte, in den Jahren 1917/1918 massiv aufgerüstet, wurden genauso massiv wieder verringert. Währenddessen vergrößerte sich aber der Einfluss der US-Wirtschafts- und Finanzpolitik im Ausland kontinuierlich. Nach dem Börsensturz an der Wall Street 1929 suchte die Welt nach einem ökonomischen Rettungsanker. Doch obwohl Washington die Mittel für diese Rolle besaß, verweigerte es sich. US-Präsident Roosevelt und seine Berater wären nach Meinung mancher Experten alleine nicht in der Lage gewesen, die USA aus dem Isolationismus herauszuziehen, hätte es nicht die zunehmende Bedrohung durch Hitler-Deutschland und die damalige japanische Militärführung gegeben. Mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941, als Frankreich und die kleineren europäischen Länder von Deutschland besiegt waren, die Sowjetunion angegriffen und Großbritannien belagert wurde, kehrten die USA auf die Weltbühne zurück. Je weiter der Krieg voranschritt, desto deutlicher trat das ungeheure Potenzial Amerikas hervor: Für jedes von deutschen U-Booten versenkte Handelsschiff bauten die USA drei neue; jedes über Europa oder dem Pazifik abgeschossene alliierte Flugzeug ersetzte Amerika durch fünf neue. 1944 wurden allein 96.318 Flugzeuge produziert. Alle paar Wochen lief ein Flugzeugträger vom Stapel.4) Die USA hatten nun das alte britische Empire als die größte See-, Handels- und Finanznation abgelöst. Schon im Februar 1941 schrieb der amerikanische Verleger Henry Luce in seinem „Life“-Magazin einen Artikel mit dem Titel „Das amerikanische Jahrhundert“. Die USA würden laut Luce der Schlüssel für die Zukunft sein, der große Bruder in einer „internationalen Staatenbruderschaft“, so Luce.5) Der nach dem Zweiten Weltkrieg hereinbrechende Kalte Krieg mit der Sowjetunion und die sich immer schneller drehende konventionell-nukleare Rüstungsspirale förderten das weltweite Engagement der USA, verdeckten jedoch zugleich die einzigartige Stellung Amerikas. Trotz erlittener nationaler Traumata wie des Vietnamkrieges gelang es den USA auf Grund ihrer gewaltigen Ressourcen das sowjetische Imperium niederzurüsten, was u.a. den Zusammenbruch sowjetischer Macht und das Ende des Ost-West-Konfliktes herbeiführte. In den 1990er-Jahren begann der Siegeszug der nunmehr globalisierten kapitalistischen Wirtschaft (mit all seinen positiven wie negativen Auswirkungen) die Welt umzugestalten. Während Francis Fukuyama dem „Ende der Geschichte“6) im Sinne einer internationalen Staatengemeinschaft, in der die Vorzüge liberalen Wirtschaftens Geltung haben, das Wort redete, verloren sich nach und nach diese allzu optimistischen Perspektiven im Dickicht des von Sachzwängen gebundenen globalen Handelns.

Imperiale Parallelen - damals und heute

Imperien sind mehr als große Staaten: Sie bewegen sich in einer ihnen eigenen Welt. Staaten sind in eine Ordnung eingebunden, die sie gemeinsam mit anderen Staaten geschaffen haben, und über die sie daher nicht allein verfügen. Imperien dagegen verstehen sich als Schöpfer und Garanten einer Ordnung, die von ihnen abhängt und die sie gegen den Einbruch des Chaos, der für sie eine ständige Bedrohung darstellt, verteidigen müssen. Aus historischer Perspektive sind u.a. sprachliche Wendungen wie die von der „Achse des Bösen“ nichts Neues und Besonderes. Vielmehr durchziehen sie die Geschichte der Imperien wie ein roter Faden, meint etwa Herfried Münkler.7) Um quasi die Ordnung und damit das Gute gegen das Böse (andere kulturelle Einflüsse etc.) zu verteidigen, bedarf es einer imperialen Mission als grundlegender Rechtfertigung der Weltreichsbildung. Die politische Ordnung z.B. des europäischen Raumes hat sich nach dem Untergang des Römischen Reiches so entwickelt, dass es keine dauerhafte und handlungsfähige imperiale Macht mehr gegeben hat, wohl aber eine Menge von Anwärtern auf diese Rolle, die aber alle frühzeitig gescheitert sind. Diejenigen Imperien hatten demnach eine längere Dauer, die in ihre Randbereiche investierten und so dafür sorgten, dass die Peripherie am Fortbestand des Imperiums ebenso interessiert war wie das Zentrum.
Aufstieg und Verfall von Imperien vollziehen sich immer nach ähnlichen Handlungszwängen und Gesetzmäßigkeiten. Zu diesem Schluss kommt nicht zuletzt der deutsche Historiker Ralph Bollmann.8) Auch wenn Vergleiche hinken, unternimmt er dennoch einen gelungenen Versuch der Gegenüberstellung des spätantiken Römischen Imperiums mit dem westlichen unter Führung der USA. Dabei ist der Begriff „Imperium“ bei ihm grundsätzlich positiv besetzt. Dem Römischen Imperium als einer Zone relativer politischer Stabilität, ökonomischer Prosperität und hoher innerer Mobilität entspreche laut Bollmann dabei der moderne Westen, also die Wohlstandszone der Nordhalbkugel unter Einschluss der USA, Japans und der erweiterten EU - einschließlich einiger Länder, die wie die Schweiz oder Israel auf Grund ihrer Geschichte oder geografischen Lage eine gewisse Sonderrolle spielen - vergleichbar mit Ägypten oder Palästina in der Antike. Trotz aller Unterschiede lassen sich dennoch interessante Parallelen feststellen - und um die geht es hier. Ähnlich wie der römische Kaiser kommt dem US-Präsidenten heute zwar die unbestrittene politische Führungsrolle innerhalb des westlichen Imperiums zu, doch wie damals im alten Rom konnte und kann er nicht überall auf Zustimmung hoffen. Er fand nur unter besonders günstigen politischen Umständen in dieser Zone überall Anerkennung. Zu anderen Zeiten wird die Meinungsbildung zu weltpolitischen Thematiken etwa in Brüssel und in den einzelnen EU-Hauptstädten der wichtigsten Mitgliedsländer bestimmend - ähnlich wie zu Zeiten des Römischen Imperiums etwa in Trier oder Konstanti­nopel. Richtungweisende Appelle aus den jeweiligen imperialen Zentren - damals aus Rom, heute aus Washington - bleiben dann eher ohne nachhaltige Wirkung. Schon im römischen mediterranen Imperium konnte man von einer antiken globalisierten Ökonomie und Kultur sprechen. Einem Reisenden in der Antike bot sich ein ähnliches Bild wie einem Touristen von heute: überall die vertrauten Einkaufszentren und Fastfood-Ketten. Damals waren es die gleichen Theater, Tempel, Thermen oder Garküchen - bis in die entlegensten Winkel des Imperiums und darüber hinaus. Die heutige globalisierte und technisierte Welt hat ganz andere Einflussmöglichkeiten als damals. Die sich seit den 1970er- und 1980er-Jahren rasant entwickelnden neuen Technologien auf dem Gebiet des Computerwesens, der Kommunikationssysteme (Internet, Satellitentechnik etc.), neuer Software und die Entstehung eines globalen Datennetzes brachten eine Wissensrevolution hervor, die nur in einer dezentralisierten Gesellschaft und Wirtschaft entstehen konnte. Die Welt wurde auf diese Weise zunehmend zum „globalen Dorf“. Diese Wissensrevolution schuf gewissermaßen eine sich selbst verstärkende Rückkoppelung, die wiederum denjenigen einen Vorteil verschaffte, die sie wie Microsoft-Gründer Bill Gates einst angestoßen hatten. Aber nicht nur die amerikanische Wirtschaft wurde damit gestärkt, auch die Kampfstärke der US-Streitkräfte erlebte einen Senkrechtstart, der sie in strategischer und taktischer Hinsicht vielfach konkurrenzlos machte. In der antiken Welt der hellenistisch-römisch geprägten Wohlstandszone wurden mit den damaligen technischen Mitteln und dem zeitgemäßen Wissensstand über vernetzte Wirtschaftsströme zum Wohle des Imperiums ähnliche - wenn auch mehr oder weniger (früh-)kapitalistische - Ziele verfolgt wie in der Gegenwart. Allerdings gab es einen echten Kapitalismus nach heutigen Maßstäben damals noch nicht. Rom verfügte aber während der Republik wie während der Kaiserzeit über eine hoch entwickelte Geldwirtschaft, die bis zur grassierenden Inflation des dritten nachchristlichen Jahrhunderts ziemlich gut funktionierte.9)
Die Befreiung des Kapitals im 20. Jahrhundert - insbesondere vorangetrieben seit US-Präsident Ronald Reagan und in Großbritannien unter Premierministerin Margaret Thatcher - ließ auf einmal riesige Kapitalströme auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten um die Erde kreisen. Sie belohnten Länder und Regionen, die den US-Praktiken des liberalen bzw. neoliberalen Kapitalismus folgten, und bestraften jene, die ihnen zu widerstehen versuchten. Ein Blick zurück in die Geschichte lohnt sich: Nach der Zerstörung Karthagos 146 v. Chr.10) fand sich Rom plötzlich in eine ähnliche Lage versetzt wie der Westen seit dem Untergang der UdSSR 1991, schreibt Bollmann.11) Wie nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums mit all seinen Satellitenstaaten, so wuchs damals die antike Welt im Mittelmeerraum immer mehr zu einem Ganzen zusammen. Zwischen Gibraltar und der arabischen Wüste nahm der freie Personen- und Güterverkehr stark zu. Und Kritiker der diesbezüglichen Globalisierung gab es damals - wie heute - auch. Der erste prominente Kritiker war der ältere Cato (234-149 v. Chr.), der v.a. die Abkehr von altrömischen Tugenden anprangerte. Viele der antiken Autoren beklagten den angeblichen Niedergang, das immer größer werdende soziale Gefälle zwischen Reich und Arm, die Vergnügungssucht der Massen und überhaupt den Verlust altrömischer Sicherheiten in einer mediterranen Massenkultur. Dennoch erklärte sich die lange Lebensdauer des Römischen Imperiums daraus, dass der Globalisierungsprozess gerade zu einer Angleichung des Wohlstandsniveaus führte.12)
Die Politik des imperialen Zentrums war in vorausschauender Weise nicht auf eine Ausbeutung der Randzonen des Reiches ausgerichtet, sondern es sollte ein einheitlicher Wirtschaftsraum mit entsprechender Infrastruktur geschaffen werden, der in seinem Inneren nicht durch Grenzen, Kriege oder kulturelle Differenzen gestört wurde. Frühere periphere Provinzen wie Gallien oder Spanien nahmen einen rasanten Aufschwung, der auf heutige Verhältnisse übertragen etwa auf Schwellenländer anwendbar ist. Italien sah hingegen seinen ökonomischen Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt ebenso geschmälert wie in der Gegenwart die westlichen Industriestaaten als Wohlstandszone unter Führung der USA.
Die schrankenlose Ausbreitung amerikanischer Kultur über den Globus - auch wenn sie gar nicht immer gern gesehen wird - hatte ihr Pendant u.a. in der Verbreitung hellenistisch-römischer Kultur in der Antike. Lokale Sitten und Gebräuche verschwanden, regionale traditionelle Kleidung wurde nicht mehr als zeitgemäß angesehen und daher nicht getragen; ja sogar lokale Sprachen kamen zugunsten des Lateinischen oder Griechischen außer Gebrauch. Einheimische Religionen wurden neu interpretiert, damit sie mit dem römischen Götterglauben kompatibel waren.
Rom berief sich ganz offiziell auf seine griechischen Ursprünge, sah sich selbst als eine neue, bessere Version des Griechentums, als Heimstatt all jener, die eine Zuflucht suchten vom immerwährenden Krieg und Elend in der „alten Welt“. Ganz ähnlich sind in den Anfängen Amerikas viele Europäer in die „neue Welt“ ausgewandert, um - zum Teil politisch und religiös verfolgt - dort ein besseres Leben und ein „besseres Europa“ - jenseits von Krieg und Gewalt - aufzubauen. Italien wiederum war für die Griechen ursprünglich so etwas wie eine „neue Welt“ jenseits des Ionischen Meeres, die Wohlstand und neue Möglichkeiten versprach, ohne die engen Grenzen und starren gesellschaftlichen Hierarchien in den alten Stadtstaaten. Gewissermaßen kann man vom antiken Traum des amerikanischen Aufbruchs aus den Wirren des alten Europas sprechen. Es war damals wie heute auch der Beginn einer nicht immer ungetrübten, aber engen Beziehung zwischen Römern und Griechen wie zwischen Amerikanern und Europäern.
Um den Status einer Supermacht zu erlangen, bedurfte es zunächst der inneren Einigung der „neuen Welt“ - im Falle der USA durch den freiwilligen Zusammenschluss der ehemals britischen Kolonien; im Falle Roms durch die gewaltsame Unterwerfung der süditalienischen Griechenstädte im Zweiten Punischen Krieg (218-201 v. Chr.).
An dieser Stelle sei ein kurzer Exkurs im Hinblick auf die geschichtliche Entwicklung Russlands erlaubt: Vom 9. bis ins 12. Jahrhundert, also vom Jütländer Rurik über Jaroslaw den Weisen bis zu Wladimir Monomachos, rangen die Vorväter des aufkommenden russischen Reiches mit vielerlei Feinden - mit den Chasaren aus den Steppen Asiens, mit den Kimmerern, mit ihresgleichen in Erb- und Bürgerkriegen und schließlich mit den Tataren, die bald ein ausgefeiltes System von Statthaltern und Steuervögten etablierten. Mit dem Fall von Konstantinopel als Hauptstadt von Ostrom/Byzanz unter dem Beschuss der osmanischen Artillerie im Jahr 1453 hörte das Römische Reich endgültig auf zu existieren. Doch die so genannte translatio imperii fand bald eine mindestens gedanklich-religiöse Fortsetzung, indem die orthodoxe Kirche ihr „drittes Rom“ nun in Moskau etablierte - unter dem Schutzschild der russischen Großfürsten, die dafür auch familiäre Bande mit dem letzten byzantinischen Herrschergeschlecht geknüpft hatten. Der Doppeladler wanderte als Wappentier mit; der Titel eines Zaren oder Kaisers kürte den Regenten; der Glaube, gefasst als Institut über die östliche Christenheit, wurde zum Motor einer nicht nur spirituellen Kolonisierung: Iwan IV. nahm den Auftrag der ecclesia militans ganz wörtlich - als Kreuzritter befehdete er die Tataren, eroberte Gebiete im Kaukasus bis nach Sibirien und alimentierte das Militär mit neuartigen Taktiken und Waffen. Am Ende scheiterte die Quadratur des Kreises als Grundeffekt im System: Russland als imperiales Gebilde - später die Sowjetunion - im Vielvölkerreich zu behaupten, im Konzert der Großmächte bis in den Weltraum zu katapultieren, ökonomisch abzusichern und mit gleichwohl „nationaler“ Identität zu unterfüttern.13)
Zurück zur Antike: Erst die Ausschaltung der gleichrangigen Rivalen Tarent und Syrakus machte den italischen Westen zu einer politischen Einheit und schuf damit die Voraussetzung für die spätere Vormachtstellung Roms. In die politischen Wirren der alten Welt mischten sich die werdenden Supermächte erst spät und unfreiwillig ein. Die USA gaben 1917 dem Drängen Frankreichs und Englands nach, an ihrer Seite in den Krieg gegen das kaiserliche Deutschland und das Habsburgerreich einzutreten. Im Herbst 201 v. Chr. kam ein Gesandter der beiden griechischen Stadtstaaten Rhodos und Pergamon in den römischen Senat und bat um den militärischen Beistand Roms für die bedrängten Griechen gegenüber dem makedonischen König Philipp V. In beiden Fällen setzten die jeweiligen politischen Entscheidungsträger den Kriegseintritt am Ende gegen eine widerstrebende Öffentlichkeit durch. Die USA führten den Ersten Weltkrieg, Rom seinen Zweiten Makedonischen Krieg (200-197 v. Chr.). Nach den siegreichen Ausgängen auf den jeweiligen Kriegsschauplätzen drängten die jeweiligen Großmächte darauf, sich so rasch wie möglich aus dem Engagement aus Übersee zurückzuziehen und eine isolationistische Haltung einzunehmen. Die USA handelten so nach den Friedensschlüssen 1919; Rom zog sich 196 v. Chr. völlig aus Griechenland zurück. Es wurden auch keine Tributzahlungen eingefordert. Doch so wenig wie die Europäer waren die Griechen bereit, ihre alten Gegensätze zu überwinden und den von außen erzwungenen Frieden aus eigener Kraft zu bewahren. Dem Zweiten Makedonischen Krieg folgte bald ein römischer Feldzug gegen den syrischen König Antiochos III., dann ein Dritter Makedonischer Krieg und schließlich die Zerstörung Korinths durch römische Legionäre im Jahr 146 v. Chr. Griechenland als altes Machtzentrum war ab nun der Vorherrschaft der neuen westlichen (römischen) Supermacht ausgeliefert. Ebenso kehrten die USA spätestens mit dem offiziellen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg auf die Weltbühne zurück und wurden nach dessen Ende zumindest für Westeuropa insbesondere zum militärischen Schutz- und Schirmherrn des alten Kontinents als eine dominierende „europäische Macht“.
Bei aller gegenseitigen Einflussnahme blieben und bleiben heute wie damals beträchtliche Unterschiede in politischen Grundeinstellungen ebenso bestehen wie in Fragen der Alltagskultur. Von der Militärpolitik über die Todesstrafe bis zum Umweltschutz durchziehen solche Gegensätze auch heute nahezu alle Bereiche des transatlantischen Verhältnisses. Ähnlich lagen die Dinge in der antiken Beziehung zwischen Griechen und Römern. Mochte den Griechen das Verhalten der Römer oft als grobschlächtig und brutal erscheinen, so empfanden die Römer das griechische Verhalten nicht selten als schwächlich und naiv.
Robert Kagan etwa behauptet heute ähnlich, die Amerikaner seien vom Mars und die Europäer von der Venus.14) Insofern die Amerikaner an Macht glauben, sehen sie darin ein Mittel zur Förderung der Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschafts- und Weltordnung. Die Amerikaner teilen sogar die Bestrebungen der Europäer nach einer Weltordnung, die nicht auf Macht, sondern auf Regeln basiert. Dennoch: Zur Durchsetzung dieser Regeln sind die USA heute viel stärker und schneller als Europa gewillt, militärische Mittel einzusetzen - wenn es sein muss, auch im Alleingang - ohne UNO und Europa. Hier liegt der tiefere Grund für das Unbehagen der machtpolitisch „schwächelnden“ Europäer, die von hyperpuissance (übermächtiger Stärke)15) der USA sprechen.
Die USA besinnen sich auf eine Unabhängigkeitspolitik, die ältere historische Wurzeln hat, auf jene einzigartige amerikanische Form des universalistischen Nationalismus. Die Europäer hingegen hatten und haben sich nach zwei verheerenden Weltkriegen von einer militärischen Machtpolitik abgewandt. Was die Europäer heute der Welt anzubieten haben, heißt: nicht Macht, sondern die Überwindung von Macht mit dem festen Willen zur „Einheit in Vielfalt“.
Das ist es, was aber auch die Amerikaner wollen. Doch leben sie nicht (nur) in diesem „postmodernen Paradies“ eines kantischen „Ewigen Friedens“ (wie die Europäer unter dem „militärischen Schutzschild“ der USA). Die USA haben als globale Ordnungsmacht auch die Untiefen und lauernden Gefahren einer Hobbes’schen Welt der „Gesetzlosigkeit“ zu meistern. Darin liegt die oftmalige emotionale Diskrepanz zwischen Europäern und Amerikanern, wie sie jeweils die Welt sehen.16)
Die geopolitische Lage der USA beeinflusste das politische Denken stark und nahm Amerika gegen Europa und europäische Ideologien ein. Mission, Crusade,17) die Frontier (Eroberung des amerikanischen Westens) und die Maritime Strategy, geprägt von Alfred Thayer Mahan (1840-1914),18) hatten maßgeblichen Einfluss auf das strategische Denken aller US-Präsidenten seit Theodore Roosevelt.
Bis in die heutige Zeit findet auch noch das so genannte Gegenküstenkonzept von Nicholas Spykman Anwendung. Dieses ist eine amerikanische Idee, die in europäischen Konzepten (außer in den Überlegungen Großbritanniens) auf Grund der geografischen Lage (Kontinentallage) keinen Platz finden konnte.19)
Während sich die USA für die Ausbreitung und Sicherung ihrer Einflusssphäre noch immer jener militärischen Mittel bedienen, die für die Phase der römischen Expansion in den vorchristlichen Jahrhunderten kennzeichnend waren, erinnert der europäische Umgang mit der eigenen Peripherie eher an die friedliche Integrationspolitik des kaiserlichen Imperiums. Die Eingliederung der Provinzen in die römische Politik und Gesellschaft vollzog sich keineswegs schlagartig, sondern in einem sorgsam abgestuften Prozess. Er begann im Regelfall mit dem Status von Bundesgenossen und fand schließlich mit der Verleihung des Bürgerrechts an alle Provinzbewohner mit Ausnahme der Sklaven im Jahr 212 n. Chr. seine Vollendung. Die Pax Romana verband ähnlich wie heute die Pax Americana auf vielfältige Weise die Metropolen des jeweiligen Imperiums.20) An der Peripherie dagegen war dies nicht immer so. Bedrohten die Bürgerkriege der Barbaren in den angrenzenden Reichsgebieten die Sicherheit Roms, griff Rom zum Mittel der Militärintervention. Hatten die Kampftruppen die Ruhestörer zurückgeschlagen, traten wieder die Grenztruppen als quasi antike Blauhelme auf den Plan. Doch die große ökonomische und soziale Kluft zwischen dem Römischen Imperium und dem so genannten Barbaricum löste einen immer stärker werdenden Migrationsdruck aus. Rom brauchte seine „barbarischen“ Zuwanderer, um sie wiederum zur Kontrolle und Regulierung der Zuwanderung an den Grenzen des Imperiums einzusetzen. Auch heute scheint es so, als würden westliche Streitkräfte u.a. zu dem Zweck eingesetzt, um Machtvakuen außerhalb der westlichen Wohlstandszone zu vermeiden und damit künftige Migrationsströme zumindest zu kanalisieren, meinen manche Experten. Der arabisch-moslemischen Welt scheint heute eine ähnliche Rolle wie den Germanen in der Antike zuzukommen. Sie gilt als schwer zu integrierender Teil des Barbaricums (als Teil jener Gebiete außerhalb der westlichen Wohlstandszone). Die heutige Integrationsdebatte in den westlichen Gesellschaften wurde bereits vorweggenommen in der antiken Diskussion der Integration in das Römische Imperium. Zuwanderungs- und Integrationsprozesse können als Konstanten der Geschichte angesehen werden. Wichtig ist dabei, ob eine Integration innerhalb eines Imperiums gelingt oder ob das Imperium daran zerbricht. Zur Existenzbedrohung wurden jedenfalls jene Integrations-Konflikte nach der militärischen Niederlage der Römer gegen die Goten bei Adrianopel 378 n. Chr. und nach der Plünderung Roms im Jahr 410 n. Chr. durch gotische Söldner Alarichs. Sie verbreiteten in der Stadt Angst und Schrecken (lateinisch „terror“). Nach drei Tagen zogen die brandschatzenden Goten-Horden nach Süden weiter. Der Terror wirkte wie die Anschläge des 11. September 2001 in den USA auf die Psyche, auf das Selbstbild eines Imperiums. Den antiken Zeitgenossen galt dies - obwohl sich für die übrigen Reichsbewohner in ihrem Alltag nachhaltig nicht viel veränderte - als eine Epochenwende. Jahrhundertelang war die gesamte Sicherheitspolitik Roms darauf ausgerichtet, ein solches Ereignis zu verhindern. Zuvor hatte schon einmal ein ähnliches Trauma - das Eindringen der Gallier unter Brennus 387 v. Chr. in die Stadt - den anschließenden Aufstieg Roms zur Weltmacht beschleunigt.
Expansionskriege führte Rom nicht zuletzt u.a. aus einem extremen Bedürfnis an Sicherheit heraus. Stets waren die Römer von außen bedroht, stets mussten sie sich in immer neuen Präventivkriegen gegen künftige Bedrohungen zur Wehr setzen, bis daraus sukzessive ein geschlossenes Weltreich wurde.21) Die Geschichte der USA zeigt ein ähnliches Bild. Immer wieder haben die USA versucht, sich aus den Verwicklungen der alten Welt wieder in ihre splendid isolation zurückzuziehen, was sich schließlich als nicht durchführbar erwies.
Um im Inneren der entstandenen Wohlstandszone Frieden und Sicherheit bewahren zu können, musste und muss damals wie heute ein umfangreiches und immerwährendes Krisenmanagement umgesetzt werden. Am Höhepunkt des Römischen Imperiums etwa unter Kaiser Marc Aurel (161-180) war das so. In wiederholten Expeditionszügen u.a. gegen die ins Reich hereinbrechenden Markomannen suchte Marc Aurel die Stabilität an den Grenzen des Imperiums wiederherzustellen. Mit den Bürgerkriegen etwa im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren erlebte der Westen jenen Typus von Krisen an einer labilen Peripherie. Der Umgang des Römischen Imperiums mit jenen Gebieten, in denen eine politische Organisation oder Staatlichkeit nicht oder nicht mehr existierte (so genannte failed states, wie wir heute dazu sagen würden), war eine schwierige Aufgabe; daran hat sich bis heute wenig geändert. Ein verstärkter Zuwanderungsdruck von Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlingen auf das Römische Reich musste ebenso hingenommen werden, wie dies heute im Westen geschieht. Aber auch ein möglicher Export von Gewalt und terroristischer Bedrohung gehörte und gehört bis in die Jetztzeit zum Repertoire destabilisierender Auswirkungen auf das bestehende Wohlstandsgefüge diesseits der Grenzen. Bereits in der Zeit Marc Aurels drangen einzelne Barbarenhorden bis nach Italien vor. Ökonomischer Wohlstand sowie äußere und innere Sicherheit wurden und werden durch die imperiale Ordnung sichergestellt. Pax Augusta hieß nach dem ersten Princeps etwa diese politische Integrationsideologie. Der Einsatz von Barbaren als Söldner zum äußeren Schutz des Römischen Imperiums führte letztendlich dazu, dass die Barbaren, die später das dezimierte Erbe des antiken Imperiums antreten sollten, erst mit den nötigen militärischen Fähigkeiten22) ausgestattet wurden. Die imperiale „Weltpolitik“ Roms gebot es, in wechselnde Bündnisse mit ausländischen Bundesgenossen einzutreten, wobei der Freund von heute sehr schnell zum Feind von morgen werden konnte und auch umgekehrt. Aktuelle Beispiele dafür gibt es ebenso genug: etwa Libyen unter Muammar Ghadafi oder der Irak Saddam Husseins.

Zusammenfassende Überlegungen

Eine wesentliche Intention zu diesem Aufsatz war es, die auffälligen Ähnlichkeiten und auch Parallelen in der Entwicklung insbesondere an Hand des Römischen Reiches und des „westlichen Imperiums“ unter Führung der USA zu beleuchten.23) Und hier treten neben allen Unterschiedlichkeiten besonders augenfällige parallele Determinanten in der jeweiligen geschichtlichen Entwicklung der Machtzentren hervor. Die wechselvollen Beziehungen zwischen „alter“ und „neuer“ Welt, die imperialen Sachzwänge und Logiken in gesellschaftspolitischer, ökonomischer, kultureller, sozialer, militärischer und sicherheitspolitischer Hinsicht - all das sind Merkmale, die gewissermaßen wie ein roter Faden den Aufstieg und mehr oder weniger langsamen Verfall solcher Imperien durchziehen.
Ähnlichkeiten spiegeln sich auch in den Gefährdungen der imperialen Ordnung wider: religiöser Fundamentalismus, unterentwickelte Krisenregionen an der Peripherie des Imperiums oder Migrationsströme. Migrationsbedingte Probleme wiesen damals und weisen auch heute einiges an Sprengkraft auf. Seit den Markomannen-Kriegen Marc Aurels am Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. hat das, was heute Zuwanderungs- und Integrationsfrage genannt wird, die Politik Roms beschäftigt. Ende des vierten, Anfang des fünften Jahrhunderts spitzte sich die Problemlage anlässlich der gotischen Einwanderung in den Osten dramatisch zu. Die (ost-)römische Politik hatte ein Interesse an neuen Arbeitskräften v.a. als Söldnern. Dabei wollten die Goten das Römische Imperium nicht zerstören, sondern an seinem Wohlstand teilhaben. Sehr bald wurde der gegenseitige Vorwurf mangelnden Integrationswillens laut. Die Spannungen entluden sich schließlich im militärischen Zusammenstoß von Adrianopel 378 n. Chr. Wenige Jahre später schloss Kaiser Theodosius mit den Goten einen Vertrag, der die Ansiedlung der Barbaren innerhalb der Reichsgrenzen regelte. Für Ostrom war die Zuwanderungsfrage damit auf Jahrhunderte gelöst. Damit konnte auch nicht von einem totalen „Scheitern“ der Zuwanderungs- und Integrationspolitik gesprochen werden. Am Ende gelang die Integration von Römern und Barbaren dann doch, aber erst nach einer langen Reihe von Krisen und Konflikten, die den globalisierten Wohlstandsraum der Antike zerstört hatten. Der westgotische Plünderungszug durch Rom 410 n. Chr. weist gewisse Parallelen zum amerikanischen Trauma von 9/11 auf. Doch es hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass eine umsichtige Politik das Gleichgewicht zwischen imperialer Ordnung und dem Chaos einer komplexen Gesellschaft stets neu herstellen kann. Doch ein mehr oder weniger langsames Ende von imperialer Macht scheint aus historischer Sicht gewiss zu sein: Die Abdankung des letzten römischen Kaisers Romulus Augustus 476 n. Chr. besiegelte das Ende des Weströmischen Reiches, während Ostrom/Byzanz erst mit der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 n. Chr. unterging.24)
Es hat sich der Weltherrschaftsanspruch der Imperien von der Antike bis heute immer stärker ausgeweitet. Die Macht der USA erstreckt sich heute nicht nur auf die Beherrschung des Erdraumes, sondern auch auf den Weltraum. Das bezieht sich auf die satellitengesteuerten Marschflugkörper, die die US-Streitkräfte in die Lage versetzen, an jedem Ort auf dem Globus militärisch einzugreifen, aber auch auf die Fähigkeit der USA, die Expansionsphantasien und technologischen Visionen der Menschheit zu bündeln und zu kanalisieren - von der Mondladung über die dauerhafte Stationierung von Menschen in einer Erdumlaufbahn bis zur Besiedlung des Mars. Münkler spricht etwa in diesem Zusammenhang von „Transglobalität“ als wesentlicher Machtressource des westlichen Imperiums der USA.25) Doch dürften antike Parallelen des imperialen Scheiterns durch Überdehnung für heutige Verhältnisse nicht allzu weit hergeholt sein und sollten zumindest zum Nachdenken anregen: Der Irakkrieg 2003 und die mehr als schwierigen Befriedungsbemühungen im Nachkriegs-Irak durch die westliche Supermacht scheinen fast genau am selben Ort ihr antikes Pendant gefunden zu haben: Der römische Kaiser Trajan (98-117 n. Chr.) hatte als letzter römischer Herrscher eine ausgreifende Eroberungspolitik verfolgt. Ein großräumiger Präventivkrieg im damaligen Zweistromland brachte nur vorübergehend einen Erfolg. Ähnlich wie die USA heute wollte Rom damals die unruhige Ostgrenze des Reiches durch eine Art antiken „Krieg gegen den Terror“ nachhaltig befrieden. Das misslang gründlich. Gegen das als arrogant angesehene Auftreten des Römischen Imperiums vor Ort waren sich plötzlich Juden, Mesopotamier und Parther einig. Es entbrannten überall im Osten Aufstände. Nach dem Tod Trajans brach sein Nachfolger Hadrian (117-138 n. Chr.)26) das irakische Abenteuer ab. Ob Trajan deshalb als „George W. Bush der Antike“ angesehen werden kann, sei dahingestellt. Sich solcher ins Auge fallenden geschichtlichen Parallelen aber bewusst zu sein, sollte jedenfalls nicht außer Acht gelassen werden.27)
Heute geht es letztendlich um die entschlossene Verteidigung der liberalen Wertordnung des Westens, verbunden mit einer umsichtigen Politik des Ausgleichs zwischen Imperium und Barbaricum. Dann werde das westliche Imperium noch längere Zeit Bestand haben, glaubt man solch optimistischen Prognosen. Nur eine kluge Politik wird es den USA ermöglichen, noch viele Jahre an der Spitze einer zunehmend multipolar ausgerichteten Welt zu stehen. Anders ausgedrückt: Es geht darum, wie ein Amerika auf kluge Weise seinen relativen Abstieg in weiser Voraussicht managt, ohne dass - wie es Chalmers Johnson28) beschreibt - das Imperium allein auf Grund seiner überdehnten Existenz relativ rasch verfällt. Das muss keine Katastrophe wie am Ende des Römischen Reichs bedeuten. Doch relativer Niedergang heißt, dass andere im Verhältnis produktiver und einflussreicher werden. Wer dieser Situation mit Augenmaß begegnet, müsse sich dann keine übermäßigen Sorgen machen, glauben manche Sicherheitsplaner. Das Schwierige ist aber gerade, sich damit abzufinden.
Die gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgestellten Perspektiven von der Möglichkeit der mehr oder weniger zügigen Ablösung der USA als Weltmacht müssen im angebrochenen 21. Jahrhundert dennoch zumindest relativiert werden. Diese bestanden darin, dass eine Koalition gegen die US-Vormacht auf dem Globus im Prinzip nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würde. Das mag bis zu einem gewissen Grad zwar zutreffend, aber frühestens aller Wahrscheinlichkeit nach mittelfristig realistisch sein.29)
Für manche Politologen wie Emmanuel Todd hingegen sind die USA ein Hegemon im Niedergang. Es ist für ihn nur eine Frage der Zeit, bis diese Implosion einsetzt. Dann wären die USA nur mehr eine Großmacht neben anderen, so Todds Resümee.30)
Die USA haben aber - trotz des Aufstiegs etwa Chinas zur Großmacht - bislang das Potenzial und den Willen, durch ihre Politik der bevorzugten Behandlung der für sie interessanten Staaten genug Anreize zu schaffen, damit diese nicht in eine antiamerikanische Koalition eingebunden werden. Die USA werden ihrerseits nicht nur regionale Vormachtstaaten (wie etwa Saudi-Arabien), sondern auch regionale Großmächte (wie Indien) in ein pro-amerikanisches Bündnissystem einzubeziehen suchen. Ob allerdings die USA als die erste wirklich globale Supermacht auch die letzte sein werden, um auf der Welt Frieden, Wohlstand und Demokratie umzusetzen - wie es Zbigniew Brzezinski einmal ausgedrückt hat31) -, dürfte wohl eher messianisches Wunschdenken bleiben.
Es scheint zumindest ratsam, sich an Voltaires Frage zu erinnern: „Wenn Rom und Karthago fielen, welche Macht ist dann unsterblich?“ Die Antwort des französischen Philosophen lautete: „Keine.“

 


ANMERKUNGEN:

1) Vgl. dazu etwa Karl Pilny: Tanz der Riesen. Indien und China prägen die Welt. Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2006; Harald Müller: Weltmacht Indien - Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2006; David Ludden: Geschichte Indiens. Deutsche Ausgabe Magnus Verlag, Essen 2006; Helmut Schmidt/Frank Sieren, Nachbar China - Helmut Schmidt im Gespräch mit Frank Sieren, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006.
2) Interview mit Paul Kennedy. In: taz v. 20.10.2006, S.12.
3) Siehe dazu etwa ein Überblick zu: Römisches Reich/Römisches Imperium: http://www.antikefan.de/kulturen/Roemisch.html.
4) Siehe Paul Kennedy: Das Jahrhundert der Imperien - Supermacht USA. In: Der Spiegel 46/1998, S.172.
5) H. R. Luce: „The American Century“ reprinted in The Ambiguous Legacy, M. J. Hogan, ed. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 1999., weiterführend dazu: Alan Brinkley, „The Idea of an American Century“: http://www.lse.ac.uk/collections/LSEPublicLecturesAndEvents/pdf/20060207-Brinkley.pdf.
6) Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte - Wo stehen wir? Kindler Verlag, München 1992.
7) Herfried Münkler: Imperien - Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2007, S.8.
8) Ralph Bollmann: Lob des Imperiums - Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens, wjs Verlag, Berlin 2006.
9) Siehe etwa zur Wirtschaft im Römischen Reich: http://sshi.stanford.edu/Conferences/1999-2000/empires/hopkins.pdf, http://geschichtswissenschaften.eu/details/101784.html.
10) Vgl. dazu Klaus Zimmermann: Rom und Karthago. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005.
11) Ralph Bollmann, a.a.O., S.51.
12) Siehe etwa: Simon Adams: Das alte Rom - zwischen Blütezeit und Untergang, 1. Auflage, Arena Verlag, Würzburg 2006.
13) Philip Longworth: Russia. The Once and Future Empire from Pre-History to Putin. St. Martin’s Press, New York 2006.
14) Robert Kagan: Macht und Ohnmacht - Amerika und Europa in der neuen Weltordnung. Deutschsprachige Ausgabe; Siedler Verlag, Berlin 2003.
15) Dieser Ausdruck stammt vom ehemaligen französischen Außenminister Hubert Védrine.
16) Vgl. dazu Gustav Lindstrom (Edited by): Shift or Rift - Assessing US-EU relations after Iraq. In: European Union - Institute for Security Studies - Paris, Transatlantic Book 2003; ebenso Klaus Emmerich: Atlantische Scheidung, Molden Verlag, Wien 2003.
17) „Crusade“ hat im Englischen nicht die Bedeutung des „Kreuzzuges“ (wie es etwa europäische Staaten des Mittelalters zur Eroberung des Heiligen Landes von den Moslems taten), sondern verweist auf das Umsetzen von Ideen mit Nachdruck und Enthusiasmus. „Crusade“ hat auch stark missionarische Züge. Vgl. Edward Rhodes: The Imperial Logic of Bush’s Liberal Agenda. In: SURVIVAL Vol. 45, No. 1, Spring 2003, S.143.
18) Alfred Thayer Mahan: The Influence of Sea Power upon History - 1660-1783. o.O. 1890.
19) Nicholas Spykman: The Geography of Peace. Harcourt & Brace, New York 1944. Nicholas Spykman (1893-1943) empfahl in dem ein Jahr nach seinem Tod publizierten Buch, Deutschland und Japan durch Umwandlung in Demokratien in den US-Herrschaftsbereich einzugliedern. Dagegen wehrte sich Frankreich (1945) und sprach sich vehement gegen jede Integration Deutschlands in welches System auch immer aus. Bereits etwa 50 Jahre zuvor empfahl Mahan (Mahan lehnte sich dabei an den Peloponnesischen Krieg an) Ähnliches, als er nach dem Krieg gegen die Philippinen 1898 die Errichtung von Stützpunkten in Japan verlangte, um Russlands Expansionismus einzudämmen. Aus dieser Sicht ist auch die Gründung der NATO zu sehen. Für Washington bot sich die Möglichkeit, Deutschland und Japan in die großteils amerikanisch geprägte westliche Hemisphäre einzubinden und damit Europa militärisch ruhig zu stellen. Damit konnten die europäischen Staaten nicht mehr einseitig - ohne ausdrückliche Zustimmung Washingtons - agieren.
20) Vgl. dazu Ada Gabucci: Rom und sein Imperium. Theiss Verlag, Stuttgart 2005.
21) Vgl. Simon Baker: Rom - Aufstieg und Untergang einer Weltmacht. Reclam Verlag, Stuttgart 2007.
22) Vgl. Jane Penrose: Rom und seine Feinde - Kriege - Taktik - Waffen. Theiss Verlag, Stuttgart 2007.
23) Siehe dazu etwa Peter Bender: Weltmacht Amerika - Das Neue Rom, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
24) Siehe dazu Ralph-Johannes Lilie: Byzanz - Das zweite Rom, Siedler Verlag, Berlin 2003.
25) Herfried Münkler, a.a.O., S.26.
26) Siehe dazu Anthony R. Birley: Hadrian - Der rastlose Kaiser. Philipp von Zabern-Verlag, Mainz 2006.
27) So schlägt etwa Francis Fukuyama für die US-Außenpolitik vor, dass der begrenzte Nutzen militärischer Macht und die in jeder Beziehung kostengünstigeren Vorzüge multilateraler Diplomatie und anderer „weicher“ Machtmittel wieder neu zu Ehren gelangen sollen. In: Francis Fukuyama: Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg. Aus dem Amerikanischen von Udo Rennert. Propyläen Verlag, Berlin 2006.
28) Vgl. dazu Chalmers Johnson: Ein Imperium verfällt - Wann endet das Amerikanische Jahrhundert? Blessing Verlag, München 2000.
29) Zum Vgl. etwa Henry Kissinger: Die Herausforderung Amerikas - Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Propyläen Verlag, München - Berlin 2002.
30) Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Piper Verlag, München 2003.
31) Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Beltz Quadriga-Verlag, Weinheim und Berlin 1997.