Jemen

Wolfgang Taus

 

Der ehemalige jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh trat am 29. April 2012 auf Druck der Straße als Vorsitzender der regierenden Kongress-Partei zurück. Damit machte er den Weg frei für seinen Nachfolger Abed Rabbo Mansur Hadi, der beim nächsten Jahresparteitag auch den Vorsitz der Kongress-Partei übernehmen soll. Bis dahin wird die Partei vom stellvertretenden Vorsitzenden Abdelkarim al-Iryani geführt.
Saleh musste nach monatelangen Protesten gegen seinen autoritären Führungsstil abtreten und übergab im Februar 2012 die Macht an Hadi.1)
Der Jemen gleicht heute in vielerlei Hinsicht Afghanistan vor dem 11. September 2001: ein von mehreren Stämmen beherrschtes, bewaffnetes und bitterarmes Land, das von jahrelangen Kriegen gezeichnet ist. Gewalt zwischen Stämmen, Bombenanschläge, Entführungen, Militäraktionen, US-Drohnenangriffe: Die Lage ist sehr kompliziert und kaum durchschaubar. Der Jemen gilt als das ärmste Land der arabischen Welt. Das Gebiet, das aufgrund der fruchtbaren Böden in der Antike den Namen „Arabia Felix“ trug, wird diesem heute kaum mehr gerecht.
Innerhalb der nächsten zehn Jahre, so Schätzungen, werden wahrscheinlich die eigenen Ölfelder erschöpft sein, sofern keine neuen Gebiete erschlossen werden. 60% der Staatseinnahmen werden im Ölgeschäft erwirtschaftet.2)
In der jemenitischen Geschichte hat es nie einen echten und dauerhaften Einheitsstaat gegeben. Im Laufe der historischen Entwicklung konnten die jemenitischen Stämme weder im Norden noch im Süden vollständig von den jeweiligen Eroberern unterworfen werden. Deshalb ist das Gefühl der eigenen Identität so stark ausgeprägt, da die alten Kulturen und Lebensweisen in ihren Grundzügen erhalten geblieben sind.
Die heutige Hauptstadt des Jemen, Sanaa, gilt für viele als eine der ältesten Städte der Erde. Noahs Sohn Sem soll Sanaa hoch oben in den Bergen zwischen dem Golf von Aden und der Arabischen Wüste gegründet haben. Heute kann die „Perle Arabiens“ auf zwei Jahrtausende wechselvoller Geschichte zurückblicken. Christen und Moslems lieferten sich hier blutige Auseinandersetzungen, Ägypter und Türken rangen um die Herrschaft.
Zu Weltruhm gelangte Sanaa allerdings schon viel früher: Zu Zeiten der sagenumwobenen Königin von Saba um 1000 vor Chr., als der Handel mit Weihrauch dem Jemen großen Reichtum und eben den Beinamen „Arabia Felix“ - glückliches Arabien - bescherte. (Der Feldzug des römischen Präfekten von Ägypten, Aelius Gallus, nach Südarabien 25/24 v. Chr. mit dem Ziel, den lukrativen Afrika-Handel zu kontrollieren und möglichst den gesamten arabischen Raum für Rom zu erobern, scheiterte.3))
Das überlieferte Wissen um diese Kulturen hat das Selbstbewusstsein der Menschen über Jahrhunderte geprägt. Ein Selbstbewusstsein, das auch seine Schattenseiten hat. So ist der im Volk tief verwurzelte Kampfeswillen der Jemeniten, ihr Land mit allen Mitteln - nach innen und nach außen - zu verteidigen, nicht aus dem Leben dieser Stämme wegzudenken. Immer wieder ist es daher auch zu blutigen Fehden der verschiedenen Clans untereinander gekommen. Schon in vorislamischer Zeit in der Epoche der alten südarabischen Hochkulturen der Sabäer, Minäer und Katabaniten (ab dem 2. Jahrtausend v. Chr.) waren Konturen einer Trennung in die heutigen Gebiete feststellbar.
Nach vorübergehender Einigung des Landes im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde Südarabien 525 vom äthiopischen Königreich Aksum erobert. Unter äthiopischem Einfluss verbreitete sich dann in Teilen Südarabiens das Christentum. Von 570 bis 627 kam der Jemen unter persische Hoheitsverwaltung als eine Provinz des Persischen Reiches.
Mit dem Siegeszug des Islam im 7. Jahrhundert wurde Südarabien schließlich islamisch. In der Hochblüte des Islam auf der Arabischen Halbinsel4) konnten die Jemeniten, die der schiitisch-zaiditischen Sekte der Imamen angehörten, ihre Autonomie in einer mehr als wechselvollen Geschichte einigermaßen bewahren. So wurde der Jemen im 10. Jahrhundert ein unabhängiges Imamat, das rund ein Jahrtausend lang, von Phasen der Eigenständigkeit unterbrochen, unter Fremdherrschaft stand: unter den Fatimiden (11.-12. Jahrhundert), den Ayyubiden (12.-13. Jahrhundert), den Rasuliden (13.-15. Jahrhundert).
1517 eroberten die osmanischen Türken unter Selim I. das Land. Die Türken konnten jedoch nur die Küsten-ebene der Tihama und andere Randgebiete kontrollieren, während der Imam in den schwer zugänglichen Bergen die höchste Autorität der Jemeniten blieb.
Im 16. Jahrhundert besetzten die Portugiesen zeitweise Aden und Sokotra.
1835 annektierte Großbritannien weite Teile des Jemen. Von Aden aus, das nahe der strategisch wichtigen Straße von Bab el Mandeb liegt, konnte das britische Empire die Kontrolle bis Sansibar und große Teile des Indischen Ozeans ausüben.5) 1905 legten das Osmanische Reich und Großbritannien die Grenze zwischen ihren Protektoraten fest. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde der Norden Jemens 1918 ein unabhängiges Königreich, das danach mit dem benachbarten Saudi-Arabien in einen bewaffneten Territorialkonflikt verwickelt wurde.
Erst 1967, nach einem blutigen Guerillakrieg der linksgerichteten Südjemenitischen Befreiungsfront, die von der damaligen Sowjet-union unterstützt worden war,6) gab Großbritannien die Kronkolonie Aden im Zusammenhang mit dem britischen Rückzug „östlich von Suez“ zurück. Die marxistische Befreiungsfront gründete daraufhin die Demokratische Volksrepublik Jemen.
Im Norden hatten republikanisch-orientierte Revolutionäre unter Führung von Abdullah as Sallal 1962 den dort regierenden Imam al Badr gestürzt und die Republik ausgerufen. Der danach ausgebrochene Bürgerkrieg zog sich bis 1970 hin. Dann erst konnten die konservativ-islamischen Stämme ihren Einfluss auf den Nordjemen wieder festigen. 1978 wurde Ali Abdullah Saleh Präsident des Nordjemen. Er übernahm die Herrschaft von einem Militärregime.
Im Südjemen brach 1986 ebenfalls eine „Palastrevolution“ aus, bei der rivalisierende Einheiten große Teile der Hauptstadt des Südens, Aden, verwüsteten.
1972, 1979 und 1981 kam es immer wieder zu Grenzzwischenfällen zwischen dem Norden und dem Süden Jemens. Parallel dazu fanden Verhandlungen statt, die eine politische Union der beiden Staaten zum Ziel hatten.
Bemerkenswert war es, dass sich der Norden und Süden am 22. Mai 1990 dann doch zur Republik Jemen zusammenschlossen. Der vereinigte Jemen ist mit 528.000 Quadratkilometern etwas kleiner als Frankreich und hat 24,1 Mio. Einwohner. Dessen Einheitspräsident wurde schließlich Saleh, der erst 2012 auf Druck der Straße seinen Posten abgab.
Die Vereinigung brachte jedoch nicht den erwarteten Fortschritt, sondern viele Schwierigkeiten. So führte der weiterhin schwelende Konflikt zwischen dem Norden und den Sozialisten aus Aden im Süden wiederholt zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die schließlich vorerst 1994 mit dem Einmarsch der Regierungstruppen aus dem Norden in Aden beendet wurden.
Zusätzlich lähmten und lähmen Stammesfehden den Norden wie auch den einst sozialistischen Süden des verarmten Landes.

Konflikt mit den schiitischen Houthi

Im Juni 2004 brach der regierungskritische Geistliche Hussein Badreddin al-Houthi, Oberhaupt der schiitischen Zaiditengruppe im Nordwesten des Jemen, einen mehr oder weniger erfolglosen bewaffneten Aufstand gegen die großteils sunnitisch dominierte jemenitische Zentralregierung los. Der Geistliche kam schließlich bei Kampfhandlungen im selben Jahr ums Leben.
Der blutige Konflikt endete vorerst im Februar 2010 mit einem Waffenstillstand.
Die jemenitische Regierung behauptete, eigentliches Ziel der Rebellion der Houthis7) sei es gewesen, sie zu stürzen und schiitisches religiöses Recht einzuführen. Die Rebellen entgegneten, sie „verteidigten ihre Gemeinschaft gegen Diskriminierung“ und Regierungsgewalt.8)
1962 beendete eine Revolution im Nordjemen die über tausendjährige Herrschaft der schiitisch-zaiditischen Imame. Sa’da, im Norden des Landes, war ihre Hochburg, und seit ihrem Sturz wurde die Region weitgehend wirtschaftlich ignoriert und blieb unterentwickelt. Gleichzeitig blieb der Einfluss der jemenitischen Regierung auf Sa’da eher gering.
Während des jemenitischen Bürgerkriegs 1994 half das wahhabitische Saudi-Arabien der jemenitischen Zentralregierung bei ihrem Kampf gegen den sezessionistischen Süden.
Riad und Sanaa warfen dem Iran vor, heimlich Waffen über das Rote Meer zu transportieren. Im Oktober 2009 hatte denn auch die jemenitische Marine ein iranisches Schiff abgefangen, das angeblich Waffen für die Houthi-Rebellen geladen hatte. - Teheran bestritt trotz allem jegliche Beteiligung.
Am 25. Mai 2009 startete der Iran seinen ersten Einsatz von Kriegsschiffen am Golf von Aden zur Bekämpfung der Piraterie in Somalia.9) Schließlich entsandte Teheran seine 5. Flotte in den Golf von Aden.10) Zur gleichen Zeit patrouillierten u.a. auch saudische Kriegsschiffe am Golf von Aden, um nicht nur somalische Piraten-Attacken abzuwehren, sondern auch um potenzielle Schiffe mit Waffenlieferungen an die Houthi-Rebellen im Jemen abzufangen, wie manche Kritiker behaupteten.
Der 2004 wieder entfachte Konflikt der großteils sunnitisch geprägten Zentralregierung in Sanaa mit den schiitischen Houthi an der Grenze zu Saudi-Arabien wurde von Riad mit zunehmender Sorge beobachtet. Deshalb beschuldigte nicht nur die jemenitische Regierung den Iran, als Motor hinter dem Aufstand gestanden zu haben.
Bei diesem eher regional begrenzten Konflikt gegen die Houthi-Rebellen trafen und treffen trotz vakanter Waffenruhe de facto regionale Vormachtinteressen Saudi-Arabiens und des Iran aufeinander. Schließlich ist der Houthi-Konflikt ein Fallbeispiel für sunnitisch-wahhabitische Machtprojektionen Riads und versuchte schiitisch-iranische Einflussnahme am Golf von Aden. - Insofern kann auch von einem verdeckten innerislamisch-konfessionellen Machtstreben im Großraum gesprochen werden.

Kampf gegen Al Qaida im Jemen

Die Entdeckung einer neuen Version des Sprengsatzes, mit dem ein Agent von Al Qaida 2009 ein US-Flugzeug zerstören wollte, hat die zunehmende Bedrohung vor Augen geführt, die der im Jemen ansässige Zweig der Al Qaida darstellt.
Dank der politisch instabilen Lage hat sich der lokale Ableger Al Qaidas, die Gruppe Ansar ash-Sharia (Unterstützer des islamischen Rechts), im Jemen ihren Einfluss verstärkt.
Nach Drohnenangriffen auf seine Kämpfer drohte Ende April 2012 der jemenitische Al Qaida-Ableger die Exekution gefangener Regierungssoldaten an.
Ansar ash-Sharia hatte im Verlauf des Jahres 2012 immer mehr Gebiete im Süden des Jemen unter ihre Kontrolle gebracht.
Der militärische Vormarsch der Ansar ash-Sharia war durch die Verlegung von Truppeneinheiten aus dem Süden Jemens in die Hauptstadt Sanaa während der Massenproteste im Frühjahr 2011 ermöglicht worden. Der damalige Präsident Saleh brauchte die Armee zum Schutz seiner Macht und überließ damit den Süden mehr oder weniger den Islamisten. Saleh hatte es während seiner Amtszeit stets verstanden, sich mit den konservativen Islamisten im Süden des Jemen ins Einvernehmen zu setzen. Um die Fiktion eines jemenitischen Nationalstaates aufrechtzuerhalten, war eine gewisse Armeepräsenz erforderlich. Diese Regierungstruppen symbolisierten das Machtmonopol, hatten aber nicht den Auftrag, es durchzusetzen. Saleh bot sich dadurch gegenüber den Amerikanern als verlässlicher Partner im Kampf gegen die örtlichen Al Qaida-Zellen an und forderte dafür Waffenhilfe ein - um sie danach für die Erhaltung seiner Macht zu verwenden.
Den Regierungstruppen gelang es mit der erzwungenen Bündelung ihrer Macht, das Saleh-Regime vor einem Umsturz wie in Tunesien 2011 zu bewahren; dies führte aber zur Preisgabe des Südjemen, da dort die Regierungseinheiten nun fehlten. Dieses Machtvakuum wusste und weiß Ansar ash-Sharia geschickt auszunutzen.
So wurden etwa am 21. Mai bei einem Selbstmordanschlag auf die Armee 96 Menschen getötet. Der Attentäter kam in Uniform und nutzte damit offenbar die Vorbereitungen für eine Parade anlässlich des Nationalfeiertages der Vereinigung des ehemals sozialistischen Südjemens mit dem nördlichen Landesteil aus.
Die wenig motivierte jemenitische Armee tut sich sichtlich schwer, die gut ausgebildeten Al Qaida-Kämpfer wieder zurückzudrängen. Zudem demonstrieren die Al Qaida-Extremisten ihre Macht mit publizitätswirksamen Geiselnahmen.
Dass zumindest die Basis zu einer Übereinkunft zwischen Al Qaida und dem damaligen Präsidenten Saleh bestand, ließ sich aus einem der Dokumente ableiten, das die Amerikaner nach ihrer Tötungsaktion im Mai 2011 auf dem Computer Bin Ladens fanden. Darin ermahnte Bin Laden den jemenitischen Al Qaida-Führer, Nasir al-Wuhaishi, mit der Bevölkerung gute Beziehungen zu unterhalten und die jemenitische Regierung vorerst nicht zu bekämpfen. Allererste Aufgabe sei der Kampf gegen die USA und ihre Handlanger, die saudische Monarchie. Erst wenn diese nicht mehr in der Lage seien, in den moslemischen Staaten einzugreifen, sei der Aufbau des islamischen Staates zu forcieren. Darin wird deutlich, dass dem Terrorpaten schon länger die Kontrolle über das eigene Terrornetzwerk, u.a. auch im Jemen, entglitten gewesen zu sein schien,11) auch wenn die terroristische Bedrohung gerade im Jemen nicht abgenommen hat.
Auch nach dem Tod Bin Ladens hat die Ansar ash-Sharia aktiv den Machtkampf in Sanaa ausgenützt, um im Süden des Jemen weite Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen und deren Einwohnern ihre strikte Auslegung der Scharia aufzudrängen. Zudem dürfte es den Islamisten gelungen sein, viele neue Kämpfer zu rekrutieren.
Dies ist einerseits auf die ökonomische und soziale Vernachlässigung der ländlichen Gebiete durch die Zentralregierung zurückzuführen, die gerade im Südjemen katastrophale Ausmaße angenommen hat. Andererseits haben US-Drohnenangriffe, die auch unbeteiligte Zivilisten getroffen haben, den Hass auf die Amerikaner und damit den Zulauf zu deren erklärten Gegnern verstärkt.
Laut US-Geheimdienstangaben würde die Zahl der Al Qaida-Kämpfer im Jemen auf mehr als tausend geschätzt.
Im Unterschied zum gestürzten Präsidenten Saleh war die heutige Regierung unter dem Übergangspräsidenten Hadi nicht geneigt, sich mit den islamistischen Extremisten zu arrangieren.
Hadi hatte in seiner Antrittsrede einen Kampf gegen die Al Qaida angekündigt. Daraufhin hatten die jemenitischen Streitkräfte und lokale Stammeskämpfer in Abjan den Islamisten heftige Kämpfe geliefert, ohne ihnen jedoch eine entscheidende Niederlage zufügen zu können. Nach dem verheerenden Bombenanschlag vom 21. Mai auf die Armee erklärte Hadi Al Qaida offiziell den Krieg.12) Zugleich wurde eine groß angelegte Offensive gegen Stellungen von Al Qaida lanciert.
Die US-Regierung unter Präsident Barack Obama sieht die Ausbreitung der Al Qaida im Jemen zunehmend als Bedrohung an und hatte seit 2011 die Zahl der Drohnenangriffe auf Al Qaida-Kämpfer erhöht. Die USA kündigten zudem am 25. April an, man werde auch die Einsatzregeln für solche Einsätze weiter lockern.
Die jemenitische Regierung in Sanaa braucht zwar die Unterstützung der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Ansar ash-Sharia, befürchtet aber, dass eine Eskalation der Luftschläge die Sympathien in der Bevölkerung für die Al Qaida-Kämpfer verstärken könnte.
Am 22. April wurde bei einem Drohnenangriff auf zwei Fahrzeuge in der Provinz Marib u.a. der Al Qaida-Führer Mohammed Said al-Umda getötet.
Doch die Al Qaida gleicht einer Hydra mit vielen nachwachsenden Köpfen. Ihre unnachgiebige Haltung schien sich durch die Angriffe noch zu verhärten.
Bei einem Angriff von Aufständischen auf einen Militärstützpunkt im Süden Jemens wurden am 7. Mai 20 jemenitische Soldaten getötet. Weitere 25 Soldaten wurden von den Aufständischen gefangen genommen und eine große Menge Waffen erbeutet. Die Rebellen hatten sich der Basis in der Provinz Abjan zu Land und zu Wasser genähert und die Soldaten im Morgengrauen überrascht.
Die USA erhöhten die Zahl ihrer Militärberater auf Seiten der jemenitischen Regierung in Sanaa.
Nicht überall treffen die Al Qaida-Kämpfer mit ihren strikten Auslegungsregeln des Korans auf Gegenliebe unter der jemenitischen lokalen Bevölkerung. So haben Stammesälteste in der Stadt Lawdar in der Provinz Abjan eine Bürgerwehr aufgestellt, die den Ansturm der Gotteskrieger zurückschlug und die Stadt seither vor der Okkupation durch die Extremisten bewahrte. - Der Unwillen, nach den puritanischen Regeln der Extremisten zu leben, war in Lawdar offenbar stärker als die Abneigung gegen die USA und die jemenitische Zentralregierung in Sanaa.13)
Den Amerikanern gelang im Mai 2012 im Kampf gegen Al Qaida ein großer Propaganda-Coup. Spezialisten des US-Außenministeriums hatten das Online-Netzwerk der Terroristen im Jemen gehackt - und Inhalte verändert, sodass Texte eingebaut wurden, die den Tod muslimischer Zivilisten bei Al Qaida-Attentaten hervorhoben.
Damit sollte das Terrornetzwerk daran gehindert werden, über das Internet neue Mitglieder zu rekrutieren, so die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Taktik der USA gehe demnach auf, da die Extremisten inzwischen „ihre Unterstützer auffordern, nicht alles zu glauben, was sie im Internet lesen“.14)
Mitte Juni 2012 wurde der Kommandant der jemenitischen Streitkräfte im Süden des Landes von einem Selbstmordattentäter getötet. Der Täter hatte sich auf das Auto von Generalmajor Salem Ali Katan geworfen und dann den Sprengsatz gezündet, hieß es.
Der tödliche Angriff war die Antwort von Al Qaida auf die anhaltende Offensive der Armee gegen deren Stellungen im Süden - v.a. in der Provinz Abjan, wo die Islamisten nicht zuletzt mit Hilfe US-amerikanischer Drohnenangriffe im Sommer 2012 immer mehr zurückgedrängt wurden. Ansar ash-Sharia-Anführer gaben als Folge ihrer militärischen Niederlagen ihren Kämpfern den Befehl, wieder zum Guerillakrieg zurückzukehren, den sie vor ihrer Eroberung weiter Gebiete Abjans 2011 geführt hatten.
Die Erfolge gegen die Islamisten waren großteils der Mobilisierung von Stammeskriegern auf Seiten der jemenitischen Armee und der US-Unterstützung aus der Luft zu verdanken. Die Regierungstruppen nahmen danach Stellungen der Aufständischen unter Beschuss.
Dennoch gelang es Al Qaida immer wieder, symbolträchtige Terroranschläge zu verüben. Bewaffnete Al Qaida-Extremisten griffen etwa am 18. August das Zentrum der südjemenitischen Hafenstadt Aden an und töteten mindestens 18 Soldaten. Die Kämpfer griffen zuerst die Wachen am Gebäude des Staatsfernsehens an und ließen anschließend eine Autobombe explodieren.

Fazit

Der Jemen - eine vielschichtige Stammesgesellschaft mit einer reichen Kultur und Geschichte ist und bleibt ein Unruheherd, abseits von Houthi-Rebellen und Al Qaida. Der jemenitische Einheitsstaat, wie er spätestens seit 1994 mehr oder weniger besteht, scheint in geschichtlicher Rückschau eher die Ausnahme als die Regel gewesen zu sein. Deshalb ist es mehr als ungewiss, ob die uralten, mehr oder weniger unsichtbaren Trennungslinien, die Südarabien seit antiken Zeiten durchziehen, nicht doch wieder im 21. Jahrhundert sichtbar und schlagend werden. Diese konnten weder der Islam (ab dem 7. Jahrhundert), noch die osmanischen Türken (seit 1517) und auch nicht die Briten (seit 1839) dauerhaft überwinden.
Ein neuerliches Auseinanderbrechen des Jemen in mehrere rivalisierende Stammesverbände fürchten v.a. die Nachbarstaaten Saudi-Arabien und auch der Oman. Das Beispiel könnte Schule machen und über die nationalen Grenzen überschwappen. Es ist noch nicht so lange her, als in den 1960er-Jahren die omanische Rebellenorganisation in der unruhigen Südprovinz Omans von den Marxisten im Südjemen infiltriert und gegen das Zentrum aufgebaut worden war. Die ideologische und militärische Hilfe kam damals aus Aden.
Heute mehrt sich im Südjemen der Widerstand gegen die „Zwangsehe“ mit Sanaa.15) Die Unabhängigkeitsbewegung im Süden wird stillschweigend von Saudi-Arabien unterstützt, während mit großer Wahrscheinlichkeit die schiitischen Houthi-Rebellen vom Iran Unterstützung erhalten.
Nicht umsonst spricht der in Sanaa lebende jemenitische Dichter Ali AlMuqri von den „unsichtbaren Mauern im Jemen“.16) Die Jemeniten stützen sich auf eine reichhaltige Geschichte des Widerstands gegen Fremdherrschaft. Darauf beruht ihr Stolz.
Die mühsam anvisierte staatliche Befriedung des Jemen erscheint mehr denn je prekär, weil die Regierung in Sanaa nicht die Mittel hat, diese mit dem Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur und Hilfe an die verarmte Bevölkerung abzusichern.
Ein orientalisches Sprichwort besagt: „Jene, die das Schicksal zu einem Leben in Unglück verurteilt, müssen mit Löwen kämpfen - oder sie müssen den Jemen regieren.“
Währenddessen scheinen in Zeiten, wo die Glaubenskrieger Al Qaidas den Jemen immer mehr als neuen Zufluchtsort ausgewählt haben, die Worte Mohammeds über den Jemen aktueller denn je: „Vom Jemen kommt der Glaube. Göttliches Recht kommt vom Jemen. Und vom Jemen kommt Weisheit.“

 


ANMERKUNGEN:

1) NZZ v. 30.4.2012, S.2.
2) Wirtschaftsblatt v. 3.2.2011: http://www.wirtschaftsblatt.at/home/international/wirtschaftspolitik/dem-jemen-fehlt-es-an-vielem-bald-auch-an-erdoel-und-wasser-457648/index.do.
3) K. Buschmann: „Motiv und Ziel des Aelius-Gallus-Zuges nach Südarabien“. In: Die Welt des Orients 22/1991, S.85-93.
4) Vgl: Peter Scholl-Latour: Das Schwert des Islam - Revolution im Namen Allahs, München 1990, S.27ff.
5) Siehe dazu etwa: Wolfgang Etschmann: „Ostafrika im II. Weltkrieg“. In: ÖMZ 3/1994, S.265ff.
6) Vgl: Fred Halliday: „The Yemens - Conflict and Coexistence“. In: The World Today 8-9/84, S.355-362.
7) Al-Houthi sind kein Stamm, sondern eine schiitische Religionsgemeinschaft. Der jemenitische Staat vernachlässige in ihren Augen die Religion und arbeite zu stark mit den Amerikanern zusammen. Die Rebellen haben teilweise Rückhalt in der Bevölkerung, werden aber auch nicht von allen Stämmen im Norden unterstützt, meint etwa Zoé Nautré, deutsch-französische Politologin und Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin (DGAP). - Interview mit Zoé Nautré in Süddeutscher Zeitung v. 16.6.2009: http://www.sueddeutsche.de/politik/morde-im-jemen-die-lage-ist-undurchschaubar-1.456895.
8) „Deadly blast strikes Yemen mosque“. In: BBC News v. 2.5.2008: news.bbc.co.uk/2/hi/7379929.stm.
9) „Iran sends warships to Gulf of Aden“. In: Reuters v. 25.5.2009: http://in.reuters.com/article/2009/05/25/idINIndia-39868320090525.
10) „Iran’s 5th fleet to head for Gulf of Aden“. In: Tehran Times v. 21.1.2010: http://old.tehrantimes.com/Index_view.asp?code=212669.
11) Siehe: Peter L. Bergen: Die Jagd auf Osama Bin Laden - Eine Enthüllungsgeschichte, DVA München 2012, 368 Seiten.
12) „Yemen holds sombre national day after deadly bombing“. In: BBC News Middle East v. 22.5.2012: http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-18163377.
13) NZZ v. 10.5.2012, S.4.
14) „US-Hacker programmieren Qaida-Seiten um“. In: SPIEGEL-Online v. 24.5.2012: http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-hacker-knacken-internetseiten-von-al-qaida-im-jemen-a-834951.html.
15) Yemen’s Southern Challenge: Background on the Rising Threat of Secessionism: http://www.criticalthreats.org/yemen/yemens-southern-challenge-background-rising-threat-secessionism.
16) Ali Al-Muqri, „Die unsichtbaren Mauern des Jemen“. In: Tagesspiegel-Online v. 25.9.2010: http://www.tagesspiegel.de/kultur/geschichten-von-einheit-und-teilung-die-unsichtbaren-mauern-des-jemen/1942340.html.