Putins strategische Ziele

Wolfgang Taus

 

Als der damalige russische Ministerpräsident Wladimir Putin im November 1999 US-Präsident Bill Clinton eher launig seine Weltsicht darlegte, nahm der Westen seine Worte nicht sehr ernst: „Ihr habt Amerika vom Norden bis ganz in den Süden. Ihr habt Afrika und Asien. Ihr könnt uns wenigstens Europa lassen“.1) Damals wurde das von einer ökonomischen Krise geschüttelte Russland (trotz des eigenen Anspruches als wesentliche Atommacht) von Washington als eine zu „vernachlässigende Größe“ angesehen. In seinen ersten Amtsjahren suchte Putin2) den Schulterschluss mit dem Westen. Später fühlte er sich abgewiesen und entwickelte offenbar eine „regelrechte Abneigung“ gegen das frühere Objekt seiner Begierde, „eine Art Hassliebe“.3) Auf einer Tagung der Körber-Stiftung zum Thema „Russland und der Westen“ in St. Petersburg im März 1994 hielt Putin als damaliger Vizebürgermeister von St. Petersburg fest, dass Russland im Interesse der allgemeinen Sicherheit und des Friedens in Europa freiwillig große Gebiete an die ehemaligen Republiken der untergegangenen UdSSR abgegeben habe - darunter auch solche Territorien, die historisch immer zu Russland gehört haben. „Ich denke dabei nicht nur an die Krim oder an Nordkasachstan, sondern etwa auch an das Kaliningrader Gebiet“, so Putin damals.4)
Putins damalige Äußerungen sind heute von hoher Brisanz und weisen offensichtlich auf eine geopolitische „Mission“ hin, die der russische Präsident schrittweise umzusetzen gedenkt - auf dem Weg zum Wiedererstehen Russlands als globale Weltmacht in neozaristisch-postsowjetischen Dimensionen. Der Beitrag versucht die umfassenden zivil-militärischen Instrumente seiner „hybriden Kriegführung“ gegenüber dem Westen zu beleuchten.

Der Geheimdienstapparat an den Schalthebeln der Macht

Putin wurde im August 1999 vom damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin zum Premierminister ernannt. Putin war der sechste innerhalb von 18 Monaten. In der russischen Presse wurde bereits darüber spekuliert, ob Putin eine „längere Halbwertszeit“ haben würde als sein Amtsvorgänger Sergej Stepaschin (bei ihm waren es nur drei Monate). Der ehemalige KGB-Agent Putin setzte dabei von Beginn an auf das vertraute Umfeld: Geheimdienste und Streitkräfte.5) Putin stand ja dem FSB (der Nachfolgeorganisation des KGB) von 1998 bis zu seinem Amtsantritt als Premierminister 1999 vor. So dürfte es ihm nicht schwergefallen sein, die Macht im Lande auf allen Ebenen schrittweise zu festigen.6)
Nach den Protesten gegen Putin in Moskau im Winter 2011/2012 entschied die russische Elite, die liberalen Teile der politischen Opposition zu kriminalisieren, die Kommunisten, Orthodoxen sowie die Monarchisten aber für sich zu gewinnen. Spätestens nach der Ermordung des prominenten Oppositionspolitikers Boris Nemzow7) im April 2015 in Moskau scheint die politische Opposition noch zerstrittener als zuvor.
Die Ideologie des Putinismus beinhaltet jene Idee einer „Russischen Welt“, in der Russland dominiert, und impliziert die „Sammlung der russischen Erde“, also die Möglichkeit der Annexion von Gebieten, in denen Russen leben. Diese Ideologie appelliert an die russisch-orthodoxe Bewegung und auch an die Anhänger des Eurasismus, des geopolitischen Mythos von der permanenten historischen Konfrontation des von Russland beherrschten Kontinents Eurasien mit dem Westen.8)
Obwohl langfristig für Russland seine islamisch geprägten Nachbarstaaten und China eine große Herausforderung sind, hat Putin den Westen und damit einmal mehr das NATO-Bündnis als größte Bedrohung für Russlands Großmachtstreben ausgemacht. Die Angst, ein vom Westen organisierter Umsturz (wie in Kiew9)) könne auch in Moskau gegen ihn gelingen, dürfte ein wesentlicher Antrieb sein, um den alten/neuen geheimdienstlich-militärischen Apparat aus Sowjetzeiten im In- und Ausland wieder zu aktivieren. Dafür braucht es jene hybride „Kriegführung“, die auf zivil-militärische Mittel „unter der offiziellen Schwelle“ eines regulären Krieges setzt.10)

Isborsker Klub als nationalideologische Denkfabrik des Kremls

Im September 2012 wurde der so genannte „Isborsker Klub“ gegründet.11) Beim „Isborsker Klub“12) handelt es sich um eine „national-ideologische“ Denkfabrik des „Systems Putin“.13) Zum innersten Zirkel gehören u.a. der stv. russische Ministerpräsident Dmitrij Rogosin, der russische Minister für Außenhandelsbeziehungen, Sergej Glasjew, der eher national-kommunistische Publizist Alexander Prochanow14) und der eigentliche Chefideologe des Konzepts einer Eurasischen Union, Alexander Dugin.15)
In den Analysen des Klubs wird der „rote Zar“ Josef Stalin16) als großer geopolitischer Stratege gepriesen. Gleichzeitig beklagt man aber, dass die „fünfte Kolonne“, also die „Verräter im Lande“, noch stärker präsent sei als in den 1930er-Jahren unter Stalin. Deshalb wird eine „Revolution von oben“ propagiert, um eine vom Westen unterstützte „farbige Revolution“ (wie nach Meinung des Isborsker Klubs in der Ukraine geschehen) tunlichst einzudämmen und möglichst präventiv abzuwehren. Der Feind ist klar erkennbar: der Westen unter Führung der USA mit seinen liberal-demokratischen Wertmaßstäben.17)
Putin selbst verfolgt hingegen keine klare Ideologie, was auch der Isborsker Klub für sinnvoll erachtet. Weltanschauliche Ambivalenz Putins ist etwa im politischen Umgang mit dem letzten Zaren Nikolaus II. und seiner Familie zu erkennen. Heute werden die Mitglieder der Zarenfamilie in Russland wieder als „Märtyrer und Heilige“ verehrt. Parallel dazu wird jener politische Entscheidungsträger, der letztlich die Ermordung an der Zarenfamilie zu verantworten hatte, nämlich der Revolutionsführer Wladimir I. Lenin weiterhin im Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt. Ebenso verhält es sich mit „Stalin“: So ist es heute in Russland nicht verboten, Stalin zu verehren. Gleichzeitig hat in Moskau ein Gulag-Museum zur Erinnerung an die Schrecken des Stalinismus eröffnet.18)
Die besten „Filetstücke“ aus der Zaren- und Stalin-Ära werden für Putins Russland heute herangezogen, um den Wiederaufstieg Russlands zur Großmacht nach dem Untergang der alten Sowjetunion schrittweise zu forcieren. Dabei gelte es, die Kontrolle über den Umgang mit der russischen Geschichte zu behalten. Schließlich geht es um den Machterhalt als Maxime des politischen Handelns - nach innen und außen - und um geopolitisch-imperiale Macht-entfaltung mit allen zivilen und militärischen Mitteln (ob im Falle des militärischen Engagements auf Seiten des syrischen Regimes von Präsident Baschar Assad, des alten Verbündeten aus Sowjetzeiten; im Falle provokativer Überflüge russischer Kampfjets über NATO-Kriegsschiffe etwa in der Ostsee oder im Falle der militärischen Neuorganisation der russischen Kräfte in der Arktis19)).

Putins globale „Roll-Back“-Strategie der „farbigen Revolutionen“

Die arabischen Revolutionen (besser bekannt als „Arabischer Frühling“), die seit Ende 2010 in den Staaten Nordafrikas ausbrachen und sich schließlich über den arabischen Raum ausweiteten, waren aus Sicht Moskaus „Teil der mehr oder weniger vom Westen gesteuerten, farbigen Revolutionen“.20) Der Kreml mutmaßt seither, dass der tunesische Langzeitpräsident Zine el-Abidine Ben Ali und sein ägyptischer Amtskollege Hosni Mubarak durch von außen gesteuerte Proteste abdanken mussten, v.a. aber, dass die NATO in Libyen 2011 gegen das dortige Regime von Diktator Muammar Ghadafi intervenierte, was am Ende zu dessen Ermordung führte, war für Putin das Überschreiten einer „roten Linie“ durch den Westen, was dieser nun nicht mehr hinzunehmen gewillt war. Russland hatte sich bei der UNO-Resolution, die bewaffnete Aktionen zur Einrichtung einer Flugverbotszone und zum Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen vorsah, der Stimme enthalten.
Auch der Bürgerkrieg in Syrien wird vom Kreml als Teil der farbigen Revolutionen interpretiert, die auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen.21) Der Sturz des prorussischen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch 2014 wurde von Russland als „Verschwörung der USA und der EU“ gegen Moskau angesehen. Putin gab nun den Startschuss zu einer umfassenden Roll-Back-Strategie, die zur russischen Annektierung der Krim und der Unterstützung der pro-russischen Rebellen in der Ostukraine führte. Der militärische Einsatz in Syrien zur Stützung des Assad-Regimes und seiner schiitischen Verbündeten sollte auch unter diesem Gesichtspunkt verstanden werden, auch wenn es Putin darum ging und geht, außenpolitisch Flagge zu zeigen.
Vor dem Hintergrund ernsthafter Spannungen mit Moskau im Ukrainekonflikt22) gegen die nunmehr pro-westliche Regierung in Kiew bestehen in Europa weiterhin Hoffnungen, dass Moskau einlenken und sich wieder in das Konzert der europäischen Mächte deeskalierend integrieren würde. Doch diese Vision scheint sich immer mehr als eine Illusion herauszustellen.23) Die Phase nach dem Ende des Kalten Krieges 1990/91 kulminierte 1997 mit dem NATO-Russland-Gründungsakt, womit de facto Russland als Nachfolgestaat der untergegangenen Sowjetunion nicht mehr als Gegner des Westens angesehen wurde. Doch der russische Präsident Putin ließ seither - trotz kurzer zwischenzeitlicher Annäherung an den Westen - keine Chance ungenutzt, um eine Rückkehr Russlands zur Großmacht und zu möglichst alter territorialer Größe zu ermöglichen. Die hybride Kriegführung Russlands unterhalb jener Eskalationsschwelle, die die NATO offiziell als Anlassfall für militärische Gegenmaßnahmen sieht, brachte das westliche Staatenkonzert in Schwierigkeiten bezüglich der weiteren eigenen Gegenreaktionen auf solche asymmetrische Bedrohungen. Putins neue „Superwaffe“ heißt denn auch „Unberechenbarkeit“.24)

Russlands komplexe zivil-militärische Strategie

„Im 21. Jahrhundert verwischen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden. Kriege werden nicht mehr erklärt, und wenn sie einmal begonnen haben, verlaufen sie nach einem ungewohnten Muster… Die Rolle der nicht-militärischen Mittel beim Durchsetzen von politischen und strategischen Zielen ist gewachsen; in einigen Fällen ist ihre Durchschlagskraft deutlich höher als die von Waffen.“ 25) (Valeri Gerassimow, Generalstabschef Russlands zur neuen Militärdoktrin seines Landes)
Die Modernisierung der russischen Streitkräfte (insbesondere der atomaren Arsenale) umrahmt letztlich die hybride Einsatzdynamik, die der Kreml gewillt ist einzusetzen. Die Militarisierung Russlands zeigt sich auch in den Haushaltszahlen. So soll im Zeitraum zwischen 2011 und 2020 massiv in moderne Waffen investiert und damit 70% aller Waffensysteme durch neue ersetzt werden.26) 2015 hatte Russland mit 66,4 Mrd. USD die vierthöchsten Rüstungsausgaben weltweit - hinter Saudi-Arabien (87,2 Mrd.), China (215 Mrd.) und den USA (596 Mrd.).27)
Das Rückgrat der russischen militärischen Abschreckung sind die eigenen Atomwaffen. Auf ihre Modernisierung legt Putin besonderen Wert. Russland sieht die russischen Atomwaffen auch als Mittel, die konventionelle Überlegenheit der NATO auszugleichen. In Manövern wird denn auch geprobt, wie durch eine solche Taktik eine diesbezügliche militärische Auseinandersetzung „deeskalieren“ könne. Putin war offenbar im Zuge der russischen Annexion der Krim im Eventualfall angesichts nicht auszuschließender westlicher Aggression gegen sein Land auf jede Entwicklung vorbereitet.28) Dahinter stand nicht zuletzt das Kalkül Putins, das dem Westen glauben machen soll, dass er zum Einsatz von Atomwaffen wirklich bereit gewesen wäre. Putin versucht in Krisen die „Eskalationsdominanz“ zu bewahren, indem er gegenüber dem Westen als „unberechenbar“ erscheint. Diesbezüglich dürften ihm kritische Stimmen (wie jene des ehemaligen russischen Finanzministers Alexej Kudrin) bezüglich der Gefahren einer „imperialen Überdehnung“ Russlands nicht wirklich stören.29)
Zu Putins hybrider Kriegführung gehört u.a. der Einsatz von russischen Spezialkräften, den „Speznas“-Einheiten, die als „grüne Männchen“ auf der Krim ohne Hoheitsabzeichen internationale Bekanntheit erlangten. Russische Medien bezeichneten diese als „lokale Selbstverteidigungskräfte“. In Russland unter Präsident Putin erfreuen sich die russischen Spezialkräfte, die unter dem Kommando des militärischen Nachrichtendienstes GRU mit den Einsatzschwerpunkten Aufklärung, asymmetrische Kriegführung und Terrorismusbekämpfung stehen, einer stetig steigenden Bedeutung. So spielten sie etwa im 2. Tschetschenienkrieg (1999-2009) und im Georgienkrieg 2008 eine wichtige Rolle. In jüngster Zeit waren sie ein wichtiger Bestandteil der verdeckten Operationen zur russischen Annexion der Krim im März 2014 und spielen letztlich bis heute eine bedeutende Rolle bei der militärischen Unterstützung der pro-russischen Rebellen in der Ostukraine, insbesondere in den Städten Donezk und Lugansk. Die Speznas-Verbände demonstrieren hier nicht nur ihre Wiederauferstehung als militärischer Machtfaktor, sondern stellen die Speerspitze einer „neuen russischen Kriegführung“ dar. Die geltende Militärdoktrin Russlands beruht zwar auf großen disziplinierten regulären Kräften, die in sorgfältiger Vorplanung koordinierte Operationen gegen einen potenziellen Gegner durchführen. Dabei bestehen relativ geringe Spielräume für den Einsatz von kleinen Einheiten der Spezialkräfte. Der Kreml hat natürlich schon zu Sowjetzeiten auch auf solche mehr oder weniger irregulär und relativ unabhängig agierende Spezialkräfte gesetzt, um auf den Gebieten der militärischen Aufklärung, Desinformation, Propaganda und Ablenkung hinter den feindlichen Frontlinien aktiv werden zu können. Der russische Präsident entscheidet im speziellen Anlassfall über den mehr oder weniger verdeckten Einsatz von solchen flexibel agierenden Spezialkräften in einem komplexen Umfeld, um die nationalen Interessen Russlands durchzusetzen oder zu wahren. Westliche Schätzungen gehen von 15.000 bis 17.000 Speznas-Truppen30) aus, die, aufgeteilt auf verschiedene Truppenkörper der russischen Streitkräfte, im Dienst stehen. Internationalen Einschätzungen zufolge scheint die Kampf- und Wirkungskraft der Speznas-Verbände Russlands dennoch nur knapp hinter dem Standard des britischen Special Air Service (SAS) und der US-Spezialkräfte zu liegen.31)

Propaganda und Desinformation: Der „Informationskrieg“ des Kremls

Moskau nützt heute intensiv das Internet und die sozialen Medien, um „seine Sicht der Dinge“ überall und in möglichst viele Sprachen übersetzt zu verbreiten. Ein besonderes Beispiel dafür war der „Fall Lisa“: Im Jänner 2016 beschuldigte der russische Außenminister Sergej Lawrow öffentlich die deutsche Bundesregierung, keine Ermittlungen im Falle der 13-jährigen Russlanddeutschen Lisa aufgenommen zu haben, die durch Migranten angeblich vergewaltigt worden sei. Die Beschuldigungen entpuppten sich bald als Falschinformationen, sorgten aber unter den 2,3 Millionen Russlanddeutschen und in den russischen und deutschen Social-Media-Netzen für Aufregung. Dies zu einer höchst angespannten Zeit, wo die deutsche Gesellschaft angesichts der Flüchtlingskrise mehr als gespalten war und ist.
Wichtigste Instrumente dieser außenpolitischen Einflussnahme auf die öffentliche Meinung insbesondere in Deutschland sind der TV-Sender „Russia Today“ und die Medienplattform „Sputnik News“. An 130 Standorten in 34 Ländern produziert „Sputnik News“ Nachrichten in dreißig Sprachen. „Russia Today“ wurde schon 2005 mit dem Anspruch gegründet, das globale Meinungsmonopol der angelsächsischen Medien „zu brechen“.32) Weiters werden massiv über diverse soziale Medien wie Facebook oder Twitter im Internet bewusst durch so genannte „Trolle“33) (oft junge russische Studenten) gezielt Desinformationen gestreut. Durch solche zumeist provozierende Interneteinträge und Kommentare versucht der Kreml auf die öffentliche Meinung im Ausland Einfluss zu nehmen. Seit 2009 hat der Kreml zudem die Kontakte zu den rechtspopulistischen Parteien in Europa ausgebaut. Heute existiert eine „Querfront“ der Putin-Freunde, in der sich ganz Rechte und ganz Linke zusammenfinden: eine Art „autoritäre Internationale“.34) Daneben forciert Russland auch vermehrt Cyber-Angriffe wie auf den deutschen Bundestag im Mai 2015, wie deutsche Sicherheitsbehörden bestätigten.
Vieles deutet darauf hin, dass die alten Spionagenetze aus DDR-Zeiten in Zeiten erhöhter Ost-West-Konfrontationen wieder verstärkt von Moskau genutzt werden könnten.35) Putin nutzt auch gezielt die russisch-orthodox und nationalistisch ausgerichteten Motorrad-Rocker „Nachtwölfe“, die schon seit Jahren mit so genannten Gedenkfahrten und Kranzniederlegungen zu Ehren gefallener Rotarmisten zu den Jahrestagen des Endes des Zweiten Weltkrieges etwa in europäischen Großstädten die staatliche Propaganda des Kreml unterstützen.36)

„Systema“-Kampfsportvereine

Russischer Spitzensport wird seit jeher (v.a. aber in der Ära Putin) von staatlicher Seite als eine „nationale Verantwortung“ im Sinne der Stärkung der russischen Identität in der Welt verstanden. In den letzten Jahren hat sich u.a. in der westlichen Welt ein Netzwerk russischer Kampfkunstvereine, genannt „Systema“,37) gebildet. Auf der Eigenwerbung im Internet dieser Vereine ist zu lesen: „Systema beinhaltet die Verteidigung gegen einen und mehrere Angreifer, Waffenkampf, psychische Ausbildung und andere Fähigkeiten… Systema bietet nicht nur eine reale alternative Gelegenheit, den Geist und den Körper zu schulen, sondern schließt die Entstehung und die Entwicklung der Aggressionen dabei aus.“38)
Im Hintergrund dürfte der russische Militärgeheimdienst GRU die Kontrolle über diese Strukturen innehaben.39) Dabei geht es offenbar nicht nur um Sport, sondern auch um verdeckte gezielte Anwerbung über so genannte „Spezialweiterbildungen“ in Russland selbst. „Kontaktanker“ sind etwa Sprachkurse, Wissenschafts- und Studentenaustausch, aber auch paramilitärische Waffenausbildungen in Russland. Solche Trainings leiten meist GRU-Offiziere.40) Westliche Polizeibeamte, Militärs, Justizbeamte und Angehörige privater Sicherheitsfirmen stehen dabei im Hauptfokus, um sie als „Kunden“ zu gewinnen. So sei es aus Sicht westlicher Kritiker das Ziel Moskaus, mit „Systema“ eine Art „Militär-Outsourcing und -Export“ im Westen zu betreiben, um zumindest bestimmte Meinungsbildungsprozesse in offenen Gesellschaften im Sinne des Kremls zu forcieren.

Abschließende Bemerkungen

Es steht außer Frage, dass auch alle anderen großen Mächte (insbesondere die USA und China) ihr umfassendes Repertoire der „hybriden“ zivil-militärischen Abwehr- und Einfluss-Strategien zum Einsatz bringen, um etwa bestimmte Entwicklungsprozesse und öffentliche Meinungen in jeweils gewünschter Weise im Ausland zu „verzerren“ bzw. zu beeinflussen. Doch scheint derzeit der Kreml besonders geschickt auf dieser Klaviatur zu spielen. Bis zur Epochenwende des losgebrochenen Ukrainekonflikts mit der russischen Annexion der Krim und der mehr oder weniger verdeckten direkten Einflussnahme Moskaus in der Ost­ukraine schien insbesondere Europa die offensichtliche Verwirklichung einer russischen „Roll-Back“-Strategie mit umfassenden zivil-militärischen Mitteln gegenüber westlichen militärisch-politisch-ökonomischen und gesellschaftlichen Zielsetzungen in der Welt noch nicht genug ernst genommen zu haben. Doch seither hat sich viel geändert.
Für Putin war und ist eine Eingliederung der Ukraine in die Strukturen von NATO und EU das Überschreiten einer roten Linie, die Russlands nationale Interessen massiv bedrohe, heißt es von Seiten des Kremls. Der Westen sah in der russischen Lancierung einer hybriden verdeckten Kriegführung in der Ukraine die Würfel gefallen, um entschiedener gegen Moskau Maßnahmen zu ergreifen - dazu gehören auch Wirtschaftssanktionen. Als wichtigstes Ergebnis des NATO-Gipfeltreffens in Wales im September 2014 wurde ein Aktionsplan („Readiness Action Plan“) als Antwort v.a. auf die insbesondere von Moskau geschaffenen Herausforderungen auf die Beine gestellt. Auf Rotationsbasis wurde „eine regelmäßige Präsenz und militärische Aktivitäten von Luft-, Land- und Seestreitkräften im östlichen Teil des Bündnisses“ festgeschrieben. Dazu gehört auch die Etablierung einer so genannten „Speerspitze“, der Very High Readiness Joint Task Force. Mit Blick auf die nicht unerheblichen russischen Minderheiten in den baltischen Staaten könnte Russland künftig dazu verleitet sein, verdeckte zivil-militärische Interventionen (unterhalb der offiziellen Schwelle eines Krieges) mit vermeintlichen Ungerechtigkeiten zu begründen. Die Gretchenfrage bleibt aber, ab welcher Signifikanz einer solchen „hybriden Krise“ der Bündnisfall eintreten würde. Da solche verdeckten hybriden Kriegführungsstrategien Moskaus so angelegt sind, dass sie als solche nur sehr schwer zu entlarven sind, ist es im erhöhten Interesse der NATO und der EU, geeignete Indikatoren für ein Frühwarnsystem zu schaffen.41) Neben umfassenden militärischen Kapazitäten und dementsprechend weitsichtig lancierten Einsätzen gehören auch Cyber- und Informationsoperationen und eine ressortübergreifende, vernetzte strategische Kommunikation dazu. Es geht darum, vor dem Hintergrund hybrider gegnerischer Interventionstaktiken eine reformierte, effektive, komplexe Abschreckung aufzubauen.
Ob Putins Vision wirklich am Ende ein (zumindest meinungspolitisch) von Moskau dominiertes „Europa von Wladiwostok bis Lissabon“ wäre, wie es Boris Reitschuster42) im Sinne Stalin’scher Denkstrategien betont, bleibt dahingestellt. Jedenfalls zeigen die neo­imperialen Machtprojektionen Russlands unter Putin (mitsamt den allen hier schlaglichtartig dargestellten zivil-militärischen Strategien), dass er offensichtlich keine Mittel und Risiken scheut, um seine Nation wieder ganz nach vorne zu bringen.
So ist das systematische Behindern und Einschüchtern von diplomatischen Gesandten und deren Familien für autoritäre Regime ein erprobtes Mittel, um Druck auf die Regierungen anderer Länder auszuüben. Derartige Praktiken zwischen dem Westen und Moskau kannte man bislang nur aus der Ära des Kalten Krieges. Doch nun scheinen diese Gewohnheiten gegenüber westlichen Diplomaten in Moskau eine Wiederbelebung zu erfahren.43)
Auch wenn Putin immer wieder betont, er wolle auch keinen neuen Kalten Krieg, gibt es dafür zumindest in den USA eine patente Antwort - den „Ententest“: Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es vermutlich auch eine.44)


ANMERKUNGEN: 

1) Francois Thom: „La guerre cachée du Kremlin contre L’Europe“. In: Politique Internationale 147/2015. Online: http://www.politiqueinternationale.com/revue/read2.php?id_revue=147&id=1374&search=&content=texte.
2) Putin (Jahrgang 1952) - Russischer Premierminister (1999-2000 sowie 2008-2012); russischer Präsident (2000-2008) und erneut ab Mai 2012. Eine gute Lektüre zur Personalrochade zwischen Putin und Dmitri Medwedew ist etwa: Richard Sakwa: The Crisis of Russian Democracy - The Dual State, Factionalism and the Medvedev Succession, Cambridge University Press 2011, 398 Seiten. Online-Dokument: https://books.google.at/books?id=FHn6GavS9c0C&pg=PA185&lpg=PA185&dq=take+over+of+FSB+1999+
Putin&source=bl&ots=ergL4T6qjb&sig=qZJWUhk4Zn20yUmL4gvoOKmyou4&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwinzJnIrNbMAhXHfRoKHZICAz4Q6AEINDAD
#v=onepage&q=take%20over%20of%20FSB%201999%20Putin&f=false
.
3) „Russland und Europa - In Hassliebe vereint“. In: DIE ZEIT-Online v. 25.8.2015: http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/03/russland-europa-osten-westen-konflikt.
4) Zitiert in Markus Wehner: Putins Kalter Krieg - Wie Russland den Westen vor sich hertreibt, Knaur 2016, S.16.
5) Vgl. dazu: Masha Gessen: Der Mann ohne Gesicht - Wladimir Putin - Eine Enthüllung, Piper 2012, 384 Seiten.
6) Siehe dazu insbesondere: Mark M. Lowenthal: Intelligence - From Secrets to Policy, Fifth Edition, Sage Publications 2012, S.361ff. Online-Publikation: https://books.google.at/books?id=xNBbYNt3JJ0C&pg=PA362&lpg=PA362&dq=take+over+of+FSB+1999+Putin&source=bl&ots=-56KADVK-V&sig=CtDrnH8bA3LeoINggtL8ROkQ9sQ&hl=de&sa=X&ved =0ahUKEwinzJnIrNbMAhXHfRoKHZICAz4Q6AEIQjAF#v=onepage&q=Putin&f=false.
7) Siehe dazu weiterführend etwa: Schanna Nemzowa: Russland wachrütteln, Ullstein 2016, 192 Seiten.
8) Siehe dazu aktuell: Igor Eidman: Das System Putin - Wohin steuert das neue russische Reich, Ludwig Verlag 2016, S.118.
9) Eine faktenreiche Analyse von Hintergründen, Ursachen und Folgen der Maidan-Revolte 2014: Andrew Wilson, Ukraine Crisis, Yale University Press 2014, 236 Seiten.
10) Siehe etwa: Andreas Jacobs/Guillaume Lasconjarias, „NATO and the Challenge of Hybrid Warfare“. In: European Security & Defence 3-4/2015, S.14-16.
11) Der Name ist nach einem Dorf im Gebiet Pskow benannt.
12) Offizielle Webseite des „Isborsker Klubs“ in russischer Sprache: http://www.izborsk-club.ru/.
13) Der Isborsker Klub - Analysen und Berichte. In: Bundeszentrale für politische Bildung Deutschland-Online: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/202920/analyse-der-isborsker-klub-mitglieder-und-berichte.
14) Vgl. dazu: Ulrich M. Schmid: „Russlands Traum von Größe - Das dritte Imperium“. In: NZZ-Online v. 20.1.2014: http://www.nzz.ch/feuilleton/das-dritte-imperium-1.18224647.
15) Siehe dazu etwa: Marlene Laruelle: „Aleksandr Dugin - A Russian Version of the European Radical Right?“ In: Kennan Institute Occasional Paper #294 - Woodrow Wilson International Centre for Scholars: https://www.wilsoncenter.org/sites/default/files/OP294.pdf.
16) Dazu: Oleg Chlewnjuk: Stalin - Eine Biographie, Siedler 2015, 592 Seiten.
17) SPIEGEL-Gespräch mit Alexander Dugin: „Jeder Westler ist ein Rassist“. In: SPIEGEL-ONLINE v. 14.7.2014: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/128101577.
18) Siehe dazu etwa: Wolfgang Taus: „Neoimperiale Tendenzen in Putins Russland“. In: ÖMZ 2/2014, S.176f.
19) „Russia in the Arctic: A Different Kind of Military Presence“. In: Stratfor Enterprises-Online v. 11.11.2015: https://www.stratfor.com/analysis/russia-arctic-different-kind-military-presence.
20) Siehe: Markus Wehner: Putins Kalter Krieg, a.a.O, S.41f.
21) Siehe dazu etwa ein zentrales russisches Propagandamedium SPUTNIKNEWS-Online v. 2.11.2015: http://de.sputniknews.com/politik/20151102/305358103/usa-farbige-revolutionen.html.
22) Siehe dazu etwa: Jutta Sommerbauer: Die Ukraine im Krieg, K&S 2016, 208 Seiten.
23) Vgl. dazu: Sten Rynning, „The false promise of continental concert: Russia, The West and the necessary balance of power“. In: International Affairs 3/2015, S.539-552.
24) Siehe etwa: Jill Dougherty: „Putin’s hard/soft strategy“. In: THE WILSON QUARTERLY-Online Winter 2016: http://wilsonquarterly.com/quarterly/the-post-obama-world/putins-hard-soft-strategy/.
25) Ins Deutsche übersetzter Artikel vom russischen Generalstabschef Valeri Gerassimow über die neue russische Militärdoktrin im „Military-Industrial Kurier“ v. 27.2.2013: https://www.facebook.com/notes/robert-coalson/russian-military-doctrine-article-by-general-valery-gerasimov/10152184862563597/; Russisches Original: http://vpk-news.ru/sites/default/files/pdf/VPK_08_476.pdf.
26) Hannes Adomeit: „Russlands imperialer Weg“. In: NZZ-Online v. 19.6.2015: http://www.nzz.ch/international/europa/russlands-imperialer-irrweg-1.18565248.
27) Vgl. dazu: Statista - Das Statistikportal: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/.
28) Markus Wehner: Putins Kalter Krieg, a.a.O., S.77f.
29) Hannes Adomeit: „Russlands imperialer Weg“, a.a.O.
30) Siehe dazu etwa: Mark Galeotti, Spetsnaz: Russia’s Special Forces, Bloomsbury Academic 2015, 64 Seiten.
31) Vgl. dazu: Mark Galeotti: „Behind enemy lines - The rising influence of Russian special forces“. In: Jane’s Intelligence Review 1/2015, S.8-13.
32) „Putin: Russia Today bricht Berichtserstattungsmonopol angelsächsischer Medien“. In: Sputnik News-Online v. 11.6.2013: http://de.sputniknews.com/politik/20130611/266286058/Putin-Russia-Today-bricht-Berichtserstattungsmonopol.html.
33) „Russische Internetpropaganda - Die Trolle des Kremls“. In: FAZ-Online v. 5.8.2015: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wie-trolle-russlands-propaganda-im-internet-verbreiten-13734569.html.
34) Siehe: Markus Wehner: Putins Kalter Krieg, a.a.O, S.S.114f.
35) Ebenda, S.100f.
36) „Umstrittene ‚Nachtwölfe‘ legen Kranz am Schwarzenbergplatz nieder“. In: DIE PRESSE-Online v. 6.5.2016: http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/4983205/Nachtwolfe-legen-Kranz-am-Schwarzenbergplatz-nieder.
37) Homepage: SYSTEMA SPETSNAZ - RUSSIAN MARTIAL ARTS: http://www.systemaspetsnaz.com/.
38) Siehe etwa: Homepage der SYSTEMA-Akademie Weitzel/Augsburg: http://www.rma-systema.de/.
39) „REPORT: Würgen, schlagen, töten lernen“. In: FOCUS-Online v. 26.5.2014: http://www.focus.de/magazin/archiv/report-wuergen-schlagen-toeten-lernen_id_3870339.html.
40) Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg - Wie Moskau den Westen destabilisiert, Econ 2016, S.260ff.
41) Siehe dazu: Igor Sutyagin: „Russia Confronts NATO: Confidence-Destruction Measures“. In: RUSI Publications v. 6.7.2016: https://rusi.org/publication/briefing-papers/russia-confronts-nato-confidence-destruction-measures.
42) Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg - Wie Moskau den Westen destabilisiert, a.a.O., S.14.
43) „Russia is harassing U.S. diplomats all over Europe“. In: THE WASHINGTON POST-Online v. 27.6.2016: https://www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/russia-is-harassing-us-diplomats-all-over-europe/2016/06/26/968d1a5a-3bdf-11e6-84e8-1580c7db5275_story.html.
44) NZZ v. 30.6.2016, S.5.