Reserve- und Heimatverteidigungs­komponenten der US-Armee

Raymond E. Bell, Jun.

Das am 18. März 1920 unterzeichnete Wehrgesetz für die österreichische Armee sah für die unter den Bestimmungen des Staatsvertrags von St. Germain vom 10. September 1919 organisierten Streitkräfte drei Missionen vor.
Eine davon war die Verteidigung gegen einen externen Feind, was vertragsgemäß als Schutz der neu geschaffenen Grenzen Österreichs verstanden wurde. Eine zweite Mission war die Gewährleistung von Unterstützung zwecks Bevölkerungsschutzes gegen Naturkatastrophen. Die Organisation der einzigen gewerkschaftlich organisierten Berufsarmee der Geschichte spiegelt wider, wie diese Missionen ausgeführt werden sollten. So sollten beispielsweise im Fall der oben zitierten zweiten Mission die Pionierbataillone Schlüsselaufgaben im Fall von Donau-Überflutungen bzw. bei Eisstößen auf größeren Wasserwegen Österreichs übernehmen. Daher wurden sie in Städten disloziert, die in der Nähe potenzieller Überflutungen oder Eisstöße lagen. Gleichermaßen mussten Infanteriebataillone in der Lage sein, die zivilen Autoritäten im Falle von Waldbränden, Erdbeben oder schweren Schneefällen zu unterstützen.
Während heute die Reservekomponenten der US-Armee auf ein abnehmendes Engagement in Afghanistan blicken, wenden sie sich vermehrt potenziellen Missionen auf dem amerikanischen Festland zu. So wie in Österreich zwischen den beiden Weltkriegen wird sich der Auftrag der Nationalgarde und der Reserve der Bundesarmee in größerem Maße als bisher auf Missionen richten, in denen es um die Verteidigung der staatlichen Grenzen und den Schutz der Bevölkerung vor Naturkatastrophen geht. Das Spektrum letzterer Missionen wurde insofern schon erweitert, als darunter auch der Schutz vor den Auswirkungen des Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln fällt.
Dieser Artikel beschreibt daher, wie die beiden Reservekomponenten der US-Armee, die Armee-Reserve und die Nationalgarden der einzelnen Bundesstaaten die Missionen der Heimatverteidigung und des Heimatschutzes im Zusammenwirken mit der aktiven Armee, den anderen Streitkräften und den zivilen Widerparts erfüllen. Diese Aufgaben werden unter der Federführung des US-Kommandos Nord (USNORTHCOM) erledigt.

USNORTHCOM

Das primäre militärische Hauptquartier in den USA mit dem Aufgabenbereich Heimatverteidigung ist das US-Kommando Nord, das von einem Viersternegeneral der Armee oder der Luftstreitkräfte bzw. einem Admiral der Marine befehligt wird. Sein/ihr Hauptquartier ist in der Peterson Air Force Base in Colorado disloziert, während die Bodenkomponente, die US-Armee Nord (Fünfte Armee), die im Bedarfsfall unterstellte Nationalgarde- und Reserveteile befehligt, ihr Hauptquartier im Fort Sam Huston im texanischen San Antonio hat. Das Kommando hält Verbindung mit vielen zivilen Behörden, die mit dem Heimatschutzministerium verbunden sind, wie der Nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe FEMA bzw. den Ministerien für Transport, Energie, Justiz und Finanzen.
Grundsätzlich gibt es drei Bereiche größerer Verteidigungs- und Sicherheitsanliegen, mit denen USNORTHCOM befasst ist. Zum Ersten sind das Vorfälle im Zusammenhang mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Angriffen auf die USA, d.h. nicht nur die Bundesstaaten auf dem amerikanischen Festland, sondern auch Hawaii und abhängige Inselgebiete wie zum Beispiel Puerto Rico. Als Zweites steht die Reaktion auf Naturkatastrophen wie beispielsweise die Auswirkungen des Hurrikans Katrina, periodische Waldbrände, Schneestürme, Tornados und Überschwemmungen auf der Tagesordnung. Als dritte Aufgabe ist die Grenzsicherheit festgelegt, insbesondere der Grenze zwischen den USA und Mexiko, über die Personen aus Mittel- und Südamerika Eintritt in die USA erlangen wollen.
Alle diese Bereiche sind aber nicht das ausschließliche Gebiet von USNORTHCOM. Die Sicherheit (oder technisch die Verteidigung) der Grenzen ist beispielsweise die primäre Verantwortlichkeit der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörden, die mit der US-Küstenwache zu Land respektive auf See zusammenarbeiten. Innerhalb USNORTHCOM sind jedoch spezifische Aufgaben einer der militärischen Komponenten übertragen. Die Nationalgarde der Armee und die Luftstreitkräfte der verschiedenen Bundesstaaten, insbesondere im Südwesten der USA, haben schon in der Vergangenheit sowie auch heute Personal auf Rotationsbasis zur Verfügung gestellt, um die Einwanderungsbehörde und den Grenzschutz bei der Identifizierung, nicht aber bei der Festnahme von Leuten zu unterstützen, die die Grenze zwischen den USA und Mexiko illegal übertreten haben.
Die Nationalgarde der Luftstreitkräfte ist zusammen mit ihren Widerparts in der Armee in vielen Fällen verschmolzen, wenn es darum geht, dass der Gouverneur eines Bundesstaates oder Territoriums vor der Herausforderung steht, seine militärischen Kräfte zu mobilisieren, um Naturkatastrophen zu bewältigen. So können sich ein Soldat der Nationalgarde der Luftstreitkräfte und ein Pionier der Armee Seite an Seite finden, um Sandsäcke zu füllen, um einen durch Hochwasser gefährdeten Damm zu verstärken. Dem Gouverneur steht die Option offen, seine militärischen Kräfte nach Gutdünken einzusetzen, weil der Gouverneur der Oberkommandierende sowohl der bundesstaatlichen als auch der territorialen Komponenten der Nationalgarde ist.

Die US-Armee Nord (Fünfte Armee)
Der Kommandant der Landstreitkräfte-Komponente der US-Armee Nord, auch als Fünfte Armee bezeichnet, ist ein Generalleutnant. Er befehligt einen kleinen Stab, der das Hauptquartier für Bodenoperationen zwecks Unterstützung von drei Funktionen darstellt: Heimatverteidigung, militärische Unterstützung ziviler Behörden und neuerdings Zusammenarbeit für Gefechtsfeldsicherheit mit den Armeen Mexikos, Kanadas und der Bahamas. Die US-Armee Nord hat keine spezifischen unterstellten Truppenverbände, kann aber im Bedarfsfall auf ein breites Spektrum an Komponenten aus den Teilstreitkräften zurückgreifen. So kann der kommandierende General nicht nur auf aktive Armeeeinheiten zurückgreifen, sondern auch auf die Nationalgarde der Armee der Bundesstaaten und die bundesweite Armee-Reserve.
Der Kommandierende General stellt somit Ressourcen für alle Führungseinheiten zur Verfügung, die für den aktiven Militärdienst mobilisiert wurden, um Heimatverteidigungs- oder -schutzaufgaben wahrzunehmen. Er überwacht auch die Ausbildung und plant Überprüfungen der Einsatzbereitschaft in Zusammenarbeit mit den anderen Teilstreitkräften sowie zivilen Behörden. Über die bundes- sowie gesamtstaatlichen Grenzen hinweg zeichnet er für die Planung und Durchführung internationaler Konferenzen sowie die Koordinierung von Übungen verantwortlich. Er stellt Personal für die Ausbildung verbündeter Streitkräfte zur Verfügung, insbesondere der mexikanischen Armee, die für den Einsatz zum Schutz der amerikanischen Grenze Verwendung finden könnten. Dieses Kontaktprogramm mit der mexikanischen Armee hat gerade in den letzten Jahren in einer Vielzahl von Ausbildungsprogrammen resultiert. Einen besonderen Stellenwert nimmt darin ein jüngst erfolgter viermonatiger Ausbildungskurs für nachrichtendienstliches Personal der mexikanischen Armee ein.

Vergangene und gegenwärtige Leistungen

Zu der Zeit, als die ersten Siedler im 17. Jahrhundert an den amerikanischen Küsten landeten, trug eine Miliz aus physisch leistungsfähigen Männern und den heutigen Vorfahren der Nationalgarde der Armee die Verantwortung für die Verteidigung und Sicherheit der Heimat. Es dauerte bis zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, bis nationale Verteidigungskräfte, die Kontinentalarmee, formiert wurden. Danach bildeten bis ins 19. Jahrhundert die staatlichen Milizen die einzige Komponente an Bodentruppen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Milizen in die Nationalgarde übergeführt, die vorerst die einzige Bodenkomponente blieb, bevor die Armee-Reserve nach dem Ersten Weltkrieg eingerichtet wurde.
Vor dem Eintritt der USA in den Krieg wurden 1916 verschiedene staatliche Nationalgarden zum aktiven Dienst aufgeboten, um die südliche Grenze des Landes vor grenzüberschreitenden Angriffen gegen amerikanische Bauern durch revolutionäre mexikanische Truppen und Aufständische zu schützen. Es war eine Situation, die dem Problem ähnelte, dem sich die österreichische Regierung gegenübersah, als ungarische paramilitärische Organisationen 1921 in das Burgenland einfielen.
Beim US-Kriegseintritt in den Ersten Weltkrieg wurden diese bundesstaatlichen Truppen gesamtstaatlich aufgeboten und kämpften als Divisionen in Frankreich. Nach dem Krieg wurden diese Verbände wieder der bundesstaatlichen Kontrolle unterstellt. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden alle Nationalgarden zu Kampfverbänden der US-Armee. Die Divisionen der Nationalgarde kamen auch im Korea-Konflikt zum Einsatz, während Verbände und Individuen der Armee-Reserve in Vietnam dienten.
Weil mit dem Ausbruch des Kalten Krieges die Hauptbedrohung des US-Territoriums von den Luftstreitkräften der früheren Sowjetunion ausging, übernahm die Luftverteidigung des nordamerikanischen Kontinents nördlich der US-mexikanischen Grenze den wichtigsten Stellenwert in der Heimat-Verteidigungsplanung. Während der Nationalgarde der Luftstreitkräfte der Schutz des Luftraums oblag, richteten Raketenverbände der Armee-Nationalgarde Verteidigungsstellungen um größere Städte und Ziele von strategischer Bedeutung herum ein. Zu einem Zeitpunkt in der Periode fortgesetzter Spannungen stellten Gardisten der Armee in Summe die Besatzungen für 82 Luftabwehrstellungen. Ein Vollzeitkader aus Gardisten im Aktivdienst stellte die Einsatzbereitschaft der Batterien sicher, während nebenberufliche Soldaten die Verbände in Krisenzeiten und im Falle eines sowjetischen Luftangriffes verstärkten. Heute besteht kein Bedarf an einem solchen FlA-Einsatz, der gegebenenfalls von Einheiten der aktiven Armee ausgeführt würde. Gleichzeitig ist die First Air Force, bestehend aus Luftverteidigungsstaffeln der Nationalgarde der Luftstreitkräfte für die Abwehr von Bedrohungen gegen den Luftraum der USA verantwortlich und erledigt diese Aufgabe mit Abfangjägern, die ständig in Alarmbereitschaft stehen.

Einsatz der Nationalgarde für die Rettungsaktion nach dem Hurrikan Sandy

Es ist bereits eine Tradition, dass die Nationalgarde der Armee in den verschiedenen Bundesstaaten an vorderster Front im Notfall von Naturkatastrophen Hilfe leistet. So hatten beispielsweise in den frühen Oktobertagen 2012 die Gouverneure von New Jersey und New York Teile ihrer Nationalgarden der Luftstreitkräfte und der Armee in Alarmzustand versetzt und sie in Erwartung des Hurrikans Sandy am 13. des Monats in ihre Einsatzräume verlegt. 400 Gardisten wurden für den Einsatz auf Long Island und 200 für den Einsatz in Manhattan (New York City) alarmiert. Der Nationalgarde der Armee standen HUMVEE-Allzweckfahrzeuge und schwere LKWs mit großer Bodenfreiheit zur Verfügung, die zur Bergung von Personen bei Hochwasser Verwendung finden konnten.
Mit Starkwind und Flutwellen verwüstete der Hurrikan große Küstenstriche der Bundesstaaten New York und New Jersey und zeitigte in fast allen Bundesstaaten an der Ostküste der USA negative Auswirkungen. Auf der Basis einer Autorisierung, die als Kommando mit dualem Status bekannt ist und Offiziere der Nationalgarde ermächtigt, sowohl Kräfte der Nationalgarde als auch der Bundesarmee inklusive der aktiven Armee und der Armee-Reserve zu befehligen, aktivierten die Gouverneure der vom Hurrikan am stärksten betroffenen Staaten ihre Nationalgarden der Armee und der Luftstreitkräfte. Deren Offiziere übernahmen daraufhin den Befehl sowohl über die Reserve der Bundesarmee als auch über Truppen der Armee im Aktivdienst, die zur Unterstützung der massiven Rettungsanstrengungen eingesetzt wurden. Solcherart war es möglich, eine einheitliche Führung sicherzustellen, indem die verschiedenen Rettungs- und Wiederherstellungsaktivitäten von einem Kommandanten befehligt wurden.
Weil die gesamte Operation unter der Leitung der Nationalgardekommandanten der verschiedenen Bundesstaaten stand, wurden die von der 10. (Gebirgs-)-Infanteriedivision der aktiven Armee zur Verfügung gestellten Tanklastwagen, leichten taktischen Fahrzeuge und Rettungsfahrzeuge Verbänden der Nationalgarde zugeteilt, die bereits im Rettungseinsatz standen. Treibstoff für zivile Fahrzeuge war sehr knapp, was nicht an den verfügbaren Vorräten lag, sondern dem Umstand geschuldet war, dass Tankstellen keinen Strom zum Betrieb der Pumpen hatten. Daher wurden die militärischen Tanklastwagen, die von Gardisten betrieben wurden, für die zivile Treibstoffversorgung verwendet.
Bis zur Reaktion auf den Hurrikan Sandy war die Armee-Reserve niemals zuvor wegen einer Naturkatastrophe in den USA aktiviert worden. Die Armee-Reserve verfügt aber über Kapazitäten, die den verschiedenen bundesstaatlichen Nationalgarden nicht zur Verfügung stehen. Diese Kapazitäten liegen mit Masse in den Kampfunterstützungsverbänden der Armee-Reserve, insbesondere auf dem Logistiksektor. Einer dieser Aktivposten, der nicht in der Kräftestruktur der Nationalgarden New Yorks und New Jerseys zu finden ist, betraf das tragbare taktische Wasserversorgungssystem, mit dessen Hilfe die Auswirkungen der großflächigen Überschwemmungen gemildert werden konnten. Jedes eingesetzte Team verfügte über Pumpen mit einer Pumpleistung von mehr als 2.000 Litern Wasser pro Minute. Im Bemühen, die Rettungsmaßnahmen zu unterstützen, berief USNORTHCOM drei dieser Teams der Armee-Reserve mit je zwei Pumpen zum Aktivdienst ein. Der 401. Versorgungszug kam aus dem benachbarten Pennsylvania, der 431. reiste aus North Carolina an und der 402. kam die weite Strecke von Florida herauf.
Kampfverbände der Garde aus New York und New Jersey assistierten ebenfalls beim Hilfseinsatz. Drei Bataillone des New Yorker 27. Brigade-Kampfverbandes mit Dislozierung um New York City waren beispielsweise massiv in allen Bereichen des Hilfseinsatzes tätig. Aber nicht nur die betroffenen Bundesstaaten mobilisierten ihre Kräfte. Einige Nachbarstaaten wie Massachusetts, Delaware und Pennsylvania sowie auch so weit entfernte wie Ohio stellten Militärpolizei-, Transport- und Lastwageneinheiten zur Verfügung. Mehr als 700 Gardisten und 300 Fahrzeuge von außerhalb wurden in die betroffenen Staaten verlegt.

Eine abgestufte Reaktion auf Naturkatastrophen

Die Reaktion auf Hurrikane ist nur eine der Lagen, in denen die Reservekomponenten der Armee involviert waren. Schneeräumung, Dammverstärkung und Eisstauentfernung sind übliche Aufgaben für Gardisten und werden von diesen ebenso erledigt wie identische Missionen von österreichischen Armeeeinheiten. In Bundesstaaten wie Colorado mit schweren Schneefällen im Winter können Pioniere der Garde damit rechnen, aufgerufen zu werden und zivilen Straßeninstandhaltungsteams Hilfe zu leisten, um Straßen zu säubern und im Schnee stecken gebliebene Autos wieder flott zu machen.
Die Reaktion der Nationalgarde auf die Überflutungen im Jahr 2011 ist beispielhaft für den Umfang der Anstrengungen, die von den Problemen der Überflutungen ausgelöst werden. In diesem Jahr taten sich beispielsweise in North Dakota, wo jährlich Flüsse über die Ufer treten, 3.047 Gardisten aus North Dakota mit Zivilisten zusammen, um mindestens einen Tag Überschwemmungsdienst zu leisten. 1.990 Gardisten meldeten sich im größten Tagesaufruf zum Dienst, um Sandsäcke zwecks Verstärkung der Dämme zu füllen und Rettungsdienste zu leisten. Fliegerkräfte der Armee-Nationalgarde des Bundesstaates flogen 169 Einsätze im Umfang von 328,4 Flugstunden zwecks Unterstützung der Überschwemmungshilfe.
Im Sommer gibt es häufig Wald- und Präriebrände, die ausdauernde und zeitaufwändige Anstrengungen zur Bekämpfung und Kontrolle erfordern. Nicht nur, dass Gardisten Brände auf dem Boden bekämpfen, sind Hubschrauber der Armee-Nationalgarde auch dazu eingesetzt, Feuerwehreinheiten zu transportieren und Brandbekämpfungsmittel aus der Luft gegen kritische Brandherde zur Wirkung zu bringen. Zwischen 31. August und 7. September 2011 warfen beispielsweise acht Black Hawk- und drei Chinook-Hubschrauber der texanischen Armee-Nationalgarde an die sechs Tonnen Wasser und Brandhemmer ab, um einen großen Flächenbrand im südöstlichen Texas zu bekämpfen. Abgesehen von Tausenden Quadratmetern verkohlter Bodenfläche wurden mehr als 1.500 Häuser zerstört und zwei Menschen getötet, bevor der Flächenbrand unter Kontrolle gebracht worden konnte. Im selben Monat September musste die texanische Armee-Nationalgarde zur Bekämpfung von Bränden in anderen Gegenden des Staates ein großes Aufgebot an Bulldozern und anderen Fahrzeugen zum Einsatz bringen.
Während Truppen der Armee-Nationalgarde für die oben erwähnten Aufgaben in großem Umfang eingesetzt werden, bleibt dies Armee-Reservisten üblicherweise erspart, außer wenn der US-Präsident, auf Bitte und Anforderung eines Gouverneurs, über NORTHCOM Reservisten zum Aktivdienst zwecks Unterstützung des Gouverneurs einberuft (als „Föderalisierung“ der Armee-Reserve bezeichnet). Zum Einsatz während des Hurrikans Sandy hätten die Pioniere der 411. Pionierbrigade mit Hauptquartier in der kleinen Stadt New Windsor, New York, auf die Aufbietung durch den Präsidenten warten müssen, wurden aber auf Anforderung des Gouverneurs aktiviert, bevor sie offiziell dazu aufgefordert wurden, mit ihrer pionierspezifischen Ausrüstung der New Yorker Armee-Nationalgarde zu Hilfe zu kommen.
Wo Armee-Reserveeinheiten ohne ausdrückliche Autorisierung durch den Präsidenten eingesetzt werden können, so ist dies während ihrer zwei- bis mehrwöchigen jährlichen Ausbildung für den Aktivdienst der Fall. So wurde 1982 während des Massenexodus von Flüchtlingen aus Kuba nach den USA die fünfte PSYOPS-Group der Armee-Reserve für zwei Wochen in die Indiantown Gap Military Reservation in Pennsylvania verlegt. Knapp außerhalb von Washington, D.C., disloziert, verlegte das Hauptquartier der Gruppe rasch in das nahe gelegene Camp, um dort den zivilen Kräften bei der temporären Unterbringung der Flüchtlinge zu helfen. Während Armee-Nationalgardisten aus Pennsylvania die Sicherheit rund um das Lager übernahmen, kümmerten sich Armee-Reservisten innerhalb des Lagers um die vielen Familien und Einzelpersonen, die um Asyl in den USA ansuchten. Während diese Aufgabe keine zwingende Relevanz für die Mission der Gruppe in Kriegszeiten hatte, machte die Fähigkeit der Armee-Reserve, von Mensch zu Mensch zu verhandeln, diesen Einsatz effizient.

Der Umgang mit Massenvernichtungsmitteln

Anders als im Umgang mit Naturkatastrophen in Bundesstaaten, für die die Nationalgarde die übliche Reaktionskraft ist, haben in Vorfällen mit Massenvernichtungsmitteln sowohl die Armee-Reserve als auch die Nationalgarden eine Schlüsselrolle inne. Während solche Desaster bis heute nicht vorgekommen sind, ist die Organisation und Ausbildung für solche Vorkommnisse ein laufender Prozess. In diesem Falle werden Staats- und territoriale Grenzen irrelevant, weil die Zerstörungswirkung als großflächig antizipiert werden kann.
Eine nationale Militärstruktur ist vorgesehen, um rasch und effektiv mit einem solchen Desaster umzugehen. Diese Struktur ist eng mit einer zivilen verknüpft, die auf der FEMA basiert, die untergeordnete Führungs- und Kontrollstellen in zehn bundesweiten Regionen hat. So reagierte die FEMA beispielsweise jüngst großflächig damit, Anleitungen und Hilfsmittel den Opfern des vorjährigen Hurrikans Sandy zur Verfügung zu stellen. Abgestimmt mit jeder FEMA-Region, bestehend aus einem oder mehreren Staat(en) und Territorien, gibt es eine Homeland Response Force (HRF), zusammengesetzt aus 566 Mann, von denen 150 hauptberufliche Gardisten sind, die aus den verschiedenen Bundesstaaten in der betreffenden Region rekrutiert wurden. Ihre Aufgabe ist es, andere Reaktionskräfte in der Region zu führen und zu kontrollieren. Darüber hinaus ist die HRF auch für unmittelbare lebensrettende Einsätze und die Anlagensicherheit verantwortlich. Sie hat die Fähigkeit, mit ihren Vorausteams innerhalb von sechs Stunden und mit ihrer Hauptmannschaft innerhalb von zwölf Stunden zu reagieren.
Die HRF ist angehalten, auf Vorfälle mit Massenvernichtungsmitteln mit so genannten Civil Support Teams (WMD-CST) zu reagieren, von denen es landesweit 57 gibt. Diese WMD-CST berichten an die HRF, der die übergreifende Lenkung der Reaktion auf den Vorfall obliegt. Ihre Aufgabe besteht darin, chemische, biologische, radiologische und nukleare Substanzen zu identifizieren. Sie haben eine beurteilende Rolle und sind dazu angehalten, Kommandanten über zu ergreifende Gegenmaßnahmen zu beraten. Sie stehen auch zur Verfügung, um die Forderung nach Folgemaßnahmen zu unterstützen.
Als Erstversorger hat jeder Bundesstaat mindestens eine WMD-CST, die aus hauptberuflichen Gardisten der Luftstreitkräfte oder der Armee besteht und innerhalb von 90 Minuten nach einem Vorfall einsatzbereit ist. Ein Beispiel für ein solches Team ist die 22 Mann starke 45. WMD-CST unter dem Kommando des Oberstleutnants Jeff Brown der Nationalgarde aus Tennessee. Im Juli und August 2012 nahmen unter der Führung des 45. WMD-CST an die 9.000 Personen ziviles und militärisches Personal an der Ausbildungsübung „Vibrant Response“ unter dem USNORTHCOM, geführt von der U.S. Army North, teil. Das 45. als Erstversorger-Team war dafür verantwortlich, das Ausmaß des simulierten nuklearen Desasters zu determinieren. Unmittelbar danach kam ein Chemisch/Biologisch/Radiologisch/Nukear/Bomben-Team (CBRNE) zum Einsatz, von denen es gesamtstaatlich 17 gibt, die aus Gardisten der Armee und der Luftstreitkräfte gebildet werden. Die CBRNE besteht aus 186 speziell ausgebildeten Personen, die innerhalb von sechs Stunden am Einsatzort eintreffen können. Auf der Basis einer WMD-CST- Beurteilung sind die Mitglieder des Teams für Triage, Dekontamination, Opfersuche und -bergung geschult.

Grenzsicherheit

Ein dritter Aspekt von Heimatverteidigung und Heimatschutz, der sowohl die Armee-Reserve als auch die Nationalgarde der Armee involviert, ist die Hilfestellung bei der Sicherung der südlichen Grenze vor dem Eindringen illegaler Immigranten und Drogenhändler aus Mexiko und anderen Ländern südlich der US-Grenze. Die Armee-Reserve beteiligt sich daran im Zuge jährlicher Ausbildungsgänge mit dem Bau und der Instandhaltung von Grenzbarrieren wie zum Beispiel Zäunen und Mauern, die Illegale vom Eindringen in die USA abhalten sollen. Soldaten der Armee-Reserve ist es aber gesetzlich verboten, Festnahmen vorzunehmen, während Gardisten unter staatlicher Kontrolle diesen Beschränkungen nicht unterliegen, obwohl sie an Verhaftungen nicht teilgenommen haben. Die für Missionen der Grenzsicherheit eingesetzten Kräfte arbeiten daher eng mit dem bundesstaatlichen Grenzkontrollpersonal in einer Unterstützungs- und Überwachungsfunktion zusammen.
Die wichtigste Anstrengung der Nationalgarde begann im Juni 2006 mit der Operation „Jump Start“ und dauerte bis Juli 2008. Der damalige Präsident George W. Bush verlegte 6.000 Gardisten in die südwestlichen Grenzstaaten. Ihre Aufgabe bestand darin, die Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP)bei der Identifizierung illegaler Grenzgänger zu unterstützen sowie Sicherheitszäune, -türme und -straßen zu bauen. Die von den Truppen geleistete Hilfestellung bedeutete eine massive Steigerung der Fähigkeiten der CBP, ihre Aufgreifmission entlang der 1.952 Meilen langen US-Grenze zu Mexiko zu erfüllen. Innerhalb von zwei Jahren wurde es aber auch klar, dass die zivilen Autoritäten zusätzlicher Hilfe bedurften, um die staatlichen Grenzen zu sichern und illegale Grenzüberschreitungen abzuschrecken.
Ein Kontingent von rund 1.200 Nationalgardisten der Armee und Luftstreitkräfte wurde daher im Juni 2010 wieder einberufen, um an den Südgrenzen von Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien Dienst zu versehen. Dieser als Operation Phalanx bekannte Einsatz unter der Führung von Task Force Sierra wird mindestens noch bis Jänner 2014 andauern. Der Einsatz der Task Force brachte schnelle Ergebnisse. Beispielsweise gingen die Festnahmen durch die CBP bis 18. Oktober um 17% zurück. Dieser Rückgang war ein starker Beweis, dass verstärkte Aktivitäten zur Strafverfolgung ein geeignetes Mittel waren, vor illegalen Grenzüberschreitungen abzuschrecken.
Während ihrer Einsätze haben die Gardisten in der Vergangenheit zunehmend effektivere Ortungstechnologie verwendet und benutzen sie auch heute noch. 2013 verwenden 300 Gardisten, die in kleinen Teams von einer bis vier Personen arbeiten, Ausrüstungen wie mobile Radar-LKWs, bemannte Überwachungsflugzeuge, Fotoaufklärung, modernste Kommunikationssysteme und Infrarot-Nachtaufklärungssysteme, um Leute zu identifizieren, die illegal in die USA eindringen wollten. Es steht zu erwarten, dass noch modernere Überwachungssysteme wie zum Beispiel Drohnen künftig im Inventar dieser Teams stehen werden.

Die Hauptaufgabe

Während die kleine österreichische Berufsarmee zwischen den Weltkriegen das Hauptinstrument zum Schutz der nationalen Grenzen und für Ersteinsätze bei Katastrophen war, lag die primäre Verantwortung für solche Funktionen in den USA bei den Reservekomponenten der US-Armee, wo sie auch heute noch liegt. Von den zwei Komponenten ist die Nationalgarde der Armee das wichtigste Element, insbesondere im Hinblick auf bundesstaatsspezifische Naturkatastrophen. Andererseits ist die Armee-Reserve von Gesetzes wegen davon abgehalten, als erste Einsatzorganisation am Ort von Naturkatastrophen oder Zwischenfällen mit Massenvernichtungsmitteln aufzutreten. Nichtsdestoweniger sind beide Armee-Reserve-Komponenten über USNORTHCOM im Bedarfsfall zum Einsatz bereit. Während natürliche Störszenarien und illegale Grenzüberschreitungen quasi zum Tagesgeschäft gehören, werden große Anstrengungen unternommen, den Einsatz von Massenvernichtungsmitteln zu verhindern. Aber gesetzt den Fall, dass größere Naturkatastrophen oder Desaster mit Massenvernichtungsmitteln über die USA hereinbrechen sollten, werden es die Reservekomponenten der US-Armee, die Nationalgarde der Armee und die Armee-Reserve sein, die zuvorderst bereitstehen werden, dem Ruf nach Reaktion Folge zu leisten.