Soldaten! Der Zweite Polnische Krieg hat begonnen! Der Russlandfeldzug von 1812

Andreas W. Stupka

 

Mit diesem Aufruf Napoleons1) wurde die größte Truppenmassierung in Bewegung gesetzt, die die Welt bis zu diesem Zeitpunkt zu Gesicht bekommen hatte. Der Kaiser der Franzosen war mit einer gewaltigen Armee gegen Russland aufmarschiert und ins Land eingefallen. Wie ein alles verschlingender Lindwurm rückte dieser Heereszug gegen Moskau vor. Die Russen stellten sich erst spät zur Schlacht. Borodino war mit rund 80.000 Gefallenen und Verwundeten das verlustreichste Treffen der gesamten napoleonischen Epoche gewesen und hatte im ersten Anschein nur wenig gebracht. Moskau wurde erobert. Mit Verbitterung darüber äußerte sich in der Nachschau der Dichter Tolstoi: „Weshalb wurde die Schlacht bei Borodino geschlagen? Weder für die Franzosen noch für die Russen hatte sie den geringsten Sinn. Ihr nächstes Ergebnis war und musste sein: für uns Russen, dass wir uns dem Untergang Moskaus (was wir mehr als alles andere in der Welt fürchteten) näherten. Dieses Resultat war schon damals ganz offenkundig, und dabei wurde diese Schlacht doch von Napoleon angeboten und von Kutusow angenommen.

Hätten sich die Heerführer von vernünftigen Erwägungen leiten lassen, wie klar musste es, wie es schien, Napoleon sein, dass er durch einen Vorstoß von mehr als 2000 Werst (Anm:. 1 Werst = 1,0668 Kilometer) und durch die Annahme einer Schlacht mit der wahrscheinlichsten Möglichkeit des Verlustes eines Viertels seiner Armee seinem sicheren Untergange entgegen ging; und ebenso klar musste es Kutusow scheinen, dass er, indem er die Schlacht annahm und gleichfalls ein Viertel seiner Armee aufs Spiel setzte, unfehlbar Moskau verlieren würde. […] Indem sie die Schlacht von Borodino anboten und annahmen, handelten Kutusow und Napoleon unbewusst und unüberlegt. Und die Historiker haben erst nachträglich den vollendeten Ereignissen ein kunstvolles Gewebe von Beweisen untergeschoben, um den Weitblick und die Genialität dieser Feldherrn darzutun, die von allen willenlosen Werkzeugen des Weltgeschehens die sklavischsten und willenlosesten Vollstrecker waren.“ 2)

Napoleon hatte die Schlacht zwar in gewisser Weise für sich entschieden, sie markierte aber den Wendepunkt für das ambitionierte Unternehmen einer Niederwerfung Russlands. Der Feldzug geriet zum Desaster, und aus dem unbezwingbaren Löwen Napoleon war nach dieser Anstrengung ein nahezu zahnloser Tiger geworden. Das gesamte Imperium, das er innerhalb nur weniger Jahre aufgebaut hatte, zerfiel nach diesem Aderlass des Russlandabenteuers. Die Völkerschlacht von Leipzig bildete dann den Schlussstein französischer Hegemonie über Europa. Zu hoch gesteckte strategische Zielsetzungen, militärstrategische Fehlbeurteilungen, Überraschungen in der Operationsführung, taktische Besonderheiten und unterschätzte Logistik bilden in ihrer Kombination nichts Einmaliges, sondern können sich in unterschiedlicher Form immer wieder so ausprägen. So dürften auch bei manchen der nicht gelingen wollenden Feldzüge unserer Tage einige dieser Parameter wieder in ähnlicher Art und Weise zusammengefallen sein. Für den militärwissenschaftlichen Kontext ist es daher von entscheidender Bedeutung, Feldzüge zu analysieren und Erkenntnisse abzuleiten, um den zukünftigen Einsatz von Truppen nicht nur in materieller Hinsicht, sondern v.a. in Bezug auf das Führungshandwerk optimieren zu können. Gerade für die Durchführung von modernen Friedensoperationen, die in der Regel Angriffshandlungen bzw. Invasionen darstellen - zur Befriedung des Landes durch die Niederwerfung des Gegners, zur Trennung von kämpfenden Truppen oder zur Stabilisierung weiter Landstriche -, eignet sich die Betrachtung von Napoleons Feldzug aus dem Jahre 1812.

 

Allgemeine sicherheitspolitische Lagedarstellung

Napoleon, allein dieser Name war seit der Eroberung von Toulon 1793 zu einer Marke geworden, die alle Gegner erzittern ließ. Der Mann aus Korsika hatte sich in den Revolutionswirren bis an die Staatsführung hochgedient und mit dem Staatsstreich des 18. Brumaire VIII im Jahre 1799 de facto die Alleinherrschaft über Frankreich erkämpft. Die Festigung seines Machtanspruches suchte der ehemalige Revolutionsgeneral 1804 durch die Annahme eines Kaisertitels zu erreichen, außenpolitisch hatte er es meisterhaft verstanden, die Ideen der Revolution und mit ihnen die Abschaffung der feudalen Strukturen in Europa zu befördern. 1805 hatte er bei Austerlitz Österreich niedergerungen, 1806 Preußen bei Jena und Auerstedt, 1807 die Russen bei Friedland und 1809 noch einmal die Österreicher bei Wagram. Napoleon war auf dem Höhepunkt seiner Macht, mit Ausnahme der britischen Inseln war ganz Europa unter seiner Kontrolle, entweder als Verbündete, wie Russland, Österreich und Preußen, oder als Vasallen in den durch ihn neu gegründeten Königreichen und Herrschaften.

England zeigte sich hartnäckig und galt für Napoleon als der Hauptfeind. Seit im Jahre 1798 in der Seeschlacht von Abukir die französische Mittelmeerflotte vernichtet worden war und 1805 vor Trafalgar die französisch-spanische Atlantikflotte eine totale Niederlage hatte hinnehmen müssen, war an die zuvor noch geplante Invasion auf der Insel nicht mehr zu denken. England war zum neuen Herrn der Meere aufgestiegen und brachte über sein immer größer werdendes Kolonialreich Waren und Rohstoffe auf den europäischen Markt. Umgekehrt unterhielt das Inselkönigreich intensive Handelsbeziehungen zu den deutschen Märkten und v.a. auch zu Russland, das in ausreichenden Mengen dringend benötigtes Holz zu liefern vermochte für den Schiffsbau, also das Herzstück jeder Thalassokratie. Napoleon verhängte daher kurzerhand ab 1806 die so genannte „Kontinentalsperre“, eine Wirtschaftsblockade gegenüber England, die es den Europäern verbot, mit der Insel Handel zu betreiben.

Der Schaden hielt sich für die Briten in Grenzen, allerdings traf diese Maßnahme die Europäer sehr hart, v.a. die deutschen Staaten und Russland, was in weiterer Folge auch einen Grund für die Ereignisse von 1812 darstellen sollte. Überhaupt gärte es zu jener Zeit bereits in ganz Europa: Spanien und Portugal waren aufgestanden und wollten die französische Herrschaft nicht mehr hinnehmen; ein brutaler Guerillakrieg war die Folge, den die Engländer geschickt mit Truppen unterstützten. Grundlage für diese Unterstützung bildet der noch heute gültige Vertrag von Windsor aus dem Jahre 1386, worin sich England und Portugal unverbrüchliche Treue zugesichert haben - ein strategisches Abkommen, dessen Wirkung Napoleon unterschätzt hatte. In den deutschen Landen, wo man zunächst die Ideen der Revolution begrüßt hatte, wurde die französische Hegemonie zunehmend kritischer betrachtet. Noch 1806 hatte Hegel verzückt über Napoleon berichtet: „Den Kaiser - diese Weltseele - sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; - es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht ... Von Donnerstag bis Montag sind solche Fortschritte nur diesem außerordentlichen Manne möglich, den es nicht möglich ist, nicht zu bewundern.“ 3)

Allerdings verstärkten sich innerhalb seines Machtbereiches immer deutlicher die despotischen Züge der autoritären Herrschaft. Der wirtschaftliche Niedergang durch die Kontinentalsperre war insbesondere in den deutschen Landen deutlich zu spüren. Österreich hatte 1809 einen Krieg gegen Napoleon begonnen, diesen verloren, und war dadurch mit dem harten Frieden von Schönbrunn in ein enges Korsett gezwängt, das zur Bündnistreue und zur Truppenstellung an die Franzosen verpflichtete. Die preußische Monarchie hatte Napoleon zwar überleben lassen, aber gedemütigt und Truppen im gesamten Land stationiert. Sie musste zudem große Gebietsabtretungen an das neu gegründete Großherzogtum Warschau hinnehmen und hohe Kontributionszahlungen leisten.

Im Frieden von Tilsit aus 1807 hatte Napoleon mit dem russischen Zaren Alexander I. ein Bündnis geschlossen. Zwar waren die Russen in der Schlacht von Friedland geschlagen worden, jedoch nicht niedergeworfen. Russland stand als ebenbürtiger Partner im Bündnis mit Napoleon; dieser versuchte die Liaison zu festigen, indem er um die Hand der erst sechzehnjährigen Zarentochter anhielt, was ihm von russischer Seite mit Verweis auf die Jugend des Mädchens glatt abgeschlagen wurde. Seine daraufhin geschlossene Ehe mit der Habsburgerprinzessin Marie-Louise brachte ihm in Frankreich selbst wenig Zustimmung, hatte man doch dort kaum 20 Jahre vorher mit Marie-Antoinette eine Habsburgerin vom Thron gestoßen und hingerichtet. Trotz dieser Heirat galt Österreich als wenig zuverlässiger Bündnispartner.

Für Russland, das sich seit 1807 zur Kontinentalsperre gegen England verpflichtet hatte, war dieser Zustand wirtschaftlich kaum mehr haltbar. Der Papierrubel war an den Börsen de facto abgestürzt, und selbst der Silberrubel hatte von 1807 bis 1812, verglichen mit dem Pfund Sterling, ein Fünftel seines Wertes verloren.4) So wurde ab 1810 damit begonnen, die Blockade aufzuweichen. Der Zar erlaubte den Handel neutraler Staaten, die die britischen Häfen mit russischem Holz anliefen und umgekehrt britische Waren nach Russland brachten. Besonders wütend machte die Russen Napoleons Vergabe von Einzellizenzen für den Handel mit England an französische Kaufleute. Hinzu kam noch die ständige Befürchtung von Seiten Russlands, Napoleon wolle Polen wieder errichten, war doch dieses Königreich im 18. Jahrhundert in drei Teilungsphasen zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt worden. Mit der Errichtung des Großherzogtums Warschau sah Russland den Nukleus zur Wiederkehr des alten Erzfeindes und fürchtete um seine westlichen Gebietszuwächse.

Seit 1810 begann das russisch-französische Bündnis merklich abzukühlen, Napoleon sprach zum ersten Mal vom Krieg, sollte der Zar unter dem Vorwand der polnischen Frage eine Annäherung an England anstreben.5) Auf beiden Seiten wurden daher Kriegsvorbereitungen in Angriff genommen. Als dann am 24. Juni 1812 die ersten französischen Truppen die Memel überschritten, war ein gewaltiger Feldzug in Gang gebracht, der beabsichtigte, Russland eine endgültige Lektion zu erteilen und das Land, wie die anderen Europäer, ebenso unter die Hegemonie Frankreichs zu zwingen.

 

Zahlenangaben und chronologischer Ablauf des Feldzuges

Die Kriegsvorbereitungen auf beiden Seiten waren ab Mitte 1811 nicht mehr zu übersehen. Napoleon erwartete einen russischen Angriff gegen Polen und verstärkte die Garnisonen an der Ostgrenze des Großherzogtums Warschau, dahinter erfolgte ein verdeckter Aufmarsch und bis ins Frühjahr 1812 hinein die Zusammenziehung von rund 700.0006) Soldaten in den deutschen Landen. Zusammen mit den Kontingenten der Alliierten konnte Napoleon im Jahr 1812 über eine Armee in der Stärke von 1.100.000 Soldaten verfügen, etwa 200.000 davon waren in Spanien gebunden, rund 500.000 konnten in vorderster Linie gegen Russland aufmarschieren.7) Davon entfielen allein 40.000 Soldaten auf die gewaltige, von Murat, dem König von Neapel, geführte Kavalleriereserve. Insgesamt standen für die Invasion rund 590.000 Soldaten und rund 160.000 Pferde bereit.8) Diese Kräfte für den Russlandfeldzug waren aus ganz Europa zusammengezogen bzw. rekrutiert worden und präsentierten sich als multinationales Heer, neben den eigentlichen Franzosen bestehend aus 95.000 Polen, 45.000 Italienern, rund 60.000 Soldaten aus den deutschen Landen und 20.000 Preußen, um nur die größten Kontingente zu nennen.9) Die Österreicher stellten unter dem Kommando von Fürst Schwarzenberg ein eigenes Armeekorps in der Stärke von 35.000 Soldaten, das einzige, das als verbündete Streitmacht eigenständig operierte. Zudem war die österreichisch-russische Grenze in einem Abkommen zwischen beiden Staaten neutralisiert worden, was bedeutet, dass auch die Österreicher über das Großherzogtum Warschau in Russland einzumarschieren hatten.

Hinsichtlich der Entfernungen galt es, von Paris bis an die Memel 1.500 Kilometer zu überwinden, wobei die letzten 300 davon als karges, dünn besiedeltes und daher schwieriges Gelände galten. Die Strecke von der Memel bis nach Moskau waren dann noch 950 Kilometer, wobei zunächst das ebenso karge Ostpolen zu durchqueren war, bis dann ab Smolensk mit besseren Bedingungen bis Moskau gerechnet werden konnte. Die Strecke von der Memel bis nach St. Petersburg beträgt 750 Kilometer. Der Marsch von Paris nach Moskau würde bei einer durchschnittlichen täglichen Marschleistung von rund 13 Kilometern etwa ein halbes Jahr dauern. Der Aufmarsch durfte wegen der notwendigen Frischfutterrationen für die Pferde erst im Frühjahr beginnen und musste bis zum Juni an der Memel abgeschlossen sein. Der Beginn der Offensive konnte mit Sommeranfang gesetzt werden, was bedeutet, dass man rechnen konnte, im September in Moskau anzukommen. Entsprechend diesen Zeitleisten wurde der Feldzug auch umgesetzt, und Napoleon konnte am 15. September in Moskau einziehen. Als Winterquartiere wären dann die größeren Städte wie Wilna, Smolensk oder Moskau vorgesehen gewesen.

Auf der russischen Seite wurden enorme Anstrengungen bei der raschen Aushebung von Truppen unternommen. Zunächst wurden ab 1805 fünf Mann pro fünfhundert männlichen Untertanen zum Kriegsdienst verpflichtet, ab März 1812 wurde diese Zahl auf sieben Mann angehoben; zusätzlich wurden Soldaten aus dem Ruhestand rückberufen. Insgesamt standen am Anfang des Jahres 1812 rund 590.000 Soldaten10) unter Waffen, bis September desselben Jahres hätte die Gesamtzahl der Landstreitkräfte 904.000 Mann erreicht haben sollen, wären nicht die Verluste aus den Kriegseinwirkungen abzuziehen gewesen. Russland stand zu Beginn des Feldzuges noch mit dem Osmanischen Reich im Krieg, auch der Frieden mit Schweden galt noch nicht als gesichert. Im Operationsgebiet standen zu Beginn des Feldzuges den Franzosen insgesamt 280.000 russische Soldaten gegenüber. Verstärkt wurde dieser Frontabschnitt durch zwei Reservekorps in der Stärke von rund 112.000 Soldaten, weitere Einheiten waren erst in der Aufstellung begriffen. Insgesamt waren also 392.000 Mann unmittelbar gegen Napoleon verfügbar. An die 70.000 Mann waren im Frontabschnitt gegen die Osmanen auf dem Balkan gebunden und 37.000 Mann in Finnland gegen die Schweden, der Rest der russischen Streitkräfte verteilte sich auf kleinere Kriegsgebiete, wie beispielsweise gegen Persien im Kaukasus, oder war zur Sicherung von Gebieten und Grenzen dieses Riesenreiches eingesetzt.11)

Über die Stärke der russischen Kavallerie liegen keine Zahlen vor, ihre regulären Verbände dürften jedoch zahlenmäßig auf Höhe der Franzosen gelegen sein. In diese Verbände einzurechnen sind auch die regulären Kosakenregimenter, die als leichte Kavallerie eingesetzt wurden. Hinzu kamen noch irreguläre Kosakenverbände, die auf ihren Pferden zwar hochmobil waren, aber nicht zu den klassischen Kavallerieverbänden im Sinne dieser Waffengattung gezählt werden können. Im Bereich der Artillerie verfügte Russland über etwa 900 Geschütze, wobei diese den französischen an Feuerkraft (Zwölfpfünder gegen Achtpfünder) überlegen waren; die Franzosen hatten rund 1.200 Kanonen mit ins Feld geführt.12) Aufgrund geschickter Reformen ab dem Jahr 1800 konnte Russland eine der professionellsten Artillerien in Europa vorweisen.

Um diese Zahlen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung besser verständlich zu machen, werden nun die Einwohnerzahlen in den jeweiligen Staaten aufgeführt: Im französischen Reich, also inklusive aller direkt von Paris aus regierten Gebiete, lebten 1812 rund 44 Millionen Menschen. (Am Vorabend der Revolution hatte Frankreich lediglich 29 Millionen Menschen unter seiner Herrschaft gehabt.) Hinzu kamen noch etwa 6,5 Millionen Menschen in Italien und 14 Millionen in den Rheinbundstaaten. Die Einwohnerzahl des Russischen Reiches betrug im Jahre 1797 rund 40 Millionen. Etwa zum gleichen Zeitpunkt regierten die Habsburger über 22 Millionen Menschen, von denen jedoch einige 1812 bereits unter französischer Herrschaft standen. Die Einwohnerzahl Preußens lag 1806 bei 10,7 Millionen, jene Großbritanniens inklusive der Iren betrug 15 Millionen Menschen.13)

Am 24. Juni also hatten die Franzosen die Memel14) überschritten und den Krieg eröffnet. Bereits vier Tage später war Wilna in Litauen erobert worden. Der Angriff wurde weiter vorangetragen, nördlich der Beresina Richtung Witebsk, das am 28. Juli fiel. Die russischen Truppen wurden verzögernd zurückgenommen, wobei sie dem Gegner keine intakte Infrastruktur hinterließen - die Vorratslager zerstört, die Dörfer evakuiert und niedergebrannt; sogar die Feldfrüchte wurden vernichtet. Erstmals stellten sich die Russen in der alten Festung Smolensk, die jedoch nur behelfsmäßig fortifiziert werden konnte. Am 18. August wurde auch diese Stadt niedergebrannt und die Truppen wurden zurückgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die französische Invasionsarmee bereits 150.000 Mann durch Kriegseinwirkung, aber auch durch Desertion und v.a. durch Krankheiten eingebüßt. Auch Pferde waren in großer Zahl eingegangen.

Am 7. September stellten sich die Russen zur Schlacht von Borodino etwa 50 Kilometer vor Moskau und mussten dabei rund 50.000 Ausfälle verzeichnen. Die Franzosen verloren an diesem einen Tag rund 30.000 Mann, weshalb diese Schlacht als das verlustreichste Treffen, weit über die napoleonische Ära hinaus, bis hin zum Ersten Weltkrieg zu bezeichnen ist. Nicht wirklich geschlagen zogen sich die Russen abermals zurück und gaben Moskau preis. Napoleon zog am 15. September in die Stadt ein und verblieb dort in der Hoffnung auf ein Friedensangebot des Zaren bis zum 19. Oktober. Die Bevölkerung war zu zwei Dritteln evakuiert worden, und wie schon während des gesamten Rückzuges zuvor, wurde auch die alte Hauptstadt größtenteils ein Raub der Flammen. Unverrichteter Dinge im Hinblick auf eine politische Lösung musste Napoleon nunmehr den Rückzug antreten, da aufgrund der gewaltigen Zerstörungen an ein Überwintern in Moskau nicht zu denken war; seine Armee war trotz zugeführter Verstärkungen mittlerweile auf rund 100.000 Soldaten zusammengeschmolzen.

Zahlreiche kleinere Gefechte begleiteten diesen Rückzug, der am 27. November mit der Schlacht an der Beresina noch einen letzten Höhepunkt erlebte. Ab dem 6. November war der für russische Verhältnisse ungewöhnlich milde Herbst plötzlich umgeschlagen und hatte die Grande Armée mit Temperaturen weit unter null Grad überrascht, sodass die Soldaten reihenweise erfroren. Eine kurze Tauwetterphase um den 25. November hatte bewirkt, dass die Eisdecke der Beresina aufgeschmolzen war, weshalb sich die Überquerung des Flusses in ein verlustreiches Unternehmen verwandelte. Danach setzte der russische Winter mit seiner ganzen Härte ein und dezimierte die Armee weiter, hinzu kamen die permanenten Angriffe der Russen, v.a. der Kosaken, die sich nun gegenüber dem geschwächten Feind wirksam in Szene zu setzen vermochten.

Napoleon hatte seine Armee um den 5. Dezember verlassen und war eilends nach Paris zurückgekehrt, um kolportierten Umsturzgerüchten zuvorzukommen. Wilna wurde zwar als Winterquartier vorgesehen, aber um den 10. Dezember bereits wieder verlassen, da man glaubte, den russischen Angriffen nicht standhalten zu können. Knappe 20.000 Mann der einst so mächtigen französischen Invasionsarmee überschritten am 14. Dezember die Memel. Der bis dahin größte Feldzug der neueren Geschichte war unrühmlich zu Ende gegangen; es begann der Anfang vom Ende des französischen Imperiums. Bereits Jahre zuvor war Napoleon von seinem Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord - wohl einer der geschicktesten Staatsmänner seiner Zeit, aber auch einer der schillerndsten - gewarnt worden, sein Imperium zu überdehnen. War es also bloßer Machtrausch oder steckten hinter all diesen Eroberungszügen handfeste strategische Überlegungen?

 

Politisch-strategische Hintergründe für diesen Feldzug

In Spanien wurde noch gekämpft, zwischen Großbritannien und Frankreich war kein Frieden, Österreich war als unsicherer Verbündeter einzustufen, von Preußen gar nicht zu reden, in den deutschen Landen war die anfängliche Napoleon-Euphorie verblasst. Eigentlich sollte es dem Kaiser daran gelegen sein, das neue Imperium im Inneren zu ordnen und zu stabilisieren sowie die Grenzen zu sichern, bevor er sich neuen Abenteuern zuwenden konnte. Er hatte dies anfangs auch versucht und war radikal vorgegangen: In vielen eroberten Gebieten war die über Generationen eingeprägte Volkskultur durch revolutionäre Ideen ersetzt worden, mit denen sich viele nicht so schnell anfreunden konnten oder wollten. Insbesondere das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit seinen zahlreichen Staatsgebilden wurde vollkommen durcheinander gewirbelt und durch neue großflächige Kunststaaten ersetzt. Die rund 1.800 politischen Gebilde wurden 1803 mit dem durch Napoleon gesteuerten Reichsdeputationshauptschluss zu 40 Gemeinwesen umgeformt. Die unzähligen Kleinststaaten wie die Reichsdörfer und Reichsritterschaften, aber auch Grafschaften und Herzogtümer wurden fusioniert. Die Macht der Kirche wurde durch die Auflösung der als weltliche Gemeinwesen existierenden Bistümer gravierend zurückgedrängt und die seit Jahrhunderten zahlreich existierenden so genannten Freien Reichsstädte in ihren Rechten stark beschnitten.15) Ähnlich war dies auch in Italien verlaufen, wo das Papsttum gedemütigt worden war, auf der Iberischen Halbinsel und im nunmehr von Napoleons Gnaden bayrischen Tirol. Bereits 1809 war dieses stark christlich geprägte Bergvolk aufgestanden und hatte erbittert, aber letztendlich erfolglos gegen die neue Herrschaft gekämpft.

„Napoleons rücksichtsloses Verhalten bewirkte, dass er rasch die emotionale und intellektuelle Zuneigung einbüßte, die er in den Anfangsjahren gewonnen hatte, während sich die entfremdeten Völker in ganz Europa zusammenfanden, die einzig der Abscheu vor ihm einte.“ 16)

Nun konnte man Russland zu jener Zeit nicht als ein fortschrittliches, liberales und aufgeklärtes Land bezeichnen; vielmehr gab es dort noch immer die Leibeigenschaft und stark feudalistisch geprägte Gesellschaftsstrukturen, die in vielen europäischen Ländern bereits im 18. Jahrhundert abgeschafft worden waren. Der Zar herrschte über ein Konglomerat aus zahlreichen Völkern, die, wie die Polen, erst wenige Jahrzehnte zuvor dem russischen Joch unterworfen worden waren. Zudem war Russland permanent mit der Verteidigung gegen die Osmanen und die Perser beschäftigt, oder aber auch mit der Niederschlagung von Aufständen im Inneren. Besonders die Kosaken waren immer wieder gewillt, sich gegen die Staatsmacht zu erheben, wie beispielsweise im Pugatschow-Aufstand in den 1770er-Jahren, wo sie auch die Völkerschaften der Tartaren, Kalmücken und Baschkiren mitrissen.

Und dennoch wurde dieses Russische Reich während der späten napoleonischen Epoche von den enttäuschten Europäern als der letzte Hort der Freiheit gegenüber dem französischen Usurpator gesehen. Zar Alexander I. war als der letzte machtvolle Gegenspieler Napoleons auf der europäischen Landkarte verblieben, dem man zutraute, sich dessen Machthunger entgegenzustellen. Zahlreiche Europäer vom liberalen Republikaner bis zum erzkonservativen Aristokraten, Zivilisten und Militärs, Intellektuelle und Freischärler, sie alle flohen nach Russland und stellten sich in die Dienste des Zaren, wie beispielsweise der damalige preußische Oberstleutnant Carl von Clausewitz. Von dort aus versuchten sie, auf ihre Heimaten einzuwirken gegen die französische Herrschaft.

Insbesondere Preußen und den deutschen Landen konnte Russland im Zuge einer erwartbaren neuerlichen Erhebung als Anlehnungsmacht dienen. Außerdem hatte Alexander, trotz seines Bündnisses mit Frankreich, Napoleon 1809 im Krieg gegen Österreich de facto nicht unterstützt. Eine gewichtige Rolle spielten in diesem Zusammenhang der russische Adel und die orthodoxe Kirche, die in Napoleon und dessen revolutionären Ideen den Teufel sahen, der ihnen den Untergang ihres Machtgefüges bescheren würde. Es war also nicht nur die bereits erwähnte Aufweichung der Kontinentalsperre, die Napoleon veranlasste, einen Krieg gegen Russland in Erwägung zu ziehen, sondern v.a. auch die russischen Rüstungsanstrengungen, die er über sein verzweigtes Agentennetz in Erfahrung gebracht hatte. Mit dem Überfall auf das Zarenreich trachtete er einem vermeintlichen russischen Angriff zuvorzukommen, der möglicherweise Preußen und Österreich bewogen hätte, mit in den Krieg gegen ihn einzutreten und sämtliche eroberte Gebiete seines Imperiums in Aufruhr versetzen hätte können. Sollte nun auch England, das bereits die spanische Erhebung unterstützte, von den britischen Inseln aus direkt in den Krieg eingreifen, so wäre ein Defensivkrieg an allen Fronten zu führen gewesen. Um dieser Schreckensvision nicht zu erliegen, gab es nur die Möglichkeit, selbst die strategische Initiative zu ergreifen, in der Hoffnung, rasch vollendete Tatsachen durch eine Niederwerfung Russlands zu schaffen.

Mit Russland verband Napoleon jedoch noch ein weiter in der Ferne liegendes strategisches Ziel: Indien. Im Pariser Frieden von 1763 hatte Frankreich seine gesamten Besitzungen in Nordamerika und mit Ausnahme von Pondicherry alle indischen Besitzungen an England abtreten müssen. Um ein Imperium nachhaltig errichten zu können, bedurfte es jener überseeischen Besitzungen, deren Ausbeutung Reichtum ins Land brachte. So hatten es die Spanier und Portugiesen in Südamerika betrieben, die Russen waren in die sibirischen Weiten vorgedrungen und die Engländer hatten sich Nordamerika zunutze gemacht. V.a. aber war es nun Indien, das mit seinem unermesslichen Reichtum an menschlichen und materiellen Ressourcen den Briten entsprechenden Wohlstand bescherte. Da Napoleon die Briten als Hauptfeind betrachtete und neben dem militärischen Instrument auch wirtschaftliche Maßnahmen zur Niederringung des Gegners in seinem Repertoire kannte, diagnostizierte er die Möglichkeit zur Zerstörung Großbritanniens durch die Wegnahme der indischen Kolonien. Außerdem würde die Wiedergewinnung Indiens dem französischen Imperium jenen wirtschaftlichen Auftrieb geben können, um es dauerhaft zu festigen. Bereits sein Ägyptenfeldzug im Jahre 1798 hatte zum Ziel, eine Ausdehnung des französischen Herrschaftsbereiches nach Bengalen und Hindustan zu erreichen.17)

Dieser Feldzug scheiterte am Widerstand der Mamelucken und Osmanen, v.a. aber auch wegen der Hitze und der zahlreichen Krankheiten, die seine Armee stark dezimiert hatten. Die Idee der Eroberung Indiens auf dem Landweg ließ Napoleon jedoch nicht mehr los. Dies zeigte sich einmal mehr im Vertrag von Finckenstein aus dem Jahre 1807, den er mit dem Schah von Persien abgeschlossen hatte, wonach dieser für die Zusicherung von Gebieten im Kaukasus und in der Kasachensteppe einer französischen Streitmacht die Durchmarschrechte durch Persien und Afghanistan nach Indien garantieren sollte. Zwar hob der Schah diesen Vertrag 1809 wieder auf, nachdem sich Napoleon mit Zar Alexander verbündet hatte und nun Großbritannien an Persien mit Unterstützungszusagen herangetreten war, aber er zeigt sehr deutlich die französischen Ambitionen in dieser Weltecke auf. Ein weiteres Mal versuchte Napoleon seine Idee zu verkaufen, indem er 1808 dem Zaren eine gemeinsame Eroberung Indiens vorschlug. Dieser ging jedoch nicht auf den Vorschlag ein, da seine Berater mit ihren Kriegserfahrungen von der Persienfront ein solches Unternehmen als undurchführbar beurteilten.18)

Mit einer Niederwerfung Russlands konnte aus der Sicht Napoleons das strategische Fernziel einer Eroberung Indiens angegangen werden. V.a. war damit zu rechnen, dass massive Verstärkungen durch die russischen Truppen im Rahmen einer Vasallenstellung des Zaren diese Absicht begünstigen würden. Zar Alexander seinerseits war von vornherein klar, dass es in einem solchen Krieg nicht um bloße Gebietsgewinne für die Franzosen oder einen neuerlichen Pattfrieden gehen würde, sondern um die Existenz seines Reiches. War die russische Armee erst einmal vernichtend geschlagen und der Zar entmachtet, so konnte eine Umstrukturierung und Filetierung des Reiches nach dem Vorbild der Umgestaltung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bzw. die Besetzung der Herrschaften mit Verwandten und Günstlingen Napoleons erwartet werden. Das strategische Ziel Zar Alexanders war es daher, unter keinen Umständen einem Frieden zuzustimmen, solange sich die Franzosen auf russischem Territorium befanden. Er hatte dies auch gegenüber dem russischen Botschafter in St. Petersburg verkündet, dass er nie bereit wäre, einen Frieden zu unterzeichnen, der ihm in der eigenen Hauptstadt verkündet würde, vielmehr werde er bis in die Tiefen Russlands hinein kämpfen. Lediglich Napoleon tat diese Aussagen als reines Geschwätz ab.19)

Aus diesen Positionen heraus wird auch begreiflich, dass ein möglicher Krieg zwischen den beiden Giganten a priori einen totalen Charakter annehmen musste. Dies rechtfertigt zwar nicht die enormen Verluste auf beiden Seiten und die unvorstellbaren Entbehrungen und Opfer, die v.a. die russische Zivilbevölkerung hinzunehmen hatte, es lässt allerdings die Unbarmherzigkeit und Brutalität, mit der dieser Überlebenskampf geführt wurde, in einem anderen Licht erscheinen. Aus diesen hochgesteckten strategischen Zielsetzungen, die letztendlich nichts anderes erbringen sollten als die vollständige Unterwerfung Europas, des damaligen Weltzentrums, unter ein Imperium, wird ein Weltherrschaftsanspruch erkennbar, und es zeigt sich damit Hegels Weltseele in der Gestalt eines talentierten Revolutionsgenerals, dem als nunmehr machttrunkenen Feldherrn alle Dimensionen maßvollen Herrschens im Sinne eines für sein Volk guten Regenten verloren gegangen waren oder überhaupt fehlten und der in einem Anflug von Größenwahn die gewaltigste Armee seiner Zeit aufbot, um mit diesem Feldzug alles auf eine Karte zu setzen.

 

Die militärstrategischen Ansätze

Die Grande Armée von 1812 wurde aufgeboten, um anzugreifen. Alle vor dem Überfall auf Russland getätigten Maßnahmen wie die Inbesitznahme des Herzogtums Oldenburg bereits 1811, die Annexion Schwedisch-Pommerns und die Verstärkung der Grenzdivisionen im Großherzogtum Warschau sowie die permanenten Friedensbekundungen dienten ausschließlich dem verdeckten Aufmarsch einer gewaltigen Streitmacht. Zwar durfte Napoleon mit einem Angriff der Russen rechnen, aber einen Verteidigungskrieg zu führen, war nicht seine Absicht. Er wusste zu genau, dass damit nichts gewonnen würde, da er sich aufgrund der ständig vorhandenen Nährrate für die russische Armee als Abnützungskrieg endlos hinziehen würde. Ein solches Szenario herrschte bereits in Spanien vor. Russland musste rasch besiegt werden, indem die Armee vernichtend geschlagen und die russische Seele gebrochen war. Dabei ging es um die Eroberung von strategischen Punkten, die Erzherzog Karl von Österreich in seinen zeitgenössischen Schriften wie folgt fasst: „In jedem Staate gibt es strategische Punkte, die für das Schicksal desselben entscheidend sind; weil man durch ihren Besitz den Schlüssel des Landes gewinnt und sich seiner Hilfsquellen bemächtigt.“ 20)

Es gibt wohl mehrere strategische Punkte in Russland, an denen sich das Schicksal des Reiches hätte entscheiden können, aber einer unter ihnen leuchtet so kräftig hervor, dass Napoleon diesen eindeutig als den entscheidenden erkannte: Moskau. Es war die alte Hauptstadt des Reiches, die im Gegensatz zu St. Petersburg jene traditionell-emotionale Bindung in der Bevölkerung aufwies, die dazu gereichen konnte, bei deren Eroberung ganz Russland als verloren zu betrachten. Moskau war das Herz Russlands, und noch nie war ein europäisches Heer bis dorthin vorgedrungen. Im Großraum Moskau, in Tula, lagen auch die Produktionsstätten für die russischen Waffen und andere Rüstungsbetriebe in großer Zahl. Voraussetzung für die Niederwerfung Russlands war die Vernichtung seiner Armee, das Gravitationszentrum für die Erreichung der strategischen Zielsetzungen war jedoch Moskau, wozu sich Clausewitz wie folgt äußert: „Das russische Reich ist kein Land, was man förmlich erobern, d.h. besetzt halten kann, wenigstens nicht mit den Kräften jetziger europäischer Staaten, und auch nicht mit den 500.000 Mann, die Bonaparte dazu anführte. Ein solches Land kann nur bezwungen werden durch eigene Schwäche und durch die Wirkungen des inneren Zwiespaltes. Um auf diese schwachen Stellen zu stoßen, ist eine bis ins Herz des Staates gehende Erschütterung notwendig. Nur wenn Bonaparte mit seinem kräftigen Stoß bis Moskau hinreichte, durfte er hoffen, den Mut der Regierung und die Treue und Standhaftigkeit des Volkes zu erschüttern. In Moskau hoffte er den Frieden zu finden, und dies war das einzige vernünftige Ziel, welches er sich bei diesem Kriege stecken konnte.“ 21)

Die militärstrategische Absicht war also aus der Sicht Napoleons, rasch die Entscheidung herbeizuführen. Sein ganzes Streben für diesen Feldzug trachtete danach, die Russen zur ultimativen Schlacht zu zwingen. Er konzentrierte sich ganz auf das russische Heer und seine Positionen sowie die Möglichkeiten des Zusammenwirkens der Heeresgruppen, dieses Heer musste gesucht und zerschlagen werden. Delbrück bezeichnet dies als Niederwerfungsstrategie,22) also eine Militärstrategie, die die Schlacht um jeden Preis haben muss.

Erst dann konnte daran gegangen werden, das Gravitationszentrum zu erobern, ein Folgeschritt, der ebenso rasch vollzogen werden musste, um dem Gegner keine Gelegenheit zu geben, Truppen auszuheben und die Stadt entsprechend zu befestigen. Der Sieg über Russland war also an zwei Prämissen geknüpft: erstens die totale Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte und zweitens die Eroberung Moskaus. Mit vollem Triumph wollte Napoleon in Moskau einziehen, die Herzen der Bevölkerung gewinnen und ein Regime etablieren, das die Leibeigenschaft beendete. Dem Zaren bliebe nichts anders übrig, als um Frieden zu betteln, sich als Vasall zu unterwerfen, um wenigstens das Reich und die Dynastie zu retten.

Alexander wusste sehr genau, dass er eine Entscheidungsschlacht an der Grenze des Reiches vermeiden musste. Russland war von dem zügigen, verdeckten Aufmarsch Napoleons überrascht worden, war in den Rüstungsanstrengungen noch nicht auf dem benötigten Stand an Personal und Material, eine Vielzahl der erfahrensten Regimenter war noch im Krieg gegen die Türkei gebunden, wobei der Friede mit den Osmanen bereits greifbar war, aber für eine Verteidigung an der Grenze doch um zwei Monate zu spät kam, sodass der vollen Wucht eines Angriffes die russischen Truppen in Polen nicht hätten standhalten können, sie waren an Zahl unterlegen, und nach Clausewitz’ Berechnungen waren von den rund 400.000 Mann, die zur Abwehr bereitgestanden waren, für den ersten Ansatz nur 180.000 verfügbar. Allerdings waren die russischen Heerführer und der Zar selbst in einen Entscheidungsnotstand geraten; der Feind sollte einerseits nach Möglichkeit auf feindlichem Territorium, also im Großherzogtum Warschau bereits angegriffen und geschlagen werden. Sollte er Russland angreifen, hatte zunächst niemand einen Rückzug in Erwägung gezogen, sondern schlimmstenfalls eine grenznahe Verteidigung mit dem Ziel, nach der Heranführung von Verstärkungen, sofort wieder zum Angriff überzugehen und Napoleon aus Russland hinauszuwerfen; andererseits war allen klar, dass diese Entscheidungsschlacht, zu der sie dann genötigt würden, exakt Napoleons Zielvorstellungen entsprechen würde und dessen Chancen auf einen Sieg, aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit und seines Feldherrngenies, das den Russen mächtig Respekt einflößte, als hoch einzuschätzen waren.

Allein der militärische Berater und Vertraute des Zaren, der preußische Generalmajor in russischen Diensten, Karl Ludwig von Phull, schlug eine Rückzugsstrategie vor, die den Zaren überzeugte und letztendlich der Anstoß zur gesamten militärstrategischen Anlage des Feldzuges auf russischer Seite werden sollte: „Der Kaiser und der General Phull hatten deshalb den ganz richtigen Gesichtspunkt gefasst, dass der eigentliche Widerstand erst später und tiefer im Lande erfolgen könne, weil man an der Grenze nicht stark genug sein würde. General Phull stellte daher die Idee auf, den Krieg von freien Stücken ein gutes Ende rückwärts in Russland hinein zu verlegen, sich dadurch seinen Verstärkungen zu nähern, etwas Zeit zu gewinnen, den Feind durch Detachierungen, die er würde machen müssen, zu schwächen und Raum zu gewinnen, ihn strategisch in Flanke und Rücken zu nehmen. Diese Idee sprach den Kaiser umso mehr an, da sie an Wellingtons Feldzug im Jahre 1811 in Portugal erinnerte.“ 23)

So recht anfreunden mit dieser Idee wollte sich unter den russischen Heerführen keiner, aber angesichts der Situation, die als Alternative nur die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verlierende Entscheidungsschlacht geboten hätte, fügten sie sich und entwickelten eine konsequente Militärstrategie, obwohl zunächst der Zar den Oberbefehl über die Streitkräfte an der Westfront an den Kriegsminister und General Michail Barclay de Tolly übertrug und dieser nach dem Treffen bei Smolensk durch General Michail Ilarionowitsch Kutusow abgelöst wurde, also ein einheitliches und stringent durchgezogenes Vorgehen, das Delbrück später unter dem Begriff der „Ermattungsstrategie“ zusammenfassen sollte: „Ich habe für diese Art der Strategie ehedem den Namen der Ermattungsstrategie oder der doppelpoligen Strategie geprägt, d.h. derjenigen Strategie, in der der Feldherr von Moment zu Moment wählt, ob er vermöge einer Schlacht oder eines Manövers zu seinem Zwecke gelangen soll, sodass seine Entschlüsse sich sozusagen unausgesetzt zwischen den beiden Polen des Manövers und der Schlacht bewegen, sich bald diesem, bald jenem Pol zuneigen. Dieser Strategie steht gegenüber jene andere, die geradewegs darauf ausgeht, die feindliche Streitmacht anzugreifen, zu zerstören und dem Besiegten den Willen des Siegers zu unterwerfen, die Niederwerfungsstrategie.“ 24)

Ziel war es also, so lange zu manövrieren, bis sich ein günstiger Augenblick für eine Schlacht bot, der dann eintreten würde, wenn einerseits die französischen Truppen durch den Vormarsch geschwächt wären, ihre Logistik wegen der weiten Distanzen nicht mehr in der Lage sein würde, entsprechend zu versorgen, und ausreichende Truppen auf der russischen Seite zur Annahme einer Schlacht bereitstünden. An einen Fall Moskaus wollte zu diesem Zeitpunkt zwar noch niemand denken, aber man war sich der zu erbringenden Opfer für diese Strategie bewusst, und so wurden sukzessive die Stellungen immer dann geräumt, wenn eine Umfassung, also ein Festnageln der Truppen an einem Schlachtort, drohte; zudem hinterließen die Russen ihrem Gegner nichts, die Städte, Vorratslager und Ernten waren systematisch vernichtet oder niedergebrannt worden. Auch Borodino brachte für Napoleon nicht die Entscheidung, da sich Kutusow - nach schweren Verlusten zwar, aber dennoch geordnet - aus der Schlacht zu lösen vermochte; es wurde demzufolge Moskau preisgegeben, aber die Armee war intakt und konnte während der Atempause wieder aufgefüllt werden. Nachdem Napoleon Moskau unverrichteter Dinge wieder verlassen musste, verfolgte die russische Seite die eingeschlagene Militärstrategie konsequent weiter und setzte mit punktuellen kleinen Angriffsoperationen dem zurückweichenden Feind enorm zu.

Einen wesentlichen Faktor zur Erhöhung der Leidensfähigkeit des russischen Volkes bildete die orthodoxe Kirche, deren Einfluss v.a. bei der einfachen Bevölkerung, also unter den Leibeigenen, eine nationale Aufwallung zu erzeugen vermochte, die diese Menschen trotz der minderen gesellschaftlichen Stellung und der gewaltigen Opfer, die sich durch den Verlust von Obdach, Lebensmittelknappheit, widrigste Lebensumstände, Vergewaltigung der Frauen und Mädchen, Zwangsaushebungen für das Militär und Verlust des ohnehin bescheidenen Hab und Gutes offenbarten, so an die Heimat zu binden vermochte, dass, von kleineren Erhebungen abgesehen, kein landesweiter Aufruhr oder Verbrüderungen mit dem Feind stattfanden.

„Im Krieg von 1806/07 hatte die orthodoxe Kirche Napoleon mit einem Bannfluch belegt, der nach Tilsit eine Peinlichkeit darstellte. Jetzt aber konnte der Klerus den Antichrist mit voller Stimme brandmarken. Am 27. Juni erließ der Synod ein glühendes Manifest, in dem er warnte, derselbe böse Stamm, der Gottes Zorn über das Menschengeschlecht gebracht habe, als er seinen legitimen König und seine Kirche stürzte, bedrohe jetzt Russland. Daher sei es die Pflicht jedes Priesters, in der Bevölkerung Einmütigkeit, Gehorsam und Mut zur Verteidigung des orthodoxen Glaubens, der Monarchie und des Vaterlandes zu erwecken.“ 25)

Obwohl Napoleon Plünderungen und Repressalien gegen die Zivilbevölkerung verboten hatte und eigentlich gute Chancen bestanden, die einfachen Menschen für die revolutionären Ideen empfänglich zu machen, ging dieses russische Konzept der psychologischen Kampfführung voll auf. Zunächst waren die Befehle des Kaisers wegen der schlechten Versorgungslage der Truppen nicht durchzuhalten, es mussten so genannte Fourage-Expeditionen durchgeführt werden, auch gelang es trotz Einsatzes von Gendarmen und zahlreicher Erschießungen von Marodeuren nicht, die Soldateska einzudämmen. Dies betraf auch das russische Ostpolen, wo die Invasoren von den Menschen anfänglich als Befreier von der russischen Herrschaft empfangen worden waren.

„In der Proklamation, mit der er seinen ‚Zweiten polnischen Krieg‘ erklärte, hatte Napoleon bei seinen Truppen den Eindruck erweckt, dass sie sich auf feindlichem Boden befänden, sobald sie den Njemen überschritten, deshalb fühlten sie sich berechtigt, zu tun, was sie wollten. [...] Ein Landadeliger [...] hatte eine französische Kavallerieeinheit mit dem traditionellen Brot und Salz willkommen geheißen, als sie auf seinem kleinen Gut außerhalb von Wilna eintraf. Binnen einer Stunde jedoch hatten die Männer seine Scheunen und Ställe geleert, alles Getreide auf den Feldern geschnitten, sein Haus vom Dach bis zum Keller geplündert, jedes Fenster und alles, was sie nicht mitnehmen konnten, zerschlagen und ihn und die Bauern seines Dorfs in tiefer Not zurückgelassen.“ 26)

Die Stimmung in den besetzten Gebieten schlug also sehr rasch um, was letztendlich dazu führte, dass Tausenden Verwundeten jegliche Hilfe verweigert wurde, nachdem sich die Franzosen wieder zurückgezogen hatten; Hass gegen die Invasoren und Sehnsucht nach Rache wuchsen ins Unermessliche.

Das klare Ziel dieses militärstrategischen Konzeptes, nämlich die gezielte und nachhaltige Ermattung des Gegners durch geschicktes Manövrieren und das Attackieren seiner Schwachstellen zum geeigneten Moment, also das geschickte Ausnutzen des Raumes und des Zeitfaktors, v.a. aber die beharrliche Umsetzung dieser Ermattungsstrategie, die mit dem Niederbrennen Moskaus den Leidensdruck auf die höchste Spitze trieben, zeitigten letztendlich den Erfolg, da es Napoleon nicht gelungen war, die russische Armee zu vernichten und damit der Zar nicht zur Notwendigkeit der Aufnahme von Friedensverhandlungen genötigt werden konnte. Der gerne als wesentlicher Faktor für die französische Niederlage gebrachte russische Winter wirkte sich erst in der letzten Phase des Feldzuges aus und erleichterte die Umsetzung der russischen Militärstrategie, er ist aber als nicht entscheidend für den Kriegsverlauf zu beurteilen.

 

Operationsführung und taktische Implikationen

Nachdem die russische Heeresleitung einen Angriff gegen die im Großherzogtum Warschau aufmarschierten Verbände als nicht gewinnbringend erkannt hatte und sich alle in die militärstrategische Konzeption eines Abnutzungskrieges einzufügen bereit waren, wurde für die erste Phase des Krieges der Operationsplan des Generals Phull angenommen, der Folgendes vorsah: „Phulls Plan bestand demnach darin, dass die 1. Westarmee sich in ein festes Lager zurückziehen sollte, wozu er die Gegend an der mittleren Düna gewählt hatte, dass dahin die nächsten Verstärkungen gesendet und ein großer Vorrat an Lebensmitteln daselbst angehäuft werden müsse, und dass Bagration mit der 2. Westarmee in die rechte Flanke und den Rücken des Feindes vordringen sollte, wenn dieser der 1. folgte. Tormassow blieb zur Verteidigung Wolhyniens gegen die Österreicher bestimmt.“ 27)

Zu diesem Zweck bezogen die drei russischen Armeen ein Verteidigungsdispositiv an der Grenze: Die 1. Armee, die von General Barclay de Tolly kommandiert wurde, der jedoch zugleich Kriegsminister war und Chef der gesamten Heeresleitung im westlichen Frontabschnitt, stand westlich von Wilna in einem etwa 100 Kilometer weiten Bogen hinter der Memel und deckte damit sowohl die Stoßrichtung gegen St. Petersburg als auch gegen Smolensk und weiter nach Moskau. Barclay verfügte über 130.000 Mann und bildete somit das Schwergewicht der russischen Verteidigung. Dies drückt sich auch durch den Einsatz der beiden Reservekorps unmittelbar hinter der 1. Armee aus, die nördlich und südlich von Wilna ihre Aufstellung bezogen hatten.

Die 2. Armee stand unter dem Kommando von General Pjotr Iwanowitsch Bagration in der Stärke von etwa 52.000 Mann28) ostwärts von Bialystok südlich der Memel. Bagration war unter den Generälen der vehementeste Verfechter einer Angriffsstrategie, bei den Truppen äußerst beliebt und ein Poltergeist, der sich selbst gerne an der Spitze der Armee gesehen hätte - ein Umstand, der Barclay die Führung erschwerte und letztendlich dazu führen sollte, dass er nach schweren Anfeindungen, v.a. von Seiten Bagrations, wegen der konsequenten, kräfteschonenden Umsetzung der militärstrategischen Vorgaben das Kommando an Kutusow abtreten musste. Die 3. Armee in der Stärke von rund 50.000 Mann führte General Tormassow an, der südlich der Pripjetsümpfe ein Vordringen des Feindes aus dem Raum Lemberg verhindern sollte. Diese Armee stand also relativ abseits, hatte das österreichische Korps unter dem Fürsten Schwarzenberg zu binden bzw. dessen Vordringen abzuwehren und nahm an den Kämpfen im Norden nicht teil.

General Phull hatte die Ortschaft Drissa an der Düna als starkes Gelände beurteilt und ließ dort Befestigungen errichten, aus denen dann die 1. Armee Napoleon eine Schlacht hätte anbieten können, wobei er sich ausgerechnet hatte, die zu Beginn noch ausständigen Reserven und neuen Aushebungen herangeführt zu haben, um zusammen mit der 2. Armee jene Stärke aufzuweisen, die einen Sieg über die Franzosen hätte erbringen können.

Napoleon konzentrierte die Hauptmacht seiner Truppen im Raum Kowno an der Memel. Die Russen sollten frontal angegangen werden; erstes Angriffsziel war Wilna, unter Einsatz des I. Korps unter der Führung von Marschall Davout mit 70.000 Mann als Schwergewicht, des II. Korps mit 40.000 Mann unter dem Kommando von Marschall Oudinot, das die linke Flanke decken sollte und gleichzeitig Marschall Mac Donalds X. Korps beim Vorstoß aus Tilsit Richtung Norden gegen Riga zu unterstützen hatte, des III. Korps unter Marschall Ney im Süden als rechte Flanke mit 40.000 und der kaiserlichen Garde mit 40.000 Mann als zweite Staffel. All diesen Truppen voraus wurde die Kavalleriereserve mit 40.000 Mann unter König Murat als erster Rammbock eingesetzt. Weiter südlich lagen das IV. Korps unter Fürst Eugène und das VI. Korps unter Marschall St. Cyr mit zusammen 67.000 Mann, denen die Aufgabe zugedacht war, in die Lücke zwischen erster und zweiter russischer Armee zu stoßen, eine Vereinigung dieser zu verhindern und Barclays 1. Armee zu umfassen. Gegen Bagration wurden unter dem Kommando von Napoleons Bruder Jérôme, dem König von Westphalen, drei Korps (das V. polnische, das VII. sächsische und das VIII. westphälische) eingesetzt, mit dem Auftrag, die 2. russische Armee zumindest soweit zu binden, damit eine Zusammenführung mit der Hauptstreitmacht unmöglich würde.29) Napoleon versuchte mit diesem Ansatz den Gegner zu portionieren, um ihn in Teilen schlagen zu können, denn je schneller es den Russen gelänge, ihre Kräfte zu konzentrieren, desto schwieriger würde es werden, sie überhaupt zu besiegen; v.a. aber musste er unter solchen Umständen mit weit höheren eigenen Ausfällen rechnen, als dies bei getrennten Treffen zu erwarten war.

Der französische Angriff ging im Schwergewicht zügig voran, da die Russen trotz ihres Verteidigungsdispositivs von der Invasion überrascht worden waren. An eine zeitlich begrenzte Verteidigung von Wilna war nicht mehr zu denken, die Munitionsdepots und Vorratslager wurden niedergebrannt, und Barclay, der die Absicht des Feindes rasch durchschaut hatte, ging hinhaltend kämpfend in Richtung auf die geplante Verteidigungsstellung in Drissa zurück, in der Hoffnung, sich dort mit Bagration vereinigen zu können. Als Napoleon am 28. Juni in Wilna einmarschierte, verließ die 2. russische Armee ihre Stellungen Richtung Nordosten, musste aber bald erkennen, dass ihr der Weg in die Dünastellung abgeschnitten worden war, und marschierte daher Richtung Minsk.

Barclay nahm seine Armee unter Führung kleinerer Gefechte sehr geordnet und umsichtig zurück, besetzte die Stellung in Drissa und musste von dort aus die Truppen Richtung Witebsk zurücknehmen, da die erhoffte Vereinigung mit Bagration nicht gelang und er zudem die Verteidigungsstellung in Drissa sowie deren Vorbereitung für eine Schlacht insoweit als ungenügend beurteilt hatte, als sie für die Armee zur Falle geworden wäre. Barclay ließ General Wittgenstein mit etwa 25.000 Mann nördlich der Düna stehen, um St. Petersburg zu decken, und zog sich in östlicher Richtung zurück.30) Bei Witebsk fand am 27. Juli das erste schwere Gefecht des Feldzuges statt; Barclay ordnete seine Truppen und ließ bei Einbruch der Dunkelheit Napoleon im Glauben, sich am nächsten Tag einer Schlacht stellen zu wollen. Die Invasionstruppen hatten in diesem Monat dennoch schwere Verluste hinnehmen müssen. Die ungenügende Versorgungslage, verursacht durch die heftigen Unwetter, die ohnehin kargen, nicht sehr wasserreichen, aber im Sommer sehr heißen Landstriche Ostpolens, das durch die Russen praktizierte schonungslose Prinzip der verbrannten Erde und die Gewaltmärsche, mit denen Napoleon seine Truppen vorantrieb, führten zu ungeheuren Ausfällen durch Desertion und Krankheiten: Während des ersten Monats hatte die Armee ohne wesentliche Kampfhandlungen bereits 150.000 Mann verloren, die Pferde, deren Pflege und Fütterung zu wenig Beachtung geschenkt worden war, waren zu Tausenden verendet.

In der Nacht auf den 28. Juli zog Barclay aus dem Raum Witebsk getarnt ab, indem er durch einen Kosakenverband die Lagerfeuer weiter betreiben ließ. Zu dieser Zeit erfuhr Napoleon vom Friedensschluss zwischen Russland und der Türkei, was bedeutete, dass die Russen weitere Truppen für den polnischen Kriegsschauplatz freibekommen würden, wenn es ihm nicht bald gelänge, eine Entscheidungsschlacht herbeizuführen. Am 17. August schließlich vereinigten sich die beiden russischen Armeen vor Smolensk, einer Stadt, deren Befestigungsanlagen veraltet waren und die militärstrategisch keine Bedeutung hatte. Für die politisch-strategische Ebene war sie allerdings nicht unwichtig, da sie mit ihrer Legende über eine wundertätige Ikone zu einem religiösen Zentrum geworden war. Barclay ließ die Stadt, die am Südufer des Dnjepr liegt, durch ein Korps von 30.000 Mann verteidigen. Es war dessen vordringlichste Aufgabe, den Rückzug der Hauptarmee zu decken und dann die Stadt aufzugeben, also die Vorräte zu vernichten. Durch den französischen Artilleriebeschuss fing die Stadt Feuer und brannte gänzlich nieder, ein Umstand, der Barclay von russischer Seite angelastet wurde. Die Empörung über die vermeintlich verantwortungslos rasche Aufgabe von Smolensk im russischen Kriegsrat war groß; nach diesem ungeliebten Rückzug und dem Fall der Stadt konnte der Zar Barclay als obersten Heerführer nicht mehr halten und übertrug den Oberbefehl für die Truppen an General Kutusow, einen Offizier, der sich in den Türkenkriegen hervorragend ausgezeichnet hatte, aber mit seinen 67 Lebensjahren nicht mehr den tatkräftigen und flexiblen Feldherrn verkörperte, den sich so mancher als Gegenstück zu Napoleon vielleicht gewünscht hätte. Berühmt war „der Alte“ allerdings für seine Schläue und Gerissenheit. - Barclay verblieb jedoch auf Befehl des Zaren als Kommandant der 1. Armee.

Napoleon war außer sich, als er erkennen musste, dass ihm die Russen schon wieder entwischt waren. Bis Smolensk hatte er gehofft, den Feind besiegt zu haben, sein Konzept war nicht aufgegangen, es war Mitte August, die Armee war ohne Schlacht bereits stark reduziert, wobei es sich dabei in erster Linie um die Verluste bei den frisch ausgehobenen Truppen handelte, während die erfahrenen Regimenter und v.a. die Garde noch voll kampfkräftig dastanden. Er musste nun aufs Ganze gehen: so rasch wie möglich der russischen Hauptarmee nach, sie zur Schlacht stellen, sie vernichten, Moskau erobern, den Zaren zum Frieden zwingen und die Truppen wieder hinausführen aus diesem unwirtlichen Land in vorbereitete Winterquartiere.

Kutusow wusste, dass sowohl der Zar als auch ganz Russland von ihm die Schlacht erwarteten, die Franzosen waren ihm knapp auf den Fersen. Die Invasionsarmee war Moskau bereits bedrohlich nahe gekommen, im Raum von Borodino/Utiza, etwa 100 Kilometer vor der Stadt, kamen beide Vormarschstraßen, die alte und die neue Smolensker Straße, enger zusammen. Kutusow stellte sich. Am 5. September begann die französische Avantgarde das Gefecht und warf die Russen aus der Schewardino-Schanze, ihrer Vorpostenstellung, den 6. September benötigte Napoleon, um die Truppen zu formieren und aus dem zirka 70 Kilometer auseinandergezogenen Heereswurm die Schlachtordnung herzustellen. Kutusow tat es ihm gleich. Zu Beginn der Schlacht standen sich am 7. September etwa 130.000 Mann auf jeder Seite gegenüber, Napoleon hatte die Schwachstelle der Russen erkannt - den linken Flügel, aber er war sehr vorsichtig mit dem Einsatz seiner Truppen, beinahe zögerlich, die Garde, seine letzte Reserve, kam in der gesamten Schlacht nicht zum Einsatz, den frontal angreifenden Franzosen gelangen zwar einige Vorstöße, sie nahmen die Redouten in Besitz, aber die Russen hielten auf der ganzen Frontlinie tapfer stand, auch wenn die Lage oft aussichtslos erschien, was die Franzosen überraschte. Es gab daher nahezu keine Gefangenen, wie dies sonst in den Kriegen in Europa üblich war. Dieses Verhalten der Russen ist aus den Kriegen gegen die Türken und Perser zu erklären, dort wurde kein Pardon verlangt und auch keiner gewährt, Gefangene wurden bestenfalls hingerichtet, wenn nicht zu Tode gemartert, daher war es für die Soldaten besser, auch in aussichtslosen Situationen bis zum Ende zu kämpfen.

Die Schlacht wogte den ganzen Tag hin und her, die Verluste waren enorm: 50.000 russische Soldaten und 30.000 Mann der Invasionsarmee waren gefallen oder so schwer verwundet, dass sie als nicht mehr kampftauglich eingestuft werden mussten. Einen solch hohen Blutzoll an einem einzigen Tag hatte es in der bisherigen Kriegsgeschichte noch nicht gegeben, v.a. waren sehr viele Offiziere gefallen, unter ihnen auch der Kommandant der 2. Armee, Fürst Bagration. General Barclay hatte im Zentrum standgehalten, die 2. Armee auf dem linken Flügel hatte große Verluste erlitten. Kutusow befahl Vorbereitungen für einen Generalangriff am nächsten Morgen und hielt so die Truppen zusammen, die Soldaten begaben sich zur Ruhe. Durch diesen Schachzug verhinderte er die kopflose Flucht nach der Schlacht, obwohl er bereits durch die Meldung über die Ausfallszahlen erkennen konnte, dass er am nächsten Tag nicht mehr würde standhalten können. Am späten Abend befahl er den Rückzug, wodurch es ihm gelang, seine Armeen geordnet vom Schlachtfeld wegzuführen, zudem war er nicht geschlagen worden.

Napoleon hatte, da er auf dem Schlachtfeld verblieben war, zwar gesiegt, aber welchen Preis hatte dieser Sieg gekostet? Beinahe die gesamte Kavallerie war aufgezehrt, die russische Armee nicht vernichtend geschlagen, und zu allem Überdruss hatte Kutusow dem Zaren einen russischen Sieg vermelden lassen, was ihm den Marschallsstab einbrachte. Feldmarschall Kutusow wusste sehr genau, dass er sich so bald keiner Schlacht mehr stellen konnte, er brauchte einige Wochen Zeit, um die Truppen aufzufrischen und neu auszurüsten; er fasste daher den schwerwiegenden, aber nichtsdestoweniger genialen Entschluss, zwar eine Verteidigung Moskaus vorzugaukeln, die Stadt aber aufzugeben und die Truppen zu regenerieren. Er legte dies dem Kriegsrat so dar: „Solange die Armee noch existiert und in der Lage ist, sich dem Gegner zu widersetzen, bleibt uns die Möglichkeit erhalten, den Krieg zu einem günstigen Abschluss zu bringen, aber wenn die Armee zerstört ist, werden Moskau und Russland untergehen.“ 31)

Die Stadt wurde zum größten Teil evakuiert, und als Napoleon am 15. September einritt, zu seiner Verwunderung, ohne von der Stadtregierung begrüßt zu werden und den Schlüssel der Stadt übergeben zu bekommen, begannen bereits an einigen Stellen die ersten Brände aufzulodern. Die Franzosen glaubten den Krieg gewonnen zu haben und plünderten die Stadt, Napoleon wartete auf ein Friedensangebot des Zaren, dieser jedoch dachte nicht daran und wartete ab. Den Winter über aber war die Armee in Moskau nicht zu erhalten, dazu Clausewitz: „Eine Armee von 90.000 Mann mit erschöpften Menschen und zugrunde gerichteten Pferden in einem Spitzen Keil 120 Meilen (Anm.: 1 russische Meile = 7 Werst = 7,4676 Kilometer) weit in Russland hineingetrieben, rechts eine Armee von 110.000 Mann (Anm.: die wiederaufgefrischte russische Armee), um sich herum ein bewaffnetes Volk, genötigt nach allen Weltgegenden Front zu machen, ohne Magazine, ohne hinreichende Munitionsvorräte, mit einer einzigen ganz verwüsteten Verbindungsstraße - das ist keine Lage, in der man überwintern kann. War aber Bonaparte nicht gewiss, sich den ganzen Winter in Moskau behaupten zu können, so musste er den Rückzug vor dem Eintritt des Winters antreten, und Moskaus Stehen und Fallen hatte darauf keinen merklichen Einfluss.“ 32)

Napoleon blieb dennoch bis Mitte Oktober in Moskau, erst als der erste Schnee fiel, entschloss er sich zum Rückzug in die Winterquartiere, als Tag des Abzuges legte er den 20. Oktober fest. Die Soldaten zogen begleitet von zahlreichen Zivilisten, v.a. Frauen, und vollbepackt mit den Schätzen der Stadt relativ ungeordnet und ausgelassen ab, viele der Verwundeten allerdings blieben wegen Transportunfähigkeit in der geplünderten und niedergebrannten Stadt zurück und wurden alsbald von der zurückkehrenden Bevölkerung umgebracht, während die russischen Truppen wieder relativ aufgefrischt sich aufmachten, den zurückweichenden Feind anzugreifen, wie im Gefecht von Malojaroslawez, wo die Franzosen 6.000 Tote und Verwundete hinnehmen mussten; zwar hatten sie gewonnen, doch der Sieg hatte keine Bedeutung.

Bei der 3. russischen Armee im Süden, die den Österreichern gegenübergestanden hatte, war die Lage eingefroren. Die Kontrahenten lagen sich am Fluss Styr gegenüber, die Österreicher im Norden, die Russen im Süden - Patt gewissermaßen, das sich allerdings mit dem Frieden von Bukarest änderte, denn damit waren die Truppen der russischen Donauarmee frei geworden, von denen nun 50.000 Mann auf den nördlichen Kriegsschauplatz abgezogen werden konnten, 20.000 blieben weiter an der türkischen Grenze stehen. Diese kriegserfahrenen Truppen aus dem Süden unter dem Kommando von Admiral Tschitschagow zählten zu den besten, die aufgeboten werden konnten. Am 14. September hatten sich diese mit der 3. Armee vereinigt, und nun erst konnte eine wirksame Offensive gegen die Nachschubwege der Franzosen nach Moskau angegangen werden.33)

Tormasow wurde ins Hauptquartier abberufen und die vereinigte Armee unstrukturiert, sodass unter Zurücklassung von 27.000 Mann zur Bindung der Österreicher und Sachsen noch Garnisonen verstärkt werden konnten. Tschitschagow traf letztlich mit 32.000 Mann am 22. November bei Borissow an der Beresina ein, wohin sich auch der Rückzug der Invasoren hinwälzte. Der Operationsplan war als eine Einkesselung der napoleonischen Hauptarmee ausgedacht. Kutusow drückte von Osten her nach, Wittgenstein, dessen Korps auf 40.000 Mann verstärkt worden war, sättigte den Raum im Norden, nach Süden in die Pripjetsümpfe auszuweichen machte wenig Sinn, sodass die Grande Armée, an die Beresina gedrückt, diese überqueren musste, auf deren Westseite jedoch Tschitschagow dies verhindern sollte. Es bot sich die Möglichkeit an, Napoleon gefangen zu nehmen, aber dieser setzte sein Feldherrngenie noch einmal gezielt ein und begann einen Übergang über die Beresina südlich von Borissow bei Ucholoda vorzutäuschen.

Für Tschitschagow erschien dies logisch, da mit diesem Übergang der Marsch der Armee ins etwa 70 Kilometer entfernte Minsk hätte angetreten werden können, wo große Vorrats- und Munitionslager der Russen eine Überwinterung möglich gemacht hätten, tatsächlich aber überquerte Napoleon den Fluss bei Studjanka, etwa 18 Kilometer nördlich von Borissow und marschierte Richtung Wilna weiter. Durch dieses Täuschungsmanöver war es Napoleon gelungen, einen großen Teil seiner noch verbliebenen Armee am 26. November geordnet überzusetzen und aus der Falle zu entkommen. Seine Verluste betrugen dennoch rund 25.000 Mann, unter den die Armee begleitenden Zivilisten waren Tausende Opfer zu beklagen, die entweder am Ostufer aufgerieben wurden oder in der Beresina ertranken.

Die sich nach Wilna dahinquälende Rumpfarmee wurde nun v.a. durch den mit ganzer Härte einsetzenden russischen Winter, mit Temperaturen um die minus 30 Grad Celsius, auf ein Maß reduziert, das geordnetes Operieren unmöglich machte und auch das Halten in Wilna nicht zuließ. Es galt nur mehr, das Häufchen Elend zusammenzuhalten, das durch Erfrierungstod, Verhungern und permanente kleinere Angriffe so sehr dezimiert worden war, dass es mit lediglich 20.000 Mann am 14. Dezember die Memel überschreiten sollte. Die russischen Feldherrn waren in ihrer Operationsführung bis zum Ende stets vorsichtig zurückhaltend geblieben; getreu der ihnen vorgegebenen Ermattungsstrategie hatten sie sich nach Borodino auf keine Schlachten mehr eingelassen.

Die permanenten Nadelstiche gegen die Invasionsarmee wurden in erster Linie durch die Kosaken durchgeführt. Diese besonderen Reiterverbände waren teils als reguläre Regimenter in der russischen Armee eingegliedert, wo sie die Aufgaben der leichten Kavallerie übernahmen und auch nur mehr wenig mit der Kriegergemeinschaft des ursprünglichen Kosakenwesens zu tun hatten. Bei diesen Aufklärungs- und Sicherungsaufgaben gelang es ihnen oft, Versorgungseinheiten der Invasionsarmee, die im Umland herumstreiften, um Verpflegung und Futter zu organisieren, in Hinterhalten auszuschalten oder sie zu überfallen. Neben den regulären Kosakenverbänden wurden die russischen Truppen noch durch irreguläre Kosaken verstärkt, die sich in der Hoffnung auf Beute ebenso auf die Überfälle von Versorgungseinheiten oder die Gefangennahme von Versprengten spezialisiert hatten. Die leicht bewaffneten Reiter, meist nur mit einer Lanze und einem Säbel ausgerüstet, waren an sich militärisch kein großes Problem für geschlossene Truppenkörper, beim Vormarsch wurden sie de facto ignoriert, da sie sich nie zum Kampf stellten, sondern, zwar permanent in der Nähe, nur darauf warteten, bis Einheiten schwach genug waren, um sie gefahrlos niedermachen zu können. Ihre volle Wirkung entfalteten diese Reiter erst unter den schwierigen Bedingungen auf dem Rückmarsch, wo sie die Invasionsarmee durch ihre überraschenden Angriffe psychisch soweit demoralisierten, dass bereits alleine der Ruf „Kosaken“ Panik unter den maroden Verbänden auslöste. Den zurückgelassenen Verwundeten wurde ebenso wie den Gefangenen in der Regel kein Pardon gegeben, sie wurden vielmehr meist gefoltert und dann abgeschlachtet.

„Beim anschließenden großen Rückzug der Franzosen bewiesen die Kosaken eine Unmenschlichkeit, die in den Tiefen des kollektiven Gedächtnisses der Westeuropäer Erinnerungen an die Heimsuchungen der Steppenvölker wachrief, an Horden grausamer Nomaden, deren Auftauchen den Schatten überall hinwarf, wohin der Galopp ihrer Pferde sie trug. Die Kosakenschwadronen folgten den langgezogenen Kolonnen der Grande Armée, die sich durch knietiefen Schnee der Hoffnung auf Sicherheit entgegenkämpften, in kurzem Abstand, jedoch außerhalb der Reichweite der Musketen. Wo immer ein Mann geschwächt zusammenbrach, stürmten sie herbei; erlag eine Gruppe den Strapazen, wurde sie niedergeritten und ausgelöscht. Als sich die Kosaken jener Reste des französischen Heeres bemächtigten, denen es nicht gelungen war, die Beresina zu überqueren, bevor Napoleon die Brücken verbrennen ließ, kam es zu einem ungeheuren Gemetzel.“ 34)

Neben diesen Kosaken wurden jedoch seitens der Russen auch regelrechte Partisanenverbände gebildet, die in Zusammenarbeit mit der bäuerlichen Bevölkerung v.a. die langen Versorgungslinien des Feindes angreifen sollten. Die Bauern waren für diese Aufgabe leicht zu überzeugen, da die französischen Fouragiertrupps und Marodeure an der Zivilbevölkerung Gräueltaten verübten, für die diese gequälten Menschen Genugtuung forderten und sich an ihren Peinigern, zu denen grundsätzlich dann jeder feindliche Soldat zählte, oft mit unglaublicher Brutalität rächten. V.a. nach der Schlacht von Borodino, in deren Umfeld die ersten Partisaneneinheiten erfolgreich agierten, setzte die russische Heeresleitung, deren Generäle sich ebenso erst an diese Form der Kampfführung gewöhnen mussten, solcherart Truppen vermehrt ein und entfesselte damit einen sehr wirkungsvollen Kleinkrieg.35)

Die Guerillataktik oder eben der „kleine Krieg“, wie Clausewitz ihn als Begriff einführt,36) bildete unter den gegebenen Umständen einer demoralisierten Armee auf ihrem Rückzug, unter Versorgungs- und Witterungsbedingungen, die nicht schlechter hätten sein können, eine wertvolle Ergänzung der regulären russischen Truppen, die aufgefrischt und für lohnende Kampfaufgaben geschont werden konnten, während Partisanen und aufgebrachte und bewaffnete Bevölkerung den Gegner mit punktuellen Attacken permanent beschäftigte, dezimierte und durch die grausame und gnadenlose Form ihres Kampfes den Feind weiter demoralisierte. Obwohl manche dieser durchwegs berittenen Einheiten noch mit Pfeil und Bogen kämpften, auf den kleinen, an den russischen Winter gewöhnten Pferden, waren sie in dieser Situation, zur Erfüllung eben dieser Aufgaben, den regulären gegnerischen Truppen ebenbürtig, sofern sich diese nicht anschickten anzugreifen. In solchen Lagen trat die reguläre russische Armee als Anlehnungsmacht auf, hinter die sich die Partisanen flüchten konnten.

Die russischen Streitkräfte gliederten sich daher grundsätzlich in zwei Komponenten: eine reguläre und eine irreguläre. Die regulären Truppen bestanden in der Regel aus ausgehobenen Soldaten, die für 25 Jahre in den Dienst genommen wurden. Die Armee war dann gleichsam ihre Familie, da sie normalerweise kein einziges Mal während ihres Militärdienstes in ihre Heimatorte zurückkehren durften. Sie waren dort Leibeigene gewesen, und nun in der Armee waren sie freie Männer, sie passten nicht mehr in das dörfliche Gefüge, auch wenn sie nach 25 Jahren aus der Armee entlassen wurden, ein Umstand, der nicht als selbstverständlich anzusehen war, führte doch das Zarenreich permanent Kriege an seinen langen Grenzen. Gerade die napoleonischen Kriege forderten einen enorm hohen Blutzoll unter den regulären russischen Verbänden. Diejenigen Soldaten, die den Militärdienst überlebt hatten, diese Freien also, kolonisierten Sibirien oder blieben in irgendeiner Form mit der Armee verbunden. Weitere Angehörige der regulären Truppen bildeten die so genannten Legionäre, Menschen aus aller Herren Länder, in der Masse jedoch Offiziere, die sich in den Dienst des Zaren gestellt hatten; sie verließen die Armee wieder, nachdem ihre Heimaten vom napoleonischen Joch befreit worden waren.

Zwar wurden aus den regulären Truppen heraus Einheiten abkommandiert zur Durchführung von Jagdkampfaktionen, aber dies hielt sich in Grenzen. Für die klassischen Kampfeinsätze formierte Kavallerie war viel zu wertvoll, um sie für Einsätze zu verwenden, die auch von weniger gut gerüsteten und ausgebildeten Milizen und Banden erledigt werden konnten. So bestanden die irregulären Einheiten und Verbände meist aus Kämpfern, die angesichts der Gräueltaten der Invasionsarmee im Sinne einer Levée en masse bereit waren, sich zu wehren, oder solchen, die aus anderen Gebieten Russlands herbeigeeilt waren, um sich am Kampf gegen die Eindringlinge zu beteiligen, manche aus Vaterlandsliebe, andere ausschließlich, um Beute zu machen, die nach der Plünderung Moskaus bei den Invasoren in großer Zahl vorhanden war. Es erfolgte damit de facto eine innerrussische Umverteilung von Vermögen, mit den französischen Soldaten als „Zwischenhändlern“.

 

Zur Logistik

Die französischen Revolutionsarmeen waren es gewöhnt, sich aus dem Land zu versorgen, weshalb Napoleon bei seinen Feldzügen der Logistik, abgesehen von der Ausrüstung der Truppen mit Waffen und Bekleidung, wenig Beachtung schenkte. Der Soldat trug neben seiner Muskete, die ohne Bajonett 1,54 Meter Länge maß, einen Gurt mit Utensilien zur Waffenpflege und der Munition, einen Tornister, der Ersatzkleidung, ein zweites Paar Schuhe und Verpflegung (Zwieback, Mehl) enthielt, sowie eine Felddecke, die zusammengerollt über den Tornister geschnallt wurde.37) Für die Verpflegsversorgung war Geld vorgesehen, womit in den Einsatzgebieten frische Waren eingekauft werden sollten. Zudem begleiteten unzählige Marketenderinnen mit ihren Wagen die Heere auf den Feldzügen und versorgten die Soldaten mit allen aufbietbaren Annehmlichkeiten.

Diese Form der Versorgung der Truppen konnte in den dicht besiedelten und reichen Gegenden Deutschlands und Norditaliens sehr gut praktiziert werden, für die russischen Verhältnisse allerdings, so hatte Napoleon dies erkannt, würde dies nicht genügen, zudem überstieg die Armee, die gegen Russland aufgeboten wurde, in ihren Größendimensionen alles bisher Dagewesene. Es mussten daher Lager angelegt werden, um den verdeckten Aufmarsch zu garantieren und die aus ganz Europa zusammengeführten Truppen in die Ausgangsstellung an der Memel zu bringen, ohne dabei die Durchzugsländer auszuplündern und wirtschaftlich zu ruinieren. So hatte Napoleon in Danzig fünfzig Tagesrationen für 400.000 Soldaten und 50.000 Pferde einlagern lassen, wobei dem Soldaten als tägliche Ration etwa 600 Gramm Zwieback und Trockengemüse, 250 Gramm Fleisch, ein Viertelliter Wein und etwas Weinbrand zugestanden wurden; in den Munitionsdepots lagerten beispielsweise knapp 800.000 Kanonenkugeln für die mitgeführten Artilleriegeschütze.38)

Für den Nachschub selbst war eine neu geschaffene Truppe, der Train, zuständig. Er bestand für diesen Feldzug aus 26 Bataillonen, ausgerüstet mit rund 9.300 Fuhrwerken, die von 32.500 Pferden und 6.000 Ersatzpferden gezogen wurden; zudem wurden schwere, von Ochsen gezogene Wagen eingesetzt, die ungefähr die doppelte Leistung eines Pferdefuhrwerkes erbringen konnten, zudem bestand der Vorteil, dass die Ochsen, einmal am Ziel angelangt, zusammen mit dem Mehl, das sie befördert hatten, als Frischverpflegung Verwendung fanden.39) Diese Aufbietung an Versorgungselementen konnte im ersten Ansatz den Bedarf der Soldaten decken. Russische Berechnungen haben ergeben, dass für die Versorgung von 120.000 Soldaten und 40.000 Pferden an nur einem Tag 850 vollbeladene Fuhrwerke notwendig sind,40) was umgerechnet auf die 600.000 Mann der Invasionsarmee 4.250 Wagenladungen pro Tag ergibt.

Allerdings waren für die Pferde keine besonderen Maßnahmen zur Futterversorgung vorgesehen, sie sollten mit Frischfutter unmittelbar verpflegt werden, eine Kalkulation, die sich in den kargen Gebieten des Ostens als ein grober Fehler erweisen sollte. Hinzu kam noch die Problematik der schlechten Straßen in Ostpolen, die sich nach Unwettern in morastige Pisten verwandelten. Auch waren diese Sandstraßen nicht geeignet, um das Gewicht der schweren Ochsenfuhrwerke zu tragen, weshalb diese bereits im Ansatz des Feldzuges stecken geblieben waren. Als die Invasionstruppen nur wenige Tage nach dem Beginn des Angriffes Wilna erobert hatten, gingen beim Vorstoß Richtung Witebsk solch schwere Unwetter nieder, dass der gesamte Angriff im Schlamm versank. Dabei gingen etwa ein Viertel aller Pferde, also um die 40.000 Stück, in Ermangelung von Futter und aus Erschöpfung verloren.

Aus dem Land selbst war nur mehr wenig zu holen, da Futterplätze von den russischen Truppen, die bis zum Beginn des Feldzuges in Ostpolen gelagert hatten, ausgezehrt waren, die Strategie der „Verbrannten Erde“ tat ihr Übriges, sodass die Furagiere der Invasoren immer weiter ausgreifen mussten, um ihre Truppen zu versorgen. Wurde anfangs noch gekauft, kam es immer öfter zu Zwangsrequirierungen und Plünderungsaktionen der hungrigen Soldaten, da die Bevölkerung nicht willens war, ihre noch für den Winter benötigten Reserven abzugeben. Hier schließt sich der Kreis zu der aufgrund dieser Umstände recht leicht aufbietbaren Guerilla, die letztendlich grausam Rache nahm. Napoleon war es auch nicht gelungen, die nunmehr seiner Ansicht nach befreiten Polen in den Ostgebieten für seinen Feldzug zu gewinnen; entgegen seinen Erwartungen bekam er an Truppen nur knappe 15.000 Soldaten, eine Anzahl, die die enormen Ausfälle der ersten Tage nicht ersetzen konnte.41)

Ein weiterer Fehler in der logistischen Planung war der fehlende Witterungsschutz; so hatte man keine Zelte für die Unterbringung der Soldaten zur Verfügung, die sich bei Übernachtungen auf dem freien Feld Krankheiten zuzogen und in großer Zahl dahinstarben. Um den logistischen Aufwand zu minimieren, bevorzugte die französische Armee das so genannte Biwak, das Nachtlager im Freien, was in den Sommermonaten auf den europäischen Kriegsschauplätzen auch vertretbar gewesen war. Die Witterungsumstände in Russland hätten zur Kampfkrafterhaltung entsprechender Maßnahmen bedurft, um die sich die Soldaten nun selbst kümmerten, indem sie die in Russland üblichen Holzhäuser der Bauern demolierten, um sich Unterstände zu bauen und ihre Lagerfeuer im Biwak zu beheizen, weitere solide Gründe, um die Bevölkerung zur Beteiligung an der Guerilla zu bestärken. Hier spielt auch die mangelnde Wasserversorgung eine Rolle, die in diesen weiten, trockenen Landschaften Russlands zum Problem wurde. Das Trinkwasser war rationiert worden und an Waschgelegenheiten oft wochenlang nicht zu denken, woraus sich ergab, dass das Ungeziefer wie Flöhe, Läuse usw. unerträglich wurde bzw. die Ausbreitung von Krankheiten beschleunigte.42)

Die Sanitätsversorgung für die Soldaten war in jener Zeit grundsätzlich noch nicht sehr umfassend angelegt, im Rahmen dieses Feldzuges gestaltete sie sich als geradezu katastrophal vernachlässigt. Bei jedem Gefecht fielen in der Regel Verwundete an, in den Schlachten wurden sie nach den Kämpfen eingesammelt, wodurch die Opfer viel Blut verloren und ihre Wunden mit Keimen infizierten. Wundbrand war daher an der Tagesordnung, die Amputation war die einzige Hoffnung, das Überleben noch sichern zu können. Napoleon hatte das Sanitätswesen ausbauen lassen, und es galt damals als eines der besten in Europa, er hatte Feldchirurgen in „fliegenden Lazaretten“ eingesetzt, um die Verwundeten möglichst rasch zu versorgen, denn niemand wollte in eines der Hospitäler, die als Totenhäuser betrachtet wurden, was angesichts der unvorstellbaren hygienischen Zustände kaum verwundert. Trotz dieser Bemühungen konnte das Sanitätswesen den Anfall an Verwundeten nicht entsprechend versorgen, das saubere Verbandsmaterial war zu wenig, Seuchenkranke konnten nicht von Verwundeten getrennt werden, auch ausgebildete Ärzte standen nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Die Ärzte amputierten rasch, oft dem Wundbrand vorbeugend, wodurch die Leute zu Krüppeln wurden, die, sofern sie die Prozedur überlebten, auch im Zivilleben kaum ein Durchkommen hatten.43) Für den Soldaten war es daher immer auf des Messers Schneide, ob er heil durch die Schlacht kam oder liegen bleiben sollte; falls Zweiteres, dann besser tot als schwerer verwundet, weil damit ein lebenslanger Leidensweg programmiert war.

Um keinen Preis besser gestaltete sich die Sanitätsversorgung bei den russischen Truppen, allerdings hatten sie den Vorteil, im Falle einer Verwundung aus der Kriegszone hinaus in Genesungsräume östlich von Moskau verbracht zu werden. Hinsichtlich der Verpflegsversorgung waren die russischen Truppen in der Regel ausreichend ernährt, es hatte der russische Soldat drei Tagesrationen Zwieback bei sich, und die Verpflegung für weitere sieben Tage wurde im Rahmen des Regimentes mitgeführt, v.a. aber waren sie gegen die Witterung entsprechend ausgerüstet, so im Winter mit Pelzkleidung.44) Napoleon hatte die Witterungsverhältnisse in Russland grob verkannt, wie wohl überhaupt die Unerfahrenheit in der Versorgung von Truppen über diese Distanzen einen wesentlichen Anteil an der Niederlage hatte.

 

Epilog

Der Feldzug von 1812 war der Kulminationspunkt napoleonischer Machtentfaltung über Europa, eine Niederlage ungeahnten Ausmaßes, die nicht mehr zu kompensieren war. Zwar gelang es dem Kaiser der Franzosen, bereits für das Jahr 1813 wieder eine Armee aufzustellen, aber die Gegner, in erster Linie Russland, Österreich und Preußen hatten sich verbündet und zerschlugen die Franzosen in der Völkerschlacht von Leipzig, woraufhin die Alliierten bis Paris vordringen und Napoleon zur Abdankung zwingen konnten. Der Feldzug gegen Russland war der Anfang vom Ende eines Imperiums, den Clausewitz wie folgt kommentiert: „Wir sagen: Der Feldzug von 1812 ist nicht gelungen, weil die feindliche Regierung fest, das Volk treu und standhaft blieb, weil er also nicht gelingen konnte. Es mag ein Fehler Bonapartes sein, ihn unternommen zu haben, wenigstens hat der Erfolg gezeigt, dass er sich in seinem Kalkül betrogen hat, aber wir behaupten, dass wenn dieses Ziel gesucht werden sollte, es der Hauptsache nach nicht anders zu erreichen war.“ 45)

In der Betrachtung der politisch-strategischen und militärstrategischen Ziele ist Clausewitz unbedingt zuzustimmen, auch wenn Napoleon die Leidensfähigkeit des russischen Volkes unterschätzt hatte, das Entbehrungen und Opfer allergrößten Ausmaßes hinzunehmen gewillt war. In der Operationsführung gestaltete sich das Verhalten Napoleons als ein Vabanque-Spiel, da er, obwohl er bereits in den ersten Kriegstagen gewaltige personelle und materielle Verluste erlitten hatte, die Truppen weiter nach Osten trieb und eine Entscheidungsschlacht herbeizwingen wollte. Er scheiterte schließlich an Moskau in zweifacher Hinsicht: Erstens hatte er nicht damit gerechnet, dass Kutusow Moskau überhaupt preisgeben würde, um seine Armee zu retten, ein Angreifen über Moskau hinaus, um eine Entscheidung herbeizuführen, war militärisch und logistisch nicht machbar. Zweitens wartete er zu lange auf ein Friedensangebot des Zaren, obwohl er bereits vor dem Feldzug mitgeteilt bekommen hatte, dass der russische Herrscher dazu nicht gewillt sein würde, schon gar nicht mit einer noch intakten Armee und dem bevorstehenden Winter als strategischem Vorteil.

Keinesfalls ist Clausewitz jedoch zuzustimmen, was die Betrachtung des Feldzuges aus der Sicht der logistischen Vorbereitung und Durchführung anbelangt. Die Fehlkalkulationen bei der Versorgung haben wesentlich zur Niederlage beigetragen und wären in vielen Fällen vermeidbar gewesen. Ohne die entsprechende Versorgungssicherheit hätte Napoleon diesen Feldzug nicht antreten dürfen, da er immer mit einem Ausweichen der Russen bis zur möglichen Entscheidungsschlacht unmittelbar vor Moskau hat rechnen müssen. Die enormen Ausfälle der ersten Tage haben sich auf die Logistik fatal ausgewirkt und v.a. die Truppen dazu veranlasst, Zwangsrequirierungen vorzunehmen und zu plündern. Damit war auch das für die Aufrechterhaltung weiter Versorgungswege dringend notwendige Vertrauen der Bevölkerung in die vermeintlichen Befreier zerstört, erst aus dem dadurch in der Bevölkerung erzeugten Hass auf die Invasoren konnte die Guerilla ihre volle Wirksamkeit entfalten.

Das Konzept des Kleinkrieges und das Zusammenwirken von regulären und irregulären Streitkräften finalisierten den Sieg der Russen in besonderer Weise. Ausschlaggebend für diesen Erfolg aber war die militärstrategische Entscheidung zur beweglichen Verteidigung mit der beabsichtigten Ermattung des Gegners sowie der Ausnutzung von Raum und Witterung. Das Genie Napoleons hat in diesem Feldzug weitgehend versagt, da er in seiner Denkart auf die Vernichtungsstrategie ausgerichtet war, deren Möglichkeit ihm in allen bisherigen Feldzügen aufgrund der Beengtheit des Raumes in Europa als vorteilhaftere Lösung auch geboten worden war. Die Weiten des russischen Raumes und deren Möglichkeiten für das Manövrieren großer Heeresverbände, die großen unbesiedelten Landstriche, aus denen sich Armeen nicht zu versorgen vermögen, und die extrem hohe Leidensfähigkeit des russischen Volkes sind ideale Parameter zur Führung einer Ermattungsstrategie, der sich Napoleon nicht gewachsen zeigte. Mit Russland hatte Hegels Weltseele jener Epoche ihren Bezwinger gefunden: „Werfen wir weiter einen Blick auf das Schicksal dieser welthistorischen Individuen, welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein, so ist es kein glückliches gewesen. Zum ruhigen Genusse kamen sie nicht, ihr ganzes Leben war Arbeit und Mühe, ihre ganze Natur war nur ihre Leidenschaft. Ist der Zweck erreicht, so fallen sie, die leeren Hülsen des Kerns, ab. Sie sterben früh wie Alexander, sie werden wie Cäsar ermordet, wie Napoleon nach St. Helena transportiert.“ 46)

Es scheint in der Anlage des Weltgetriebes zu liegen, ab und an Weltgeister hervorzubringen, um in relativ kurzer Zeit alles auf den Kopf zu stellen. Dieser Notwendigkeit bedarf es, damit nach deren Abtreten von der Weltbühne wieder alles zurechtgerückt werden kann. Da dies nie ohne Getöse abgeht, ist das Militär der ständige Begleiter von Weltgeistern und damit zwingend logisch auch von deren Widersachern.

 


ANMERKUNGEN:

1) Proklamation Napoleons zu Beginn des Russlandfeldzuges, den er selbst immer als den „Zweiten Polnischen Krieg“ bezeichnet hatte; als der Erste galt ihm der Sieg über die Russen bei Friedland und der darauffolgende Frieden von Tilsit im Jahre 1807; zitiert in: Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.173.

2) Lew Nikolajewitsch Tolstoj: Krieg und Frieden. Bd. III, 2. Teil, Kap. XIX.

3) Zitiert in: Franz Wiedmann: Hegel. Reinbek bei Hamburg 1965, S.35.

4) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.101f.

5) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.81.

6) Alle nachstehend angeführten Zahlen sind als grobe Schätzungen zu betrachten, da bei der Festlegung von Kräfteverhältnissen durch die verschiedenen Quellen auch von Zeitzeugen unterschiedlich gerechnet wurde. Außerdem wurden die Ausfallszahlen in der Regel von den Verbänden bereits geschönt, um bei Napoleon nicht in Ungnade zu fallen. Die einzelnen Zahlenangaben schwanken dabei erheblich. Vgl. Adam Zamoyski: 1812, München 2012, S.169.

7) Vgl. Daniel Furrer: Soldatenleben/Napoleons Russlandfeldzug 1812. Zürich 2012, S.89.

8) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.166.

9) Vgl. ebenda, S.104-108.

10) Auch für die russischen Zahlenangaben ergeben sich ähnliche Unschärfen, wie bei den französischen Truppen, da die Zeitzeugenhistoriker unterschiedliche Berechnungen angestellt haben und daher in den Archiven immer wieder andere Zahlen auftauchen bzw. tradiert wurden.

11) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.138-142.

12) Vgl. Daniel Furrer: Soldatenleben/Napoleons Russlandfeldzug 1812. Zürich 2012, S.92.

13) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.37.

14) In der Literatur oftmals auch mit dem russischen Namen „Njemen“ ausgewiesen.

15) Vgl. Ulrich March: Kleine Geschichte deutscher Länder. Graz 2006, S.129f.

16) Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.74.

17) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.54.

18) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.83.

19) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.93.

20) Rainer Hauser: Erzherzog Karl - Ausgewählte militärische Schriften. Norderstedt 2004, S.96.

21) Carl v. Clausewitz: Vom Kriege. Bonn 1991 (19. unv. Aufl.), S.1024.

22) Vgl. Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst/Die Neuzeit. Hamburg 2003, S.586.

23) Carl v. Clausewitz: Der russische Feldzug von 1812. Wiesbaden 1953, S.17.

24) Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst/Die Neuzeit. Hamburg 2003, S.143f.

25) Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.269.

26) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.190f.

27) Carl v. Clausewitz: Der russische Feldzug von 1812. Wiesbaden 1953, S.17.

28) 1. und 2. Armee zusammen genommen ergeben die von Clausewitz berechneten 180.000 Soldaten.

29) Vgl. Adam Zamoyski: 1812, München 2012. S.165f.

30) Vgl. Carl v. Clausewitz: Der russische Feldzug von 1812. Wiesbaden 1953, S.47.

31) Zitiert in: Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.329.

32) Carl v. Clausewitz: Der russische Feldzug von 1812. Wiesbaden 1953, S.135.

33) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.222-226.

34) John Keegan: Die Kultur des Krieges. Hamburg 1997, S.29.

35) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.295-298.

36) Vgl. Dirk Freudenberg: Theorie des Irregulären. Wiesbaden 2008, S.285.

37) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.119f.

38) Vgl. ebenda, S.103f.

39) Vgl. ebenda, S.118.

40) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.315.

41) Vgl. Adam Zamoyski: 1812. München 2012, S.195.

42) Vgl. Daniel Furrer: Soldatenleben/Napoleons Russlandfeldzug 1812. Zürich 2012, S.97-103.

43) Vgl. ebenda, S.186-193.

44) Vgl. Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. München 2011, S.315.

45) Carl v. Clausewitz: Vom Kriege. Bonn 1991 (19. unv. Aufl.), S.1026.

46) G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Frankfurt am Main 1970, S.46f.