Solferino und seine Folgen - Sadowa und Sedan

Eine Untersuchung der Waffenwirkung im Feldzug von 1859 und deren Auswirkung auf die weitere Waffenentwicklung

Franz Felberbauer


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es als Folge der industriellen Revolution zu stürmischen Fortschritten in der Waffentechnik. Die Schlachten in dieser Periode - Solferino, Sadowa (Königgrätz) und Sedan - gaben die Richtung vor und beschleunigten diese Entwicklung. Die taktische Anpassung an diese Veränderungen erfolgte jedoch langsam und mit großen Opfern an Soldatenleben.

Solferino (1859) brachte den Durchbruch der gezogenen Feuerwaffen bei Infanterie und Artillerie und deren Einführung in fast allen Heeren Europas. Mit Sadowa (Königgrätz 1866) endete die jahrhundertelange Dominanz der Vorderladerwaffen. Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) etablierte die Artillerie als jene Waffengattung, die zukünftige Kriege entscheiden sollte.

Bei Solferino trafen nicht nur drei Heere, zum letzten Mal geführt von den drei Monarchen, mit unterschiedlicher Bewaffnung aufeinander, es traf auch eine veraltete Taktik, ausgeführt von Generälen mit einem pathologischen Glauben an die Fechtweise des großen Napoleon I., auf eine neue Waffentechnik. Napoleon I. ­und Feldmarschall Graf Radetzky hatten in der Feldherrnkunst keine Nachfolger gefunden.

Die Artillerie erlebte Mitte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Revolution. Die Franzosen verschafften sich in Solferino durch den Einsatz von La Hitte-Geschützen  gegenüber der österreichischen Artillerie einen bedeutenden Vorteil. (Bild: HGM)

 

 

Es ist erstaunlich, dass die Auswirkungen der unterschiedlichen Bewaffnung der Heere 1859 in der historischen Literatur kaum Beachtung finden. Namhafte Historiker geben sogar die Elemente der Bewaffnung falsch an (zum Beispiel Turnbull 124, Andics 155).1) Der tatsächliche Einfluss unterschiedlicher Waffen wird zwar in der Auswirkung geschildert, als Ursache aber nicht erkannt. Vielfach werden heroische Bajonettkämpfe beschrieben, die höchstwahrscheinlich in dieser Form kaum stattgefunden haben.

Der Verlierer von 1859 - Österreich - zog die richtigen Schlüsse für die Weiterentwicklung seiner Artillerie, aber katastrophal falsche Schlüsse für die Taktik der Infanterie. Das Ergebnis war eine fürchterliche Niederlage gegen Preußen 1866, die nur durch die reformierte, tapfere österreichische Artillerie etwas gemildert wurde.

Nach Sadowa (Königgrätz) lernten ausnahmsweise die Sieger von den Besiegten: Preußen erkannte die Schwäche seiner Artillerie und rüstete sie technisch und taktisch auf und um. Auch Frankreich, das bisher am Vorderladergewehr festgehalten hatte, stattete mit großer Schnelligkeit seine Infanterie mit dem hervorragenden Chassepot-Gewehr nach dem Zündnadelprinzip aus.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war es die verbesserte preußische Artillerie, die der eigenen Infanterie trotz ihrer inferioren Bewaffnung zum Siege verhalf. Frankreich hatte sich nämlich bei seiner Artillerie auf den Lorbeeren der Siege von Magenta und Solferino ausgeruht.

Alle Geschoße der bei Solferino eingesetzten Infanteriegewehre - sowohl die Kugeln der Perkussionsgewehre mit glatten Rohren als auch die Langgeschoße der Minié-Gewehre und Lorenz-Gewehre - verfügten, wenn sie trafen, über genügend Auftreffenergie, um fürchterliche Verwundungen und tödliche Treffer hervorzurufen. Der wesentliche Unterschied bei diesen Waffen lag in der Treffwahrscheinlichkeit. Diese wird weitgehend von der Schuss­entfernung und Art des Zieles bestimmt. Geschlossen stehende Linieninfanterie, Kavallerie oder vorgehende Kolonnen stellen völlig andere Ziele (Flächenziele) dar als in Schwärmen vorgehende Tirailleure, Geschütze in Feuerstellung oder hinter Mauern oder in Gräben gedeckt stehende Infanterie (Punktziele). Die mögliche Waffenwirkung müsste daher die Taktik bestimmen. Bei Solferino war es oft umgekehrt. Bevor man jedoch näher auf die Wirkung der Waffen eingehen kann, erscheint eine Beschreibung ihrer Vor- und Nachteile erforderlich.

Die Bewaffnung der Franzosen

Das Minié-Gewehr

Zur Zeit Napoleons I. konnte die Infanterie aller Nationen mit einer glattrohrigen Steinschlossmuskete nur auf etwa 75 m wirksam mit einer Schussfolge von höchstens drei Schuss pro Minute schießen. Jenseits dieser Entfernung gab es nicht einmal gegen geschlossen stehende Linieninfanterie Treffer. Scharfschützen und Jäger besaßen gezogene Büchsen (Kugelstutzen), die zwar bis etwa 200 m recht genau schossen, deren Kugeln aber in ein „Pflaster“ gehüllt und mühsam gegen den Widerstand der Züge und Felder den Lauf hinunter gehämmert werden mussten. Dieser Ladevorgang konnte zwei bis drei Minuten dauern.

Die ersten Versuche, ein Gewehr zu schaffen, das sich „wie eine Muskete ladet und als Büchse schießt“,2) wurden in Frankreich unternommen. 1828 entwickelte Capitaine Delvigne ein solches System, dem 1840 die Erfindung des Colonel Thouvenin folgte. Beide Lösungen erforderten mechanische Veränderungen an den Gewehren. Das Einhämmern des Geschoßes in die Züge und Felder musste mit dem Ladestock erfolgen. Die dadurch verformten Geschoße waren unsymmetrisch und hatten zwangsläufig schlechte Flugeigenschaften. Trotzdem wurden diese Systeme in einigen europäischen Armeen für die Jägertruppen eingeführt.

Captaine Claude Etienne Minié schuf 1849 eine sehr elegante Lösung: Er entwickelte ein ogivales Langgeschoß mit einer Höhlung im flachen Boden.3) Es ließ sich so leicht laden wie eine Kugel. Beim Abschuss pressten die Pulvergase ein kleines eisernes Näpfchen (culot) in die Höhlung, welches das Geschoß aufweitete und in Zug und Feld einpresste (Bild 1). Es wurde bald entdeckt, dass der Einpressvorgang auch ohne Eisennäpfchen funktionierte. Das Langgeschoß behielt seine ballistisch günstige Form bei und verließ den Lauf immer in gleicher Richtung. Der Drall der Züge teilte sich dem Geschoß mit, das dadurch im Flug stabilisiert wurde. Durch die Aufweitung dichtete das Geschoß den Innenraum des Laufes weitgehend gegen den Laderaum ab. Der Druck der Pulvergase wurde voll wirksam, und die Mündungsgeschwindigkeit und damit die Schussweite stiegen an. Durch den Drall ergab sich bei Verwendung eines Langgeschoßes im Vergleich zur Kugel eine präzisere Flugbahn, eine viel geringere Streuung und eine höhere Treffwahrscheinlichkeit.

Mit dem Minié-Gewehr erzielte man mit einiger Übung auf Ziele von der Größe eines Mannes bis 225 m (300 Schritt) recht gute Treffer. Gegen Reiter oder Pferde mit ihrer größeren Zielfläche erhöhte sich diese Treffwahrscheinlichkeit auf 300 m bis 350 m. Große Massenziele wie Infanteriekolonnen konnten bis etwa 750 m unter Feuer genommen werden.4)

Das Minié-Gewehr besaß damit etwa die zwei- bis dreifache effektive Schussweite einer glatten Muskete. Bereits dieser erste gezogene Vorderlader in Truppenverwendung machte eine bisher übliche napoleonische Taktik unmöglich, die darin bestanden hatte, dass Glattrohrgeschütze praktisch ungehindert auf 250 m bis 300 m an die Infanterie heranfahren und sie mit Kartätschen unter Feuer nehmen konnten. Auch die napoleonische Taktik, Infanteriekolonnen mit zweifacher Kompaniebreite und großer Tiefe im Schnellschritt zum Durchbruch vorrücken zu lassen, konnte angesichts der großen Reichweite des Gewehres gegen solche Flächenziele nicht mehr aufrechterhalten werden.

Ein großer Vorteil des Minié-Systems bestand darin, dass sich nahezu jedes alte glatte Gewehr billig umrüsten ließ, indem man einfach Züge in den glatten Lauf einschnitt. Allerdings musste dabei das Kaliber - bei Gewehren der Napoleonzeit waren etwa 18 mm gebräuchlich - beibehalten werden, wodurch die Geschoßmasse beim Übergang von der Kugel zum Langgeschoß um etwa 10% zunahm. Die übliche Taschenmunition von 60 Patronen sank bei gleicher Masse auf etwa 48 Minié-Patronen ab. Ihre Geschoßmasse betrug 46 g mit einer Pulverladung von etwa 4,5 g.

Frankreich entschied sich für diese Minié-Lösung. Bis zum Jahre 1859 konnten aber nur das französische Gardekorps und Jägerbataillone mit dem Minié-Gewehr ausgerüstet werden.5) Die übrigen Verbände - ebenso wie die Armee Piemont-Sardiniens - verwendeten weiterhin eine glatte Muskete mit Perkussionszündung.

Die französische Artillerie bei Solferino

Napoleon I. verfügte über die 1774 von Oberst Griebauval eingeführten Kanonen, deren Sechspfünder mit Kartätschen etwa 250 m bis 300 m und mit Vollkugeln bis etwa 800 m effektiv waren. Mit den neu eingeführten gezogenen Infanteriegewehren des Feldzuges von 1859 konnte man die Bedienungen dieser Geschütze und besonders deren Pferde wirksam unter Feuer nehmen und abschießen, bevor sie für einen Kartätschangriff einsatzbereit waren.

Wollte man die Existenzberechtigung dieser Waffengattung nicht aufs Spiel setzen, war eine Wirkungssteigerung der Geschütze unbedingt nötig. Die einfachste Lösung bestand darin, nach dem Vorbild der Infanteriegewehre in die vorhandenen Glattrohrgeschütze Züge einzuschneiden. Die Langgeschoße konnten mit Führungselementen (Warzen) versehen werden, die man an der Mündung in die Züge einsetzte und mit einem entsprechenden Ladewerkzeug dem Drall folgend ins Rohr drehte, bis sie auf der vorher geladenen Treibladung aufsaßen.

Frankreich entschied sich für diese Methode. Man hatte auf Weisung Kaiser Napoleons III. nach erfolgreichen Vorversuchen in den Jahren 1848 bis 1850 in die alten bronzenen Gribauval-Vierpfünder-Vorderlader von 86,7 mm-Kaliber sechs Züge eingeschnitten und eine neue Munition entwickelt. Das System wurde unter dem Namen „La Hitte“6) eingeführt.

Der Vierpfünder, nunmehr als leichte „canon de 4, rayé, de campagne“ (Feldkanone) bezeichnet, wurde mit vier Pferden bespannt und war äußerst beweglich. Die neuen Hohlgeschoße mit Warzenführung wogen vier kg. Es gab eine Sprenggranate (obus ordinaire), ein Schrapnell (obus à balles) und eine Kartätsche (botte a mitraille) (Abbildung 2).

Dies bedeutete eine totale Abkehr vom System der jahrhundertelang verwendeten Vollkugeln und Kartätschen. Für die Sprenggranate benötigte man einen Aufschlagzünder und für die Schrapnelle einen Zeitzünder. Die in Frankreich eingeführten Geschoßzünder waren allerdings ziemlich mangelhaft. Die Geschoßwirkung ließ hauptsächlich aus diesem Grund zu wünschen übrig. Bei den Sprenggranaten war die Treffgenauigkeit auf größere Entfernungen wegen des zum Laden von vorne nötigen Spiels zwischen Rohrwand und Geschoß unbefriedigend. Die Granaten streuten mit zunehmender Schussweite ziemlich stark und zerlegten sich beim Aufschlag in etwa 50 bis 60 Splitter.7)

Die bevorzugte Munition der französischen Artillerie war das Schrapnell, ursprünglich eine englische Erfindung. Ein granatähnliches, dünnwandigeres Hohlgeschoß wurde mit Kugeln gefüllt und enthielt eine Zerlegerladung, die durch einen Zeitzünder ausgelöst wurde. Schrapnelle waren nur wirksam, wenn der Zeitzünder an einem Punkt der Flugbahn ansprach, der vor und über dem zu bekämpfenden Ziel lag. In diesem Fall schlugen die 50 bis 60 Kugeln der Füllung im Zielgebiet ein. Löste der Zünder zu früh oder zu spät aus, so landeten sie wirkungslos im Gelände. Die Reichweite des neuen gezogenen französischen Vierpfünders hatte sich aber gegenüber dem glattrohrigen Vorgängermodell verdoppelt, ein Vorteil, den die veraltete österreichische Artillerie im Jahre 1859 nie egalisieren konnte.

Im italienischen Feldzug 1859 traten 32 Batterien (zu je sechs Geschützen) also 192 der „canon de 4, rayé, de campagne“ ins Feld, dazu noch vier Batterien Zwölfpfünder, ebenfalls in der Ausführung als gezogene Vorderlader. Napoleon III. ließ den noch mit glatten Musketen ausgestatteten Verbänden seiner Armee eine erhöhte Anzahl an gezogenen Geschützen zuteilen, um einen Ausgleich für die verminderte Reichweite und Feuerkraft ihrer Infanteriewaffen herzustellen.

Die Bewaffnung der Österreicher

Das Infanteriegewehr System Lorenz

Der Unterlieutenant Josef Lorenz hatte nach langwierigen Versuchen ein Kompressionsgeschoß für die Jägerbüchse M 1849 entwickelt und damit eine sehr einfache Methode der Geschoßstauchung eingeführt. Das Lorenz-Bleigeschoß (Abbildung 3)­

wies an seinem hinteren Ende zwei tiefe Rillen auf und wurde beim Abschuss infolge der Massenträgheit zusammengeschoben, dadurch breiter und so in Zug und Feld eingepresst.

Dieses Geschoß löste alle Probleme, die bisher durch das mühsame Stauchen der Kugel mit dem Ladestock und die schlechten Flugeigenschaften der deformierten Geschoße entstanden waren.

Die oberste Militärbehörde entschloss sich, alle eingeführten Handfeuerwaffen durch neue, einheitliche, gezogene Gewehre nach diesem System zu ersetzen. Die Neuanfertigung des Vorderladegewehres Muster 1854 bot die Chance, das Kaliber von den bisher für Glattrohrmusketen üblichen 18 mm auf 13,9 mm zu reduzieren. Der Vorteil gegenüber dem französischen Gewehr System Minié, bei dem das alte Kaliber beibehalten werden musste, weil man einfach in die alten Gewehre Züge eingeschnitten hatte, war ein zweifacher: Zum ersten wurde die Traglast für den Soldaten geringer. Die Lorenz-Patrone wog nur ca. 32 g (Geschoß 28 g, Ladung 4,5 g),8) also rund zwei Drittel der französischen Minié-Patrone. Die gleiche Pulvermenge bei viel geringerer Geschoßmasse resultierte in einer höheren Mündungsgeschwindigkeit und flacherer Flugbahn. Für die Perkussionszündung wurde ein sehr praktisches Zündhütchen eingeführt, das leicht anzubringen war und auch bei Regenwetter eine hohe Zündsicherheit bot. Der geringere Geschoßquerschnitt ergab einen geringeren Luftwiderstand im Flug und damit insgesamt eine höhere Reichweite als das französische Minié-Gewehr.

Der chronische Geldmangel Österreichs - dem damaligen österreichischen Finanzminister Baron Bruck wird der Ausspruch zugeschrieben: „Gott erhalte die österreichische Armee, ich kann es nicht mehr!“ 9) - und die mangelnde Kapazität der Produktionsstätten führten dazu, dass 1859 nur die Linienregimenter der in Oberitalien stehenden 2. Armee mit dieser Waffe ausgerüstet wurden. Die übrigen Truppen verwendeten das glatte Infanteriegewehr M 1842 weiter. Die Verbände der in Österreich sehr starken Jägertruppe waren weiterhin mit der gezogenen Jägerbüchse M 1849, einer Verbesserung des Systems Delvigne mit dem Lorenz-Kompressionsgeschoß, ausgerüstet. Damit konnten in der Minute fünf gut gezielte Schüsse abgegeben werden. Die Jäger rekrutierten sich zum Beispiel aus Tirol, einem Land, dessen Bevölkerung auch zivil das Schießen pflegte, beziehungsweise aus einschlägigen Berufen wie Jägern und Förstern. Sie stellten als erfahrene Schützen in der österreichischen Armee eine Elitetruppe dar.

Die nach und nach zur Verstärkung nach Oberitalien verlegten Regimenter wurden zwar mit dem Lorenz-Gewehr ausgerüstet, eine gründliche Ausbildung an dieser weittragenden Waffe hatte aber nicht stattgefunden. Sie konnten daher die Vorteile ihrer Gewehre kaum nützen. Die taktischen Veränderungen, die sich aus der erhöhten Schussweite ergaben, wurden ebenfalls nicht bzw. falsch berücksichtigt

 

Die österreichische Artillerie 1859

Das österreichische Artilleriematerial von 1859 stammte noch aus der Mitte des vorhergehenden Jahrhunderts. Fürst Wenzel von Liechtenstein, seit 1744 Generaldirektor der österreichischen Haus-, Land- und Feld-Artillerie, hatte bis 1753 sein persönliches Vermögen eingesetzt, um für seine verehrte Kaiserin Maria Theresia jene moderne Artillerie zu schaffen, die man für die Kriege gegen Preußen benötigte. Er unterband auch jede Günstlingswirtschaft bei der Artillerie. Karriere machte man nur aufgrund erbrachter Leistung. In seinem Versuchsstab dienten zahlreiche ausländische Spezialisten. Darunter der französische Oberst Jean-Baptiste Vaquette de Gribeauval, der in österreichischen Diensten die gesamte Entwicklung mitgemacht und genau studiert hatte. Nach seiner Rückkehr in die französische Armee schuf er um 1774 aufbauend auf den österreichischen Verbesserungen jenes französische Artilleriesystem, dem Napoleon I. seine größten Erfolge verdankte. Seine wesentlichste Veränderung im Vergleich zu den liechtensteinschen Geschützen bestand darin, dass er die Rohrlänge der französischen Artillerie auf 18 Kaliberlängen erhöhte. Gegenüber den 16 Kaliberlängen der österreichischen Artillerie gab dies den französischen Kanonen während der gesamten Revolutionskriege und während der Napoleonischen Kriege einen merkbaren Vorteil in der Reichweite. Trotz dieser negativen Erfahrungen wurde das österreichische System nicht verbessert. Die Munition für diese Geschütze bestand aus gusseisernen Vollkugeln, Kartätschen und Brandgeschoßen. Liechtenstein hatte das Spiel auf 4,4 mm reduzieren lassen, wodurch es möglich wurde, auf eine Entfernung von 750 m gegen ein Ziel von der Breite und Höhe einer Infanteriekompanie eine 50- bis 70-prozentige Treffwahrscheinlichkeit zu erreichen. Auf 1.125 m (1.500 Schritt) sank diese Treffwahrscheinlichkeit auf 12% ab. Die österreichische Artillerie war daher an Schussweite und Munitionswirkung bei Solferino gegen die französischen Geschütze hoffnungslos im Nachteil. Für die piemontesische Artillerie sind dieselben Wirkungsreichweiten und Treffergebnisse anzunehmen wie bei der österreichischen.

Die Bewaffnung der piemontesischen Armee

Die Truppen Piemont-Sardiniens waren mit einer Glattrohr-Muskete mit Perkussionszündung bewaffnet, nur die Bersaglieri, eine piemontesische Elite-Truppe, verfügten über gute gezogene Büchsen (Kugelstutzen mit Pflasterkugeln). Die Infanteriebewaffnung war in jeder Hinsicht dem Miniè-Gewehr unterlegen. Die Artillerie war mit Achtpfündern und Sechzehnpfündern, montiert auf den von dem sardinischen Artillerieoffizier (später General) Giovanni Cavalli entwickelten Lafetten, ausgerüstet, alles Glattrohrkanonen. Wirkung und Reichweite der piemontesischen Waffen entsprachen dem Standard der Napoleonischen Kriege.

Die Waffenwirkung und Taktik bei Solferino

Der Feldzug 1859 wurde von Österreich von Anfang an diplomatisch und strategisch verloren. Kaiser Franz Josef I. war 1848 in einer Notsituation mit 18 Jahren zur Regierung gekommen und sofort in die schwierige Situation des ungarischen und italienischen Aufstandes geraten. Zehn Jahre nach der Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn mit russischer Hilfe 1849 und den eindrucksvollen Erfolgen (Sommacampagna 1848, Novara 1849) Feldmarschall Radetzkys in Italien war die österreichische Armee kein voll funktionsfähiges Instrument mehr. Die Mobilisierung der im Frieden aus Geldmangel auf die unbedingt notwendige Mannschaft reduzierten Verbände erfolgte sehr langsam, besonders in den ehemaligen Aufstandsgebieten gab es Probleme. Die italienischen und ungarischen Truppenteile galten als unzuverlässig.

Kaiser Franz Josef I. hatte keinerlei Erfahrung als militärischer Befehlshaber. Feldmarschall Radetzky war 1858 gestorben. Feldzeugmeister Ferencz Jozcef Gyulai, aus einem ungarischen Magnatengeschlecht stammend, wurde durch Graf Grünne, den Generaladjutanten Franz Josefs, für die Nachfolge Radetzkys favorisiert. Der Ausspruch Grünnes’: „Was der alte Esel mit achtzig Jahren gekonnt hat, wirst du auch zusammenbringen!“ ist überliefert. Gyulai konnte es nicht. Die Wahl dieses nach außen hin mit Festigkeit auftretenden, aber seiner Aufgabe als Oberbefehlshaber in keiner Weise gewachsenen Generals kann nur als äußerst unglücklich bezeichnet werden. Dazu kam, dass die Masse der obersten Truppenführer ihre Positionen nicht wegen ihrer Tüchtigkeit, sondern wegen ihrer adeligen Herkunft und ihrer Beziehungen zum Hof erhalten hatten. Schon Erzherzog Karl, dem es als erstem europäischem Feldherren gelungen war, Napoleon I. zu Lande zu schlagen, hatte bei seiner Armeereform 1806 ohne Erfolg gegen diesen Übelstand angekämpft. Regimentsinhaber, die ihre Regimenter kaum jemals sahen, konnten die Stellen bis zum Hauptmann nach eigenem Gutdünken besetzen. Bei Solferino betrieben einige höchstrangige Kommandanten Befehlsverweigerung.

Der ideale Typ des wissenschaftlich gebildeten Offiziers, den Erzherzog Karl bei seiner Armeereform 1806 gefördert hatte, trat nach dem Revolutionsjahr 1848 wieder in den Hintergrund. Er fand sich vermutlich noch am ehesten bei der Artillerie und der Pioniertruppe, beides traditionell hervorragende Truppengattungen der österreichischen Armee, in denen kaum Aristokraten dienten. Den Pionieren gelang es auch 1859, durch gezielte Zerstörungen von Brücken, Wegen und Straßen den Vormarsch der französischen Armee nachhaltig zu verzögern.

Vielleicht auch aus diesem Grund zogen die Artilleristen aus der Niederlage von Solferino die richtigen Schlüsse. Für Infanterie und Kavallerie galt dies nicht. Bei der Überbewertung der Tradition und dem Konservativismus der aristokratischen militärischen Führungsschicht wäre es auch vergeblich gewesen, zu verlangen, dass die Taktik der in rascher Folge wechselnden Waffentechnik angepasst würde. Man hatte die Wirkungsweise und Leistung der neuen Waffen nicht verstanden und offensichtlich nach 1859 nicht nur nichts dazugelernt, sondern die Mängel noch vergrößert. In der österreichischen Armee fand sich in dieser Periode kein Militärwissenschafter vom Range der Deutschen von Plönnies und Rüstow oder des Schweizers Elgger. Man hatte offenbar auch deren Veröffentlichungen nicht gelesen, weil beispielsweise Rüstow genau beschrieb, wie sich die preußische Armee mit ihrem Zündnadelgewehr gegen die Stoßtaktik der Österreicher verhalten sollte. Und es genau so tat.

Die Einführung gezogener Gewehre mit Expansions- oder Kompressionsgeschoßen hatte die brauchbaren Schussweiten der Infanterie erweitert, die Einführung der Perkussionszündung ihre Zuverlässigkeit auch bei nassem Wetter bedeutend erhöht. Bei Solferino verfügten Franzosen und Österreicher wenigstens zum Teil über derartige Handfeuerwaffen. Dem 1854 neu eingeführten österreichischen Lorenz-Gewehr ging nicht nur der Ruf voraus, bedeutend weiter zu schießen als die französische Minié-Waffe, es schoss auch tatsächlich weiter und genauer. Die wirklich brauchbare Schussweite lag aber, wie zeitgenössische Militärwissenschafter sowohl vor 1859 als auch vor 1866 aufgezeigt haben, nicht dort, wo sie von der militärischen Führung angenommen wurde.

Der Ablauf der Ereignisse ist bekannt: Napoleon III. wusste um die Vorteile des österreichischen Gewehrs und schrieb in seinem Tagesbefehl zu Beginn des Feldzuges: „… die neuen Waffen sind nur gefährlich, wenn Ihr ihnen fernbleibt“.10) Tatsächlich war die erfolgreiche französische Taktik bei Solferino, mit aufgepflanztem Bajonett in weit aufgelöster Ordnung so rasch wie möglich an die österreichische Infanterie heranzukommen. Die französische Infanterie, besonders die Jäger, war nicht nur aus dem Krimkrieg, sondern auch aus ihren Kolonialkriegen in Algerien und Marokko mit dieser Fechtweise vertraut. War die Distanz auf diese Weise verringert, so wurde auf nahe und damit sehr wirksame Entfernung das Feuer eröffnet. Der preußische Hauptmann Rüstow schrieb bereits 1862: „[D]ie Franzosen haben [bei Solferino] sehr viel geschossen und keineswegs allein das Bajonett gebraucht, wie man die Welt glauben machen möchte.“ 11)

Statistische Unterlagen über die Art der Verwundungen nach der Schlacht, die damals bereits verfügbar waren, hatten gezeigt, dass auf hundert Verwundungen durch Feuerwaffen kaum eine mit blanker Waffe kam.12) Allein dadurch ist die damals besonders in Zeitungen vertretene Ansicht, die Siege der französischen Armee in Oberitalien seien nur durch das fürchterliche französische Bajonett errungen worden, eindeutig widerlegbar.

Es kam kaum zu Bajonettkämpfen, weil die angegriffene Truppe in Wirklichkeit auswich.13)

Die österreichische militärische Führung übernahm jedoch aufgrund dieser völlig falschen und irrealen Annahme die französische „Stoßtaktik“. Vor Solferino erwartete man sich alles vom - möglichst weiten - Schießen, nachher war man von der geringen Leistungsfähigkeit der neuen und falsch eingesetzten Feuerwaffe enttäuscht, und Österreich setzte nun voll auf den Spruch des russischen Feldmarschalls Suworow, dass „das Bajonett weise und die Kugel töricht“ sei.

Die selbstmörderische „Stoßtaktik“ führte in der Folge im Krieg von 1866 gegen Preußen - angesichts der Feuergeschwindigkeit14) der preußischen Zündnadelgewehre von bis zu neun Schuss in der Minute - zu fürchterlichen Verlusten auf österreichischer Seite. (Allerdings verhalf dieselbe „Stoßtaktik“ im Krieg von 1864 gegen Dänemark und auch 1866 bei Custozza gegen Italien zu unleugbaren Erfolgen. Militärwissenschafter wiesen aber bereits unmittelbar danach darauf hin, dass diese Erfolge mit unnötig hohen Verlusten erkauft wurden.)

Doch auch Solferino ist nicht eindeutig zu beurteilen. Die französische Führung war taktisch, hauptsächlich wegen der Kriegserfahrung im Krimkrieg, etwas besser. Die französischen Soldaten waren auch viel besser verpflegt15) und strategisch besser geführt. Abgesehen von dem unter den gegebenen Umständen richtigen Befehl Napoleons III., rasch die Distanz zu den österreichischen Linien zu verringern, standen die französischen Offiziere der waffentechnischen Entwicklung genauso hilflos gegenüber wie ihre Gegner. Es gab in Frankreich das böse Wort von den Löwen, die (bei Solferino) von Eseln angeführt wurden. Die Begründung des napoleonischen Tagesbefehls war weniger der Waffentechnik als der Psychologie zuzuschreiben. Besonders die afrikanischen Kontingente der französischen Armee nahmen instinktiv angesichts der Feuerwirkung der österreichischen Gewehre von selbst eine aufgelöste Ordnung ein, mit der sie in überlegener Anzahl die Österreicher überrannten.16) Die Folge war, dass sich in der französische Armee die Meinung verbreitete, dass Generäle und Offiziere wenig zählten. „C’est le général soldat qui a gagné la bataille de Solferino.“ 17)

Die mangelnde Qualität der piemontesischen Führung wurde dadurch demonstriert, dass die gesamte zahlenmäßig überlegene piemontesische Armee, trotz der äußersten Tapferkeit der italienischen Soldaten, von einem einzigen österreichischen Korps geschlagen werden konnte.

Was sich vermutlich tatsächlich bei Solferino abgespielt hat, beschrieb der preußische Hauptmann und Militärwissenschafter Cäsar Rüstow bereits 1862 in seinem Buch „Die neueren gezogenen Infanteriegewehre. Ihre wahre Leistungsfähigkeit“.

Vorauszuschicken ist, dass die Glattrohrmusketen mit ihrer wirksamen Reichweite von etwa 75 m keine großartige Ausbildung im Zielen und Schießen erforderten. Man trainierte die Soldaten darauf, möglichst schnell zu laden and abzufeuern.

So wurden zum Beispiel für die frisch ausgehobenen Rekruten der napoleonischen Armee, die 1813 zahlreich in der Völkerschlacht bei Leipzig fochten, vier Schüsse mit Platzpatronen und zwei scharfe Schüsse als völlig ausreichende Schießausbildung angesehen. Diese „Schießausbildung“ erforderte nur wenige Tage Zeit und erfolgte während des Verlegungsmarsches aus den Rekrutendepots in Frankreich nach Sachsen.18) Die preußische Armee führte erst unter General Scharnhorst und nach dem Sieg über Napoleon I. verpflichtende Schießübungen auf Scheiben ein. Der berühmte preußische Waffendrill hatte bis dahin nur zur Erhöhung der Feuerschnelligkeit gedient. Es genügte bei der Distanz von maximal 75 m, das Gewehr in Richtung der gegnerischen Linie zu halten. Bei manchen preußischen Gewehren zur Zeit Friedrichs II. fehlten Zielvorrichtungen wie Kimme und Korn gänzlich. Die Flugbahn der Rollkugel war so, dass man bei dieser geringen Schussweite treffen musste, wenn auch nicht den Mann, auf den man angehalten hatte. Nach Einführung des Zündnadelgewehres stellte Preußen pro Jahr 100 Patronen für jeden Mann für Schießübungen zur Verfügung.

Schon die ersten gezogenen Gewehre besaßen ein so genanntes Standvisier. Zielte man damit auf die Körpermitte des Gegners, so erhob sich die Flugbahn des Geschoßes bis etwa 275 m Schussent­fernung nie über 1,7 m, der Körperhöhe eines Soldaten. Jedes Ziel innerhalb dieses „bestrichenen Raumes“ wurde getroffen, zumal jedes Expansionsgeschoß die Gewehrmündung immer in derselben Richtung verließ (Abbildung 4).

Schoss man auf weitere Entfernung, so war der Schütze gezwungen, die Entfernung abzuschätzen und mittels eines aufzuklappenden Stangen- oder Schiebevisieres mit der entsprechenden Entfernungsmarke zu zielen. Bei den Waffen dieser Periode erhob sich bei Schussweiten über die Entfernung des Standvisiers von 250 m bis 300 m hinaus das Geschoß in weitem Bogen über die Stehhöhe eines Mannes, und erst am Ende der Flugbahn gab es wieder einen bestrichenen Bereich, in dem Treffer möglich waren. (Abbildung 4)

Der deutsche Hauptmann von Plönnies hatte die Flugbahnen der damals bekannten gezogenen Gewehre untersucht und 1861 das Buch „Neue Studien über die gezogenen Feuerwaffen“ veröffentlicht, in dem er genaue Tabellen für die bestrichenen Räume bei verschiedenen Schussweiten auflistete.

Von Plönnies fand für das österreichische Infanteriegewehr M 1854 mit dem „Lorenz’schen Compressionsgeschoß“ (in Abbildung 4 als „Süddeutsches Gewehr österr. Kal[ibers] bezeichnet), dass sich bei einer Schussentfernung von 450 m (600 Schritten) der bestrichene Raum für ein Ziel von Infanteristenhöhe bei einem Haltepunkt Körpermitte auf nur etwa 50 m einengte, und zwar etwa 27 m vor und 23 m hinter dem Zielpunkt. Für ein höheres Ziel wie einen Reiter stieg der bestrichene Raum auf etwa 75 Meter an.

Schätzte der österreichische Infanterist nun die Entfernung des Gegners auf 450 m und stellte sein Visier danach ein, so verfehlte er das Ziel, wenn die tatsächliche Entfernung 420 m oder 475 m betrug, obwohl sein Schätzfehler in diesem Fall nur 25 m bis 30 m oder ungefähr 6,5% der Zielentfernung betragen hätte.

Für das französische Minié-Gewehr waren wegen seiner im Vergleich zur Geschoßmasse viel schwächeren Pulverladung die bestrichenen Räume bei größerer Schussweite sogar noch viel ungünstiger.

Die Problematik lag ganz offensichtlich darin, dass die Soldaten auf dem Schießplatz bei exakt ausgemessenen Schießentfernungen mit den neuen Gewehren tatsächlich sehr gut trafen, aber im Gefecht nicht in der Lage waren, Distanzen richtig abzuschätzen. Gelände, Beleuchtung, Ermüdung und persönliche physische Merkmale (Augenfehler) spielten dabei eine große Rolle. Selbst nach modernen Erkenntnissen können Entfernungen bis maximal 450 m von ausgebildeten Soldaten nur mit einem Fehler von 25% bis 30% geschätzt werden. Bei intensiver Ausbildung verbessern sich die Werte etwas. Eine vernünftige Erstschusstreffwahrscheinlichkeit wird daher nur auf Entfernungen von weit unter 450 m zu erzielen sein. Modernste Infanteriewaffen und Ausbildungsmethoden des 21. Jahrhunderts berücksichtigen diese Tatsachen.19)

Die Auseinandersetzungen bei Solferino dürften sich (nach Rüstow) wie folgt abgespielt haben: Die französischen Soldaten rückten in stark aufgelösten Schwärmen geringer Tiefe vor. Sobald die Österreicher im Vertrauen auf ihr weittragendes Gewehr auf 500 m bis 600 m das Feuer eröffneten, hatte dies aus den oben erklärten Gründen keinerlei Wirkung. Rüstow schrieb: „Die Schützen verlieren das Vertrauen auf die Waffe, auf deren Wirkung sie so stark rechneten, sie werden unruhig und schießen umso schlechter. Schließlich stürzt sich der Feind, in malerischer Hose, vielleicht sonst noch phantastischer Tracht, mit gefälltem Bajonett und wüstem Geschrei auf die Position. Der biedere Deutsche,20) statt zu bedenken, dass mit der Nähe des Gegners seine Waffe höchst wirksam wird, lässt sich imponieren, und statt zu schießen oder den Entschluss zu fassen, dem Feind seinerseits entgegenzugehen und ihn seine größere physische Kraft fühlen zu lassen, macht er, verbissen in den Gedanken der unseligen passiven Verteidigung, kehrt und räumt das Feld. Der Feind dagegen, weit entfernt, den wirklichen Bajonettkampf zu suchen, macht halt und eröffnet aus nächster Nähe ein wirksames Feuer auf die Zurückgehenden, welches nun auch die nahe stehende geschlossene Reserve trifft, deren moralischer Halt schon durch das Zurückgehen der Schützen gelitten hat.“ 21)

Der Logik dieser Ausführungen ist zuzustimmen. Sie lässt aber auch eine weitere Auslegung zu: Im Norden des Schlachtfeldes wies das österreichische VIII. Korps unter Feldzeugmeister Benedek die Angriffe der zahlenmäßig weit überlegenen piemontesischen Armee bei nur leichten eigenen Verlusten ab. In diesem hügeligen und sehr bewachsenen Gelände war die Sichtweite wohl sehr viel geringer als im Südteil. Die geschlossen angreifenden piemontesischen Divisionen kamen damit erst innerhalb des vollen bestrichenen Raumes des Lorenz-Gewehrs in die Sichtweite der Soldaten des VIII. Korps. (Diese Truppe war als Teil der 2. Armee schon sehr früh mit damit ausgerüstet worden.) Dessen Feuer war damit höchst wirksam, wie die schweren Verluste der Piemontesen zeigten. Es kann hier kaum zu Bajonettkämpfen gekommen sein, weil die Angriffe der Piemontesen nach vorliegenden Berichten bereits 80 m bis 90 m vor den Stellungen der Österreicher zusammenbrachen. Hier muss man annehmen, dass das Vertrauen der Österreicher in ihr Gewehr und damit das Selbstvertrauen stieg. Die Österreicher gingen früh zum Gegenangriff über und nahmen sogar die Höhe von San Martino ein. Das Abwehrfeuer der Italiener muss wegen ihres leistungsschwachen Gewehres als wenig wirksam angesehen werden. Benedek zögerte den befohlenen Rückzug sogar fünf Stunden hinaus und warf die Division von General Duraldo aus ihren Stellungen bei Madonna del Scoperta. Nur die Bedrohung seiner Rückzugslinie durch die bei Solferino durchgebrochenen Franzosen hielt ihn davon ab, einen finalen Schlag gegen die zurückgehenden piemontesischen Truppen zu führen. Diese Erfolge müssen neben anderen Faktoren dem überlegenen österreichischen Infanteriegewehr zugeschrieben werden.

Die zeitgenössischen Autoren mussten sich bei der Beurteilung der Waffenwirkung auf den bestrichenen Raum beschränken. Der bestrichene Raum konnte empirisch auf dem Schießplatz ermittelt werden. Auch die Streuung der Waffen, das ist vereinfacht gesagt der Durchmesser, in dem alle Schüsse liegen, wenn man mit immer gleichem Haltepunkt auf eine Scheibe schießt, wurde damals im Versuch bestimmt. In Abbildung 5 sind die Ergebnisse in Form der Streuungsradien, innerhalb derer 50% aller Treffer liegen, für die 1859 eingeführten Gewehre dargestellt. Die Einführung der Wahrscheinlichkeitsrechnung bietet die Möglichkeit, auch die Treffwahrscheinlichkeit dieser Waffen nach der im 20. Jahrhundert üblichen Methode mit ausreichender Genauigkeit zu berechnen.22) Dadurch bietet sich die Möglichkeit einer zusätzlichen Beurteilung, die den zeitgenössischen Autoren nicht zugänglich war. Die Auflösung der geschlossenen Infanterieformationen in Tirailleurschwärme erfordert nämlich gezieltes Schießen auf einzelne Soldaten, nicht den Schuss auf eine gegenüberstehende kompakte Fläche von Infanterie. Der bestrichene Raum gibt nur an, ob der Soldat überhaupt im Wirkungsbereich der Waffe liegt. Durch die mit der Entfernung steigende Waffenstreuung kann man auch rechts und links an ihm vorbeischießen.

Alle Männer sind nun etwa 40 cm breit, und der zu treffende Körper von den Oberschenkeln aufwärts etwa 80 cm hoch. Berechnet man die Treffwahrscheinlichkeit für eine solche Fläche mit Verwendung der Daten aus Abbildung 5, so ergeben sich unter Schießplatzbedingungen folgende Treffwahrscheinlichkeiten:

Die körperliche und seelische Belastung im Gefecht reduziert diese berechneten Werte erheblich. Die übliche Annahme ist, dass sich die Streuungswerte verdoppeln und die Treffwahrscheinlichkeiten halbieren.

Bei den Angriffen der piemontesischen Armee auf das VIII. Korps ist anzunehmen, dass sich ihre Angriffskolonnen ab etwa 200 m in jener Zone befanden, in der das österreichische Lorenz-Gewehr theoretisch 100% Treffer erzielen konnte.

Die Piemontesen hatten aber - unter der Annahme bester Schießplatzbedingungen - auf 200 m keine und erst bei 75 m Meter eine etwa 70-prozentige Chance, einen ungedeckt stehenden österreichischen Soldaten zu treffen. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass die Angriffe der piemontesischen Divisionen schon weit vor jener Entfernung zusammenbrachen, auf der das Bajonett einsetzbar gewesen wäre.

Der schweizerische Hauptmann von Elgger schrieb zum Feldzug von 1859:23) „Man frage jene Offiziere beider Armeen, welche bei Magenta und Solferino den ganzen Tag in erster Linie gefochten haben, ob sie jemals im freien Felde ein Bajonettgefecht oder ein Handgemenge gesehen haben. Man wird sich eines anderen belehren“. Und weiter: „Es ist gut und sogar nothwendig, dass der Soldat Vertrauen zu seinem Bajonett habe und dass er sich im Nahkampf für unüberwindlich halte. Doch dass - wie das Benehmen der Österreicher im Feldzuge 1866 in Böhmen gezeigt - höhere Offiziere und Generäle das wahre Wesen des Bajonettangriffes nicht besser kennen und es sich einfallen lassen, alles mit dem Bajonett machen zu wollen, dass sie nicht wissen, dass der Bajonettangriff moralisch, aber nicht physisch wirkt, das ist doch zu arg“.

 

 

Rüstow und Elgger kamen zu dem Schluss, dass „ein gründliches Studium der Kriegswissenschaften“ die Österreicher veranlassen hätte müssen, bei Solferino erst innerhalb von 225 m mit ihren dann sicher treffenden Gewehren das Feuer zu eröffnen. Beim VIII. Korps Benedeks scheint dies auch tatsächlich der Fall gewesen zu sein. Im Mittel- und Südteil des Schlachtfeldes gelang es der französischen Armee, unter massivem Einsatz überlegener Truppenmassen, mit großen Verlusten die entscheidenden Höhen einzunehmen. Die versuchten massierten Gegenstöße der Österreicher blieben meist nicht im Feuer der Minié-Gewehre, sondern im Granat- und Schrapnellfeuer der französischen Artillerie liegen.

 

Die Artillerie bei Solferino

Napoleons I. Artillerietaktik bestand im Wesentlichen darin, hinter einem Schleier von leichter Infanterie - Tiralleuren und Voltigeuren - und leichter Kavallerie eine „große Batterie“ von 40 bis 100 Kanonen in etwa 250 m Entfernung vor der gegnerischen Linie zusammenzuziehen und mit Kartätschen eine Lücke zu schießen, in die seine Sturmkolonnen (masse de rupture) im Geschwindschritt24) einbrachen. Diese Artillerietaktik wurde bei Solferino nur auf österreichischer Seite versucht. Gegen die französischen Geschütze war die österreichische Artillerie aber chancenlos. Die gezogenen Kanonen der Franzosen konnten wegen ihrer überlegenen Schussweite sowohl gegen die österreichische Infanterie als auch gegen die österreichische Artillerie wirken, bevor Letztere in Aktion treten konnte. Die französische Artillerie schaffte es auch, rasch entscheidende Höhen zu besetzen und dort eine größere Anzahl von Batterien zu massieren.

Wie weit diese bessere Artillerieführung Napoleon III. selbst zuzuschreiben war, ist nicht völlig geklärt. Er war aber, wie sein großes Vorbild Napoleon I., Artillerieoffizier und an der schweizerischen Offiziersschule in Thun ausgebildet worden. Sein Lehrer war der spätere Schweizer General Guilleaume Henri Dufour, der Gründer der heute noch bestehenden Militärschule in Thun.

Napoleon III. verfasste ein „Manuel d’Artillerie“, das in seiner deutschen Ausgabe als „Handbuch der Artillerie“ auch im deutschsprachigen Raum ein Standardwerk für Artillerieoffiziere wurde. Napoleon III. war von der Regierung in Bern zum Ehren-Hauptmann der Schweizer Artillerie ernannt worden.25)

Napoleon III. wird die Entscheidung zugeschrieben, nach den entsetzlichen Verlusten der französischen Infanterie bei der Erstürmung des Zypressenhügels und der Höhen von Solferino, Cassiano und Monte Fontana die von den Österreichern gut befestigte Höhe von Cavriana nach mehreren vergeblichen verlustreichen Infanterieangriffen mit seiner gesamten Gardeartillerie sturmreif schießen zu lassen. Er soll persönlich die Leitung der Artillerie übernommen und vor der Feuereröffnung die Richtung jedes einzelnen Geschützes überprüft haben.26) Die Granaten, deren Sprengkraft durch die Steine der Mauern und die Holzsplitter der Dächer verstärkt wurde, hatten in den mit Verteidigern dicht belegten Häusern und Gräben eine fürchterliche Wirkung. Der Ort wurde zu einem Schutthaufen geschossen, und die anschließend vorrückende französische Infanterie fand kaum mehr Widerstand vor. Bei Cavriana dürfte zum ersten Mal Artillerie in einer Weise eingesetzt worden sein, die, vom Russisch-Japanischen Krieg beginnend, im Ersten Weltkrieg einen Höhepunkt erreichte.

In Österreich sind, wie bei Niederlagen üblich, nur die vermutlich wenigen erfolgreichen Aktionen der österreichischen Artillerie überliefert und dokumentiert, weil man die beteiligten Soldaten ausgezeichnet hatte. Diese Berichte geben ein gutes Bild der eher verzweifelten Lage der Österreicher, zeigen aber auch die Schwächen des La Hitte-Systems auf.

So gelang es Hauptmann Krobatin bei Solferino, mit einer Sechspfünder-Batterie zwei französische Batterien auf 1.800 m Entfernung mit Rollschüssen erfolgreich unter Feuer zu nehmen27) und zu demontieren. Der Rollschuss mit der Vollkugel war das beliebteste alte Artillerie-Schießverfahren, das allerdings nur im ebenen Gelände funktionierte. Man schoss Vollkugeln so ab, dass sie mehrmals den Boden berührten und wieder abprallten, und erzielte so die größte Wirkung in die Tiefe.

Hauptmann Winterstein hatte am 8. Juni im Gefecht bei Melegnano seine halbe Kavallerie-Batterie 10/VII in einer rasch aufgeworfenen Erddeckung positioniert und ließ sich auf 1.000 m von drei französischen Kanonen beschießen, ohne das Feuer zu erwidern. Erst als diese auf ca. 600 m heranrückten, eröffnete er das Feuer und erzwang ihren Rückzug. Als die Franzosen daraufhin zwölf Kanonen vorführten, wiederholte er dieses Verfahren, zwang auch diese zum Rückzug und konnte zuletzt stürmende Zuaven zweimal mit Kartätschen zurückweisen.28)

Diese beiden Vorfälle sind nur dadurch erklärbar, dass die französischen Kanonen eine geringe Treffwahrscheinlichkeit gegen Punktziele aufwiesen und auch die Geschoßwirkung gegen derartige Ziele gering war. Im offenen Gelände gelang es der massierten französischen Artillerie nahezu immer, die mit großer Tapferkeit angreifende österreichische Infanterie - ein typisches Flächenziel - abzuwehren.

In der Verteidigung konnte sich die österreichische Artillerie offensichtlich ganz gut schlagen, besonders wenn sie in leichten Feldbefestigungen aufgestellt wurde. Dauerhafte Erfolge gelangen aber nur gegen die ebenfalls mit glatten Vorderladern kämpfenden Piemontesen. Die französischen gezogenen Kanonen gewannen bei längerem Feuerwechsel die Oberhand.

Die von der österreichischen Artillerie meist gewählte Angriffsmethode dürfte gewesen sein, in alter napoleonischer Taktik mit den zum Feuer bereiten Geschützen an die französischen Infanterielinien heranzugaloppieren, abzuprotzen und zu versuchen, sie mit schnellen Kartätschenlagen zu überfallen. Obwohl es nur eine Minute dauerte, um 200 m vorzurücken, abzuprotzen und zu schießen, war dies gegen Minié-Gewehre eine an Selbstmord grenzende Vorgehensweise.

Grundsätzlich war das stark hügelige Gelände Oberitaliens nicht geeignet, um in diesem Feldzug Artillerie in Massen einzusetzen. Der französischen Armee gelangen einige Massierungen. Die Österreicher versuchten nur bei Solferino, mehrere Batterien unter dem Kommando des Majors Graf Bylandt-Rheid zusammenzuziehen, um den geplanten Gegenangriff der 1. Armee von Feldzeugmeister Graf Wimpffen bei Guidizzolo zu unterstützen. Auch dieses Unternehmen scheiterte an der überlegenen Reichweite der französischen Artillerie.

Frankreich nach Solferino

Der oberitalienische Feldzug brachte Frankreich zwei ruhmreiche, aber äußerst kostspielige Siege, die die französische Armee in einer gefährlichen Selbsttäuschung hielten. Man benannte zwei bedeutende Pariser Boulevards nach Magenta und Solferino und sah, wie viele siegreiche Mächte davor und danach, keinen Grund, die Bewaffnung seiner erfolgreichen Armee zu ändern. Auch die miserable Logistik des französischen Heeres wurde nicht verbessert.29)

Österreich nach Solferino

Die österreichische militärische Führung hatte aus dem Geschehen bei Solferino geradezu katastrophale Schlüsse für die zukünftige Einsatztaktik der Infanterie gezogen. Die österreichische Artillerieführung dagegen beurteilte die Lage völlig richtig und schuf in erstaunlicher Schnelligkeit eine neue Artilleriewaffe, die sich in den folgenden Kriegen ausgezeichnet schlug.

Das Infanteriegewehr M 1854 war praktisch neu eingeführt worden, hatte sich nach Ansicht der obersten Militärbehörde 1859 bewährt, es bestand kein Grund - und es gab auch kein Geld -, es zu ändern. 1861 wurde lediglich die Geschoßform verändert. Man wechselte vom Lorenzschen Kompressionsgeschoß zu einem Expansionsgeschoß, das eine etwas höhere Mündungsgeschwindigkeit erwarten ließ.

Völlig anders war die Lage bei der Artillerie. Frankreich hatte als erstes Land Geschütze mit gezogenen Rohren nach dem System La Hitte eingeführt, und die klaren Erfolge in Oberitalien wurden vor allem den neuen Geschützen zugeschrieben. Das System La Hitte verbreitete sich demgemäß sehr schnell und fand in Belgien, Dänemark, Italien, den Niederlanden, Norwegen, der Schweiz und in den USA Einführung.

Österreich hatte einige französische La Hitte-Geschütze erbeutet und damit ausgedehnte Schießversuche unternommen. Man beschloss, als Zwischenlösung eine Anzahl vorhandener Glattrohr-Geschütze nach diesem System umzubauen, aber - wohl in richtiger Erkenntnis der Schwächen des Systems - die Suche nach einem leistungsfähigeren Geschütz mit gezogenem Rohr fortzuführen.

Zuerst glaubte die militärische Führung in Wien eine ausgezeichnete Lösung in dem von dem Artillerieoffizier Oberst Baron Lenk von Wolfsberg, Departementchef bei der Generalartilleriedirektion, entwickelten Schießwolle-Geschütz gefunden zu haben. In einem großen Schritt nach vorne wollte man zusammen mit neuen gezogenen Vorderladern auch ein völlig neues Treibmittel, die Schießwolle,30) einführen, um möglichst hohe Schussweiten zu erreichen. Nach sehr zufriedenstellenden Schießversuchen wurde am 19. Februar 1861 die Einführung dieser Kanone beschlossen.31) Nachdem schon drei Regimenter damit ausgerüstet worden waren, musste die weitere Einführung gestoppt werden, weil nacheinander mehrere Schießwollmagazine ohne äußeren Anlass explodiert waren. Trotz viel besserer ballistischer Eigenschaften gegenüber dem Schwarzpulver, wie höherem Gasdruck, keiner Rauchentwicklung und keinerlei Rückständen, musste dieses Treibmittel wegen seiner nicht sofort erkennbaren Tendenz zur Selbstentzündung schließlich aufgegeben werden.

Unter Benützung der wesentlichen konstruktiven Vorteile des Schießwollgeschützes wurde die Entwicklung fortgeführt. Vor allen Dingen verbesserte man die Form der Züge so, dass beim Laden das Geschoß vollkommen zentriert wurde. Die Besonderheit war die Ausbildung der so genannten Bogenzüge am Umfang dieses Mantels. Sie passten in die entsprechenden Züge des Geschützrohres und bewirkten eine wesentlich bessere Abdichtung, als es die Warzenführung der französischen La Hitte-Geschütze vermochte. Ähnlich wie bei der La Hitte-Kanone wurden vier Munitionsarten eingeführt: Hohlgeschoße (Sprenggranaten), Schrapnells, Brandgeschoße und Büchsenkartätschen. Um einen problemlosen Ladevorgang zu ermöglichen, musste der Geschoßdurchmesser um 2,4 mm kleiner gemacht werden als das Geschützkaliber (Spiel). Beim Abschuss entwich natürlich ein Teil der Pulvergase durch diesen Spielraum und verringerte die ballistische Leistung im Vergleich zu einem Hinterlader. Das Geschütz war aber der beste Vorderlader, den es je gab.

Die Geschoße wurden mit einem Ladewerkzeug genau in die Mündung eingesetzt und durch eine Rechtsdrehung bis zum hinteren Ende des Rohres geführt. Sie bestanden aus Gusseisen. Um den zylindrischen Eisenhohlkörper war ein Mantel aus einer Zinn-Zinklegierung gegossen. Die wichtigste und auch treffgenaueste Munitionsart war das Hohlgeschoß mit Aufschlagzünder. Die Schrapnelle waren mit 80 Bleikugeln gefüllt und verfügten über einen verbesserten Brennzünder, der eine relativ gute Einstellung der Flugzeit bis zur Zerlegung erlaubte. Brandgeschoße und Kartätschen wurden nur in geringer Zahl mitgeführt, letztere nicht mehr zum Angriff, sondern nur mehr zur Notabwehr von Infanterieangriffen.

Das neu eingeführte Vierpfünder-Feldgeschütz (8 cm) M 1863 zeichnete sich daher durch seine für damalige Verhältnisse sehr zufriedenstellenden ballistischen Eigenschaften aus. Es war dazu außerordentlich leicht, sehr beweglich und manövrierfähig. Im neu erbauten Artilleriearsenal in Wien wurde innerhalb von nur zwei Jahren das komplette Geschützmaterial für die österreichische Artillerie neu gefertigt.

Der Feldzug 1864 gegen Dänemark bot sofort die erste Gelegenheit, die Verwendbarkeit der neuen Waffe im Einsatz zu erproben. Man kämpfte gemeinsam mit Preußen. Es zeigte sich die völlige Überlegenheit der österreichischen gezogenen Geschütze über die dänische glatte Vorderladerartillerie, auch im Vergleich mit den glatten deutschen Hinterladern. Preußen sah sich daraufhin veranlasst, seine Artillerie schnellstens auf gezogene Geschütze umzurüsten. Bei Beibehaltung der Hinterladung wurde dabei eine sehr hohe Genauigkeit beziehungsweise geringe Streuung erreicht. Die von hinten geladenen Geschoße wurden beim Abschuss in die Züge gepresst und dichteten das Rohr völlig ab.

Die Lehren aus Magenta und Solferino fanden ihren taktischen Niederschlag in einem 1865 neu verfassten „Exerzier-Reglement für die kaiserlich königliche Artillerie“.

Die Feuerstellung (Ziffer 132 des Reglements) sollte auf alle Fälle vorher erkundet und so ausgewählt werden, dass die Geschütze vor der Feuereröffnung möglichst verdeckt waren und auch beim Feuern möglichst viel Deckung besaßen. Eine Lehre aus dem Gefecht des Hauptmanns Winterstein bei Melegnano. Als Deckung werden dichte Hecken, Mauern und Straßendämme empfohlen. Die Batterien mussten in den Marschkolonnen weit vorne eingegliedert werden, um Zeit für eine ausreichende Erkundung der Batteriestellungen zu haben. Die Batterien sollten grundsätzlich zusammenbleiben, feuerten aber (zur besseren Schussbeobachtung) geschützweise. Man hatte erkannt, dass die Sprenggranate die wirkungsvollste Munitionsart war. Gegen Infanterie im offenen deckungslosen Gelände fand auch das Schrapnell Verwendung, doch sollte es, wegen der ungenauen Brennzünder, die eine höhere Längenstreuung ergaben, nur gegen tiefe Ziele wie Kolonnen oder aus der Flanke heraus Verwendung finden. Gegen breite Ziele geringer Tiefe - Infanterie in Schwarmlinie - hatte man erkannt, dass Schrapnelle wenig Wirkung besaßen und verwendete nur Sprenggranaten oder ermittelte wenigstens mit Sprenggranaten die korrekte Schussentfernung.

Der Kartätschangriff der Kavallerie-Batterien gegen Infanterie, eine von der napoleonischen reitenden Artillerie übernommene und noch auf Glattrohrgeschütze und Glattrohrmusketen abgestimmte Kampfweise, wurde in Ziffer 54 des Exerzierreglements ausdrücklich verboten. Bei Solferino hatte man noch Artilleristen für diese Taktik ausgezeichnet, die aber im Feuer treffsicherer gezogener Gewehre eher ein Selbstmordunternehmen gewesen sein dürfte.

Königgrätz (Sadowa) 1866

Als es 1866 zum Krieg zwischen Österreich und Preußen kam, hatten die Österreicher den Vorteil, dass sie ihre Geschütze schon länger kannten und besser zu bedienen wussten. Wegen der geringen Friedensstärke der Batterien musste die Mannschaft durch zahlreiche Reservisten ergänzt werden, die weder mit den neuen Geschützen noch mit der neuen Kampfweise vertraut waren. Diese Probleme scheinen aber gut gelöst worden zu sein, und die deutsche Artillerie, die ihre neuen Kanonen oft erst bei der Mobilisierung zu sehen bekam, war schlechter dran.

Köhler schreibt:32) „… [In] der Schlacht bei Königgrätz bleibt [die preußische Artillerie] dauernd in der Unterlegenheit der österreichischen Artillerie gegenüber. Es glückt ihr nicht, diese auch nur vorübergehend niederzuhalten und sie von der Bekämpfung unserer Infanterie abzulenken. Dagegen gelingt es den österreichischen Artillerieführern öfter, stärkere Gruppen zu bilden und das Feuer zu massieren. Sie waren immer schneller feuerbereit als wir, schneller beim Aufmarsch und verschossen fast die doppelte Munitionsmenge. Der österreichischen Artillerie allein war es zu verdanken, dass die Armee vor der Zertrümmerung bewahrt wurde. 200 Geschütze, die vor Königgrätz den Rückzug deckten, sind die Retter des Heeres geworden.“

Preußen hatte zwar gesiegt, hatte aber trotz seines Sieges erkannt, dass die preußische Artillerie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hatte. General Moltke erließ klare Richtlinien, welche die Rolle der Artillerie im Kampf der verbundenen Waffen neu regelten. Die Kriegserfahrungen von 1866 wurden sorgfältig analysiert und die Mängel und Unvollkommenheiten beseitigt. Man gründete 1867 eine Artillerie-Schießschule und zog die Artillerie zu allen Manövern und Truppenübungen heran. Das preußische gezogene Hinterladegeschütz verfügte über eine hohe Schussweite und eine hohe Treffgenauigkeit. Man entschied, dass diese Vorteile nur mit der Sprenggranate und einem guten Aufschlagzünder voll nutzbar wären, und fasste den Entschluss, auf Schrapnelle mit ihren unsicheren Brennzündern zu verzichten.

Da die Erfolge im böhmischen Feldzug 1866 auch vom österreichischen Gegner hauptsächlich dem Zündnadelgewehr zugeschrieben wurden,33) sah man keinen Grund, diese Infanteriewaffe, zu der die Soldaten großes Vertrauen hatten, zu ändern.

 

Frankreich nach Königgrätz

Solferino brachte den Durchbruch der gezogenen Waffen, Königgrätz (Sadowa) den Durchbruch der Hinterlader. Frankreich, bisher vehement gegen alle Hinterladesysteme eingestellt, entwickelte in Windeseile ein neues Gewehr. Die französischen Techniker kopierten zwar das Zündnadelsystem, aber das neue französische Chassepot-Gewehr war dem 1870 schon fast dreißig Jahre alten Zündnadelgewehr an Trefffähigkeit erheblich und an Schussweite um mehr als das Dreifache überlegen. Es war außerdem wesentlich handhabungssicherer, weil eine neuartige Dichtung verhinderte, dass aus dem Verschluss austretende Pulvergase den schießenden Soldaten im Gesicht verletzten.

Taktisch zog Frankreich aus Königgrätz die falschen Lehren. Die extreme Stoßtaktik, die bei Magenta und Solferino erfolgreich gewesen war, wurde aufgegeben und durch ein ebenso extremes Festhalten an fixen Verteidigungsstellungen ersetzt, das sich auf das weitreichende Feuer des Chassepot-Gewehres abstützte.

Bei der Artillerie hielt man am La Hitte-System fest. Man hatte damit ja bei Magenta und Solferino gesiegt. Es wurden eine geringfügig verbesserte Munition und ein neuer Achtpfünder mit gezogenem Rohr eingeführt. Während die preußischen 8 cm- und 9 cm-Feldgeschütze mit Granaten 3.800 m weit schossen, schaffte der französische Vierpfünder-Vorderlader nur 3.160 m. Die französischen Granaten hatten Zeitzünder, die nur zwischen 1.400 m und 1.600 m sowie zwischen 2.750 m und 2.950 m ansprachen34) (siehe Abbildung 2). Bei allen anderen Entfernungen wirkte die Granate als Vollgeschoß. Treffer waren damit nur durch Zufall zu erzielen.

Es war nun nicht so, dass die französischen Generäle über die preußischen Entwicklungen nicht informiert gewesen wären. Bei der Weltausstellung von 1851 im Londoner Glaspalast hatte ein Herr Krupp bereits seine neuen Hinterlade-Kanonen mit Rohren aus Tiegelgussstahl ausgestellt. 1867 in Paris stellte Krupp ein Monster einer 50 t schweren Kanone vor, die Granaten von 450 kg Masse verfeuern konnte. Drei Jahre später nahm sie Paris unter Beschuss.

Der französische Militärattaché in Berlin, Oberstleutnant Baron Stoffel, versuchte verzweifelt und völlig vergeblich mit eindringlichen Berichten auf die von Preußen drohenden Gefahren hinzuweisen.

Bei der glänzenden Parade der französischen Armee in Longchamps zu Ehren des russischen Zaren Alexander III. und des Königs Wilhelm von Preußen marschierten, ritten und fuhren 31.000 Mann in glanzvollen Uniformen an den Fürsten vorbei. (Eigentlich hätten es 60.000 sein sollen, aber die brachte man einfach nicht zusammen.) Die Artillerie hatte die Bronzerohre ihrer La Hitte-Vierpfünder, die schon bei Solferino gefeuert hatten, auf Goldglanz poliert. Der preußische Premierminister Fürst Bismarck sah sich das alles gut an und fand wohl zu seiner Befriedigung vieles veraltet. Der beste Diplomat des 19. Jahrhunderts ließ sich natürlich nichts anmerken und gratulierte dem alten Marschall Canrobert, einst Korpskommandant bei Solferino, der die Parade kommandiert hatte, freundlichst zu dem glanzvollen Ereignis.

Sedan 1870

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870 war die waffentechnische Lage zwischen den beiden Mächten ähnlich wie bei Solferino. Der Unterschied bestand darin, dass diesmal Frankreich eine deutlich überlegene Infanteriewaffe und eine deutlich unterlegene Artillerie besaß. Das Chassepot-Gewehr war dem Zündnadelgewehr an Schussweite mehr als dreifach überlegen (etwa 1.500 m gegen 450 m) und hatte, noch viel wichtiger, ein kleineres Kaliber, eine viel geringere Streuung, eine höhere Mündungsgeschwindigkeit und damit bei gleicher Schussdistanz eine viel bessere Treffwahrscheinlichkeit. Zusätzlich hatten die Franzosen mit der Mitrailleuse im Geheimen eine Art Maschinengewehr entwickelt. 37 gebündelte Gewehrläufe konnten auf einmal oder rasch hintereinander abgefeuert werden. Geladen wurde mit einer Platte, die mit 37 Patronen bestückt war. Die Wirkung war aus zwei Gründen enttäuschend: Die französische Armee hatte die Waffe so geheim gehalten, dass die Bedienungsmannschaften nur unzureichend ausgebildet waren. Durch die organisatorische Zuteilung zur Artillerie stand die Mitrailleuse meist am falschen Ort, d.h. zu weit hinten, und wurde von den neuen weitreichenden Krupp-Hinterlader-Kanonen der Preußen sofort unter Feuer genommen und außer Gefecht gesetzt.35)

Die Deutschen gewannen den Krieg durch überlegene Mobilisation, überlegene Logistik und überlegene Strategie. Ihre Strategie war aggressiv, ihre Taktik defensiv. Mit Umgehungen und Überflügelungen, die schon 1866 gegen Österreich erfolgreich angewandt worden waren, spalteten sie die französischen Armeen auf und zwangen sie, mit verkehrter Front in Richtung Paris anzugreifen.36) Im Angriff konnten die Vorteile des technisch besseren Chassepot-Gewehres nicht zum Tragen gebracht werden. Außerdem kam die französische Infanterie fast nie in den Schussbereich des Zündnadelgewehrs, weil sie schon vorher im Feuer der deutschen Artillerie scheiterte.

Die deutsche Artillerie, technisch überlegen und taktisch besser ausgebildet, wurde rücksichtslos eingesetzt, wenn die eigene Infanterie im Chassepot-Feuer liegen blieb. Die Geschütze wurden bis und oftmals vor die eigenen Infanterielinien vorgezogen und nahmen auf 1.125 m bis 1.875 m die französische Infanterie mit Granaten unter Feuer.37) Sobald die eigene Infanterie wieder Luft bekommen hatte, wurde die französische Artillerie mit Granaten bekämpft, und zwar auf Schussentfernungen von 2.250 m bis 3.000 m. Die Franzosen verwendeten hauptsächlich ihre Schrapnelle, deren Wirkung wegen der mangelhaften Zünder gegen Punkt- oder Linienziele naturgemäß bescheiden war.

Die Wirksamkeit der einzelnen Waffen in diesem Krieg lässt sich auch anhand bekannt gewordener Verlustzahlen beurteilen. In den Lazaretten von Metz konstatierten französische Ärzte, dass nur 2% der Verwundeten Säbelhiebe oder Bajonettstiche aufwiesen, ca. 30% waren durch Bleigeschoße der Infanterie getroffen worden. Die verbleibende große Menge, annähernd 68% der Verwundungen, waren durch Granatsplitter verursacht worden.38)

Die Entwicklung der Waffentechnik, begonnen bei Solferino, setzte sich in den folgenden Jahrzehnten ungehemmt fort, und die dadurch ausgelöste Steigerung an Verlusten erreichte im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihren traurigen Höhepunkt.


ANMERKUNGEN:

1) Patrick Turnbull: Solferino, The Birth of a Nation. London 1985, S.124, behauptet fälschlich, das französische Infanteriegewehr „outranged that of the Austrians“. Er schreibt über das piemontesische Gewehr „it took no fewer than twenty separate movements to load”. Die Piemontesen waren mit ihren glatten Perkussionsflinten sicher am schlechtesten von allen drei Armeen bewaffnet, aber zu behaupten, dass 20 Ladegriffe erforderlich waren, ist unglaubwürdig, weil seit der Einführung der Steinschlossflinten um 1700 in Europa nur sechs Handgriffe zum Laden nötig waren. Bei Helmut Andics: Das österreichische Jahrhundert. Die Donaumonarchie 1804-1900, Wien/München/Zürich 1974, sind die Österreicher 1859 mit Hinterladekanonen ausgerüstet, die in Wirklichkeit erst 1875 eingeführt wurden.

2) Aussage des deutschen Oberst Berner in: Caesar Rüstow: Das Minié-Gewehr. Berlin 1855 (Nachdruck Zürich 1976), S.4.

3) Nach englischen Quellen wurde das Expansionsgeschoß bereits 1823 von Captain John Norton erfunden.

4) Rüstow, Minié-Gewehr, a.a.O., S.26.

5) Walter Markow, Heinz Helmert: Schlachten der Weltgeschichte, Stuttgart 1978, S.291.

6) General LaHitte war der Vorsitzende des französischen Prüfungsausschusses.

7) Eine 105 mm-Sprenggranate im Zweiten Weltkrieg mit 14 kg Masse zerlegte sich in etwa 1.000 Splitter, moderne Entwicklungen ergeben bis zu 5.000 Splitter.

8) Karl von Elgger: Die Kriegsfeuerwaffen der Gegenwart. Ihr Entstehen und ihr Einfluß auf die Taktik der Infanterie, Artillerie und Reiterei, Leipzig 1868 (Nachdruck Zürich 1978), Teil 1, S.81.

9) Eine Anspielung auf die damalige österreichische Hymne mit dem Text „Gott erhalte unseren Kaiser“ zu der Melodie, die 1804 von Josef Haydn für Österreich geschrieben wurde und die seit 1922 als Nationalhymne Deutschlands verwendet wird.

10) Caesar Rüstow: Die neueren gezogene Infanteriegewehre. Ihre wahre Leistungsfähigkeit und die Mittel, dieselbe zu sichern. Darmstadt & Leipzig 1862 (Nachdruck Zürich 1977), S.15.

11) Ebenda.

12) Elgger, Kriegsfeuerwaffen, a.a.O., S.260.

13) Ebenda.

14) Elgger, Kriegsfeuerwaffen, a.a.O., S.124. Das ist etwa drei mal mehr als bei einem Vorderlader.

15) Aufgrund schwerer logistischer Fehler erhielten die österreichischen Truppen bei Solferino kein Essen und mussten die Schlacht hungrig und durstig durchstehen.

16) Dasselbe wird von der Schlacht bei Königgrätz 1866 berichtet, bei der die preußischen Truppen ebenfalls eine nicht den Regeln entsprechenden aufgelöste Ordnung einnahmen.

17) J. F. C. Fuller: A Military History of the Western World. New York 1958, S.103.

18) Peter Hofschroer: Leipzig 1813, London 1993, S.15.

19) Die neuesten amerikanischen Pflichtenhefte für eine zukünftige Infanteriewaffe SPIW (Special Purpose Individual Weapon) sehen den Einbau eines Laser-Entfernungsmessers vor. Die meisten europäischen Armeen trainieren ihre Soldaten auf Schussentfernungen von 200 m, nur die Schweizer üben auf 300 m.

20) Die Österreicher insgesamt als „Deutsche“ zu bezeichnen ist typisch für die deutsche Sicht der Donaumonarchie. Sie findet sich noch 1917, als für die 12. Isonzoschlacht (Durchbruchsschlacht bei Caporetto) sechs deutsche Divisionen an den Isonzo verlegt wurden und zahlreiche erstaunte Äußerungen ihrer Angehörigen überliefert sind, als sie herausfanden, dass viele österreichische Soldaten nicht Deutsch konnten. Österreichische Regimenter setzten sich in der Regel aus Angehörigen von zwei bis fünf Völkern der Monarchie zusammen.

21) Rüstow, Infanteriegewehre, a.a.O., S.14-15.

22) Diese Methode der Bestimmung der Treffwahrscheinlichkeit im Gefecht wurde von der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hauptsächlich für Panzerabwehrgeschütze gegen Panzer (also Punktziele) entwickelt, wobei das Feuer erst eröffnet werden sollte, wenn eine Treffwahrscheinlichkeit von 20% (von fünf Schüssen ist ein Treffer zu erwarten) gegeben war.

23) Elgger, Kriegsfeuerwaffen, a.a.O., S.261.

24) Napoleons Beitrag zum Faktor Zeit in der Kriegführung war die Steigerung des Marschtempos der Infanterie von 70 Schritt in der Minute auf 120 Schritt in der Minute.

25) Ausstellungskatalog: Napoleon III, Der Kaiser vom Bodensee, Konstanz/Arenenberg 2008, S.37.

26) Turnbull, a.a.O., S.139.

27) Anton Dolleczek: Geschichte der österreichischen Artillerie von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart. Wien 1887, S.472.

28) Ebenda.

29) Die verzweifelte Lage der zahllosen Verwundeten, die Henry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes veranlasste, kam hauptsächlich dadurch zustande, dass das Sanitätsmaterial der französischen Armee infolge schwerer logistischer Fehler im Hafen von Genua zurückgeblieben war.

30) Die Schießwolle wurde 1846 fast gleichzeitig von Professor Schönbein in Basel und Professor Böttger in Göttingen erfunden. Dabei wird Baumwolle in konzentrierte Salpeter- und Schwefelsäure eingelegt, anschließend in Wasser gewaschen und getrocknet.

31) Andreas Rutzky, Oblt im k.k. 9. ArtlRgt, Otto von Grahl, Lt im k.k. 8. ArtlRgt: Das gezogene Schießwoll-Feld- und Gebirgs-Geschütz (nach Lenk’s System), Wien 1862.

32) Max Köhler: Der Aufstieg der Artillerie bis zum Großen Kriege in Umrissen mit Zeittafeln. München 1938, S.106.

33) Es gab natürlich auch Gegenstimmen. Nicht wenige Militärwissenschafter waren der durchaus nachvollziehbaren Ansicht, dass die österreichische Armee, deren Front durch die Armee des Prinzen Friedrich Karl gebunden wurde, deren linke Flanke durch die Elbarmee des Generals Bittenfeld bedroht und die durch eine dritte Armee, die des preußischen Kronprinzen, überraschend in der rechten Flanke und im Rücken angegriffen wurde, diese Schlacht auch mit Zündnadelgewehren verloren hätte.

34) Köhler, a.a.O., S.111; Elgger, Kriegsfeuerwaffen, a.a.O., Bild 216.

35) Bernard Brodie & M. Fawn: From Crossbow to H-Bomb, The evolution of the weapons and tactics of warfare. Bloomington, Indiana, 1973, S.145.

36) Die preußischen Truppen manövrierten besonders bei Gravelotte und Sedan so geschickt, dass sie die Verbindungslinien zwischen den französischen Armeen und ihrem Hinterland blockierten, sodass den Franzosen keine andere Wahl blieb, als mit verkehrter Front Richtung Paris gegen die defensiv eingesetzte Feuerkraft der preußischen Artillerie und Infanterie anzugreifen.

37) Köhler, a.a.O., S.111-115.

38) A.V. Kropatschek: Über das Verhalten von Waffen im deutsch-französischen Krieg 1870-1871. In: Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens, Wien 1872, S.99.