Strategische Beziehungen
USA - China

Wolfgang Taus

 

Die Pazifikregion vermehrt im Fokus

„Die Zukunft Asiens und der Welt wird vor allem dadurch gestaltet werden, in welchem Ausmaß China und die USA in der Lage sind, eine gewisse Kongruenz mit der historischen Rolle der jeweils anderen zu erreichen“, so Ex-US-Außenminister Henry Kissinger.1)
Vor 40 Jahren war er es, der als nationaler Sicherheitsberater beziehungsweise als Außenminister der US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford die diplomatische Öffnung der USA gegenüber China maßgeblich vorangetrieben hatte - über alle ideologischen und geopolitischen Differenzen hinweg.
Der Wiederaufstieg des uralten Reichs der Mitte mit heute rund 1,3 Milliarden Menschen und einem seit Deng Xiaoping eingeleiteten staatlich kontrollierten Kapitalismus ist spätestens seit den 1980er-Jahren eingeleitet worden und nunmehr unübersehbar. Aber der große Gewinner der Globalisierung steht auch vor großen ökologischen, energiepolitischen und v.a. innenpolitischen Herausforderungen, da ökonomischer Liberalismus im kommunistischen Zentralstaat noch immer keine politische Freiheit möglich gemacht hat.
In der Vergangenheit waren die USA immer wieder motiviert durch die Überzeugung von der internationalen Relevanz ihrer Ideale und durch die selbst verkündete Pflicht, sie zu verbreiten. China dagegen handelte in der eigenen Tradition als „Reich der Mitte“ (zhongguo) auf der Grundlage seiner Einzigartigkeit. Es expandierte durch kulturelle Osmose und eher durch „soft power“, nicht durch missionarischen Eifer. Wie die USA glaubt auch China, eine besondere Rolle in der Weltgemeinschaft zu spielen. Aber es vertrat nie einen vergleichbaren Universalismus, der die Werte der USA auf der ganzen Welt verbreiten will.
Das traditionell konfuzianisch geprägte China überstand jahrhundertelange Perioden des politischen Verfalls. Selbst wenn China schwach und gespalten war, blieb es wegen seiner zentralen Lage der Maßstab für regionale Legitimität.
Nach dem demütigenden Niedergang chinesischer Macht im 19. Jahrhundert und der maoistischen Kulturrevolution bis hin zum rasanten Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht geht es nun um die mehr und mehr direkte Absicherung chinesischer Interessen. (Wettlauf um Rohstoffe u.a. in Afrika, Lateinamerika, im Nahen und Mittleren Osten, Zentralasien etc.).
Der britische Historiker Niall Ferguson und David Daokui Li, Direktor des Zentrums für Außenwirtschaft an der Tsinghua-Universität in Peking, beantworten die Frage mit „Ja“: China werde das 21. Jahrhundert beherrschen.2) Mit internationalen Währungsreserven in Höhe von mehr als 3 Billionen USD und Vermögenswerten von 200 Mrd. USD sei China inzwischen weltweit der Investor schlechthin. Hingegen habe China in seiner wiederentdeckten konfuzianischen Tradition nicht die Absicht, die Welt zu hegemonisieren. Das 21. Jahrhundert gehöre China genauso wie allen anderen Ländern, die zur Kooperation mit anderen bereit seien. China strebe nach einer harmonischen Welt.
Demgegenüber bleibt u.a. der indisch-stämmige US-Politologe Fareed Zakaria skeptisch. China werde künftig mit gewaltigen innenpolitischen Problemen konfrontiert und habe verstärkt mit seiner unmittelbaren Umgebung zu tun. Jeder Versuch Chinas, die Welt zu beherrschen, würde eine konzertierte Gegenreaktion insbesondere der anderen asiatischen Länder wie Indien oder Japan auslösen.3) Chinas Begehrlichkeiten etwa in Zentralasien lösen in der Region selbst und in Russland zunehmend zwiespältige Gefühle aus.
Die Eindämmung der islamistischen Gefahr insbesondere in Afghanistan war und ist u.a. auch im Sinne Pekings. Dazu gehören auch Terrorismus, Separatismus und Extremismus. Mit dem Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan, wo China als Investor präsent ist, stellt sich die Frage neu. Die stärkere Einbindung Kabuls in die regionale Schanghai-Organisation4) stellt eine mögliche Antwort auf die Sicherheitsbedenken in der Region dar.
Zentrale Aufgabe des Westens und hier insbesondere der Weltmacht USA sei es vielmehr, China in eine universelle Vorstellung des 21. Jahrhunderts zum beiderseitigen Nutzen zu integrieren. Es gehe nicht in erster Linie um Eindämmungspolitik, sondern um Kooperation mit China als „global player“ in einer multipolar gewordenen Welt.
Kissingers Vision ist die einer ko-evolutionären „Pazifischen Gemeinschaft“, um gemeinsam für Frieden und Stabilität auf der Welt zu sorgen. Denn beide Mächte sind zu groß, um in einem heißen oder kalten Krieg einen Sieg davontragen zu können. Die enge finanzpolitische Verflechtung beider zwingt zur Vernunft.

Globale Finanzkrise und ihre Auswirkungen

In der globalen Finanzkrise ist China der größte Gläubiger und Finanzier der USA und speziell auch der europäischen Staaten. (Dadurch: relative Abnahme des Einflusses des Westens in der Welt).
China hält 1,17 Billionen USD US-Staatsanleihen und ist damit der größte Kreditgeber der USA. Zugleich exportiert kein Land mehr in die USA als die Volksrepublik. Dieses Verhältnis ist Gegenstand kontroverser Diskussionen in den USA. Kritiker fürchten einen zu großen Einfluss von Asiens aufstrebender Wirtschaftsmacht, die, wie oben bereits erwähnt, Platz zwei der weltgrößten Volkswirtschaften nach den USA erobert hat.
Wie Mitte Mai 2012 bekannt wurde, haben die USA China für den Kauf von US-Staatsanleihen ein bisher beispielloses Sonderverfahren ermöglicht. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete,5) kann die Volksrepublik US-Bonds direkt beim Finanzministerium in Washington erwerben.
Den Weg über die als so genannte Primärhändler tätigen Banken der Wall Street brauchte China demnach schon seit Juni 2011 nicht mehr zu gehen. In der Praxis bedeutet dies, dass die chinesische Zentralbank als einzige Notenbank der Welt beim Kauf von US-Staatsanleihen eine Sonderbehandlung genießt. Die Änderung war der Öffentlichkeit und den Primärhändlern nicht mitgeteilt worden.
In der Regel erhalten die Primärhändler, also die ausgewählten US-Banken, Order von Zentralbanken wie etwa der Bank of Japan. Die Primärhändler bieten dann im Auftrag der ausländischen Notenbanken bei den US-Bond-Auktionen. Diesen Weg über den Markt muss China nur noch gehen, wenn es sich von US-Staatsanleihen trennen will. Für einen Kauf verfügt China dagegen über eine direkte Computerverbindung. Um sich gegen Hacker zu schützen, hat das US-Finanzministerium eigens die IT-Sicherheitsvorkehrungen bei den Auktionen erhöht. Direkte Gebote anderer Staaten sind zwar nicht verboten, das Verfahren gilt den Unterlagen zufolge aber nur für China. Durch dieses Privileg kommt China zu besseren Konditionen an die Staatsanleihen.
Washington wurde bereits von Peking damit unverhohlen kritisiert, dass man eine „Sucht nach Schulden“ an den Tag lege, um auf diese Weise den eigenen Anspruch Chinas auf eine moralische Überlegenheit zum Ausdruck zu bringen.6) Chinas langfristiges Ziel scheint es zu sein, dass der Yuan den USD als Leitwährung ablösen solle. Dies soll offensichtlich in einer chinesischen Sonderfinanzzone bei Shenzhen geprobt werden.7)
Die USA würden damit aber ihren Vorteil der vergangenen Jahrzehnte verlieren: nämlich fast unbegrenzt Geld drucken zu können. Trotz geopolitischer Konkurrenz der USA und Chinas bleiben beide Mächte im „finanzstrategischen-politischen Tandem“ aneinander gebunden. Das gibt Chancen - trotz aller Hürden und Hindernisse -, gemeinsam die Zukunft zu gestalten.
V.a. am Energiesektor scheinen die USA aufgrund der großen eigenen Vorräte an Schiefergas, das dank neuer ständig verbesserter Fördertechniken zwar nicht ohne Risiko, aber doch immer gewinnbringender produziert wird, bei der Lösung ihrer Energieprobleme gegenüber China deutlich die besseren Karten zu besitzen. Wenn dies wirklich längerfristig so sein sollte, dann dürften die USA ihre bisherigen energiepolitischen Abhängigkeiten in wesentlichen Teilen abschütteln können - was indirekt auch Auswirkungen auf die sino-amerikanischen Beziehungen haben dürfte. So dürften die USA infolge des eigenen Erdgas-Booms im 21. Jahrhundert vom Energieimporteur zum Exporteur aufsteigen - mit dementsprechenden geopolitischen Machtvorteilen für die USA.8)

US-Flugzeugträgerverbände gegenüber China gefordert

Der Aufstieg Chinas auch zur militärischen Großmacht zwingt die US-Flotte zur Neuausrichtung ihres wichtigsten Instruments, der großen Flugzeugträger. Deren Macht bleibt zwar weiter ungebrochen, aber sie könnten aufgrund zunehmender Bedrohungen durch neue Waffenentwicklungen zunehmend verwundbarer werden.9)
Die chinesische ballistische Lenkwaffe Dong Feng 21D, die angeblich mit einer mittleren Treffgenauigkeit von 5 Metern über eine Distanz von über 1.500 Kilometern mit endphasengelenkten Sprengköpfen auch gegen bewegliche Ziele eingesetzt werden kann, gehört zu diesen neuen Bedrohungen, auf die US-Flottenverbände geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen müssen.
Die DF-21D wird als so genanntes Anti-Access- oder Area-Denial-Waffensystem betrachtet, das den völkerrechtlich garantierten freien Zugang zu den Interessensgebieten Chinas gefährdet. Die DF-21D ist eine neue Dimension, auch wenn in Fachkreisen nicht bewiesen ist, dass sie tatsächlich über die ihr attestierten Fähigkeiten verfügt. Die DF-21D setzt etwas voraus, was v.a. die Amerikaner China derzeit noch nicht zutrauen: nämlich ein komplexes und zum Teil weltraumgestütztes Aufklärungs-, Kommunikations- und Kontrollsystem. Ein solches System müsste in der Lage sein, einen Trägerverband nicht nur zu orten, zu identifizieren, permanent mit Satelliten zu verfolgen und die Daten möglichst verzugslos an die Waffenträger zu übermitteln, sondern eine DF-21D auch zu starten und erfolgreich in das anvisierte bewegliche Ziel zu führen.10)
Die im November 2011 verabschiedete Air-Sea-Battle-Doktrin der USA ist ein operatives Konzept, das letztlich zur Abwehr neuer Waffenentwicklungen wie der DF-21D entwickelt worden ist. Es integriert die operativ-taktischen Fähigkeiten der Luftwaffe, der Flotte und des Marine Corps - ergänzt mit Elementen des Weltraumkommandos, des Strategic Command, des Cyber Command sowie geheimdienstlicher Informationen.
Aufgrund der umfangreichen Abwehreffizienz von US-Trägergruppen scheint es auch auf längere Sicht kaum möglich, insbesondere die maritime Präsenz der USA im asiatisch-pazifischen Raum zu beenden, wie das China anstrebt. Die Verlegung des Sicherheitsfokus der USA auf den Asien-Pazifik-Raum werde das allmähliche Schwinden der Überlegenheit der U.S. Navy im Pazifik gegenüber der chinesischen Marine nur „verlangsamen“, heißt es von offizieller chinesischer Seite.
Ein Großteil der massiven Rüstungsanstrengungen - allein 2012 sind es für die chinesische Volksbefreiungsarmee 106 Mrd. USD - ist für den Ausbau der maritimen Komponente vorgesehen. Dazu gehören auch eigene Flugzeugträger, die schon in den 1980er-Jahren anvisiert worden waren, die Kapazität zur Zerstörung militärischer Satelliten und die Entwicklung von Stealth-Kampfflugzeugen.

Geoökonomische und -politische Verschiebungen

China ist als global player in hohem Maße auch von ausländischen Rohstoffen abhängig. Damit wird auch die Sicherung der eigenen Seeverbindungen eine lebenswichtige Aufgabe. Das zunehmend selbstbewusst auftretende China signalisiert Ansprüche auf das gesamte Süd- und Ostchinesische Meer und einen wesentlichen Teil des Westpazifiks. - Zunehmend zeigt sich, dass das alte staatskapitalistische Wachstumsmodell Chinas ausgedient hat und ein neues noch nicht in Sicht ist. Die kommunistische Führung in Peking schreckt aber vor verstärkter Liberalisierung des eigenen Finanz- und Kapitalmarkts (einschließlich der Währungspolitik) zurück. Die politischen Entscheidungsträger fürchten die politischen Folgen, die nämlich ein ökonomischer Fehltritt haben könnte.11)
Aufgrund des vermuteten Rohstoffreichtums in dieser Region führt die zunehmende Machtprojektion Pekings zu vermehrten Ressentiments der benachbarten Länder wie Japan, Südkorea, Vietnam, Malaysia, den Philippinen oder Singapur. Alle diese Staaten scharen sich deshalb um die USA, die sie als Garanten in der Region für die freie Schifffahrt und für den freien Zugang zu den benötigten Rohstoffen sehen.
Die zentrale Herausforderung der nächsten Jahrzehnte liegt nach Meinung des früheren US-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski für die USA darin, sich selbst zu revitalisieren, denn nur von innen kann Erneuerung und frischer Schwung kommen, um einen größeren „Westen“ voranzutreiben - während gleichzeitig der Osten in einer komplexen Machtbalance gehalten werden soll, um das aufsteigende China als globale Macht einigermaßen auszugleichen bzw. zu integrieren.12) Ein erfolgreiches Streben der USA, die Zone des Westens zu erweitern, mache diesen zu einer weltweit stabilen und demokratischen Zone, die Macht mit Prinzip verbindet. Ein größerer kooperativer Westen, der von Nordamerika und Europa über Eurasien (unter eventueller Einbindung Russlands und der Türkei) bis Japan und Südkorea reicht, würde einen Anreiz für den Rest der Welt bedeuten, selbst die westlichen Schlüsselprinzipien universeller demokratischer politischer Kultur anzunehmen. Gleichzeitig sollten sich die USA kooperativ in der globalen ökonomischen Dynamik engagieren. Wenn die USA und China sich aneinander anpassen, dann stehen die Aussichten für die Umsetzung einer wesentlich verstärkten Stabilität und Sicherheit speziell in Asien sehr gut. Begleitend dazu müsste Washington aber eine Aussöhnung zwischen China und Japan einleiten und die wachsenden Rivalitäten zwischen China und Indien mildern. Die USA spielen bei der Schaffung eines größeren, erweiterten Westens eine kritische Rolle als Förderer und Garant für diese größere westliche Einheitszone, während man gleichzeitig als Streitschlichter und Vermittler zwischen den Großmächten im Osten auftritt. Beide Aufgaben sind für die USA notwendig, um die Welt stabiler zu machen. Um aber als Weltmacht wirklich überzeugend zu sein, müssen die USA der Welt zeigen, dass sie ihre innere Erneuerung wirklich umgesetzt haben. Dabei wird es notwendig sein, Innovation, Erziehung, Wirtschaft, Diplomatie und Politik von Grund auf qualitativ zu reformieren. Im Vergleich zu Ostrom (dem späteren Byzanz) sollten die USA ebenfalls eine solche innere Dynamik der Erneuerung einleiten, um wirklich ihre Rolle als Weltmacht wahren zu können, so Brzezinski weiter.13)
Die Bedrohungen insbesondere für die US-Sicherheit und die nationalen Interessen, von denen Ex-US-Verteidigungsminister Leon Panetta oder Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton immer wieder sprachen, reichen über den islamischen Terrorismus bis zu einem nuklear bewaffneten Iran, einem unruhigen und turbulenten Nahen Osten, einem zunehmend instabilen Pakistan, einem unberechenbaren Nordkorea, einem selbstbewusst auftretenden Russland und einem China, das zur neuen globalen Macht aufsteigt.
In dieses Horn stößt ebenfalls der französische Wirtschaftsfachmann und Berater internationaler Konzerne, speziell in China, Jean-Francois Susbielle, der in seinem 2007 auf Deutsch erschienenen Buch14) davon ausgeht, dass eine gewaltsame Konfrontation der beiden Mächte USA und China im 21. Jahrhundert unausweichlich sei, was allerdings in dieser vorgetragenen Vehemenz eher doch mit Vorsicht beurteilt werden sollte.

Australien als strategischer Schlüsselstaat der Region

Panetta gab auf einer Asienreise Anfang Mai 2012 erste Details der neuen strategischen Ausrichtung der USA im Pazifikraum bekannt. U.a. sollen künftig 60% der U.S. Navy dort operieren.15) Neben der Neugewichtung der Seestreitkräfte umfasst die US-Strategie neben „klassischen“ Stützpunkten in Südkorea und Japan auch rotierende Verlegungen von Spezialeinheiten und der Marineinfanterie. Das neue Konzept würde bereits im Norden Australiens ausprobiert, so Panetta, und solle bald in weiteren gebieten Südostasiens und des Indischen Ozeans zur Anwendung kommen.
Gleichzeitig betonte der ehemalige US-Verteidigungsminister vehement, dass die verstärkte Pazifik-Fokussierung nicht gegen China gerichtet sei. Ziel sei es vielmehr, Frieden, Wohlstand, Sicherheit und Stabilität in der Region aufzubauen und zu festigen. Dazu gehöre aber auch, dass territoriale Konflikte friedlich und auf der Grundlage des Völkerrechts gelöst würden und nicht mit Einschüchterung, Erpressung und Gewaltanwendung, so Panetta mit einem deutlichen Seitenhieb gegenüber China. Peking warnte die australische Regierung wegen der Entscheidung für eine mögliche, ausgebaute, permanente amerikanische Marinebasis in Darwin.16) Denn für die weiter wachsende Wirtschaftsmacht Chinas stellt neben dem afrikanischen Kontinent auch gerade Australien einen wichtigen Baustein bei seiner Rohstoffversorgungsstrategie dar.17) Da käme eine allzu enge Anlehnung Canberras an Washington äußerst ungelegen. Natürlich hat gerade Australien durch den Abbau und Export eigener Bodenschätze wie Kohle und Erze besonders nach China bisher massiv profitiert.18) Zudem schickt sich Australien gerade an, der „Gemüsegarten Chinas“ zu werden.19) Allerdings schwächt die starke australische Währung als Folge des Rohstoffbooms die übrigen Sektoren der australischen Wirtschaft, erklären Ökonomen.

Kurzfristig kein Ende der US-Rolle als globaler Hegemon

Heute existieren viel weniger gewaltsame Konflikte und größere politische Freiheit als jemals in der Geschichte der Menschheit. Die USA würden sich in Wahrheit derzeit keinem wirklich Amerika herausfordernden Großmacht-Rivalen ausgesetzt sehen, wird von US-Sicherheitsexperten wie Brzezinski trotz aller Unkenrufe v.a. von medialer Seite betont.20) Die US-Streitkräfte sind die weltweit kampfkräftigsten. Auch die US-Wirtschaft bleibt in Zeiten einer globalen Finanzkrise ein Hort der Anpassungsfähigkeit, Dynamik und Innovationskraft. Obwohl sich die USA einer Vielzahl internationaler Herausforderungen gegenüber sehen, können diese ohne allzu größere Kraftanstrengungen auf diplomatische, ökonomische oder militärische Weise gelöst werden. Auch US-Präsident Barack Obama hat in seiner jüngsten Nationalen Sicherheitsstrategie dargelegt, dass Amerika nunmehr stärker und sicherer sei und mit den existierenden Herausforderungen auf der Welt gut zurechtkommen werde. Für Obama stellt die NATO eine „Multiplikatorin der Kräfte“ dar, wie er es am Allianz-Gipfel in Chicago Mitte Mai 2012 ausgedrückt hatte.21) Ihre Existenz sei umso wichtiger, als das Geld für die USA knapp sei.
Der Schuldenberg der USA lag 2012 bei rund 15,7 Bio. USD22) (im Vergleich liegt die Staatsverschuldung in der Eurozone bei etwa 8,75 Billionen EUR) und wird spätestens bis Anfang 2013 die gesetzliche Obergrenze von 16,1 Billionen USD erreicht haben.23)
Die Regierung Obama legte deshalb ein Konjunkturprogramm von 814 Mrd. USD auf. Die Depression wurde so zwar abgewendet, ein möglicher Rückfall in die Rezession sei aber nicht ausgeschlossen.
Das Pentagon muss sein Budget in den nächsten zehn Jahren auf jeden Fall um mindestens 487 Mrd. USD vermindern.24)
Trotz relativem Machtverlust und wachsender Verwundbarkeit werden aber die USA auch künftig eine dominierende Macht bleiben.25) Die USA müssten jedoch gerade in Austeritätszeiten eine neue, v.a. kostengünstigere Strategie entwickeln: Hilfe für befreundete Länder, Abschreckung und Eindämmung potenzieller Aggressoren und Interventionen mit geringerer Kostenbeteiligung als bisher. Ein Beispiel dieser geopolitischen Selbstbeschränkung der USA erkennen manche etwa im zurückhaltenden Engagement Amerikas im Libyen-Krieg 2011.
Der ehemalige Berater von US-Präsident Jimmy Carter, Amitai Etzioni, erwartet, dass die USA ihre Rolle als Weltmacht weiter ausüben, aber ihre Kraft vermehrt in multilaterale Bestrebungen investieren, wie den Kampf gegen den Terrorismus oder die Bemühungen um atomare Abrüstung.26)
Die Weltmacht USA habe Gleichgewichtsstörungen und befinde sich in einer „Sattelzeit“ - einer Zeit dynamischer, sozioökonomischer und politischer Umbrüche, meint etwa der Amerika-Experte Josef Braml bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Zwar erheben die USA nach wie vor den Anspruch, eine liberale Weltordnung amerikanischer Prägung aufrechtzuerhalten, doch die ökonomische Schwäche lähme zunehmend die politische und auch militärische Handlungsfähigkeit. Amerika werde in Zukunft mehr Gewicht darauf legen, seine vitalen Eigeninteressen rücksichtsloser durchzusetzen, und versuchen, Lasten abzuwälzen - und damit Konkurrenten, aber auch Verbündete in Europa und Asien massiv belasten, so die zentrale These Bramls.27)
Doch bleibt abzuwarten, ob der „Patient“ Amerika - trotz aller Probleme - nicht doch relativ bald wieder genesen wird. Denn Amerika habe in Krisen immer wieder seine Kraft zur Erneuerung bewiesen.
Robert Kagan wiederum verlangt von Amerika eine aktive Rolle in der Weltpolitik und fordert vermehrte Lastenteilung mit den europäischen Verbündeten. Der Niedergang Amerikas sei eine Illusion, ist der neokonservative Denker stets bemüht darzulegen und hat damit auch ungewohntes Lob vom demokratischen Präsidenten Barack Obama erhalten. Es gebe trotz zunehmend multipolar werdender Welt keine andere Alternative als die Vormacht der USA. Ein Fehlen dieses „notwendigen Machtzentrums“ wäre eine Welt von Konflikten zwischen konkurrierenden Mächten und der Niedergang der globalen Ordnung. Auch wenn sich viele in den USA zurücksehnen würden in die Welt vor 1900, als Amerika mächtig, reich, aber nicht verantwortlich für die Weltordnung war, gebe es heute doch kein Zurück mehr, so Kagan.28)
Es liege in der Verantwortung der westlichen Politiker und Manager, den Aufstieg Chinas auch zur ökonomischen Großmacht nicht als Gefahr, sondern als Chance zu betrachten. Denn: Konkurrenz belebt das Geschäft, konstatiert etwa der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt und bleibt optimistisch: So wie die Europäer die Dampfmaschine und die Eisenbahn entwickelt haben, so werden die westlichen Industriestaaten auch diesmal wieder Neues erfinden - etwa auf dem Gebiet der Medizin oder Gentechnologie.29)

Fazit

Bisher beteuerte China stets, dass es seinen Aufstieg allein mit friedlichen Mitteln erreichen wolle. Doch es scheint unklar, wie eine streng kontrollierte Gesellschaft, die friedliche Kompromissbildung angesichts fehlender Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit nicht wirklich trainiert hat, auf die Herausforderung etwa eines Wirtschaftseinbruchs reagieren werde. Schon heute zeigt sich, dass die kommunistische Führung in Peking durchaus nationale Gefühle schürt. Dazu kommt, dass Peking den berechtigten Anspruch erheben wird, dass sich der ökonomische Boom auch in politisch-militärische Macht auf globaler Ebene übersetzen lassen müsse. Das Ziel ist dabei erkennbar weder die Weltwirtschaft noch die globale Verbreitung einer neuen Ideologie wie im Falle der untergegangenen UdSSR. China beansprucht aber mit immer größerem Nachdruck die Rückeroberung eines Status, den das Land vor vielen Jahrhunderten als „Reich der Mitte“ bereits über lange Zeitabstände innehatte.
Dieser Anspruch kollidiert mit dem der USA auf weltweite Dominanz und mit der weitverbreiteten Selbstwahrnehmung, eine auserwählte, anderen überlegene Nation zu sein. Es werde sehr spannend zu sehen, ob der Westen wirtschaftlich, sozialpolitisch und vielleicht auch ideell sein jetziges „Territorium“ gegenüber dem Konkurrenten und Rivalen China behaupten könne, auf den allen voran die USA noch immer „nicht gut genug vorbereitet“ seien, meint etwa Junhua Zhang, Professor für Politikwissenschaft an der Schanghai Jiaotong Universität.30)


ANMERKUNGEN:

1) Henry Kissinger: China - Zwischen Tradition und Herausforderung, C. Bertelsmann, München 2011, 606 Seiten.
2) Henry Kissinger/Fareed Zakaria/Niall Ferguson/David Daokui Li: Wird China das 21. Jahrhundert beherrschen? - Eine Debatte, Pantheon, 109 Seiten.
3) So suchen etwa Vietnam, Laos und Kambodscha zunehmend die Nähe zum früheren Gegner USA, um sich aus der Umklammerung durch China zu lösen.
4) Website der Shanghai-Organisation: http://www.sectsco.org/EN/.
5) „Exclusive: U.S. lets China bypass Wall Street for Treasury orders“. In: Reuters.com v. 21.5.2012: http://www.reuters.com/article/2012/05/22/us-usa-treasuries-china-idUSBRE84K11720120522.
6) Vgl. Andreas Rinke/Christian Schwägerl: 11 drohende Kriege - Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung, C. Bertelsmann Verlag 2012, S.34ff.
7) Die Presse v. 4.7.2012: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1261995/China-testet-den-freien-Yuan.
8) NZZ v. 29.6.2012, S.15.
9) Vgl. dazu: G. D. Bakshi: „China - Dong Feng 21-D: A Game Changer?“. In: GlobalDefence.net v. 27.4.2012: http://www.globaldefence.net/portals/aviation/21579-china-dong-feng-21-d-a-game-changer.html.
10) Jürg Kürsener: „Flugzeugträger - bloß noch ein Mythos maritimer Macht?“. In: NZZ v. 1.6.2012, S.5.
11) Nicholas R. Lardy: Sustaining China’s Economic Growth after the Global Financial Crisis, Peterson Institute for International Economics, Washington D.C. 2012, 181 Seiten.
12) Zbigniew Brzezinski: „Balancing the East, Upgrading the West“. In: Foreign Affairs 1/2012, S.97-104.
13) Ebenda.
14) Jean-Francois Susbielle: China-USA - Der programmierte Krieg, Propyläen Verlag Berlin 2007, 271 Seiten.
15) NZZ v. 5.5.2012, S.4.
16) „US Marine base for Darwin“. In: The Sidney Morning Herald v. 11.11.2011: http://www.smh.com.au/national/us-marine-base-for-darwin-20111110-1n9lk.html.
17) „China hat Rohstoffe weiterhin im Visier“. In: Manager Magazin-Online v. 10.8.2009: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,641636,00.html.
18) Rede der australischen Premierministerin Julia Gillard beim chinesisch-australischen Kooperationsforum am 26.4.2011 in Peking zum Thema „Australien-China“: http://www.pm.gov.au/press-office/speech-australia-china-economic-and-co-operation-trade-forum-beijing.
19) Es laufen Verhandlungen mit China über Milliardeninvestitionen im Agrarsektor in bisher noch ungenutztes Agrarland im Norden Australiens.
20) Zbigniew Brzezinski: „Balancing the East, Upgrading the West“, a.a.O., S.97-104.
21) Transcript: President Obama’s News Conference at NATO Summit v.21.5.2012: http://foxnewsinsider.com/2012/05/21/transcript-president-obama-news-conference-at-nato-summit/.
22) U.S. National Debt Clock: http://www.brillig.com/debt_clock/.
23) Die Presse v. 24.5.2012, S.2.
24) NZZ v. 23.5.2012, S.3.
25) Micah Zenko/Michael A. Cohen: „Clear and present safety - the United States is more secure than Washington thinks“. In: Foreign Affairs 2/2012, S.79-93.
26) Amitai Etzioni, Vom Empire zur Gemeinschaft. Ein neuer Entwurf der Internationalen Beziehungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 362 Seiten.
27) Josef Braml: Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet, Siedler Verlag, München 2012, 222 Seiten.
28) Robert Kagan: The World America Made, Alfred A. Knopf, New York 2012, 149 Seiten.
29) Nachbar China. Helmut Schmidt im Gespräch mit Frank Sieren. Econ Verlag, Berlin 2006, 325 Seiten.
30) Junhua Zhang: „Wird China Bedrohung oder Partner für den Westen sein?“. In: Politische Studien 2/2012, S.52-60.