Veteranen - eine neue soziale Gruppe

Michael Daxner/Robert Clifford Mann

 

Zur Begriffsgeschichte einige Beobachtungen: Im Deutschen wird der Begriff etwa im Sinn des englischen „vintage“ verwendet: alt, wertvoll und überholt, alte Autos und ausgediente Politiker und Experten sind Veteranen, wie einige von uns Veteranen der 1968er-Bewegung sind. In meiner (M. Daxners) Jugend in Österreich spielten Weltkriegsveteranen noch eine große und sichtbare Rolle, bei öffentlichen Ritualen zumal, bei Begräbnissen und Ehrungen. Der Kameradschaftsbund organisierte die Veteranen, und dass es eine Kameradschaftsjugend1) überhaupt gibt, hat viel mit dem zu tun, worüber wir wissenschaftlich reflektieren möchten; denn vor unseren Augen entwickelt sich ein Kollektiv, das geeignet ist, unsere Gesellschaft in der Gegenwart zu reflektieren und nicht nur kriegerische Vergangenheit als Material zu modifizieren. Mit dem alltäglichen Veteranenbegriff ist auch ein gewisser Bedeutungsverlust gegenüber der aktiven Tätigkeit als Soldaten davor verbunden, was bei militärischen Veteranen oft nicht der Fall ist. In der Fremdwahrnehmung von Veteranen werden diese häufig mit „beschädigt“, „verwundet“ in Zusammenhang gebracht, was wohl mit der Verbreitung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) als Merkmal und der Assoziation mit „Invalide“ zu tun hat. In Berlin geht die Invalidenstraße direkt in die Veteranenstraße über… Mannigfache Privilegierungen kompensieren für die erlittenen Verletzungen.2) Auch Invaliden sind eine gesellschaftliche Gruppe, die in ihren Merkmalen aber nicht auf Krieg und Kampf allein festgelegt ist; in Deutschland machen Schwerbehinderungen durch militärische Tätigkeiten nur einen kleinen Prozentsatz aus.

Es ist nicht oft der Fall, dass man eine neue soziale Gruppe vorhersagen und eine bestimmte Brandbreite von Eigenschaften und Handlungsweisen dieser Gruppe antizipieren kann. Die Autoren sprechen von Veteranen, lieber sagten sie „Einsatzrückkehrer aus Einsätzen deutscher Institutionen“, sowohl ziviler als auch militärischer. Aber der Begriff hat sich schon festgesetzt. Er ist einer kulturellen Tradition eingeschrieben, die mit einiger Varianz in allen nationalen und übernationalen Armeen festzustellen und eher dem militärischen Habitus und einer säkularen Opfersemantik (sacrifice, victim) als einem spezifisch nationalen Kontext entnommen ist. Veteranen sind ein begriffliches Konstrukt, dessen Verwendung stark an die Interessen des Verwenders angepasst ist - eine ganze Reihe von Dimensionen tun sich hier auf, die z.B. verschiedenen Governancefeldern zugeordnet werden (z.B. ob es für Veteranen spezielle Sozialeinrichtungen oder bestimmte juristische Reservate geben soll; wie ihre Wiedereingliederung in das Wohlfahrts- und Beschäftigungssystem erfolgen soll; wie sie Anerkennung erlangen, innerhalb des oder unter Ausweitung des Rechtsstaates etc.). Erkundungen und Forschungen halten sich stark an die durch die Interessen bestimmten Feldgrenzen; übergreifend gibt es sehr viel „Vorfeld“-Material, aber wenig tragfähige empirische Forschung. Ein erheblicher Anteil der Forschungsarbeit wird auch in der Diskursanalyse liegen.

Der vorliegende Ansatz ist soziologisch und transdisziplinär angelegt. Er vermeidet Festlegungen auf einen Standpunkt zum Ausgang, etwa ein friedenspolitisches Konzept oder eine militärwissenschaftliche Perspektive für die Bundeswehr. Aber die Autoren sind sich darüber im Klaren, dass viele der vorgebrachten Argumente in das Repertoire mehrerer Interessengruppen gleichzeitig passen.

 

Hypothesen

1. Veteranen sind eine neue soziale Gruppe, die dauerhaft und zahlenmäßig anwachsend eine große Rolle im Friedens-/Interventions-Diskurs spielen wird. Die Gruppe wird in die Narrative zu Krieg und Frieden sowie zu gesellschaftlichen Positionierungen Deutschlands erheblich eingreifen.

2. Die Gruppe wird entweder mit anderen Formationen von militärischen - also im Dienst verbleibenden - und zivilen Einsatzrückkehrern (RO/Regierungsorganisation, NRO/Nicht-Regierungsorganisation, NGO) konkurrieren oder sich mit ihnen zu einer noch größeren Veteranengruppe vereinigen.

Je nach Zuordnung gibt es heute 120.000-200.000 Einsatzrückkehrer, die noch viele Lebensjahre vor sich haben. Mit jedem Einsatz steigt diese Zahl. Je nach Bindungskraft der Gruppe und der Wahrnehmung als Veteranen wird hier der Fall einer stetig zunehmenden und absehbar nicht abnehmenden Gruppe deutlich; die Analogie zur Konstituierung einer „Masse“ ist in diesem Punkt greifbar: Es wird immer mehr Veteranen geben oder die Hypothese, dass die Gruppe dauerhaft bestehen bleibt, wird sich nicht bestätigen lassen.3) Die Einwirkung auf unterschiedliche Politikfelder und staatliche Sektoren ist abzusehen, z.B. wenn es um Einsatzkosten geht.4) Die Grenzen zwischen militärisch und zivil sind hier nicht mehr aufrechtzuerhalten, auch die Politisierung der Fürsorge- und Sozialkosten ist bereits Teil des Veteranendiskurses, keineswegs nur in den Interessenverbänden.5)

Wenn sich ein breites Verständnis von Veteranen durchsetzt, kann dies durchaus prägend für das Selbstverständnis einer ganzen Gesellschaft wirken, ebenso ein hochwirksames Eliteverständnis von Veteranen („Sparta“). Hierzu gibt es zurzeit wenig empirische Anhaltspunkte, man kennt aber die analogen Beispiele z.B. aus den USA.6) Die Autoren vermuten, dass mit dem Anklang, den Veteranen finden, auch Widerstand gegen das post-heroische Zeitalter in asymmetrischen Kriegen verbunden ist. Der Krieg als Problemlöser und Friedensbringer wird auch in der Gegenwart als erste Wahl und nicht Ultima Ratio gesehen, wie das Luttwak in seinem paradigmatischen Aufsatz 1999 darlegt.7) Das Double Bind ist erschreckend: Lehnt man den Heroismus als generalisiertes, falsches „Ja“ zum Krieg ab, sagt man ein anderes „Ja“ zum technologischen Dominator des asymmetrischen Kriegs. Die Partizipation der Bevölkerung an diesem Diskurs ist deshalb ambivalent.8) Man stelle sich vor: Der Drohnenbediener als Leitmodell für Veteranen. Die Frage ist alles andere als trivial, ob ein Drohnen-Pilot z.B. Kampfauszeichnungen erhalten darf.9)

Die Wahrnehmung von „Veteranen“ (Einsatzrückkehrern von out of area) unterscheidet sich vom „alten“ Veteranen-Diskurs der Nachkriegszeit. Unzweifelhaft gibt es Residuen aus diesem alten Diskurs, aber diese sind nicht unmittelbar anschlussfähig an genealogische und projizierte Lebenszusammenhänge. Wir schreiben den neuen Diskurs der Erfahrungsperiode nach 1999 (Kosovo) zu, also der militärischen Unterordnung unter die Demokratie bzw. das Selbstverständnis der bundesrepublikanischen Selbstzuschreibung von außenpolitischer Handlungsfähigkeit und Bündnispolitik. Das ist anders als noch 1989, als die Kampfgemeinschaft als Re-Kultivierungselement analysiert wurde, sozusagen als Brücke aus der Tradition in die neue militärische Konzeption (zehn Jahre vor dem ersten bewaffneten Einsatz!). Ekkehard Lippert versucht eine sozialwissenschaftlich-normative Studie, die noch heute wichtig für eine Dekonstruktion des Kameradschaftsaspekts der Veteranen-Narrative ist.10) Einige Kommentare zur Position der Autoren zeigen die Notwendigkeit, sie zu befestigen: Bei Ulrike Scheffer (Würich/Scheffer 2014) sind im Kontext der Einsatzrückkehrer einige prominente Zwischenrufe, die die Anschlusspunkte des neuen an ältere Narrative markieren:

Peter Zimmermann: „Die Soldaten erleben im Einsatz auch eine besondere Kameradschaft. Viele versuchen, dies auf den Alltag in Deutschland zu übertragen“[…] Danach steht aber: „Die Situation der betroffenen Soldaten ist durchaus mit der von Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Angst um sein Leben zu haben, das ist in jedem Krieg gleich.“ (66)

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg betont die demokratische Gesinnung als Bedingung für ihre Akzeptanz. Er betont die Möglichkeit von Militär, sich unter allen Regimen „ehrenhaft“ zu verhalten, und schlägt dann den ganz großen Bogen: „Es ist natürlich schon enttäuschend, wenn das Bekenntnis der Armee zum demokratischen Staat von der Bevölkerung gar nicht wahrgenommen wird. […] Das Problem ist, dass die Bevölkerung zu wenig daran glaubt, dass die Soldaten für sie da sind. […] Es gibt zwischen allgemeinem Krieg und großem Krieg noch eine ganze Menge anderes“ (122). Und er fordert für die Deutschen die Normalität ein, die andere Länder mit ihren Interventionsstreitkräften bereits (internalisiert) haben. Die Ambiguität dieser Aussagen erleichtert es den Einsatzrückkehrern, politisch nicht anzuecken und zugleich diese Normalität für sich in Anspruch zu nehmen.

Alfred Grossers Grundthese (143) ist etwas weiter reichend: Weil Deutschland keine Nation zur Grundlage seiner Werte hat, sondern eine Ethik, werden die Einsätze (immer) im Sinne von Befreiung und nicht im Sinne der Nation geführt. Das rührt an die Fundamente jeder Legitimation von Intervention,11) wenn die Befreiung jenseits des nationalen Interesses, also höher als dieses steht. Gerade aus Grossers Grundannahme, dass nur in der gelebten Demokratie Kritik und Zweifel jenseits von Formelhaftigkeit Sinn machen, resultiert in der Tat das „Neue“ am Einsatznarrativ und damit an der Veteranenposition in der Gesellschaft.

Die Autoren haben bereits eine Menge von Fallstudien, Einzelereignissen und Aussagen gesammelt, die noch kein tragfähiges Gesamtkonzept erkennen lassen; aber so viel steht fest: Auf der Ebene symbolischer Politik wird ein Kampf mit und gegen die Vergangenheit ausgefochten - die Wortwahl ist bewusst getroffen -, wie die Auseinandersetzung um den Wahlspruch „Treue für Treue“ beweist, den 2010 eine Kompanie für sich in Anspruch genommen hat und der als Veteranen-Emblem 2014 durch den Inspekteur Heer verboten wurde. Einsatzrückkehrer berichten, dass es im Auslandseinsatz absolut keine bewusste Rückbindung an irgendein Wehrmacht-, SS- oder Nazi-Narrativ gab, als der Spruch populär wurde; also hat das Narrativ als Träger für einen Subtext gedient, der systemübergreifend die beschränkte Semantik militärischer Emblematik bezeichnet. Es gibt Hunderte Mottos für US-Einheiten („Semper Fi!“), die alle dem Verdikt der falschen Tradition und Analogie verfallen könnten - was sie nicht freispricht. Soldaten sind sich eben nicht „alle gleich“ (Wolf Biermann). Aber gemeint ist ganz häufig „Kameradschaft“ oder „Gemeinschaft“, differenziert nach den wichtigsten Frames, Kämpfer, Opfer, Täter… Sagt ein Veteran im Film „Blackhawk Down“:

„Wenn ich nach Hause komme und sie mich fragen: Hey, Hoot, warum machst du so was? Bist du so was wie ein Kriegsjunkie? Dann werde ich schön die Klappe halten. Warum? Weil sie es nicht verstehen würden. Sie würden nicht verstehen, dass es um einen Kameraden geht. So einfach ist das, nur darum geht es.“12)

Bizarr erscheinen transnational orientierte Verbände wie die Recondo Vets (etymologisch reconnaissance + commando assoziiert mit Elite), Vereinigung u.a. von ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr, NVA, U.S. Army, Legion étrangère etc.).13) Ein Spruch für viele: „Der Hubraum und die Marke sind uns egal, es zählt der Mann allein“.

Auch lässt die Debatte seit dem Kosovo-Einsatz und mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr noch keine gefestigten diskursiven Muster oder stabile Meinungsfelder zu.14) Es gibt einen Kampf um die Deutungshoheit. Veteranendiskurs und Veteranenpolitik funktionieren gleichermaßen als Scharnier für Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung der Bundeswehr (BW) in ihrer Transformation zu einer professionellen Interventionsarmee. Diese Transformation ist auch eine unabhängige Variable bei Rückkehrern in den Dienst.15) Veteranen können aktive und indirekte Beiträge zur Friedenspolitik der Bundesrepublik leisten, aber auch das Gegenteil bewirken; mit dem Entstehen einer neuen sozialen Gruppe werden der Heimatdiskurs16) und einige Nebendiskurse (Frieden, Militär, Interventionen etc.) um einen Akteur bereichert.

Die erste Hypothese legt ihren Akzent auf „Neu“. (Die Autoren vermuten, dass die Kriegsheimkehrer nach 1945 eine derart abgegrenzte Gruppe nicht waren, hingegen die Vertriebenen eine solche Gruppe darstellten; diese ist aber nicht genuin gewachsen). Eine Metadiskussion über soziale Gruppen wäre hier sicher angebracht, wenn es um die Grundannahme des Entstehens einer neuen sozialen Gruppe - zumal einer beständigen und zahlenmäßig großen Gruppe - geht. Veteranen sind die Verbindung von primärer und sekundärer Gruppe,17) demnach wären Veteranen eine sekundäre Gruppe, was ihr Zustandekommen betrifft, aber primär, was gemeinsame Interessen und persönliche Beziehungen angeht. Wir definieren Gruppen durch Zugehörigkeitsakte, Integration, Exklusion, gemeinsame Sinnzusammenhänge, Kommunikationsformen u.Ä. Was die Veteranen betrifft, werden ganz bestimmte Eigenschaften gruppenspezifisch. Niemand wird als Veteran geboren, der Status wird nicht zugeschrieben, sondern erworben, es handelt sich um Elemente einer Vergangenheit, die man mit einer sektoralen Schicksals- oder Erfahrungsgemeinschaft beschreiben kann. Sektoral, weil sie einen nicht beliebig erweiterbaren Kontext betrifft (Krieg, Kampf, Auslandseinsatz etc.), „Schicksal“ in einem etwas altmodischen Sinn, weil die Veteranen noch leben, sie teilen das Schicksal von Überlebenden und Erfahrungen, die das Erlebte innerhalb bestimmter Korridore verallgemeinern. Sätze wie „Veteranen aller Zeiten sind sich ähnlich“ oder „Jeder Einsatz bringt seine besonderen Veteranen hervor“ sind ebenso stereotyp wie am Thema vorbei. Denn Veteranen sind ein Konstrukt und keine ontologische Realität, es sei denn, man reduzierte sie auf das Überlebensmerkmal, das aber allein nicht ausreicht, um die Gruppe gegen den Rest der Gesellschaft zu profilieren. Die Geschichte früherer Kriege und Einsätze und die Differenzen zu den Veteranen des jeweils letzten Einsatzes spielen bei der Gruppengenese ebenso eine Rolle wie die nationalen und lokalen Unterschiede eines globalen Rückkehrerphänomens, das aber in den meisten Fällen noch national(staatlich) notiert ist. Es gibt keine NATO- oder Europaveteranen, noch nicht. Aber das Konstrukt beruft sich auf eine empirische Vergemeinschaftung von Kommunikationszusammenhängen, die im Bonding und Bridging18) ihre Spezifik haben. Der innere Zusammenhalt der Gruppe verweist auf Loyalität zu einer exklusiven Erfahrung mit entsprechenden moralischen Verpflichtungen; nach außen wird Solidarität und Anerkennung von verschiedensten Gruppen eingeworben, keineswegs nur für die Gruppe selbst, sondern für die Bundeswehr, für den Soldatenberuf, für die soziale Veränderung, die Einsatz, Kampf, Krieg und Todesnähe auf die sozialen Netzwerke des Einzelnen hat. Putnams Erörterung des Sozialkapitals als Netzwerk muss hier neben die Bourdieu’schen Muster treten. Damit wird neben der Qualität Überleben die Einordnung der Veteranen in relationale Machtbeziehungen postuliert: Üben Veteranen z.B. Druck auf die Bundeswehr und den Bundeswehrverband aus? Haben ihre Gruppenmitglieder Zugang zu Clubgütern, die der anderen Öffentlichkeit verwehrt werden? Spielen sie eine Rolle in Positionskämpfen innerhalb der Eliten?

Die Antworten auf diese Fragen sind oft von den Interessengruppen präfiguriert oder einseitig profiliert. Man nehme deshalb eine Vielzahl von möglichen Zuschreibungen zur Gruppe der Veteranen vor, um auch die nahe liegenden Sichtweisen sichtbar zu machen.

Die Liste der Zuschreibungen zu den Veteranen lässt sich in verschiedenen Dimensionen lesen. Funktional sind wohl alle diese Zuschreibungen in Bezug auf die Stellung eines eingesetzten (nationalen oder supra-nationalen) Militärs. Nicht nur die Deutung durch die Veteranen selbst, sondern die Deutung ihrer Existenz und Erscheinungsform aus der Gesellschaft heraus bewirken eine Modifikation grundlegender Narrative in dieser Gesellschaft. Dazu muss das Phänomen, die Erscheinung von Veteranen, hinreichend massiv und gegenwärtig sein. Die Zuschreibungen sind Indikatoren für Stellung und Einfluss der Veteranen auf bestimmte Diskurse, z.B. Interventions-, Heimat- und Friedensdiskurse. Diese gehen neben vielen anderen sowohl in Expertendiskurse als auch in die Alltagsdiskurse von Laien und anscheinend peripher „Betroffenen“ ein. Es ist heute bereits abzusehen, wie stark die Deutungsmacht das Narrativ der Position des eigenen Landes im globalen und im internationalen Gefüge beeinflusst, Außen- und Innenpolitik in ihrer Abgrenzung obsolet machend.

Für eine fundierte sozialwissenschaftliche Forschung ist es wichtig, Erkenntnisinteresse, Erscheinungsformen der Veteranengruppe, Erfahrungen mit dieser Gruppe und Kontextanalyse zu unterscheiden. Das ist aber nicht immer so einfach, wie es sich hier sagen lässt. So sind die Schlüsse, die die Autoren oder ihre Kollegen aus der Kommunikation mit Veteranen ziehen, ganz deutlich von den Texten unterschieden, die die Veteranen selbst anfertigen und die neben dem oft erklärten Ziel, Anerkennung durch Beschreibung zu erzielen, eine Reihe von Subtexten mit sich tragen. Diese zu dekonstruieren ist wesentlicher Bestandteil der angestrebten weiteren Forschung.

Man kann nicht ohne weiteres Aussagen über die Homogenität bzw. Heterogenität der Veteranengruppe machen, außer dass ausnahmslos alle Mitglieder durch die BW geprägt wurden und von daher eine bestimmte Homogenisierung erfolgt. Außerdem ist v.a. im Falle Afghanistan die Zeit zu kurz, um eine wichtige weitere Hypothese zu testen, wonach mit zeitlichem Abstand zum Einsatz die Identifikation mit der BW abnimmt (Ausnahme: aktive Reservisten).

Im Rahmen der Heimatdiskursforschung haben Michael Daxner und Hannah Neumann19) vier Frames von Soldaten im Auslandseinsatz festgestellt: Opfer, Täter, Aufbauhelfer und Kämpfer.20) Wir gehen davon aus, dass Veteranen die Residuen dieser vier möglichen Frames, oft in Kombinationen, in ihr neues Leben nach dem Einsatz mitnehmen. Aus Einzelbeobachtungen wurde ein besonders signifikantes Selbstbild eruiert, das es zu überprüfen gilt:

Wohl wissend, wie komplex sich Erfahrungen und Selbstbilder unterscheiden, haben die Autoren ein anscheinend häufig wiederkehrendes Muster identifiziert: Geschädigte, Kämpfer und Unterstützer.

 

 

Im Einsatz haben die Veteranen, die sich als Opfer wahrnehmen, zwei antagonistische Ausgangspositionen: die des „Kämpfers“, also waren sie an aktiven konfrontativen Gewalthandlungen gegen einen „Feind“ mehr oder weniger intensiv beteiligt und wurden geschädigt (verwundet, traumatisiert etc.). Indirekt waren sie Kämpfer, wenn sie in die Gewalthandlungen hineingezogen wurden, ohne damit gerechnet oder intentional sich darauf eingestellt zu haben. Die Unterstützer sind die, von denen viele Veteranen der ersten Gruppe den Veteranenstatus in Zweifel ziehen, sie sind „ungewollt“, weil man sie im Kampf nicht möchte oder weil sie zwar fürs Kampftheater notwendige Dienste leisten, im Kampf aber Statisten waren. Sie fühlen sich u.a. durch Nichtanerkennung geschädigt. Die Autoren vermuten, dass es hier auch Übertragungseffekte im psychoanalytischen Sinn von den Kampf-anerkannten Veteranen gibt. Wenn vom Lagerkoller berichtet wird, kann man eine symbolische Übernahme der beobachteten Kämpferrollen deuten.

Warum stilisieren sich Veteranen, die gerne als Kämpfer wahrgenommen werden wollen, dennoch explizit als Opfer? Und sie werden nicht nur als Opfer der Nichtanerkennung markiert. Die Außenwahrnehmung ist natürlich anders, v.a. tritt dem Opfer die Schuldzuschreibung gegenüber, das Leiden sei selbst verursacht, weil der professionelle Soldatenberuf frei gewählt wurde. Wir fügen hier einen kleinen Exkurs ein, der die Analyse von Kommentaren zu Online-Medienberichten zum Thema hat und auf das Freiwilligkeitsargument eingeht:

 

Exkurs: Gefeierter Krieger - ungeliebter Staatsbürger: Die Wirkung des Warrior-Ethos und der Inneren Führung auf das Veteranenbild

Um das Bild der Öffentlichkeit über Veteranen zu verfeinern, wurden Online-Zeitungsartikel zum Thema in dem Zeitraum 2001-2014 untersucht.21) Hierbei wurden lediglich 39 Artikel gefunden. Beim Auswerten der Kommentare (N= 3.256) ließen sich deutliche Trends erkennen. Das Thema der deutschen Veteranen wurde bei den Zeitungen erst in den Jahren 2009/2010 aufgenommen. US-/GB-Veteranen werden hingegen schon ab dem Jahr 2003 thematisiert, weswegen es mehr Artikel zu ausländischen Veteranen gibt als zu deutschen. Auffällig ist, dass es bei allen Artikeln zu US-/GB-Veteranen um Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit oder PTBS, also um soziale Deprivation bei Veteranen, geht.

Beim Thema „deutsche Veteranen“ werden fast immer Vergleiche mit den Amerikanern oder der Wehrmacht gezogen. Bei den Amerikanern wird entweder der große Rückhalt in der Bevölkerung gepriesen oder die Probleme der Veteranen mit jenen in Deutschland verglichen.22) Die Negativfolie „Wehrmacht“ wird zur Erklärung mangelnder Anerkennung herangezogen.

Veteranen werden, entgegen anderen Definitionen, fast ausschließlich als „Geschädigte“ (Verwundung/PTBS) dargestellt. Neben ein paar Artikeln über den Veteranentag befassen sich alle anderen über Einsatzrückkehrer mit Schädigung; somit wird in den Kommentaren Veteran synonym mit Geschädigter verwendet.

Wenn man beide Punkte betrachtet, so scheint die Veteranendebatte ohne Blick auf die USA nicht auszukommen. Der ehemalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière ließ sich in den USA über Veteranenarbeit informieren. Mit den bisher erhobenen Daten soll versucht werden, die hohe Akzeptanz der amerikanischen Warriors bei gleichzeitiger Ablehnung des Staatsbürgers in Uniform zu erklären. Dazu werden zunächst die Beziehungen der beiden Leitbilder auf die Gesellschaft und die zivile Führung des Militärs analysiert, um danach die Meinungsbilder aus den Online-Kommentaren entgegenzusetzen.

Der „Warrior“ und der „Staatsbürger“: Obwohl es weitere gravierende Unterschiede der beiden Leitbilder gibt,23) wird hier auf ein besonderes Merkmal hingewiesen: das Verhältnis zur zivilen Führung. Der Warrior ist unpolitisch und fragt nicht nach dem Sinn des Auftrages oder des Kampfes, in den er gesandt wird. „I fight who I’m told, where I’m told. I don’t get to pick my wars like it’s drop/add day in the registrar’s office“24) schreibt ein amerikanischer Veteran und Blogger und trifft damit einen kritischen Punkt. Der Warrior verpflichtet sich freiwillig zum Schutz des amerikanischen Volkes und bekämpft jeden Feind, der ihm zugewiesen wird. Somit spricht er sich auch von jeglicher Verantwortung los und verweist auf die politische Führung, die den Krieg oder Kampfeinsatz beschlossen hat. Selbst links-kritische Stimmen wie die „Daily Show with Jon Stewart“25) erwähnen stets ihre Dankbarkeit gegenüber den Soldaten, auch wenn sie gegen die Interventionen in Afghanistan und Irak Stellung beziehen. Diese Trennung zwischen Einsatz-/Kampf-Kritik und Unterstützung für Soldaten funktioniert in Deutschland jedoch nur bedingt. Der Staatsbürger in Uniform soll, vor dem Hintergrund der Wehrmacht, ja gerade nicht bedingungslos in jeden Krieg/Kampfeinsatz gehen, sondern moralisch und kritisch abwägen. „Die Gewissensfreiheit (Art. 4 Abs. 1 GG) garantiert, dass der Staat grundsätzlich niemanden zu Handlungen zwingen darf, die gegen eigene ethische Maßstäbe von Gut und Böse verstoßen.“26) Im Gegensatz zum Warrior kann der Staatsbürger seine Kämpfe aussuchen. Das endet (bis zu einem gewissen Grad) bei der Verpflichtung für den Dienst in einer professionellen Armee.

 

Der Staatsbürger in Uniform und die deutsche Gesellschaft

Auch wenn zu bezweifeln ist, dass sich der Großteil der deutschen Bevölkerung mit der Inneren Führung beschäftigt,27) so spiegelt sich doch diese Freiwilligkeit in den ausgewerteten Kommentaren wider. Die Freiwilligkeit, besonders nach Aussetzung der Wehrpflicht, wird in Anbetracht der Auslandseinsätze nicht mehr mit dem Schutz des Landes in Verbindung gebracht, sondern mit Intervention. Das Ansehen des Soldaten ist damit direkt an das Ansehen des Auftrags geknüpft. Zwei Themen waren dominant: (Als Medium wurde „ZEIT online“ gewählt (insgesamt 379 Kommentare):

- Die „Marginalisten“ (73 Kommentare): Für die Marginalisten ist der Soldatenberuf jedem anderen Beruf gleichzusetzen und verdient keine besondere Würdigung, er ist „marginal“. Beim Erwähnen eines Veteranentages kommt die Frage nach einem Klempner-, Krankenschwestern- oder Friseurtag. Geschädigte Veteranen sind „selbst schuld“, da sie gewusst hätten, was auf sie zukommt.

- Die „Pazifisten“ (108 Kommentare): Der Soldat entscheidet sich nicht für den Schutz (Verteidigung), sondern für den Kampf (Angriff). Da Krieg nach pazifistischer Logik „böse“ sei, dürfte sich auch kein Soldat aus ethischen Gründen dafür entscheiden. Gezwungen werden wird keiner, also entscheidet sich der Soldat freiwillig für den Krieg.

Die Kommentare spiegeln höchst unvollständig die paradigmatische Ambiguität der Beteiligung an Kriegen wider. Für die Meinung der Öffentlichkeit wie für die Forschung ist dieses Ja und Nein zum Krieg nicht vermeidbar.28) Die Forschung kann die Ambiguität wenigstens aufzeigen, auflösen kann sie sie nicht.

In beiden Punkten wird stark auf die „Freiwilligkeit“ eingegangen. Wird der Warrior für seine freiwillige Aufopferung gegenüber der Gesellschaft gewürdigt, getrennt von den konkreten Kämpfen, zu denen andere ihn schicken und über die nicht er entscheiden kann, so wird dem Staatsbürger selbst die Verantwortung übertragen. Veteranen, die daher versuchen, mit der amerikanischen Warrior-Argumentation um Verständnis zu werben, indem sie sich von der Verantwortung entkoppeln, werden aufgrund der durch die Innere Führung gewollten „Freiwilligkeit“ nicht erfolgreich sein. Im Grunde geht es um eine der Veteranengruppe spezifische Deontologie (Pflicht- und Tugendlehre). Hier besteht ein Unterschied zu anderen Gesellschaften, weil in Deutschland vielleicht auf abstrakte soldatische Tugenden,29) aber nicht auf das tradierte Wertesystem der vordemokratischen Militärs zugegriffen werden darf. Idealistisch könnte man sagen, die Tugendlehre des Militärs, wie sie von Veteranen vertreten werden sollte, ist eine Funktion des demokratischen Neubeginns der Bundesrepublik nach 1945, während sie anderswo sich widerspruchsreich evolutionär weiterentwickelt.

 

Semantik

Bevor die Autoren ihre Liste der Zuschreibungen durchgehen und methodische und empirische Forschungsperspektiven entwickeln, sei noch eine wichtige Rahmenbedingung für die Forschung genannt:

Die Semantik spielt bei der Erforschung von Narrativen eine große Rolle. Sie schließt eine multinationale, jedenfalls aber USA-bezogene Komparatistik mit ein. Veteranenforschung ist ein schmales Gebiet.30) Aber sie nimmt in der Semantik der abgesteckten Interessenfelder breiten Raum ein, z.B. für die Veteran Administration in den USA. Da es bei den Diskursen der Veteranen immer um Deutungen geht, sind die sprachlichen Varianten und die Subtexte von besonderer Bedeutung. Multimedia und Bilder machen die Analyse noch komplexer.

Im vorliegenden Fall konkurrieren mehrere Sprachebenen, die einander nicht selten treffen, abstoßen oder sich vereinigen und ablenken:

- die aus wissenschaftlichen Texten gezogenen Erkenntnisse;

- die statistisch nicht repräsentative, aber signifikante Kommunikation mit Veteranen (Interviews, zufällige und gelenkte Beziehung, intra-gruppale Kommunikation (Veteranentreffen);

- die sekundären Berichte über Kommunikation von Veteranen;

- offizielle Verlautbarungen und politische Textsegmente in bestimmten Feldern (Sozialfürsorge, PTSB, Quid pro quo zur Einsatz-, Kriegs- und Friedensfrage);

- die Analyse von Primärliteratur (v.a. Heimkehrerliteratur, Biographik, Ausstellungen usw.) und die Sekundäranalyse dieser und ganz anderer nicht wissenschaftlicher, aber auch keineswegs nur Trivialliteratur, incl. Motivforschung zur Frage, in welchem Kontext Veteranen Subjekt und Objekt ästhetischer und moralischer Befassung sind.

Diese Liste umfasst nicht nur mehrere Dissertationsthemen und wissenschaftliche Abhandlungen, sie greift tief in die Diskursanalyse ein und zugleich in das Medium der Kritik, das bestimmte Genres und Textsorten in Bezug auf das Publikum analysiert.

 

Zuschreibungen

Seitdem das Problem der Einsatzrückkehrer für uns thematisch wurde, spielt die Zuschreibung von gruppenbildenden Merkmalen eine große Rolle. Man kann hier weder internalisierten Stereotypen noch intuitiven „Wahrheiten“ folgen und stößt damit oft auf Widerstand gerade dort, wo man sich tragfähige Information erhofft. Die folgende Liste ist eine mehrfach überarbeitete Aufzählung von Zuschreibungen, die auf die Bundestagsanhörung vom 16.2.2012 zurückgeht und mit der Zunahme an einschlägiger Literatur und Medien, aber auch angeregt durch den sich entfaltenden Diskurs zu Veteranen differenziert wurde. Die Zuschreibungen erfolgen nicht in einer zwingenden und gar wertenden Reihenfolge, sie können und sollen unterschiedlich gruppiert werden.

a) Gender: Veteranen sind zurzeit meist männlich; und werden vorläufig männlich definiert. Männlichkeit ist eine Kategorie. Es gibt einige wenige Anhaltspunkte für stark abweichende Wahrnehmungsmuster von und gegenüber weiblichen Veteranen. Der Genderaspekt ist in mehrfacher Hinsicht wichtig: Es wird mit Sicherheit mehr weibliche Veteranen geben. Der Grad ihrer Inklusion bzw. Integration in die Gesamtgruppe hat viel mit der Bestätigung bzw. Kritik eines über Veteranen transportierten Männlichkeitsideals zu tun, das wiederum für andere Gruppen als Rollenmodell dient, nicht nur für aktive Soldaten. Die Rolle weiblicher Akteure im Kampfgeschehen und in seiner Umgebung wird in der Heimkehrerliteratur bereits genauer beschrieben, weniger in der trivialen als in der höherklassigen.31) Insgesamt ist dieser Aspekt ein Teilbereich des Komplexes Sexualität und Krieg/Frieden. Sofern Veteranen einem expliziten Männlichkeitskult folgen (Recondos: „…es zählt der Mann allein“) oder sich selbst dem Warrior-/Kämpfer-Frame zuordnen, sind hier sicherlich Verbindungslinien zu längst in das Unbewusste des kulturellen Gedächtnisses gesunkenen alten Traditionen aufzudecken; das wird historische Rückerschließungen sinnvoll machen,32) zumal die Debatte um den Ersten Weltkrieg viel Material an die Oberfläche gebracht hat. In der gegenwärtigen Phase einer weiteren Distanzvergrößerung zwischen soldatischen Akteuren und ihren Zielen, z.B. durch Drohnen, spielt der Körper (und damit implizit die Sexualität) eine besondere Rolle, auch für ihre Kommunikation und „Zur-Schau-Stellung“, um z.B. als Warrior erkennbar zu bleiben. Ein komplexer Rückschluss auf das vergangene und vermisste Heldenzeitalter in der Periode des Postheroismus33) macht den Genderaspekt noch einmal wichtig. Der erst gefeierte und dann degradierte Special-Forces-Held stolpert offiziell über seine unerwünschte oder unerlaubte Liaison „im Feld“ mit der Journalistin und späteren Ehefrau Ann Tyson.34) Man soll das romantische Element dieser Erzählung nicht unterschätzen, das sich mit dem Verlangen nach einem Helden verbindet. Sexualität und Bindungen spielen im aktiven Einsatz eine gewisse Rolle, die in die Rückkehrzeit verlängert wird. Das Genre hat Deutschland erreicht, aber als Doppelerzählung zweier amerikanischer Paare: Im „Zeit Magazin“ wird das „Going native“ eines Mannes und einer Frau im Irakkrieg mit den Folgen für ihre Ehen beschrieben.35) Das setzt eine in der Heimkehrerliteratur häufige Privatethnologie von Soldaten fort, die mit dem Veteranenstatus an Autorität gewinnen will.

b) Wahrnehmung der Veteranen: Die Bewertung, ob der Einsatz richtig für die eigene Biographie oder für das normative Ziel war, ist ebenso wichtig für die Selbstwahrnehmung, wie bei der Fremdwahrnehmung die Wertschätzung, Respekt und Leistungsbeurteilung eine Rolle spielen. Als was werden Veteranen wahrgenommen, wer sind sie, wie sind sie? Hier spielen zwei antagonistische Elemente eine Rolle: die Erfahrung der Veteranen und ihre Deutung und die Konkurrenz und Abgrenzung gegen die Nicht-Veteranen. Wir haben bereits heute ein Schema, das verschiedene nachprüfbare und wohl auch imaginäre Stationen des aktiven Dienstes zum Veteranen hin umfasst. Hat er gekämpft, individuell oder im Verband, war er im weiteren Sinn an Kampfhandlungen beteiligt, gehörte er zu einem kämpfenden Truppenteil, war er Etappe oder Dienstleister usw. (der Koch im Lager Mazar, ein Veteran? Der Offizier in der Feuerleitstelle - ein Kämpfer? Der Drohnenauslöser? Der Einsatzplaner? Politisch ist jetzt bereits brisant, ob die lokalen Kräfte, v.a. in Afghanistan, für die wir Deutschen Verantwortung tragen und für die wir haften, den Veteranen zu vergleichen sind). Diese Systematik kann gut auf die Frames aufgetragen werden. Sie prägt entscheidend die Vergemeinschaftungsregeln, die feinen Unterschiede innerhalb der Veteranengruppe. Sie ist für das soziale Kapital des einzelnen Veteranen und aller Untergruppen mitverantwortlich. Habitus- und Kommunikationsanalyse sind hier angezeigt.

Wenn die Selbstwahrnehmung und der dominante Habitusaspekt von Anerkennung nach Meinung von Veteranen unterlaufen wird, gestalten sie ihren „Ehren-Raum“ selbst: Als ihnen ein Veteranentag verweigert wurde - obwohl de Maizière eigentlich einen einführen wollte -, organisierten die Rückkehrer (BDV und andere Gruppen) ihren „eigenen“ Veteranentag.36) Ursprünglich war der V-Tag für den 22. Mai vorgesehen (Jahrestag der Wiederbewaffnung 1956), nachdem der Volkstrauertag auf heftige Ablehnung stieß. Die Abkehr des Ministers geschah nicht nur auf Druck von SPD und anderen politischen Gruppen, sondern - das ist unsere These - auch aus der Einsicht, dass man hier einen Tag für eine symbolische Gruppe und Profil einführen würde, an dem sich alle möglichen Ideologien erwärmen könnten.

In der Heimkehrerliteratur, v.a. der trivialen, findet sich häufig die Selbstwahrnehmung des unverstandenen Veteranen als Opfer (victim), obwohl er sich ja für das Vaterland geopfert (sacrifice) hat, wiewohl er überlebt hat.37) Der Aspekt des Überlebens ist wichtig, weil der uneinholbare tote Held nur durch Überhöhung der Leistung des Überlebenden in Bezug gesetzt werden kann. In der anspruchsvolleren Literatur fehlt dieser Aspekt oberflächlich fast völlig, er wird durch Kritik an der nichtkommunizierten politischen Sinngebung ersetzt;38) man kann ihn aber durch Tiefenanalyse der Texte und in der Behandlung von PTBS im Einzelfall erkunden und nachweisen.

c) Deutungshoheit: Das ist die zentrale Kategorie für Zuschreibungen an die Veteranen. Von hier können kausale Zusammenhänge mit dem Wunsch nach aktiver Rolle und Deutungshoheit abgeleitet werden. Der Habitus gebietet, sich einem bestimmten Narrativ einzuschreiben (Krieg, Kampf, Sinn etc.); daraus erwächst eine Autorität, über dieses Narrativ aufgrund von Erfahrung mehr aussagen zu können als die politisch Verantwortlichen (besonders typisch für Warriors in Kritik an ihren Kommandeuren).39) Wenn diese Deutungsmacht auf die Öffentlichkeit überspringt, dann geschieht gesellschaftlicher Wandel durch die Veteranengruppe. Es geht hier um Positionskämpfe zur Legitimation, Methode und Evaluation von Kämpfen und Interventionen in der Vergangenheit aus der Sicht von Beteiligten und Augenzeugen. Kritik muss sich also immer gegen Authentizität verteidigen, während diese fraglos ja nicht im Experiment nachgestellt werden kann. Die Deutung von einzelnen Kriegsereignissen, z.B. dem Bombardement von Kundus am 4.9.2009, liegt auf einer anderen Ebene als die des gesamten Kriegsgeschehens und der Vermittlung einer bestimmten Sicht des Einsatzes. Im ersten Fall wird am Selbstbild gearbeitet, im zweiten aber, wenn wirkungsmächtig, an einer Veränderung bestimmter Narrative. Am nachhaltigsten natürlich an der endgültigen Erledigung des scheinbar pazifistischen Nachkriegsnarrativs aufgrund von Niederlage, Schuld und demokratischer Reorganisation der Gesellschaft: das kann sich in Richtung Normalisierung entwickeln, Deutschland würde dann wie jede andere größere Mittelmacht nach neorealistischen Kriterien in Kriege und Interventionen verwickelt werden. Es kann aber auch ganz anders werden, und weil man das nicht wissen kann und zu wenig Anhaltspunkte für nachhaltige Trends hat, erachten die Autoren vorschnelle Vermutungen für gefährliche Prophezeiungen, die sich vielleicht erfüllen. Spekulationen sind hier nicht angezeigt, vielmehr sollten das Spektrum der Deutungen und die Bandbreite der Wirkungsabsichten geprüft werden.

d) Autorität: Nicht nur die erwähnte Deutungshoheit als zugeschriebene Funktion hat hier ihren Platz, auch die Veteranen als Vermittler und Autorität sind hier verortet. Besonders wichtig sind dabei folgende Perspektiven: Veteranen sind Zeitzeugen einer Erinnerungskultur, die gerade erst entsteht und die noch nicht gefestigt ist. Der Weg dazu geht über das kollektive Gedächtnis. Interessenvertretung repräsentiert dieses Gedächtnis und wählt, ob es sich um exklusive Erlebnisgemeinschaften handelt oder offen bleibt. Die Autoren sagen eine größere Rolle von Veteranen im Schulunterricht voraus. Diese hängt von der Zuschreibung von Autorität ab und ist das Ergebnis anerkannter Deutungshoheit und von hinreichend öffentlichem Raum, um ein Narrativ auszubreiten. Der Heimatdiskurs wird dadurch mit geformt und behält seinen Einfluss. Der Kampf um die Authentizität der Fakten ist angesichts der heutigen Informationsgeschwindigkeit und um die Autorität des Berichterstatters nicht trivial. Die Forschung wird sich mit der Differenz dieser Berichte zu den wissenssoziologisch fundierten Zugängen beschäftigen müssen, für die im Kontext Berit Bliesemann de Guevara repräsentative Arbeiten geleistet hat.40)

e) Erinnerungspolitik: Noch ist der zeitliche Abstand zu den Auslandseinsätzen, aus denen sich jetzt Veteranen rekrutieren, gering. Mit wachsendem zeitlichen Abstand ergeben sich zwei Probleme: die Nachprüfbarkeit von Faktenaussagen und die Halbwertszeit der Gewinnung öffentlicher Aufmerksamkeit. Letztere ist ein entscheidender Faktor in der Gewinnung von Erinnerungskultur. Seit Charles Maiers bahnbrechendem Aufsatz zur Halbwertszeit gesellschaftlicher Aufmerksamkeit41) hat das Thema an Gewicht gewonnen. Behörden, hohe Militärs, aber auch Veteranen werden nicht selbst entscheiden, ob die Rückkehrer marginalisiert werden oder in die Gesellschaft inkludiert sind. Werden sie marginalisiert, kann es sein, dass sie privilegiert oder dass sie diskriminiert werden. Werden sie inkludiert, kann das auch mit der Anerkennung der Kriege und Konflikte einhergehen. Der Heimatdiskurs dringt tiefer in die Kommunikation ein. BDV und andere Veteranenorganisationen werden mit anderen Gruppen um die Deutung ihrer sozialen Gruppe und ihren Anspruch auf Partizipation konkurrieren.

f) Damit sie diese Macht habe, kann Teilhabe an der Interessenvertretung vermutet werden. Das setzt eine noch nicht gefestigte Verständigung darüber voraus, welche Interessen eigentlich vertreten werden sollen, mit welchen Mitteln und welchen Akteuren gegenüber. Es geht nicht nur um materielle Interessen (Versicherung, Beförderung, horizontale Mobilität, Familienabsicherung etc.), sondern auch um symbolische und immaterielle Interessen, v.a. Anerkennung in verschiedensten Dimensionen, Anerkennung, Legitimation der Tätigkeit, aus denen die Erinnerung gefiltert hat usw. Im Parteien-, Lobby- und sonstigen Interessengefüge des Landes wird diese Verortung eine bedeutsame Rolle spielen.

g) Die Einsatznostalgie hat mehr mit den sozialen und politischen Verhältnissen hier im Land zu tun als mit Wunschorten. Viele Rückkehrwillige in den Einsatz allerdings weisen deutliche Symptome einer Problemflucht auf. Dieser Aspekt der Forschung greift tief in sensible Bereiche individueller und kollektiver Lebensgestaltung ein. Gleichzeitig ist ein tiefenpsychologischer (auto-)therapeutischer Effekt hinter dem Rückkehrwunsch zu erkennen, wenn der Einsatz dann nicht aktiv fortgesetzt werden soll.42) Dennoch sollten wir genauer Bescheid wissen, v.a. über die dominante Rolle von Kameradschaft, auch von Freundschaft, Ersatzfamilie, Unterordnung unter klare Strukturen im Kampf gegen unbändigen individuellen Willen.43) Eine Hypothese zu diesem Aspekt ist, dass die Veteranen auch bloßlegen, was in Teilen der Bevölkerung ohnedies latent vorhanden ist.

h) Instrumentalisierung. Die Autoren halten es für hoch wahrscheinlich, dass viele Interessengruppen versuchen werden, die Veteranen zu instrumentalisieren; wo es um Deutungshoheit und die Verschiebung der pazifistischen Narrative geht, können sie als Zeitzeugen, Autoritäten oder als Gegenbilder dienen. Hinsichtlich der Verarbeitung ihrer Erfahrungen stehen sie für Werte und Tugenden, die vielleicht gar nicht ihre waren und sind, aber die angeeignet werden (wenn z.B. Politiker oder hohe Militärs Veteranen interpretieren). Man wird auch versuchen, Einfluss auf die Gestalt ihrer Gruppe zu nehmen. Dass es sich bei den Veteranen um eine gute Grundlage für die Privilegierung von Marginalisierten44) handelt, dürfte sich beweisen lassen, sobald ihre Organisationen politisch zu agieren beginnen - und dafür Mitglieder brauchen, die sich „outen“, als Veteranen zu erkennen geben und ihre Merkmale tragen, von der Medaille bis zu PTBS. Sie werden instrumentalisiert, indem ihre Anliegen zu gesamtgesellschaftlichen oder jedenfalls Interessen in einem größeren Rahmen erweitert werden und sie damit der werbenden Gruppe mehr Gewicht verleihen. Wer Veteranen an seiner Seite weiß, hat ein stabiles Element gewonnen.45) Diese Prognose soll nicht mit der Manipulierbarkeit der Veteranen verwechselt werden, die nach unserer bisherigen Erfahrung nicht größer als bei anderen ist.

i) Privatisierung von Sicherheit: Konkurrenz und Ambiguität. Viele Einsatzrückkehrer sind nach dem letzten Einsatz aus der BW ausgeschieden. Gründe waren entweder absehbares Verpflichtungsende oder eine neue Lebensorientierung, teilweise durch Perspektivlosigkeit einer weiteren Laufbahn innerhalb der BW provoziert.46) Die Autoren prognostizieren eine starke Neigung derjenigen Rückkehrer, die nicht dem Prinzip des Soldatenberufs den Rücken kehren, dass sie praxis- und erfahrungsnah weiter tätig sein wollen. Deutsche private Sicherheitsdienste haben (noch?) nicht die globale und systemische Struktur internationaler Sicherheitskonzerne erreicht, sind aber auf dem Weg dahin. Private Sicherheit gewinnt durch massenhaften Einsatz von Veteranen an performativer Legitimation („Die können das“), Reputation („Die kommen von der BW und nicht aus einer Söldnertruppe“) und Seriosität („Die bringen ihre Tugenden und Anständigkeit mit“). Zahlen und Zeiträume sind zu knapp, um belastbare Aussagen über Trends zu machen. Aber die Perspektive einer privaten bzw. mit staatlichem Auftrag privatisierten weiteren Nutzung der Veteranenkompetenz sollte genau beobachtet werden. Man zieht hier eine Linie vom Willenstraining der Eliteeinheiten nach dem Modell von Luttrell u.a. zum Marktwert der Veteranen.

Zu diesen Zuschreibungen ist eine methodologische Anmerkung notwendig. Die im August 2014 veröffentlichte Studie von Seiffert und Hess gibt eine bestens abgesicherte und methodisch nachvollziehbare Untersuchung von Einsatzrückkehrern in die Bundeswehr wieder (Einsatz 2010, Abschluss der Studie 2013). Belastungen, Veränderungen im sozialen und psychosozialen Umfeld und Perspektivwechsel der Rückkehrer können als Basis für weitere Untersuchung, v.a. in unserem Fall für Vergleiche mit aus der BW ausgeschiedenen Rückkehrern dienen, wobei die Probleme der Datenerhebung bei Veteranen etwas anders gelagert sein dürften.47) Dass der Einsatz das Bewusstsein und die Erinnerung der Rückkehrer weiter verfolgt, war zu erwarten; wieweit die Beurteilung der Erlebnisse und Erfahrungen bei den Veteranen von den weiter dienenden Soldaten abweicht, ist zur Zeit noch nicht belastbar abzusehen.

 

Perspektiven

Die Autoren haben v.a. die erste Hypothese zu belegen versucht, mit einer Reihe von vorläufigen Belegen und Vorschlägen für eine stärkere Beweisführung durch empirische Forschung. Die zweite Hypothese bedarf einer kurzen Erörterung, die noch wenig empirischen Unterbau hat, aber für politische Entscheidungen von Bedeutung sein kann.

Schon jetzt konkurrieren Veteranen mit Wissenschaftlern, Militärexperten im BMVg und in der „Szene“ (Pundits), Journalisten, Friedensbewegten und anderen Diskursteilnehmern um Autorität und Deutungshoheit. Wenn diese am Diskurs beteiligten Gruppen selbst aus Einsätzen zurückkehren - im Zusammenhang mit Friedens- und Entwicklungsarbeit für die UNO, ROs und NGOs oder als Korrespondenten im Einsatzgebiet -, dann können diese durchaus Anerkennung analog zu den Veteranen verlangen: Auch sie sind vielleicht traumatisiert, haben körperliche und seelische Schäden davongetragen, haben sich für unsere Werte engagiert und erwarten eine entsprechende Wahrnehmung nach ihrer Rückkehr. Es gibt erste Ansätze, diese Probleme zu systematisieren,48) aber viel Material steht den Autoren bislang nicht zur Verfügung. Man weiß allerdings, dass in ROs (z.B. GIZ) und NGOs die Diskussion geführt wird. Seitdem das BMZ unter Minister Dirk Niebel die komplementäre Zusammenarbeit mit den militärischen Einsatzgruppen zur Doktrin erhoben hat, was man nicht überbewerten soll in seiner Konkretheit und Ausdifferenzierung, steht zumindest eine Option im Raum: eine nationale oder gar übernationale (EU-) integrierte Politik der Auslandseinsätze und Friedensmissionen. Schlussfolgerungen aus Konzepten der zivil-militärischen Koordination, der deutschen PRT-Erfahrung (PRT/Provincial Reconstruction Team) oder des Whole-of-Nation-Ansatzes (WoN) sind hier erst zu entwickeln.49) Wenn Konkurrenz wahrscheinlich ist, dann werden zivile und militärische Rückkehrer um die Deutung des Einsatz- und Konfliktgeschehens streiten, um ihre Positionierung im sozialen Feld zu verbessern. Von der Homogenität her wären hier die militärischen Veteranen im Vorteil, weil die zivilen Gruppen ihre Erfahrungen aus einer größeren Wertevielfalt interpretieren. Andererseits können diese zusammen das Gewicht des „Zivilen“ gegenüber einer abgewerteten militärischen Dominanz der Einsätze überhaupt ins Feld führen. Wenn aber Integration und Kooperation für wahrscheinlich gehalten werden, dann entsteht ein neuer sozialer Zusammenhang, der die in diesem Aufsatz entfalteten Kategorien und die erste Hypothese erheblich ausweitet und differenziert. Beide Varianten können politisch und kulturell antizipiert und in gewisser Weise vorbereitet werden.

Die erste Hypothese zum Entstehen einer neuen sozialen Gruppe halten die Autoren für so stark, dass sie eigentlich Politik und Zivilgesellschaft zur Aktivität animieren müsste. Der wichtigste Gegeneinwand wäre, dass es wenig wahrscheinlich sei, dass die BW in absehbarer Zeit weitere Auslandseinsätze durchführen wird, damit entfiele die Bedingung des nachhaltigen Wachstums der Gruppe. Starke Einbindung der BW in die zunehmend erhobene Forderung nach (integrierter) deutscher Beteiligung an Auslandseinsätzen stützt die Hypothese hingegen.

Da sich politische, soziale und kulturelle Strukturen mit den Veteranen im Fluss befinden, sind die Zivilgesellschaft ebenso wie die anderen beteiligten Politikfelder zu einer vorausschauenden Perspektive aufgefordert, bei der auch das Wertekonzept überprüft werden muss, z.B. Einsatzrückkehrer als Protagonisten einer integrierten Friedenspolitik.



ANMERKUNGEN:

1) Unter „Jugend - Österreichischer Kameradschaftsbund“ finden sich bei Google 44.800 Hits. Die erste Meldung betrifft Mitgliederzuwachs von Jugendlichen in einem kleinen, mir bekannten Dorf. www.okb.at/ST/ov-st-georgen-st/jugend.html; auch dass zwei ehemalige Bundesheersoldaten in die Jugend aufgenommen wurden, ist im Kontext wichtig: www.okb.at/ST/stv-weiz/jugend.html. Beide gesehen 6.7.2014.

2) Michael Daxner/Hannah Neumann (Hrsg.): Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern, Bielefeld. 2012, S.39.

3) Elias Canetti: Masse und Macht, Band 1, München 1960, S.26 u.a.

4) Vgl. die im Entstehen begriffene Dissertation von Dennis Bürjes über die Kosten der Intervention. Bisherige vorläufige Daten weisen darauf hin, dass die Kosten auch unter dem Zielkonflikt Staatsaufbau/Terrorismusbekämpfung stehen. Soweit es die BW und die Veteranen betrifft, wird sich der Konflikt über die Qualität der Ausrüstung und die soziale Situation nach Rückkehr mit Sicherheit weiterentwickeln.

5) Zwischenrufe in Würich, Sabine/Scheffer, Ulrike 2014: Operation Heimkehr, Berlin: Hier geben erklärende und vertiefende Stellungnahmen einen differenzierten Zugang zu den Interviews, die oft eine schwerer zu entschlüsselnde Unmittelbarkeit haben; die (relative) Prominenz einiger der Intervenierenden soll Ansätze zur Verallgemeinerbarkeit signalisieren.

6) „American Spartan“ heißt nicht zufällig das Buch über einen hochumstrittenen Veteranen, der seine Degradierung und Entlassung für viele durchaus erfolgreich überlebt hat: Tyson, Ann Scott 2014: American Spartan: The Promise, the Mission, and the Betrayal of Special Forces Major Jim Gant, New York. Wir kommen auf den Helden Jim Gant noch zurück.

7) Vgl. den frühen Aufsatz „Toward Post-Heroic Warfare“ von Edward N. Luttwak in Foreign Affairs Mai/Juni 1995 mit dem bellizistischen Aufsatz „Give War a Chance“ vom 1. Juli 1999. www.foreignaffairs.com/articles/55210/edward-n-luttwak/give-war-a -chance, gesehen 7.8.2014.

8) Vgl. Pascal Venesson, 2014: Krieg ohne die Bevölkerung, in: Berliner Debatte Initial 25: 2,, S.35.

10) Ekkehard Lippert: Kleine Kampfgemeinschaft - Militärische Kohäsion als Re-Kultivierungskonzept (Mai 1989), München.

11) Michael Daxner: Das Konzept von Interventionskultur als Bestandteil einer gesellschaftsorientierten theoretischen Praxis, in: Bonacker, Thorsten/Daxner, Michael/Free, Jan/Zürcher, Christoph (Eds.): Interventionskultur: Zur Soziologie von Interventionsgesellschaften, Wiesbaden, S.87-89.

12) Zitiert bei: Robert Clifford Mann: German Warriors, in: Daxner, M. (Ed.): Deutschland in Afghanistan, Oldenburg, S.152.

13) www.recondovets.de/home.htm gesehen 14.8.2014.

14) Aus diesem Grund rezensieren wir die überschaubare Literatur zum Thema nicht im Hinblick auf Übereinstimmung oder Divergenz zu unseren Thesen. Das Spektrum ist jedoch für die Funktionszuschreibungen, die wir vornehmen, wichtig und wird dort jeweils aufgerufen.

15) Anja Seiffert: „Generation Einsatz“ - Einsatzrealitäten, Selbstverständnis und Organisation, in: Seiffert, Anja, Phil Langer, Carsten Pietsch (Ed.): Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, Wiesbaden2012, S.28ff.

16) Daxner/Neumann 2012.

17) Coser/Rosenberg 1969, S.105ff.

18) Putnam 2000, 16ff.

19) Daxner/Neumann 2012.

20) Laura Herzog/Christian Kobsda/Hannah Neumann/Anna-Lena Schulz,: von friedlichen Aufbauhelfern und professionellen Kämpfern - Die Darstellung der SoldatInnen im Heimatdiskurs, in: Neumann, Daxner and (Ed.): Heimatdiskurs, Bielefeld 2012. In Daxner/Neumann 2012 werden methodisch Diskursanalyse, Framing-Analyse, Metaphorologie und traditionelle Hermeneutik verwendet und kombiniert. Die Frames haben sich als sehr stabil erwiesen und bilden eine Grundlage für die weitere Arbeit an Veteranen, obwohl der Methodenmix mit den übrigen Verfahren unverzichtbar bleibt.

21) Die Online-Zeitungen waren: Die Welt, Spiegel Online, BILD und TAZ. Die Auswahl ist nicht ganz deckungsgleich mit den Quellen in Daxner/Neumann 2012, korrespondiert aber mit den Prinzipien der dort vorgenommenen Medienwahl.

22) Veterans Affairs Scandal: Ausgangsmeldung war „Troubles with Veterans‘ Health Care“, New York Times, 21.5.2014, die schlechte Behandlung/Versorgung von Veteranen ist eine Angelegenheit von nationalem Interesse und führt zu politischen Verwerfungen und politischen Rücktritten; vgl. auch Zwischenruf von Königshaus in Würich/Scheffer (2014), 20: der Wehrbeauftragte vergleicht amerikanische Ausgaben für Veteranen mit den deutschen. 1 Promille der 100 Mrd. USD würde uns „genügen“.

23) Siehe Mann, R.C. 2014 „German Warriors“. In: Michael Daxner 2014: „Deutschland in Afghanistan“ BIS Verlag, Oldenburg.

24) Scott Faith 2014, „I’m a Veteran, Ask Me Anything“, http://www.havokjournal.com/nation/im-a-veteran-ask-me-anything, gesehen am: 21.7.2014, 11:05.

26) ZDz 10/1, „Innere Führung“, S.50, Punkt 4c.

27) Vgl. den Hinweis von Stauffenberg in seinem Zwischenruf in Würich/Scheffer (2014), 123: Die deutsche Öffentlichkeit sei mit der „Inneren Führung“ überfordert.

28) Dirk Baecker: Der Krieg als Ritual der Gesellschaft, in: Oberender, Thomas and Haß, Ulrike (Ed.): Gott gegen Geld, Berlin 2002, S.20f.

29) Vgl. Stauffenberg.

30) Die deutsche neuere Forschung findet sich in den Bibliographien von Biehl (2012); Mann (2014); Seiffert (2012); Seiffert/Hess (2014) u.a. Explizite frühe Forschung, auch vergleichend, findet sich bei Benjamin Bieber: Bieber (2002); Bieber (2007). Regierungsamtliche Texte, Quellen und Interpretationen fallen oft zusammen, ohne Forschungsanspruch zu erheben, z.B. in den Verlautbarungen des Bundeswehrverbandes oder Veteranenorganisationen; auch der Blog „Augengeradeaus“ spielt eine große Rolle. Das amerikanische Bundesarchiv gibt eine Vorgehensweise zur Veteranenforschung vor, die klar die subjektiven Interessen von Betroffenen auch im Blick hat: www.archives.gov/research/military/veterans/. Selten wird Veteranenforschung als explizites Qualifikationsprofil angesehen, wie z.B. bei Roland Leikauf: www.linkedin.com/pub/roland-leikauf/26/245/648. Alle gesehen 8.8.2014.

31) Giordano, Paolo: Der menschliche Körper, Reinbek 2014; Dirk Kurbjuweit: Kriegsbraut, Berlin 2011.

32) Schon Robert Michels: Der Patriotismus, Berlin 1929, hat ibeträchtliches Aufsehen erregt. Vgl. Rieß in Michels (1929). In der vielleicht wichtigsten aktuellen HBO-Fernsehserie Homeland spielt Sexualität ebenfalls eine explizite Rolle Cuesta/et.al (2011-2013).

33) Münkler 2014.

34) Vgl. u.a. Mark Safranski, 2014: REVIEW: American Spartan by Ann Scott Tyson, in: ZP Zen Pundit, 1-4ZP.

35) Nicola Meier: Die Liebe nach dem Krieg, in: ZEIT Magazin 30, 2014, S.22-34.

36) Das Ereignis vom 31.5.2014 fand in den meisten Medien keinen Niederschlag. (Vgl. auch die rechtsradikale Junge Freiheit online vom 21.2.2013 www.jungefreiheit.de/politik/de-maiziere-gegen-veteranentag/(gesehen 10.7.2014)). Vgl. auch Matthias Kluckert: Wenn harte Männer weinen. 31.5.2014: mit Video. www.bild.de/politik/inland/bundeswehr/bundeswehr-veteranen-treffen-in-berlin-36208724.bild.html (gesehen 10.7.2014). Die Motorrad-Kuttensymbolik (Ralf „Muerte“ Bartsch) und die Abwesenheit offizieller politischer und militärischer Vertreter müssen noch gesondert analysiert werden.

37) Beispiel aus vielen Texten: Robert Eckhold: Fallschirmjäger in Kunduz, Limbach-Oberfrohna 2010; das amerikanische Vorbild ist Marcus Luttrell/Patrick Robinson: Lone Survivor, München2014.

38) Vgl. besonders Sebastian Junger: War, London 2010.

39) Aufstieg und Fall eines besonders profilierten Kriegers, der als Special Forces (US) Offizier „going native“ praktizierte und dessen Praktiken durch ihre extreme Personenfixiertheit dieses Kriegerimage dekonstruieren lassen, ist der Fall des früheren Majors Jim Gant: Daxner (2010c); Gant (2009); Meek et al. (2014); Tyson (2014).

40) Berit Bliesemann de Guevara: InterventionsTheater - Der Heimatdiskurs und die Feld- und Truppenbesuche deutscher Politiker - eine Forschungsskizze, in: Neumann, Daxner et al. (Ed.): Heimatdiskurs, Bielefeld 2012, 273-302.

41) Maier 2002.

42) Vgl. Daniel de Luce: Wounded US vets return to Afghanistan to confront demons. AFP 31.5.2014 http://news.yahoo.com/wounded-us...-demons. Gesehen 14.8.2014.

43) Es ist interessant, dass die ansonsten wirksamen Statusunterschiede nach Dienstgraden (Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere) angesichts gemeinsamer „Erfahrungen“ (genauer: eines geteilten Erfahrungsraums) oft eingeebnet werden.

44) Die umfangreiche Literatur zu dieser in den USA entwickelten sozialwissenschaftlichen Literatur beschäftigt sich seit Langem v.a. mit marginalisierten sexuellen Präferenzen, denen Privilegierungen als politische und kulturelle Antwort gegenüberstehen, was allerdings eine Form von Coming Out notwendig macht. Die Theorie ist älter und stammt aus der Auseinandersetzung mit Gramsci u.a. zur Dichotomie von Privilegien und Marginalisierung. Wenn Marginalisierte Privilegien erhalten, soll sie das einerseits gegen erlittenes und perpetuiertes Unrecht immunisieren, zum anderen dienen sie aber als Vehikel für weitergehende politische Aktionen.

45) Dass Veteranen vor politische Karren gespannt werden, ist eine Erfahrung auch der „alten“ Generation, z.B. als nationalistische Zeitzeugen oder als antifaschistische Helden. Eine neue Instrumentalisierung vollzieht sich im ideologischen Rahmen der umfangreichen Heimkehrerliteratur (Instrumentalisierung durch Vorbilder oder argumentative Diskursbausteine, die mit der Selbstwahrnehmung in Übereinstimmung zu bringen sind). Ansonsten können die Autoren noch keine nachhaltigen Instrumentalisierungsversuche aufgrund der o.a. Zuschreibungen erkennen. Aber man kann sie voraussagen, etwa in der Form, dass eine politische Partei mit Veteranen für ihre Politik wirbt.

46) Dazu braucht die Forschung die Feinanalysen aus den BW-internen Untersuchungen und intensive Interviews. Perspektivlosigkeit angesichts der Umgestaltung der BW zu einer Interventionsarmee ist eigentlich ein Paradox. Die Beziehung zu den Belastungsvarianten nach der Rückkehr innerhalb der BW ist von Interesse, weil Veteranen, die sich in anderen Sicherheitsbranchen verdingen, hier imaginäre Vergleichsmaßstäbe setzen.

47) Vgl. Anja Seiffert/Julius Hess: Afghanistanrückkehrer (Juli 2014 ), Potsdam2014, S.19ff.

48) Anja Hanisch: Globale Einsatzerfahrung als Ressource, in: ZIF in Mission September 2013.

49) CIMIC ist eine militärische, keine zivile Doktrin, spielt aber für Beschreibung und Bewertung von Einsätzen eine große Rolle United Nations (2007); Naomi Weinberger: Civil-Military Coordination in Peacebuilding: The Challenge in Afghanistan, in: Journal of International Affairs 55, 2002: 2, S.245-274; bei den deutschen PRTs war die zivile Seite Michael Daxner: Koordinierung des Wiederaufbaus in den und außerhalb der PRTs. Erfahrungen aus vier Jahren, Wien; Jan Koehler: Herausforderungen im Einsatzland: das PRT Kunduz als Beispiel zivil-militärischer Interventionen. Soldatisches Selbstverständnis - empirisch, in: Dörfler-Dierken, Angelika; Kümmel, Gerhard (Ed.): Identität, Selbstverständnis, Berufsbild, Wiesbaden 2010, 77-100; Gerald McHugh/Lola Gostelow: Provincial Reconstruction Teams and Humanitarian-Military Relations in Afghanistan, London 2004; Andreas Schneider: Zivil-militärische Zusammenarbeit und Koordinierung des Wiederaufbaus am Beispiel des deutschen PRTs in Kunduz - eine Betrachtung aus Sicht des Deutschen Entwicklungsdienstes Afghanistan, in: Feichtinger, Walter/Gauster, Markus (Eds.): Civil-Military Interaction - Challenges and Chances, Vienna 2008. maßgeblich beteiligt, im WoN Ansatz sind viele Elemente dieses Problems angelegt, aber noch nicht in Bezug auf Einsatzrückkehrer: Markus Gauster: Whole of Nation-Ansätze. Ein neues Paradigma im internationalen Krisen und Konfliktmanagement?, Vienna 2013, unpublished manuscript.