Vom Isonzo an den Piave

Über die Lehren aus der Offensive von Flitsch-Tolmein 1917

Andreas W. Stupka

 

Noch heute zeugen die in den Fels gesprengten Kavernen und Schützengräben entlang der slowenischen und österreichischen Grenze zu Italien vom brutalen Ringen um jeden Felsbrocken in den Kämpfen zwischen 1915 und 1917 an der österreichischerseits so genannten „Südwestfront“ oder eben dem italienischen Kriegsschauplatz. Erst mit der erfolgreichen Offensive der Mittelmächte, die am 24. Oktober 1917 begonnen wurde und als 12. Isonzoschlacht1) in die Geschichte eingehen sollte, verschob sich die Frontlinie um durchschnittliche 100 Kilometer nach Südwesten an den Piave. Dieser schwungvolle gemeinsame Angriff der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen über die Räume Flitsch und Tolmein, heraus aus dem Gebirge in die venetische Ebene, brachte das italienische Heer an den Rand des Zusammenbruchs, der einerseits nur durch neu ausgehobene Verstärkungen und auch durch massive Unterstützung der Entente mit Truppen und im Materialbereich verhindert werden konnte. Andererseits zeigte sich bei den Mittelmächten bereits erheblicher Mangel an Truppen und Material, der eine Fortsetzung des Angriffs über den Piave hinaus nicht zuließ. Zumindest aber war damit eine Frontbegradigung vom Gardasee bis an die Adria gelungen, die bis zum Ende des Krieges nicht mehr verändert werden sollte.
Aus militärwissenschaftlicher Sicht stellt sich daher die Frage, wie dieser einmalige große Erfolg der Mittelmächte auf dem italienischen Kriegsschauplatz zustande kommen konnte - griffen doch diese aus der numerischen Unterlegenheit heraus einen materiell und personell voll aufgefüllten Gegner an und versetzten ihm dabei eine vernichtende Niederlage. Dazu wird es notwendig sein, zunächst die Vorgeschichte bis zur Schlacht selbst zu beleuchten, um die strategischen Überlegungen zu erkennen. Die Darstellung der Anlage der gesamten Operation und in weiterer Folge deren Durchführung müssen die psychologische Verfasstheit der Truppen, die materielle Situation und die taktischen Ansätze berücksichtigen, um die Erfolgsfaktoren herausarbeiten zu können. Daraus sollen dann allgemeine Grundsätze abgeleitet werden, die für militärische Operationen über die Zeiten hinweg Gültigkeit haben und somit in die Lehre Eingang finden können.

Der Kriegseintritt Italiens und die politisch-strategischen Absichten

„Die italienische Kriegserklärung vom 23. Mai 1915, der etwa drei Wochen zuvor eine - im Vertrag gar nicht vorgesehene und von Wien deshalb nicht zur Kenntnis genommene - Kündigung des Dreibundes mit sofortiger Wirkung vorausging, kam im Grunde weder für die politische Elite der Donaumonarchie noch für deren interessierte Öffentlichkeit überraschend.“2) Der junge italienische Staat war in mancherlei Hinsicht ein Sonderling. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als geeintes Königreich erstanden, war dieser Staat zu einem ansehnlichen Gebilde, das den gesamten Stiefel umfasste, herangewachsen - immer unter der Prämisse, alle „Italiener“ in einem gemeinsamen Staatswesen vereinigen zu wollen. Aus diesem Grunde hatte man in Rom stets begehrliche Blicke auf die italienischsprachigen Provinzen Österreich-Ungarns, also das Trentino und das Küstenland mit Triest und dessen Hinterland mit Görz, geworfen. Nicht ganz zu verstehen bei diesem Ansinnen war das Begehr nach dem deutschsprachigen Südtirol, aber man wollte eben die Grenze am Brenner.
Das Land war zwar mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zu einer starken mitteleuropäischen Kraft seit 1882 im Rahmen des Dreibundes, eines vertraglich ausdrücklich festgelegten reinen Defensivbündnisses, vereint, aber aufgrund der genannten Begehrlichkeiten vertraute die österreichisch-ungarische Seite nicht so recht auf die Bündnistreue Italiens, hatte sich doch das Königreich bereits im Vorfeld des Ersten Weltkrieges hinsichtlich der kolonialen Frage in Afrika mit den Franzosen und wegen der Interessenaufteilung auf dem Balkan mit dem Russischen Reich arrangiert. Aus diesem Grunde ließ der öst.-ung. Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf bereits Jahre vor dem Krieg Pläne für eine Auseinandersetzung mit Italien ausarbeiten und die Befestigungen, Sperren und Werke an den südlichen Alpeneingängen, v.a. in den Räumen Südtirol (Franzensfeste zur Sperrung des Brenner-Passes) und Trentino (Festungen von Riva und Trient) bis in den Kärntner Raum (Predil, Malborgeth), ausbauen bzw. erneuern.3) Damit sollte ein rascher Stoß in den innerösterreichischen und süddeutschen Raum nachhaltig verzögert werden können. Allerdings war sich die österreichische Heeresleitung zu Kriegsbeginn bewusst, dass diese Festungswerke aufgrund der modernen Artilleriewaffenentwicklung nur eine begrenzte Haltefähigkeit aufweisen würden. Auch die k. u. k. Kriegsmarine unter Admiral Anton Haus bereitete sich aufgrund des Misstrauens gegenüber Italien auf einen Krieg mit dem Königreich in der Adria vor.
Als der Erste Weltkrieg dann am 28. Juli 1914 begonnen wurde, sah Italien darin keinen Dreibund-Bündnisfall, da Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg erklärt und das Land angegriffen hatte und nicht umgekehrt - das Königreich blieb daher vorerst neutral. Dieser Zustand sollte dazu genutzt werden, an die Mächte der Entente heranzutreten und einen möglichen Preis für einen Kriegseintritt gegen die eigenen Verbündeten auszuhandeln.
Die Stimmungslage in der italienischen Bevölkerung war zweigeteilt zwischen Kriegsbefürwortern und dessen Gegnern. Die Regierung, der König und die nationalistischen Parteien sahen im Kriegseintritt eine ausgezeichnete Möglichkeit zur Befriedigung ihres Hungers nach Land. Angeheizt wurde die Kriegsstimmung in der Bevölkerung v.a. auch durch Persönlichkeiten wie den Dichter Gabriele D’Annunzio, der den Krieg als „heilige Pflicht“ heroisierte, wie beispielsweise anlässlich einer Rede in Genua am 5. Mai 1915: „Beati i giovani che sono affamati e assetati di gloria, perché saranno saziati. Beati i puri di cuore, beati i ritornanti con le vittorie, perché vedranno il viso novello di Roma, la fronte ricoronata di Dante, la bellezza trionfale d’Italia. - Wie glücklich die Jungen, die nach dem Ruhm dürsten, denn dieses Verlangen wird gestillt werden. Wie glücklich die im Herzen Reinen, die siegreichen Heimkehrer, weil sie werden Rom mit einem neuen Gesicht sehen, die wiedergekrönte Stirn von Dante, die Schönheit Italiens im Triumph.“4)
Die anfangs zögerliche Haltung der Sozialisten für einen Kriegseintritt legte sich bald, v.a. auch bestärkt durch den Sozialisten und Trentiner Irredentisten Cesare Battisti, einem Angehörigen des österreichischen Reichsrates, aber italienischen Nationalisten, der auf seinen Vortragsreisen durch Italien für einen Kriegseintritt des Königreiches gegen die Donaumonarchie Stimmung machte.5) Hinzu kam noch die kriegslüsterne Haltung des Generalstabschefs der italienischen Streitkräfte, General Luigi Cadorna, der die Politik von einem raschen militärischen Sieg gegen Österreich-Ungarn überzeugen konnte. „Nel dicembre 1914 per dare una base ai calcoli sul fabbisogno di complementi, Cadorna abbozzava le possibili linee di una guerra contro l’Austria-Ungheria: immediata offensiva oltre Trieste con una prima grande battaglia dopo 15 giorni a due-tre tappe dalla frontiera, una seconda battaglia dopo 45 giorni e sei-sette tappe, qunidi avanzata da Lubiana a Vienna. - Im Dezember 1914 skizzierte Cadorna die möglichen Linien eines Krieges gegen Österrreich-Ungarn, um eine Grundlage für die Berechnung des Reservenbedarfes zu geben: sofortige Offensive über Triest mit einer ersten großen Schlacht nach 15 Tagen, 2-3 Etappen von der Grenze entfernt, eine zweite Schlacht nach 45 Tagen und 6-7 Etappen, dann Vormarsch von Laibach nach Wien.“6)
Die k. u. k. Armee hatte im ersten Kriegsjahr schwere Verluste auf dem östlichen Kriegsschauplatz hinnehmen müssen; nur mühevoll konnte ein Vordringen der russischen Armeen über die Karpaten in die ungarische Tiefebene verhindert werden, auch auf dem Balkan hatte Österreich-Ungarn schwere Rückschläge erlitten. Die Grenzen zu Italien waren nur mit schwachen Kräften besetzt. Ein Angriff des Königreiches schien also der Donaumonarchie das Genick brechen zu können, was möglicherweise ein vorzeitiges Ende des Krieges bedeutet hätte - und es winkten die Gebietsgewinne als fette Beute.
Das Verhalten Italiens war für die Entente daher von enormer strategischer Bedeutung. So war im Rahmen des Dreibundes vorgesehen gewesen, dass es zu einer massiven Unterstützung der deutschen Truppen durch italienische Großverbände auf dem westlichen Kriegsschauplatz hätte kommen sollen. Auch wäre für Frankreich mit einem Gegner Italien eine dritte Front im Südosten und im Mittelmeer entstanden, damit verbunden ein möglicher Zusammenbruch des Nachschubes aus den nordafrikanischen Kolonien. Denn Italien verfügte über eine gut ausgebaute und schlagkräftige Marine, die zusammen mit der k. u. k. Kriegsmarine die Schifffahrt im Mittelmeer zu dominieren vermocht hätte.7) Der Kriegseintritt des zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch abwartenden Osmanischen Reiches, aber auch Bulgariens und vermutlich auch Rumäniens (das ebenfalls dem Dreibund verpflichtet war, dann aber ab Herbst 1916 auch gegen die Mittelmächte in den Krieg eintrat) auf Seiten der Mittelmächte wäre dadurch wahrscheinlich beschleunigt worden. Der Raum von Serbien und Montenegro hätte zwischen den Mittelmächten relativ bald aufgeteilt werden können. In Zusammenarbeit mit dem Osmanischen Reich wäre mit der vereinten Marine der gesamte Raum des östlichen Mittelmeeres und der Ägäis seestrategisch leicht zu beherrschen gewesen.8) Damit wäre auch eine mögliche Sperrung des Suezkanals für britische Nachschublieferungen und Truppentransporte aus Indien und Australien einhergegangen, möglicherweise sogar der Verlust der britischen Kolonialgebiete im Mittelmeer (Malta, Gibraltar, Zypern und Ägypten); eine Schlacht um die Dardanellen und eine Entente-Front bei Saloniki hätte es dann vermutlich nicht gegeben.
Dies sind alles Gedankenspielereien, aus denen aber hervorgeht, welch überragender Stellenwert dem Verhalten Italiens im Rahmen dieses Krieges zukam. Die Entente musste also ein vitales Interesse daran haben, Italien aus dem Krieg herauszuhalten oder noch besser das Land auf ihrer Seite zum Kriegseintritt zu bewegen. Das landgierige Königreich wurde daher mit Gebietsversprechungen gelockt und bekam im Rahmen des Londoner (Geheim-) Vertrages vom 26. April 1915 alle gestellten Gebietsforderungen zugesprochen sowie zusätzlich Kolonialgebiete wie beispielsweise Äthiopien. Die Entente versprach also Land, das sie noch gar nicht zu vergeben hatte; Italien musste sich diese Ländereien erst erobern bzw. auf der Siegerseite stehen. Aber die Angebote waren derart großzügig, dass das Königreich am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte und mit seinem Eroberungsfeldzug begann.

Cadornas Militärstrategie

Diese neu aufgeworfene Front zog sich vom Stilfserjoch an der Schweizer Grenze hinunter bis Riva am Gardasee, von dort hinauf bis zu den Dolomiten und weiter über die Karnischen Alpen, um dann wieder Richtung Süden einzuschwenken entlang des Isonzo bis hinunter zur Adria bei Duino. Dieser etwa 600 Kilometer lange, einem liegenden „S“ vergleichbare Frontbogen verlief von Westen her gesehen entlang der Alpeneingänge; lediglich im letzten Abschnitt, also im Tal des unteren Isonzo, war das Gelände von einer verkarsteten Hügellandschaft geprägt. Alle für die Verteidigung ungünstigen vorgeschobenen Gebiete und offenen Beckenlandschaften - wie der Raum des heutigen Cortina d’Ampezzo - waren durch Österreich-Ungarn von Beginn an aufgegeben worden. Da die Tiroler Regimenter und die Gebirgstruppen auf dem östlichen Kriegsschauplatz eingesetzt waren, wurde zur ersten Verteidigung des Südtiroler Raumes (heute die italienischen Provinzen Trentino und Alto Adige) der Landsturm aufgeboten, also alle wehrfähigen Männer, die noch nicht oder nicht mehr in den regulären Truppen dienten - organisiert dorfweise in den Standschützenkompanien. „Mander, jetzt hört’s mir guat zua. Ihr seid’s das letzte Aufgebot, Tirols eiserne Faust. Denkt’s d’ran, jetzt geht’s um die Heimat, unser heilig Land Tirol. So wann da ein Welscher vur euch sei G’sicht zeigt, dann druckt’s ab, bevor ers tuat. Denn er kennt keine Gnade. Für ihn geht’s um nix und für uns geht’s um alles, spricht ihr selbst gewählter Standschützenmajor, der Postwirt von Corvara, Franz Kostner.“9) Der enorme Sperrwert des Geländes an den Alpeneingängen an sich und die Angst, die Heimat zu verlieren, verlieh diesen etwa 30.000 Mann die Kraft, sich gegen eine vielfache Überlegenheit der italienischen Truppen erfolgreich zu behaupten. Im Zuge dessen zeigte sich auch, dass die Investition in die Festungswerke sinnvoll gewesen war. Zwar wurden die meisten dieser Forts von der gegnerischen Artillerie bald zerschossen und niedergekämpft, aber sie verzögerten das rasche Vorrücken der Italiener und die damit verbundene handstreichartige Inbesitznahme der Alpeneingänge. Erst nach und nach konnten Truppen aus den anderen Kriegsschauplätzen an die Italienfront verbracht werden, die sich sehr bald in einem Stellungskrieg festrannte.
Der Kampf im Gebirge stellt hinsichtlich Gelände und Witterungseinflüssen immer besondere Anforderungen an die eingesetzten Truppen, weshalb für diese Aufgaben auch vorzugsweise die speziell dafür ausgebildeten und ausgerüsteten Gebirgstruppen Verwendung finden; dies waren im Rahmen der italienischen Armee die Alpinibrigaden und in Österreich-Ungarn die Tiroler Kaiserjäger-Regimenter und Kaiserschützen. Aus taktischer Sicht im Hinblick auf eine erfolgreiche Gefechtsführung wurde folgende Lehrmeinung vertreten: „Grundsatz für jede Angriffshandlung im Gebirge ist: Gewinnen und Innehalten der Höhenlinien, um auf den Landbrücken zum nächsten Ziel zu gelangen. Vermeintliche Umwege auf den Höhenlinien sind einem Überschreiten von Tälern und tiefen Schluchten vorzuziehen. Das kostet mehr Zeit und größere Anstrengungen. Die Täler sind zum raschen Nachziehen geschlossener Reserven, der fahrenden Artillerie und für den Nachschub zu benützen.“10) Diese Lehrmeinung bildete sich aus den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts heraus, wonach, was grundsätzlich auch richtig ist, Anhöhen in Besitz genommen werden sollen. Von dort aus gelingt es leichter, den Raum zu beherrschen, da er besser überblickbar wird und es dem Feind schwerer fällt, vom Tal hinauf die Höhen zu nehmen.11) Die Täler sollten im Hinblick auf eine Verteidigung mit Forts und Werken gesperrt werden, die angrenzenden Höhen mussten sich im Besitz des Verteidigers befinden, um eine Umfassung oder Umgehung der Talsperren zu verhindern. Dazu Erzherzog Karl: „In hohen Gebirgsgegenden findet man nur in den Tälern die Möglichkeit, sich zu bewegen, daher können Stellungen im Gebirge keine andere Absicht als die Verteidigung desselben haben. Man wählt sie auf den Hauptrücken und auf den Vereinigungspunkten mehrerer Täler, wenn man nämlich Mittel findet, die Truppen auf solchen unwirtbaren Höhen leben zu machen, außerdem aber in den Tälern selbst, entweder nach ihrer Breite, oder nach ihrer Länge, sowie es die Umstände erfordern.“12) In dieser Aussage finden wir einen weiteren Aspekt des Kampfes im Gebirge, nämlich die für damalige Verhältnisse nicht besetzbaren Höhen. Erst mit dem Aufkommen der Alpintechnik und der Erforschung der Gipfelregionen ändert sich das. Auch Clausewitz spricht noch von der Unmöglichkeit, die Rücken der höheren Alpen aufgrund ihrer Unwegsamkeit zu besetzen. Grundsätzlich aber hält er ebenso an der Lehrmeinung, dass die Rücken die Täler beherrschten, fest. Allein für das Hochgebirge erkennt er, dass die Waffenwirkung mit den Entfernungen nicht zusammengeht, es also in solchen Gegenden weniger gefährlich für die Truppen wäre, sie ausschließlich im Tale aufzustellen. Aber, so schreibt er, von einer ausschließlichen Aufstellung im Tale geht auch die große Gefahr aus, abgeschnitten zu werden, wenn es dem Feind gelingt, über die Rücken in entsprechende Positionen zu gelangen und von den Höhen herabzusteigen, weshalb also vereinzelte Posten auf den Höhen zu besetzen wären, um derlei zu verhindern.13)
Zur Führung von Gefechten auf den Höhen bedurfte es besonders ausgebildeter Truppen, mit regulären Streitkräften war der Kampf im Gebirge nur schwer machbar. So entschieden beispielsweise die Habsburger bereits im Jahre 1511 mit dem Landlibell, dass in Gebirgsgegenden die Einwohner selbst das Land verteidigen sollten, erstens weil sie die Eigenheiten der Berge besser kannten und zweitens das „zerstreute Fechten“ besser beherrschten als reguläre Truppen, die gewohnt waren, in geschlossener Formation zu kämpfen.14) Durch die zunehmende Entdeckung der Bergregionen während des 19. Jahrhunderts und Entwicklung des Alpinismus begannen auch die Streitkräfte vermehrt in speziell für den Gebirgskampf ausgebildete Truppen zu investieren. Zudem ermöglichte die ständige Verbesserung der Waffentechnik größere Schussweiten zu erreichen, weshalb auch die Talgegenden im Hochgebirge von den Höhen aus beherrschbar wurden. Auch war dadurch ein Zusammenwirken zwischen einzelnen Posten im Hochgebirge möglich geworden, es konnten so genannte Postenlinien eingerichtet werden. Zahlreiche Berghütten zeigten auch, dass ein Überleben in diesen unwirtlichen Gegenden nunmehr möglich geworden war. Der Gebirgskrieg bekam daher durch diese Umstände, verknüpft mit der mittlerweile zur Doktrin gewordenen Formel „Nur wer die Höhen hat, der hat das Tal!“ eine vollkommen neue Dimension der Gefechtsführung. - Der Krieg drang damit in die höchsten Gipfelregionen vor, denn es wurde versucht, den Feind zu überhöhen und eine durchlaufende Postenlinie als Front auf den Gipfeln und Graten zu errichten. Dies hatte zur Folge, dass um jeden Gipfel erbittert gekämpft werden musste; ganze Berggipfel, wie der des Col di Lana, wurden weggesprengt und die Frontlinie unter widrigsten Umständen zu jeder Jahreszeit im Hochgebirge und in den Gletscherregionen gehalten. „Westlich der Etsch, abgesehen von Judikarien, tobte der größte Gletscherkrieg aller Zeiten auf Ortler-Adamello-Presanella bis fast 4.000m Höhe (Ortler-Gipfel) mit den zeitlich und personell größten Gletscherkämpfen aller Zeiten. Östlich der Etsch, abgesehen von der vergletscherten Marmolata, drehte es sich um den größten, längsten, ausgedehntesten Krieg in Felsgebirgen mit seinen eigenen Gesetzen.“15)
Die militärstrategischen Planungen des italienischen Generalstabes unter General Cadorna gingen in einem ersten Ansatz von einem Angriff auf breiter Front aus. Es sollte also gelingen, die Alpeneingänge rasch in Besitz zu nehmen, um dann weiter über das Etsch- und Eisacktal Richtung Innsbruck, über die Karnischen Alpen in den Raum Kärnten und über die Julischen Alpen sowie das Görzer Hügelland in den Raum Laibach durchstoßen zu können. „Am 24. Mai 1915 umfasste das in vier Armeen und vierzehn Armeekorps eingeteilte italienische Heer, einschließlich der Alpini-Truppen und der Bersaglieri, insgesamt 37 Infanteriedivisionen; hinzu kamen noch vier Kavalleriedivisionen, 2.038 Artillerie-Geschütze verschiedenen Kalibers und drei Fluggruppengeschwader mit insgesamt 86 Maschinen, die der zweiten und dritten Armee und dem Oberkommando zugeteilt waren. [...] Etwas mehr als 800.000 Mann wurden an die Front oder in die Mobilmachungsgebiete überstellt, weitere 200.000 Soldaten im Hinterland aufgeboten.“16)
Cadorna griff zwar auf breiter Front an, aber es war ihm von vornherein klar, dass die Eroberung der Alpeneingänge und ein Krieg in den Alpentälern lange und verlustreich zu führen sein würde. Einen raschen Durchstoß versprach der Geländeabschnitt zwischen Tolmein und der Adria, jenem hügeligen Karstland, das Operationen von Großverbänden in einem breiten Ansatz erlaubte. Waren der Isonzo und die östlich davon gelegenen Hügelketten genommen, schien das Angriffsziel Laibach leicht einnehmbar, ebenso wie der weitere Vorstoß in das Grazer Becken. Zu diesem Zweck legte Cadorna das Schwergewicht auf diesen Frontabschnitt und setzte die 2. und 3. Armee dort an. Im Norden, im Raum Gemona und in den südlichen Karnischen Alpen wurde die so genannte „Karnische Gruppe“ gebildet, ein verstärktes Korps mit dem Angriffsziel Villach. Die 4. Armee trat gegen Südtirol aus dem Raum Belluno an, die 1. Armee südlich bis zum Gardasee gegen das Trentino. Diesen beiden Armeen kam auch die Rückendeckung der Streitkräfte am Isonzo zu, da Cadorna einen Angriff aus dem Südtiroler Raum nicht ausschließen konnte. Nordöstlich des Gardasees, aus dem Raum der Sieben Gemeinden, einer Hochebene, bietet sich als einzige Stelle für Großverbände eine breit angelegte Angriffsoperation aus dem Südtiroler Gebiet heraus an. Die Vorsicht General Cadornas war also durchaus begründet. Vom Gardasee Richtung Nordwesten bis zum Stilfserjoch trat das III. (Mailänder) Korps zum Angriff an.
Die hartnäckige Verteidigung der Tiroler Standschützen und das äußerst verteidigungsgünstige Gelände ließen für die Armeen Italiens kaum Geländegewinne zu. Auch der Angriff am Isonzo wurde nur zögerlich vorgetragen, sodass die k. u. k. Armee Zeit bekam, sich zur Verteidigung einzurichten. „Die Abwehr der italienischen Anfangsoffensive lag trotzdem in den Händen schwacher Kräfte, die auch nach der Verlegung von Truppen aus dem Balkanraum den Italienern weit unterlegen blieben. Dem frisch zum Generaloberst beförderten Erzherzog Eugen, dem Oberbefehlshaber der neuen Front gegen Italien, standen durch die Verlegung der 5. Armee und anderer Truppen bald rund 225.000 Mann zur Verfügung, zudem 640 Feldgeschütze.“17) Der Kommandant dieser 5. Armee war der Kroate Svetozar Boroevic von Bojna, jenes Großverbandes, der die Hauptlast der italienischen Offensive zu tragen hatte, die Verteidigung gegen einen zahlenmäßig immer überlegenen Feind am Isonzo.

Der blutgetränkte Boden am Isonzo

„Das Terrain, auf dem die zwölf Isonzoschlachten stattfanden, ist sehr verschiedenartig. Im oberen Teil ist das Isonzotal steinig und gebirgig, im unteren Teil geht es in eine fruchtbare Ebene über, sodass es in zwei Teile zerfällt. Der Isonzo wird von zahlreichen Bächen gespeist, die bei heftigen Regenfällen zu Sturzbächen werden. Dann ist dieses Gelände nahezu unpassierbar. Im unteren Isonzotal bestehen gute Verkehrsverbindungen, was im oberen Isonzotal nicht der Fall ist. Im Osten erhebt sich das wasserarme und schlecht passierbare Karstplateau. Im mittleren Isonzotal von Görz bis Tolmein gehen die Hügel allmählich in das Voralpenland über. Im oberen Isonzotal von Tolmein bis zum Rombon aber erheben sich hohe Berge. Der Winter ist hier lang, und es fällt auch viel Schnee. Die Wege sind steil und schwer passierbar.“18) Der Mittelabschnitt des Isonzotales bildet somit neben den Sieben Gemeinden den zweiten Bereich, der für eine breit angelegte Angriffsoperation aus dem Alpenraum heraus in die venetische Ebene geeignet ist.
Die erste Isonzoschlacht begann am 23. Juni 1915. Die italienischen Truppen griffen in veralteter, eng gedrängter Schlachtformation die österreichischen Stellungen frontal an. Die Artillerie hatte zwar tagelanges Vorbereitungsfeuer geschossen, doch dieses war weitgehend wirkungslos geblieben, was auf die Unerfahrenheit der italienischen Kanoniere im Kriege zurückzuführen war. Der Angriff wurde abgeschlagen, die italienischen Truppen erlitten schwere Verluste und machten kaum Gebietsgewinne. Am 7. Juli war die Schlacht zu Ende.
Der nächste Ansturm der Italiener erfolgte als zweite Isonzoschlacht vom 17. Juli bis zum 10. August 1915. Die Angriffstaktik der Infanterie war die gleiche geblieben, die Artillerie konzentrierte sich jedoch auf den Südabschnitt, den Monte San Michele, die Hochfläche von Doberdo und die Stadt Görz, die während der ersten Schlacht bereits zum großen Teil zerstört worden war. „Bald kamen auch die Granaten. Pfui Teufel, mir wird heute noch schlecht, wenn ich daran denke. Wie sie heulend hereinkrachten in die Leichenhaufen, die unsere Deckung bildeten - premm - und die Fetzen flogen! Ich bekam gleich am Anfang ein Stück Darm einer halbverfaulten Honvedleiche ins Gesicht. Alle Sprachen der Erde können das Scheußliche nicht schildern, was jetzt kam. In einem Moment wirbelte die Brustwehr, die wir uns in der Nacht geschaffen hatten, in der Luft herum, haushoch spritzte der Schlamm hinter uns aus den Granatlöchern, ein ununterbrochenes Geprassel, Gekrache, Geheule, ein wahnsinniges Brüllen und Gurgeln der Verwundeten und Sterbenden. Ich drückte mich an die Erde und dachte nichts, als dass jeder neue Atemzug, den ich tat, eine Gnadenfrist des Todes sei, die er mir gewährte.“19) Nach geringfügigen Geländegewinnen ließ Cadorna die Offensive einstellen. Beide Seiten hatten enorme Verluste - je 40.000 Mann - zu verzeichnen.
Die dritte Isonzoschlacht vom 18. Oktober bis zum 4. November 1915 war wieder eine breit angelegte Offensive auf dem gesamten Frontabschnitt mit ausgiebiger Artillerievorbereitung. Es wurden keine Geländegewinne durch die italienischen Truppen erzielt, die Zahlen der Verluste stiegen jedoch auf 68.000 Mann, davon 11.000 Tote, etwa 12.000 italienische Soldaten gingen in Gefangenschaft; auf k. u. k. Seite lagen die Verluste etwa bei der Hälfte.
Auch die vierte Isonzoschlacht vom 10. November bis zum 14. Dezember 1915 konzentrierte sich wieder auf die Stadt Görz und die Hochfläche von Doberdo, sie brachte aber kaum Gebietsgewinne, jedoch wieder hohe Verluste - 50.000 bei den Italienern, etwa die Hälfte auf der Gegenseite.
Auf Drängen der Alliierten hin entschloss sich General Cadorna eher widerwillig im Spätwinter 1916 zu einer Offensive; sie dauerte nur fünf Tage vom 11. bis zum 16. März. Diese fünfte Isonzoschlacht brachte keine Änderung des Frontverlaufes und hatte nur relativ geringe Verluste - auf beiden Seiten etwa 2.000 Mann - zu verzeichnen. Während jedoch das Königreich sich ganz auf diesen Kriegsschauplatz konzentrieren konnte und daher trotz hoher Verluste immer neue Truppen zuzuführen in der Lage war, stellten die Verluste die k. u. k. Armee, die an drei Fronten zu kämpfen hatte, vor erhebliche Ersatzprobleme. Die Isonzofront brauchte dringend eine Entlastung.
Aus diesem Grunde entschloss sich das Armeeoberkommando unter Leitung von Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf zu einer Offensive aus dem Raum der Sieben Gemeinden in den Rücken der italienischen Streitkräfte am Isonzo mit dem Ziel, in die venetische Ebene hinabzustoßen, bis an die Adria bei Venedig vorzurücken und damit die italienischen Verbände der 2., 3. und 4. Armee einzukesseln. Die schlechten Witterungsverhältnisse, v.a. aber der schneereiche Winter verzögerten das Vorhaben, sodass der Überraschungseffekt weitgehend ausfiel. Das gab den italienischen Verbänden Zeit, ihre Verteidigungsstellungen auszubauen und verteidigungsungünstig gelegene vorgeschobene Teile zurückzunehmen. Diese erste Offensive der k. u. k. Armee gegen Italien begann am 15. Mai und zeitigte Anfangserfolge und Gebietsgewinne. Sie wurde aber dann zu wenig schwungvoll weitergeführt und blieb stecken, bevor die Verbände breit in die Ebene hinaustreten konnten. Dieses langsame Vorwärtskommen bzw. das Erlahmen des Angriffsschwunges lag in erster Linie an der Doktrin des unbedingten Erkämpfens der Höhen, um dann im Tal die Masse der Truppen nachführen zu können - eine sehr zeitraubende Angelegenheit, noch dazu unter ungünstigen Witterungsverhältnissen. Ein weiterer Hindernisgrund war die mangelnde Führungsfähigkeit mancher Kommandanten, ein Hauptgrund jedoch war v.a. die im Osten angelaufene Brussilow-Offensive der Russen, die eine Herausnahme von Verbänden und deren Verlegung an die Ostfront erzwang, wo die k. u. k. Armee inzwischen schwere Verluste an Soldaten und Raum hatte hinnehmen müssen. Die Südtirol-Offensive wurde mit 18. Juni beendet. Im Zuge dessen setzten die italienischen Streitkräfte mit einer Gegenoffensive gegen den Raum der Sieben Gemeinden an. Trägerin dieses Angriffes war die neu gebildete 6. Armee, ihr erstes Angriffsziel war das Gebiet um den Monte Ortigara im südlichen Trentino, weshalb diese Operation in der italienischen Kriegsgeschichte als Ortigaraschlacht verzeichnet wird. Nach schweren italienischen Verlusten von über 25.000 Soldaten musste die Offensive am 25. Juni eingestellt werden.20)
Bemerkenswert in dieser Phase des Krieges ist, dass am 28. Juni der erste Giftgasangriff auf dem italienischen Kriegsschauplatz durchgeführt wurde. Zwar hatte Kaiser Franz Joseph I. den Einsatz von Giftgas als unehrenhaft betrachtet und stets abgelehnt - schließlich war dessen Verwendung auch gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1907 explizit verboten; sollte jedoch der Gegner zu diesem Kampfmittel greifen, würde sein Einsatz als Vergeltungsmaßnahme erlaubt sein. Daher wurden auch in der Donaumonarchie Vorbereitungen für einen solchen Einsatz getroffen. Meldungen über einen italienischen Giftgasangriff im Frühjahr 1916, bei dem es sich allerdings um vergleichsweise harmlose Reizkampfstoffe handelte, gaben für den obersten Kriegsherrn den Anlass, das Verbot zur Verwendung von Giftgas aufzuheben. Das für diese Angelegenheiten zuständige Spezialsappeurbataillon führte daraufhin auf der Hochebene von Doberdo im südlichen Isonzoabschnitt einen sogenannten Blasangriff mit Chlorgas durch. Die Italiener wurden dabei völlig unvorbereitet überrascht und mussten etwa 6.000 Verluste hinnehmen. Dennoch schlug dieser Angriff fehl, was auf die Unerfahrenheit der Truppe mit diesem Kampfstoff zurückzuführen ist, denn auch die k. u. k. Armee verzeichnete bei diesem Angriff zahlreiche Gastote. Zudem ist das Blasverfahren nur äußerst aufwendig zu bewerkstelligen und bedarf langer Vorbereitungszeiten. Im Gebirge mit seinen oft plötzlich wechselnden Witterungsverhältnissen und Winddrehungen erwies sich dieses Verfahren als unbrauchbar, weshalb von einem weiteren Giftgaseinsatz an der Isonzofront vorerst Abstand genommen wurde.21)
Nachdem die italienischen Truppen bei den Kämpfen im Südtiroler Raum im Frühsommer insgesamt an die 150.000 Mann verloren hatten, rechnete Generaloberst Boroevic nicht mit einer Sommeroffensive am Isonzo. Allerdings stand General Cadorna nach den bisherigen hohen Verlusten und mangelnden Erfolgen unter enormem Zugzwang seitens der römischen Politik. Zudem hatte man die Angriffstaktik insofern geändert, als nun die Infanterie nicht mehr bloß die Aufgabe zu übernehmen hatte, die von der Artillerie in stunden- bis tagelangem Vernichtungsfeuer zerschossenen Stellungen zu besetzen. Vielmehr ging man daran, die Infanterie nach relativ kurzer (ein bis zwei Stunden) gezielter Artillerieunterstützung auf die vordersten Stellungen angreifen zu lassen und das Artilleriefeuer in die Tiefe zu verlegen. Die Gefechtstechnik der Infanterie hatte sich allerdings nicht geändert, sondern die italienischen Kompanien griffen nach wie vor im Sturmlauf frontal breit und dicht gestaffelt und de facto ohne ausreichende Flachfeuerunterstützung an.
Die aufgrund der Südtirol-Offensive ohnehin ausgedünnten k. u. k. Truppen wurden von der am 4. August begonnenen italienischen Offensive überrascht. Das Schwergewicht des Angriffes lag im Süden mit dem Ziel der Eroberung der Stadt Görz, was auch gelang. Die Front wurde in diesem Abschnitt zurückgenommen auf eine Linie, die in etwa dem heutigen Grenzverlauf zwischen Italien und Slowenien entspricht. „Boroevic blieb in der Tat nichts anderes übrig, als Görz und Doberdo zu räumen, um einer Umfassung seiner Truppen zuvorzukommen. Er erhielt keine Verstärkung und die Munition ging aus. Erst am 8. August, vier Tage nach dem Beginn der Schlacht, traf Verstärkung an Mensch und Material ein. Am 9. August begann die zweite Phase der italienischen Offensive, um den Verteidiger auch aus den neuen Positionen zu vertreiben. Die Kämpfe dauerten fast eine Woche. Diesmal wurden die Italiener zurückgeschlagen und mussten sich mit dem zuvor Erreichten zufrieden geben.“22)
Diese sechste Isonzoschlacht brachte die bisher größten Gebietsgewinne für Italien und führte zum Verlust der Stadt Görz, was in Italien als großer Sieg gefeiert wurde und den politischen Druck von General Cadorna etwas wegnahm. Die auf allen Fronten ungünstige Situation für die Mittelmächte und der Erfolg im Sommer veranlassten den italienischen Generalstabschef, bereits am 14. September eine neue Offensive am Isonzo mit dem Angriffsziel Triest zu beginnen. Diese siebente Isonzoschlacht endete am 18. September, nachdem keine Gebietsgewinne erzielt werden konnten und die Italiener in ihre Ausgangspositionen zurückgeworfen worden waren.
Ein neuerlicher Durchbruchversuch der Italiener, die achte Isonzoschlacht, startete am 9. Oktober, abermals mit dem Angriffsziel Triest. Somit ist in diesem Angriff de facto eine Fortsetzung der siebenten Isonzoschlacht zu sehen. Die k. u. k. Truppen verteidigten das Gebiet um Hermada so nachhaltig, dass die Offensive am 13. Oktober eingestellt werden musste.
Die letzte Offensive Cadornas zur Eroberung von Triest in diesem Jahr, die neunte Isonzoschlacht, begann am 31. Oktober 1916 und endete wegen Erfolglosigkeit am 4. November. Diese drei Schlachten hatten kaum Gebietsgewinne gebracht, auf beiden Seiten jedoch je an die 100.000 Mann Verluste gefordert. Die steigende Anzahl der Kriegsgefangenen wies zudem auf eine sich einschleichende Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten hin.

Schicksalsjahr 1917

Noch 1916, am 21. November, war Kaiser Franz Joseph I. verstorben, und der neue Oberbefehlshaber, Kaiser Karl I., versprach den gepeinigten Völkern der Monarchie, einen baldigen Frieden erwirken zu wollen. Aus militärischer Sicht änderte sich mit dem Machtwechsel in der Donaumonarchie als eine erste Maßnahme die Verlegung des Armeeoberkommandos aus Teschen in Österreichisch-Schlesien um den Jahreswechsel nach Baden bei Wien - ein Signal an die Deutsche Oberste Heeresleitung, dass der neue Kaiser bestrebt war, die Führung seiner Truppen nicht nur repräsentativ zu übernehmen. Auch das Verhältnis zu seinem Generalstabschef trübte sich immer mehr ein, sodass mit 1. März 1917 Feldmarschall Conrad von Hötzendorf von General Arthur Arz von Straußenburg in dieser Funktion abgelöst und mit der Führung der Verteidigung in Tirol beauftragt wurde.
Auch das Kriegsgeschehen nahm eine Wende. Im Frühjahr dankte Zar Nikolaus II. von Russland ab und die Revolution brach aus. Zwar blieb Russland noch im Rahmen der Entente, aber aufgrund der innerrussischen Zerwürfnisse und der Kriegsmüdigkeit des russischen Volkes nach den enormen Verlusten der vergangenen Kriegsjahre war ein Zusammenbruch der russischen Front absehbar. Die letzte Offensive der neuen Regierung Kerenski blieb in der Anfangsphase stecken, und den Mittelmächten gelang es, durch die Einschleusung des bolschewistischen Revolutionärs Lenin die Situation in Russland weiter zu destabilisieren, bis mit dem Ausbruch der Oktoberrevolution das Land tatsächlich aus dem Krieg ausschied.
Allerdings waren im Frühjahr 1917 die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg auf Seiten der Entente eingetreten und bewirkten in einem ersten Ansatz massive Materialverstärkungen für die ebenfalls am Rande ihrer Leistungsfähigkeit stehenden Truppen Großbritanniens und v.a. Frankreichs. Rumänien, das im Sommer 1916 auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten war, wurde um den Jahreswechsel vernichtend geschlagen und die Hauptstadt Bukarest von den Mittelmächten erobert. Aus diesen Gegebenheiten heraus kann das Jahr 1917 als das Schlüsseljahr des Krieges betrachtet werden, denn die Erfolge der Mittelmächte im Osten und auf dem Balkan konnten dazu gereichen, einen Gesamtsieg zu erlangen. Allerdings war es ein Wettlauf gegen die Zeit, da es galt, vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor die USA mit voller Wucht auf dem europäischen Kriegsschauplatz wirksam werden konnten. Bei den westlichen Alliierten machte sich zudem eine Kriegsmüdigkeit breit, die v.a. in Italien die politische Führung unter Zugzwang setzte - es brauchte militärische Erfolge. Dazu war das Heer weiter verstärkt worden und umfasste Anfang 1917 bereits sechs Armeen mit 26 Armeekorps, gegliedert in 65 Infanteriedivisionen und 26 Alpinibrigaden mit insgesamt 8.000 Geschützen.23)
Nach einem halben Jahr Schlachtenpause trat daher das italienische Heer am 12. Mai 1917 erneut gegen die Stellungen der Isonzoarmee an. Das Angriffsziel sollte wieder Triest sein, jedoch war der Hauptoffensive ein Scheinangriff im Norden vorgestaffelt, um Boroevic zu veranlassen, seine Reserven dorthin zu verlegen. Der Generaloberst durchschaute jedoch die italienischen Absichten und brachte die Offensive bei Hermada zum Stehen. „Man war Zeuge eines Blutbades, wie man es zuvor an der Isonzofront noch nicht gesehen hatte. Und auf die Angreifer, die den Artilleriehagel und das Maschinengewehrfeuer letztendlich überlebten, wartete der Kampf Mann gegen Mann. Die Verteidiger verwendeten außer Bajonetten auch geschliffene Spaten oder Knüppel, verstärkt durch Metallnägel oder Granatsplitter.“24)
Allerdings hatten sich die Italiener eine günstige Ausgangsposition für den weiteren Angriff auf Triest erkämpft. Trotz fehlender Reserven entschloss sich Boroevic für einen Gegenangriff und fiel ab dem 3. Juni, getragen von massiver konzentrierter Artillerieunterstützung, über die noch nicht ausreichend befestigten italienischen Stellungen im Raum Hermada her. Dieser Überfall und die Wucht des Angriffes überrumpelten die Italiener völlig, sodass sich ganze Regimenter kampflos ergaben. Die Ausfälle, auf beiden Seiten insgesamt 240.000 Mann, waren enorm, die Geländegewinne der Italiener nahmen sich dagegen äußerst bescheiden aus. Am 5. Juni war die zehnte Isonzoschlacht beendet.
Die italienische Propaganda feierte die Eroberung jedes noch so unbedeutenden Fleckens Geröll als einen großen Sieg, v.a. um die Zustimmung zum Krieg in der Bevölkerung weiter aufrechterhalten zu können. Aus militärischer Sicht musste daher sehr bald weiter angegriffen werden, um endlich einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen, waren doch bereits in der zehnten Isonzoschlacht über 27.000 italienische Soldaten in die Gefangenschaft gegangen. Das Infragestellen dieses sinnlosen Blutvergießens war daher auch bei der Truppe ein Thema. Demzufolge wurde ab dem 17. August eine weitere Offensive, die elfte Isonzoschlacht, begonnen. Der Angriff erfolgte auf breiter Front von Tolmein bis zur Adria. Dabei gelang es den Angreifern, die Hochebene von Bainsizza zu erstürmen; an allen anderen Frontabschnitten blieb der Angriff jedoch bald liegen, oder die anfangs erstürmten Gebiete wurden durch Gegenangriffe wieder zurückerobert. Die Offensive musste v.a. wegen Munitionsmangel und gewaltiger Menschenverluste am 13. September eingestellt werden. „Die Verluste an Menschenleben waren erschreckend hoch. Die italienischen Verluste übertrafen allem Anschein nach bei Weitem die Zahl 170.000 (davon 46.000 Tote). Die Doppelmonarchie hatte weniger Verluste; sie beliefen sich auf 100.000 (davon 10.000 Tote).“25)
Waren diese Ausfallszahlen für das italienische Heer fatal, so waren sie für Österreich-Ungarn nicht mehr zu verkraften. Generaloberst Boroevic hatte in diesen elf Schlachten als „der Löwe vom Isonzo“ die Monarchie nach allen Regeln der Kunst und aus der Position der permanenten Unterlegenheit an Personal und Material erfolgreich verteidigt. Für einen weiteren Angriff waren die taktischen Möglichkeiten zur Verteidigung de facto ausgeschöpft; Boroevic konnte die Verbände auf keine weitere Verteidigungslinie mehr zurücknehmen, um von dort wieder im Rahmen von Gegenstößen zu agieren. Die bisher erfolgreich praktizierte bewegliche Verteidigung war an ihr Ende gelangt - war diese letzte Verteidigungslinie einmal durchstoßen, dann war der Weg in das Laibacher Becken offen. „Die österreichisch-ungarische Widerstandskraft auf dem personellen und materiellen Sektor wurde im Laufe des Jahres 1917 v.a. durch die steigenden Verluste an der Isonzofront geschwächt. Es war vorauszusehen, dass eines Tages der Ansturm der italienischen Armeen zumindest zu einer Katastrophe für die Südwestfront führen könnte [...]“26) Exakt dieser Zeitpunkt war nun eingetreten, und Generaloberst Boroevic konnte den Generalstab in Baden überzeugen, dass es zu einer finalen Lösung am Isonzo kommen musste, wollte man nicht den Durchbruch der Italiener in den slowenischen Raum riskieren.
Bereits während der elften Isonzoschlacht hatte Generalstabschef Arz die Möglichkeit einer Offensive als Lösung in den Raum gestellt. Ohne Unterstützung durch deutsche Verbände und ihre reichliche Dotierung an Kampfmitteln schien die Aufgabe jedoch unlösbar und zum Scheitern verurteilt. Der italienische Kriegsschauplatz wurde, im Gegensatz zu den Fronten im Osten und auf dem Balkan, während des gesamten Krieges als rein österreichisch-ungarisches Unternehmen geführt, und daher betrachtete der Kaiser diese Front als eigenste Prestigeangelegenheit. General Arz hatte demzufolge eine wichtige Vermittlungsarbeit zwischen den Monarchen der Mittelmächte zu leisten, um letztendlich die deutsche Unterstützung doch noch zu bekommen. Schließlich aber sah auch die Deutsche Oberste Heeresleitung ein, dass ein Durchbruch der Italiener am Isonzo zu einem Zusammenbruch der Monarchie und damit zum endgültigen Wegfall des Bündnispartners geführt hätte. Im Brief Kaiser Wilhelms II. an Kaiser Karl I. am 1. September 1917 kommt dies daher sehr deutlich zum Ausdruck: „Indem ich Dich zu der tapferen Haltung Deiner unter schwierigsten Verhältnissen gegen eine Übermacht kämpfenden braven Isonzoarmee beglückwünsche, pflichte ich Deiner Ansicht durchaus bei, dass dort Entlastung nur durch eine kraftvolle Offensive am wirksamsten herbeigeführt werden kann. [...] Du kannst überzeugt sein, dass es nicht nur bei meiner Armee, sondern in ganz Deutschland Jubel auslösen würde, wenn es gelänge, dass deutsche Truppen mit Deinen braven Isonzokämpfern dem wortbrüchigen Italien zu Leibe gingen. Gott gebe, dass dieser Tag uns naht.“27)
Nach einer bereits im Sommer durchgeführten Erkundung durch deutsche Offiziere und intensiven Beratungen zwischen der Deutschen Obersten Heeresleitung und dem Armeeoberkommando in Baden wurde die gemeinsame Offensive aus dem Raum Flitsch-Tolmein beschlossen; den Oberbefehl dafür übernahm ausdrücklich Kaiser Karl.28)
General Cadorna wurde zwar von den Alliierten gedrängt, eine weitere Offensive noch 1917 zu eröffnen, aber die hohen Verluste in den beiden Schlachten dieses Jahres mussten zunächst ausgeglichen werden, zudem war er der Ansicht, dass er dem Bündnis für dieses Jahr bereits ausreichend gedient hätte. Geheimdienstberichten zufolge, wonach sich bei den k. u. k. Truppen im Osten bereits erste Auflösungserscheinungen gezeigt hätten, ließen ihn siegesgewiss abwarten und eine neue Offensive für das Frühjahr 1918 planen, um mit weit überlegenen Kräften dieser zerbröckelnden Armee den finalen Stoß zu versetzen. An eine Offensive seiner Gegner dachte Cadorna zunächst nicht, denn die zahlenmäßige Überlegenheit vermittelte ihm ein gewisses Maß an Sicherheit. Auch wenn bereits Meldungen von österreichisch-ungarischen Truppenkonzentrationen am Isonzo eingegangen waren, beunruhigte ihn das nicht weiter, da er dies den Befürchtungen des Gegners hinsichtlich einer weiteren italienischen Offensive noch in diesem Jahr zuschrieb - er nahm also beim Feind jene üblichen Verstärkungen an, die zur Auffüllung der Verluste dienen sollten.

Der Aufmarsch

Nachdem das Deutsche Kaiserreich seine Unterstützung zugesagt hatte, wurde darangegangen, die Offensive zu planen - sie sollte noch vor dem Winter erfolgen. Zum Ausgangspunkt für diese Operation wurde der bereits erwähnte Geländeabschnitt zwischen Flitsch und Tolmein ausgewählt, eben jenes günstige Gelände für einen Vorstoß von Großverbänden aus dem Osten. Dem Gegner wurde allerdings die Zusammenziehung von Truppen an zwei anderen Stellen vorgetäuscht. So fuhren im Südtiroler Raum bei Tag Verstärkungen an die Front, die in der Nacht wieder in ihre Ausgangsstellungen zurück verfrachtet wurden, um am nächsten Tag wieder nach vorne verlegt zu werden. Eine weitere Offensive aus dem Raum der Sieben Gemeinden heraus galt als nicht unwahrscheinlich. Zudem wurden deutsche Bataillone über Tirol verteilt in den Frontverlauf der 11. Armee integriert, die durch Übermittlung irreführender Befehle eine Konzentration von deutschen Truppen im Raum Südtirol vortäuschten. Auch im Raum Triest und im Karstgelände wurden Truppenkonzentrationen vorgetäuscht. Seitens der dort eingesetzten Truppen wurde ständiger Druck auf die Italiener ausgeübt, um ihnen eine Rückeroberungsabsicht der Bainsizza-Hochebene oder der Stadt Görz anzuzeigen. Auch die Flotte beteiligte sich durch die Beschießung von Landzielen im Küstenbereich an den Täuschungsmaßnahmen.
Ziel dieser Offensive sollte es sein, die Isonzofront zu entlasten, in die venetische Ebene durchzustoßen und die Italiener hinter den Tagliamento zurückzuwerfen, also Geländegewinne zu erzielen und die Front um etwa 50 Kilometer nach Westen zu verschieben. Es sollte damit lediglich eine Stellungsverbesserung erzielt werden, um der Isonzofront bessere Bedingungen für eine weiterfolgende nachhaltige Verteidigung zu gewährleisten. An einen Durchbruch im Sinne der Einkesselung des italienischen Heeres in der venetischen Ebene war nicht gedacht.
Die italienische Führung erkannte durch Auswertung der Spionagetätigkeit und der Luftaufklärungsergebnisse im Oktober aber sehr bald, dass eine Offensive bevorstünde; allerdings gelang es ihr nicht, den Ort und den Zeitpunkt richtig einzuschätzen - obwohl Überläufer dies ziemlich genau verraten hatten; ihren Aussagen wurde aber nicht die entsprechende Bedeutung zugemessen. Cadorna erwartete daher die Offensive im Isonzotal im Süden. Die schwere Artillerie wurde folgerichtig aus der Bainsizza-Hochebene und dem Karstgebiet zurückgenommen, um sie nicht frühzeitig in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Eine Umgruppierung zur tief gestaffelten Verteidigung wurde v.a. bei der 2. Armee (General Capello), die den oberen Abschnitt des Isonzotales zu verteidigen hatte, nicht durchgeführt. Die 3. Armee (General d’Aosta) am unteren Isonzo-Abschnitt lag tiefer gestaffelt, was bestätigt, dass das Schwergewicht der Offensive in diesem Raum angenommen wurde und somit die Täuschungsmaßnahmen von Erfolg gekrönt waren. Zudem war die italienische Armee an die Verteidigung nicht gewöhnt; die Offiziere waren mit der Vorbereitung zur Abwehr eines Großangriffes überfordert und mental nicht darauf eingestellt - zu sehr verließen sie sich auf ihre Überlegenheit an Personal und Material.
Für die Heranführung der Truppen der Mittelmächte und des notwendigen Materials wurden 30 Tage berechnet. Da man erst nach Abschluss aller Planungen ab 20. September beginnen konnte, die dafür vorgesehenen Verbände aus den anderen Kriegsschauplätzen zuzuführen, wurde der Angriffsbeginn zunächst auf den 22. Oktober festgelegt. Während dieser 30 Tage bedurfte es zur Heranbringung aller Teile mit der Bahn insgesamt 2.400 rein militärischer Züge; diese enthielten rund 100.000 Waggons und somit etwa ein Drittel des gesamten für Kriegstransporte verwendbaren Wagenstandes der Monarchie. Die im unmittelbaren Bereich der Front verkehrenden Feldeisenbahnen mussten zu diesem Zweck mit Tarnmaßnahmen zusätzlich verschleiert werden, um den Aufmarsch nicht frühzeitig der italienischen Luftaufklärung preiszugeben. Am Angriffstag standen aber auf dem gesamten Frontabschnitt zwischen Flitsch und Triest 3.540 Geschütze und 78 Minenwerferbatterien bereit - mehr als die Hälfte dieser Waffen war für die Offensive zugeführt worden. Für deren Transport im Frontbereich waren 30.000 Artilleriezugpferde zugewiesen worden.
„An öst.-ung. Munition wurde vom 8. September bis 16. Oktober rund eine Million Schuss zugeschoben, darunter 10 v. H. Gasmunition. Zu ihrer Verfrachtung benötigte man allein 2.000 Waggons oder rund 60 Züge zu je 60 Achsen. Durch diese Zuweisungen - die Höhe der deutschen Zufuhren ist nicht bekannt - sollte der Munitionsvorrat beim Korps Krauss, bei der 14. Armee und beim Nordflügel der 2. Isonzoarmee auf 1.000 Schuss für jedes leichte Feld- (Gebirgs-)geschütz, 800 für jede schwere Haubitze, 500 für jede 10,4cm-Kanone und 200 für jeden 30,5cm-Mörser gebracht werden. Für die anderen Teile der Heeresgruppe Boroevic wurde eine um etwa ein Viertel geringere Munitionsausstattung vorgesehen.“29) Insgesamt wurden daher etwa 1,5 Millionen Artilleriegeschoße für diesen Angriff bereitgestellt. Zudem wurde zahlreiches Kriegsbrückengerät zur Überwindung der mitunter schwer passierbaren Gebirgsflüsse zugeführt; 30.000 Kriegsgefangene wurden als Arbeiter mitgeführt. Zur Täuschung des Gegners begann das Einschießen der Artillerie im Süden des Frontabschnittes ab Mitte Oktober, wofür täglich pro Division 1.500 Schuss verwendet werden durften.
Zu Angriffsbeginn waren die k. u. k./deutschen Truppen in folgende Verbände aufgegliedert: einerseits die Heeresgruppe Conrad für den gesamten Bereich Südtirol vom Stilfserjoch an der Schweizer Grenze bis einschließlich der Dolomitenfront mit dem Auftrag, weiter zu verteidigen, andererseits die Heeresfront Erzherzog Eugen entlang des Isonzo; die in den Karnischen Alpen liegende 10. Armee wurde bei Angriffsbeginn an die Heeresfront Erzherzog Eugen unterstellt. Die Heeresfront verfügte daher auf ihrem rechten Flügel über die 10. Armee unter Generaloberst von Krobatin mit der 94. Infanteriedivision (ID) und die zu einer Gruppe zusammengefasste 29. und 59. Gebirgsbrigade. Ihr linker Flügel sollte der anschließenden 14. Armee die Flanken freihalten und nördlich des Fella-Tales vorstoßen.
Die Hauptlast der Offensive hatte die neu gebildete Deutsche 14. Armee zu tragen. Sie hatte aus den Räumen Flitsch und Tolmein anzutreten und Richtung Gemona und Cividale anzugreifen, um dann über Udine (Sitz des italienischen Hauptquartiers) an den Tagliamento vorzustoßen. Zur Bewältigung dieser Aufgabe standen dem preußischen General v. Below vier Gruppen zur Verfügung. Auf dem rechten Flügel stand die Gruppe Krauss (Öst.-ung. I. Korps) mit der 3. ID, der 22. Schützendivision, der 55. ID und der Deutschen Jägerdivision. Sie sollte über Saga und Karfreit Richtung Gemona angreifen. In der Mitte trat die Gruppe Stein (III. bayr. Armeekorps) mit der öst.-ung. 50. ID, der deutschen 12. ID, dem Deutschen Alpenkorps und der deutschen 117. ID an, mit Hauptangriffsziel Monte Matajur, um dann weiter entlang des Natisone-Tales Richtung Cividale vorzustoßen. Daran anschließend sollte die tief gestaffelte Gruppe Berrer (Generalkommando LI.) mit der deutschen 26. ID und der deutschen 200. ID den Jezablock wegnehmen und im Anschluss gemeinsam mit der Gruppe Stein Richtung Cividale weiter angreifen. Am rechten Flügel lag die Gruppe Scotti mit der öst.-ung- 1. ID und der deutschen 5. ID tief gestaffelt. Ihr kam die Aufgabe zu, den Monte Hum zu nehmen und dann im Zusammenwirken mit dem linken Nachbarn (Heeresgruppe Boroevic) entlang des Kolowratrückens Richtung Westen, Angriffsziel: Castell del Monte, vorzustoßen.
Hinter der Deutschen 14. Armee wurden die Heeresreserven (4. und 33. ID, 13. Schützendivision) gruppiert. Das Schwergewicht des Angriffes lag somit auf der kürzesten Sehne über Cividale nach Udine. Die k. u. k./deutschen Truppen waren daher im Einbruchsraum den italienischen Kräften um zirka das Doppelte überlegen.
Vom Raum Tolmein bis an die Adria kommandierte in bewährter Weise Generaloberst Boroevic seine nunmehr neu formierte Heeresgruppe, bestehend aus der 2. Isonzoarmee rechts und der 1. Isonzoarmee bis an die Adria. Der Küstenabschnitt bei Triest wurde von Marineinfanterie und Freiwilligen Schützenbataillonen in verminderter Divisionsstärke verteidigt. Die 2. Isonzoarmee (Armeereserve: II. Korps mit 28., 29. und 9. ID) sollte insbesondere auf dem rechten Flügel den Angriff mittragen. Dazu wurde die Gruppe Kosak gebildet mit der 60., 35. und 57. ID; sie sollte zunächst das Gebiet um den Vrh nehmen und in weiterer Folge den Isonzo überschreiten. Das in der Mitte stehende XXIV. Korps mit der 24. und der 53. ID sollte sich im Angriff der Gruppe Kosak anschließen. Das auf dem linken Flügel stehende IV. Korps mit der 43. Schützendivision und der 20. Honved-Infanteriedivision sollte den Monte San Gabriele nordostwärts von Görz in Besitz nehmen. Der 1. Isonzoarmee (rechts: XVI. Korps mit der 58., 63. und 14. ID; Mitte: 44. Schützendivision, 17. und 48. ID; Links: XXIII. Korps mit 41. Honved-ID, 16. und 12. ID; Armeereserve: 21. Schützendivision) fiel die Aufgabe zu, möglichst viele Feindkräfte durch Angriffe mit begrenztem Ziel zu binden.
Die italienischen Truppen waren zum Zeitpunkt der Offensive wie folgt eingesetzt: Das III. Korps hielt den Raum vom Stilfserjoch bis zum Gardasee, die 1. Armee mit sechs Korps vom Gardasee bis zum Val Sugana, also gegen die Hochfläche der Sieben Gemeinden gerichtet, von wo aus die erste Offensive der Mittelmächte im Frühsommer 1916 ihren Ausgang genommen hatte. Die 4. Armee mit zwei Korps war im Dolomitenabschnitt eingesetzt und das XII. Korps in der so genannten Zona Carnia - in den Karnischen Alpen. Vom Rombon bei Flitsch bis Wippachtal südlich Görz war der Verteidigungsbereich der 2. Armee unter General Capello; diese Armee war in neun! Korps gegliedert und verfügte damit über 25 Infanteriedivisionen, eine Alpinigruppe und 604 Geschützbatterien. Dabei lagen die Alpini sowie von den Infanteriedivisionen vor Tolmein und nördlich davon, vier in vorderster Linie und drei in der Tiefe, die anderen 19 Infanteriedivisionen waren im südlichen Abschnitt des insgesamt 60 Kilometer breiten Verteidigungsbereiches eingesetzt. Zusätzlich befand sich im Raum der 2. Armee bei Cividale noch eine Heeresreserve, bestehend aus drei Infanteriedivisionen und einer Kavalleriedivision. Die 3. Armee mit einem zwölf Kilometer breiten Verteidigungsbereich vom Wippachtal bis zur Adria war in vier Korps mit insgesamt neun Infanteriedivisionen und 247 Geschützbatterien gegliedert. Zudem befand sich im Raum der 3. Armee bei Palmanova eine Heeresreserve im Umfang von vier Infanteriedivisionen und drei Kavalleriedivisionen. Auch die Gruppierung der italienischen Kräfte zeigt sehr deutlich, dass General Cadorna die Offensive im Süden erwartete und die Täuschungsmaßnahmen der Mittelmächte Erfolg gezeitigt hatten. Die Offensive zielte also auf eine Schwachstelle in der italienischen Verteidigung, wo mit einer klaren Schwergewichtssetzung eine Überlegenheit des Angreifers erzielbar war.

Angriffsbeginn: 24. Oktober 1917, 2 Uhr nachts

Die italienischen Truppen waren wegen ihrer Siegesgewissheit und ihres Überlegenheitsdenkens zwar mental nicht ausreichend auf eine Verteidigung eingestellt, es waren jedoch sehr wohl entsprechende Maßnahmen zur Abwehr einer gegnerischen Offensive unternommen worden. Die Stellungen waren ordentlich ausgebaut, die Truppen ausreichend eingedeckt untergebracht. V.a. die Geschütze waren in gut geschützten Kavernen platziert, auf halbem Hang, womit sie die Täler und Becken von Flitsch und Tolmein gezielt unter Feuer nehmen konnten. Diese Kavernengeschütze waren bei den k. u. k. Truppen besonders gefürchtet, da sie - wenn überhaupt - nur unter schweren Verlusten angriffsweise auszuschalten waren. Anders verhielt es sich allerdings beim Einsatz von Giftgas.
Die Artillerietaktik wurde für diese Offensive daher vollkommen geändert und war neu auf dem italienischen Kriegsschauplatz. So sollten bei Angriffsbeginn zwei Stunden lang Gasgranaten geschossen werden. Insbesondere sollte jeweils eine Kanone eine der gegenüberliegenden Kavernen bearbeiten. „Auf deutscher Seite wollte man erstmals ein neues Verfahren im Gaskampf anwenden, das durch englische Truppen am 4. April 1917 bei Arras neu eingeführt worden war. Hierbei wurde aus einfachsten Werfern die gegnerische Stellung mit einer hohen Anzahl an Minen mit chemischen Kampfstoffen schlagartig überschüttet. Dieses Verfahren wurde in weiterer Folge als Gaswerferverfahren bezeichnet.“30) Die Gasminenwerfer wurden gegen die Bereitstellungsräume von aufgeklärten Reserven, Massierungen von Truppen hinter den ersten Linien, Seilbahn-Bodenstationen, v.a. aber auch gegen die feindlichen Artilleriestellungen zum Einsatz gebracht.
Das Wetter - kühler Herbstmorgen im Gebirge, zeitweiliges Nieseln - war für den Einsatz von Gas ideal, da auch normalerweise flüchtige Kampfstoffe bei tieferen Temperaturen länger sesshaft bleiben. Windstille und Nebel auf den Bergen verstärkten diese Wirkung. Verschossen wurde der in Deutschland als „Grünkreuz“ bezeichnete Kampfstoff Phosgen, ein überaus giftiges Gas, das in erster Linie lungenschädigend wirkt, indem nach dem Einatmen Wasser in der Lunge gebildet wird und der Betroffene „ertrinkt“.31) Bei der Wirkung kommt es auf die Konzentrationsmenge in der Luft an, aber auch auf die Verweildauer des Betroffenen im kontaminierten Raum. Für Phosgen wurde berechnet, dass bereits 3.200 Milligramm in einem Kubikmeter Luft ausreichen, um bei nur einmütigem Verbleib in diesem Gemisch die tödliche Wirkung zu erzielen. Auch hatte man erkannt, dass bereits ein Zehntel dieser Konzentration bei ungeschützten Personen zur Gefechtsunfähigkeit führt.32)

Die italienischen Truppen waren mit Schutzmasken ausgerüstet, jeder Soldat hatte eine „maschera polivalente a protezione unica“ ausgefasst, zusätzlich waren ausreichend Reservemasken produziert worden. Die Maske galt als Universalmaske, also gegen alle Kampfstoffe geeignet; die italienischen Soldaten waren auch im Umgang mit der Maske gut geschult und daher relativ selbstsicher. Sie vertrauten auf ihre Ausrüstung, die, wie sich später bei Untersuchungen herausstellte, nicht den Schutz bot, den sie versprach - Phosgen durchdrang diese Masken relativ leicht.33) Zudem wurde seitens der Angreifer das so genannte „Buntschießen“ angewendet, d.h., zusammen mit dem Kampfstoff Phosgen wurden so genannte „Blaukreuz“-Granaten verschossen. Dabei handelt es sich um Diphenylchlorasin, einen zwar nicht tödlichen Kampfstoff, sondern vielmehr einen Reizstoff, der Augentränen, Hustenreiz und Erbrechen hervorruft und gegen den die meisten der damals verwendeten Maskenfilter keinen Schutz boten. Blaukreuz wurde daher als so genannter „Maskenbrecher“ verschossen, um den Soldaten zu zwingen, seine Schutzmaske abzunehmen und dabei gleichzeitig das giftige Phosgen einzuatmen.
Aufgrund dieser unzureichenden Schutzausrüstung gegen Giftgas hatten die italienischen Truppen in den Anfangsstunden der Offensive hohe Ausfälle zu verzeichnen, verlässliche konkrete Zahlen gibt es dazu zwar keine,34) aber die Augenzeugenberichte vermitteln ein verheerendes Bild über die Wirkung des Kampfstoffes.35) Einerseits waren die rückwärtigen Truppen durch den Angriff im Schlaf überrascht worden und fanden daher nicht mehr die Zeit, ihre Schutzausrüstung anzulegen, oder, wie beispielsweise bei der Artillerie in den Kavernen, wurden sie durch Maskenbrecher zum Ablegen ihrer Schutzmasken gezwungen. Dieser Umstand der unwirksamen Schutzausrüstung erklärt zu einem Teil auch die Panik, die unter den italienischen Truppen bei diesem Angriff ausgebrochen ist, sodass eine geordnete Rücknahme auf Widerstandslinien in der Tiefe nicht mehr möglich war. Die Soldaten in den betroffenen Gebieten begannen sich sehr rasch Richtung Westen abzusetzen und rissen in dieser Flucht dabei auch Teile der bisher verschont gebliebenen Verbände mit.
Der Gasangriff endete um etwa 05:00 Uhr in der Früh; um 06:30 Uhr begann das Vernichtungsschießen auf die gegnerischen Artilleriestellungen mit Brisanzmunition - ein von den Deutschen neu an der Isonzofront eingeführtes Verfahren. Hatte man zuvor als das Hauptziel der Artillerie die Infanterie betrachtet, so wurde nun darangegangen, zunächst die gegnerische Artillerie auszuschalten: „This was not because the Germans were more courageous than the Austro-Hungarians, but their techniques of attack differed greatly from those of their allies. For instance, the Italians knew from reports of German offensives on the Western Front that Germans, before advancing, allways hit harder on the enemy’s artillery rather than the infantry. Unfortunately, the Italian troops and commanders had no experience of such tactics and would soon be in trouble.“36)
Um 07:00 Uhr schleuderten die Minenwerfer ihre Ekrasit-Geschoße37) auf die vordersten italienischen Stellungen, um 08:00 Uhr trat die Infanterie zum Sturm an und wurde durch die Artillerie in dem neu eingeübten Kampfverfahren nach vorne geschossen: „The artillery would fire a rolling barrage, keeping pace with the infantry advance, to protect the Austrian foot soldiers.“38) Die italienischen Truppen wurden dadurch bis unmittelbar vor dem Einbruch durch Steilfeuer und Flachfeuer niedergehalten.
Die Angriffstaktik der Infanterieverbände hatte sich damit grundlegend geändert. Das frontale Anrennen gegen die Stellungen des Gegners auf breiter Front, wie es bei den italienischen Truppen nach wie vor als Lehrmeinung galt (und dabei enorme Verluste erzeugte), war bei den Mittelmächten auf den anderen Kriegsschauplätzen längst einer Gefechtstechnik gewichen, die sich darauf konzentrierte, den Gegner frontal zu binden oder niederzuhalten, um entweder schmal und tief an einer Stelle mit überlegenen Kräften einen Einbruch zu erzielen und von dort aus den Graben aufzurollen, oder aber zu versuchen, den Gegner zu umfassen, um ihm in Flanke oder Rücken zu fallen. Diese neuen Gefechtstechniken wurden in den Angriffsvorbereitungen geübt, und sie zeitigten Erfolg, wie aus den Gefechtsschilderungen so mancher Autoren zu entnehmen ist, wie beispielsweise des im Rahmen des deutschen Alpenkorps eingesetzten Hauptmanns Erwin Rommel, des Kommandanten des Deutschen Afrikakorps im Zweiten Weltkrieg: „Der überraschende Stoß in Flanke und Rücken trifft. Die Italiener hemmen ihren Ansturm gegen die 2. Komp. und versuchen sich gegen die 3. Komp. zu wenden. Aber jetzt erhebt sich auch die 2. Komp., stürmt von rechts her. Von zwei Seiten gepackt und auf engem Raum zusammengepresst, streckt der Gegner die Waffen. Nur die italienischen Offiziere verteidigen sich noch bis auf wenige Meter Entfernung mit der Pistole. Dann werden auch sie überwältigt. Es bedarf meines Eingreifens, um sie vor der Wut der Gebirgsschützen zu retten. Ein ganzes Bataillon mit 12 Offizieren und über 500 Mann legt im Sattel 300m nordostwärts 1192 die Waffen nieder. Damit erhöht sich die Zahl unserer Gefangenen aus der Kolowratstellung auf 1.500 Mann. Wir gewinnen den Gipfel und Südhang von 1192 und erbeuten dort noch eine weitere schwere italienische Batterie.“39)
Aber nicht nur auf der gefechtstechnischen Ebene, sondern vor allem auch in der Angriffstaktik von Großverbänden wurden neue Ideen eingeführt. Hatte sich, wie bereits erwähnt, die Lehrmeinung darauf versteift, dass primär der Besitz der Höhen für den Erfolg im Gebirgskampf ausschlaggebend wäre und daher für einen Angreifer danach zu trachten wäre, möglichst alle Gipfel in Besitz zu nehmen, verwarf der Kommandant des I. öst.-ung- Korps, General Alfred Krauss, dieses Dogma. Seiner Beurteilung nach war ein rasches Vorwärtskommen mit Großverbänden nur im Tale möglich, um die gegnerische Front aufzureißen. Auf den Höhen sollten einerseits vorgestaffelt Begleitstöße stattfinden, um v.a. gegnerisches Unterstützungsfeuer aus diesen Räumen zu verhindern; Krauss dachte dabei wahrscheinlich an die italienischen Kavernengeschütze. Andererseits sollten Truppen auf den Gipfeln durch Angriffe gebunden werden, um im Tal an ihnen vorbeistoßen zu können.
Im konkreten Fall der Offensive von Flitsch-Tolmein hatte die Artillerie, v.a. aber der Einsatz des Giftgases, ganze Arbeit geleistet, die gefürchteten Kavernengeschütze waren ausgeschaltet, und die Wetterlage, die die Berggipfel in einen dichten Nebel einhüllte, begünstigte den Angriff. Es darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Führung durch Auftragstaktik wesentlich zum Erfolg der Operation beigetragen hat, weil dadurch die Entschlussfreiheit der mittleren und unteren Führung gewahrt blieb. Dies ermöglichte General Krauss, einen Entschluss für den raschen Vorstoß im Tal beiderseits des Isonzo mit der 22. ID zu fassen und dadurch das Flitscher Becken bis vor Saga bereits am ersten Gefechtstag in Besitz zu nehmen. Die italienischen Truppen wurden dadurch völlig überrumpelt, da sie mit diesem Vorgehen nicht gerechnet, sondern den Angriff zunächst auf die Höhen des Rombon erwartet hatten. „Diese und andere Maßnahmen zeigen, mit wie viel Phantasie und Kühnheit der Angriff angelegt war. Aber etwas blieb allen Beteiligten zunächst unverständlich und unheimlich: Es war bekannt, dass der Durchbruch nur im Tale erfolgen sollte, unbekümmert um den Feind, der links und rechts auf den Gipfeln saß. Allen Offizieren, die mit ihren Leuten in Gräben und Unterständen auf die große Stunde warteten, war zeit ihres Soldatenlebens gepredigt worden, der Gebirgskrieg werde auf den Bergen geführt und nicht in den Tälern. Die meisten von uns hatten den Durchbruch Lavarone-Folgaria im Mai 1916 [Anm.: Südtiroloffensive der k. u. k. Armee] mitgemacht; auch dort war es immer nur um die Höhen gegangen. Und nun sollte das alles nicht mehr gelten, zehntausende sollten in den engen Trichter da vorne hinein, auch wenn der Rombon, der Polounik, die Jama planina und Poljanica in italienischen Händen war. Das ging gegen alle Regeln der Kriegskunst.“40)
Ähnlich agierte auch die deutsche 12. ID im Mittelabschnitt, die, von Tolmein aus antretend, entlang des Isonzotales Richtung Karfreit vorstieß, den Begleitstoß auf dem Kolowrat übernahm das Deutsche Alpenkorps. Mit dieser neuen Angriffstaktik, die sowohl den Angriff auf die Höhen nicht ausschloss, aber den raschen Vorstoß im Tal suchte, gelang es den Angreifern bereits am 24. Oktober, die feindliche Verteidigung im nördlichen Abschnitt der 2. Italienischen Armee durch Umfassungen zu zerschlagen. Als Lehre aus dieser Art der Operationsführung im Gebirge wurde erkannt: „Obwohl die Bedeutung besetzter Höhenpunkte, die die Umgebung beherrschen, nicht bestritten wird, entscheidet die Operation im Gebirge fast ausschließlich das Wegenetz.“41) Bei diesem schnellen Vorstoß gingen die italienischen Truppen zu Zehntausenden in die Kriegsgefangenschaft; Hunderte Geschütze wurden erbeutet, dazu Nachschubmaterial, Verpflegung und Munition, die durch den schnellen und überraschenden Angriff von den Italienern nicht mehr vernichtet werden konnte. Schmal und tief wurde nun ein konzentrierter Stoß der Gruppe Berrer mit der Deutschen 200. ID und der Deutschen 26. ID direkt nach Westen geführt; bereits am 27. Oktober überrannten die beiden Divisionen Cividale; durch ihren weiteren Vorstoß Richtung Udine spalteten sie die 2. Italienische Armee in zwei Teile.

Über den Tagliamento an den Piave

General Cadorna erkannte zu spät, dass die Front nicht mehr zu halten sein würde, und erließ für den 27. Oktober den Befehl zum Rückzug hinter den Tagliamento, der als Auffangstellung dienen sollte. Während die 2. Italienische Armee vollkommen zerschlagen wurde, gelang der 3. Armee ein geordneter Rückzug, auch die Karnische Gruppe und die 4. Armee konnten unter geringeren Verlusten zurückgenommen werden. Der Angriffsschwung der Deutschen 14. Armee und das entschiedene Nachdrücken der Heeresgruppe Boroevic im Südabschnitt ließen es jedoch nicht zu, die Stellungen am Tagliamento lange zu halten, deren Übergang zwischen 30. Oktober und 4. November erzwungen wurde. Obwohl das eigentliche Operationsziel nun erreicht war, nämlich den Tagliamento zu erreichen und dort eine neue Frontlinie aufzubauen, wurde seitens des Armeeoberkommandos richtig entschieden: Der nach wie vor bestehende Angriffsschwung und die Führungsschwäche der italienischen Streitkräfte sollten weiter ausgenutzt werden. Somit wurde der Angriff bis an den Piave vorangetragen, die den Endpunkt der Bewegung (mit Ausnahme des gescheiterten Versuchs, den Raum Monte Grappa südlich des Piave in Besitz zu nehmen) bildete, da die Deutsche Oberste Heeresleitung die Herauslösung der Deutschen Verbände befahl, um sie für eine Frühjahrsoffensive an der Westfront bereitstellen zu können. Am 10. November wurde die Operation beendet.
Über die Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung existieren unterschiedliche Meinungen, da mit diesem Sieg der Verbündeten Italien knapp vor dem Zusammenbruch gestanden hatte. Die italienische Regierung hatte dazu bereits einen Ausstieg aus dem Krieg erwogen und die Verlegung des Regierungssitzes von Rom nach Neapel geplant. Inwieweit die Truppen dazu in der Lage gewesen wären, einen Zusammenbruch des italienischen Heeres nach Zuführung weiterer Großverbände und einem Vorstoß über den Piave zu erwirken, lässt sich anhand von Fakten nur schwer nachvollziehen.
Allerdings konnten die Mittelmächte einen gewaltigen Sieg für sich verbuchen, der sich an Ausfallszahlen und Beutestücken messen lässt. So verlor das italienische Heer in dieser Schlacht an Personal: 10.000 Mann durch Tod, 30.000 durch Verwundung, 293.000 durch Gefangennahme; an Material: 3.150 Geschütze von insgesamt 7.000, die das Heer Anfang Oktober 1917 noch besessen hatte, ebenso 1.732 Minenwerfer von 2.400, zusätzlich wurden 300.000 Gewehre, 3.000 Maschinengewehre und 2.000 Maschinenpistolen erbeutet sowie riesige Mengen an Verpflegung, Bekleidung und Sanitätsmaterial. Die Verluste bei den Verbündeten werden insgesamt auf 70.000 berechnet.42)
Es soll aber auch ein weiterer Faktor nicht unerwähnt bleiben, der zum Chaos des Rückzuges der italienischen Streitkräfte beigetragen hatte: die Propaganda. Insbesondere die britischen Propagandaabteilungen hatten die deutschen Soldaten als kindermordende, frauenvergewaltigende, plündernde und raubende Bestien dargestellt - vergleichbar den Geschichten über die Hunnen und andere asiatische Völkerschaften, die im Laufe der Geschichte den europäischen Kontinent wie eine vernichtende Seuche heimgesucht hatten. Diese Propaganda, die selbstverständlich auch in der italienischen Bevölkerung über die Deutschen verbreitet worden war, rächte sich nun bitterlich, denn es genügte bereits der Ausruf: „Die Deutschen kommen!“, um die Massen in Angst und Schrecken zu versetzen. So kam es, dass sich mit dem Rückzug auch die verängstigte Zivilbevölkerung und die Zivilverwaltung zu Hunderttausenden auf die Flucht vor den Deutschen begab und mit ihrem Hab und Gut auf Pferdewagen verladen die Straßen und Rückzugswege verstopfte oder behinderte.43)
Aus militärstrategischer Sicht konnte mit dieser erfolgreichen Operation eine gewaltige Verkürzung der Front erzielt werden. Hatte zuvor der geschwungene Frontbogen vom Astico bis Monfalcone an der Adria 384 Kilometer betragen, so war er nun mit 140 Kilometer entlang des Piave auf ein Drittel verkürzt worden. Dadurch war es einfach möglich, die deutschen Verbände ohne Ersatz abzuziehen. Unmittelbar nach dieser Niederlage wurde General Cadorna seines Postens enthoben und durch General Armando Diaz ersetzt, der nun die Verteidigung am Piave kommandierte. Italien gelang es, durch Mobilisierung und Rücksendung von Genesenen und den in Sammellagern zusammengefassten versprengten Teilen noch im Jahr 1917 erneut 600.000 Mann der Front zuzuführen und sie damit zu stabilisieren. Bis zum Herbst 1918 sollten dieser ersten Schlacht am Piave noch zwei weitere folgen. Allerdings wurde seitens der italienischen Staatsführung nach dem Krieg eine Untersuchung des Debakels angeordnet, die hinsichtlich der Operationsführung der Mittelmächte zu folgendem Ergebnis kam: „Mit dem Freimut, der demjenigen zusteht, der den Endsieg erfocht, müssen wir anerkennen, dass der gegnerische Angriffsplan genial und äußerst kühn war, und dass er mit Scharfsinn und Entschlossenheit und nach einem bisher nicht bekannten Verfahren durchgeführt wurde, wobei sich die Überraschung, die Grundlage jeder Kriegshandlung, nicht so sehr durch die Wahl des Angriffsraumes als durch die Raschheit in der Ausnutzung des ersten Erfolges ergab. Der Gegner wusste diesen über alles Erwarten weit hinausgehenden ersten Erfolg bis zum Äußersten auszunutzen, indem er ohne Ruh und Rast und unbekümmert um die Gesetze der Kriegskunst die Verfolgung aufnahm und bis zur letzten Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit forttrieb. Er vereitelte dadurch, dass wir uns in Rückhaltestellungen wieder aufrafften. Schließlich muss auch anerkannt werden, dass der Gegner mit großartigem strategischem Blick, die Gegebenheiten der Lage völlig beherrschend, die Hauptkräfte immer dort vorführte, wo es für uns am gefährlichsten war.“44)
Der Preis für diesen „Endsieg“ war allerdings außerordentlich hoch, sodass von einem Pyrrhussieg gesprochen werden muss; 650.000 italienische Soldaten, davon 17.000 Offiziere, sind gefallen oder an Verwundungen und Krankheiten gestorben.45) Seitens der k. u. k. Armee sind 150.000 Soldaten, davon 4.500 Offiziere, an der Italienfront gestorben.46)

Conclusio

Wenn wir nun die beiden Gegner in dieser Auseinandersetzung betrachten, dann stellen wir zunächst fest, dass die k. u. k. Armee aus einer ständigen numerischen Unterlegenheit von Personal und Material an der gesamten Italienfront zu operieren hatte; Munition, Verpflegung und sonstige Nachschubgüter galten als Mangelware oder waren bereits rationiert. Generaloberst Boroevic hatte sämtliche der bisherigen elf Isonzoschlachten gewonnen, der italienische Durchbruch war nicht gelungen. Im September 1917 aber stand er mit dem Rücken zur Wand, die Truppen waren aufgezehrt, eine bewegliche Verteidigung, wie er sie bisher erfolgreich gepflogen hatte, war an der letzten Verteidigungslinie nicht mehr möglich. Ihr Durchstoßen hätte das Einfließen der Italiener in das Laibacher Becken bedeutet. Es ging also für die Donaumonarchie bei der nächsten Operation um alles oder nichts - und es musste eine Offensive sein, da ein effizientes Verteidigen aus den vorhandenen Stellungen als unmöglich beurteilt worden war.
Die italienischen Streitkräfte hingegen konnten de facto aus dem Vollen schöpfen; zudem fühlten sie sich aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit relativ sicher - eine Sicherheit, die bei der Militärführung teilweise in Überheblichkeit ausartete und dadurch den Fehler einschleichen ließ, den Gegner zu unterschätzen. Allerdings war die Kriegsbegeisterung bei den Truppen und auch in der italienischen Bevölkerung nach zweieinhalb Jahren erfolglosen, aber äußerst verlustreichen Kriegführens als verhalten einzustufen. Dieser Umstand lastete als schwere Hypothek auf der italienischen Militärführung, die sich nunmehr auf eine alles entscheidende Offensive im Frühjahr 1918 vorbereitete. An eine Offensive des Gegners glaubte zunächst niemand.
Diese beiden divergierenden Geisteshaltungen stellten eine wesentliche Grundlage für den Erfolg der verbündeten Truppen der Mittelmächte bei der Offensive von Flitsch-Tolmein dar, denn daraus erwachsen moralisch-psychologische Faktoren, die bei den Angreifern die letzten Antriebe zu mobilisieren vermochten. So gibt ein Angriff mit Aussicht auf Erfolg an sich schon einen gewaltigen Antrieb, der noch verstärkt wird durch den Umstand, dass es dabei um Sein oder Nicht-mehr-Sein des gesamten staatlichen gesellschaftlichen und militärischen Gefüges geht. Ein gewisser Antriebseffekt wurde auch durch die Zusammensetzung der Korps aus einer Mischung von österreichisch-ungarischen und deutschen Divisionen erreicht, da damit der Wettbewerbsgedanke aufkommen konnte. Diese positiven Umstände hoben die auch auf Seiten der Mittelmächte vorhandene Kriegsmüdigkeit weitgehend auf.
a) truppenpsychologische Faktoren
Zu Beginn der Offensive wurden auf italienischer Seite bei der Truppe Wirkungen erzeugt, die die Sinnlosigkeit des Kampfes gegen einen nunmehr als übermächtig betrachteten Gegner um ein Vielfaches verstärkten. Zunächst hatte die Kriegspropaganda die deutschen Truppen, die nun erstmals in großer Anzahl auf diesem Kriegsschauplatz auftraten, als alles verzehrende Monster dargestellt, zudem waren den Italienern die deutschen Erfolge auf den anderen Kriegsschauplätzen bekannt, weshalb vor diesem neuen unbekannten Feind ein gewisser Respekt vorhanden war, der in weiten Bereichen in Furcht ausartete. Die Gräuelpropaganda hatte sich in diesem Fall gegen die eigenen Truppen zum Nachteil gewendet. Hinzu kommt, dass die italienischen Streitkräfte nicht gewohnt waren, nachhaltig zu verteidigen und ihnen aus ihrer Mentalität heraus die Eigenschaft „der Zähigkeit im Unglück“ fehlte, wie dies General Krauss in seiner psychologischen Beurteilung des Feindes festgehalten hat. Er meinte damit, dass der italienische Soldat zwar ein ausgesprochen tapferer Krieger sei, aber in beinahe ausweglosen Situation mental nicht die nötige Durchhaltefähigkeit besitze, sich festzuklammern und dem Feind die Ausbreitung zu verwehren, bis es der Führung gelang, durch neue Maßnahmen wie durch die Heranführung von Entsatzkräften die Situation zu bereinigen.47)
Ein weiterer wesentlicher Faktor für die heillose Flucht ganzer Truppenteile war die Erkenntnis aus den ersten Angriffsstunden, dass die zugewiesenen Schutzmasken gegen die von den Gegnern verwendeten Giftgase unwirksam geblieben sind. Die italienischen Truppen waren grundsätzlich sehr gut auf einen Gasangriff vorbereitet gewesen, jedoch hatten sie beim ersten Gaskontakt bereits das Vertrauen in ihr Material verloren. Dies löste ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber den Kampfmitteln des Feindes aus, woraus die teilweise Apathie und Geistesabwesenheit erklärbar wird, aufgrund derer sich ganze Verbände geschlossen in die Gefangenschaft begaben. Zudem drangen die Gegner sehr rasch in die Etappe vor und kesselten ganze Verbände ein; so trug auch die Schnelligkeit des Vorrückens wesentlich dazu bei, dass Regimenter geschlossen ihre Waffen streckten.
b) Führungsgrundsatz Überraschung
Diese Schnelligkeit des Vorrückens wurde durch die Anwendung neuer taktischer Verfahren ermöglicht, wie dem raschen Stoß durch die Tal- und Beckenlandschaften, ohne zuvor die Verteidiger auf den Bergen auszuschalten. Es wurde dadurch ein Überraschungseffekt erzielt, weil alle bisherigen Lehrmeinungen über den Kampf im Gebirge damit aufgehoben und eines Besseren belehrt worden waren. Ein weiteres wesentliches Überraschungsmoment bildete die neu angewandte Artillerietaktik: Bisher hatte der Grundsatz gegolten, dass die Artillerie vornehmlich gegen die feindlichen Infanterie-Stellungen zu wirken habe, diese in einem Vernichtungsschießen zerstören solle, um der eigenen Infanterie den Einbruch im Sturmlauf zu ermöglichen. Die neue Taktik hingegen wandte sich nach eingehender Luft- und Erdaufklärung zunächst gegen die feindlichen Artilleriestellungen, bevor ein kurzes Vorbereitungsfeuer auf die vordersten Stellungen niederging und dann in die Tiefe verlegte. Der Einsatz von Giftgas an sich galt nicht als Überraschung, man rechnete auf italienischer Seite damit und hatte die Truppen daher auch entsprechend ausgebildet und vorbereitet.
Den wohl größten Überraschungseffekt erzielten die Angreifer auf operativer Ebene, indem es ihnen gelungen war, sowohl den Angriffszeitpunkt, v.a. aber auch den Angriffsort so zu verschleiern, dass der Verteidiger die Gruppierung seiner Kräfte nach den durchgeführten Täuschungsmaßnahmen ausrichtete.48) Die italienische Heeresführung wirkte durch diese Überraschung im ersten Ansatz wie gelähmt, und es dauerte zu lange bis eindeutige Befehle an die Front gelangten.
c) Führungsgrundsatz Schwergewichtsbildung
Die Gruppierung der Kräfte des Angreifers wies hinsichtlich der operativen Angriffsplanung klare Zuweisungen auf: So hatte die Heeresgruppe Boroevic den Feind, der dieser gegenüber sein Schwergewicht formierte, zu binden und nur mit dem rechten Flügel der 2. Isonzoarmee den Angriff in der Flanke zu decken. Die Deutsche 14. Armee sollte den Angriff beginnen, die 10. Armee die rechte Flanke abriegeln und den Angriff begleiten. Die Deutsche 14. Armee selbst war so aufgestellt, dass sie zwar auf breiter Front in einem Bereich von 30 Kilometern Breite anzugreifen hatte, ihr eindeutiges Schwergewicht lag aber mit den Gruppen Berrer und Scotti auf der direkten Sehne aus dem Raum südlich Tolmein nach Cividale und weiter nach Udine.
Die Deutsche 14. Armee bildete also einen schmalen und tiefen Angriffskeil, dessen Vorstoß rasch gelang und der die 2. Italienische Armee auseinanderriss. Dabei ist auch festzustellen, dass diese 2. Italienische Armee aufgrund ihrer Größe von 25 Divisionen eine enorme Führungsspanne zu bewältigen hatte und sich daher für diesen Überraschungsangriff de facto als unführbar erwies. Es wurde dieser Umstand zwar erkannt und die Führung versuchte umzugruppieren, allerdings ergingen diese Weisungen zu spät und verschärften das sich unter den Truppen ausbrechende Chaos noch weiter.
Durch diese klare Schwergewichtsbildung auf Seiten der Verbündeten wurde, trotz grundsätzlicher numerischer Unterlegenheit der Truppen der Mittelmächte im Frontabschnitt, an der geplanten Durchbruchstelle eine annähernd doppelte zahlenmäßige Überlegenheit erzielt, die letztendlich entscheidend für diesen Erfolg gewesen war.
d) Anwendung neuer Erkenntnisse
Die militärwissenschaftliche Forschung schöpft ihre Erkenntnisse zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Erfahrungswerten und Experimenten. Dies wird allein schon durch die ständige Weiterentwicklung der Waffen- und Kampfmitteltechnik bedingt, deren Anwendung oft neue Verfahren erforderlich macht, aber auch mit einer gewissen zeitlichen Nachstaffelung neue Techniken erzeugt, wie diesen zu entgegnen wäre. Der Krieg gilt dabei für die militärwissenschaftliche Forschung als ein Experimentierfeld erster Klasse, denn er ist die unmittelbarste Form der Erprobung unter Rahmenbedingungen, die im Übungsbetrieb nur in Ansätzen zur Anwendung kommen können.
Nach fast drei Jahren Krieg und der darin erfundenen neuen technischen Mittel bzw. der Möglichkeit zur Erprobung relativ neuer Waffensysteme, wie beispielsweise des Maschinengewehres, erzeugte nach einer Weile Reaktionen bei den Truppen. In manchen Streitkräften geschah dies früher, in anderen, die weniger flexibel noch stur an der alten Lehrmeinung festhielten, dauerte dieser Prozess etwas länger. So änderte sich zunächst die Gefechtstechnik des Angriffs; es wurde vom massenhaften frontalen Ansturm nach Artillerievorbereitung abgegangen. Vielmehr kamen nach Artillerievorbereitung die Flachfeuerwaffen, Kanonen und Maschinengewehre als Flachfeuerunterstützung zum Einsatz, während sich das Sturmelement möglichst geschützt an eine Sturmausgangsstellung auf Handgranatenwurfweite heranarbeitete, um dann schmal und tief in die gegnerische Stellung einzubrechen. Auch versuchte man die gegnerischen Stellungen zu umfassen und aus Flanke oder Rücken anzugreifen. In diesem Zusammenhang ist auch die Anwendung der Auftragstaktik bis hinunter auf die unterste Ebene eine Grundbedingung des Erfolges, denn selbst Kommandanten von Teileinheiten muss die Möglichkeit gegeben sein, selbstständige Entscheidungen, zwar im Sinne der höheren Sache, aber doch situationsangepasst, zu treffen.
Die italienischen Truppen hatten diese neuen Erkenntnisse noch nicht gewonnen. Die jungen Offiziere gehorchten befehlsgemäß ohne eigene Entscheidungs- oder Beurteilungsmöglichkeit und führten die Truppen im geschlossenen Sturmangriff dicht gegliedert frontal an den Feind heran. Ähnlich unflexibel geführt wurde in der Verteidigung, wo die gegen den Feind gerichteten Schützengräben für eine Umfassung ein lohnendes Ziel boten, waren diese an einer Stelle einmal durchbrochen worden; eine Gefechtstechnik, die die deutschen Truppen aus ihren jahrelangen Erfahrungen gegen Briten und Franzosen an der Westfront bereits meisterhaft beherrschten. Zudem galt das Führen durch Auftragstaktik bereits vor dem Krieg als fixer Bestandteil in der Ausbildung des Deutschen Heeres.
Auch die stunden- bis tagelangen Vernichtungsfeuer der Artillerie gehörten mittlerweile der Vergangenheit an. Der an sich geringe Erfolg lohnte den enormen Munitionsaufwand nicht, sodass sich die bereits beschriebenen neuen Artillerietaktiken ergaben.
Auf operativer Ebene wurde in den damaligen Vorschriften zum Gebirgskampf die Lehrmeinung vertreten, dass dem Besitz der Höhen die alles entscheidende Bedeutung zur Erzielung eines Erfolges zukäme. Diese grundsätzlich nicht falschen Ansichten stammten jedoch zum Teil noch aus den Napoleonischen Kriegen und wurden in der Lehre weiter tradiert. Verstärkt wurde dieser Umstand durch die bessere Waffentechnik, die auch ein Feuergefecht auf weitere Entfernungen, wie sie im Gebirge eher die Regel sind, zuließ. Man entfernte sich - auch in Ermangelung von weiteren Erfahrungen bei Gebirgskämpfen, da diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum stattgefunden hatten - immer weiter von den ursprünglichen Überlegungen der alten Militärtheoretiker, die davon gesprochen hatten, dass dem Wegenetz im Gebirgskampf sehr wohl eine entscheidende Bedeutung zukäme, nach Möglichkeit aber die Besetzung der Höhen nicht zu vernachlässigen wäre. Vielmehr vermochte die moderne Technik, ebenso beflügelt durch den aufgekommenen Alpinismus, die Höhen leichter beherrschbar zu machen. Und eben daraus wurden die falschen Schlüsse gezogen, sodass die Lehre darauf bestand, primär die Höhen in Besitz zu nehmen, um einen Erfolg im Gebirgskampf zu erzielen. Demzufolge entbrannte ein jahrelanges, aber mehr oder weniger erfolgloses Gerangel um die höchsten Gipfel an der Italienfront, der einzigen wirklichen Gebirgsfront dieses Krieges. Die Wende brachte die Offensive von Flitsch-Tolmein, wo mit starken Kräften im Tale rasch vorgestoßen wurde, die Truppen auf den Höhen waren im ersten Ansatz gebunden worden. Dieses als „Talstoß“ bekannt gewordene Verfahren nahm in erster Linie wieder auf die Bedeutung des Wegenetzes im Gebirge Bezug, um Angriffe rasch vortragen zu können. Man hatte damit erkannt, dass die Entscheidung immer im Tale zu suchen sein wird und es nicht zwingend notwendig ist, eine Postenlinie auf den Gipfeln zu etablieren. Es bleibt also immer dem Truppenführer überlassen zu beurteilen, inwieweit die begleitenden Höhen bzw. deren Inbesitznahme für den Erfolg erforderlich sind. „Die Erfahrung bleibenden Wertes ist also nicht der Talstoß an sich, sondern die richtige Beurteilung der Feindlage durch die Führung aller Grade, die sich aus ihr ergebende Kühnheit des Entschlusses und die durch nichts zu erschütternde Kraft seiner Durchführung, also höchste Persönlichkeitswerte und hervorragendes fachliches Können der Führung.“49)
Damit schließt sich der Kreis, denn es wird immer wieder neue Waffen und Kampfmittel geben, und daher immer neue Gefechtstechniken und taktische Verfahren. Der Soldat oder vielmehr die Truppenführung wird daher immer gefordert sein, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wichtig dafür ist aber, dass die Soldaten und hier v.a. die Offiziere flexibel geführt werden und gelernt haben, so flexibel zu führen, dass sie es rasch vermögen, sich an neue Situationen anzupassen und Herausforderungen wirksam zu begegnen. Zudem darf sich die Lehre nicht in Dogmen verrennen, sondern ist gefordert, ebenso flexibel neue Entwicklungen anzunehmen und daraus die erforderlichen Schlüsse für die Kampfführung zu ziehen. Dies erfordert einerseits eine gediegene militärwissenschaftliche Forschung und die auf deren Erkenntnissen aufbauende Ausbildung, damit die neuesten Erkenntnisse an die Truppe weitergegeben werden. Des Weiteren bedarf es möglichst vieler Übungsmöglichkeiten für Offiziere und Soldaten, damit diese ihr Führungskönnen schulen und mit verschiedenen Situationen gut zurechtkommen. Nicht zuletzt ist die bedingungslose Anwendung der Auftragstaktik in der Beurteilung und Befehlsgebung die Grundlage für eine erfolgreiche Führung im Gefecht und in der Schlacht.
Geistige Wendigkeit, eine gediegene allgemeine Bildung, hervorragende fachspezifische Ausbildung und ein großes Vertrauen in das Können der Truppenführer fördern die Innovation und ermöglichen erst freie Entschlüsse im Sinne der eigenen Absicht. Dies sind die Lehren aus der Offensive von Flitsch-Tolmein für die heutige und die folgenden Soldatengenerationen, denen ein Opfergang, wie er an der Italienfront vor hundert Jahren stattgefunden hat, erspart bleiben möge.


ANMERKUNGEN:
1) Andere Bezeichnungen: Offensive von Flitsch-Tolmein, Schlacht von Karfreit, ital.: Caporello, slow. Kobarid.
2) Martin Moll: Regierung und Politik in Österreich-Ungarn. In: Nicola Labanca, Oswald Überegger: Krieg in den Alpen, Wien 2015, S.56.
3) Vgl. Heinz von Lichem: Spielhahnstoß und Edelweiß, Kottgeisering 1994, S.61.
4) 5 maggio 1915, il giorno dell’anniversario della spedizione dei Mille, Gabriele D’Annunzio arrivò da Parigi a Genova per l’inaugurazione di un monumento ai garibaldini. In quell’occasione tenne un discorso di esortazione alla guerra che infiammò gli animi di quella parte della popolazione che era a favore della guerra. Il 24 maggio, giorno dell’entrata in guerra, si arruolò volontario nei Lancieri di Novara, nonostante avesse già 52 anni. - See more at: http://www.rainews.it/dl/rainews/media/Maggio-1915-Italia-entra-in-guerra-il-poeta-soldato-Gabriele-D-Annunzio-04e12f52-9e4e-43ab-b784-9096e8b99670.html; abgerufen am 20.7.2017. Übersetzung: Oberst dhmfD Dr. Bruno Nestler, Sprachinstitut des Bundesheeres, Landesverteidigungsakademie Wien.
5) Vgl. Daniele Ceschin: Regierung, Politik und Öffentlichkeit in Italien. In: Nicola Labanca, Oswald Überegger: Krieg in den Alpen, Wien 2015, S.25f. Battisti kämpfte als italienischer Offizier an der Italienfront, wurde allerdings 1916 gefangen genommen und von einem Standgericht wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Das Urteil (Tod durch Erhängen) wurde unmittelbar vollstreckt. In Italien als Held verehrt, wurde sein Tod v.a. auch für Zwecke der Kriegspropaganda ausgenützt.
6) Mari Isnenghi, Giorgio Rochat: La Grande Guerra. 1914-1918. Società editrice Il Mulino. 4. Aufl. Bologna 2014. S.149. Übersetzer: Hauptmann Mag. Stefan Klocko, Sprachinstitut des Bundesheeres, Landesverteidigungsakademie Wien.
7) So verfügte der Dreibund im Mittelmeer gegenüber der Entente (Zahlen in Klammern) über 27 (20) Schlachtschiffe, 1 (3) Schlachtkreuzer, 11 (11) Panzerkreuzer, 13 (5) Geschützte Kreuzer, 107 (100) Hochsee-Torpedoboote, 20 (62) Unterseeboote. Vgl. Hans Hugo Sokol: Des Kaisers Seemacht, Wien 1980, S.278.
8) Vgl. dazu Renate Basch-Ritter: Österreich auf allen Meeren, Graz 1995, S.132f.
9) Aus: Erik Durschmied: Totentanz am Col di Lana, Bozen 2017, S.15.
10) Gustav Stöckelle: Die zweite Offensive gegen Italien. In: ÖMZ-Sonderheft: 1917 - Das Jahr am Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte Europas, Wien 1967, S.3.
11) Vgl. Rainer Hauser: Erzherzog Karl - Ausgewählte militärische Schriften, Norderstedt 2004, S.52.
12) Josef Zachar: Die Frage des Verteidigungskrieges im Gebirgsland in den Schriften Erzherzog Carls. In: Gesellschaft für politisch-strategische Studien in Wien (Hrsg.): Clausewitz-Jomini-Erzherzog Carl, Wien 1988, S.141.
13) Vgl. Carl von Clausewitz: Vom Kriege, 19. Auflage, Bonn 1989, S.728f.
14) Vgl. Andreas Stupka: Militärwissenschaften - Ihre Grundlagen und ihr System, Wien 2014, S.135.
15) Heinz von Lichem: Der Tiroler Hochgebirgskrieg 1915-1918 im Luftbild, Innsbruck 1985, S.16.
16) Fortunato Minniti: Generalstabschef Luigi Cadorna und die italienische Kriegsführung. In: Nicola Labanca, Oswald Überegger: Krieg in den Alpen, Wien 2015, S.76f.
17) Günther Kronenbitter: Die k. u. k. Armee an der Südwestfront. In: Nicola Labanca, Oswald Überegger: Krieg in den Alpen, Wien 2015, S.113.
18) Miro Simcic: Die Schlachten am Isonzo, Graz 2003, S.35. Sofern nicht anders gekennzeichnet, gilt für alle Darstellungen bis zum Ende der 11. Isonzoschlacht diese Quelle als Grundlage.
19) Aus: Hans Pölzer: Drei Tage am Isonzo, Zell am See 1993, S.11.
20) Vgl. http://www.itinerarigrandeguerra.com/code/43785/Die-Ortigara-Schlacht, abgerufen am 16.7.2017.
21) Vgl. Erwin Richter: Der Erste Weltkrieg als Giftgaskrieg. In: Truppendienst 1/2016, S.46f.
22) Miro Simcic, a.a.O. S.35.
23) Fortunato Minniti, a.a.O. S.89.
24) Miro Simcic, a.a.O. S.129.
25) Miro Simcic: a.a.O. S.148.
26) Ludwig Jedlicka: Zur Vorgeschichte der Offensive von Flitsch-Tolmein. In: ÖMZ-Sonderheft: 1917 - Das Jahr am Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte Europas, Wien 1967, S.3.
27) Ludwig Jedlicka, a.a.O., S.4f.
28) Vgl. Österr. BM f. LV u. Kriegsarchiv: Österreich-Ungarns letzter Krieg, Band VI, Das Kriegsjahr 1917, Wien 1936, S.497f. Alle nachfolgenden Zahlen über Gliederungen und Verbandsbezeichnungen sind diesem Werk entnommen bzw. der dazu gehörenden Beilage 23.
29) Vgl. Österr. BM f. LV u. Kriegsarchiv: a.a.O., S.503.
30) Wolfgang Zecha: „Unter die Masken!“ - Giftgas auf den Kriegsschauplätzen Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg, Wien 2000, S.120.
31) Vgl. Karlheinz Lohs, Wolfgang Spyra: Chemische Kampfstoffe als Rüstungsaltlasten, Berlin 1992, S.78f. „Die letale Dosis für den Fall einer einminütigen Inhalation liegt im Tierversuch (Ratte) bei 0,2 mg pro Liter:“
32) Vgl. Dieter Martinetz: Der Gaskrieg 1914 bis 1918, Bonn 1996, S.36f.
33) Wolfgang Zecha, a.a.O., S.236f.
34) Die Gesamtverluste des Ersten Weltkrieges durch Giftgas in Österreich belaufen sich auf rund 100.000 Gasvergiftete und 3.000 Gastote; für Italien gibt es unterschiedliche Zahlen, wahrscheinlich sind jedoch folgende Angaben: 60.000 Gasvergiftete und 4.627 Gastote. Vgl.: Dieter Martinetz, a.a.O., S.129.
35) Vgl. Vasja Klavora: Blaukreuz, Klagenfurt 1993, S.240ff.
36) Mario Morselli: Caporetto 1917, New York 2007, S.94.
37) Ekrasit: ein hochbrisanter Sprengstoff, der in erster Linie in Österreich-Ungarn zur Füllung von Granaten verwendet wurde, um eine entsprechende Splitterwirkung zu erzielen.
38) John R. Schindler: Isonzo - The forgotten Sacrifice of the Great War, Westport 2001, S.249.
39) Erwin Rommel: Infanterie greift an, Salzburg 1995, S.289.
40) Fritz Weber: Der Alpenkrieg, Salzburg 1996, S.145.
41) Günther Hebert: Das Alpenkorps, Boppard am Rhein 1988, S.137.
42) Vgl. Österr. BM f. LV u. Kriegsarchiv: a.a.O., S.712f. Eine detaillierte Schilderung des gesamten Operationsablaufes und Schlachtgeschehens findet sich auf den Seiten 524 bis 639.
43) Miro Simcic, a.a.O. S.186 u. 197.
44) Vgl. Österr. BM f. LV u. Kriegsarchiv: a.a.O., S.560.
45) Vgl. Fortunato Minniti, a.a.O., S.103.
46) Vgl. Günther Kronenbitter, a.a.O., S.127.
47) Vgl. Gustav Stöckelle, a.a.O., S.9.
48) Vgl. Johann Schmid: Die Dialektik von Angriff und Verteidigung, Wiesbaden 2011, S.145.
49) Gustav Stöckelle, a.a.O., S.17.