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TÜRKEI

Update


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Die kemalistische Türkei hat eine lange Geschichte von Militärputschen und Putschversuchen. Das Militär setzte 1960, 1971 und 1980 jeweils die Regierung ab. Noch im Februar 1997 erzwang die kemalistische Armeeführung mit einem sogenannten „sanften Putsch“ den Rücktritt des islamistischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan.

Erdogan beschnitt die Macht des Militärs und schickte viele kemalistische Offiziere in den Ruhestand. Mit seiner Unterstützung rückten über Jahre Anhänger Fethullah Gülens im Offizierskorps nach, bis sich Erdogan 2013 mit dem Prediger überwarf. Als er sich daranmachte, die Gülen-Anhänger aus dem Militär zu entfernen, putschte am 15. Juli 2016 ein Teil des Militärs, doch scheiterte der Staatsstreich am Widerstand der Polizei und der Bevölkerung.

Seitdem wurden Tausende von Soldaten festgenommen oder entlassen, unter ihnen ein erheblicher Teil der Offiziere. Zwar gab es immer mal wieder Gerüchte über neue Putschpläne, doch dürfte ein erneuter Militärputsch gegen Erdogan heute eher unwahrscheinlich sein.

Trotz allem erlebt die Türkei Erdogans einen Verfall der türkischen Lira und eine signifikante Wirtschaftskrise, die viele türkische Bürgerinnen und Bürger gegen Erdogan und seine regierende AKP aufbringt. Der Ausgang dieser innenpolitischen Dissonanzen bleibt abzuwarten.

Erdogan lässt zehn pensionierte Admiräle verhaften

Der Grund für ihre Verhaftung war die Veröffentlichung eines offenen Briefs vom 3. April 2021, in dem 104 Admiräle im Ruhestand vor einer Kündigung des Montreux-Abkommens warnten. Der Vertrag von 1936 regelt die freie Schifffahrt zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer durch die Meerenge der Dardanellen, das Marmarameer und den Bosporus. Die Unterzeichner des offenen Briefs wandten sich gegen jede Debatte über einen Rückzug aus dem Abkommen. Sie riefen in Erinnerung, dass besonders die türkische Marine von Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen unterwandert worden sei. Sollte nichts unternommen werden, so warnten sie, könnte es wie bereits in der Vergangenheit zu „gefährlichen Ereignissen“ kommen, die das Überleben der türkischen Republik gefährden könnten.

In ihrem Brief forderten die pensionierten Admiräle zudem die Bewahrung des säkularen Charakters des Militärs.

Was von den pensionierten Admirälen offensichtlich als Warnung vor einem erneuten „Umsturz“ gemeint war, wurde von der AKP-Regierung als Putschdrohung gewertet. [1]

Erdogan trug sich schon länger mit dem Gedanken, die Montreux-Konvention aufzukündigen, wenn einmal ein Kanal fertiggestellt ist, der das Marmarameer und das Schwarze Meer verbinden soll, um den Bosporus zu entlasten.

Erdogan fasste den offenen Brief der pensionierten Admiräle als „Putschdrohung“ auf und ließ kurzerhand zehn hohe Repräsentanten von ihnen verhaften. [2]

EU-Spitze zu Verhandlungen in Ankara

Bei ihrem Besuch in Ankara Anfang April 2021 gaben sich EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen optimistisch, dass die bisherigen Konflikte mit der Türkei überwunden werden könnten.

Kurz zuvor hatte Erdogans Türkei die Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen verlassen, weil sie angeblich den traditionellen Familienwerten zuwiderlaufen würde. Zudem hatte die Justiz ein Verbotsverfahren gegen die prokurdische Oppositionspartei HDP wegen Gefährdung der staatlichen Einheit eingeleitet.

Für die EU-Spitze dominierte vielmehr „Realpolitik“. Das Thema „Demokratie und Menschenrechte“ sollte dabei nicht die Verhandlungen dominieren, hieß es.

Im Blickpunkt der EU standen die weitere Zusammenarbeit bei Migrationsfragen sowie der Erdgasstreit mit den EU-Mitgliedsländern Griechenland und Zypern. Im Gegenzug boten Michel und von der Leyen Gespräche über die Ausweitung der EU-Zollunion und die Gewährung von Visafreiheit für türkische Bürger an.

Bei dem Treffen mit Erdogan kam es zu einem sichtbaren Eklat 

Bei den Gesprächen mit Erdogan im türkischen Präsidentenpalast war für Michel ein großer Stuhl neben dem türkischen Staatspräsidenten reserviert gewesen. Von der Leyen bekam hingegen einen Platz auf einem Sofa in einiger Entfernung der beiden zugewiesen. Dort saß sie dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu gegenüber, der ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. Es war somit kein „Gespräch auf Augenhöhe“, wie es hieß.

Ein Sprecher der EU-Kommissionspräsidentin betonte danach, dass sich Vorfälle wie der im Präsidentenpalast in Ankara nicht wiederholen dürften. Dafür werde man nun Vorkehrungen treffen.

Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi bezeichnete den türkischen Staatschef daraufhin als einen „Diktator“, „den man brauche“. Draghi stufte das Verhalten der türkischen Gastgeber als „Demütigung“ der EU-Kommissionschefin ein. [3] 

Biden-Administration spricht von „Völkermord“ an den Armeniern im Ersten Weltkrieg

US-Präsident Joe Biden gab am 24. April der schon länger zurückliegenden Entschließungen des Kongresses grünes Licht und stufte die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armenierinnen und Armeniern durch osmanische Truppen im Ersten Weltkrieg als Völkermord ein. Dies wurde von Beobachtern als ein wichtiger diplomatischer Erfolg für Armenien gewertet. Die Beziehungen mit dem NATO-Partner Türkei dürften sich durch diese Entscheidung allerdings weiter abkühlen.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu wies die Haltung Washingtons „vollständig“ zurück. Sie basiere „nur auf Populismus“, schrieb er auf Twitter. „Wir haben nichts von niemandem über unsere eigene Vergangenheit zu lernen. Politischer Opportunismus ist der größte Verrat an Frieden und Gerechtigkeit“, so Cavusoglu weiter.

Biden hatte zuvor mit dem türkischen Präsidenten Erdogan telefoniert und ihn vorab über seine Entscheidung informiert.

Parallel dazu kündigte Erdogan zum wiederholten Mal militärische Aktionen der türkischen Armee gegen mutmaßliche Stellungen kurdischer Milizen im Nordirak an, um von der offensichtlichen diplomatischen Niederlage auf internationaler Ebene abzulenken.  

Erdogan ein „Getriebener“ der MHP?

Der 73-jährige Devlet Bahçeli ist Vorsitzender der rechtsgerichteten Partei „Nationalistische Bewegung“ (MHP) in der Türkei. Seine Bewegung ist mit der islamisch-konservativen „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in einer Regierungskoalition als Juniorpartner.

Die MHP vertritt offen anti-kommunistische, anti-kurdische und zum Teil auch anti-westliche Positionen. Auch wenn sich die MHP von der rechtsextremen Terrorgruppe „Graue Wölfe“ zumindest verbal-politisch distanziert hat, so sind die Kontakte zur „radikalen Basis“ bestehen geblieben. 

Bahçeli meidet weitgehend die breite Öffentlichkeit und agiert viel lieber „aus dem Hintergrund heraus“. In dieser Rolle gefällt er sich selbst am liebsten und kann gewissermaßen den AKP-Regierungspartner „aus dem Schatten heraus vor sich hertreiben“, wenn es darum geht, bestimmte politische Richtungen einzuschlagen. Damit scheint Erdogan aus Sicht des im deutschen Exil lebenden bekannten Journalisten Can Dündar viel mehr als so manche Beobachter im Westen glauben, ein „Getriebener“ der MHP zu sein. Der türkische Präsident befinde sich gewissermaßen „in Geiselhaft“ Bahçelis und seiner MHP, so manche politische Kommentatoren. Nach außen hin tritt Erdogan als „unantastbarer Sultan“ außen- und innenpolitisch auf, doch in Wahrheit gibt die MHP den „Taktschlag der Trommel“ vor. [4]

Als Beweis für diese offensichtliche Tatsache kann etwa die Kurdenpolitik Erdogans angesehen werden. Lange Zeit hatte Erdogan eine pro-kurdische Strategie verfolgt und wollte den latenten Konflikt mit den Kurden beenden. Mit der MHP als Juniorpartner in der türkischen Regierung folgte dann die radikale Kehrtwende gegen kurdische Anliegen und die pro-kurdische HDP. Führende HDP-Politiker sitzen mittlerweile in Haft.

Teile der AKP-Elite vertreten wie Innenminister Süleyman Soylu offen anti-westliche Positionen und bekommen Unterstützung vom kleinen Regierungspartner MHP. Soylu etwa verdächtigt die USA in der Öffentlichkeit, dass sie im Hintergrund die eigentlichen „Drahtzieher“ des Putschversuches gegen Erdogan 2016 gewesen seien. Damit würden offenbar auch die jüngsten diplomatischen Anstrengungen Erdogans untergraben, die amerikanisch-türkischen Beziehungen wieder ins Lot zu bringen.

Ebenso unsicher steht es um die ramponierten Beziehungen der Türkei zur EU. Jegliche Annäherung an die EU im Sinne eines von Erdogan angekündigten „neuen Kapitels“ dürfte nicht wirklich auf den Wohlgefallen Bahçelis und seiner MHP stoßen.


Neues Sachbuch sieht Parallelen der heutigen Türkei Erdogans zur Habsburger-Nostalgie


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Die neoosmanischen Bestrebungen des türkischen Präsidenten Erdogan scheinen Ähnlichkeiten mit der intellektuellen Stimmungslage im zu Ende gehenden Habsburger Reich aufzuweisen. Das behaupten die Autoren des 2021 im britischen Verlag Pargrave Macmillan erschienen Buches „Narrated Empires – Perceptions of Late Habsburg and Ottoman Multinationalism – hrsg. von Johanna Chovanec und Olof Heilo.

Dabei geht es um die Deutung imperialer Narrative des Multinationalismus als alternative Ideologien zum Nationalismus in Mittel- und Osteuropa, auf dem Balkan und im Nahen Osten von den Revolutionen von 1848 bis zur Niederlage und dem anschließenden Untergang des Habsburger- und des Osmanischen Reiches im Jahr 1918. In dieser Zeit kämpften beide Reiche gegen den aufkommenden Nationalismus, um ihre eigene Vielfalt an Ethnien, Sprachen und Religionen zu legitimieren. Analysiert werden die verschiedenen Identitätsnarrative, die sie entwickelten, unterstützten, förderten oder unwissentlich schufen und der Nachwelt hinterließen, während sie versuchten, mit den sich verändernden politischen Realitäten der Moderne Schritt zu halten.

In den letzten Phasen des Habsburger Reiches wurde etwa Österreich-Ungarn als „Völkerkerker“ verurteilt. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts allerdings wandelte sich diese Sichtweise grundlegend. Das Vielvölkerreich der Habsburger wurde nicht erst seit den Tagen der Gründung der Paneuropa-Union 1922 unter Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi als Vorbild für ein gemeinsames, friedliches Zusammenleben europäischer Völker dargestellt. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums sahen nunmehr sogar linke Intellektuelle das Habsburger Reich als „Modell“ für eine moderne, multinationale Europäische Union an – natürlich unter liberal-demokratischen Werteregeln. 

Derzeit erlebt der Neo-Osmanismus in der heutigen Türkei einen neuen Auftrieb, wie schon in der Ära des früheren türkischen Präsidenten Turgut Özal (1927-1993) nicht mehr. Özals außenpolitische Bestrebungen waren die möglichst tiefgehende Anbindung der verschiedenen Turkvölker in den Regionen der nunmehr von Moskau unabhängig gewordenen zentralasiatischen Länder. In ähnlicher Weise agiert heute Erdogan, der seinen Machtanspruch vor allem auf den nordafrikanischen und den arabischen Raum wieder verstärkt definiert. Im Unterschied zu einer multikulturellen und multikonfessionellen Gesellschaftsvision des Osmanischen Reiches vieler türkisch-stämmiger, arabischer, armenisch-christlicher, jüdisch-stämmiger Intellektueller versteht Erdogans AKP-Regierung die neue Türkei als „ethnisch-homogen“. Dies geht bis zu einem gewissen Teil auch auf die harsche Ablehnung der osmanisch-islamischen Vergangenheit durch den Republik-Gründers Atatürk (1881-1938) zurück. Das osmanische Imperium wurde von Atatürk als „vormodern“ angesehen. Westliche Aufklärung und Bildung sowie westliche Gesellschaftsnormen hatten nunmehr klar den Vorrang vor alten islamisch-osmanischen Sitten und Gebräuchen.

Wie immer hinkt jeglicher Vergleich, doch scheinen Erdogans außenpolitische Bestrebungen ein gerüttelt Maß an neoosmanischer Machtausdehnung unter den Auspizien einer neuen türkischen Präsidialrepublik widerzuspiegeln.

>>>> Johanna Chovanec und Olof Heilo (Hrsg.), Narrated Empires - Perceptions of Late Habsburg and Ottoman Multinationalism. Reihe: Modernity, Memory and Identity in South-East Europe, Pargrave Macmillan 2021, 416 S.


Ausbau der türkischen Marine

Die Unterstützung der Türkei für Operationen zur Bekämpfung von Piraterie vor der Küste Somalias und im Golf von Aden im Rahmen unter anderem des UNO-Sicherheitsrats sind seit 2009 die ersten konkreten Anzeichen für die Absicht der türkischen Marine, auf hoher See zu operieren. Diese Einsätze haben auch den Bau neuer Schiffe, U-Boote und Raketenprojekte ausgelöst, mit denen die künftigen Seestreitkräfte des Landes aufgebaut werden sollen. Die derzeitigen Flottennachschubschiffe TCG AKAR (A-580) und TCG YARRABY KUDRET GUNGOR (A-595), die zur Abteilung für logistische Unterstützungsschiffe der türkischen Marine mit Sitz in Gölcük gehören, unterstützen die Task Group der türkischen Marine. Dabei handelt es sich um eine Hochseeformation, die 2010 gegründet wurde, um im Rahmen der „Open Sea“-Politik Ankaras weit entfernt von türkischen Häfen weltweit zu operieren. Aufgrund ihrer geringen Reisegeschwindigkeit (13 kn = ca. 24 km/h) konnten sie jedoch nicht mit den Fregatten, die sie unterstützten, Schritt halten, sodass die Task Group mit niedrigerer Geschwindigkeit fahren musste. Aufgrund dieser Erfahrung forderte die türkische Marine, dass die nächste Generation von Nachschubschiffen, die im Rahmen des DIMDEG-Projekts gebaut werden, eine höhere Reisegeschwindigkeit aufweisen müssen. DIMDEG wurde eingeführt, um den Treibstoff-, Wasser- und Versorgungsbedarf von Überwassereinheiten zu decken, die weltweit auf offener See operieren.

Die TCG DERYA wird eines der neuen Mehrzweck-Nachschubschiffe sein, die die Funktionen eines Tankers und eines Versorgungsschiffs in sich vereinen. [5] Die Hauptaufgabe dieser Plattformen besteht darin, den Flüssigtreibstoffbedarf der schnellen Angriffseinheiten im Falle einer möglichen Marineoperation (oder eines Krieges) sicher und schnell zu decken, während sie von einem sicheren/versteckten Ort aus operieren.

Afghanistan

Nach der großteils kampflosen Machtergreifung der Taliban in Afghanistan gab sich der türkische Präsident Erdogan gegenüber den neuen Machthabern gesprächsbereit. „Wer auch immer die Führung innehabe, man stehe dem Land in guten wie in schlechten Zeiten bei“, sagte Erdogan am 18. August 2021. Er gehe davon aus, dass die Türkei es dabei „viel leichter“ als die Amerikaner haben würden, weil die Türkei keine Probleme mit dem Glauben der Taliban habe, betonte der türkische Präsident bereits Mitte Juli.

Treffen Putin-Erdogan in Sotschi

Bei seinem Besuch beim russischen Amtskollegen Wladimir Putin Ende September 2021 in Sotschi, kündigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an, neue Waffensysteme von Russland erwerben zu wollen.

Auf der Tagesordnung standen unter anderem kontroverse Themen wie Syrien, wo Russland zunehmenden Druck auf die Türkei ausübt[6]; oder auch das Verhältnis zur Ukraine, die von der Türkei mit Kampfdrohnen beliefert wird – zum Ärger Russlands.

Zuvor hatte Erdogan zum Missfallen der anderen NATO-Partner den Kauf von weiteren russischen Raketenabwehrsystemen in Aussicht gestellt. „Künftig werde sich auch niemand mehr einmischen können, welche Art von Verteidigungssystemen die Türkei von welchem Land erwerbe“, betonte Erdogan.

Der Streit über den Kauf russischer S-400-Luftabwehrbatterien entzweit die beiden NATO-Partner USA und Türkei bereits seit längerer Zeit. Erdogan hatte 2019 trotz US-Kritik das russische System gekauft und Bedenken zurückgewiesen, die S-400 könnten eine Bedrohung für die NATO-Verbündeten darstellen. Die USA hatten deshalb Sanktionen gegen die Türkei verhängt, wonach die USA die Türkei aus dem Programm des neuen Kampfjets F-35 ausschlossen, obwohl Ankara bereits 1,4 Milliarden US-Dollar investiert hatte. Sollte Erdogan weitere S-400 und möglicherweise auch russische Kampfflugzeuge kaufen, könnte das den Streit verschärfen und weitere US-Sanktionen nach sich ziehen.[7]

Die eher unterkühlte Beziehung Erdogans zum US-Präsidenten Joe Biden, von dem er sich seiner Meinung nach „geringgeschätzt“ fühlte, trug unter anderem dazu bei, dass sich Ankara – trotz zahlreicher Konfliktpunkte – stärker an Moskau orientieren wolle, wie Erdogan betonte.[8]

Die Türkei kritisiert die EU

Die Türkei wies die jüngste Kritik der EU-Kommission in Sachen markanter Demokratiedefizite scharf zurück und sprach von „Doppelmoral“. Der von der Kommission am 19. Oktober 2021 veröffentlichte Türkei-Bericht enthalte „haltlose Behauptungen“ und „unfaire Kritik“, die man nicht akzeptiere, erklärte das Außenministerium in Ankara.

Der EU-Bericht ignoriere die Verantwortung der EU gegenüber dem Kandidatenland Türkei und zeige, dass diese Doppelmoral in den Beziehungen zur Türkei walten lasse, hieß es.

Die EU-Kommission hatte zuvor in dem Text deutliche demokratiepolitische Mängel in der Türkei festgestellt. Sie warf Ankara unter anderem Druck auf die Zivilgesellschaft und Opposition vor und äußerte Bedenken bezüglich der Rechtsstaatlichkeit, der Grundrechte und der Unabhängigkeit der Justiz.

Erst kürzlich hatten mehrere Botschaften aus EU-Staaten in der Türkei die Freilassung des Kulturförderers Osman Kavala gefordert, der seit 2017 inhaftiert ist, ohne verurteilt worden zu sein. Ankara bestellte daraufhin die Botschafter der Länder ein, Österreichs Vertreter war nicht darunter.

„Die Türkei ist kein einfacher Partner, aber ein wichtiger und vor allem ein unvermeidlicher, insbesondere wenn es um Migrationsfragen geht.“ – So lautete die Bilanz, die die aus ihrem Amt scheidende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrem Abschiedstreffen mit Erdogan am 16. Oktober 2021 in Istanbul zog.
Erdogan sprach denn auch von Merkel als die „Patronin des Flüchtlingsabkommens“. Denn das Abkommen Brüssels mit Ankara, gemäß der die Türkei für die Aufnahme der 3,7 Millionen Syrer finanzielle Unterstützung erhält, würde erneuert werden, hieß es.

Schlechte Umfragewerte für Erdogan und seine AKP-Regierung

Die politische Stimmung im Volk ist mittlerweile sehr gereizt und richtet sich immer mehr gegen Erdogan und seine AKP-Regierung. Ein wichtiger Grund sind die desaströse Wirtschaftslage und der unaufhaltsame Wertverlust der Lira, für den Erdogan mit seiner starren Geldpolitik große Verantwortung trägt.

Die Regierungszeit seiner AKP-Partei war lange mit steigendem Wohlstand für die breite Bevölkerung verbunden. Doch der „Glanz“ ist verblasst. Die spektakulären Enthüllungen eines flüchtigen Mafioso, die im Frühjahr das ganze Land in Atem hielten, hatten einmal mehr vor Augen geführt, dass auch unter der einstigen Reform-Partei Korruption und Vetternwirtschaft Einzug gehalten haben.

Erdogans Drohung mit einer erneuten Intervention in Syrien, die er seit dem tödlichen Angriff auf zwei türkische Soldaten Mitte Oktober 2021 mehrfach wiederholt hatte, musste auch in diesem Zusammenhang verstanden werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass mit der türkischen Außenpolitik innenpolitische Ziele verfolgt werden.

Erdogan droht mit Abschiebung mehrerer Botschafter aus westlichen Staaten

Nach einer Phase der Wiederannäherung an den Westen verschärfte der türkische Präsident neuerlich seine Tonart gegenüber die EU und die USA. In scharfen Worten kündigte er am 23. Oktober an, die Botschafter der USA, Deutschlands, Frankreichs und sieben weiterer westlicher Länder ausweisen zu lassen. Erdogan stieß sich an der Kritik der betreffenden Botschafter an der fortdauernden Inhaftierung des türkischen Philanthropen Osman Kavala. Allein mit der Drohung stieß die Türkei einige ihrer wichtigsten Partner vor den Kopf. In westlichen Hauptstädten sprach man denn auch von einer „beispiellosen diplomatischen Eskalation“.

Betroffen wären auch die Gesandten von Kanada, Neuseeland, den Niederlanden und den vier skandinavischen Staaten Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Selbst für türkische Verhältnisse war das Vorgehen ungewöhnlich scharf, wie politische Beobachter meinten.

Es blieb allerdings bei den verbalen Drohungen.

Türkei Erdogans

zwischen Rechtsstaatlichkeit und Despotie

Am Beispiel der Türkei unter Präsident Erdogan mit seiner regierenden islamisch-konservativen AKP zeigen sich die  autokratischen Machtbestrebungen einer Elite, demokratische Institutionen zu unterminieren bzw. für ihre Zwecke einzuspannen, um gewisse Ziele umzusetzen. Die Aushöhlung der Judikative, der funktionelle Kompetenzverlust des türkischen Parlaments als Institution der repräsentativen Souveränitätsausübung des Volkes werde Schritt um Schritt weitergetrieben, betonen Kritiker.[9]

Damit geht ein „schleichender Abbau“ rechtsstaatlich-liberaler demokratischer Prozesse einher. Die durch die AKP-Mehrheit im Parlament im Juli 2021 um weitere drei Jahre verlängerte Fortführung des Ausnahmezustandes nach dem missglückten Militärputsch von 2016 widerspiegelt besonders krass diesen autokratischen Machtanspruch, um den „Ausnahmefall zum Normalfall“ werden zu lassen. Das türkische Verfassungsgericht hat dazu bisher nur geschwiegen, obwohl hier eigentlich ein Aufschrei erfolgen hätte müssen.

Die streng laizistisch ausgerichtete Türkei Attatürks blieb von Beginn an eine „hinkende Demokratie.[10] Die Militärputsche von 1960, 1971 und 1980 sowie die Drohung des Militärs mit einem neuerlichen Putsch 1997 stellen dies eindrucksvoll zur Schau. Erdogans seit 2002 regierende AKP wurde ursprünglich vom Volk als „Reformer“ im Sinne einer „islamisch-konservativen CDU“ bejubelt. Doch zeigte sich im Laufe der Zeit Erdogans zunehmender Hang zu autoritärer Machtausübung.


Abgeschlossen: Anfang Jänner 2022

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Weiterführende LINKS:

Der Aufstieg des Recep Tayyip Erdoğan | bpb

Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) | bpb

How Erdogan Made Turkey Authoritarian Again - The Atlantic

The West Hoped for Democracy in Turkey. Erdogan Had Other Ideas

Erdogan's Turkey: The Authoritarian Alternative to Populism

Conservatism and Authoritarianism in Turkey - JSTOR

As NATO Convenes, Erdoğan’s Authoritarianism Remains an Awkward Problem

Turkey’s deepening authoritarianism and the fall of electoral democracy


Anmerkungen:

[1] Turkey detains admirals who criticised giant Istanbul canal. In: BBC-NEWS v. 5.4.2021: https://www.bbc.com/news/world-europe-56640495

[2] Ex-soldiers' declaration unacceptable: Erdoğan. In: Hürriyet Daily News v. 5.4.2021: https://www.hurriyetdailynews.com/ex-soldiers-declaration-unacceptable-erdogan-163713

[3] Italiens Ministerpräsident Draghi bezeichnet Erdoğan als »Diktator«. In: DER SPIEGEL v. 9.4.2021.

[4] Vgl. Susanne Güsten, „Erdoğan oder: Der schwache Mann am Bosporus“. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2021, S. 37-40.

[5] Kubilai Han, „TURKEY’S COMBAT SUPPORT SHIP PROGRAMME“. In: European Security & Defence 5/2021, S. 96-98.

[6] Sotschi: Putin und Erdogan verhandeln über Syrien. In: Deutsche Welle-Online v. 28.9.2021: https://www.dw.com/de/sotschi-putin-und-erdogan-verhandeln-%C3%BCber-syrien/a-59342008

[7] Experts react: The key takeaways from the Erdoğan-Putin meeting. In: Atlantic Council-Online v. 30.9.2021: https://www.atlanticcouncil.org/blogs/turkeysource/experts-react-the-key-takeaways-from-the-erdogan-putin-meeting/

Turkish-Russian cooperation essential for peace in Syria: Erdoğan. In: Hürriyet Daily News-Online v. 29.9.2021: https://www.hurriyetdailynews.com/turkish-russian-cooperation-essential-for-peace-in-syria-erdogan-168243

[8] „Kann nicht sagen, dass wir mit Herrn Biden einen guten Start hatten“. In: Der Spiegel-Online v. 23.9.2021: https://www.spiegel.de/ausland/tuerkei-recep-tayyip-erdogan-beklagt-schlechtes-verhaeltnis-zu-den-usa-a-bfb7c8ea-1523-42da-bb1f-e8847a50e2d1

[9] Siehe dazu: Ece Göztepe, „ÜBER DIE VERTEIDIGUNG DER DEMOKRATIE UND RECHTSSTAATLICHKEIT IN DER TÜRKEI“. In: Zeitschrift für Politik – ZfP 3/2021, S. 323-336.

[10] Ebd.


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