Konfliktpotenzial, Konfliktprophylaxe und Konflikte im erweiterten Ostseeraum

Imbi Sooman

 

Auch der Ostseeraum ist durch den Zusammenbruch der Sowjetmacht zur ungeteilten Region geworden. Daraus ergibt sich die Herausforderung, Integration auf nationaler, regionaler und europäischer Ebene zu schaffen. Begegnung und Dialog sind daher angesagt, um die oft schwere - oder wenigstens komplizierte - gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und die gemeinsame Zukunft bewusst und vor allem friedlich gestalten zu können. Seit dem Ende des Kalten Krieges wird die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts zunehmend von drei Faktoren geprägt: Die Beschäftigung mit Geschichtsgedächtnis, mit Geschichtspolitik und mit der Suche nach transnationalen sowie vergleichenden Zugängen zu bisher primär nationalgeschichtlich geprägten Perspektiven. Auch hier wird versucht, kontrastiv und transnational vorzugehen und dabei die Geschichtspolitik besonders zu beachten.

Die EU setzt auf die Ostseeregion: Das transnationale Programm Interreg IV B Ostsee (2007-2013) will die Ostseeregion zu „einem besseren Ort zum Leben, Arbeiten und Investieren“ machen. Das Programm betrifft ganz Schweden, Dänemark, Polen, Estland, Lettland, Litauen und Finnland sowie Teile Norddeutschlands. Norwegen, Weißrussland und die nordwestlichen Teile Russlands sind auch erfasst, obwohl sie nicht EU-Mitgliedstaaten sind.

Das große internationale Forschungsprogramm BONUS fokussiert auf die Umwelt und Gesellschaftsentwicklung der Ostseeregion, wieder im Sinne der „Nördlichen Dimension“, d.h. einschließlich Russlands.

Es sind wichtige Programme, denn der West-Ost-Konflikt, den es in den 90er-Jahren wirtschaftlich nicht gab - Russland war de facto bankrott, und nur froh, die Europäer mit Öl und Gas beliefern zu können und im Gegenzug europäische Investoren ins eigene Land zu holen - ist jetzt auf europäischer und globaler Ebene verschärft und war dies schon vor der Ukraine-Krise.

Die EU ist gefordert, ein Revival der Nördlichen Dimension zu fördern. Es ist zu hoffen, dass die erwähnten Entwicklungs- und Forschungsprogramme mittelfristig auch Visa-Erleichterungen mit sich führen können, so dass auch spontanere und autonome Bildungs- und Kulturkooperationen mit Russland aufgebaut werden können - sodass eine neue russische Mittelschicht herangezüchtet werden kann, als Vorbereitung für die Integration Europa-Russland.

Je vernetzter die Welt wird, desto schwerer wird es, sie in Blöcken gegeneinander auszuspielen. Langfristig kann nur das Abschaffen der globalen Chancenungleichheit friedenserhaltend sein und auf Dauer militärische Verteidigung ersetzen. Wir werden irgendwann hoffentlich eine größere und demokratischere Einheit sein, damit wir uns auf die Probleme des Überlebens auf unserem Planeten oder anderswo - der Nahrung und der Ökologie - konzentrieren können. Das Militär würde dann neue Herausforderungen bekommen. Eine Kontaktzone für Vielfalt wäre der Ostseeraum. Die Integration dieses Raumes ist schon so weit fortgeschritten, dass die Prognose für friedliche Koexistenz sehr gut ist, so lange wir nicht Russland als Problem verdrängen und nicht aufhören, den Dialog zu suchen.