Das kurdische „schwarze Gold“ als Zankapfel

Wie kann der Irak stabilisiert werden?

Müzehher Selcuk/Silvia Nicola                  

 

Einer Analyse der U.S. Energy Information Administration (EIA) zufolge betrugen die nachgewiesenen Erdölreserven des Irak 2011 ungefähr 115 Milliarden Barrel und bereits 141 Milliarden Barrel im Jahr 2013, was das Land weltweit auf den fünften Platz nach Saudi-Arabien, Venezuela, Kanada und Iran platziert. Das enorme Erdöl- und allgemeine Energiepotenzial des Irak sorgt für einen verschärften Wettbewerb und eine Rekalibrierung der energiepolitischen Machtverhältnissen zwischen den etablierten regionalen Erdöl-Hegemonien Iran und Saudi Arabien und für mögliche Preisschwankungen, sobald die OPEC die freigegebene Erdölmenge weltweit nicht reguliert. Die regionalen energiepolitischen Machtverhältnisse spielen sich aber nicht nur wirtschaftlich ab, sondern eine zweidimensionale Konstellation von Ethnie und Konfession tritt in den Vordergrund. Ethnisch gesehen bezeichnet sich die Mehrheit der Länder der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) selbst als arabische Staaten. Trotzdem weisen diese Gesellschaften eine bemerkenswerte und anerkannte Vielfalt an Ethnien vor. Noch dazu sind zwei bevölkerungsreiche und energiepolitisch-relevante Staaten in der Region nicht-arabisch: die Türkei, als einer der ressourcenabhängigsten Staaten der Welt und der Iran. Aus konfessioneller Sicht befindet sich die größte Konzentration schiitischer Muslime in der Region des Persischen Golfes. Im Iran, Irak und Bahrain stellen diese mehr als 65% der Bevölkerung, 40% im Jemen und 25% in Kuwait und in den restlichen Ländern wie Saudi-Arabien, Katar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten meist marginalisierte und diskriminierte Minderheiten von 5-15% dar. An dieser Stelle ist es wichtig, die entgegengesetzte Positionierung bezüglich der konfessionellen Grenzziehung der ressourcenreichsten Länder der Region; Saudi-Arabien (sunnitisch) und Iran (schiitisch) anzumerken, wobei der drittplatzierte Irak nach dem Kriterium der bewiesenen Erdölvorkommen unter diesem Zwiespalt intern verzerrt ist. Diese Konfliktlinien prägen auch die interne politische Landschaft des Irak, wo das Erdöl zum Zankapfel zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Autonomen Region Kurdistan (KRG) wird. Die entlang konfessionell-ethnischer Demarkationslinien verlaufenden Dispute ziehen sich durch alle Etappen der Petroleum Operations: von der Erschließung von neuen Erdölfeldern, über die Förderung an sich, hin zum Transport, Bearbeitung und Gewinnung von raffinierten Derivaten und letzten Endes Export bzw. Import. Besonders dieser letzte Schritt trägt durch die enge wirtschaftliche Vernetzung und Interdependenz der Akteure zum Widerschall der regionalen Auseinandersetzungen bei, sodass eine mögliche Destabilisierung des Irak an globaler Relevanz gewinnt. Es konnten sich die kollektiven Handlungen der KRG im Vergleich zur Zentralregierung als erfolgreicher erweisen. Der Grund für diesen Erfolg liegt in der Stabilität ihrer politischen Identität. Die Schwächen und Instabilitäten der irakischen Zentralregierung speisen sich aus dem Mangel an Visionen, um die verschiedenen politischen Identitäten innerhalb des Landes zusammenwachsen zu lassen. Dies wurde bis dato als ein Nullsummenspiel betrachtet. Der ohnehin schwache Irak wird durch die Geschehnisse der letzten Wochen durch die sunnitischen Extremisten von ISIS/IS geschwächt und dadurch von der Auseinandersetzung um Ölbefugnisse abgelenkt. Die Kapazität der KRG das dysfunktionale irakische Militär unterstützen zu können, deutet auf die Möglichkeit einer weiteren Begegnungsgrundlage hin. Trotz dessen, dass bei diesen Begegnungen Konflikte nicht ausgeschlossen werden können, basiert die mögliche Entstehung eines gemeinsamen Nenners immer auf fortwährenden Interaktionen. Dabei ergibt sich die Fragestellung, ob es zukünftig möglich sein könnte, dass durch die Erscheinung eines gemeinsamen Feindes eine Konsensbildung und irgendwann evtl. eine übergeordnete irakische Identität erfolgen kann.