Innere Führung - längst „überholte“ Dienstvorschrift oder gelebter Anspruch?

Andreas Berns

 

1. Einsatzfrage: Die Innere Führung ist einsatzkompatibel. Dies gilt es bei einer Neufassung der entsprechenden Dienstvorschrift zu berücksichtigen und in diesem Zusammenhang, gewahr der hier aufgezeigten Kritik, bei der Verwendung zentraler ethischer Begriffe, die die Wirklichkeit wiedergeben, eindeutig zu formulieren, d.h. ein klares Postulat: die Dinge so benennen, wie sie sind, die die zuweilen das ganze Menschsein herausfordernde Lebenswirklichkeit des Soldatenlebens und seines Umfelds realitätsnah widerspiegeln und nicht in ein „verquastes weltfremdes“ und dadurch für die Betroffenen‘ schräg wirkendendes Amtsdeutsch‘ zwängen. Die ehemalige ZDv 10/1 hat aber mancherorts wohl nicht nur in der Ausdruckform den „Pfad der Lebenswirklichkeit“ verlassen, sondern vermutlich auch in der Frage der Wiedergabe des Ursprungsethos bei der Wortwahl verschlungene Seitenpfade eingeschlagen, die teilweise historisch rückwärtsgewandt sind oder eventuell in die „normative Leere“, ins „ethisch Nichtssagende“ führen könnten. Unabhängig der Frage, ob diese Abkehr - zum Beispiel zugunsten von seinerzeit bestehenden Modernisierungsreflexen - bewusst oder unbewusst vorgenommen wurde, sollte diese ursprüngliche Grundausrichtung gemäß der Urfassung jedoch zeitnah wiederhergestellt und nicht (weiter) „aufgeweicht“, teilweise oder gar ganz aufgegeben werden, auch nicht für eine Ethoskompatibilität gesamteuropäischer Streitkräfte, denn dieser von Baudissin geprägte Ethos ist bereits Teil der historisch gewachsenen Identität Deutschlands und somit auch Teil europäischer Realität.

2. Legitimationsfrage: Das im worteigenen Sinne „selbst-bewusste“ Handeln der Verantwortlichen der Streitkräfte ist ebenfalls Teil der gelebten Inneren Führung. Die Innere Führung bezieht sich nicht primär auf den Einsatz, denn die vom Grundgesetz vorgegebene friedensethische Ausrichtung und entsprechende Legitimation sind eindeutig. Die in dieser Analyse bereits dargelegten Antagonismen zwischen Politik, Recht und Ethos bzw. eine entsprechende Vermittlung und Wahrnehmung dieser Widersprüche in der Legitimationsfrage können Motivation und Sinngebung des Auftrags schmälern oder gar infrage stellen, gleichwohl das Grundgesetz einen solchen Widerspruch im eigentlichen Sinne nicht zulässt.

3. Identitätsfrage: Die Innere Führung soll für die gesamten Streitkräfte identitätsstiftend sein, nicht nur für die militärischen Führungskräfte. Das aktuelle Selbstverständnis „Wir. Dienen. Deutschland“ meint - im wahrsten Sinne dieser Worte - „selbst-verständlich“ - nicht nur die militärischen Verantwortungsträger, sondern jede Soldatin und jeden Soldaten mit ihrer bzw. seiner Funktion, vor dem Hintergrund ihres bzw. seines ihr bzw. ihm zugewiesenen Auftrags. Die Wahrung der Innere Führung sollte „selbst-verständlich“ Teil des militärischen Führungsverständnisses und somit der Führungsphilosophie der Soldatinnen und Soldaten sein. Das bedeutet aber nicht, den Weg zu gehen, Innere Führung als in erster Linie reine Führungsphilosophie zu verstehen.

4. Frage des Selbstverständnisses: Baudissin wählte eine bewusste Abkehr von einer Armee, in deren Mittelpunkt allein die soldatischen Tugenden stehen. Innere Führung bewährt sich, wenn sie in der Grundzielrichtung und mit der angemessenen, d.h. einer authentischen Verwendung der zutreffenden Begriffe, nicht als unauflöslicher Widerspruch zwischen Gehorsam und Gewissen verstanden wird, sondern wenn die Innere Führung als bewusster und gewollter Spannungsbogen, dessen vornehmliche Aufgabe gerade das ständige Ausbalancieren dieser Polkräfte ist, erkannt und angewandt wird. Eine Neufassung einer solchen Vorschrift sollte daher den Kern und die ethischen Grundaussagen nicht infrage stellen dürfen. Die Idee einer „Armee in der Demokratie für die Demokratie“,- auch in der Wahl der Mittel und Methodik - gesinnungsethisch einzustehen und diesem friedensgeleiteten Ethos zu dienen, ist die Basis einer effizienten Inneren Führung.