Gallipoli - der vergessene Kriegsschauplatz

Über die Schlacht um die Dardanellen 1915 bis 1916

Andreas Stupka

Im deutschsprachigen Raum wird kaum im Rahmen des derzeitigen Gedenkens und Erinnerns an den Ersten Weltkrieg der türkische Kriegsschauplatz betrachtet. Während sich die englischsprachige Literatur, v.a. aus Australien und Neuseeland, zu diesem Thema bergehoch auftürmt, bleibt dieser Frontabschnitt bei uns unterbelichtet. Hier eine Lücke zu schließen und die größte amphibische Landungsoperation, die die Weltgeschichte bis dahin gesehen hatte, darzustellen, dazu ist dieser kurze Aufsatz angetan. Wichtig für das Verständnis des Zustandekommens dieser Operation sind die politisch-strategischen Umstände, mit denen das Osmanische Reich konfrontiert wurde bzw. aus welcher militärstrategischen Position heraus sich die Türkei gezwungen sah, auf Seiten der Mittelmächte im November 1914 in den Krieg einzutreten. Die militärische Operation selbst lässt sich in vier Abschnitte aufgliedern, von denen der erste den fehlgeschlagenen Durchbruchsversuch der britischen Marine und die Öffnung der Meerenge bildete. Als zweiter Schritt erfolgte die Landung von Truppen auf der Halbinsel Gallipoli im April 1915, die sich alsbald in einem Stellungskrieg festrannte. Mit der August-Offensive der Briten 1915 erfolgte dann ein weiterer Versuch, wieder Bewegung in den Stellungskrieg zu bringen - auch er scheiterte. Schließlich mussten die Briten erkennen, dass die Front nicht zu halten war und leiteten ab Dezember 1915 den letzten Abschnitt, die Räumungsphase, ein. Dieser überwältigende Sieg der türkischen Streitkräfte ist nicht zuletzt auch auf die massive deutsche Militärhilfe zurückzuführen, die hier ebenfalls aufgezeigt werden soll. Nichtsdestotrotz zählte das Osmanische Reich zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges und wurde im Diktatfrieden von Sèvres und dem dann milderen Vertrag von Lausanne auf die heutige Türkei zusammengestutzt. Dies zeitigt seine Auswirkungen bis heute und macht auch die v.a. unter dem jetzigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgekommene Osmanophilie sowie die immer deutlicher werdende türkische Politik der Einflussnahme auf die ehemaligen, dem osmanischen Herrschaftsbereich unterworfenen Gebiete verständlich. Die Zeit der kemalistischen Zurückhaltung in allen außenpolitischen Angelegenheiten sowie der laizistische Kurs der Türkei Atatürks scheinen somit vorbei zu sein. Vielmehr besinnt sich die neue Türkei wieder auf das osmanische Erbe und ihre islamischen Traditionen, die mit dem Sturz des Sultans 1920 und der Abschaffung des Kalifats nach dem Ersten Weltkrieg ihr vorläufiges Ende gefunden gehabt hatten. Im türkischen Soldaten hatte man sich gewaltig verschätzt, weswegen dieser Kriegsschauplatz auch noch heute gerne kleingeredet wird. Der türkische Nationalstolz über diesen Sieg sieht es bis heute nicht gerne, dass die türkisch-deutsche Waffenbrüderschaft wesentlich zum Erfolg beigetragen hat. Auch in Deutschland selbst wurden die Helden von Gallipoli aus unerfindlichen Gründen nicht gebührend gewürdigt. Dies mag auch der Grund sein, dass v.a. im deutschsprachigen Raum dieser wichtige Frontabschnitt des Ersten Weltkrieges und damit die erste große amphibische Landungsoperation der Weltgeschichte der Vergessenheit anheimgefallen zu sein scheinen.