Waterloo - der nahezu vergessene „deutsche“ Anteil

Wolfgang Etschmann

Der Sieg der alliierten Truppen bei Waterloo am 18. Juni 1815 war kein alleiniger britischer Erfolg. Die Koalitionskriegführung war zwar nicht detailliert durchgeplant, funktionierte aber durch das prinzipiell richtige Zusammenwirken der Alliierten in der entscheidenden Doppelschlacht von Waterloo/Mont St. Jean und Wavre, als die britischen/niederländischen Truppen unter dem Herzog von Wellington ihre Stellungen stundenlang unter großen Verlusten hielten und durch die Initiative der preußischen Truppen unter Führung von Feldmarschall Blücher, die die französischen Truppen in der Flanke angriffen und dadurch letztlich entscheidend zur Niederlage der französischen Truppen unter Napoleon beitrugen. Die folgende Abhandlung bezweckt keineswegs, die Leistungen der britischen Truppenführung und den Opfermut der Soldaten „klein zu reden“, sondern soll die wesentlichen Ursachen des Erfolgs durch das „Zusammenwirken“ der alliierten Truppen herausarbeiten - denn ohne dieses wäre zumindest auch diese Schlacht - wie jene beiden von Quatre Bras und Ligny am 16. Juni im Feldzug 1815 verloren worden. Bei der Analyse des Verlaufes der Schlacht von Waterloo und der einzelnen Aktionen der Alliierten lassen sich folgende Ableitungen ziehen: Die Standfestigkeit der britischen und der ihr unterstellten verbündeten Kontingente und ihre phasenweisen Gegenangriffe verhinderten den eigenen Zusammenbruch unter den heftigen französischen Angriffen bis 19:30 Uhr und ließen auch das Eingreifen der preußischen Truppen am linken Flügel der Armee Wellingtons zum Erfolg werden. Die preußischen Truppen banden ab dem frühen Nachmittag des 18. Juni immer größere Teile der französischen Armee (ab 19:00 Uhr bereits mehr als ein Korps mit starken Teilen der Garde), wobei sich der Schwerpunkt der Kämpfe immer mehr in den Raum der Ortschaft Plancenoit verlagerte. Der nach 19:15 Uhr abzusehende preußische Durchbruch hätte in absehbarer Zeit wesentliche Teile der preußischen Korps in den Rücken der französischen Armee gebracht, großen Teilen den Rückzugsweg nach Genappe abgeschnitten. Dieser führte gleichzeitig mit dem Scheitern des letzten Angriffs, der von der französischen Garde gegen das britische Zentrum vorgetragen wurde, zu einer Massenpanik, die die Auflösung des größten Teils der Truppen Napoleons zur Folge hatte.

Die zähe Verteidigung der eigenen Stellungen durch das preußische III. Korps bei Wavre band die Armeegruppe des Marschalls Grouchy am 18. und in den frühen Morgenstunden des 19. Juni, als die französischen Truppen nach heftigen Gefechten zwar die Dyle in Wavre überschreiten konnten, jedoch durch die gegen 10:30 Uhr bei Marschall Grouchy eintreffende Nachricht von der Niederlage der Truppen Napoleons bei Mont St. Jean/Waterloo letztlich ebenfalls zum Rückzug gezwungen wurden.

Die extrem schweren Verluste in den Feldzügen der letzten drei Jahre, Aufstände der eigenen Bevölkerung in Westfrankreich, die erneute Aussicht auf einen langen und verlustreichen Krieg, ließen im Hinblick auf das absehbare Eingreifen riesiger österreichischer und russischer Armeen die Lage für Frankreich düster erscheinen. Italien war für das französische Herrschaftsgebiet ebenfalls verloren.

Die weitgehend defensive Operationsführung Wellingtons und die aktive offensive Operationsführung Blüchers sicherten den alliierten Erfolg am 18. Juni 1815, dessen Auswirkungen letztlich die politisch-strategische Lage in Europa für die folgenden Jahrzehnte mitbestimmen sollte.