Bismarck als Stratege

Gedanken zum Spannungsfeld von Politik und Militär im Wechselspiel mit Generalstabschef Moltke

Eberhard Birk/Peter Popp

Publikationen zu Otto von Bismarck (1815-1898) haben stets Konjunktur. Je nach Geschmack der Autoren, untersuchtem außen- oder innenpolitischem Themenfeld und Zeitgeist oszillieren sie zwischen Apotheose eines Meisters der (diplomatischen) Außen- resp. Macht- oder „Real“-Politik und Verdammnis, ja Diabolisierung als reaktionärer Junker, der den Grundstein für einen „deutschen Sonderweg“ gelegt hat. Faszinierend als „Dämon der Deutschen“ bleibt er auch im Jahre seines 200. Geburtstages. Dabei deutete von Beginn an nichts auf seine Rolle in der Entwicklung Preußens, Deutschlands und Europas im 19. Jahrhundert hin. Das galt jedenfalls bis zu jenem 23. September 1862, dem Tag seiner Berufung zum vorläufigen preußischen Ministerpräsidenten. Die Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten und Minister des Auswärtigen sollte zwei Wochen darauf, am 8. Oktober 1862, erfolgen. Ganz gleich, wie man Bismarck bewertet, der 23. September 1862 sollte in die Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland rückblickend als „dies ater“ eingehen. An jenem Tage wies das preußische Abgeordnetenhaus alle Ausgaben zur Heeresreform zurück. Der preußische Heeres- und Verfassungskonflikt nahm seinen Ausgang, und bereits am 30. September 1862 ließ Bismarck keinen Zweifel darüber, wie er diesen Konflikt zu lösen gedachte. Vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses fielen die in stenographisch nicht direkt verbürgten berühmten Worte „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschiedenen - das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen - sondern durch Eisen und Blut“. In den folgenden Jahren sollte sich erweisen, dass nicht das Parlament, sondern Bismarck den preußischen Heeres- und Verfassungskonflikt entschied. Ins Rampenlicht der „Großen Politik“ war Bismarck indessen spätestens am 3. Dezember 1850 getreten, als er rhetorisch geschickt eine preußische Niederlage zu einem Sieg umfunktionierte: Bismarck verteidigte an jenem Tag die Punktation von Olmütz, mit der Österreich und Russland eine Erweiterung des preußischen Herrschaftsgebietes verhinderten, die Preußen in Form der Erfurter Fürstenunion zu erreichen suchte. Der Deutsche Bund, ein Produkt des Wiener Kongresses, blieb also dank der gemeinsamen Intervention Österreichs und Russlands bestehen, ohne zuvor durch die Revolution von 1848/49 und durch bisheriges preußisches Machtstreben beendet worden zu sein. Bismarck sollte 1866/67 schließlich das erreichen, was dem preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm IV. 1850 versagt geblieben war: Die Neutralisierung des Faktors „Österreich“ als aktive Größe bei der Gestaltung der deutschen Verhältnisse. Als generelles Fazit kann vor dem Hintergrund dieser „strategischen“ Auseinandersetzungen zwischen Bismarck und Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (1800-1891) festgehalten werden: „Moltke ordnete Krieg und Frieden immer in militärische Szenarien ein, Bismarck in solche der praktischen Politik.“ Insofern war Strategie für Moltke stets lediglich genuin militärisch definiert, für Bismarck hingegen war das Militär einer von mehreren Faktoren im Rahmen seiner (außen-)politischen Vorstellungen einer Gesamtstrategie.