Der Weg nach Solferino. Die politischen Ursachen von 1859

Martin Prieschl

 

Obwohl sich der „Österreichisch-Sardische Krieg“ von 1859 in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, ist er im historischen Bewusstsein Österreichs kaum mehr verankert als einer der vielen Konflikte des 19. Jahrhunderts mit seinen komplizierten diplomatischen Hintergründen. Dennoch war der Waffengang, der nur von kurzer Dauer war, entscheidend für das weitere Schicksal der Habsburgermonarchie. Die Begleitumstände, die auslösenden Momente führten das Land in einen andauernden Gegensatz mit dem russischen Zarenreich und dem nach nationaler Einheit strebenden Italien. Gerade der Gegensatz zu Russland konnte nie bereinigt werden und belastete damit das zwischenstaatliche Verhältnis beider Monarchien bis zuletzt. Die entscheidende Hauptschlacht des Sardischen Kriegs bei Solferino am 24. Juni 1859, einem kleinen Dorf in der italienischen Provinz Mantua, ist jedoch untrennbar mit einem Ereignis von Weltbedeutung verbunden. Mit der Niederlage im Sardischen Krieg begann das langsame Sterben der Habsburgermonarchie. Historisch betrachtet, läuteten auf den Schlachtfeldern der Lombardei nicht nur die Todesglocken für den Neoabsolutismus. Die Niederlage im Krieg gegen Sardinien-Piemont und das französische Kaiserreich ist auch ein Lehrstück wie durch systematische Provokation ein Land in den Krieg getrieben wurde, den es eigentlich aufgrund der wirtschaftlichen, innenpolitischen und auch militärischen Verhältnisse niemals hätte führen dürfen. Kaiser Franz Joseph hatte danach begriffen, dass das ausgesaugte Land sich keinen Krieg mehr leisten konnte und durfte. Sein autokratisches Regime hatte versagt und er selbst eine außenpolitische Niederlage erlitten. Das seit dem Jahr 1851 in Österreich herrschende System des Neoabsolutismus konnte nach der Niederlage im Feld nicht überleben. Reformen mussten die logische Folge daraus sein. Der Kaiser beschritt - widerwillig und langsam - den Weg in Richtung einer parlamentarischen Monarchie. Seine Wertmaßstäbe und Ehrenstandpunkte, die in einem „Nationalkrieg mit durchaus revolutionären Zügen“ längst veraltet und unbrauchbar erschienen, legte der Monarch trotz der Erfahrungen von Solferino und Königgrätz nicht ab - bis hin zu den weltpolitischen Folgen des Sommers 1914. Gleichzeitig hatte das Reichsoberhaupt erkannt, dass sich der preußisch-österreichische Gegensatz über die Vorherrschaft im Deutschen Bund zuspitzen würde. Bewiesen hatten dies ihm die preußischen Forderungen für einen Kriegseintritt. 1866 entschied Preußen den Kampf für sich. Mit der Bildung des italienischen Nationalstaates konnte es nur mehr eine Frage der Zeit sein, wann es um den Kampf der restlichen italienischen Gebiete der Monarchie kommen würde. 1866 fiel Venetien an das neue europäische Königreich Italien, 1918 der Rest. Italien hätte der Kaiser nur halten können, wenn er auf seine Rolle in Deutschland verzichtet hätte. Dazu konnte sich der Habsburger nicht durchringen. Blieb nur noch der Konfliktherd Ungarn, den der Ausgleich von 1867 (nach der Niederlage im Deutschen Krieg) zuungunsten der nichtmagyarischen Bevölkerung entschied.