Zum operativ-strategischen Denken in den Vereinten Streitkräften der Warschauer Vertragsorganisation

Siegfried Lautsch

 

Die Notwendigkeit des operativ-strategischen Denkens ist von Theoretikern und Heerführern nachgewiesen worden. Dabei ging es stets darum, mit unterlegenen Kräften durch Nutzung der Elemente Zeit und Raum örtliche Überlegenheit zu erreichen und durch Vernichtung des Gegners das Kräftedispositiv zu eigenen Gunsten zu verändern. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt das operativ-strategische Denken eine Form, die bis in das Zeitalter der nuklearen Bedrohung im Grundmuster unverändert blieb. Es gibt eine Fülle von Publikationen, die der Theorie und Praxis dieses Denkens gerecht werden. Dazu gehören das Wirken und Schaffen Carl von Clausewitz, Gerhard von Scharnhorst, August Neidhardt von Gneisenau, Gottlieb von Boyen, Karl von Grolman, Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, Alfred Graf von Schlieffen, Erich von Manstein und viele andere. Freilich blieben die Reformer, Militärtheoretiker und Heerführer den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden. Aber ungeachtet dessen ist ihr militärtheoretisches Vermächtnis unveränderlich. Die Erfahrungen, die sie sammelten, bereichern den Erkenntnisschatz von Offiziergenerationen. Mitte der 1950er-Jahre begann eine qualitativ neue Etappe in der Entwicklung des umfangreichen Denkansatzes. Zu dieser Zeit vollzogen sich grundlegende Veränderungen in der technischen und materiellen Basis für den Krieg. Die Streitkräfte erhielten Nuklearwaffen und wesentlich modernere Kriegstechnik, was sich in der veränderten Bewaffnung, Gliederung und in verschiedenartigen Kampfhandlungen zeigte. Diese Faktoren waren ausschlaggebend für höhere Feuer- und Schlagkraft, Manövrierfähigkeit (Beweglichkeit) der Truppen und besseren Panzerschutz. Das wiederum führte zu Wandlungen in den Ansichten der Vorbereitung und Durchführung von Kriegen.

Moskau hatte aus seiner Militärdoktrin nie ein Hehl gemacht. Die Planungen liefen darauf hinaus, einen Krieg, wenn er von der NATO entfesselt wird, nicht auf dem Boden der Verbündeten, sondern auf dem Territorium des Gegners, also der NATO-Mitgliedstaaten, auszutragen sein wird. Mit anderen Worten, ein Angriff war allein als Reaktion auf die Offensive des Gegners beabsichtigt. Das bedeutet, dass wenn sich aus unterschiedlichen Aufklärungsquellen ein Gesamtbild ergeben hätte, aus dem der Aufmarsch der NATO-Streitkräfte eindeutig zu erkennen gewesen wäre, und keine Zweifel mehr bestanden hätte, dass der Krieg unmittelbar bevorstehe, dann wäre ein Präventivangriff möglich gewesen.

Die US-Planer im Pentagon sahen in gegensätzlicher Lage, also in einer verifizierten Angriffsbereitschaft der Warschauer Vertragsorganisation (WVO) einen „preemptive strike“, somit einen atomaren Erstschlag vor, um die Kapazitäten der feindlichen Streitkräfte, besonders der Sowjetarmee, zu schwächen. Danach war ein Krieg zwischen der NATO und der WVO eher ausgeschlossen, denn niemand wollte eine etwaige Selbstvernichtung riskieren.

Die Erziehung und Ausbildung der Offiziere im Ostblock trug dem damaligen Kriegsbild Rechnung, mit dem sich alle modernen Streitkräfte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen hatten. Somit entsprach das Führungsverständnis den Dimensionen der Optionen damaliger Kriegführung.

Um glaubhaft abschrecken zu können, entstand in der Bundeswehr wie in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR das Diktum „Soldaten müssen kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.“ Das war ein sehr hoher Anspruch, der das grundsätzliche berufliche Selbstverständnis des Offizierskorps beider Seiten bestimmte.

Auch nach Ende des Ost-West-Konflikts hielten die Offiziere der NVA das hohe Niveau des militärischen Denkens in den Streitkräften der WVO für gerechtfertigt, trug es doch zur Kriegsverhinderung durch militärische Abschreckung entscheidend bei.