Boko Haram bzw. Islamischer Staat in Westafrika

Michail Logvinov

 

Während die militärischen Geländegewinne des Schreckenskalifats „Islamischer Staat“ (IS) im Irak und Syrien breite mediale Aufmerksamkeit finden, erregte ein im Spätsommer 2014 ausgerufenes Kalifat der nigerianischen Boko Haram („Westliche Bildung/Erziehung/Zivilisation ist Sünde/verboten“), die sich Ende April 2015 in „Islamischer Staat in Westafrika“ bzw. Westafrikanische Provinz („Wilayat Gharb Ifriqiyah“) umbenannt haben soll, weit weniger Aufmerksamkeit. Nur kurze Zeit stand die dschihadistische Miliz mit einer weiteren Selbstbezeichnung (ab September 2010) „Jamā’at Ahl al-Sunnah li Da’wah wa-l-Jihād“ (zu Deutsch: „Gemeinschaft der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“) in den internationalen Schlagzeilen. Ihre Kämpfer hatten im April 2014 276 christliche Schülerinnen aus einer staatlichen Mädchenschule in der Stadt Chibok entführt. Doch der von der Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel orchestrierte Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 zeigte erneut, dass einer der brutalsten und erfolgreichsten dschihadistischen Organisationen nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit zukommt. Während sich die internationale Gemeinschaft und führende westliche Politiker mit den Opfern der Anschläge in Paris solidarisierten, berichteten anfangs nur wenige Blätter von einem beinahe zeitgleichen Angriff der nigerianischen Dschihadisten auf die Städte Baga und Doron Baga im Borno-Staat, bei dem etwa 2000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Die detaillierten Satellitenaufnahmen zeigten eine Verwüstung katastrophalen Ausmaßes. Zusammengenommen sei festgehalten, dass zahlreiche Herausforderungen durch den Dschihadismus in Nigeria u.a. in anfänglicher (militärischer) Überreaktion und inkonsistenten Reaktionen des Staates begründet liegen. Die beschriebenen politischen, ökonomischen, militärischen, geographischen u.a. Ermöglichungsfaktoren wurden von der Regierung entweder nicht oder äußerst defizitär angegangen. Alles in allem liegt der Schluss nahe, dass das Boko Haram-Netzwerk nach wie vor erfolgreich sein wird.

Der nominierte Präsident Muhammadu Buhari scheint sich dem Ernst der Lage bewusst zu sein und versucht, die militärischen Erfolge zu zementieren. Die Verlegung der militärischen Kommandozentrale von Abuja nach Maiduguri, ins „Epizentrum“ des Kampfes war eine seiner ersten Maßnahmen. Er versprach, die MJTF mit 100 Mio. USD zu unterstützen, wobei auch die USA fünf Mio. in Aussicht stellten. Die Kooperation scheint sich also zu verbessern. Der Austausch der ganzen Armeespitze Mitte Juli 2015 zeigt, dass Buhari die Streitkräfte komplett neu organisieren will. Die neuen Befehlshaber sollen zudem die Zusammenarbeit mit den Armeen von Tschad und Niger intensivieren. Allerdings zeigt die Dschihad-Truppe enorme Resilienz und ist flexibel hinsichtlich ihrer Taktiken. Auf die Ankündigung über die Verlegung der militärischen Kommandozentrale lancierten die Dschihadisten Angriffe auf Militär und Zivilbevölkerung in Maiduguri. Am 15. Juni erfolgten zwei Selbstmordanschläge in der tschadischen Hauptstadt. Erhöhen die Dschihadisten ihren Druck auf die Anrainerstaaten, droht ihnen ein „Zweifrontenkrieg“, dessen Ausgang ungewiss ist. Das Erstarken des IS in Libyen lässt vermuten, dass sich die grenzüberschreitende Kooperation der Dschihadisten noch mehr intensiviert. Daher ist es verfrüht, vom (nachhaltigen) Erfolg im Kampf gegen Boko Haram & Co. zu sprechen.