August Neidhardt von Gneisenau

Militärreformer, Feldherr und politisch denkender Soldat (27. Oktober 1760 - 23. August 1831)

Ulrich C. Kleyser

 

Wenn in einer Ableitung aus der “wunderlichen Dreifaltigkeit“ von Clausewitz zu einem großen Feldherren die Verbindung aus politischer Zweckrationalität, emotionaler Empfindsamkeit und freier schöpferischer Seelentätigkeit gehört, dann schrumpft bei kritischer Betrachtung die Zahl bedeutender Heerführer und Soldaten der deutschen Geschichte auf eine kleine Gruppe. Aus der Sicht des Verfassers zählen hierzu Wallenstein, Prinz Eugen, in gewisser Hinsicht Scharnhorst, Gneisenau, der ältere Moltke mit Einschränkung, Ludwig Beck und Klaus Naumann. Insbesondere bei Gneisenau wird das ständige innere Ringen um die Vorherrschaft eines der drei angesprochenen Pole deutlich und manifestiert sich in dem schwierigen aber letztlich erfolgreichen Austarieren (in der „Schwebe Halten“) dieser Geistes-, Selen- und Charaktergaben. Sucht man nach der „Seelenachse“ deutscher militärischer, strategisch bis operativ-taktischer, führungsmäßiger, struktureller oder sicherheitspolitischer historischer Entwicklungen, führt kein Weg an den preußisch-deutschen Reformern von 1806 - und teilweise auch schon davor - bis 1815 vorbei. Geographisch verortet stehen militärisch gesehen hierbei Burg mit Clausewitz (1780-1831), Bordenau mit Scharnhorst (1755-1813) und Sommerschenburg mit Gneisenau im Mittelpunkt.

Gneisenau erkannte in einer gleichsam „prästabilierten Harmonie“, dass sich die Grundsätze militärischer, auch innerer Führung, die Struktur und Organisation sowie die Ausbildung der Armee nur dann verändern ließen, wenn die Heeresverfassung selbst und diese nur im Zusammenhang mit politischen und gesellschaftspolitischen Erneuerungen reformiert würde. Diese zwar an einem Ziel orientierte, aber ohne verbindliche Weisungen in zwei getrennten Reorganisationskommissionen erfolgte Zusammenarbeit nach 1807 muss als eine der großen Leistungen der Reformer herausgestellt werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese Reformen dem französischen Besatzer gegenüber verschleiert werden mussten und sich in der Ausgestaltung zusätzlich in der Zwickmühle eines zögerlichen Königs und einer altpreußischen, rückwärtsgerichteten Adelsopposition bewegten. Mehr als andere besaß Gneisenau ein umfassendes Verständnis für Militär, Gesellschaft und Kultur und damit auch für Politik allgemein. Für den Soldaten und politischen Kopf Gneisenau können sechs Wegmarken besonders herausgehoben werden, die diese Symbiose von Staatsmann und Feldherrn sinnbildlich untermauern. Vor allem ist dies sein Aufsatz über „die Freiheit der Rücken“; der strategische Operationsplan für die später Völkerschlacht genannte Schlacht von Leipzig; der stetige Drang in der Zusammenfassung der Kräfte zur Eroberung der Hauptstadt des Feindes, Paris; die Entscheidung nach der verlorenen Schlacht von Ligny zurück zu schwenken, um sich mit Wellington zu vereinigen; und schließlich die in der Tat die eines nach vorn denkenden Feldherren würdige persönliche und rastlose Verfolgung Napoleons und der Reste seiner geschlagener Armee bis zu deren vollständiger Auflösung und seiner eigenen Erschöpfung. Gneisenau verkörpert geradezu in diesen Wegmarken den Staatsmann und Feldherrn, der den Krieg „richtig erkannt“ hat.