Der Stratege des 21. Jahrhunderts

Die Renaissance prinzipienorientierter Strategielehre

Gunter Maier

 

An den Strategen des 21. Jahrhunderts werden demnächst deutlich höhere Anforderungen gestellt werden, als es in der jüngeren Vergangenheit der Fall war. Gestiegene Komplexität, Volatilität aber auch Unsicherheit erfordern eine Neudefinition strategischer Kompetenzen für Führungskräfte ungeachtet der Disziplin, in der sie sich bewegen. Prinzipienorientierte Strategielehre, ein integrales Ausbildungssystem aus der Vergangenheit, ist der Schlüssel, um den zukünftigen Strategen, jenseits von den modularen Bildungskonzepten der letzten Jahrzehnte, mit einem universellen, zeit- und disziplinübergreifenden Mindset auszustatten. Es handelt sich dabei um eine Denklehre, welche auf den Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt gründet - den Strategischen Prinzipien. Beschrieben wurde sie durch die wichtigsten Klassiker der Strategie sowie durch renommierte Autoren des Genres der Fürstenspiegel. In einem dreijährigen Forschungsprojekt wurde ein bis dato einzigartiges Curriculum rekonstruiert, vier Kulturkreise und 2500 Jahre Strategiegeschichte umfassend. Es handelt sich dabei um das Vergessene Vokabular der Strategie.

Angesichts der Tatsache, dass das System der Strategischen Prinzipien 153 beschriebene Handlungsmuster enthält, kann aber die gesamte Tragweite des Konzeptes hier schwerlich dargestellt werden. Einige Prinzipien (etwa Allianz und Spaltung) sind (scheinbar) trivial und jedermann bekannt, andere jedoch sind hochentwickelt, und es bedarf einiger Sinnesschärfe, um die zugrundeliegenden Mechanismen zu verstehen. Zudem stehen die Prinzipien in der Realität meistens miteinander in Verbindung. Das System der Strategischen Prinzipien favorisiert weiterhin keine Strategien oder Prinzipien, einzig und allein der situative Kontext ist maßgebend für die Wahl, wie am Beispiel der Auflösung der irakischen Armee aufgezeigt wurde. Somit handelt es sich vielmehr um ein Baukastensystem mit vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten.

Es wird auch sichtbar, wie prinzipienorientierte Strategielehre aufgebaut werden kann und auch zu verstehen ist. Sie reduziert die Komplexität, indem der Stratege Handlungsmuster vom Kontext trennt und die Sachlage auf Prinzipienebene durchdenkt. Auf dieser Ebene bedient er sich eines äußerst umfangreichen Handlungsrepertoires, um Lösungen zu schaffen, welche den Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt auch gerecht werden.

Prinzipienorientierte Strategielehre ist überall dort einsetzbar, wo Individuen interagieren. Menschliches Handeln, insbesondere strategisches Handeln erfolgt nach immer wiederkehrenden Mustern. Die Kenntnis der Muster befähigt den Strategen zur intuitiven Erfassung auch komplexer Zusammenhänge und ermöglicht ihm treffsichere Antizipationen sowie ausbalancierte Entscheidungen. In der Folge wird er Fehlentscheidungen vermeiden und v.a. nicht intendierte Auswirkungen oder so genannte Kollateralschäden seines Handelns reduzieren.