Geheime Planungen der Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik in den 1980er-Jahren

Siegfried Lautsch

 

Im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges haben westliche Fachleute die Kampfkraft der Warschauer Vertragsorganisation (WVO), v.a. die der Nationalen Volksarmee (NVA), unterschiedlich bewertet. Einerseits wurde die Ausbildung, Gefechts- und Mobilmachungsbereitschaft anerkannt, anderseits die Kampftechnik, Bewaffnung und Ausrüstung geringschätzend wahrgenommen. Auch heute noch scheint die NVA für den interessierten Leser ein Mysterium zu sein. Ignoranz, Missverständnisse und Fehleinschätzungen bestimmen bis in die Gegenwart hinein die Meinung über die Leistungsfähigkeit der NVA im Zusammenwirken mit den sowjetischen Armeen der 1. Front. Der nachfolgende Beitrag gewährt einen Einblick in den Wandel der evidenten Kriegsplanungen der 1980er-Jahre am Beispiel der 5. Armee und verdeutlicht, was im Ost-West-Konflikt für den westlichen, aber auch den östlichen Leser, verborgen geblieben ist.

Die NVA war integrierter Bestandteil der Militärorganisation des Warschauer Vertrages und trug zur Aufrechterhaltung der Verteidigungsbereitschaft im Bündnis nach dem Prinzip minimaler Hinlänglichkeit im Verteidigungsbündnis bei. Die zentralisierte strategische Führung des Oberkommandos der 1. Front gewährleistete die zeitgerechte Heranführung und Entfaltung der Armeen der 1. Front an die Deutsch-Deutsche Grenze gemäß den Plänen der Obersten Führung im Moskau. Die zusammengefassten gleichzeitigen Anstrengungen der der 1. Front unterstellten Armeen schafften günstige Voraussetzungen für strategische und operative Zielsetzungen. Die Vorteile der abgestimmten Vorgehensweise bestanden darin, dass aufgrund der Ausdehnung des Operationsgebietes, des engen Zusammenwirkens der Teilstreitkräfte, des Einsatzes der Raketentruppen und Artillerie, der Fliegerkräfte sowie der Waffengattungen und Dienste eine enge Koordinierung der Kampfhandlungen nach Ziel, Raum und Zeit sichergestellt werden konnte. Angesichts der Erfahrungen des Autors als Leiter der operativen Abteilung im Kommando des Militärbezirks V und auch als Leiter der Unterabteilung Ausbildung im Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV), in der Kriegsstruktur eingesetzt in der operative Gruppe des MfNV zum Oberkommando der 1. Front, komme ich zu der Einschätzung, dass die sowjetische Führungsstruktur sowohl ein abgestimmtes System der operativen Planung gewährleistete, als auch die Vorbereitung und Durchführung von Kampfhandlungen sowie die Durchsetzung der Kriegsziele durch eine zentralisierte Führung vom Generalstab bis hinunter zu den operativen Verbänden sicherstellte. Mit der Erklärung der WVO in der Militärdoktrin von 1987 niemals und unter keinen Umständen militärische Handlungen gegen einen beliebigen Staat oder ein Staatenbündnis zu unternehmen und auch niemals als erste Kernwaffen einzusetzen, wurde zwar das System der gegenseitigen Nuklearabschreckung nicht aufgehoben, aber die Gefahr einer schnellen nuklearen Eskalation in Zentraleuropa verringert. Offensichtlich hatten die sowjetischen Militärs, im Gegensatz zu den Strategen in der NATO, das Wagnis der bisherigen Nuklearplanung erkannt und mit ihrer letzten Militärdoktrin auf jeden Ersteinsatz von Kernwaffen verzichten wollen. Das Ende des Ost-West-Konflikts fand seinen Ausdruck in der Charta von Paris 1990. Diese Charta dokumentiert das Ende der Konfrontation der Nachkriegszeit und der Teilung Europas. Das war zumindest die erklärte Absicht.