Die Arktis

Testfeld für eine neue, globale geopolitische Architektur unter besonderer Berücksichtigung von China (Teil 1)

Jörg-Dietrich Nackmayr

 

Die geopolitische Bedeutung der Arktis war nach dem Ende des Kalten Krieges in den Hintergrund gerückt aber nie in Vergessenheit geraten. Gleichwohl verfügt die NATO bis heute vor allem wegen Kanadas Widerstand über kein sicherheitspolitisches Mandat, die Interessen ihrer beteiligten Mitglieder zu bündeln. Durch die Folgen des Klimawandels gerät der Polarkreis in den Focus der Weltöffentlichkeit. Davon legt auch die im Jahr 2013 vom Isländischen Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson ins Leben gerufene und seitdem jährlich stattfindende „Arctic Circle Conference“ in Reykjavik Zeugnis ab. Mehr als 1.500 Teilnehmer aus fast 50 Ländern kamen erneut im Oktober 2015 in Reykjavik zusammen und belegen die gewachsene Bedeutung der Arktis. In Reykjavik treffen die maritimen Schlüsselmächte aus Asien auf die arktischen Anrainerstaaten, aber auch die europäischen Staaten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien, die nun ebenfalls Präsenz zeigen und eigene Ansprüche dokumentieren. Auf der 3. „Arctic Circle Conference“ präsentierte sich auch die Bundesrepublik Deutschland als Player am Polarkreis. Teil der deutschen Delegation waren 7 Uniformträger aller drei Teilstreitkräfte unter Führung eines Admirals. Frankreich unterstreicht seine Ambitionen sogar durch den Besuch von Staatspräsident François Hollande. China, Korea sowie die Vereinigten Arabischen Emirate waren mit Präsentationen in Reykjavik vertreten.

Anders als während der Zeit der Blockkonfrontation nach dem Zweiten Weltkrieg, geht es heute in der Arktis nicht mehr nur um Radarfrühwarnsysteme und strategische Verfügungsräume für Atom-U-Boote. Das Auftauen des arktischen Eises wird in Kürze, wenn die Prognosen der Klimaforscher zutreffen, einen neuen schiffbaren Ozean entstehen lassen, ein Meer das bestehende Handels- und Transportrouten zwischen Europa, Asien und Amerika verkürzt.

Dieser Beitrag untersucht, was das Abschmelzen und mögliche Verschwinden des Eises in der Arktis innerhalb der kommenden Jahrzehnte für das geopolitische Gleichgewicht im Hohen Norden bedeuten wird und welche Konflikte daraus entstehen können. Dabei wird der Schwerpunkt der Analyse auf China liegen. Bisher war Chinas Erscheinen in der Arktis von der Literatur nicht angemessen gewürdigt worden. So fehlt auch in der 2006 veröffentlichten Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik über „Chinas Aufstieg: Rückkehr der Geopolitik“ ein Kapitel über Chinas Interesse am Nordpol. Erst ab 2012 sind einige Beiträge in der Internet gestützten und öffentlich zugänglichen „NATO Multimedia Library“ mit Bezug auf China gelistet. Mit der Studie der China-Experten Linda Jakobsen und Jingchao Peng vom Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) aus dem Jahr 2012 wird China als Späteinsteiger auf dem arktischen Schachbrett identifiziert. Allerdings liegt der Beobachtungsschwerpunkt hier wie auch bei anderen Autoren auf den sich öffnenden Seeverbindungen im Hohen Norden und der zu erwartenden Ausbeutung der arktischen Ressourcen. Kritisch zu hinterfragen ist, wie realistisch eine allgemein erwartete, „neue Seidenstraße“ auf dem arktischen Meer und die Ausbeutung des Ressourcenreichtums in der Arktis auf absehbare Zeit überhaupt sein werden. Denn durch die Fokussierung auf neue Seeverbindungen und den Ressourcenreichtum wird eine viel wichtigere Frage noch immer größtenteils vernachlässigt: Welche Auswirkungen hat das Auftauchen einer raumfremden Macht im Hohen Norden auf die dort bestehende geopolitische Architektur und die transatlantischen „lines of communication“? Diese Frage wird zuerst in einem kurzen Aufsatz des „National Intelligence Fellow at the USA Council on Foreign Relations“ von Paula Briscoe im Februar 2013 aufgeworfen: „Greenland - China’s Foothold in Europe?“ Damit ist eine strategische Dimension angesprochen, die für die Zukunft der transatlantischen Geopolitik von zentraler Bedeutung sein wird. Ungeachtet dessen befassen sich die meisten Autoren bis heute vor allem mit dem aktuellen Konfliktpotenzial zwischen Russland und dem Westen. Das Auftauchen Chinas und die damit verbundenen Auswirkungen auf dem arktischen Schachbrett bleiben erstaunlicher Weise unterbelichtet.