Die Schlacht um Verdun 1916

Ein fataler deutscher strategischer Alleingang ohne Beteiligung des österreichischen Bündnispartners - Anatomie einer Schlüsselschlacht des 20. Jahrhunderts und ihrer Nachwirkungen

Christian E. O. Millotat/Manuela R. Krueger

 

Aus heutiger Sicht hat die Schlacht um Verdun drei Dimensionen:

- Die erste und sicher bedeutsamste Dimension dieser strategischen Schlacht liegt darin, dass die Strategie des deutschen Generalstabschefs Erich von Falkenhayn ein fataler Alleingang ohne Abstimmung mit dem österreichischen Bündnispartner, mittels einer von ihm erdachten Militärstrategie der Ausblutungsschlacht England zum Ausscheiden aus dem Ersten Weltkrieg zu bewegen, scheiterte. Die deutschen Verluste konnten nicht gering gehalten werden. Die Schlacht entglitt ihm und seinen Truppenführern. Die Gegenmaßnahmen der französischen Führung waren durchschlagender als von Falkenhayn für möglich gehalten. Der Angriff blieb stecken und das Angriffsziel der Côtes auf dem Ostufer der Maas konnte nicht im Sturmlauf genommen werden. Die britischen Streitkräfte begannen am 24. Juni 1916 zusammen mit französischen Truppen die erste Somme-Schlacht mit großer Kraftentfaltung. Es handelte sich dabei um kein improvisiertes Unternehmen, das Falkenhayn mit dem Angriff auf Verdun hatte auslösen wollen. Unbeirrt hielt Großbritannien am strategischen Ziel fest, Deutschland militärisch niederzuringen.

- Die zweite Dimension der Schlacht um Verdun ist in dem Sachverhalt zu sehen, dass sie Änderungen im operativ-taktischen, technischen und Ausbildungsbereich bewirkte. Sie ist das Verbindungsglied zu einer Reihe von Entwicklungen, die zu neuen beweglichen Kampfverfahren sowie zu Änderungen der Ausrüstung und Ausbildung führten, die im Zuge der zunehmenden Technisierung des Stellungskrieges notwendig geworden waren.

- Eine psychologische dritte Dimension wirkt bis in unsere Tage nach. Sie führte zu Veränderungen in der Einstellung zum Krieg in Deutschland und in Frankreich. Sie beeinflusste die französischen Verteidigungsvorkehrungen nach dem Ersten Weltkrieg und prägt bis heute das deutsch-französische Verhältnis.

Bereits zu Beginn der zweiten Phase der Schlacht um Verdun war deutlich geworden, dass die Operationsführung des Generals v. Falkenhayn gescheitert war. Es war nicht möglich, wie er angenommen hatte, bei eigenen geringen und sehr hohen französischen Verlusten die Schlacht zu steuern. Sie lief ihm vielmehr aus der Hand. Am Ende waren die Verluste beider Seiten fast gleich hoch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Schlachtfeld um Verdun als Monument des Krieges in seinem verwüsteten Zustand erhalten und nur teilweise aufgeforstet.

Am großen französischen Soldatenfriedhof vor dem sogenannten Beinhaus, indem die Gebeine tausender deutscher und französischer Soldaten aufbewahrt werden, besiegelten 1984 Staatspräsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl die vollendete Überwindung der Jahrhunderte langen Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich.