Anmerkungen zur Funktionsfähigkeit des Bundesheeres des Deutschen Bundes bis 1866

Eberhard Birk

 

Inwiefern die Geschichte eine gute Lehrmeisterin ist, wurde zu allen Zeiten unterschiedlich bewertet. Fest steht: Wer ohne deren Kenntnis Nationen und Kulturen, Staaten und Gesellschaften kontextlos mit der Richtungsangabe „Zukunft“ in Gang setzen wollte, erlitt meist Schiffbruch. Indes: den Ratschlag der Geschichte einzuholen, muss auch nicht immer erfolgreich sein, vor allem dann nicht, wenn sie nicht - bezogen auf perspektivische Ableitungen - in Weite, Tiefe und Kontext studiert und analysiert wird. Ein besonderes Interesse an dieser Art von Fragestellungen hatten schon immer die Militärs, insbesondere dann, wenn sie mit neuartigen Herausforderungen konfrontiert wurden.

Dabei ist es - neben der überzeitlichen Erkenntnisperspektive - gegenwärtig sicherlich lohnenswert, im Zuge der Suche nach tragfähigen sicherheitspolitischen und militärischen Strukturen für (zusammenwachsende) Streitkräfte in Europa historische Modelle zu betrachten, die, fast vergleichbar in der Zahl unterschiedlicher Armeen in einem Staatenbund, für mehrere Jahrzehnte Bestand hatten. Unabhängig davon sind auch Jahrestage und „neue Projekte“ oft Auslöser für das Aufsuchen - auch epochenübergreifender - struktureller Analogien, um eine breitere Basis für begründete Bewertung im Hinblick auf brauchbare „Lehren“, Chancen, aber auch Risiken zu gewinnen.

So hält - im konkreten Fall - eine Untersuchung des Militärwesens des Deutschen Bundes (1815-1866) mit seinem Bundesheer vor dem Hintergrund „runder“ Jubiläen - oder besser: Gedenk- bzw. Erinnerungstage - wie „200 Jahre Wiener Kongress“ oder „150 Jahre Deutscher Bruderkrieg 1866“ einerseits sowie aktueller EU-Projekte (Juncker-Initiative zur Schaffung einer Europa-Armee und [andauernde] Suche nach einer kohärenten EU-Sicherheitsstrategie) andererseits möglicherweise hilfreiches „Lessons-learned“-Potenzial bereit.

So ist der Feldzug von 1866 - zu sehen am Beispiel Preußens - ein weiteres Beispiel dafür, dass die Verbindung von einer klaren Einsatzdoktrin mit klarer politischer Zielsetzung, eine zeitadäquate Bewaffnung und Ausrüstung mit entsprechender Ausbildung und eine kohärente Führung wichtiger für den Erfolg sind als die bloße Überlegenheit an Truppen und Material, die 1866 bei dessen Gegnern lag. Der Feldzug von 1866 erwies sich daher - spiegelbildlich betrachtet - als Kulminationspunkt aller Versäumnisse des Wehrwesens des Deutschen Bundes. Die Kontingente des damaligen Bundesheeres waren (1.) nicht nur für einen auswärtigen Krieg resp. Einsatz figuriert, vielmehr dienten sie vornehmlich für die Aufrechterhaltung der innenpolitischen (neo-) absolutistischen Systemstabilität. Selbst wenn manche Armeen in Europa (de facto Berufsheere wie die damaligen Kontingentsarmeen) für derartige Situationen in Ausnahmefällen herangezogen werden (können), ist dies keine strukturelle Analogie. Europäische Battle Groups sind eben nicht die Nachfolger der Bundeskorps. Darüber hinaus erlitten (2.) die Kontingente des Bundesheeres bei ihrem ersten „gemeinsamen“ Einsatz ihr „Waterloo“ als systemimmanente Kulminationskatastrophe im Krieg von 1866, der sie gegeneinander führte. Da aber in militärischen Bewertungen der Erfolg das non plus ultra darstellt, verbietet sich eine zu enge Bezugnahme zum Bundesheer geradezu per se. Heterogene sicherheitspolitische Zielsetzungen, mangelnde Integration in Fragen der Organisation, Führung, Bewaffnung, Ausbildung etc., wie sie insbesondere im Bundesheer quasi „vorbildlich“ über ein halbes Jahrhundert praktiziert wurden, können unmöglich den Charakter des für die Gegenwart Vorbildlichen erhalten. Es scheint, dass eben dies der Grund ist, weshalb die meisten europäischen Staaten nach wie vor auf die (unverzichtbare) NATO als sicherheits- und verteidigungspolitischen Stabilitätsgaranten setzen und vertrauen. Eine derartige sicherheitspolitische „Instanz“ aber fehlte damals - und würde es heute und morgen vermutlich auch, ohne dass dies als Ausrede für die Notwendigkeit eines nachhaltig forcierten Aufbaus eines schlagkräftigen europäischen Instrumentariums dienen soll.