Veteranen - eine neue soziale Gruppe

Michael Daxner/Robert Clifford Mann

 

Im Deutschen wird der Begriff „Veteran“ etwa im Sinn des englischen „Vintage“ verwendet: alt, wertvoll und überholt, alte Autos und ausgediente Politiker und Experten sind Veteranen wie einige von uns Veteranen der 1968er Bewegung sind. Mit dem alltäglichen Veteranenbegriff ist auch ein gewisser Bedeutungsverlust gegenüber der aktiven Tätigkeit als Soldaten davor verbunden, was bei militärischen Veteranen oft nicht der Fall ist. In der Fremdwahrnehmung von Veteranen werden diese häufig mit „beschädigt“, „verwundet“ in Zusammenhang gebracht, was wohl auf die Verbreitung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) als Merkmal und die Assoziation mit „Invalide“ zu tun hat. Mannigfache Privilegierungen kompensieren für die erlittenen Verletzungen. Auch Invalide sind eine gesellschaftliche Gruppe, die in ihren Merkmalen aber nicht auf Krieg und Kampf allein festgelegt ist.

Es ist nicht oft der Fall, dass man eine neue soziale Gruppe vorhersagen kann und eine bestimmte Brandbreite von Eigenschaften und Handlungsweisen dieser Gruppe antizipieren kann. Die Autoren sprechen von Veteranen, lieber sagten sie Rückkehrer aus Einsätzen deutscher Institutionen, sowohl ziviler als auch militärischer. Aber der Begriff hat sich schon festgesetzt. Er ist einer kulturellen Tradition eingeschrieben, die mit einiger Varianz in allen nationalen und übernationalen Armeen festzustellen und eher dem militärischen Habitus und einer säkularen Opfersemantik (sacrifice, victim) als einem spezifisch nationalen Kontext entnommen ist. Veteranen sind ein begriffliches Konstrukt, dessen Verwendung stark an die Interessen des Verwenders angepasst ist - eine ganze Reihe von Dimensionen tun sich hier auf, die z.B. verschiedenen Governancefeldern zugeordnet werden. Der vorliegende Ansatz ist soziologisch und transdisziplinär angelegt. Er vermeidet Festlegungen auf einen Standpunkt zum Ausgang, etwa ein friedenspolitisches Konzept oder eine militärwissenschaftliche Perspektive für die Bundeswehr. Aber die Autoren sind uns darüber im Klaren, dass viele der vorgebrachten Argumente in das Repertoire mehrerer Interessengruppen gleichzeitig passen. Schon jetzt konkurrieren Veteranen mit Wissenschaftlern, Militärexperten, Journalisten, Friedensbewegten und anderen Diskursteilnehmern um Autorität und Deutungshoheit. Wenn diese am Diskurs beteiligten Gruppen selbst aus Einsätzen zurückkehren - im Zusammenhang mit Friedens- und Entwicklungsarbeit etwa für die UNO oder als Korrespondenten im Einsatzgebiet - dann können diese durchaus Anerkennung analog zu den Veteranen verlangen: auch sie sind vielleicht traumatisiert, haben körperliche und seelische Schäden davongetragen, haben sich für unsere Werte engagiert und erwarten eine entsprechende Wahrnehmung nach ihrer Rückkehr. Es gibt erste Ansätze diese Probleme zu systematisieren, aber viel Material steht den Autoren bislang nicht zur Verfügung. Die Hypothese zum Entstehen einer neuen sozialen Gruppe halten die Autoren für so stark, dass sie eigentlich Politik und Zivilgesellschaft zur Aktivität animieren müsste. Der wichtigste Gegeneinwand wäre, dass es wenig wahrscheinlich sei, dass die Bundeswehr in absehbarer Zeit weitere Auslandseinsätze durchführen wird, damit entfiele die Bedingung des nachhaltigen Wachstums der Gruppe. Eine starke Einbindung der Bundeswehr in die zunehmend erhobene Forderung nach (integrierter) deutscher Beteiligung an Auslandseinsätzen stützt die Hypothese hingegen.

Da sich politische, soziale und kulturelle Strukturen mit den Veteranen im Fluss befinden, sind die Zivilgesellschaft ebenso wie die anderen beteiligten Politikfelder zu einer vorausschauenden Perspektive aufgefordert, bei der auch das Wertekonzept überprüft werden muss, z.B. Einsatzrückkehrer als Protagonisten einer integrierten Friedenspolitik.