Einen kühnen Angriff verabsäumt?

Raymond E. Bell Jr.

 

Spätsommer 1944: Bedingt durch das Fehlen eines amerikanisch-britischen Konsenses über die Wirksamkeit einer Strategie, die deutschen Kräfte in Italien von hinten anzugreifen, konnte es keinen Angriff über die französischen Alpen in die Po-Ebene geben. Die Existenz einer signifikanten physischen Barriere mit begrenztem Zugang durch die französischen Alpen und die für den Spätsommer 1944 zu erwartenden Wetterbedingungen waren der Entscheidung, die Gebirgskette zu überwinden, nicht gerade förderlich. Anders als zu Hannibals und Napoleons Zeiten wäre ein sehr großer „logistischer Aufwand“ erforderlich gewesen. Tatsächlich ist es möglich, dass die riesigen Ressourcen der Amerikaner zum Tragen gebracht werden hätten können, aber zu welchen Kosten, betrachtet man die weltweiten Engagements der USA zu diesem Zeitpunkt des Krieges? Schlussendlich war die Verfügbarkeit ausreichender Truppen auf amerikanischer oder französischer Seite für eine solche Operation nicht gegeben. Die Franzosen hätten im August 1944 eingesetzt werden können, doch wollte Eisenhower möglichst starke Kräfte in Nordwest-Europa haben, und die Franzosen unter seinem Kommando strebten in erster Linie die vollständige Befreiung Frankreichs an. Sicherlich wären die Deutschen schwer bedrängt gewesen, einen Überraschungsangriff einer größeren Streitmacht über die Berge abzuwehren. Vergleicht man die Für und Wider eines Angriffs durch die französischen Alpen, so hatte das strategische Konzept, wenn schon nicht die Umsetzung, seine Verdienste. Nach Überwindung der Berge und durch Operationen in der Po-Ebene, gestützt auf sichere Nachschubwege nach Frankreich, hätte eine starke Streitmacht mobiler Truppen theoretisch eine rasche deutsche Kapitulation in Italien erzwingen können, weil der Gegner mit seinen vorhandenen Kräften in einen Zweifrontenkampf verwickelt worden wäre. Tatsache ist allerdings, dass das von Hannibal und Napoleon innerhalb von Tagen Erreichte von den Alliierten nur schwer zu erzielen gewesen wäre, selbst wenn sie sich auf eine Strategie einigen hätten können, einen alpenüberquerenden Angriff in Norditalien zu lancieren. Die erforderlichen Truppen, möglicherweise unter Einschluss der amerikanischen 10. Gebirgsdivision, waren aber nicht verfügbar. Die Beginnzeit mit August war spät, berücksichtigt man das bevorstehende raue Herbstwetter und die gesperrten Alpenstraßen, die von motorisierten Truppen gemieden werden mussten. Die logistische Anstrengung zur Unterstützung einer solchen Operation hätte signifikante Herausforderungen bedeutet. Letztendlich waren aber weder die amerikanische noch die britische oberste Führung ausreichend innovativ, die möglichen Vorteile eines wahrhaft „indirekten Ansatzes“, die Deutschen in Italien durch einen kühnen Überraschungsangriff über die französischen Alpen zu schlagen, zu erkennen. Die bevorzugte alliierte Vorgehensweise war der Stoß geradeaus. In Italien war sie ein Frontalangriff auf dem Bergrücken des Appenin. In Nordwest-Europa bedeutete sie einen Vorstoß geradeaus auf breiter Front unter Ausnutzung von Bruchstellen in der deutschen Verteidigungslinie. Als die Siegfried-Linie erreicht war, ging es um einen direkten Angriff gegen die Befestigungen, bis ein Durchbruch erreicht war, durch den die mobilen Alliierten operieren konnten, um die Zerstörung Nazi-Deutschlands zu vollenden. Ein von den Alliierten versuchter „kühner Angriff“ über die Seealpen auf den Spuren Hannibals und Napoleons war eine Herausforderung, der sich die Deutschen niemals stellen mussten.