Strategie und modernes Kriegsbild (Teil 1)

Emil Spannocchi

 Dieser Artikel stammt aus der ÖMZ 5/1966 

Der auch bei gedrängter Darstellung sehr umfangreiche Stoff des Themas zwingt zum Abdruck in zwei Teilen. Der erste enthält die Einführung, allgemeine Grundlagen des Kriegsbildes und von den Doktrinen die der beiden maßgeblichen Supermächte USA und Sowjetunion.

Im zweiten Teil (Novemberheft) werden die Atommächte zweiten Ranges (England, Frankreich, China) und die Bündnispartner ohne eigene Atomwaffen (BRD, Ostblock) behandelt Den Abschluß bildet eine Zusammenfassung. Die Redaktion

 

I. Einführung

Immer wieder wird von Strategie gesprochen. Seil einer Reihe von Jahren erscheint ein Buch nach dem anderen über dieses Thema. Seriöse Zeitungen bringen ernste Kurzanalysen durch Fachleute wie Lidell Hart, Weinstein und andere, Boulevardblätter schreiben Halbverstandenes volkstümlich. Warum das alles? Wohl deshalb, weil die Menschheit vor einem ganz neuen Phänomen steht. Sie muß sich mit einem Machtzuwachs auseinandersetzen, den die Naturwissenschaft den Verantwortlichen für die Strategie in die Hand gegeben hat, der geistig noch kaum verarbeitet ist. Die nuklearen Massenvernichtungsmittel sind eine ständig anwesende Tatsache, die Folgen ihrer Explosionen sind exakt berechenbare Gegebenheiten, die sich nicht dadurch verändern lassen, daß wir sie nur halb durchdenken und in ihren Folgen gar nicht zur Kenntnis nehmen.

Wir Österreicher stehen an der Peripherie des Informationsbereiches und schwanken, gefühlsbetont wie wir nun einmal sind, zwischen den beiden Extremen:

- der moderne Krieg ist immer und in allen Bereichen ein thermonuklearer Weltuntergang. Dagegen gibt es keine Mittel, jedenfalls nicht in österreichischer Größenordnung und deshalb ist jede Befassung damit Zeit- und Geldverschwendung.

- oder diese Bedrohung ist eine so totale, daß die Kernwaffen besitzenden Mächte ihre vorhandenen Kriegsmittel nicht mehr einsetzen können. Befassen wir uns also nicht mit einem Krieg, den es nie mehr geben kann.

Beide Schlüsse sind Kurzschlüsse, aber das wollen wir mit analytischen Mitteln erst einmal beweisen.

Wir sprechen hier generell von der Verteidigung dieses Landes. Wogegen richten sich diese Anstrengungen? Wohl dagegen, daß die vitalen Ziele der Politik unseres Landes, das sind seine Souveränität und militärische Neutralität unerreichbar oder durch Gewaltanwendung von außen unbewahrbar werden. Also Gewalt zur Erreichung politischer Anliegen, und das ist - recht frei- nach Clausewitz Krieg[1].

Das ist demnach ein hochpolitisches Anliegen und gehört daher in den Bereich der Strategie. Von kaum einem Begriff wird aber so viel und so schlecht Gebrauch gemacht wie von diesem. Gemeinhin wird er im politischen Bereich immer in Gedankenassoziation mit Krieg verwendet. Das aber ist sicher unkorrekt Alles, was zur Erreichung eines politischen Zieles führt, ist Strategie. Schon die bekannte Definition, wonach sie die Anwendung aller militärischen und nichtmilitärischen Mitteln zur Erreichung des politischen Zieles sei, ist zwar umfassend, jedoch kaum mehr modern. Denn wo ist hier die Grenze zwischen diesen Mitteln zu finden, z. B. im Bereich der Naturwissenschaft? Da dürfte die Definition von Henry A. Kissinger, wonach Strategie die Doktrin ist. die Macht in Politik umsetzt, wohl die zeitgemäßeste sein[2]. Politik - Strategie - Krieg sollte also unsere Denkfolge sein, wobei Politik der Dachbegriff ist, Strategie der Weg, den wir gehen wollen, nachdem wir den Krieg ausgeklammert haben, weil er ganz einfach kein Mittel der neutralen Politik ist - auch kein „anderes“ (Clausewitz).

Der Krieg ist also das Problem, das unser neutraler Staat vermeiden muß und das ist nur möglich, wenn man Österreich glaubt, daß es mit der Gewalt auch fertig wird. Krieg und Gewalt sind aber im konkreten Fall auch sehr konkrete Erscheinungen. Ein Krieg in Österreich dürfte doch naheliegenderweise ein anderes Gesicht haben, wie z. B. der in Vietnam. Dieser Krieg wird ein spezifischer sein, und wenn wir dieses Land für uns und vor ihm bewahren wollen, sollten wir versuchen, sein Bild zu erfassen.

 

II. Allgemeine Grundlagen des Kriegsbildes

Es gibt ein altes Wort, das bisher historische Beweiskraft hatte: „Der neue Krieg fängt an, wie der letzte aufhörte“. Wir sollten uns fragen, ob das heute noch zutrifft. Also eine sehr allgemeine Frage, und eben noch sprachen wir vom spezifischen, Österreich bedrohenden Krieg, den wir erfassen möchten. Nun, sosehr das richtig ist, ebensosehr müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die verschiedensten Kriege aus unterschiedlichsten Gründen und an den entferntesten Orten gemeinsame Grundgegebenheiten haben. Diese lassen sich ableiten von denjenigen Welttendenzen, denen sich heute keine politische Gemeinschaft völlig entziehen kann, und den technologischen Möglichkeiten, die jeweils gegeben sind.

Das eine ist die West-Ost-Auseinandersetzung, die wohl noch auf lange Zeit, sicher aber heute, jeglichen politischen Konflikt bestimmt. Es mag da Varianten geben, besonders für ein neutrales Land, aber die politische Grundrichtung wird für Österreich - an der Schnittlinie dieser weltpolitischen Hemisphäre - immer das entscheidende Prinzip des politischen Geschehens sein.

Vom Standpunkt der Wehrtechnik aus müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die Hegemoniemächte der beiden Lager die einzigen zur gegenseitigen Vernichtung fähigen Giganten des nuklearen Potentials sind. Ihre überwältigende Kapazität wird ihnen noch auf viele Jahre hinaus das Übergewicht einer Politik im Zeichen der absoluten Abschreckung ermöglichen. Der Hintergrund unserer politischen Weltbühne ist wohl auf lange Sicht ebenso düster, wie konstant. Es handelt sich um die klassischen Gegensätze rivalisierender politischer Systeme, die bei der Durchsetzung ihrer politischen Anliegen nach Erschöpfung anderer Möglichkeiten sich in der Menschheitsgeschichte immer der Macht bedienten, um ihre politischen Ziele zu erreichen.

Und diese Macht ist vorhanden. Ging es früher darum, relativ geringe Kräfte erfolgsökonomisch einzusetzen, stehen die Großen von heule vor ganz gegensätzlichen Problemen. Noch der klassische Philosoph des Krieges (Clausewitz) berücksichtigt den ständigen Mangel an Macht, wenn seiner Ansicht nach die Entscheidung letztlich von der Zahl der Kämpfer (also Macht) am entscheidenden Punkt abhängt. Diese Auffassung ist die quantitative Überlegung eines Mannes, dem die übersehbare Geschichte gelehrt hatte, daß nie genug Mittel zur Verfügung standen, um des Erfolges von vornherein sicher zu sein, das heißt „den Gegner zur Erfüllung des eigenen Willens zu zwingen“.

Dieser Ansatz des Denkens, aus dem sich ja das Bild des hiefür anzuwendenden Krieges ableiten ließe, muß aber heute überprüft werden. Obwohl die Atomwaffe - in einer heute sehr veralteten Form - nur zweimal angewendet wurde, hat sie der Menschheit einen schreckeinflößenden Hinweis über die Fülle moderner Machtmittel gegeben. Zwar haben wir keine gültigen Erfahrungen über die Auswirkungen der ins Unermeßliche gesteigerten Wirkung der thermonuklearen Waffen, wir wissen aber von ihrer Existenz. Es ist ganz augenscheinlich ein Überfluß an Macht, der dem politisch Verantwortlichen zur Verfügung steht, und daß alles von der Fähigkeit abhängt, „die Machtfülle ... zu gebrauchen“.

„Die Zerstörungskraft der modernen Waffen nimmt dem Sieg seinen historischen Sinn (Kissinger)[3].“ Ihr Einsatz hinterlässt nur graduelle Unterschiede einer mehr oder weniger totalen Zerstörung.

Von diesem Standpunkt aus gesehen, stellt sich die Frage, ob denn nun die Politik in alle Zukunft gezwungen ist, auf Gewalt zu verzichten. Wohl kaum, sie würde dadurch ihres Erfolgmotors beraubt und völlig steril werden, und das wird von keiner Staatsführung in Kauf genommen, die glaubt, Existenzfragen für die Gemeinschaft lösen zu müssen, für die sie verantwortlich ist.

Also doch Gewalt, weil sie eine Wesenskomponente der Politik ist, aber eine relative. Um diese Gewaltanwendung zu erfassen, bleibt uns nur die Möglichkeit, ihre Erscheinungsformen von dem Augenblick an zu begreifen, zu dem ihre totale Form als Möglichkeit die politische Bühne betreten hat - am 6. August 1945 in Hiroshima. Die mit Gewalt agierende Politik der Zeit von damals bis heute kann uns einen 1 Hinweis geben auf die Form der heute anwendbaren politischen Macht, die nicht mehr Krieg genannt wird, aber trotzdem das Bild enthüllt der Bedrohung, die vor uns stehen mag.

Die Atomwaffe ist der alles überschattende Faktor, sie und ihre Wechselwirkung zur Strategie müssen wir untersuchen um die Tendenzen zu erkennen, die auf alle Fälle die Grundvoraussetzung jeglicher Gewaltanwendung, also auch einer solchen gegen Österreich, darstellen.

Zunächst einige technische Daten. Die dreifache Wirkung

Druck, Hitze und Verstrahlung - wird langfristig verstärkt durch radioaktive Niederschläge und genetische Schäden. Sie ist zwar grauenerregend, aber berechenbar. Wer über dieses Problem diskutiert, sollte seine exakten Werte kennen - was übrigens bei den meist sehr emotionell geführten Debatten oft sichtbar nicht gegeben ist. Im folgenden drei Beispiele:

a) die Hiroshimabombe (20 KT = 20.000 t herkömmlichen Sprengstoffes)
Zerstörte Fläche 1,8 km2
Tote 70.000 (Bevölkerungsdichte 14.000/km2)
Verletzte 70.000-80.000
Opfer/ km2 12.000

b) 10 Megatonnen (10.000 t herkömmlichen Sprengstoffes)
Zerstörte Fläche ca. 75 km2 Totalzerstörung (Bevölkerungsdichte 14.000/km2)
Opfer 900.000

c) 100 Megatonnen (= 100 Millionen t herkömmlichen Sprengstoffes)
zerstörte Fläche ca. 30.000 km2
Tödliche Hitzewirkung gegen ungeschützte Personen bis 100 km Radius.

Diese Zahlen sind natürlich nicht absolut. Sie wirken sich je nach der Struktur der Gesellschaft, die angegriffen wird,

verschieden aus. Der Primitive ist in simpler Weise autark, sein Ausfall tangiert die nächste Familieneinheit wenig. Die moderne Industriegesellschaft ist spezialisiert und komplex Der Ausfall einer lebenswichtigen Funktion lähmt alle anderen.

Man erinnere sich an die beiden jüngsten Ereignisse in New York - einmal der Ausfall der elektrischen Energie durch Fehlschaltung und kurz darauf der Streik der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Ein Totalausfall dieser „Nervenstränge“ durch eine nukleare Explosion muß jede Wirkung multiplizieren, da sie die Hilfeleistung verhindert. Andererseits ist aber diese so gefährdete Industriegesellschaft die Voraussetzung für Besitz und Verfügbarkeil der Kernwaffensysteme. Die Hegemoniemächte sind deswegen so stark, weil sie eine so komplizierte Infrastruktur haben und umgekehrt.

Die genannten Zahlen können nur als theoretischer Rechnungsanhalt verstanden werden - denn natürlich ist die hochindustrialisierte Gemeinschaft in ihrer durchorganisierten Verwaltung im System der Aushilfen reicher. Ihre Bauten sind stabil, ihre materiellen Reserven größer. Die Geländestruktur spielt eine Rolle und die Bremswirkung der Atmosphäre je nach Höhe des Sprengpunktes. Aber das alles spielt bei unserem Analysenvermerk keine entscheidende Rolle - wir sollten nur eine Vorstellung haben, die im Mittel errechnet und daher zulässig ist.

Verfolgen wir nun also die politische und technische Geschichte seit 1945. Die Zeit nach der Explosion der beiden Atombomben in Japan brachte politisch die Bipolarität der Weltpolitik. Amerika hatte zwar die Bombe- wie wir heute wissen in einer sehr geringen Stückzahl -, aber praktisch kaum eine konventionelle Armee. Die Russen waren in der umgekehrten Situation. Das Ergebnis war ein merkwürdiges Gleichgewicht. Rußland konnte überall dort seine politischen Ziele mit glaubhafter Gewaltandrohung verfolgen, wo es nicht um Existenzfragen des Westens ging, weil es genau wusste, daß die gegnerischen Massenvernichtungsmittel für diese reserviert blieben. Die Folgerung der USA war für ihr industrielles Denken typisch - sie überwanden die Produktionsengpässe an spaltbarem Material, entwickelten immer bessere Trägersysteme und differenzierten die Bombe selber, sowohl nach oben zur größeren Vernichtungskraft als auch insbesondere nach unten - um nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen zu müssen. Das politische Resultat in der Ost-West-Auseinandersetzung waren sehr genau dosierte Konflikte, damals praktisch noch unmittelbar zwischen den USA und Rußland, besonders sichtbar in Korea und Berlin zur Zeit der Luftbrücke. Die Auseinandersetzung wurde im Maßstab verkleinert, die Gewalt verwendet, aber nicht mehr absolut, sondern relativ, genau dem tragbaren (kalkulierten) Risiko angepaßt.

Obwohl die Russen 1949 ihre erste Versuchs-Atomexplosion zünden konnten, mußten noch Jahre bis zum Nachziehen vergehen. Das A-Waffen-Supremat der Amerikaner blieb bis in die späten fünfziger Jahre erhalten und damit auch die dadurch bedingte Möglichkeit des Einsalzes kriegerischer Mittel. Er spiegelt sich im Radfordplan wider, der für Europa hinter dem Schild der Atomsprengkörper, deren Einsalz wegen der Überlegenheit des Westens kaum zu befürchten war, die Erhaltung des politischen Status quo sicherte. Es gab im großen gesehen kein Kriegsbild, weil seine technische Entscheidung zum Siege in den Händen Amerikas lag. Der in diese Zeit fallende Österreichische Staatsvertrag ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, daß die Politik der Russen diplomatische Mittel anzuwenden gezwungen war, weil ihr in den wesentlichen Räumen der Welt andere nicht glaubhaft zur Verfügung standen.

Trotzdem wurden die ersten zehn Jahre des Atomzeitalters politisch von den Russen weit besser genutzt als von den Amerikanern. Gerade weil diese über die entscheidende Waffe verfügten, gelangten sie zu einer sehr anfechtbaren Doktrin. Immer wieder verkündeten sie, Amerika würde nie den Krieg beginnen. Hiefür gibt es unzählige Zilale:

Eisenhower: „,Wir haben keine andere Wahl, als den Frieden.“

Otto P. Weyland: „Es ist undenkbar, daß die USA einen Angriffskrieg beginnen.“

Omar N. Bradley: „ ... müssen mit der Möglichkeit rechnen ... bei Kriegsbeginn angegriffen zu werden.“

um nur einige herauszugreifen.

Die Amerikaner stellten sich darauf ein, mit ihren Superwaffen im Gegenschlag einen ähnlichen oder weit größeren Vernichtungssieg als in den beiden vergangenen Weltkriegen zu erringen- aber eben nur, wenn sie angegriffen würden.

Niemand aber definierte, was eigentlich unter einem Angriff auf Amerika zu verstehen war. Und die Russen begriffen die Chance, die ihnen das Mißverhältnis im Besitze der eigentlich entscheidenden Waffen gab. Sie sicherten sich in diesem ersten Dezennium, in dem die Kernwaffen das Gesicht der politischen Konflikte bestimmten, ihren Neubesitz und schoben ihre Interessensphären durchaus unter Einsatz von direkter oder subversiver Gewalt immer wieder „nur“ so weil vor, daß Amerika diese Akte der Politik gerade noch als keinen echten Angriff anzusehen brauchte. Der einzige Entscheidungskrieg, der durch den Monopolbesitz der Bombe den Amerikanern denkbar schien, der nukleare, lohnte nicht.

Die Entwicklung der Technik ging weiter und in ihrer Folge die der politischen Handlung. 1951 explodierte die erste Fusionsbombe, die sogenannte H-Bombe der Amerikaner und 1957 waren die Russen so weit. Seit der ersten Atomversuchsexplosion arbeiteten die Russen an der Bereitstellung verläßlicher Trägersysteme. um die Bombe in das Ziel zu bringen; dies war schließlich mindestens so entscheidend, wie die Waffe selber.

Diese Entwicklungen gelangen, und plötzlich erkannte Amerika, daß die beiden Ozeane nicht mehr ein Vorfeld waren, das Zeit für den politischen Entschluß sicherte, während zunächst andere Nationen an der Front standen. Nicht nur, daß diese Nationen gar nicht die technische Fähigkeit zum Entscheidungskampf besaßen, es fehlte auch sehr sichtbar der Wille.

Amerika begriff, daß es nicht nur verwundbar geworden war. sondern daß es auch sofort politisch reagieren mußte. Dies war eine Aufgabe, die seine ganze Geschichte der amerikanischen Führung noch nie abverlangt hatte, und es ist auch nicht verwunderlich, daß es einige Zeit brauchte, um das Problem zumindest mit einer Doktrin zu beantworten.

Von seiten der Kernwaffen her war technisch die Machtbalance, das sogenannte Patt, etwa 1960 erreicht. Es gibt hier bis heute und wohl noch lange graduelle Unterschiede. Die Amerikaner haben noch immer eine erhebliche Überlegenheit an A-Sprengköpfen (man schätzt die Anzahl auf mindestens 50.000) und besitzen auch viel differenziertere Waffensysteme. Weil es den Russen offensichtlich schwerer fällt, mit ihrer den USA bei weitem nicht gleichwertigen Produktionskapazität in der Anzahl an verschiedenen Sprengköpfen, in der Elektronik und den Waffenträgern die USA zu erreichen; weil die Russen außerdem wegen ihrer wehrgeographischen Lage Amerika schwerer erreichen können, als es umgekehrt den USA möglich ist, sind sie technisch auch einen anderen Weg gegangen. Sie haben ihr Hauptaugenmerk auf die nur schwer abzuwehrenden lntercontinentalraketen gelegt und für diese Sprengköpfe mit gigantischer Explosionskraft bis zu 100 Megatonnen entwickelt, wodurch sie in der Addition des Zerstörungseffektes auch das Ziel der Totalvernichtung aller wichtigen Ziele des Gegners erreichen können.

Bei dieser Situation ist es unerheblich, daß das „Institut for strategic Studies“ in London nach seinem letzten Bericht für die Lage Ende 1965 eine amerikanische Überlegenheit von 1 : 3 errechnete. Fachleute nehmen an, daß die „overkilling“-Kapazität der Amerikaner beim Faktor 29 hält. während sie den Russen „nur“ eine solche von 9 zubilligen[4].

Die Führung der Politik und damit die strategische Weltlage hielten sich an diese Tatsachen. Das Bild der Gewaltanwendung aus politischer Räson ändert sich äußerlich nicht, obwohl die Gründe hiefür nunmehr andere sind. War es bis zum Patt das einseitige Entscheidungsdenken der Amerikaner, das den großen Krieg verbot und damit den kleinen erlaubte, so ist es jetzt das klare Bewußtsein beider. voll verwundbar zu sein, das die Politik und ihre Dienerin, die Strategie, blockiert.

Politische Erscheinungsformen dieser Zwangslage gibt es in den kriegerischen Ereignissen des zweiten Dezenniums unseres Atomzeitalters genug. Der ungarische Volksaufstand endete im Sumpf dieser Reaktionsunfähigkeit, der israelisch-ägyptische Sinai-Krieg wurde gestoppt, weil die immense Bedeutung des Nahost-Erdöls ihn in viel zu große Nähe westlicher Existenzfragen brachte. An ihm war es besonders typisch, daß er von beiden Großen gemeinsam angehalten wurde, weil sie sich nicht von Outsidern zu einer Nuklearkonfrontation zwingen lassen konnten. Blitzartig wurde die eigentliche Bühne erhellt durch die Kuba-Krise. Bei ihr riskierte ein politischer Hasardeur eine so gefährliche Annäherung an den eigentlichen Lebensbezirk des Gegners, daß die Angriffssituation für die Amerikaner gegeben war, und sofort mußte er zurückweichen.

Aber die politischen Reibungsflächen blieben. Wenn wir erfassen wollen, wie die politische Gewalt sich in der Zukunft manifestieren kann, so müssen wir uns an die strategischen Doktrinen halten, welche jene politisch handelnden Mächte entwickelten, die Macht und Verantwortung für die heutige Welt haben.

 

III. Die maßgeblichen strategischen Doktrinen der Gegenwart

1. Die USA

Schon zu Ende der Eisenhower-Administration stellte Amerika fest, daß die bisherigen Anschauungen in der Alltagspolitik nicht verwendbar waren. Der totale Entscheidungskrieg fand mangels gleichwertigem Angriff nicht statt. Die Diplomaten bewältigten die Lage nicht, weil sie ihre politischen Ziele sozusagen unabhängig vom strategischen Denken der Militärs verfolgten. Umgekehrt gelang es dem Pentagon nicht, von einem Kriegsbild loszukommen, dessen Unwirklichkeit die Diplomaten jeden Tag registrierten. Daß beides zusammengehörte, war zwar klar, aber nur von „neutraler“ Seite beweisbar. Diese Zeit kam unter Kennedy, der als erster Präsident des Atomzeitalters nicht mehr bereit war, in den konventionellen Denkgeleisen weiterzufahren.

Unter dem Wirtschaftsmanager McNamara gelangten in das National Security Council Theoretiker, d. h. Wissenschaftler, einmal aus .dem Bereich der Mathematik und Naturwissenschaften, zum anderen aus der Gruppe der Zeitgeschichtler, Politologen und Nationalökonomen. Sie nahmen sich vor, unter der Voraussetzung, daß zur Erreichung politischer Ziele alle militärischen und nichtmilitärischen Mittel koordiniert zu verwenden seien, eine Theorie zu entwickeln, welche die verlorengegangene Handlungsfreiheit im Atomzeitalter wieder gewährleisten sollte.

Maßgebliche Köpfe waren hier Männer wie McGeorge Bundy, Wieser, Morgenstern und vor allem Kissinger mit seinem Team, um nur die wichtigsten zu nennen. Das Ergebnis war die sogenannte McNamara-Doktrin, die eine Alternative ist zur verhängnisvollen Gegenüberstellung der totalen Vernichtungsstrategie oder Kapitulation vor der Aktivität des Gegners. Ihre Voraussetzungen waren:

- die Bedrohung durch Atomwaffen ist ebenso beiderseitig wie möglich. Die technische Entwicklung wird sie sowohl quantitativ wie qualitativ in Zukunft nur drückender machen;

- die Gefahr der Kurzschlußhandlung wird in dem Maß geringer. als beide Gegner voneinander wissen, daß sie zur Verwendung der eigenen und Begegnung der feindlichen Gewalt auch andere, jeweils angemessenere Mittel haben als die der Massenvernichtung.

Um zu einer tragfähigen Theorie zu gelangen, mussten die Tatbestände der Atomstrategie einmal erfaßt und strategisch, d. h. politisch, ausgewertet werden. Wie also sieht der Atomkrieg aus? Er ist ein Vernichtungskrieg, der möglichst mit einem Überraschungsschlag (first strike) den Gegner wehrlos macht. In Erweiterung der Definition der Objekte hiefür durch Clausewitz - Streitkraft, Land und Wille des Feindes - kommen heute noch sein Produktionspotential und die Führungszentren dazu. All das ist in den großen Industriestädten vereint. Am Beginn dieses Kernwaffeneinsatzes stand also die „Countercities Strategie“.

Abgesehen von dem Alpdruck, den diese Zielsetzung Politikern und Militärs gleichermaßen verursacht, erweist sie sich nicht allzu überzeugend. Sie ist so lange vom Politischen her nicht zielführend, als der Angegriffene trotz Verlust seiner nationalen Substanz, sozusagen als letzte Zuckung, das Potential behält, aus sorgsam geschützten, weitab von den Zentren liegenden Basen den Gegenschlag zu führen. Die logische Folgerung ist die Umkehrung des Verfahrens. Zuerst muß das Vergeltungspotential angegriffen werden, dann ist der Gegner so wehrlos, daß er auch die Vernichtung schlechthin hinnehmen muß, bzw. sie kann erspart werden. Dies ist die „Counterforces Strategie“.

Die nächste logische Schlußfolgerung zeigt erschreckend die Spirale, an der da gedreht wird. Es ist nun weiter nur logisch. diese Counterforces so zu schützen, daß ihre Vernichtung zu einem Problem wird. Weil dies aber nur durch Steigerung der Explosionswerte im Megatonnenbereich möglich ist - und wir kennen ihren furchterregenden Vernichtungsradius -. fließen die Counterforces- und Countercities- Strategie wieder ineinander. Ja durch den Schutz, die Härtung, der Countcrforces-Basen gefährdet man indirekt alle Zentren im Vernichtungskreis. Das Gegenteil von dem, was zu erreichen war. Wollte man also eine annehmbare Theorie für den Einsatz der Macht durch die Politik auch unter den heute und morgen gegebenen Umständen schaffen, dann war als Voraussetzung und Hintergrund jeglichen Handelns die eigene Kernwaffensituation im Geben und Nehmen abzuklären.

Im Passiven sind die Fragen relativ leicht zu beantworten.

Die Aufgabe ist zweigeteilt:

- Herabsetzung der Schadenswirkung der Explosion und
(oder)

- Verhinderung, daß es zu einer Explosion kommt.

Das erstere läßt sich nur durch Schutzbauten erreichen. Für Amerika schätzt Prof. Morgenstern[5] die Kosten für den Schutz gegen Verstrahlung auf 50 Milliarden Dollar und jahrelange Bauzeit Der Aufwand zum Schutz gegen Hitze- und Druckschäden läge noch weit höher. Dieser Weg ist also nicht sehr vielversprechend, unglaublich teuer und verhindert die materielle Zerstörung nicht. Er wird also nur an Schlüsselpunkten anzuwenden sein.

Die Verhinderung der Explosion richtete sich als Abwehr gegen die Waffensysteme, die Atomsprengköpfe in das Ziel

tragen.

Zur Zeit ist auch hier die Lage bedenklich. Der heutige technische Entwicklungsstand rechtfertigt eine Durchkommensannahme für Fernbomber von ca. 20%, für Intercontinentalraketen von mindestens 80%. Amerikanische Fachleute hoffen bis in den Zeitraum 1975 bis 1980 eine fast 100%ige Abwehrsicherheit zu erreichen. Natürlich bezogen auf das heutige Wissen von den Angriffssystemen. Diese Frage bleibt also auch hier problematisch.

Die Antwort kann also nur sein, daß der Angriff nicht stattfinden darf, weil die Gegenschlagskapazität glaubhaft ist. Man sichert seine Städte damit, daß man Counterforces unerreichbar macht. Denn, je mehr sie im Land sind, desto

mehr gefährdet man die Nachbarstädte. Je ortsfester, desto bekannter; desto gefährlicher wird das Leben im Umkreis. Die logische amerikanische Antwort ist bekannt. Da die größere Industrie- und Bevölkerungsballung im Vergleich zu Rußland es in eine relaliv schwächere Position brachte, wich es mit seinen Basen weitgehend von der „Zone of Interior“ aus. Das Strategic Air Command ist mit einem Teil seiner Bomber immer auf der ganzen Welt in der Luft. Die jeweiligen Standorte der Atom-U-Boote mit ihren je 16 Polaris-Raketen sind schwer aufzuklären, die trägergestützten Mittelstreckenbomber kreuzen auf den Weltmeeren und die ICBM werden in leeren Zonen der Vereinigten Staaten und in Alaska eingerichtet. Die Abschreckungskraft kann also nicht gepackt werden und verhindert nach menschlichem Ermessen den großen Krieg.

„Die Vorbereitung ist wichtiger geworden als die Durchführung, denn der Besitz überlegener Mittel erweist sich entscheidender als ihr Einsatz[6]“, schreibt Beaufre, dessen deutsche Übersetzung den bezeichnenden Titel „Totale Kriegskunst im Frieden“ trägt.

Damit ist nicht der totale Frieden gemeint, aber doch eine pax atomica, die das System der abgestuften Vergeltung ermöglicht. Jedem Angriff war nun eine Gegenaktion im jeweiligen Umfang gegenüberzustellen. Durch die Blockierung des hasardierten oder versehentlichen atomaren Weltuntergangs - kontrolliert durch Teststopp, „Nonproliferation“ und „Heißen Draht“ - wurde das Feld für die politische Gewalt in der unteren Ebene frei. Das Gesicht des modernen, nicht mehr Krieg zu nennenden Konfliktes, zeichnet sich ab.

Die Folge davon ist natürlich eine klare Zweiteilung der Rüstung. Die Glaubhaftigkeit der Potenz für den Krieg ober der Atomschwelle bildet das SAC, der großstrategische Teil der Flotte und das STRAC. Beinahe selbständig auf der nächsten Ebene stehen die kombinierten Kommanden (unified commands) in den verschiedenen Brennpunkten der Weltpolitik, die - bis zu den taktischen A-Waffen - über die speziell erforderliche Ausrüstung und Dimensionierung verfügen, die der Bedrohung und der jeweiligen Aufgabe gewachsen sind.

Während die Wirkung der Gewaltmittel auf oberer Ebene eine theoretische zu bleiben hat und ihre Stärke nach George A. Lincoln „genau so groß ist, wie die Meinung, die man von ihr hat“, ist der Effekt der abgestuften unteren Etage ein sehr realer, der jederzeit den Wahrheitsbeweis erbringen kann. Schild und Schwert des alten Radfordplanes haben nun ihre Funktion getauscht. Hinter dem mächtigen Schirm der Nuklearwaffen „in being“ steht ein speziell geschaffenes konventionelles Schwert, das tatsächlich auch schlägt. Es ist so stark zu halten, daß es bei einem Druckanstieg über die kritische Schwelle eine Pause des letzten Nachdenkens erzwingen kann. Durch diese Doktrin erreichte McNamara, daß nicht nur dem Angreifer die Wahl der Waffen überlassen ist, sondern auch die andere Seite die Freiheit des Entscheidens behält. Damit fixiert Amerika mit großer Wahrscheinlichkeit das Bild des zeitgemäßen Krieges. Er ist begrenzt, unterhalb der Atomschwelle, mit gebremster Eskalation und wird mit einer Dosierung der Gewalt geführt, die dem Wert des politischen Zieles angemessen ist.

 

2. Die Sowjetunion

So essentiell Denkungsweise und daraus resultierende Doktrin der Amerikaner für die Ableitung des möglichen Kriegsbildes sind, so klar ist natürlich die Tatsache, daß die Vorstellung hievon, die der mögliche Gegner hat, gleichen Wichtigkeitsrang besitzt.

Das Problem bei der Analyse der russischen Seite ist die Dokumentation. Im Vergleich zum Westen mit seiner freien Diskussion liegt auf der anderen Seile weit weniger Authentisches vor. Neben den wenigen militärwissenschaftlichen Publikationen von vergleichbarem Rang sind wir sehr auf den empirischen Weg angewiesen, den die politische Führung der Sowjetunion im Atomzeitalter gegangen ist. Abgesehen also von der Auswertung der Aussagen kommunistischer Militärschriftsteller, sei daher der Versuch gemacht, zu unterstellen, daß die Führer des Ostblockes auch meinen, was sie sagen, insbesondere dann, wenn es- in gewissem historischen Abstand - zu ihrem politischen Handeln paßt. Also auch hier müssen wir die Erscheinungsform der Machtanwendung zum Zwecke der Erreichung des politischen Zieles innerhalb der letzten 20 Jahre ableuchten.

In den ersten zehn Jahren nach Hiroshima stand der Sowjetunion praktisch die A-Waffe für militärischen Einsatz nicht zur Verfügung. Um auf dem Gebiet der glaubwürdigen Gewaltanwendung handlungsfähig zu bleiben, demobilisierte sie ungleich langsamer als die USA. Der Druck wurde mit konventionellen Mitteln aufrechterhalten, was nach innen mit einer „Verniedlichung“ der Atomwaffe begründet wurde. Hiezu Stalin: „Ich halte die Atombomben nicht für eine so gefährliche Waffe ... sie können den Ausgang eines Krieges nicht entscheiden[7].“

Die politische Folge war eine Verhaltensweise des „Als ob“. Da die amerikanische Denkungsweise des Entscheidungskrieges laut genug verkündet wurde, kam es nur darauf an, diesen zu vermeiden und darunter wie bisher zu verfahren. Der Stellvertreterkrieg wurde geboren, der tatsäcl1lich so geführt wurde wie der letzte große Krieg endete, z. B. in Korea und Indochina. Bei der direkten Gegenüberstellung in Berlin genügte es dann, ein paar billige Straßensperren zu errichten, um den Westen zur unglaublich kostspieligen Luftbrücke zu zwingen. Der Nichtbesitz der Atombombe zwang aber in der dem Osten geläufigen Anwendung der Dialektik an der von Marx, Lenin und Stalin verkündeten Unvermeidbarkeit des Krieges festzuhalten, um die USA auf die große Auseinandersetzung auszurichten, während man die Gewalt so lange im kleinen anwandte, als die große Waffe nicht verfügbar war.

Aber die Geister, die man rief, wurde man dann nicht so einfach los. Man kann auch die strategische Denkungsart der Sowjets nur aus ihrer politischen Herkunft verstehen- niemals getrennt und für sich allein. Diese Weltanschauung ist eine selbstverständliche Erscheinungsform des Klassenkampfes gegen den Imperialismus, „das höchste Stadium des Kapitalismus“[8]. Wenn die Macht der Gegenseite dies nicht zuläßt, „so ist die Periode der Reaktion zu nützen ... um die Kräfte zu sammeln ... damit sie unverzüglich wieder zum Angriff übergehen können[9]“. In dieser Zeit wird in Kauf genommen, daß es mit dem Gegner nicht nur zu Reibungen kommt, sondern auch bei ihm bürgerliche oder vorbürgerliche Gesellschaftsformen bestehen bleiben[10]. Aus diesen Überlegungen ergibt sich aber bei der sowjetischen Führung schon viel früher, u. zw. natürlicherweise, die Erkenntnis, daß Politik und Strategie zwar nicht identisch sind, aber untrennbar zusammengehören. Primär ist die Politik, die Strategie ist die Kunst, sie zu erfüllen. „Der bewaffnete Kampf ist ein Mittel, politische Ziele zu erringen ... , die sonst auf keine Weise zu erreichen sind[11].“ Allerdings sind nur diese Kriege gerecht, denn sie schützen die Interessen des Volkes.

Aus all diesen Denkvoraussetzungen läßt sich die sowjetische Politik und in ihrem Gefolge die Gewaltanwendung logisch verfolgen. Bis zum Jahre 1955 etwa herrschte eine Periode der sehr bewußten „Reaktion“ zur Vorbereitung auf neuen politischen Angriff. Offiziell hielt man daran fest, daß der Krieg nur von der Partei zu gewinnen sei, die über „mehr Reserven (gemeint sind Menschen), mehr Kraftquellen und mehr Ausdauer“ verfügt[12]. Das Kriegsbild ist also, bewusst herausgestellt, das des Massenkrieges alter Art. Aber wirklich geglaubt wird es nicht. „Die militärische Taktik hängt von dem Niveau der militärischen Technik ab[13]“, und so wurde mit allen Mitteln die Entwicklung der Kernwaffen vorangetrieben. Bis etwa 1957/58 war es so weit, auch die Trägersysteme und die elektronischen Leiteinrichtungen standen derart zur Verfügung, daß sie bei einem Entscheidungskampf bereits ins Gewicht fielen. Mit dem ersten Sputnikerfolg zeichnete sich die verwendbare ICBM ab. Und sofort wurde die sowjetische politische Führung wieder aggressiv, die Zeit der Reaktion schien vorbei, und geistig war die ungeheure Komplexität der Nuklearwaffen noch nicht überschaubar. „Wir werden Euch begraben[14]“, sagte N. S. Chruschtschow Ende 1957 und „Gegenwärtig verfügt die Sowjetunion über solche Kampfmittel ... , daß sie jedes Land ... buchstäblich von der Erde hinwegfegen könnte[15].“

Und das Bild dieses Krieges? In verblüffender Analogie mit dem Beginn des amerikanischen Atomzeitalters wird der Entscheidungskampf als Theorie gepredigt. Die Einheit des politischen und rein militärischen Denkens scheint vorübergehend tatsächlich in Frage gestanden zu sein. Malinowski, wohl als Minister in erster Linie Politiker, sprach nur von dem Entscheidungskrieg der beiden Lager. Ober die Theorie des ersten Schlages mit breitem Einsatz von Atomwaffen gelangte auch er sehr bald zur Counterforces-Strategie. Das nicht völlige Durchdenken dieses Weges führte zum Kuba-Abenteuer. Das Kriegsbild des Weltunterganges war nicht praktikabel, auch nicht als Ziel der Arbeiterklasse. Die Leninsche Reaktionspause war wieder da. Plötzlich wird entdeckt, „daß alle Voraussetzungen vorhanden sind, diesen (großen) Krieg zu verhüten“[16].

Die Zeit reifte, und zwar einfach deshalb, weil das technische Wissen und die Obersicht der Probleme wuchs, für die Entwicklung einer besseren Doktrin als die bisherige über die Machtanwendung in der Politik. Auch in der Sowjetunion wurden nun zur Klärung im strategischen Bereich ganz offensichtlich „neutrale“ Wissenschaftler herangezogen![17] Diese merkten zu ihrem Erstaunen, daß die Ergebnisse ihres Nachdenkens sich kaum von den westlichen Erkenntnissen unterschiedent[18]. Die Frage war nun, ob dies auch für die in der eben abgelaufenen Periode so glatt abgelehnten lokalen und begrenzten Kriege galt. Denn nach ihrer Ansicht deutet unter anderem „die Strategie der Abschreckung ... auf die Furcht des Imperialismus vor der unausbleiblichen Vergeltung“ hin[19]. Das ist aber durchaus richtig gesehen. Die USA hatten gerade zur gleichen Zeit endgültig erkannt, daß das große Spiel mit der Gewalt beim derzeitigen Stand der Technik zu katastrophal war.

Das in der ersten Auflage 1962 erschienene Werk von V. D. Sokolowskij „Militärstrategie“ war der wohl unbestreitbare Versuch, das interne Theorieschisma mit echter Autorität zu beenden. Er teilte zunächst das Problem Krieg in folgende drei Hauptarten, die er gleichsam mit Qualitätsnoten versieht.

- Der Krieg zwischen Imperialismus und dem Lager des Sozialismus. Ein Entscheidungskrieg der für die sozialistischen Staaten gerecht, für die Imperialisten ein ungerechter Eroberungskrieg ist.

- Imperialistische Kriege gegen nationale Befreiungsbewegungen, um Kolonien zu erobern oder zu behalten. Natürlich ein für die Imperialisten ungerechter Krieg.

- Nationale Befreiungskriege, Bürgerkriege und sonstige Volkskriege, die auf die Abwehr imperialistischer Aggression und Unterdrückung hinauslaufen. Selbstverständlich für die Feinde der Imperialisten ein gerechter Krieg.

Der politische Hintergrund allen sowjetischen Denkens ist natürlich auch Sokolowskijs Ausgangsbasis. Die Akzentuierung ist aber bedeutsam. Der Wille, den Frieden zu erhalten, wird glaubhaft dargestellt - schon dadurch, daß die Koexistenz auch als Klassen„kampf“ mit friedlichen Mitteln die von Lenin geforderte Aggressivität wenigstens formal beibehält. Die Zerstörungsfähigkeit des Feindes wird voll anerkannt. Die Reflexionen über den Krieg sind tatsächlich bemerkenswert und zwar aus verschiedenen Gründen.

Der Feststellungen zu Kriegen der unteren Kategorien - imperialistische und Befreiungskriege - sind wenige. Ihre Einbeziehung in die Atomstrategie wird gar nicht erwogen, sie sind also konventionell zu führen und zeigen ein ähnliches Bild wie der ausgehende Zweite Weltkrieg, nur mit der immer gegebenen Möglichkeit, in eine Eskalation nach oben zu gleiten.

Der Entscheidungskrieg ist dagegen ein totaler. Er zeigt das Bild der US-Entwicklung zu Dulles und Radfords Zeiten. Alle Entscheidungsziele - Streitkräfte, einschließlich der Counterforces, Wehrwillen, Produktionsmittel und Führungszentren - werden zugleich angegriffen. Der „first strike“ wird zwar von den Imperialisten erwartet, was aber bei der seit Marx und Lenin geprägten Aggressivität im Entscheidungsgang wohl nur relativ zu verstehen ist. Die ganze Tiefe des Feindterritoriums wird von den verfügbaren Gegenschlagswaffen („Counterforces“) erfaßt und Spezialtruppen agieren selbständig und unabhängig voneinander. In unbedingter Offensive und Initiative also ein totales Bild eines nicht überbietbaren Infernos. Es wird sehr genau beschrieben, was sowjetische Kernwaffen für Wirkungen haben und wie dieser Krieg tatsächlich geführt wird. Wenig überzeugend - vielleicht sogar für den Autor - wird die Antwort auf die sich aufdrängende Frage vermieden, zu welchem politischen Ziel ein derartiger Krieg führen soll, denn die Vernichtung ist gegenseitig.

Die Antwort ist nur aus der Verhaltensweise abzuleiten. Der Verzicht auf die Gewaltanwendung ist der marxistischen Lehre der Klassenfeindschaft nicht möglich. Der totale Krieg ist nicht führbar, daher ist der Wille zur globalen friedlichen Koexistenz durchaus ehrlich, aber nur im Sinne der leninschen Sammlung der Kräfte solange die Machtverhältnisse einen anderen Weg nicht erlauben. Sokolowskijs nur nebenher behandelten Kriege der unteren Ebene ohne Kernwaffen sind - durchaus parallel zu der klarer ausgesprochenen Doktrin der USA - die vorläufige politische Wirklichkeit. Auch sie bleiben unterhalb der Atomschwelle, meiden die direkte Konfrontation, die zum Nuklearkrieg führen müßte, und werden örtlich und in den Mitteln begrenzt geführt.

Um sich aber selber vor dem kleinen (lokalen bzw. begrenzten) Krieg zu schützen, wird immer und immer wiederholt, daß die Konfrontation von Atommächten unter Gewaltanwendung auf alle Fälle den totalen Nuklearkrieg bedeutet.

Der Unterschied zwischen taktischen und strategischen Atomwaffen wird als nicht definierbar bezeichnet. Der immer wieder betonte Angriffswille ist sowohl echt leninistisch als auch dem Wunsche entsprungen, die eigenen Erfahrungen von Napoleon bis Hilter unter den Bedingungen des Atomzeitalters nicht wiederholen zu müssen.

Das Kriegsbild ist also Abschreckungsstrategie im Großen, Vermeidung eines abgestuften (taktischen) Atomkrieges, dem man vielleicht technisch-taktisch gar nicht gewachsen ist. Die Gewalt bleibt Volksbefreiungskriegen vorbehalten und in der Anwendungsform rein konventionell.


Anmerkungen:

[1] Carl von Clausewitz, „Vom Kriege“.

[2] Henry A. Kissinger, „Kernwaffen und Außenpolitik“, S.7.

[3] Henry A. Kissinger, a.a.O.

[4] Institut for strategic studies: „Military balance 1965-1966“

[5] Oskar Morgenstern, Strategie heute“.

[6] General Beaufre, Introduction ‚à la Stratégie.“

[7] Freistetter, „Bemerkungen zu Sokolowskij“, ÖMZ, Heft 1, 1966

[8] Lenin, „Imperialismus“ als höchstes Stadium des Kapitalismus.

[9] Smirnow, Bas, Koslow, Sidorow: „Über sowjetische Militärwissenschaft.“

[10] Lenin, „Über Krieg,. Armee und Militärwissenschaft“, Bd.I, S.690.

[11] Smirnow, „Sowjetische Militärwissenschaft“, S.58.

[12] Lenin, a.a.O., Bd. II, S.612.

[13] Lenin, a.a.O., Bd. I, S.209.

[14] Chruschtschow, Beim Empfang Gomulkas in Moskau (November 1957).

[15] Chruschtschow, „Militärwissenschaftliche Aufsätze“, Heft 23, S.9.

[16] Smirnow, a.a.O., S.281.

[17] Smirnow, a.a.O., S.23.

[18] Smirnow, a.a.O., S.83.

[19] Malinowski vor der vierten Tagung des Obersten Sowjets (24. Jänner 1960).