Der ewige Krieg in Palästina

Führt die Kosovo-Strategie aus dem Konflikt?

Corinna Metz 

 

Die Palästinenser suchen verzweifelt einen Weg aus dem Konflikt mit Israel und klammern sich dabei an jeden Strohhalm. Ohne den Zweck und die Grenzen der Analogie zu hinterfragen haben deshalb einige palästinensische Politiker in der unilateralen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo im Jahr 2008 ein Allheilmittel für Konflikte um Staatlichkeit ausgemacht. Das kommt besonders in der öffentlichen Erklärung des Beraters des palästinensischen Präsidenten, Yasser Abed Rabbo, zum Ausdruck: „Kosovo ist nicht besser als wir. Wir verdienen die Unabhängigkeit noch vor dem Kosovo, und wir fordern die Unterstützung der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für unsere Unabhängigkeit.“ Trotz seiner Popularität wurde dieser Ansatz von den meisten Mitgliedern der palästinensischen Führung abgelehnt. Ungeachtet dessen griffen politische Kommentatoren und Wissenschaftler das Thema auf, um im Rahmen einer breiteren Debatte die Relevanz eines Vergleichs der Konflikte um das Kosovo und Palästina zu erörtern. Die internationale Bedeutung der beiden Konflikte steht außer Frage. Das Kosovo liegt im Herzen Europas und Palästina ist von geostrategischer Bedeutung und Gegenstand des vielleicht langanhaltendsten territorialen Konflikts der Weltgeschichte. Dennoch bestehen zentrale Unterschiede zwischen den Konflikten, die sie auf den ersten Blick unvergleichbar erscheinen lassen. Das sind einerseits die Verschiedenheit in der Entstehung der beiden umstrittenen Entitäten und andererseits die unterschiedliche internationale Anerkennung des Rechts auf Staatlichkeit in den beiden Fällen. Das Kosovo wurde ein de-facto-Staat durch die Sezession von Serbien. Diese war durch das dringende Bedürfnis der kosovoalbanischen ethnischen Mehrheit motiviert, sich von der langanhaltenden serbischen Repression zu befreien und teilweise sogar durch die Notwendigkeit, sich gegen Versuche der Auslöschung der gesamten Volksgruppe zu wehren. Im Zuge dessen haben es die kosovoalbanischen Nationalbewegungen zu Wege gebracht, das Kosovo, welches lange unter internationaler Treuhandschaft gestanden hatte, zu einem Fall eines international überwachten Übergangs zu konditionaler Unabhängigkeit zu machen. Diese Unabhängigkeit wurde schließlich 2008 ohne die Zustimmung Serbiens erklärt und es erfolgte eine zwar nicht umfassende, jedoch effektive internationale Anerkennung der Eigenstaatlichkeit. Das einzig offensichtliche gemeinsame Charakteristikum, das den beiden Konflikten zugrunde liegt, ist die verspätete Staatlichkeit des Kosovo und Palästinas nach der Auflösung des Osmanischen Reichs. Sowohl im Kosovo als auch in Palästina fordert die unterdrückte ethnische Gruppe Autonomie in einem historisch gemeinsam mit der anderen Ethnie bewohnten Gebiet, auf dem sie derzeit die Mehrheit darstellt. Des Weiteren stehen in beiden Konflikten hoch symbolische nationale Interessen, darunter die Sakralisierung des Landes, auf dem Spiel. Es gibt kein Rezept für Unabhängigkeit. Der detaillierte Vergleich von Palästina und Kosovo zeigt die Grenzen der Analogie auf und deren manchmal propagandistische Verwendung. Dennoch sollte jeder Ansatz in Betracht gezogen werden, der einer Konfliktlösung dienlich sein kann, da die dramatische Situation in Palästina leicht zu einer umfassenden Gewalteskalation in der bereits hochgradig destabilisierten Region führen kann.