Militärische Nachdenker, Vordenker, Querdenker für den Aufbau westdeutscher Streitkräfte (Teil 1)

Wulf-W. Lapins

 

Dieser Beitrag versucht, einen Überblick über verschiedene, oft in Form von Denkschriften präsentierte verteidigungspolitische Konzeptionen in (West-)Deutschland nach 1945 zu geben. Er stellt damit eine, thematisch begrenzte, deskriptive Einzeluntersuchung dar. Im Zuge der Bearbeitung gefundene neuere Quellen erweitern und ergänzen die bisherigen Wissensbestände und sollen damit einen leichteren Zugang zu einem militärhistorisch und sicherheitspolitischen wichtigen Kapitel aus der Vorgeschichte der Bundeswehr öffnen, das oftmals nicht so bekannt ist. Die hier vorgelegte Analyse beschränkt sich auf jene hohen deutschen Offiziere der ehemaligen Wehrmacht, die vereinzelt schon bereits in der Vorphase der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, mehrheitlich aber danach, auf Ersuchen verschiedener politischer Dienststellen und Politiker, in einigen Fällen auch unaufgefordert, Gutachten zu verteidigungspolitischen Fragestellungen in jener Zeit vorlegten. Damit versuchten sie zugleich, die nunmehr neue pazifistisch überzeugte politische Klasse in Westdeutschland aus ihrer vermeintlichen Erkenntnisisolation und zum Teil gemutmaßten Ahnungslosigkeit über die „Gefahr aus dem Osten“ zu befreien, die von ihnen als Militärs als evident bedrohlich perzipiert wurde. Der Fokus des Verfassers liegt auf der Diskussion ausgewählter Memoranden. Trotz aller militärstrategisch-konzeptioneller Irrwege oder Sackgassen stellen diese, einander ergänzenden oder miteinander konkurrierenden, in der Regel voneinander unabhängigen Expertisen und wehrpolitischen Arbeitskreise, von heute vielfach vergessenen Autoren verfasst, wichtige Vorstufen für die Einsicht in westdeutsche wehrpolitische Notwendigkeiten dar, aus denen sich letztlich der Beginn einer westdeutschen Sicherheitspolitik herausdestillierte. Das soll hiermit nachgezeichnet werden. Es handelt sich bei der vorgelegten Arbeit nur um einen groben Überblick, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit aller je vorgelegten militärpolitischen und -strategischen Konzepte erhebt. Damit soll auch dem Gros jener Offiziere und Generäle Reverenz erwiesen werden, die aufgrund kritischer Reflexion des Handlungshorizontes militärischer Mitverantwortung für die NS-Gewalt- und Vernichtungspolitik zum lernenden Umdenken bereit waren. Am Ende dieses Prozesses stand dann die westdeutsche Wiederbewaffnung 1955. Durch die Pariser Verträge vom 5. Mai dieses Jahres erhielt die Bundesrepublik eine durch alliierte Vorbehalte eingeschränkte Souveränität und wurde nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in das nun zunehmend von der NATO getragene transatlantische Sicherheitssystem einbezogen. Aus heutiger Sicht, für die sich freiwillig zum Dienst in der Bundeswehr Verpflichtenden, mag die Zeit des Aufbaus einer Armee im damaligen Westdeutschland wie eine Geschichte aus grauer Väter Vorzeit wirken, jedenfalls als ferne Historie. Nicht selten folgt man beim Rückblick aus der Gegenwart einem ex post-Determinismus: Die politische-militärische Westbindung der alten Bundesrepublik musste so kommen, wie sie sich dann vollzogen hat, weil es eben so geschah. Wenngleich auch in der Politik Pfadabhängigkeiten eine gewisse Rolle spielen, so sind diese doch nicht so deterministisch, als dass politische Prozesse nicht grundsätzlich nach vorne offen sind.