Paradigmenwechsel in der Streitkräfteentwicklung des Österreichischen Bundesheeres

Philipp Eder

 

Globale Trends und aktuelle sicherheitspolitische Entwicklungen, deren Auswirkungen bis nach Österreich spürbar sind, führen zu einem Paradigmenwechsel in der Aufgabenstellung und damit auch der Streitkräfteentwicklung des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH). Die folgende Analyse der Österreichischen Bundesregierung spiegelt sich in den konkreten militärstrategischen Bearbeitungen wider: „Neue sicherheitspolitische Entwicklungen stellen die österreichische Sicherheitspolitik vor neue Herausforderungen. Das zeigen steigende Gefahren durch hybride Bedrohungen, internationalen Terrorismus oder im Zusammenhang mit Massenmigration sowie die damit verbundene Gefährdung des sozialen Friedens und gesellschaftlichen Zusammenhalts. Aufgrund von Kriegen, Destabilisierung und mangelnden Perspektiven für große Bevölkerungsteile im europäischen Umfeld ist für einen nicht absehbaren Zeitraum von einer erhöhten Sicherheitsgefährdung für Österreich auszugehen.“

Dieser Artikel beschreibt einige der Grundlagen und Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels, indem er die sicherheitspolitischen Entwicklungen beleuchtet und die daraus abzuleitende Streitkräfteentwicklung skizziert. Die dargestellten Herausforderungen verlangen von der militärstrategischen Führung über die neuen Kommanden der oberen taktischen Führung (Kommando Land, Kommando Luft, Kommando Logistik sowie Kommando Führungsunterstützung und Cyber-Defence) und die Militärkommanden die Fähigkeit zu raschen Führungsabläufen unter allen Einsatzbedingungen. Vom Einzelsoldaten bis zur Ebene der Brigadeebene, einsatzbereite, rasch verfügbare Kräfte, die im Kampf lageabhängig logistisch unabhängig, selbstständig und durchhaltefähig agieren können. International ist zu beobachten, dass die Fähigkeit Kräfte und Mittel verschiedener Waffengattungen zum räumlichen und zeitlichen Zusammenwirken zu bringen, grundsätzlich beim großen Verband (zumindest Führungsebene Brigade) angesiedelt bleibt. Der künftige Charakter der Einsätze im In- und Ausland erfordert jedoch vermehrt auch die Befähigung des kleinen Verbandes und in Einzelfällen auch der Einheit, verschiedene Waffengattungen nach Bedarf und Unterstellung bzw. Zuordnung entsprechender Fähigkeiten, zeitlich und räumlich begrenzt selbstständig führen zu können. Die Unwägbarkeiten der strategischen Lageentwicklung, die erwartbaren signifikanten technologischen Entwicklungen sowie der Grundsatz der Kooperationsorientierung erfordern eine hohe Innovations- und Anpassungsfähigkeit. Daher ist die Mitwirkung des Bundesheeres an der Verteidigungsforschung internationaler Organisationen und anderer nationaler und internationaler Institutionen bzw. internationaler Kooperationen in der Fähigkeiten-Entwicklung zu verstärken. Die Fähigkeit zur selbstständigen Erforschung der für den militärischen Bereich relevanten technologischen Erneuerungen ist zu verbessern. Darüber hinaus muss die militärische Führungsausbildung weiterhin möglichst umfassend und breit bleiben. Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal des Österreichischen Bundesheeres bleibt auch zukünftig der Kampf in Form des räumlichen und zeitlichen Zusammenwirkens von Kräften und Mitteln verschiedener Waffengattungen im Gefecht und das Beherrschen aller taktischen Verfahren. Das Leistungsspektrum des ÖBH ist und bleibt umfangreich.