Militärische Nachdenker, Vordenker, Querdenker für den Aufbau westdeutscher Streitkräfte
(Teil 1)

 

Wulf-W. Lapins

 

Dieser Beitrag versucht, einen Überblick über verschiedene, oft in Form von Denkschriften präsentierte verteidigungspolitische Konzeptionen in (West-)Deutschland nach 1945 zu geben. Er stellt damit eine - thematisch begrenzte - deskriptive Einzeluntersuchung dar. Im Zuge der Bearbeitung gefundene neuere Quellen erweitern und ergänzen die bisherigen Wissensbestände und sollen damit einen leichteren Zugang zu einem militärhistorisch und sicherheitspolitisch wichtigen Kapitel aus der Vorgeschichte der Bundeswehr öffnen, das oftmals nicht so bekannt ist.
Die hier vorgelegte Analyse beschränkt sich auf jene hohen deutschen Offiziere der ehemaligen Wehrmacht, die vereinzelt schon bereits in der Vorphase der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, mehrheitlich aber danach, auf Ersuchen verschiedener politischer Dienststellen und Politiker - in einigen Fällen auch unaufgefordert - Gutachten zu verteidigungspolitischen Fragestellungen in jener Zeit vorlegten. Damit versuchten sie zugleich, die nunmehr neue pazifistisch überzeugte politische Klasse in Westdeutschland aus ihrer vermeintlichen Erkenntnis­isolation und zum Teil gemutmaßten Ahnungslosigkeit über die „Gefahr aus dem Osten“ zu befreien, die von ihnen als Militärs als evident bedrohlich perzipiert wurde.
Der Fokus des Verfassers liegt auf der Diskussion ausgewählter Memoranden, die in ihrer Gesamtheit eine Art „wehrpolitischen Zellhaufen“ bilden. Die meisten von ihnen erwiesen sich als nicht zeit- oder politikgemäß oder als nicht umsetzbar und waren damit, streng genommen, militärstrategisch-konzeptionelle Irrwege oder Sackgassen. Dennoch stellen diese einander ergänzenden oder miteinander konkurrierenden, in der Regel voneinander unabhängigen Expertisen und wehrpolitischen Arbeitskreise, von heute vielfach vergessenen Autoren verfasst, wichtige Vorstufen für die Einsicht in westdeutsche wehrpolitische Notwendigkeiten dar, aus denen sich letztlich der Beginn einer westdeutschen Sicherheitspolitik herausdestillierte. Das soll hiermit nachgezeichnet werden.
Der Aufbau des Beitrages ist so gegliedert, dass in einem angedeuteten Panorama der historischen Zeitumstände in den Westzonen/Bundesrepublik chronologisch und längsschnittartig die wichtigsten sicherheitspolitischen Etappen dieser Zeit aufgezeigt werden. Eine Einbettung in die parallel verlaufende europäische oder transatlantische sicherheitspolitische Entwicklung als Metaebene ist zum Verständnis notwendig, wird hier jedoch mit Rücksicht auf den Umfang dieses Beitrages nicht vorgenommen. Es kann sich bei der vorgelegten Arbeit auch nur um einen groben Überblick handeln, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit aller je vorgelegten militärpolitischen und -strategischen Konzepte erhebt. Damit soll auch dem Gros jener Offiziere und Generäle Reverenz erwiesen werden, die aufgrund kritischer Reflexion des Handlungshorizontes militärischer Mitverantwortung für die NS-Gewalt- und -Vernichtungspolitik zum lernenden Umdenken bereit waren.
Am Ende dieses Prozesses stand dann die westdeutsche Wiederbewaffnung 1955.1) Durch die Pariser Verträge vom 5. Mai dieses Jahres2) erhielt die Bundesrepublik eine durch alliierte Vorbehalte eingeschränkte Souveränität3) und wurde nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft4) in das nun zunehmend von der NATO getragene transatlantische Sicherheitssystem einbezogen.5)
Aus heutiger Sicht, für die sich freiwillig zum Dienst in der Bundeswehr Verpflichtenden, mag die Zeit des Aufbaus einer Armee im damaligen Westdeutschland wie eine Geschichte aus grauer Väter Vorzeit wirken, jedenfalls als ferne Historie. Nicht selten folgt man beim Rückblick aus der Gegenwart einem Ex-post-Determinismus: Die politisch-militärische Westbindung der alten Bundesrepublik musste so kommen, wie sie dann vollzogen wurde, weil es eben so geschah.6) Wenngleich auch in der Politik Pfadabhängigkeiten eine gewisse Rolle spielen,7) so sind diese doch nicht so deterministisch, als dass politische Prozesse nicht grundsätzlich nach vorne offen sind.

Der wachsende West-Ost-Gegensatz

Bereits kurz nach der Jalta-Konferenz (4.-11. Februar 1945)8) nahmen, angesichts der politischen und militärischen Faktensetzungen seitens der UdSSR, die im Widerspruch zu den in Jalta getroffenen Absprachen standen, die ersten Spannungen zwischen den Partnern der Anti-Hitler-Koalition zu. So schrieb am 10. April 1945 der britische Außenminister Ernest L. Bevin an Premierminister Clement R. Attlee: „Die Russen haben sich für eine aggressive Politik entschlossen, die sich auf militanten Kommunismus und russischen Chauvinismus gründet. Sie schrecken offensichtlich vor nichts zurück und gehen bis an den Rand des Krieges, um ihre Ziele zu erreichen. Gegenwärtig richtet sich die aggressive Politik Russlands eindeutig gegen unser Land.“9) Dies war letztlich das Ausbrechen des „Kalten Krieges“10) bzw. des „Ost-West-Konflikts“, „der zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Dosierungen aufgetreten ist“.11) Letztlich war es dieser Ost-West-Konflikt, der ursächlich, katalysatorisch und final zu Überlegungen, Konzeptionen und Planungen einer westdeutschen Verteidigungspolitik führte. Eine allgemein akzeptierte zeitliche historische Verortung der Entstehung des Ost-West-Antagonismus als Strukturmerkmal der internationalen Beziehungen existiert nicht. Üblicherweise werden Daten zwischen Ende 1944 (Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen und königstreuen Gruppierungen in Griechenland, in die die Briten auf Seite Letzterer eingriffen) und dem Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950 genannt. Der Autor ist jedoch Anhänger jener geschichtswissenschaftlichen Denkschule, welche die Anfänge des Ost-West-Gegensatzes bis zur bolschewistischen Revolution in Russland 1917 zurückführt.12)
Jedenfalls: Vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes zerbrachen auf beiden Seiten rasch die Feindbilder von Deutschland, die das Denken und Handeln der Alliierten während des Krieges und in der frühen Nachkriegszeit geprägt hatten. Für die USA hatte die Direktive der Vereinigten Stabschefs an den Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen in Deutschland (JCS 1067) vom April 1945 das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten geregelt: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“13) Dem entsprach das Vorgehen der anderen Alliierten. Am 5. Juni 1945 verständigten sich die vier Siegermächte in ihrer Berliner Proklamation auf das Ziel einer vollständigen Entmilitarisierung und Abrüstung Deutschlands als oberste Maxime alliierter Nachkriegspolitik.14) Die militärischen und alle anderen uniformierten Organisationsstrukturen wurden aufgelöst. Amerikaner und Briten belegten alle Generalstabsoffiziere (gleich wie Angehörige der SS und Führer der Partei) mit „automatic arrest“.
Dennoch sollte die Stimmung binnen weniger Jahre kippen. Dr. Rolf Pauls, der spätere erste deutsche Botschafter in Israel, erinnerte in seinem Essay „Adenauer und die Soldaten“ eine Szene aus dem Spätjahr 1948: „Ein Jahr später begleitete ich Adenauer auf dem Weg von der ersten Bundeskanzlei, dem Museum König, zum Palais Schaumburg. Wir gingen an der Villa Hammerschmidt vorbei, in der noch der belgische Kommandierende General residierte. Davor ein Doppelposten unter Gewehr. Als wir ihn passierten, deutete Adenauer auf die Soldaten und sagte: ‚Das wollen wir auch wieder haben.’ Ich hatte das Gefühl, dass er es mehr zu sich als zu mir sagte. Als ich es Blankenhorn erzählte, war der kaum erstaunt: ‚Das wird auf uns zukommen.’“15) Was Pauls damals nicht wusste: Zu diesem Zeitpunkt (Ende 1948) dachte der General der Panzertruppe a.D. Gerhard Graf Schwerin bereits im Auftrag des Kanzlers zusammen mit der Organisation Gehlen über den Aufbau militärischer Verteidigungsstrukturen nach.16)

Die Hypothek der militärischen Verantwortung für die NS-Raum-, Rassen- und Vernichtungspolitik

In der Stimmung der Jahre nach 1945 stand jeder Gedanke an den Aufbau eigener deutscher Streitkräfte im Schatten des Dritten Reiches und der Rolle, die die Wehrmacht vor und im Zweiten Weltkrieg gespielt hatte. Im weltanschaulichen Gedanken- und Handlungsgebäude des NS-Regimes stand das Militär - wenigstens für die breite Öffentlichkeit - an der Spitze der staatlichen und gesellschaftlichen Prestigeskala. Mit der Niederlage von 1945 aber, besiegelt durch die Unterschriften der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht von Generaloberst Alfred Jodl in Reims und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Karlshorst, stand das Militär offensichtlicher als andere NS-Institutionen als Träger des totalen Zusammenbruchs und der Auflösung jeglicher deutscher Staatlichkeit im Brennpunkt der Verachtung. Deutscher Waffenträger zu sein hieß 1945: Zusammenbruch aller bisherigen Wert- und Normmaßstäbe. Militärische Tugenden wie Tapferkeit und Disziplin waren Pate für eine verbrecherische Kriegführung gewesen. Im Treueid auf Adolf Hitler als Obersten Befehlshaber eingeschworen,17) hatte dieser sich auch bei eindeutig weltanschaulich-gesteuerten, völkerrechtswidrigen Erlässen, wie z.B. dem „Kommissarbefehl“,18) auf Gehorsam und Fügsamkeit auch der höchsten deutschen Soldaten verlassen können - nicht zuletzt angesichts des eingeschliffenen preußisch-deutschen Gehorsamkeitsreflexes.
Die verantwortungsethische Korrumpierung der Militärs hatte ihren schicksalhaften Anfang schon beim „Röhm-Putsch“ am 30. Juni und 1. Juli 1934 genommen.19) Im Rahmen der auf Hitlers Befehl angeordneten Liquidierung der SA-Führungsebene - 90 Mordopfer sind namentlich bekannt - wurden neben SA-Männern auch etliche, generell als „feindlich“ gegenüber dem NS-Regime eingestufte Personen ermordet, darunter die Wehrmachtsgeneräle Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow. Ihre Kameraden hielten still und verdrängten dies später.20) Der Wehrmachtsführung kam die Ausschaltung der SA als bewaffnete Nebenbuhlerin durchaus zupass. Von nun an sollte das Militär alleiniger Träger der Erziehungsschule der Nation sein.21) Zur unrühmlichen Hinterlassenschaft mangelnden kameradschaftlichen Rückgrats zählt auch die Blomberg-Fritsch-Krise 1938.22)
Die schuldhafte Verstrickung vieler Soldaten im Krieg - bis hin zur logistischen Unterstützung der mordenden Einsatzgruppen und zur Beteiligung an Verbrechen23) - lässt sich überdies durch die Traditionsschiene des unpolitischen Soldatentums als „organisierte Nichtverantwortung“ erklären. Durch den Grundsatz „Das Waffenhandwerk lernen, um kämpfen zu können“ - jedoch ohne gleichzeitiges Reflektieren, um welcher Zielsetzung willen und einer Ausprägung der Autonomie der Vernunft - war die Armee dem Machtzyniker Hitler nicht gewachsen. In der Aufarbeitung dieses politischen Versagens der Wehrmachtsführung wurzelte später das Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr: Durch politische Bildung den Soldaten zur politischen Beurteilung seines Handelns zu befähigen. Und im Rahmen der politischen Bildung sich auch insbesondere mit Zeitgeschichte zu befassen, um (im Sinn von Hannah Arendt) urteilsfähig zu bleiben.24)
Verschärft wurde die Belastung durch die Vergangenheit im Dritten Reich noch durch die Bruchlinie, die 1944 innerhalb des Offizierskorps entstanden und bis Kriegsende nur mühsam verkleistert worden war: Nach dem gescheiterten Attentat des Oberst Claus Graf von Stauffenberg hatte die Jagd auf alle im Widerstand gegen Hitler beteiligten Soldaten eingesetzt. Im Strudel des Zusammenbruchs im Mai 1945 öffnete sich dieser bis dahin nur mühsam eingehegte Fieberherd „20. Juli 1944“. „Eideshalter“ versus „Eidesbrecher“, so klassifizierte sich in den Gefangenenlagern das Offizierskorps. Jene, die sich nach dem Attentatsversuch aus Todesangst, vernebelter Nibelungentreue oder auch fanatischem Glauben an den „Endsieg“ mit Beschwörungen zum NS-Staat und der Suche nach Alibis aus dem Kreis potenzieller Mitwisser hatten retten wollen, erlebten nunmehr hochnotpeinliche Zeiten. Ihnen gegenüber standen die verleumdeten und verleugneten Kameraden.
Die Widerständler waren generell auch keine Defätisten gewesen. So hatte die Verschwörergruppe um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler - mit dem der frühere deutsche Botschafter in Italien, Ulrich von Hassel, sowie der ehemalige Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, sympathisierten - bereits 1943 die Absicht verfolgt, „alle Kriegskräfte des deutschen Volkes auf den Osten zu konzentrieren“.25) General Hans Speidel, Chef der Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel und nach dem Krieg einer der „Väter“ der Bundeswehr, hatte mit Rommel 1944 an einer „Westplanlösung“ gearbeitet. Das Westheer sollte einen Waffenstillstand mit General Dwight Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, und Generalfeldmarschall Bernard Montgomery schließen. Die US- und britischen Streitkräfte sollten zeitlich vor der Roten Armee Berlin sowie weite Teile Deutschlands besetzen. Die dadurch frei gewordenen deutschen Truppen würden die deutsche Ostfront verstärken können.26)

Die „Westernisierung“ Westdeutschlands

Diese schon während des Krieges entstandene Präferenz für die westlichen Alliierten gegenüber dem Gegner an der Ostfront verstärkte sich nach Kriegsende. Sie erleichterte den ehemaligen Soldaten im besetzten Deutschland, wie sie mit der Herausforderung einer vollständigen Neuorientierung vor dem Hintergrund der diametral verkehrten Wertvorstellungen umgehen sollten. Dieser Prozess wird in der Folge v.a. für Westdeutschland und die Annäherung an die USA dargestellt - soll aber nicht ausklammern, dass sich ähnliche Prozesse, unter umgekehrten Vorzeichen, auch in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) abspielten. Auch dort kam es zur Distanzierung vom bisherigen Regime, dessen verbrecherischen Charakter man - genuin oder pragmatisch - erkennen musste, und zur mehr oder minder freiwilligen Annäherung an die Politik des Siegers Sowjetunion.
Welche Narrative waren in den westlichen Besatzungszonen bzw. ab 1949 in der Bundesrepublik Deutschland die Treiber dafür, dass große Teile des vormaligen deutschen Offizierskorps es psychologisch, weltanschaulich und ethisch-selbstlegitimatorisch vermochten, im Rahmen eines mentalen Wandlungsprozesses ihre Deutungsbilder und Wahrnehmungsmuster gegenüber den USA, gegen deren Streitkräfte sie noch kurz zuvor erbittert gekämpft hatten, so schnell nach Kriegsende zu überwinden und gemeinsam nunmehr die Sowjetunion als abzuwehrende Bedrohung einzuschätzen? Letztlich waren es Generale und hohe Offiziere der Wehrmacht, die das Führungskorps der späteren Bundeswehr stellten.27) Als erklärender, plausibler Katalysator für die Bereitschaft zur Kooperation mit den USA gelten allgemein als Überbau die Entstehung des „Sowjetblocks“28) und hier insbesondere die als Bedrohung perzipierte verdeckte, gezielte Aufrüstung in der SBZ bzw. der späteren DDR29) wie auch die im Westen entstehende „antikommunistisch-demokratische Identität“.30) Dies ließ es geboten erscheinen, Schutz unter dem militärischen Schirm der USA zu suchen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor mit Auswirkung auf mentale Einstellungsmuster war auch, dass viele vormalige Wehrmachtsoffiziere aus den deutschen Ostgebieten stammten, die nun von der UdSSR bzw. Polen besetzt waren.
Diese Paradigmen sind Teil eines übergeordneten analytischen holistisch-kulturellen Konstrukts, das begrifflich im Rahmen eines Tübinger Forschungsprojekts als „Westernisierung“ in die Geschichtswissenschaft Eingang gefunden hat. „Die Einflüsse von Westernisierung gehören in die Jahrzehnte von 1945 bis 1970. [...] Es ging hier um die allmähliche Hinwendung zu und Anpassung an anglo-atlantische Muster soziopolitischer und sozialökonomischer Ordnungsvorstellungen, die zur Überwindung faschistisch-nationalsozialistischer Orientierung und zur Immunisierung gegen kommunistische Einflüsse aus dem östlichen Block dienen sollten. [...] Allein von Amerikanisierung zu sprechen, führt in die Irre. Es verunklart die zeithistorische Analyse von Austauschprozessen, die das 20. Jahrhundert durchgängig geprägt haben. [...] Westernisierung bezeichnet dagegen eine zirkuläre Kommunikation, die auf der Ebene von Konzepten und Ideen verläuft, den Wandel von politischen oder gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen beeinflusst und die Adaption vorhandener Vorstellungen an ein anders formatiertes Modell steuert.“31) Eine Konsequenz der US-amerikanischen Vorstellungen über die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ausgestaltung im Nachkriegseu­ropa im Rahmen dieses Westernisierungsprozesses war der Marshall-Plan, der zugleich einen ersten Schritt zur späteren westeuropäischen ökonomischen Integration bedeutete.32)
Auch das deutsche Militär war dieser Westernisierung nicht entzogen, konnte sogar auf gewissen Traditionen aufbauen. Schon vor 1914 war der deutsche Einfluss auf die U.S. Army stark gewesen, und nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Reichswehr nämlich nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit der Roten Armee aufgebaut, sondern ab den 1920er-Jahren auch gute Kontakte zur US-Armee unterhalten. Federführend war das Reichswehr-Truppenamt (T3, ab 1931 umbenannt als ND-Abteilung Fremde Heere Ost). So reiste bereits 1922 der Abteilungsleiter für Heeresstatistik im T3, Major Friedrich von Boetticher, als erster deutscher Offizier nach dem Ersten Weltkrieg informell für mehrere Monate in die USA.33) In den darauffolgenden Jahren absolvierten Zug um Zug mehrere deutsche Offiziere militärische Ausbildungsprogramme in den Vereinigten Staaten.34) Aus dem Austauschprogramm entstanden Ende der 1920er-Jahre offizielle deutsch-amerikanische Militärbeziehungen.35) US-Offiziere besuchten in Deutschland das Reichsarchiv, nahmen als Beobachter an Manövern teil oder waren Teilnehmer an der Offizierskavallerieschule in Hannover.36) Mit der NS-Machtergreifung beendete zwar die deutsche Seite die Abkommandierung von Offizieren in die USA, doch förderte von Boetticher, seit April 1933 deutscher Militärattaché in Washington, weiter die Kooperation zwischen deutschen und amerikanischen Militärs. Er trug mit bei zu einer bis zum Kriegsausbruch weitgehend positiven Einstellung des US-Offizierskorps gegenüber Deutschland und seinem Militär.
Nach 1945 erleichterte diese positive Erinnerungskultur und ähnliche bis übereinstimmende politische und psychologische Einstellungsmuster die Kooperation des überwiegenden Teils des deutschen Offizierskops mit den USA. „Denn die Amerikaner waren aufgrund ihrer militärischen Sozialisation einer- und der internationalen Entwicklung andererseits äußerst empfänglich für die Argumentationsstrategien der ehemaligen Wehrmachtselite, stellten diese nicht infrage und integrierten sie in ihr eigenes Weltbild. V.a. die sozialdarwinistische Überhöhung des Ostkrieges als unausweichlicher übernationaler Schicksalskampf war anschlussfähig an das ähnlich gelagerte schicksalhafte und biologistische Kriegsverständnis der amerikanischen Militärs, und die Metapher von Deutschland als ‚Bollwerk gegen die bolschewistische Expansion des Ostens’ fügte sich relativ nahtlos in deren weltanschauliche Vorprägung ein. In dieser Anschlussfähigkeit der deutschen Erinnerungsinhalte an die kaum weniger stereotypen Russen- und Russlandbilder der Amerikaner, die durch die Entwicklung des Kalten Krieges zunehmend aktualisiert und verstärkt wurden, liegt eine wichtige Begründung für die breite Akzeptanz deutschen militärischen und militärpolitischen Denkens beim US-Militär.“37)

Camp Ritchie und die Operational History German Section

Aus US-Sicht ging es nach Kriegsende v.a. darum, das Wissen der militärischen Elite Deutschlands als Planer und Akteure der deutschen Kriegführung abzuschöpfen. Schon im Spätsommer 1945 traf eine Gruppe von knapp 30 deutschen Offizieren im Camp Ritchie in Maryland, der Geheimdienstzentrale des US-Heeres, ein.38) Angeführt vom Chef Heeresausrüstung/Wehrmachtsausrüstung, General Walter Buhle, und Generaloberststabsintendant Franz Kleberger von der Heeresverwaltung bestand ihre Aufgabe darin, den US-Militärs bei der Durchsicht erbeuteter deutscher Akten und ihrer Klassifikation behilflich zu sein. Recht bald weitete das amerikanische Vernehmungspersonal sein Interesse auf grundsätzliche, mit der deutschen Kriegführung zusammenhängende Fragen aus. Dazu gehörten Logistik, Mobilmachung, administrativ-militärische Koordinierung, Generalstabsaufgaben bis hin zu speziellen Fragen zum Russlandfeldzug.
Was aus heutiger Sicht - angesichts des folgenden Ost-West-Konflikts - wenig überraschen mag, war aus damaliger Sicht nicht selbstverständlich: Während hohe deutsche Offiziere beim Sortieren von erbeuteten Kriegsakten behilflich waren, lief zeitlich parallel die Vorbereitung zu den Nürnberger Prozessen, bei denen führende deutsche Offiziere (angefangen vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes, Generaloberst Alfred Jodl) als Hauptkriegsverbrecher angeklagt und zum Tode verurteilt wurden. Prozesse gegen den Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht folgten. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war die Opportunität der Aussagebereitschaft der Internierten hart umstritten.
Vermutlich hatte General William J. Donovan, Leiter des US-Kriegsgeheimdienstes Office of Strategic Services (OSS, Vorläufer der CIA), bedingt durch die Aufgabenstruktur seiner Dienststelle, wesentlich früher als andere Besatzungsbehörden aus politisch-strategischer Interessenlage die Notwendigkeit einer künftigen Kooperation zwischen Siegern und Besiegten erkannt. Ihm fällt jedenfalls die Rolle als spiritus rector der „Operational History (German) Section“ der „Historical Division“ der U.S. Army zu.39) Letztere, Ende 1945 gegründet, sollte Darstellungen von Kampfhandlungen und Untersuchungen von militärischen Konflikten erarbeiten und stand damit durchaus in der Tradition europäischer militärhistorischer bzw. militärwissenschaftlicher Forschungsstellen. Dabei wollte man bewusst auch deutsche Offiziere einbeziehen, und ab Januar 1946 entstand die „Operational History (German) Section“ unter Oberst Harold E. Potter, dem Chefhistoriker der Europa-Abteilung der Historical Division.
Als ranghöchster mitwirkender deutscher Soldat nahm der ehemalige Generalstabschef des deutschen Heeres von 1938 bis 1942, Generaloberst a.D. Franz Halder, eine Schlüsselrolle in der Operational History (German) Section ein: „Im Auftrag des kriegsgeschichtlichen Forschungsamtes der US-Armee, der so genannten Historical Division, hatten unter Halders Anleitung über 700 ehemalige Wehrmachtsoffiziere mehr als zweieinhalbtausend kriegsgeschichtliche Studien zur deutschen Strategie und Taktik im Zweiten Weltkrieg verfasst.“40) In verschiedenen Lagern - zu den bekanntesten zählen Garmisch, Ludwigsburg, Allendorf/Marburg, später Neustadt - schrieben hohe Offiziere und Generäle wie Burkhart Müller-Hillebrand (später in der Bundeswehr erlangte er den Dienstgrad Generalleutnant), Adolf Heusinger (1957 erster Generalinspekteur der Bundeswehr) oder Johannes Frießner (1951 rechtfertigte er den Angriff auf Polen als Schutz für die Volksdeutschen, erklärte die Waffen-SS zur „anständig kämpfenden“ Truppe und verurteilte das Handeln der Offiziere des 20. Juli als „politischen Mord“) kriegsgeschichtliche Untersuchungen.
Es ist anzunehmen, dass die Deutsche Sektion der Historischen Abteilung den Kenntnisstand der US-Militärs über die Sowjetarmee deutlich erhöhte. Es gab auch ein Zusammenwirken der hier arbeitenden Offiziere mit ihren Kameraden aus der ehemaligen Abteilung Fremde Heere Ost, nunmehr Organisation Gehlen.41) Nachrichtendienstliche Erkenntnisse dieses deutsch-amerikanischen Geheimdienstzwitters über die Sowjetstreitkräfte dienten der Deutschen Sektion immer wieder als Hintergrundmaterial ihrer Ausarbeitungen. Diese Zusammenarbeit währte bis 1961, und noch 1990/91 griff die U.S. Army - im Zuge der Vorbereitung des Krieges gegen den Irak - auf deutsche Ausarbeitungen beispielsweise zum Krieg in der Wüste zurück.
Die historische Studienkommission war zwar nicht direkt an den Vorplanungen für eine künftige deutsche Wiederbewaffnung beteiligt, stellte jedoch eine wichtige Etappe der sich allmählich wandelnden Perzeptionen zwischen US- und deutschen Militärs dar. Immerhin ist bemerkenswert, dass einige hohe deutsche Offiziere, wie Generaloberst Herrmann Hoth, jede Mitarbeit mit den ehemaligen Gegnern als ehrenrührig kategorisch ablehnten.
Donovan selbst hatte übrigens während der Vorbereitungsperiode des Nürnberger Gerichtsverfahrens als Sachbearbeiter des US-Hauptanklägers Robert H. Jackson amtiert, kritisierte aber den Prozess als kontraproduktiv im Hinblick auf die Gewinnung Deutschlands als potenziellen künftigen Verbündeten. Dieser einsame Standpunkt führte zwangsläufig alsbald zu seiner Abberufung auf Betreiben Jacksons.

Das Deutsche Büro für Friedensfragen

Am 15. April 1947, sechs Wochen vor der mit hoffnungsvoller Spannung erwarteten Münchner Minis­terpräsidenten-Konferenz für Regelungen einer gesamtdeutschen Lösung (6./7. Juni 1947), konstituierte sich in der US-Besatzungszone auf Veranlassung der Regierungschefs von Bayern, Nordwürttemberg-Nordbaden, Hessen und Bremen das „Deutsche Büro für Friedensfragen“ (DBfF).42) Das Verbot von General Lucius D. Clay, die Tätigkeiten des Büros auch auf die britische Besatzungszone auszudehnen, rührte gleich zu Beginn am Selbstverständnis und Lebensnerv der Dienststelle. Unter Leitung von Fritz Eberhard, Staatssekretär in Württemberg-Baden, und dem Leiter der Rechtsabteilung, Dirk Forster, war es Aufgabe und Ziel des DBfF, Empfehlungen für einen Friedensvertrag zu sammeln und zu dokumentieren sowie den Besatzungsmächten Unterstützung für Entnazifizierung und Entmilitarisierung zu leisten. Die Verhärtung der politischen Positionen zwischen Washington und Moskau in der Frage der Nachkriegsordnung Europas und in Übersee war nunmehr offensichtlich. Zugespitzt mit der Stalin-Erklärung vom 8. Februar 1946,43) das kapitalistische System sei nach wie vor der Todfeind des Sozialismus und der mit der Truman-Doktrin der USA vom 12. März 1947 intendierten Einhegung sowjetischer Machtprojektion.44) Die Lage gestattete dem DBfF nicht, als Oase der Ruhe jenseits des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts zu existieren.
„Gerade weil es sich für eine kompromisslose Entmilitarisierung eingesetzt hatte, entwickelte es ab Sommer 1947 selbst Vorstellungen zu den militärpolitischen und operativen Möglichkeiten, Westdeutschland internationalen Schutz zu verschaffen. Durch Einschaltung militärischer Fachleute wurde das DBfF deshalb schon sehr früh mit Überlegungen konfrontiert, welche die Einbeziehung des westdeutschen wirtschaftlichen und personellen Potenzials in die Verteidigung des Westens als eine mögliche Maßnahme nicht ausschlossen.“45) Die Generallinie lag jedoch auf der Befürwortung einer Neutralität Deutschlands, dem Abzug aller Besatzungstruppen und dem Schutz durch die Vereinten Nationen.
Als ersten militärfachlichen Berater verpflichtete das Büro den Generalleutnant a.D. Herbert von Böckmann. Dieser hatte sich dem hessischen Ministerpräsidenten im Hinblick auf etwaigen geforderten Sachverstand bei den erhofften Friedensvertragsverhandlungen der Münchner Konferenz anempfohlen. Bei der Analyse seiner „Denkschrift über militärische Fragen des Friedensvertrages“ fällt zunächst seine kritisch-distanzierte Einschätzung deutscher Politik auf, wenn er schreibt: „Die totale Abrüstung Deutschlands [ist] eine Tatsache, die dazu beiträgt, eine künftige deutsche Politik davor zu bewahren, ihr Heil wiederum in der Anwendung des Krieges als Mittel der Politik zu suchen.“46) Im Gegensatz etwa zum General der Panzertruppe a.D. Hasso von Manteuffel47) glaubte Böckmann nicht daran, dass die Deutschen die Lektion ihres Imperialismus bereits begriffen hätten. „Schwieriger wie [sic!] die materielle Vernichtung des deutschen ‚Potential de guerre’ ist es, dem deutschen Volke beizubringen, dass die Zeit der Machtpolitik für Deutschland ihr Ende gefunden hat.“48) Andererseits jedoch würde mit einem unbewaffneten Deutschland „der Krieg nicht aus der Welt geschafft. Die einseitige Entwaffnung setzt Deutschland dagegen Kriegsgefahren aus, die dadurch nicht vermindert werden, dass Ausmaße und Schrecken künftiger Kriege alles bisher Erlebte weitaus übertreffen werden.“49) Zudem könne „nicht mehr bezweifelt werden, dass ein entwaffnetes und ungeschütztes Deutschland eine gefährliche Quelle für die Entstehung chaotischer Zustände in Europa werden kann.“50) Eine Vorstellung, die General a.D. Hans Speidel ein Jahr später in seiner Denkschrift „Die Sicherheit Westeuropas“ als „horror vacui“ titulierte.51)
Optimale Sicherheit für Deutschland sah von Böckmann allein durch eine „Garantieerklärung der Vereinten Nationen. Wenn sie gegeben wird, müsste sie durch eine Exekutiv-Gewalt gewährleistet werden. Eine solche könnte aus den Kontingenten der verschiedenen Besatzungsmächte oder aus einer zu diesem Zweck zu formierenden überstaatlichen Streitmacht der Vereinten Nationen bestehen“.52) Abgelehnt wurde von ihm auch eine Selbstverteidigung „in der Art einer Miliz nach Schweizer Muster. Einmal, weil das eigene Volk, des Krieges müde, solchen Gedanken heute nicht zugänglich wäre, und weil die Siegermächte die Entmilitarisierung Deutschlands als Hauptpropagandamittel so laut verkündet haben, dass sie nun unmöglich zu einer Wiederbewaffnung Deutschlands schreiten können.“53) Der Rat, in militärischen Belangen „die anderen in solchen Fragen auf uns zukommen zu lassen“ und als entwaffneter Staat quasi als machtpolitisches Notstandsgebiet sich „über militärische Fragen mit besonderer Sorgfalt auf dem Laufenden zu halten“, bildete nicht gerade eine schöpferische Lösung, entsprach gleichwohl dem Gebot der Stunde.
Im Mai 1947 nutzte Dirk Forster seine alte Bekanntschaft mit Generalleutnant a.D. Dr. Hans Speidel (beide kannten einander von Paris her, wo Forster während des Krieges Botschaftsrat und Speidel Chef des Generalstabes des Militärbefehlshabers gewesen waren) und bat ihn, ebenfalls für das DBfF tätig zu werden. Speidel entwarf eine knapp vier Seiten lange Resolution (auf den 8. Juli 1947 datiert).54) Zum Oberpunkt „Entmilitarisierung“ führte er aus: „Bei den Entmilitarisierungsbestimmungen müsste darauf hingewiesen werden, dass es sich im Sinne der Bestimmungen der UNO um eine Vorleistung auf allgemeine Rüstungsbeschränkung und Begrenzung handelt.“55) Im Abschnitt „Internationaler Schutz für ein entwaffnetes Deutschland“ sah Speidel eine Sicherheitsgarantie Deutschlands als Prämisse für ein integriertes Europa: „Die Gewährleistung eines internationalen Schutzes erscheint nicht nur als Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk, sondern auch für die Erhaltung des Herzstücks eines vereinten Europa.“56)
Im Gegensatz zu von Böckmanns UNO-Eloge beurteilte Speidel aber die junge Weltorganisation als Schutzgaranten für Deutschland realistisch-kritisch. Bisher sei man sich über „Bildung und Verwendung von UNO-Streitkräften nicht einig geworden“. Außerdem: „Für den Einsatz von UNO-Streitkräften muss Einstimmigkeit vorliegen.“ Sowie: „Die Sowjetunion will, dass die UNO-Streitkräfte nach Operationsende nicht länger wie [sic!] 30 bis 90 Tage im Lande des Angreifer-Staates bleiben dürfen, während die Westmächte dem Sicherheitsrat den Zeitpunkt der Zurückziehung dieser Kräfte überlassen wollen.“57) Sozusagen als Apotheose seines UNO-Zweifels fragte er: „Kann Zentraleuropa sich einer ‚feindlichen Aggression’ gegenüber so lange halten, bis ein ‚gemeinschaftliches Vorgehen’ sich auswirkt?“ Um sofort selber die Antwort zu geben, die als Postulat wie eine Vorwegnahme der späteren NATO-Truppenstationierung in der Bundesrepublik erscheint: „Nur wenn ausreichende und geeignete Kräfte in Deutschland selbst untergebracht werden, können Abwehr und Hilfe wirksam sein.“58)
Zeitgleich mit Speidels Tätigkeit für das DBfF gewann Dirk Forster in Leo Freiherr Geyr von Schweppenburg, Panzergeneral a.D., einen weiteren militärfachlichen Experten für Gutachtertätigkeiten. Speidel wiederum minimierte seinen engen Kontakt zum Büro und wandte sich verstärkt dem Laupheimer-Kreis zu.59) Von Schweppenburgs Ausarbeitung, auf den 6. November 1947 datiert, ist betitelt: „Die ersten Fragen, welche die verantwortlichen Sprecher für Deutschland zu stellen haben, können lauten:“ Die erste von zwölf Fragen galt der grundsätzlichen Bereitschaft des US-Militärs zur militärischen Abwehr Westeuropas: „In welcher Linie verteidigt die USA den Brückenkopf Westeuropa zu Beginn? Gemeint ist nicht ‚hinhaltende’, sondern ‚entscheidende’ Verteidigung?“60) Eine zentrale Sorge war ihm die Rolle Deutschlands: „Der deutsche Mann ist einer der militärisch bewährtesten der Erde. Es ist unwahrscheinlich, dass eine der gegnerischen Gruppen ihn in ihrem eigenen Existenzkampf als Hilfsmittel übergehen und unausgenutzt lassen wird. Er wird rekrutiert, auch gegen seinen Willen, möglicherweise von beiden Seiten.“61)
Im Gegensatz zum damals noch ausgeprägten Denken, das Deutschland als Ganzes sah, forderte der General realistisch und vorausblickend: „Es handelt sich insgesamt um die Frage der deutschen Sicherheit, zunächst [aber v.a.] der Westdeutschlands.“62) Der von ihm als hervorragend eingeschätzten Führungsleistung und Kampfkraft der Sowjetarmee, deren Millionenheer eventuell noch mit deutschen Soldaten verstärkt werden könnte, standen westlicherseits qualitative Schwächen hinsichtlich Führung und Logistik gegenüber: „Aufgrund eingehender Erfahrung auf dem Schlachtfelde ist an der militärischen Wirksamkeit der Westunion berechtigterweise zu zweifeln.“63) Damit bezog er sich auf den am 4. März 1947 unterzeichneten (und mit 8. September 1947 in Kraft getretenen) „Vertrag von Dünkirchen“ zwischen Frankreich und Großbritannien, der sich noch stark gegen eine mögliche deutsche Aggression gerichtet hatte, während die am 17. März 1948 daraus entstandene „Westunion“ („Brüsseler Pakt“) zwischen Frankreich, Großbritannien und den Benelux-Staaten, die spätere „Westeuropäische Union“ (WEU), schon stärker den künftigen Gegner im Osten sah.64)
Zwei Monate vor der Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes (8. Mai 1949) übersandte von Schweppenburg dem DBfF eine weitere Kurzstudie: „Gedanken über Neutralisierung Gesamt-Deutschlands“.65) Zwar gab es verfassungstheoretisch keinen Zweifel an der zukünftigen Westorientierung der Bundesrepublik, doch war der Ausgang der Wahlen als plebiszitäres Barometer noch offen und der außenpolitische Kurs noch nicht mit parlamentarischen Mehrheiten nachhaltig festgezurrt. So verfocht z.B. der in intellektuellen Kreisen aufmerksam beobachtete Nauheimer-Kreis unter dem CDU-Mitglied Ulrich Noack nachdrücklich das Neutralitätskonzept.66) Und auch für die SPD lautete damals noch die Kernfrage: Müssen gesellschaftliche Grundordnung und außenpolitische Einbindung kongruent sein? Wäre mit dem Angebot einer Neutralität Gesamtdeutschlands nicht das Problem der Wiedervereinigung am besten zu lösen?
Einleitend hieß es in der Analyse von Schweppenburgs: „Der Gedanke der Neutralisierung Deutschlands ist verlockend und wünschenswert. Er ist es umso mehr, als die praktische Alternative zunächst die weitere ideologische, politische, wirtschaftliche und militärpolitische Aufspaltung Deutschlands ist.“67) Dabei läge der Vorteil einer Neutralisierung aber eindeutig bei der UdSSR, denn ein Rückzug hinter die Oder würde einen russischen Aufmarsch nur „um 48 bis 72 Stunden“ hinausschieben. Vor diesem Hintergrund sprach sich von Schweppenburg explizit gegen eine Neutralisierung aus: „Das deutsche Interesse [...] hat von einer Neutralisierung nichts zu erwarten, gleichgültig, ob sie sich auf Deutschland beschränkt oder sich von Schweden bis Sizilien dehnt.“ Sicherheitslogisch ergab sich daher nur die Alternative: „Entweder wird der verbleibende deutsche Raum, d.h. der Westdeutschlands, gegen einen Angriff an der Elbe verteidigt, oder er bleibt weiterhin auf absehbare Zeit wehrloses Niemandsland.“68)
„Westdeutschlands Abwehr“, ein engagierter Artikel des Presseleiters des DBfF, Rudolf Vogel, in der „Schwäbischen Post“ vom 11. November 1948 führte zu heftigen Kontroversen in der Öffentlichkeit wie auch im Landtag von Württemberg-Baden.69) Zwei Überlegungen waren es, die zu jener Zeit Proteststürme auslösten. Zum einen plädierte Vogel, Westdeutschland dadurch zu schützen, dass deutsche Kontingente im westlichen Ausland stationiert werden sollten, während das Territorium durch die Präsenz alliierter Truppen zu sichern wären. In Konsequenz hätte dies - neben einem deutschen Auslandseinsatz - die militärpolitische Integration Westdeutschlands in eine westliche Sicherheitsstruktur bedeutet, damit aber auch eine klare Lossprechung von der gesamtdeutschen Option. Von Schweppenburg hatte diesen Ansatz schon ein Jahr zuvor vertreten, jedoch nur in dem erwähnten nicht-öffentlichen Gutachten „Die ersten Fragen“ für das DBfF.70)
Zum anderen argumentierte Vogel aber, durchaus gesamtdeutsch denkend, mit diesem sicherheitspolitischen Votum werde man der Jugend in der Sowjetischen Besatzungszone eine eindeutige politische Werteentscheidung und Alternative zu ihrem sowjetischen gesellschaftspolitischen Ordnungsmodell liefern. Eine Aussage, die verständlicherweise heftigste Empörungen bei der KPD-Fraktion im Landtag auslöste.71) Auch der britische Militärgouverneur Brian Robertson und Konrad Adenauer überzogen Vogel mit scharfer Kritik. Der Schleier der strengen Vertraulichkeit über dieser Dienststelle war somit gelüftet und der Spagat zwischen Aufgabenstellung und militärischen Gutachten evident geworden.72)
Ende Juni 1950 beendete das DBfF seine Tätigkeit. Die meisten Mitarbeiter des Büros, das ab November 1949 beim Bundeskanzleramt ressortierte, traten in der Folge in den Auswärtigen Dienst ein.73) Im Rahmen seiner eng umrissenen Aufgabenstruktur hatten die jeweiligen Vorschläge für Deutschlands Sicherheit nur zwischen den Eckpfeilern einer Garantie durch ein System kollektiver Sicherheit (UNO) und gesamtstaatlicher Neutralität pendeln können. Die außen- und sicherheitspolitische Orientierung Konrad Adenauers, nunmehr erster Bundeskanzler, lief zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in eine andere Richtung. Nach der Devise: Verteidigungspolitik ist kein Wunschkonzert - bei ausreichend strategischer Geduld und Fortüne wird manchmal aber doch das Lieblingsstück gespielt. General Hans Speidel war, um im Bild zu bleiben, sicherlich einer der wichtigsten Komponisten für Adenauers künftige sicherheitspolitische Lieblingsmelodie.

Die Sicherheitsfrage in der Diskussion von Laupheimer Kreis und Brennecke-Kreis

Hans Seidel begegnete uns schon 1947 im Rahmen des Deutschen Büros für Friedensfragen. Im Mai 1948 etablierte sich auf Schloss Heiligenberg ein politischer Arbeitskreis, der sich nach dem Wohnort der beiden Gründungsmitglieder, des Prinzen Max zu Fürstenberg und Ulrich Steiners, „Laupheimer Kreis“ nannte. Der Ministerpräsident von Württemberg-Baden, Gebhard Müller, seine Minister Theodor Heuß und Carlo Schmid, Wissenschaftler wie Gerhard Ritter, Klaus Mehnert, Otto Lenz u.a. boten Gewähr für die Seriosität der Diskussionen. Hans Speidel wurde ihr unumstrittener Militärexperte. Sein profiliertes Wissen war gefragt, und er konnte manchen wertvollen Beitrag zu einem der Hauptthemen des Zirkels liefern: Wiedervereinigung und westdeutsche Sicherheitspolitik. Im Juni 1948 beispielsweise referierte er vor dem Gremium über seine noch im Auftrag des Deutschen Büros für Friedensfragen erstellte Denkschrift „Die Sicherheit Westeuropas“.74)
Die eingeschätzte Gefahrenlage bewertete er bereits im ersten Satz alarmistisch: „Ein Hauptziel der Sowjetunion ist die Erringung der Vorherrschaft in Deutschland als entscheidender Schritt zur Gewinnung des Primats über ganz Europa“.75) Verständlicherweise sprach Speidel vor diesem Gedankenhorizont allen seinerzeit publizierten Neutralitätsmodellen Deutschlands kategorisch jeden realpolitischen Gehalt ab. In seinen Memoiren schreibt er dazu: „Eine Neutralität Deutschlands nach dem Schweizer Vorbild schloss ich nicht nur aus Gründen des Machtgleichgewichts aus, sondern auch deshalb, weil dafür die völkerrechtlichen Voraussetzungen fehlten. Eine Sicherheitsgarantie der USA, wie sie durch den „Prokonsul“ General MacArthur Japan gegeben wurde, wäre in der damaligen Lage Deutschlands schwierig gewesen, auch weil die Grenzen des Territoriums nicht festlagen wie die Japans.“76)
Zu den sicherheitspolitisch ambitioniertesten und einflussreichsten Zirkeln mit Deutungshoheit zählte in jener Zeit die militärpolitische Gruppe um den ehemaligen General Kurt Brennecke. Dazu gehörten hohe Offiziere wie Herrmann Foertsch, Reinhard Gehlen, Adolf Heusinger und auch hier wieder Hans Speidel. Speidel und Heusinger machten später in der Bundeswehr Karriere,77) Gehlen wurde Chef des Bundesnachrichtendienstes. Ihnen gemeinsam war die sorgenvolle Beurteilung der westeuropäischen Sicherheit, deren Stabilität bzw. Fragilität von der militärischen Härtung des „Einfallstors“ Westdeutschland abhing. Auch hier stimmte erneut Speidel mit seiner Denkschrift das Forum auf sein Sicherheitskonzept ein.
Überlegungen des Brennecke-Kreises, welche Schritte nach der Gründung der Bundesrepublik zur Gefahrenabwehr vonnöten seien, konzentrierten sich mit der Zeit auf den Vorschlag, der Adenauer-Regierung ein militärpolitisches Expertenteam anzuempfehlen. Ventiliert werden konnte ein derart kühnes Projekt lediglich von einem hochrangigen Politiker mit besten Beziehungen zur Regierungsmannschaft. Als Glücksfall erwies sich hierbei die langjährige Freundschaft zwischen General Brennecke und Bundeswohnungsbauminister Eberhard Wildermuth. Speidel seinerseits konnte bei ihm an eine Bekanntschaft noch aus dem Ersten Weltkrieg sowie die Zusammenarbeit im Laupheimer Kreis anknüpfen. Wildermuth hatte als Oberst d.R. und Ritterkreuzträger fundierte militärische Kenntnisse und wurde zudem längere Zeit in Regierungskreisen als potenzieller Verteidigungsminister gehandelt.
Über Speidel knüpfte 1950 auch ein Arbeitskreis um Oberst a.D. Eberhard Graf von Nostitz Verbindung zum Brennecke-Forum. Dessen sicherheitspolitische essentials basierten auf einer verstärkten deutsch-französischen Lösung. Ausgangspunkt bildete die Überlegung, dass Sicherheit für Deutschland auch immer aus französischer Perspektive Sicherheit vor seinem Nachbarn heißen würde. Hingegen favorisierte die Gruppe Brennecke - und Speidel - das Modell einer bewaffneten Bundesrepublik, eingebunden und damit zugleich kontrolliert in eine europäisch-atlantische Sicherheitsstruktur. Dessen ungeachtet gewann man durch diese neu geknüpfte Verbindung aber auch an Gewicht.
Im Mai 1950 erfolgte die Einigung auf die baldige Konstituierung der Beratungsgruppe unter Vorsitz von Speidel. Wenig später, am 25. Juni 1950 - dies war auch der Tag des Kriegsausbruchs am 38. Breitengrad in Korea -, erhielt Minister Wildermuth von Adenauer die lang ersehnte Weisung, einen militärpolitischen Arbeitsstab ins Leben zu rufen. Tatsächlich existierte aber bereits ein derartiges Beratungsgremium unter Federführung des Grafen von Schwerin, ehemals General der Panzertruppen. Mit ihm und seinen Ideen werden wir uns weiter unten näher beschäftigen, ebenso mit der Gegensätzlichkeit der Sicherheitskonzepte Speidels und Schwerins. Letztlich sollte sich Ersterer durchsetzen, weil seine Überlegungen Adenauers außenpolitischer Zielsetzung besser entsprachen: Der Kanzler sah die deutsche Wiederbewaffnung als politisches Instrument zur Erlangung der Souveränität.
Adenauer hatte Speidel bereits am 14. Dezember 1948 kennengelernt und ihn gebeten, ihm die Sicherheitslage Westdeutschlands darzulegen.78) Gleichwohl die Unterredung äußerst sachlich und distanziert verlief,79) erbat Adenauer eine weitere Ausarbeitung. Tenor dieser Studie war die gewachsene militärisch-machtpolitische Bedrohung durch die UdSSR.80) Mit etwa vier Millionen Soldaten und 14.000 Flugzeugen könnte sie „schnell den größten Teil Europas, den Nahen und Mittleren Osten, Korea und sogar China überrennen.“81) Durch seine exzellenten Verbindungen wusste Speidel von den damaligen alliierten Plänen, den Rhein als Verteidigungslinie Westeuropas zu akzeptieren, aber: „Ist der Rhein als Verteidigungslinie des ‚Vorfeldes des Atlantik’, so sind damit Österreich und die Schweiz neben Westdeutschland aufgegeben - Gebiete, in denen heute eine Bevölkerung lebt, die eindeutig antisowjetisch eingestellt ist“.82) Speidel plädierte daher schon Ende 1948 für einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag im Rahmen einer integrierten europäischen Verteidigung: „Wird ein deutscher Beitrag im Rahmen einer europäischen Gesamtkonzeption für wünschenswert erachtet, so wird es sich nicht um Eingliederung kleinerer deutscher Einheiten in nationale Kontingente der anderen westeuropäischen Staaten handeln können. Es erscheint vielmehr zweckmäßig, einheitliche deutsche Sicherungsverbände im Rahmen einer europäischen Armee aufzustellen. Es würde sich hierbei um modern bewaffnete und ausgerüstete motorisierte Einheiten mit panzerbrechenden Waffen und mit Panzern handeln (Stärke eines solchen Sicherungsverbandes etwa der französischen Panzerdivision oder britischen Panzerbrigade entsprechend).“83) Hier wurde bereits 1948 die Sicherheitsstruktur der späteren geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft von 1952 konzeptionell antizipiert.
Am 4. April 1949 verfasste Speidel, unter Bezugnahme auf das Gutachten „Die Sicherheit Westeuropas“ und die „Gedanken zur Sicherung Westeuropas“ für Adenauer eine erneute Denkschrift mit demselben Titel. Nicht überraschend lehnte er aus strategischen Gründen erneut ab, den westlichen Teil Europas erst an der Rheinlinie zu verteidigen. Vorverlegen nach Osten, lautete seine Devise. Detailliert die angenommene Truppenstärke der Sowjetstreitkräfte auflistend, skizzierte er ein Szenario über „Mögliche Operationsabsichten der Roten Armee in und durch Deutschland sowie geplante Gegenmaßnahmen“.84) Zum politischen Ziel hieß es: „Aufnahme von Westdeutschland und Österreich in den Atlantikpakt mit gleichen Rechten und Pflichten“.85) Die Sorge vor Deutschland wäre entsprechend den Speidel’schen Vorschlägen durch die militärische Garantie der Integration sowie westdeutsche „Führung [lediglich] bis Division“ gewährleistet worden. Sicherheit für Deutschland aber sah der General im unabdingbaren US-amerikanischen Engagement. Die Wehrstruktur könnte sich am Schweizer Miliz-System oder jenem der Reichswehr mit ihrem 100.000-Soldaten-Modell orientieren.86) Interessanterweise zog Speidel Österreich in seine Überlegungen ein - wodurch die NATO über eine durchgehende Nord-Süd-Achse von Norwegen bis nach Sizilien verfügt hätte. Durch die 1955 erfolgte Neutralisierung Österreichs, verbunden mit einem sowjetischen Truppenabzug aus dem Osten und einem Abzug der westlichen Truppen aus dem Westen der Alpenrepublik, wurden diese Überlegungen hinfällig.
Speidels frühe sicherheitspolitische Gutachten lassen sich als von der Befürchtung geprägt zusammenfassen, das westdeutsche Territorium könnte, bedingt durch die alliierten Pläne, das deutsche Gebiet zumindest bis zum Rhein aufzugeben, zum Schlachtfeld werden. Seine Sorge vor einem sicherheitspolitischen Vakuum, in dem der westliche Teil Deutschlands als strategisch leerer Raum zum Glacis west-östlicher Interessen werden würde, bricht in seinen Analysen immer wieder durch.
Außer dem Laupheimer Kreis und dem Brennecke-Kreis existierten besonders im norddeutschen Raum eine Reihe weiterer, mehr oder weniger seriöser militärpolitischer Sammelbecken. Mitunter war ihnen lediglich das Etikett „Stammtisch vormaliger Generalstabsoffiziere“ zuzuerkennen. Im Rahmen des Versuchs, mit diesem Beitrag einen groben Überblick über die militärischen Ideengeber und Mentoren für eine künftige westdeutsche Verteidigung zu liefern, gehört aber auch die Erwähnung einiger Schnörkel der damaligen militärischen Subkultur dazu.

Die Bruderschaft

Hinter diesem ominösen Verbandsnamen verbarg sich eine Anzahl anti-demokratischer, anti-parlamentarischer Apostel für eine abendländisch-europäische Neuordnung, die insgesamt geheimbündlerische Aktivitäten liebten und in den Jahren 1949 und 1950 aktiv waren.87) Es gab in der „Bruderschaft“ keine überschaubare Organisationsstruktur. Damalige Presseberichte waren eine Mischung aus Mythen und Mutmaßungen. Man konnte den Eindruck gewinnen, jeder durfte hier für seine Gedanken werben, vorausgesetzt, dass er Bekenntnisse zum Antikommunismus und zu echtem Soldatentum ablegte.
Es gab aber auch im Rahmen der „Bruderschaft“ militärpolitische Überlegungen, wenngleich man nicht von einem stringenten Konzept sprechen kann. Favorisiert wurde eine Wehrmacht freier bewaffneter Deutscher mit Küstenschutz, Luftwaffe und Panzerdivisionen im Rahmen einer bewaffneten europäischen Freiheitsfront. Die euro-atlantischen Sicherheitskonzeptionen von Speidel und Heusinger lehnte man in diesen Kreisen als Schritte zur Legionisierung deutscher Soldaten ab. Vielmehr plädierte man (1949) für ein gleichberechtigtes Deutschland in den Grenzen von 1937 in einer Union zusammen mit Frankreich und England.
Der britische Militärhistoriker Alaric Searle gibt in seiner sehr gut recherchierten Untersuchung Gerüchte wieder, denen zufolge 1950 die ehemaligen Wehrmachtsgeneräle Heinz Guderian, Horst Niemack, Hans-Jürgen Stumpff und Paul Hausser, aber auch der SS-Obergruppenführer Felix Steiner und SS-Brigadeführer Otto Krumm zur Bruderschaft gehört haben sollen.88) Ein politischer Ideen­geber war - den Angaben Hans Wolfram Schenck zu Schweinsberg zufolge - der frühere Obersturmbannführer (Oberstleutnant) der Waffen-SS, Alfred Franke-Gricksch. Major i.G. a.D. Helmut Beck-Broichsitter gerierte sich ebenfalls als wichtiger spiritus rector. Während er noch 1950 als Saulus eine etwaige Wiederbewaffnung als unwürdig für die junge Bundesrepublik verdammte, konvertierte er wenig später zum Paulus der Forderung nach westdeutschen Divisionen. Das Personal für künftige Truppenkader meinte er aus Gruppierungen von Heimatvertriebenen, von CDU, Deutscher Partei, FDP bis hin zum Kampfbund gegen den Kommunismus und Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS rekrutieren zu können.

Die Windhund-Gruppe

Ebenfalls einen Rückgriff auf kriegsgediente und erfahrene Soldaten sah eine andere Gruppierung dieser Zeit vor: die „Windhunde“. Der „Spiegel“ schrieb 1950 über diese Organisation: „Die ‚Aktion Windhund’ ist die von Generaloberst a.D. Franz Halder inspirierte fixe Idee des Generals von Schwerin, letztem Kommandeur der 16. Panzergrenadierdivision (mit zwei Windhunden als taktischem Zeichen). Schwerin will im Falle eines sowjetischen Angriffs die kampfkräftige mannbare Jugend Westdeutschlands hinter den Rhein evakuieren, um sie dort den Alliierten als HiWis89) zur Verfügung zu stellen. Offiziell: um die deutsche Substanz zu retten. Außer bei einigen ausländischen Freunden und organisationswütigen Obersten a.D. hat Schwerin für seinen Windhundplan kein Echo gefunden.“90) Diesem Urteil schloss sich generell auch der renommierte Militärhistoriker Georg Meyer in seinem exzellenten Beitrag „Zur Situation der deutschen militärischen Führungsschicht im Vorfeld des westdeutschen Verteidigungsbeitrages 1945-1950/51“ an.91)
Neuere Forschungen hingegen belegen, dass die von den damaligen Medien titulierte „Windhundbewegung“ keinesfalls auf völlig konzeptlosem unausgereiften Boden stand, zumal General a.D. Graf von Schwerin keineswegs im luftleeren Raum agierte.92) Graf Schwerin galt als politisch unbelastet, hatte Kontakte zum Widerstand des 20. Juli gehabt und mit einer mutigen, befehlswidrigen Entscheidung (die Nichtbefolgung von Befehlen Hitlers beim Kampf um Aachen) die Stadt vor weiterer Zerstörung durch US-Truppen bewahrt. Die Auszeichnung Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern zeugte von Fortüne in den Frankreich-, Russland- und Afrikafeldzügen, die anschließende Strafversetzung nach Italien und dortige vorzeitige Kapitulation wiesen ihn als politisch reflektierenden Offizier aus. Am 24. Mai 1945 wies Adenauer ihm auf Empfehlung des britischen Hochkommissars General Brian Robertson das Aufgabengebiet eines „Beraters des Bundeskanzlers in Sicherheitsfragen“ zu.93) Ab diesem Tag fungierte er als frisch ernannter Amtschef der geheimen „Zentrale für Heimatdienst“. „Die Berufung eines hochrangigen ehemaligen Berufsoffiziers und nicht etwa eines Polizeisachverständigen als Sicherheitsberater weist unter langfristigen Aspekten darauf hin, dass Adenauer einen zukünftigen militärischen Beitrag Westdeutschlands zur Verteidigung Westeuropas nicht ausschloss.“94)
Wenige Wochen später erhielten diese Denkspiele durch den nordkoreanischen Angriff in Korea plötzlich Aktualität. Am 10. Juli 1950 traf der amerikanische Stellvertretende Hohe Kommissar, General George P. Hays, den persönlichen Referenten Adenauers, Herbert Blankenhorn, Adenauers Sicherheitsberater - eben General Schwerin - und den Chef der Organisation Gehlen, General a.D. Gehlen. Es ging darum, welche Schritte „bei einem plötzlichen Angriff russischer Truppen auf das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland erforderlich sein würden“.95)
Eine Woche später, am 17. Juli, traf man einander erneut. General Hays fragte die Deutschen nach Möglichkeiten, dass „die Angehörigen gewisser früherer Formationen wie Angehörige von bestimmten Panzerdivisionen durch militärische oder zivile Stellen aufgefordert würden, sich an bestimmten Orten zu melden, um dort zusammengefasst zu werden, aus dem Kampfgebiet herausgeführt und außerhalb dieses Gebietes in ruhigeren Regionen zu deutschen Kampfeinheiten zusammengeschlossen und bewaffnet zu werden“.96) Graf Schwerin gab sich optimistisch, eine Verbindung „zu früheren Angehörigen bestimmter Einheiten könne ohne erhebliche Schwierigkeiten hergestellt werden. Es empfehle sich sogar, diesen Weg zu beschreiten, da auf diese Weise rasch lebensfähige Kampfeinheiten, die aus früherer Zeit erprobt seien, wieder geschaffen werden könnten“.97) Das kann nicht verwundern, traf der Vorschlag von Hays bei Schwerin doch auf fruchtbaren Boden. „Noch bevor Schwerin im April 1950 zum Sicherheitsberater Adenauers avancierte, hatte er bereits die Idee aufgegriffen und begonnen, sie mit ‚seiner’ ehemaligen Division in die Tat umzusetzen. Erklärbar ist dies durch die Verbindungen Schwerins zur CIA.“98) Aber mit Blick auf das Kontrollratsgesetz Nr. 34 über die „Auflösung der Wehrmacht“,99) bewegten sich auch Hays und die US-Militärs rechtlich und politisch auf sehr dünnem Eis.
Interessant ist hierbei Hays Frage nach spezifischen Panzerdivisionen (den „Crack-Divisionen“, also den „Elite-Divisionen“), also nicht lediglich nach einer. Damit kann also nicht nur Schwerins frühere „Windhund“-Panzergrenadierdivision gemeint sein, die 1944 zur 116. Panzerdivision umstrukturiert wurde, jedoch das Windhund-Symbol beibehielt. Als weitere ehemalige „Crack-Divisionen“ mit hohem Gefechtswert galten die 25. Panzergrenadierdivision, die 5. und die 35. Infanteriedivision sowie die 78. Sturm-Division.100) Agilolf Kesselring folgerte in seiner Studie über die Organisation Gehlen: „Mit den nun entdeckten Mobilmachungsorganisationen steht fest, dass es in der Bundesrepublik bereits 1950 militärische Truppenkader - über die kleine Gruppe im ‚Amt Blank’ hinaus - gegeben hat. Anders ausgedrückt: Fünf Jahre vor dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland gab es bereits eine national organisierte Milizformation mit Verteidigungsaufgaben.“101) Und weiter: „Es lässt sich folgern, dass es sich bei dem, was Meyer [gemeint ist der Militärhistoriker Georg Meyer] als ‚Windhundbewegung’ beschrieben hat, um eine durchaus korrekte Konstruktion aus dem in den Quellen als Mobilisierung von ‚Crack-Divisionen’ vorkommenden Konzept handelt. Damit ist aber die so genannte ‚Windhundbewegung’ keine andere Organisation als die in den Akten des BND überlieferte, sondern lediglich eine andere Überlieferung ein und derselben Angelegenheit unter unterschiedlicher (quellenfremder) Bezeichnung.“102)
Freilich: Auch diese Überlegungen kamen um das grundlegende Dilemma einer deutschen Verteidigung nicht umhin - und das war die französische Furcht vor einer deutschen Wiederbewaffnung. Sie suchten ihr aber wenigstens in gewisser Weise Rechnung zu tragen: „Die französische Regierung würde keiner Form deutscher Wiederbewaffnung zustimmen, bevor Frankreich stark sei. Frankreich würde aber keine Anstrengung zur eigenen Stärke unternehmen, solange es keine wirkliche Aussicht auf eine Garantie westlicher Verteidigung gebe, diese sei aber ohne ein Mindestmaß an (west)deutscher Verteidigung nicht zu erreichen. Dies war also die Logik hinter der versteckten Aufstellung deutscher ‚Crack-Divisionen’, die, um der Bundesrepublik in den kommenden Verhandlungen keine militärische Position der Stärke einzuräumen, aber erst im Ernstfall aufgestellt und auch dann erst bewaffnet werden sollten.“103) Das entsprach der Winterräumdienst-Doktrin von heute: Erst muss der Schnee fallen, bevor die Einsatzfahrzeuge ausrücken, um die Straßen von Schnee und Eis zu befreien. Offen bleibt freilich, ob dafür ausreichend Zeit gewesen wäre.

Der Meisel-Kreis

Im Gegensatz zu den Windhund- und Bruderschaftszirkeln, die gelegentlich für Schlagzeilen sorgten, wirkte - ebenfalls um 1948/49 - der Meisel-Kreis im Stillen. Um den ehemaligen Admiral und Chef des Stabes der Seekriegführung, Wilhelm Meisel, gruppierten sich bereits 1948 einige Marineoffiziere. Deren Bedrohungsbild von der UdSSR zeichnete sich im Gegensatz zu dem ihrer Heereskameraden durch Gelassenheit aus. Die Meisel-Leute identifizierten eine sowjetische strategische Defensive als Resultat ihrer Orientierung als Landmacht. Sie könnte sich nur als Resultat einer massiven Seerüstung „gegen den langsam, aber sicher würgenden Griff der den Kontinent umgebenden Seemächte“ behaupten.104) Den 1949 bereits vielerorts diskutierten Plänen einer von deutscher Seite initiierten geringen Aufrüstung bzw. Integration von Truppenteilen in einen europäischen militärischen Großverband stand Meisel negativ gegenüber. Lediglich bei einer Aufforderung durch die Siegermächte sollte die Bundesrepublik nachgeben, dann allerdings mit der Maßgabe einer starken Truppe, „die alleine imstande ist, einen möglichen Druck oder Stoß aus dem Osten aufzufangen“.105)
Ebenso wie Speidel und Heusinger lehnte Meisel kategorisch die Elbe, erst recht den Rhein als westliche Verteidigungslinie ab. Priorität beim Rüstungsprofil einer künftigen westdeutschen Armee sollte dem Heer und der Luftwaffe eingeräumt werden. Seine eigene Truppengattung stellte der Admiral a.D. bewusst nicht in den Vordergrund, „denn die deutschen Westküsten und die Deutsche Bucht würden ‚außerhalb des strategisch-operativen Seegeschehens bleiben’“.106)
Kann das Brennecke-Forum als eine wichtige „Baumschule“ für spätere hohe Heeresoffiziere in der Bundeswehr angesehen werden, so kommt dem Meisel-Kreis eine vergleichbare Bedeutung hinsichtlich des Aufbaus der Bundesmarine zu. Georg Meyer führt in diesem Kontext namentlich acht künftige Admirale auf.107) Der spätere Marinesachbearbeiter in der Dienststelle Blank, Fregattenkapitän Karl-Adolf Zenker (in der Bundesmarine avancierte er noch zum Vizeadmiral), kannte die Meisel-Gruppe gut von seiner Mitarbeit in der Naval History (German) Section, dem Marine-Gegenstück zur Operational History (German) Section der U.S. Army. Dieser Kontakt war ihm später bei den Verhandlungen zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie bei Fragen der Inneren Führung von großem Nutzen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Gesprächskreis um Meisel der einzige norddeutsche militärpolitische Zirkel war, der vom späteren Amt Blank als ernstzunehmendes Beratungsgremium akzeptiert wurde.
(Wird fortgesetzt)


ANMERKUNGEN:

1) Zur historischen Entwicklung der Bundeswehr und westlichen Allianzbindung aus der großen Fülle hier beispielhaft ausgewählter Untersuchungen: Klaus von Schubert: Wiederbewaffnung und Westintegration, Berlin 1972; derselbe, Hrsg., Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland, 1945-1977, 2 Bd. Bonn 1977/78; MGFA, Hrsg. Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik, Band 1-4, 1982-1997;Hans-Peter Schwarz: Adenauer, Der Staatsmann 1952-1967, Stuttgart 1991; Werner Picht: Wiederbewaffnung, Pfullingen 1954; Dieter Krüger: Das Amt Blank - die schwierige Gründung des Bundesministeriums für Verteidigung, Freiburg 1993; Alexander Fischer, Hrsg.: Wiederbewaffnung in Deutschland nach 1945, Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung, Band XII, Berlin 1986; Matthias Molt: Von der Wehrmacht zur Bundeswehr. Personelle Kontinuität und Diskontinuität beim Aufbau deutscher Streitkräfte 1955-1966, Dissertation, Universität Heidelberg 2007; Dr. Konrad Adenauer - distanziert-fürsorglicher Gründungsvater. In: Dieter E. Kilian: Politik und Militär in Deutschland. Die Bundespräsidenten und Bundeskanzler und ihre Beziehung zu Soldatentum und Bundeswehr, Berlin 2011, S.264-329.
2) Vgl. http://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0018_par_de.pdf (25.7.2016).
3) Der „Deutschlandvertrag“ http://www.documentarchiv.de/brd/dtlvertrag.html (25.7.2016); vgl. Heiner Timmermann, Hrsg.: Deutschlandvertrag und Pariser Verträge. Im Dreieck von Kaltem Krieg, deutscher Frage und europäischer Sicherheit, Münster 2003.
4) Vgl. Pierre Guillen: Frankreich und der europäische Wiederaufschwung. Vom Scheitern der EVG zur Ratifizierung der Verträge von Rom. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1980, Heft 1, S.1-19.
5) Vgl. Daniel Gossel: Briten, Deutsche und Europa. Die deutsche Frage in der britischen Außenpolitik 1945-1962, Stuttgart 1999, S.83-92.
6) In der historischen Forschung wird weitgehend Konrad Adenauer als die treibende Kraft für die Wiederbewaffnung identifiziert. Schon frühzeitig dienten in seinem politischen Konzept der angestrebten künftigen Souveränität der jungen Bundesrepublik künftige deutsche Soldaten als ein dafür wichtiger Türöffner. Vgl. hierzu die Aussage des ersten Militärgouverneurs der US-Besatzungszone, General Lucius D. Clay: „And I think he was a supporter from the beginning of German rearmament.“ US-General Lucius D. Clay. https://www.trumanlibrary.org/oralhist/clayl.htm (1.3.2016).
7) Vgl. Paul Pierson: Politics in time. History, Institutions and Social Analysis. Princeton University Press, Princeton. 2004.
8) Vgl. http://potsdamer-konferenz.de/dokumente/jalta_beschluss.php (12.9.2016).
9) Zitiert bei: Rolf Steininger: Einführung: Der Kalte Krieg in historischer Perspektive. In: Hans Ehlert/Matthias Rogg: Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR, Berlin 2004, S.59.
10) Den Begriff „Kalter Krieg“ prägte Walter Lippmann. Vgl. sein Buch The Cold War. A Study of United States Foreign Policy, New York 1947. Im deutschsprachigen Raum gelten Rolf Steininger und Wilfried Loth als die beiden führenden Forscher der Kalten-Kriegs-Ära. Sie sind zugleich Protagonisten unterschiedlicher Deutungsmuster für den Umschwung von Kooperation der ehemaligen Kriegsalliierten zur Konfrontation. Für Steiniger ist der Kalte Krieg nicht das Resultat von wechselseitigen Fehlwahrnehmungen. „Der Kalte Krieg ist nicht aufgrund einer gegenseitigen Fehlperzeption entstanden.“ Vielmehr: „Mit Stalin war der Kalte Krieg unvermeidlich. Der sowjetische Diktator sah die Welt durch die marxistisch-leninistische Brille. Die Sowjetunion war expansiv und aggressiv. Stalin unterstützte die kommunistischen Parteien, um das Nachkriegschaos auszunutzen. Er half Mao im chinesischen Bürgerkrieg, billigte und unterstützte schließlich den Angriff Nordkoreas auf Südkorea und verhinderte dann einen Waffenstillstand.“ Rolf Steininger, wie vorige Anm., S.62. Für Loth hingegen ist evident: „Als wesentliche Ursache für das Scheitern der Ost-West-Kooperation erscheinen danach, was die sowjetische Seite betrifft, zum einen die ideologisch bedingten Fehlwahrnehmungen westlicher Politik. Zum anderen sind Steuerungsschwächen eines Systems zu verzeichnen, in dem der Sowjetherrscher alles selbst entscheiden wollte, von seinen Zuträgern aber nur das zu hören bekam, was er vermutlich hören wollte.“ Wilfried Loth: Langer Friede oder Fünfzigjähriger Krieg? Der Kalte Krieg in historischer Perspektive. In: Hans Ehlert/Matthias Rogg: Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR, S.72.
11) Wilfried Loth, ebenda, S.77.
12) Vgl. Eckart Conze: Konfrontation und Détente. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Heft 2/1998, S.274.
13) http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=2297 (2.3.2016).
14) http://www.documentarchiv.de/in/1945/niederlage-deutschlands_erkl.html (2.3.2016).
15) Rolf Pauls: Adenauer und die Soldaten. In: Bruno Thoß: Vom Kalten Krieg zur deutschen Einheit, Berlin 1995, S.37ff.
16) Vgl. Agilolf Kesselring: Die Organisation Gehlen und die Verteidigung Westdeutschlands http://www.uhk-bnd.de/wp-content/uploads/2013/05/UHK-BND_Bd3_online.pdf, S.10 (1.3.2016).
17) Eidesformel vom 20.7.1935. Hitlers Machtstellung als Oberster Befehlshaber wurde damit gegenüber der vormaligen Eidesformel vom 2.8.1934 mit der „geringeren“ Funktionszuweisung als Oberbefehlshaber der Wehrmacht auch gesetzlich gestärkt.
18) Vgl. Werner Maser, Nürnberg, München u.a. 1977, Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt a.M. 2002.
19) Vgl. Hermann Mau: Die „Zweite Revolution“. Der 30. Juni 1934. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 2/1953, S.119-137; Immo von Fallois, Kalkül und Illusion. Der Machtkampf zwischen Reichswehr und SA während der Röhm-Krise 1934, Berlin 1994.
20) Otto Gritschneder: „Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt…“, Hitlers „Röhm-Putsch“-Morde vor Gericht, München 1993.
21) Vgl. Manfred Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination, Hamburg 1969, S.480.
22) Vgl. Angela Hermann: (Promotionsprojekt) Der Weg in den Krieg 1938/39, München 2011, S.29-67.
23) Vgl. Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm: Die Truppen des Weltanschauungskrieges. Der Einsatz der Sicherheitspolizei und SD 1938-42, Stuttgart 1981; Christian Streit: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen, Bonn 1997.
24) Vgl. Hilke Falkenhagen: Die Macht der Unterscheidung. Über den Urteilsbegriff bei Hannah Arendt im Kontext ihrer Totalitarismus Analyse, Dissertation, http://d-nb.info/973410191/34 (1.3.2016).
25) Gerhard Ritter: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1956, S.606. Aus der Geheimdenkschrift Goerdelers für die Generalität vom 26.3.1943, Teil 10.
26) Vgl. Hans Speidel: Invasion 1944, Tübingen-Stuttgart 1949, S.91ff.
27) Vgl. Frank Pauli: Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr. Das kriegsgediente Offizierkorps der Bundeswehr und die Innere Führung 1955-1970 , Paderborn 2010.
28) Vgl. Zbigniew K. Brzezinski: Der Sowjetblock - Einheit und Konflikt, Köln/Berlin 1962; Joerg. K. Hoensch: Sowjetische Osteuropapolitik 1945-1975, Düsseldorf 1977; Jens Hacker: Der Ostblock. Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939-1980, Baden-Baden 1983.
29) Vgl. Torsten Diedrich/Rüdiger Wenzke: Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952 bis 1956, Berlin 2003; Bruno Thoß, Hrsg.: Volksarmee schaffen - ohne Geschrei! Studien zu den Anfängen einer „verdeckten Aufrüstung“ in der SBZ/DDR 1947 bis 1952, MGFA Beiträge zur Militärgeschichte Bd. 51, München 1994.
30) Arnold Sywottek: Die Sowjetunion aus westdeutscher Sicht seit 1945. In: Gottfried Niedhart, Hrsg.: Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983, S.315; Stefan Creuzberger/Dierk Hoffmann, Hrsg.: „Geistige Gefahr“ und „Immunisierung der Gesellschaft“. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014.
31) http://docupedia.de/zg/Amerikanisierung_und_Westernisierung (14.9.2016).
32) Vgl. Ludolf Herbst/Werner Bührer/Hanno Sowade, Hrsg.: Vom Marshallplan zur EWG: Die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt. Institut für Zeitgeschichte, München 1990.
33) Vgl. Michael Wala: Die Abteilung „T3“ und die Beziehungen der Reichswehr zur U.S. Army. In: Reinhard R. Doerris: Diplomaten und Agenten, Heidelberg 2001, S.57.
34) Ebenda, S.58-60.
35) Vgl. Michael Wala: Weimar und Amerika, Stuttgart 2001, S.204-211.
36) Ebenda, S.257f.
37) Esther Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der US-Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945-1961, Berlin 2015, S.302. Ihre exzellente, umfassende und quellengesättigte Untersuchung basiert auf ihrer Dissertation (Uni Augsburg 2012).
38) „In Camp Ritchie befanden sich zeitweise auch einige später in der ‚Organisation Gehlen’ verwendete ehemalige Generalstabsoffiziere., dazu Generalleutnant a.D. Thomale sowie einige spätere Generale der Bundeswehr: Berendsen, Laegeler, Meyer Detring, Johannes Müller, Pollex und Schaeder, desgleichen der spätere lange in der Dienststelle Blank tätige Staatssekretär Cartellierie.“ Georg Meyer: Zur Situation der deutschen militärischen Führungsschicht im Vorfeld des westdeutschen Verteidigungsbeitrages 1945-1950/51. In: Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik 1945-1956, München 1982, S.679, FN 47.
39) Vgl. Charles B. Burdick: Vom Schwert zur Feder. Deutsche Kriegsgefangene im Dienst der Vorbereitung der amerikanischen Kriegsberichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. Die organisatorische Entwicklung der Operational History German Section. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1971, Freiburg 1971, S.69-80.
40) Esther Julia Howell: Von den Besiegten lernen? S.1.
41) Zur Organisation Gehlen, vgl. Herrmann Zolling/Heinz Höhne, Pullach intern. General Gehlen und die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, Hamburg 1971; Reinhard Gehlen: Der Dienst, Erinnerungen 1942-1971, Mainz 1971; Die Geschichte der Organisation Gehlen und des BND 1945-1968: Umrisse und Einblicke http://www.uhk-bnd.de/wp-content/uploads/2013/05/UHK-BND_Bd2_online-12.pdf (3.3.2016); James H. Critchfield: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948-1956, Hamburg 2005.
42) Zur Historie des DBfF, vgl. Heribert Piontkowitz: Anfänge westdeutscher Außenpolitik 1946-49, Das Deutsche Büro für Friedensfragen, Stuttgart 1978.
43) Wortlaut der Rede in New York Times am 10.2.1946.
44) Text der Doktrin. In: Europa Archiv Nr.2/1947, S.819ff.
45) Roland G. Foerster: Innenpolitische Aspekte der Sicherheit Westdeutschlands. In: Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik, S.410.
46) Bundesarchiv Koblenz Bestand Nr. Z 35/422 (Kopie im Archiv des Autors). S.1.
47) Vgl. hierzu das Kapitel „Der Meisel Kreis“ in dem vorliegenden Aufsatz.
48) Böckmann, Denkschrift, S.2.
49) Ebenda, S.1.
50) Ebenda, S.5.
51) Denkschrift. In: Hans Speidel: Aus unserer Zeit. Erinnerungen, Berlin u.a. 1977, S.454-465, hier S.455.
52) Denkschrift von Böckmann, S.5.
53) Ebenda.
54) Bundesarchiv Koblenz Bestand Nr. Z 35/422 (Kopie im Archiv des Autors).
55) Ebenda, S.1.
56) Ebenda, S.2.
57) Ebenda, S.3.
58) Ebenda.
59) Vgl. Hierzu das nächste Kapitel „Die Sicherheitsfrage in der Diskussion von Laupheimer Kreis und Brennecke-Kreis“.
60) Institut für Zeitgeschichte Bestand Nr. ED 134/19 (Kopie im Archiv des Autors) S.1.
61) Ebenda, Anlage 1./Erläuterungen.
62) Ebenda.
63) Ebenda.
64) Vgl. Eberhard Birk: Der Funktionswandel der Westeuropäischen Union (WEU) im europäischen Integrationsprozeß, Würzburg 1999; zur Auflösung der WEU: http://www.weu.int/Declaration_E.pdf (23.7.2016).
65) Institut für Zeitgeschichte Bestand Nr. ED 134/19 (Kopie im Archiv des Autors).
66) Vgl: Ulrich Noack: Wie kann der Frieden lebendig werden? Organische Erneuerung der UNO auf der Grundlage von 10 regionalen Friedenskreisen, Würzburg 1954 sowie Ders. Die Sicherung des Friedens durch Neutralisierung Deutschlands und seine ausgleichende weltwirtschaftliche Abgabe, Köln 1948.
67) Von Schweppenburg Memorandum, ebenda, S.1.
68) Ebenda, S.2.
69) Vgl. Der Kampf um den Wehrbeitrag, 2. Halbband: Das Gutachterverfahren (30.7-15.12), München 1953, S.422f.
70) Vgl. Von Schweppenburgs Analyse: „Die ersten Fragen“.
71) Vgl. Gerhard Wettig: Entmilitarisierung und Wiederbewaffnung in Deutschland 1943-55, München 1967, S.246.
72) Vgl. Roland G. Foerster: Innenpolitische Aspekte, S.410.
73) Vgl. Arnulf Baring: Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie. Westdeutsche Innenpolitik im Zeichen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft., Bd. 1, München 1971, S.46, FN 26.
74) Abgedruckt in: Hans Speidel, Aus unserer Zeit. Erinnerungen, Berlin u.a. 1977, S.454-465. Das Memorandum war zugleich ein Forschungsauftrag der Regierung von Württemberg/Hohenzollern, Juni 1948.
75) Ebenda, S.454.
76) Ebenda, S.250.
77) Hans Speidel wurde 1957 Befehlshaber der NATO-Landstreitkräfte in Mitteleuropa, Heusinger wurde, wie bereits erwähnt, der erste Generalinspekteur.
78) Vgl. Arnulf Baring: Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie. S.54f.
79) Hans Speidel: Aus unserer Zeit, S.252f.
80) Hans Speidel: Gedanken zur Sicherung Westeuropas (15.12.1948). In: Ders. Aus unserer Zeit, S.468-471.
81) Ebenda, S.468.
82) Ebenda, S.469; zu den westlichen Verteidigungsplänen vgl. auch: Jan Hoffenaar/Dieter Krüger: Blueprints for Battle. Planning for War in Central Europe, 1948-1963. Lexington: University Press of Kentucky, 2012; http://nsarchive.gwu.edu/nukevault/ebb538-Cold-War-Nuclear-Target-List-Declassified-First-Ever/ (23.7.2016); Bruno Thoß: NATO-Strategie und nationale Verteidigungsplanung, München 2006.
83) Ebenda, S.471.
84) Hans Speidel: „Gedanken zur Sicherung Westeuropa“. In: Aus unserer Zeit, S.472-476. Basis dieser Annahmen waren nachrichtendienstliche Erkenntnisse der Organisation Gehlen.
85) Ebenda, S.475; zu Plänen der Verteidigung Österreichs im Kalten Krieg: Vgl. Erwin A. Schmidl, Hrsg.: Österreich im frühen Kalten Kalten Krieg 1945-1958. Spione, Partisanen, Kriegspläne, Wien/Köln/Weimar 2000, S.137ff; Hanns Haas: Österreich 1949, Staatsvertragsverhandlungen und Wiederbewaffnungsfrage. In: Jahrbuch für Zeitgeschichte 1978, Wien 1979, S.175-200; Günter Bischof: Österreich - ein „geheimer Verbündeter“ des Westens? In: Österreich und die europäische Integration, Wien/Köln/Weimar 1993, S.425-450; Gerald Stourzh: Um die Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1045-1955, Wien/Köln/Graz 2005.
86) Ebenda, S.476.
87) Vgl. Krafft Frh. Schenk zu Schweinsberg: Die Soldatenverbände der Bundesrepublik. In: Georg Picht, Hrsg.: Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr, Bd. 1, Witten-Berlin 1965, S.149-151.
88) Alaric Searle: Wehrmacht Generals. West German Society and the Debate on Rearmament 1949-1959, Westport 2002, S.158.
89) HiWis war während des Zweiten Weltkrieges die leicht abschätzige Bezeichnung für russische „Hilfswillige“ gewesen.
90) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447455.html (5.3.2016).
91) Georg Meyer: Zur Situation, S.710/711.
92) Vgl. Agilolf Kesselring: Die Organisation Gehlen und die Verteidigung Westdeutschlands, insbesondere S.12-37, dazu auch http://www.welt.de/geschichte/article127957850/So-geheim-war-Adenauers-Geheimarmee-wirklich.html (6.3.2016).
93) Vgl. Rede Adenauers vor dem Deutschen Bundestag, 27.11.1950, Drucksache, Bd. 7 Nr. 1537, 1663.
94) Roland G. Foerster: Innenpolitische Aspekte, S.457.
95) Ministerialdirektor Herbert Blankenhorn, Aufzeichnung, 10.7.1950. In: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (ADAP) 1949/1950, September 1949 bis Dezember 1950, Institut für Zeitgeschichte, München 1997, S.238.
96) Blankenhorn, Aufzeichnung, 17.7.1950. In: (Bundesarchiv-Militärarchiv) BA-MA BW 9/3105, Zentrale für Heimatdienst, Handakten Graf Schwerin, 25. Mai 1950-Nov. 1950, Bl. 35-42.
97) Ebenda.
98) Agilolf Kesselring: Die Organisation Gehlen und die Verteidigung Westdeutschlands http://www.uhk-bnd.de/wp-content/uploads/2013/05/UHK-BND_Bd3_online.pdf, S.17 (1.3.2016).
99) Für die Bundesrepublik Deutschland außer Wirkung gesetzt durch Artikel 2 des Gesetzes Nr. 16 (Ausschaltung des Militarismus) der Alliierten Hohen Kommission vom 16. Dezember 1949 (ABl. AHK S.72) Gesetzesverstöße waren strafbewehrt mit Geldstrafen bis hunderttausend DM, aber auch mit Freiheitsstrafen bis lebenslänglich.
100) Vgl. Kesselring: Organisation Gehlen, S.10.
101) Ebenda, S.11.
102) Ebenda, S.16.
103) Ebenda, S.22.
104) Georg Meyer: Zur Situation, ebenda, S.726.
105) Ebenda.
106) Ebenda.
107) Ebenda, S.727.