Zur Ontologie von Moral und Ethik und über militärische Ethik

Edwin R. Micewski

 

In diesem Essay sollen zunächst die Begriffe Moral und Ethik einer tiefgreifenden Analyse unterzogen werden, die sowohl ontologische als auch philosophisch-wissenschaftliche Aspekte behandelt, bevor dann in einem weiterführenden Abschnitt Rückschlüsse für militärische Ethik gezogen werden. Im Vordergrund der Betrachtung werden zunächst drei Aspekte stehen: Zum ersten die Unterscheidung bzw. die potenzielle Kollision von Moralität und Legalität als einer unentrinnbaren Dichotomie, die im Sein des Menschen selbst angelegt ist und sich, wie die Kriegsgeschichte durchgehend bestätigt, insbesondere in den Grenzsituationen soldatischen Gewalthandelns als Herausforderung einstellt; zum zweiten eine Kritik des Konsequenzialismus bzw. Utilitarismus als der in Politik und Gesellschaft (und durchaus auch im Militär) vorherrschenden Tendenz zu teleologischem Handeln, das sich allein auf das Resultat des Handelns konzentriert und auf die zutiefst unethische Maxime des „der Zweck heiligt die Mittel“ stützt; und zum dritten Anmerkungen zu bzw. die Verwerfung des ethischen Relativismus und der Wertbeliebigkeit und das Plädoyer für einen Minimalkonsens ethischer Werte und Prinzipien. Auf der Behandlung dieser Aspekte beruhend werden dann Rückschlüsse zur Disziplin der Militärethik gezogen, welche die Parameter militärischer Ethik beschreiben und in einen Gesamtzusammenhang bringen werden. Die Ethik als philosophisch-wissenschaftliche Disziplin setzt sich zum Ziel, Handlungsnormen aufzufinden und zu begründen, die als Richtschnur und Orientierungshilfe für tatsächliches Verhalten dienen. Dabei werden die normativen Aspekte der Ethik gleichsam auf die einzelnen beruflichen Handlungsbereiche im Wege der angewandten Ethik übersetzt, um Hilfestellung für die speziellen Herausforderungen der beruflichen Lebenswelten zu geben. Als Erziehungs- und Bildungsdimension ist die Ethik überdies bestrebt, dem Einzelnen dabei behilflich zu sein, zu einer adäquaten innerlich-moralischen Disposition zu finden, die ihm ethisch gerechtfertigtes Handeln auch dort ermöglicht, wo keine direkten und unmittelbaren äußeren Handlungsanweisungen vorliegen. Hier ist es aber gerade der Bereich der Gewalt- und Kriegsethik, der noch am ehesten dazu angetan ist, ethischen Konsens zu ermöglichen. Die humanitären Imperative einer politisch-militärischen Ethik - Krieg als ultima ratio, Unausweichlichkeit und Angemessenheit der Gewaltanwendung, Diskriminierung von Kombattanten und Nichtkombattanten, der Schutz von Unschuldigen und Hilfsbedürftigen, die indiskriminierende Versorgung Verwundeter, die menschenwürdige Behandlung Gefangener ... - tragen universale und kulturinvariante Züge, die nur von Kräften des politischen Extremismus oder des schweren Verbrechertums negiert werden.

Insbesondere die Komplexität der ethischen Herausforderungen für den Soldaten rückt die Notwendigkeit einer militärischen Ethik in den Vordergrund der Bildungsmaßnahmen für militärisches Führungspersonal. In der Erkenntnis, dass die Humandimension - und nicht die technisch-wissenschaftliche Dimensionen - im Mittelpunkt der militärischen Führungsaufgabe steht, ist die Handlungskompetenz des Soldaten in Führungsverantwortung auf eine philosophisch-ethische Grundlage zu stützen.

Die militärethische Orientierung hat daher im Mittelpunkt einer militärphilosophischen Bildung zu stehen, welche die Möglichkeiten des moralischen Selbst des Soldaten und Offiziers fördert und ihm die ständige Nährung und Kultivierung seiner ethischen Kompetenz ermöglicht.