Ideologie und Strategie des Islamischen Staates

Matthias Wasinger

 

Auf der Suche nach einem neuen Konflikt-, Kriegs- beziehungsweise Bedrohungsbild sah sich die Staatengemeinschaft spätestens ab dem Jahr 2014 öffentlichkeitswirksam mit einer komplett innovativen Herausforderung konfrontiert. Der Islamische Staat (IS) war im Nahen Osten entstanden. Inhaltlich stellte dieser ein neuartiges Phänomen dar. Während sich Al Qaida durch ihr Handeln über autonom agierende Zellen mit dem „Unternehmensgesicht“ Osama bin Laden in der Anwendung terroristischer Gewalt auszeichnete, machte der IS den nächsten Schritt. Bereits die Benennung als „Staat“ sollte ein Hinweis auf eine Abkehr vom Terror herkömmlicher Natur sein. Der Autor legt zeigt auf, dass das Vorgehen des IS durchaus anhand des heutigen Strategiebegriffs erfasst, beurteilt und nachvollzogen werden kann. Zur Erreichung eines für die Zukunft klar definierten Zieles (Staatenwerdung) setzt er alle sich bietenden „staatlichen“ Effektoren und Mittel ein. Die Basis für all dies ist eine Ideologie, welche sich auf eine „versteinerte“ Auffassung eines politischen Islams beruft. Die Kombination dieses Denkens mit neuzeitlicher Propaganda und Werbemethoden lässt sein Handeln für bestimmte Segmente der Bevölkerung weltweit, so auch in Europa, attraktiv und gerechtfertigt erscheinen, auch wenn die in der Regel hemmungslose Anwendung von Gewalt im Verständnis der breiten Masse unverständlich bleibt. Es ist eine Tatsache, dass der IS ein vorhandenes Machtvakuum zu nutzen vermag und dieses sofort füllt. Abseits des syrischen Bürgerkriegs war dies auch in Libyen zu erkennen. Der IS zielt offenbar auf völkerrechtliche Elemente der Staatenwerdung wie Staatsgewalt, Staatsvolk und Staatsgebiet ab. All dem dient seine Ideologie, welche im Kern vorhandene Defizite der westlichen Welt anspricht und auf das strategische Ziel der Staatenwerdung über den Aspekt des Glaubens im Sinne eines Kalifats abzielt. Eine Bekämpfung des IS kann daher nur im Rahmen eines gesamtheitlichen Ansatzes erfolgen. Er hat einerseits einem Staat gleich bekämpft zu werden. Das erscheint aus dem Grund wichtig, da er aufgrund seiner Ideologie nicht zermürbt und abgenutzt werden kann. Ein rein militärischer Ansatz gegen seinen militärischen Arm würde auch deswegen zu kurz greifen, weil er - ohne ein Bewirken der anderen Sektoren - hoch regenerativ zu bleiben scheint. Andererseits muss der IS auch als Terrororganisation bekämpft werden. Terrororganisationen können nur über deren Wurzeln bekämpft werden, nämlich Unterstützung mit Finanzmitteln, Ressourcen, Waffen, Logistik, Infrastruktur und vieles mehr. Das jedenfalls letzte, jedoch nicht weniger wichtige Element einer Terrororganisation ist deren Ideologie. Einer Ideologie kann nur durch Bildung begegnet werden, wobei dies nicht kurzfristig möglich ist. Das zentrale Element stellen jedoch Glaube und (missverstandene) Religion im salafistisch-islamistischen Islamischen Staat dar. Sie bilden die Grundlage der Ideologie und des strategischen Ziels. Fallen diese Elemente weg, so kollabiert seine Strategie. Dies kann jedoch lediglich in einem indirekten Ansatz durchgeführt werden, da ein direkter Ansatz auf Glauben und Religion grundsätzlich als falsch zu beurteilen sind. Begleitend aber bleibt die Erkenntnis, dass einem Staat, irrelevant ob legal oder nicht, nur gesamtstaatlich begegnet werden kann.