Über die Entwicklung der Kriegskunst der Warschauer Vertragsorganisation in den 1980er-Jahren

Siegfried Lautsch

 

Die Vervollkommnung der sowjetischen Kriegskunst als Basis für die Kriegskunst der Warschauer Vertragsorganisation (WVO), ging von dem Prinzip des für die Verteidigung Hinlänglichen aus. Dieses bedeutet, dass der Bestand der Streitkräfte sowie die Quantität und Qualität der Mittel des bewaffneten Kampfes dem Niveau der militärischen Bedrohung sowie dem Charakter und der Intensität der Kriegsvorbereitung des potenziellen Gegners adäquat sein müssen. Außerdem haben die Streitkräfte die Sicherheit der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages und die Abwehr einer Aggression mit allem Notwendigen zu gewährleisten. Der Beitrag in diesem Heft befasst sich mit der abschließenden Entwicklung der Kriegskunst der WVO im letzten Dezennium des Ost-West-Konflikts und den untereinander in Wechselwirkung stehenden drei Bestandteilen Strategie, operative Kunst und Taktik, außerdem mit Aspekten der Truppenführung.

„Kriegskunst“ ist ein spezifischer Begriff und Gegenstand der sowjetischen bzw. russischen Militärwissenschaft. Die Kriegskunst setzte und setzt sich aus den drei Bestandteilen bzw. Ebenen Strategie, operative Kunst und Taktik zusammen. Für die NVA kam es darauf an, ein möglichst breites Spektrum an militärischen Fähigkeiten vorweisen zu können, um der Politik eine Vielzahl an Handlungsoptionen anzubieten und die Herausforderungen zu antizipieren, denen sie sich aufgrund sicherheitspolitischer Entwicklungen im Rahmen ihres Bündnisses stellen musste. Während des Ost-West-Konflikts gab es unterschiedliche Kriegsbilder. Allein in den 1980er-Jahren hatte sich das Kriegsbild in der WVO mehrmals geändert. Bis 1983 waren die Streitkräfte der WVO bereit, Schläge des vermeintlichen Gegners in einer Verteidigungsoperation abzuwehren, Gegenschläge zu führen und mit nachfolgenden Kampfhandlungen zum Angriff überzugehen und den Gegner auf seinem Territorium vernichtend zu schlagen. Ab 1985, also schon vor der Militärdoktrin der WVO von 1987, sollten die Kampfhandlungen mit begrenztem Ziel durchgeführt werden. Das Überwinden der deutsch-deutschen Grenze war nicht mehr Gegenstand der operativen Planung. 1988 reduzierte das östliche Bündnis seine Angriffsfähigkeit und verfolgte nunmehr das Ziel, im Falle eines militärischen Konflikts im Rahmen einer Verteidigungsoperation, lediglich den „Status quo ante“ wiederherzustellen. Auch wenn es unterschiedliche Auffassungen zur damaligen Kriegsgefahr gibt, konnte niemand den Kriegsfall ausschließen. Aus den in den 1980er-Jahren vorhandenen, mit dem Ziel der gegenseitigen Abschreckung unterhaltenen militärischen Potenzialen, v.a. in Europa, resultierte ein gleiches Maß an existentieller Unsicherheit für beide Seiten. Ein Versagen der Abschreckung gleich welcher Art, politisch, militärisch oder auch technisch, hätte ein Umschlagen der bestehenden militärischen Konfrontation in einen Krieg zwischen NATO und WVO verursachen können, der jederzeit möglich gewesen wäre. Folglich war es notwendig geworden, vom militärisch nicht mehr zu sichernden Frieden zu einem System der entmilitarisierten Sicherheit überzugehen. Das aber ist bis heute eine Vision geblieben.