Zum operativ-strategischen Denken in den Vereinten Streitkräften der Warschauer Vertragsorganisation

Siegfried Lautsch

 

Eine der Voraussetzungen für den Erfolg im Krieg ist die Kenntnis der Kriegskunst,1) die sich nach Führungsebenen in die Bereiche Strategie, operative Kunst und Taktik unterteilt. Die Grundsätze der Kriegführung stimmen in den Vorschriften der US-Army und der sowjetischen Landstreitkräfte weitgehend überein. In der Bundeswehr wird das breite und visionäre Denken als „operatives Denken“ bezeichnet. Dieses Denken bezieht sich in seinen Dimensionen vorherrschend auf das Einsatzspektrum der Teilstreitkräfte, v.a. auf die regionale (operativ-taktische) Ebene des Heeres und auf die globale (strategische) Ebene der Luftwaffe.

 

Die Notwendigkeit des operativ-strategischen Denkens ist von Theoretikern und Heerführern nachgewiesen worden. Dabei ging es stets darum, mit unterlegenen Kräften durch Nutzung der Elemente Zeit und Raum örtliche Überlegenheit zu erreichen und durch Vernichtung des Gegners das Kräftedispositiv zu eigenen Gunsten zu verändern. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt das operativ-strategische Denken eine Form, die bis in das Zeitalter der nuklearen Bedrohung im Grundmuster unverändert blieb.

Es gibt eine Fülle von Publikationen, die der Theorie und Praxis dieses Denkens gerecht werden. Dazu gehören das Wirken und Schaffen von Carl von Clausewitz, Gerhard von Scharnhorst, August Neidhardt von Gneisenau, Gottlieb von Boyen, Karl von Grolman, Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, Alfred Graf von Schlieffen, Erich von Manstein und vielen anderen. Freilich blieben die Reformer, Militärtheoretiker und Heerführer den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden. Aber ungeachtet dessen ist ihr militärtheoretisches Vermächtnis unveränderlich. Die Erfahrungen, die sie sammelten, bereichern den Erkenntnisschatz von Offiziersgenerationen.

Mitte der 1950er-Jahre begann eine qualitativ neue Etappe in der Entwicklung des umfangreichen Denkansatzes. Zu dieser Zeit vollzogen sich grundlegende Veränderungen in der technischen und materiellen Basis für den Krieg. Die Streitkräfte erhielten Nuklearwaffen und wesentlich modernere Kriegstechnik, was sich in der veränderten Bewaffnung, Gliederung und in verschiedenartigen Kampfhandlungen zeigte. Diese Faktoren waren ausschlaggebend für höhere Feuer- und Schlagkraft, Manövrierfähigkeit (Beweglichkeit) der Truppen und besseren Panzerschutz. Das wiederum führte zu Wandlungen in den Ansichten der Vorbereitung und Durchführung von Kriegen.2)

Truppenführer können erfolgreich agieren, wenn sie über theoretische und praktische Kenntnisse verfügen sowie die wechselseitigen Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen Politik und Strategie einerseits und Strategie, operativer Kunst und Taktik andererseits kennen. Außerdem müssen sie die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen der Kriegführung verstehen und in der Lage sein, je nach Führungsebene Entscheidungen zu treffen, diese in der Praxis umzusetzen und ihre Truppen umsichtig zu führen.

Die Fähigkeit der Truppenführer, strategisch und operativ zu denken, ist das Ergebnis des Einflusses vieler Faktoren. Den Rahmen bestimmen das politische System und die militärischen Bildungseinrichtungen. Einen besonderen Einfluss auf die Entwicklung des Truppenführers haben die Erziehung, Ausbildungs- und Übungstätigkeit sowie die Truppenpraxis.3)

Die militärischen Bildungseinrichtungen, insbesondere die Militärakademien und Offiziersschulen der Warschauer Vertragsorganisation (WVO), prägten das militärische Denken der Offiziere im Ostblock. Der Autor erlangte seine professionelle Erziehung und Ausbildung an der Frunse-Akademie in Moskau, an der Militärakademie der DDR in Dresden und an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse wurden vorrangig durch die breit gefächerte Ausbildung an der Frunse-Akademie gewonnen und stützen sich auf die systematische Verwendung als Offizier in der taktischen, operativen und strategischen Führungsebene.

Ist das operative und strategische Denken einmal entwickelt, gilt es unabhängig von systemimmanenten und nationalen Besonderheiten. Der Prozess der Ausbildung und Erziehung im Ostblock diente besonders der Entwicklung von Initiative, Flexibilität, Entschlossenheit sowie der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, mit dem Ziel, das Wissen, die analytischen Fähigkeiten, die Kenntnisse und Erfahrungen für künftige Führungsebenen zu erweitern, Lehren und Erkenntnisse in der Truppenpraxis anzuwenden.

Eine gute Basis für die Vorbereitung auf Feldzüge und Operationen ist die Auseinandersetzung mit vergangenen Kriegen. Ohne Verständnis für die Vergangenheit ist die Gegenwart und Zukunft nur schwer zu meistern. Das kritische Studium vergangener Kriege ist eine Quelle für die Entwicklung des operativen und strategischen Denkens künftiger Kommandeure und Befehlshaber. Kriegführung besitzt eine gewisse Logik, deren Regeln vom Studium der Militärgeschichte abgeleitet werden können.4)

Befehlshaber und Kommandeure müssen die politische Absicht und militärische Zielsetzung des eigenen Staates, der Koalition und die des vermutlichen Gegners kennen, um sie explizit in Operationspläne und Gefechtsdokumente umsetzen zu können. Auch wenn sich die Methoden der Kriegführung ändern, bleiben doch die wesentlichen Grundsätze dieselben.

Beim Studium der Kriegsgeschichte ist es sinnvoll, sich auf einen gewissen Zeitabschnitt zu konzentrieren, dabei das Wesen herausragender Feldzüge und Operationen zu analysieren, um die Prinzipien des militärischen Handelns zu ergründen. Wichtig dabei ist, den geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen, da Sieg oder Niederlage immer von einer Vielzahl von Faktoren abhängig sind.

 

Die Entstehung und Entwicklung der operativen Kunst

Die marxistisch-leninistische Weltanschauung sah in der Klassengesellschaft die Ursache für den Ausbruch aller militärischen Konflikte. In Abhängigkeit davon, welche Klasseninteressen in den militärischen Auseinandersetzungen ausgefochten werden, welche Klassen sie vorbereiten und herbeiführen, unterschied die sozialistische Militärtheorie in gerechte und ungerechte Kriege. Als gerecht wurde der Krieg zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlands gegen eine imperialistische Aggression verstanden, das schloss auch einen anschließenden offensiv geführten Krieg auf dem Territorium des Gegners ein. Diese Prämissen fanden in der von den sowjetischen Militärtheoretikern ausgearbeiteten, für die Mitglieder des sozialistischen Militärbündnisses bindenden Militärdoktrin ihren Niederschlag.

Die Militärdoktrin legte den sicherheitspolitischen Rahmen und die politisch-strategisch verbindliche prinzipielle Auffassung über den Charakter, die Vorbereitung und Führung möglicher Kriege fest. Sie hatte einen ausgeprägten Klassencharakter und diente dem Ziel, einen imperialistischen Angriff zu verhindern. Den Charakter eines zukünftigen Krieges sowie den Aufbau, die Prinzipien und die Aufgaben der Streitkräfte bestimmte die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). Ihre Vorgaben umfassten grundlegende Weisungen über die Mittel und Methoden zur Lösung politischer und militärischer Aufgaben. Der Partei5) oblag damit die Aufgabe, nicht nur die Kriegskunst, sondern auch die Entwicklung der operativen Kunst vorauszubestimmen.6)

Die Kriegführung basierte auf dem komplexen, historischen sowie objektiven Charakter der Gesetze des bewaffneten Kampfes. Unter diesen Gesetzen verstand man wesentliche, sich wiederholende objektive Zusammenhänge des bewaffneten Kampfes, die den Verlauf und den Ausgang eines Krieges bestimmen. Die Militärwissenschaft hatte die Gesetze des bewaffneten Kampfes zu untersuchen und daraus Regeln für die Kriegführung zu erarbeiten.

 

 

Gestützt auf die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen der Nachkriegszeit erforschten die sowjetischen Militärwissenschaftler Probleme der militärischen, wirtschaftlichen und politisch-moralischen Möglichkeiten des eigenen Landes wie auch die der potenziellen Gegner. Sie analysierten Fragen der Ausrüstung der Truppe mit Waffensystemen und Kampfmitteln, erarbeiteten die Methoden und Formen des bewaffneten Kampfes, die Grundlagen des operativen Aufbaus (Gliederung), der Erziehung und Ausbildung der Soldaten und befassten sich mit der Sicherstellung der Streitkräfte im Krieg. Insofern umfasste die sowjetische Militärwissenschaft nicht nur die Theorie der Kriegskunst, d.h. Fragen der Strategie, operativen Kunst und Taktik, sondern auch Gesichtspunkte der politischen und ökonomischen Möglichkeiten des Landes sowie deren Einfluss auf Vorbereitung, Verlauf und Ergebnisse des bewaffneten Kampfes.

Nach Auffassung der marxistischen Militärtheoretiker lagen dem bewaffneten Kampf und damit auch der operativen Kunst bestimmte Gesetzmäßigkeiten zugrunde. Die Gesetze des bewaffneten Kampfes waren für sie allgemein verbindliche Normen objektiver Zusammenhänge, die sich im Wesentlichen unter gleichen Bedingungen wiederholten, den Verlauf und Ausgang der Kampfhandlungen bestimmten und sich durch relative Beständigkeit auszeichneten. Sie hatten aufgrund ihres historischen, komplexen und objektiven Charakters einen bestimmenden Einfluss auf die operativen Planungen, folglich den tatsächlichen Planungen für den Krieg. Daher erforschte die sowjetische Militärwissenschaft den Inhalt der Gesetze des bewaffneten Kampfes, den Charakter ihrer Wirkungsweise und ihre Erscheinungsformen anhand der historischen konkreten Bedingungen des Krieges und formulierte Prinzipien und Regeln, die eine effektive Ausnutzung dieser Gesetze seitens der Befehlshaber, Kommandeure und Stäbe bei ihrer praktischen Tätigkeit sicherstellten.

Hieraus ergab sich für den Befehlshaber die Pflicht, sich die Gesetze des bewaffneten Kampfes theoretisch anzueignen, um ihre Wirkung mit höchstmöglichem Effekt bei der Organisation, Vorbereitung und Durchführung der Operation zu nutzen. Aus den Wirkungsbedingungen der Gesetze und Prinzipien des bewaffneten Kampfes hatte der Befehlshaber Handlungsanweisungen für den zweckmäßigen Einsatz seiner Kräfte und Mittel im Prozess des bewaffneten Kampfes abzuleiten. Die nicht zuletzt aus der Geschichte der Kriegskunst hergeleiteten Gesetze oder Prinzipien konnten jedoch angesichts neuer Entwicklungen ihre Bedeutung verlieren oder mussten modifiziert werden. Beispielhaft sind hier die Bedingungen für den Kernwaffenkrieg zu nennen, für den es keinen historischen Vorläufer gab.

Auf den Gesetzen des bewaffneten Kampfes gründete sich die Kriegskunst. Diese umfasste alle militärischen Handlungen und war durch den Charakter der jeweiligen Gesellschaftsordnung bestimmt. Diente sie dem Sozialismus, galt sie als fortschrittlich, diente sie dem „Imperialismus und dessen aggressiven Zielen“, wurden sie als reaktionär eingeschätzt.

Ursprünglich bestand die Kriegskunst aus Strategie und Taktik. Im marxistischen Sinne wurde unter Strategie die Theorie und Praxis des Einsatzes von Streitkräften zur Erreichung politischer Ziele und unter Taktik die Lehre vom Gefecht verstanden. Im deutschen Kaiserreich entwickelte der Generalstab, verursacht durch das Entstehen der Massenheere und der damit verbundenen Führungsprobleme sowie der gewachsenen räumlichen Ausdehnung der Schlachtfelder Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zwischenstufe: die operative Kunst. Sie handelte von der Operation, verstanden als die Gesamtheit von Gefechten und Schlachten in einem größeren Raum.

Die Rote Armee griff die in Deutschland ausgearbeitete Dreiteilung der Kriegskunst nach dem Ersten Weltkrieg nicht zuletzt nach intensiven Kontakten mit der Reichswehr in den 1920er-Jahren auf. In der innersowjetischen Diskussion über die Vor- und Nachteile einer Ermattungs- oder Vernichtungsstrategie setzten sich in dieser Zeit die Vertreter der Vernichtungsstrategie um den Generalstabchef und späteren Marschall der Sowjetunion, Michail N. Tuchatschewski, und seinen Stellvertreter, General Wladimir K. Triandafillow, durch. Sie entwickelten die Methode der tiefen Operation, die 1935 offizielle Doktrin der Roten Armee wurde. Aus der Erstarrung der beweglichen Kriegführung im Ersten Weltkrieg und in Auswertung der durch die Zusammenarbeit mit der Reichswehr gewonnenen Erfahrungen zogen sie die Konsequenz, nach erfolgreichem Durchbruch durch das Verteidigungssystem könnten mit modernen Kampfmitteln wie Panzern und Flugzeugen in der Tiefe des Raumes Gefechte beweglich geführt werden. Dazu sollte der mathematisch genau berechnete Angriff nach exakt vorgegebenem Ablauf mit gleichzeitigem massiertem Einsatz aller Kampfmittel erfolgen. Nach erfolgreichem Durchbruch der motorisierten Kräfte war geplant, den Gegner im Hinterland beweglich zu zerschlagen. Diese Operationsführung war ebenso wie die deutsche streng offensiv ausgerichtet.

Nachdem im Rahmen der stalinistischen Säuberungen 1936 bis 1939 Tausende führende Offiziere, darunter die wichtigsten Vertreter der offensiven tiefen Operation wie Tuchatschewski liquidiert worden waren, trat die Doktrin der tiefen Operation in der innersowjetischen Diskussion gegenüber der stärkeren Betonung der Verteidigung zeitweilig in den Hintergrund. Letztlich setzten sich die Vertreter einer offensiven Operationsführung aber durch. Das aus den Erfahrungen des russischen Bürgerkrieges herrührende, aber auch von dem deutschen operativen Denken abgeleitete Offensivprinzip, das davon ausging, ein zukünftiger Krieg müsse offensiv geführt und der Gegner auf seinem eigenen Territorium vernichtet werden, blieb maßgeblich. Dies schlug sich in der sowjetischen Felddienstvorschrift von 1939 wie folgt nieder: „Wir werden den Krieg offensiv führen und ihn in das Land des Gegners hineintragen. Die Rote Armee wird bis zur Vernichtung und völligen Zerschlagung des Gegners kämpfen.“7)

Die Entwicklung der Roten Armee unter Josef W. Stalin in den 1930er-Jahren verlief daher unter der klaren Vorgabe einer offensiven operativen Kriegführung. Dass die Rote Armee aber zu einer beweglichen offensiven Operationsführung Ende der 1930er-Jahre nicht befähigt war, zeigte zunächst der sowjetische Angriff gegen Finnland 1939/40, später auch die Reaktion auf den deutschen Überfall 1941. Während die Wehrmacht in den ersten Kriegsmonaten die Fähigkeit zur beweglichen Operationsführung demonstrierte, misslang die von sowjetischer Seite geplante offensive Verteidigung. Erst im Verlauf des Krieges drängte die Rote Armee durch gestaffelte Offensiven die deutsche Wehrmacht bis Ende September 1943 auf die „Pantherstellung“ entlang der Narva, Desna und des Dnjepr zurück. Sie erzielte bis zum Jahresende 1943 tiefe Einbrüche in das deutsche Stellungssystem.

Die Rote Armee ging also erst nach mehrjährigen strategischen Verteidigungshandlungen zur Gegenoffensive über. In diesen Jahren entwickelte sie, vor dem Hintergrund des Aufbaus der Luftstreitkräfte, der Schaffung operativer Vereinigungen von Panzer- und mechanisierten Truppen, der qualitativen und quantitativen Ausrüstung der Truppen mit neuen Artilleriesystemen (Katjuscha-Werfer), der Vorbereitung und Führung von Angriffsoperationen mit Kräften mehrerer Fronten die operative Kunst entschieden weiter und führte in den letzten Kriegsjahren Operationen im Armee- und Frontmaßstab erfolgreich durch. Dazu gehörten die aufeinander abgestimmten Operationen an mehreren Fronten und mit einer Tiefe von bis zu 600 Kilometern wie im Fall der Belorussischen sowie der Weichsel-Oder-Operation.

Die Ziele der Operation waren die Vernichtung großer gegnerischer operativer Gruppierungen, die Zerschlagung wichtiger ökonomischer Zentren des Gegners oder die Eroberung eines Objekts oder Abschnitts mit operativer oder strategischer Bedeutung, was zu einer günstigen Entwicklung der nachfolgenden Handlungen in derselben oder in einer anderen operativen oder strategischen Richtung beitrug. Daher umfasste die Durchführung der Operationen operative Vereinigungen wie auch selbstständige Operationen von Vereinigungen verschiedener Waffengattungen oder von Teilen der Streitkräfte.8)

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Rote Armee nachgewiesen, im Rahmen der operativen Kunst weiträumige operative Kampfhandlungen führen zu können. Sie war nun in der Lage, den Krieg auf das Territorium eines potenziellen Angreifers zu tragen und diesen dort zu schlagen. Ihr Auftrag war es nunmehr, weitere Invasionen mit ihren für das Land verheerenden Folgen unter allen Umständen zu verhindern.

Der Furcht vor weiteren Invasionen lagen traumatische russische Erfahrungen aus der Geschichte zugrunde. Diese basierten nicht nur auf dem weiten Vordringen der Mittelmächte bis an das Kaspische Meer 1918, den Interventionen der Westmächte im russischen Bürgerkrieg am Ende des Ersten Weltkrieges, v.a. auf dem Überfall Deutschlands von 1941, sondern auch auf weiter zurückliegenden kollektiven historischen Erfahrungen. War doch die Rus9) über die Jahrhunderte von mongolischen, tatarischen, polnischen, deutsch-schwedischen sowie französischen Invasoren immer wieder in ihrem Kernbestand bedroht oder wie im Falle der Mongolen vom 12. bis 14. Jahrhundert zu großen Teilen besetzt gewesen. Auch wenn die Russen letztlich alle Invasoren abwehren konnten, waren die Siege immer mit großen Verwüstungen, beispielsweise dem „Brand Moskaus“ 1812, und hohen materiellen sowie personellen Verlusten einhergegangen.

Während die sowjetische Führung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf politischer Ebene eine defensive Ausrichtung der Außenpolitik zur Wahrung des Status quo betrieb, blieb die Rote Armee operativ weiterhin eindeutig offensiv ausgerichtet. Die Offensive war das grundsätzliche Mittel operativ-strategischer Handlungen. Von Kriegsbeginn an sollte durch entschlossene und aktive Kampfführung ebenso wie im operativen Denken des deutschen Heeres im Zeitalter der Weltkriege so schnell wie möglich die Initiative errungen werden. Der traditionellen offensiven Operationsführung lag neben den historischen Erfahrungen sowie den militäroperativen Überlegungen auch eine ideologische Komponente zugrunde. Der Marxismus-Leninismus war prinzipiell in der Verbreitung seiner Ideologie offensiv ausgerichtet. Der sich aus der Ideologie zwingend ergebende revolutionäre Charakter eines Krieges, nicht zuletzt auch zur Unterstützung sozialistischer Revolutionen in Nachbarländern und dem damit verbundenen zwangsläufigen Eintritt der Weltrevolution, musste geradewegs zu einer offensiven Ausrichtung der Kriegführung beitragen. Ein dauerhaftes Festhalten am Status quo war ideologisch schwer vertretbar. Ein Konflikt mit dem imperialistischen Gegner war dem politischen Wesen nach der entscheidende bewaffnete Konflikt der sich antagonistisch gegenüberstehenden gesellschaftlichen Systeme des Kapitalismus und des Sozialismus.

Mit der Einführung der Nuklearwaffen hatte sich das Kriegsbild im Vergleich zu dem des Zweiten Weltkrieges jedoch entscheidend gewandelt. Ein Krieg zwischen beiden Blöcken wäre nach sowjetischen Vorstellungen ein thermonuklearer Krieg geworden. Angesichts des neuen nuklearen Kriegsbildes mussten Theorie und Praxis der operativen Kunst den veränderten Bedingungen angepasst werden.

Die operative Kunst bot dazu die Möglichkeit. Sie beschränkte sich nämlich nicht auf eine Teilstreitkraft, sondern beinhaltete unter Berücksichtigung ihrer technischen Ausrüstung, ihrer Struktur und ihrer daraus sich ergebenden spezifischen Besonderheiten die operative Vereinigung aller Teilstreitkräfte im bewaffneten Kampf.10) Sie hatte zum einen die Aufgabe, die theoretischen Grundsätze für die operativen Vereinigungen aller Streitkräfte weiterzuentwickeln, zum anderen, für die einzelnen Teilstreitkräfte gemäß ihren Fähigkeiten konkrete Empfehlungen zu geben.

Der Schwerpunkt lag dabei nach wie vor auf der Führung von Gefechtshandlungen und Operationen in der Anfangsphase eines Krieges. Eine grundlegende Änderung der operativen Kunst im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg fand jedoch nicht statt. Auch im erwarteten Nuklearkrieg sollten ein überraschender Überfall unterbunden oder verhindert, von Anfang an die Initiative errungen, die staatliche Leitung des Gegners durch Angriffe desorganisiert, das militär-ökonomische Potenzial des Gegners niedergehalten und entscheidende Schläge gegen die Streitkräfte des Gegners geführt werden, um den Sieg in kürzester Zeit zu gewährleisten.11)

 

 

 

 

Trotz des durch die Nuklearwaffen veränderten Kriegsbildes hatte die operative Kunst weiterhin die Erfahrungen früherer Kriege, insbesondere des Großen Vaterländischen Krieges, zu berücksichtigen.

In den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die sowjetische Strategie trotz der theoretischen Festlegung auf die Offensive eher defensiv ausgelegt und mangels Nuklearwaffen auf die konventionelle Kriegführung im Stile des „Großen Vaterländischen Krieges“12) ausgerichtet. Mit der Detonation der ersten eigenen Atombombe im August 1949 wurde die Sowjetunion neben den USA zur zweiten Nuklearmacht. Bis zu Stalins Tod im März 1953 wirkte sich der Besitz von Nuklearwaffen kaum auf die Militärstrategie der Sowjetunion aus.

Ab Mitte der 1950er-Jahre begannen die sowjetischen Militärtheoretiker die Nuklearwaffen jedoch verstärkt in die Kriegskunst und damit in die operative Kunst zu integrieren. Parallel zur Entwicklung der Schützen- und mechanisierten Divisionen zu modernen Mot.-Schützendivisionen erfolgte der Aufbau der Strategischen Raketentruppen. Sie rückten ab 1959 in das Zentrum der Aufmerksamkeit der sowjetischen Militärstrategen und damit auch der operativen Kunst. Unmissverständlich hieß es: „Raketentruppen strategischer Bestimmung sind die Hauptart der Streitkräfte (Hauptteilstreitkraft).“13) Als Hauptteilstreitkraft hatten sie die Aufgabe, bis in die Tiefe des Kriegsschauplatzes die ökonomischen Zentren und die wichtigsten Objekte des Gegners zu zerstören sowie größere Gruppierungen der gegnerischen Kräfte und seine Kernwaffenkapazitäten zu vernichten.

Zukünftig, so die sowjetischen Militärwissenschaftler, sollten im Falle eines Krieges mit dem westlichen Bündnis sofort massive taktische und strategische Nuklearschläge erfolgen. Auch wenn die sowjetische operative Kunst weiterhin davon ausging, dass die operativen Vereinigungen der konventionellen Landstreitkräfte die entscheidende Rolle bei der Vernichtung der gegnerischen Gruppierungen spielen, verloren sie, wie zeitgleich auch in der NATO, aufgrund dieser Entwicklung an Bedeutung. Fiel ihnen doch in dieser Strategie in erster Linie die Aufgabe zu, die nach einem Nuklearschlag noch existierenden gegnerischen Gruppierungen zu zerschlagen und das gegnerische Territorium zu besetzen.

 

 

Gegen Ende der 1960er-Jahre rückten die konventionellen Kräfte wieder stärker in das Zentrum der operativen Kunst. Die Kernwaffen blieben zwar das Hauptvernichtungsmittel zur schnellen Zerschlagung gegnerischer Gruppierungen. Doch die Möglichkeit des Einsatzes schneller beweglicher Truppen zur Zerschlagung der gegnerischen Gruppierung trat nun hinzu. Durch eine zweckmäßige Führung und hohen moralischen Kampfgeist der Truppen war beabsichtigt, Operationen mit höchstem Tempo in weiten geographischen Räumen und damit in großer Tiefe zu führen. Die Voraussetzung dafür war eine hohe Manövrierfähigkeit der Truppen. Diese sollte das Ergreifen und Behalten der Initiative während der Operationen sicherstellen. In Kombination mit dem Masseneinsatz von Kernwaffen und schneller offensiver Kriegführung wollte man die Ziele der Operationen in kürzester Frist erreichen. Die Luftstreitkräfte hatten neben dem Kampf gegen die gegnerischen Luftstreitkräfte den Auftrag, die Landstreitkräfte zu unterstützen. Auch wenn den Raketentruppen weiterhin die entscheidende Rolle zufiel, hieß es nunmehr, die Ziele moderner Operationen seien nur mit der operativen Vereinigung aller Streitkräfte zu erreichen. Die Zusammensetzung der jeweiligen operativen Vereinigungen sollte entsprechend den geographischen und politischen Bedingungen der unterschiedlichen Kriegsschauplätze erfolgen. Als eine weitere zentrale Voraussetzung für den Erfolg galt die ständige Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft, um einen imperialistischen Angriff jederzeit abwehren und sofort zur Gegenoffensive übergehen zu können.

Das Ziel bestand dabei darin, durch den Gewinn der Initiative einen Kernwaffenangriff des Gegners zu verhindern. Auch wenn die sowjetische Militärwissenschaft die Führ- und Gewinnbarkeit eines Nuklearkrieges nie gänzlich ausschloss, trat in den 1970er-Jahren die konventionelle Form eines Krieges wieder stärker in den Vordergrund. Dies hatte im Rahmen der operativen Kunst wie oben schon erwähnt auch Auswirkungen auf die Landstreitkräfte. Sie rückten nun wieder als die entscheidende Streitmacht zurück in das Zentrum der operativen Kunst, während die Strategischen Raketentruppen an Bedeutung verloren, dennoch als Mittel zur „Erringung des Sieges“ weiterhin in Betracht gezogen wurden.

Die operativen Vereinigungen der Landstreitkräfte hatten im Rahmen der operativen Kunst folgende Aufgaben: Sie sollten in enger Verbindung mit den operativen Vereinigungen der Luftstreitkräfte aktive und entschiedene offensive Operationen führen und den Sieg über den Gegner erringen. Als grundlegende operative Vereinigung der Landstreitkräfte galt die Armee, ihr übergeordnet die operative Vereinigung der Front. Die Hauptart der Operationen der Landstreitkräfte war die Angriffsoperation. Lediglich eine aufgezwungene zeitweise Verteidigungsoperation war möglich.

Das Ziel der gemeinsam mit Luft- und wenn notwendig mit den Seestreitkräften zu führenden Angriffsoperation einer Front war es, die Entfaltung der gegnerischen Gruppierungen zu verhindern, sie zu zerschlagen und die erstrangigen ökonomischen und politischen Zentren des Gegners zu besetzen.

 

 

Je nach Aufgabenstellung konnte die Tiefe einer Angriffsoperation der 1. operativen Staffel bis zu 1.000 km oder mehr (z.B. bis an die Atlantikküste) reichen. Eine Frontoperation teilte sich dabei in zwei nacheinander folgende Armeeoperationen auf. Theoretisch ging die sowjetische Militärwissenschaft noch in den 1970er-Jahren von einer durchschnittlichen Angriffsgeschwindigkeit von 100 km in 24 Stunden aus. Als Zeitansatz für eine Frontoperation wurden 14 bis 30 Tage angenommen.

Die Angriffsoperation hatte nach folgenden Grundzügen zu erfolgen:

- gleichzeitige und aufeinanderfolgende Kernwaffenschläge auf die gesamten Gruppierungen des Gegners,

- schnelle und bewegliche Kampfhandlungen zur Erringung und Erhaltung der Initiative,

- zielgerichtete Angriffshandlungen von Panzer- und Mot.-Schützenverbänden,

- aufeinanderfolgender Einsatz von Luftlandetruppen,

- Schwerpunktbildung in der entscheidenden Angriffsrichtung,

- keine zusammenhängende Frontenbildung, um so Schläge in die Flanke und den Rücken des Gegners führen zu können,

- schnelle Reaktion auf Lageveränderungen,

- schneller Übergang von einer Kampfart zur anderen,

- ununterbrochene Führung der Kampfhandlung bei Tag und Nacht unter hoher Mobilität der Angriffsverbände,

- enges Zusammenwirken von Land- und Luftstreitkräften.14)

Für den Beginn der Kampfhandlungen erwartete die sowjetische Militärwissenschaft nach den Kernwaffenschlägen entweder eine Folge von Begegnungsschlachten oder einen Angriff in die Tiefe der gegnerischen Verteidigung. In der Angriffsoperation galt es, die gegnerischen Gruppierungen in unterschiedliche Angriffsrichtungen in der Tiefe des Raumes aufzuspalten und nach Teilen zu zerschlagen. Auch wenn für den Angriff der Panzer- und Mot.-Schützenverbände die schwächste Stelle in der gegnerischen Verteidigung genutzt werden sollte, war das Ziel des Hauptschlages immer im Auge zu behalten. Im Verlauf der Operation waren je nach der Lage Veränderungen der Richtung des Hauptschlages möglich. Die Überlegenheit an eigenen Kräften und Mitteln in Richtung des Hauptschlages musste gewährleistet sein.

Auch wenn die sowjetische Militärwissenschaft die Angriffsoperationen eindeutig bevorzugte, analysierte sie alle Möglichkeiten von Verteidigungsoperationen. Diese galten jedoch als Ausnahme von der Regel und waren nur in eindeutig definierten Lagen erwünscht. „Die Verteidigungsoperation ist eine zeitweilige und gezwungenermaßen geführte Art der Gefechtshandlungen. Hauptsächlich wird sie geführt in zweitrangigen Richtungen des Kriegsschauplatzes, dort wo der Angriff nicht zweckmäßig ist. ... Die Verteidigung mit allen Kräften oder den Hauptkräften der Front wird nur als außerordentlich seltener Ausnahmefall betrachtet.“15)

 

 

Verteidigungsoperationen hatten die Verhinderung oder die Abwehr eines mit überlegenen Kräften geführten gegnerischen Angriffes zum Ziel. Dabei sollten dem Gegner, unter Aussparung eigener Kräfte und Mittel, große Verluste zugefügt werden. Es galt, eroberte Räume und Schlüsselpositionen zu halten, die Flanken zu sichern und v.a. Zeit für geplante Gegenangriffe zu gewinnen. Die Verteidigung hatte in einer hinreichenden Tiefe zu erfolgen und sollte mit beweglichen Gefechtshandlungen in den erforderlichen Richtungen geführt werden.

Die zentrale Aufgabe auch in der Verteidigung war die Vorbereitung und Durchführung eines Gegenschlags. Er galt als die Hauptmethode einer entschlossenen und aktiven Verteidigung und war wenn möglich auch in Verbindung mit Kernwaffenschlägen zu führen. Der Verteidigungsstreifen einer Front betrug 500 km und mehr, der einer Armee 150 und in Ausnahmefällen eines Armeekorps bis 50 km. Letzte Kennziffern hingen freilich vom Kampfbestand eines Armeekorps16) ab, der in der Regel drei Divisionen betrug.

 

Die Umsetzung der operativen Doktrin

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der operativen Kunst war die sorgfältige Vorbereitung und Organisation einer Operation, verbunden mit ihrer festen und ständigen Führung.

Ein für die operative Kunst maßgebliches Gesetz besagte, „dass jene Seite siegt, die in der entscheidenden Richtung zum entscheidenden Zeitpunkt ein Übergewicht an Kräften und Mitteln zu schaffen und aufrechtzuerhalten vermag“.17) Angesichts dieses Grundsatzes, so die sowjetische Militärwissenschaft, war es zur Erfüllung der Aufgaben der Angriffsoperation außerordentlich wichtig, die Anstrengungen entschlossen und im entscheidenden Moment in der Hauptrichtung zu konzentrieren. Daraus entwickelte sich die Forderung an den Befehlshaber, die Richtung des Hauptstoßes sorgfältig auszuwählen, die Überraschung zu sichern und so günstige Bedingungen für die Konzentrierung der Entfaltung der Truppen, für Manöver und für den schnellen Vorstoß in die Tiefe der gegnerischen Verteidigung in der befohlenen Zeit zu schaffen.

Von zentraler Bedeutung für den Oberkommandierenden, die Befehlshaber und deren Mitstreiter war die Fähigkeit, „operativ- strategisch“ zu denken. Dazu gehörten Kenntnisse der Strategie, der operativen Kunst und der Taktik sowie die Aneignung von Fähigkeiten zur Führung von Kampfhandlungen unter Nutzung praktischer Erfahrungen von Kommandostabsübungen, Übungen und Manövern. Eine Hauptquelle für die Entwicklung des operativ-strategischen Denkens bildete das Studium der Militärgeschichte, insbesondere die Analyse der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und deren Anwendung unter den veränderten geopolitischen Bedingungen moderner Kriegführung.

Zur effizienten Erfüllung der militärischen Aufgaben bedurfte es einer effektiven Vorbereitung der Führungsorgane,18) Stäbe und Truppen sowie des Einsatzraumes. Zur Minimierung von Risiken und Verlusten für die eigenen Elemente des operativen Aufbaus19) galt es besonders den Zeitfaktor, die zweckmäßige Art der Kampfhandlung und nicht zuletzt die psychologische Vorbereitung des Personals zu beachten. Die Grundvoraussetzungen für den beabsichtigten Erfolg der strategischen und operativen Führungsebene waren intellektuelle Fähigkeiten, ein umfassendes Wissen der operativen Kunst und Taktik, Kenntnisse über den Einsatz der Waffengattungen und Dienste, der Sicherstellung und nicht zuletzt der feste Wille zum Erreichen der militärischen Ziele.

Das erforderte, dass sich der Befehlshaber und die Kommandeure in der übergeordneten Führungsebene das Vermögen aneigneten, in zwei bis drei Ebenen zu planen. Führungskader mussten zudem in der Lage sein, die Entwicklung der Kampfhandlungen vorauszusehen, rechtzeitig und selbstständig Entschlüsse zu fassen und die Aufgabenstellungen entsprechend der Lageentwicklung zu korrigieren. Dabei hatten sie sich auf die entscheidende Richtung, unter maximalem Ansatz der Kräfte und Mittel, zu konzentrieren. Darüber hinaus mussten sie in der Lage sein, bereits während der Operation die nachfolgenden Kampfhandlungen unter veränderten Bedingungen zu planen und bei Erfordernis energisch umzusetzen.

Der Begriff „operativ-strategisches Denken“ umfasste viele verschiedene Elemente. Er schloss geopolitische Kenntnisse der Kriegsschauplätze, der operativen Richtungen und das Verständnis ein, moderne Formen militärischen Handelns anzuwenden. Nach sowjetischer Auffassung waren das die Ebenen Strategie, operative Kunst und Taktik. Die Strategie befasste sich mit dem Kriegsschauplatz, die operative Kunst mit den Operationsrichtungen und die Taktik mit dem Gefechtsstreifen.

Die strategische Ebene beschrieb, wie und mit welchen militärischen Kräften und Mitteln die Zielsetzung auf dem Kriegsschauplatz erreicht werden sollte. Ihr fiel damit auch die Verantwortung für die unmittelbare Umsetzung der politischen Ziele in militärische Handlungen auf den Kriegsschauplätzen zu. Das erforderte die Konzipierung und Koordinierung von Armee- und Frontoperationen durch die Oberkommandierenden und Befehlshaber im Interesse der strategischen Operation.

Im Unterschied vom operativen und strategischen Denken des Oberkommandierenden bzw. Befehlshabers befasste sich der taktische Kommandeur mit der Theorie und Praxis des Einsatzes von Verbänden, Truppenteilen und Einheiten in Gefechten. In seinen Aufgabenbereich fiel daher das Zusammenwirken der verschiedenen Waffengattungen und benachbarter Truppen im Interesse der Operation. Hinsichtlich der Faktoren Raum, Zeit und Kräfte erfüllte der Kommandeur der taktischen Ebene Aufgaben in einem bestimmten Raum in kurzer Zeit.

Strategische und operative Zielsetzungen waren vom Umfang her größer, komplexer und vielschichtiger als taktische. Je größer der Umfang der militärischen Zielsetzung der Operation war, desto mehr Ungewissheiten flossen in die Lagebeurteilung ein.

Gegenstand des operativ-strategischen Denkens war die Operation. Sie wurde definiert als die Gesamtheit der nach Ziel, Aufgaben, Ort und Zeit abgestimmten und miteinander verbundenen Schlachten, Gefechte, Schläge und Manöver verschiedenartiger Truppen (Kräfte), die gleichzeitig und nacheinander nach einer einheitlichen Idee und nach einem einheitlichen Plan zur Lösung strategischer, operativ-strategischer, operativer oder operativ-taktischer Aufgaben auf den Kriegsschauplätzen, in einer strategischen oder Operationsrichtung oder in einem bestimmten Raum und in einem festgelegten Zeitraum durchgeführt werden.20)

Die militärischen Spitzen der strategischen und operativen Ebene mussten die Fähigkeiten besitzen, die Handlungen des Gegners korrekt zu antizipieren und rechtzeitig Entschlüsse zu fassen, mit denen sie den Absichten des Gegners begegnen konnten.

Die militärischen Führungsspitzen beurteilten, wie die Streitkräfte der Militärkoalition zur Erreichung des strategischen oder operativen Ziels beitragen können. Alle militärischen Handlungen sollten, mit einem Schachspiel vergleichbar, nicht Zug um Zug erfüllt werden, sondern mit wenigen Zügen den Gegner zur Aufgabe zwingen.

Deshalb beschäftigte sich die operativ-strategische Ebene mit der Frage, wie der Gegner unter Einsatz hinlänglicher Kräfte in kurzer Zeit vernichtet werden könnte. Das verlangte umfangreiche Kenntnisse über den Gegner, über seine militärischen Konzepte, Absichten und Möglichkeiten seines Handelns sowie über seine starken und schwachen Seiten. Dabei kam es besonders darauf an, die Lage zu analysieren und intuitiv die Handlungen des Gegners vorauszusehen.

Mit dem technologischen Fortschritt wurde auch das Zusammenwirken in der Operationsführung beeinflusst. Besondere Aufmerksamkeit galt daher der Ausnutzung der Waffenwirkung von operativen und taktischen Kräften und Mitteln wie Fliegerkräften, Raketentruppen, Luftsturmtruppen, operativen Manövergruppen oder Streifzugabteilungen. Zur effektiveren Führung schuf man gemeinsame Führungspunkte der Luftstreitkräfte und Luftverteidigungskräfte, luftbewegliche Führungspunkte und verschiedenartige Gefechts- sowie Wechselgefechtsstände. Den veränderten Bedingungen entsprechend wurden die Gefechts- und Mobilmachungsbereitschaft sowie die Aufmarschpläne angepasst.

Eine Voraussetzung für die Anwendung militärischer Machtmittel war die strategische oder operative Zielsetzung. Von Bedeutung erwies sich dabei die Beurteilung der Kräfteverhältnisse. Auch ein numerisch unterlegenes Kräftedispositiv kann durch Umgruppierung, Konzentrierung von Kräften und Mitteln in der Hauptschlagrichtung oder im Durchbruchabschnitt in einer oder mehreren Richtungen günstige Bedingungen für das Erreichen der operativ-strategischen Zielsetzung schaffen.

Sinn und Zweck der operativen Führungskunst war der vernünftige Einsatz von Kräften und Mitteln und der Wille, mit geringen Verlusten das ultimative Ziel zu erreichen. Außerdem schloss man nicht aus, dass auch ein schwächerer Gegner durch aktive, überraschende, entschlossene, ununterbrochene und zweckmäßig abgestimmte Handlungen seinem Widersacher entscheidende Verluste oder sogar eine Niederlage zufügen könnte.

Deshalb mussten die Befehlshaber und Kommandeure befähigt sein, auch unter komplizierten Lagebedingungen kooperativ zusammenzuarbeiten. Insofern übten sie periodisch die Planung, Organisation und Führung von Armeen und Divisionen sowie deren Sicherstellung im Frontmaßstab.

Für den militärischen Führer kam es darauf an, so schnell wie möglich die Initiative zu ergreifen und beizubehalten, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen, die Kampfhandlungen zu diktieren oder die Handlungsfreiheit des Gegners einzuschränken; dabei hatte er sich auf seine Rolle und auf die Zielsetzung der Frontoperation zu konzentrieren.

Dies bedeutete, dass sich die Führungsspitzen dem Erreichen der übergeordneten Zielsetzung stellen und alle ihre Kräfte und Mittel dieser Aufgabe unterordnen mussten. Die alleinige Konzentration auf die Operation und Strategie durfte keinesfalls die taktische Ebene vernachlässigen, denn das Gefecht wurde als einziges Mittel zur Erringung des Sieges angesehen.21)

Die Führung von Operationen und Gefechten setzt das gemeinsame Verständnis operativen und taktischen Denkens voraus. Dies ist umso wichtiger, wenn es sich um Operationen im Rahmen eines Bündnisses handelt. Angesichts dieser Tatsache war die gemeinsame theoretische und praktische Ausbildung von Führungskadern an den nationalen und sowjetischen Militärakademien die wichtigste Voraussetzung für die Umsetzung des sowjetischen operativ-strategischen Denkens. Die Ausbildung zielte also folgerichtig darauf ab, einen einheitlichen Ausbildungsstand der Führungskader in der WVO zu gewährleisten. Die Absicht der professionellen Erziehung von Befehlshabern, Kommandeuren und Offizieren bestand darin, die mentale Beweglichkeit, Kreativität und das innovative Denken zu steigern. Sie mussten persönlich Verantwortung für ihre Entschlüsse übernehmen und in der Lage sein, neben den Aufgaben der laufenden Operation Bedingungen für die Planung und Führung nachfolgender Operationen vorzubereiten und allseitig abzusichern.

Die Erziehung und Ausbildung von Führungskadern setzte in der Regel nach der Verwendung als Kompaniechef ein. Offiziere mit den besten Voraussetzungen wählte man beizeiten für ein Studium der Militärwissenschaft aus, um sie danach bei nachgewiesener politischer Zuverlässigkeit je nach Eignung und Leistung in der Truppe oder in den Stäben auf entsprechenden Führungspositionen einzusetzen. Die einheitliche Erziehung und Ausbildung hatte zum Ergebnis, dass die Führungsspitzen die gleiche Sprache anwandten und sich zur Umsetzung operativer Planungen auf gemeinsame Grundlagen, Formen, Methoden, Handlungen und Begriffe stützten.

 

 

An den Militärakademien bot das umfangreiche Studium der Geschichte der Kriegskunst Gelegenheit, aus den Entschlüssen eigener militärischer Führer und denen des Gegners zu lernen und von deren Fehlern zu profitieren. Ihr Studium diente als Grundlage für die Erziehung, um Kampferfahrungen zu verallgemeinern und mögliche Wege zu ihrer weiteren Vervollkommnung zu begründen. Die Lehren aus vergangenen Kriegen wie auch aus dem Ost-West-Konflikt galten als zweckdienlich für das Verständnis gegenwärtiger und kommender Kriege, denn ohne die Kenntnis vergangener militärischer Probleme, so die Lehrmeinung, waren die Herausforderungen der Zukunft kaum zu meistern. Dabei erwies sich die kritische Wertung vergangener Kriege, insbesondere von Feldzügen und Operationen, als eine wichtige Quelle für die Entwicklung des operativ-strategischen Denkens künftiger Führungseliten. Auch wenn historische Beispiele aus der jüngsten Geschichte und deren Umsetzung unter den zeitgemäßen Bedingungen praktikable Lösungsansätze für die Ausarbeitung der modernen Militärtheorie boten, lag der Schwerpunkt der geschichtlichen Auswertung auf dem „Großen Vaterländischen Krieg“. Viele der Operationen dieser Jahre waren analysiert worden. Sie dienten als Quelle für die Ausarbeitung der Militärtheorie sowie der Vorbereitung der Militärkader. Man erachtete es als notwendig, aus diesen Erfahrungen zu lernen und die Schlussfolgerungen in der eigenen Tätigkeit anzuwenden.22)

Folgerichtig diente das Studium der Geschichte der Kriegskunst an den Militärakademien der Sowjetunion vorrangig dem Ziel, an konkreten Beispielen aus den Operationen wichtige Parameter zu analysieren, um den Einsatz von Kräften und Mitteln besser zu verstehen, bestimmte Inhalte, Regeln, die Reihenfolge und die Arbeitsmethoden der Befehlshaber und Stäbe, der Chefs der Waffengattungen und Dienste sowie Spezialtruppen herauszuarbeiten.

Die Führungsorgane und Stäbe der Streitkräfte der WVO waren von der Systematik, Folgerichtigkeit, der Methodik und den Inhalten der Militärtheorie durchdrungen. Die große Bedeutung, die dem moralischen Faktor und besonders der ideologischen Beeinflussung beigemessen wurde, bewirkte jedoch oft starre politische Einstellungen und Überzeugungen, die einer flexiblen Führung des Öfteren im Wege standen. Die Parteiführung glaubte jedoch dogmatisch, dass durch die politische Überzeugung erfolgreich Kampfaufgaben zu erfüllen seien.

Die Theorie der operativen Kunst und Taktik reflektierte sich in Vorschriften, Schriftenreihen und in Lehrmaterialien. Darin waren Kampferfahrungen, Erfahrungen aus taktischen Übungen und Kommandostabsübungen der Nachkriegsperiode sowie Ergebnisse theoretischer Untersuchungen verallgemeinert. Diese Kenntnisse waren wichtig für das Verständnis der Theorie und das Wesen der Operation und des Gefechts. Insofern war die selbstständige Arbeit bei der Aneignung der operativen Kunst und Taktik unverzichtbar. Theoretisches Wissen allein reichte nicht aus, um Truppen zu führen. Die Operation und das moderne Gefecht erfordern fortwährend veränderte oder neue Methoden des Einsatzes von Kräften und Mitteln.

Dazu dienten Übungen unterschiedlicher Art und Führungsebenen, um die Theorie in der Praxis der Vorbereitung von Operationen (Kampfhandlungen) operativer Verbände und Streitkräfte zu trainieren, aber auch um den Charakter der Operation, Prinzipien ihrer Vorbereitung und Durchführung, die Strukturen, Möglichkeiten des Einsatzes, Probleme der Truppenführung und Sicherstellung anhand konkreter Lagen zu untersuchen. Die besten Lehren waren die eigenen Erkenntnisse bzw. die verallgemeinerten Erfahrungen in Auswertung von Übungen.

Die Übungstätigkeit in Friedenszeiten war daher ein zentrales Element der Ausbildung, um die Offiziere zu Entschlossenheit, Mut und Beharrlichkeit sowie zur Übernahme von Verantwortung für ein initiativreiches Handeln zu erziehen. Unter den Bedingungen schnell ablaufender Operationen und Gefechte kam dem Kampf um Zeitgewinn besondere Bedeutung zu. Die Führungsorgane und Stäbe mussten befähigt werden, in kürzester Zeit die Lage zu beurteilen, den Entschluss unverzüglich zu fassen und den Nachgeordneten sofort die Aufgaben zu stellen. Bei Übungen und Ausbildungsvorhaben lag der Schwerpunkt daher stets auf dem Faktor Zeit. In der Praxis bedeutete dies das schwerpunktmäßige Üben der zeitgerechten Lagebeurteilung und schnellen Entschlussfassung, verbunden mit einer klaren Befehlserteilung sowie deren raschen Umsetzung in militärisches Handeln.

Die Entschlussfassung war angesichts des sich aus der operativen Zielvorgabe der schnellen Vernichtung des Gegners ergebenden ungeheuren Zeitdrucks von der Front bis zur Divisionsebene standardisiert. Das setzte ein hohes Niveau der operativ-taktischen Ausbildung und Fertigkeiten in der operativen und der Truppenführung voraus, die es zu bewahren und zu verbessern galt.

In der Ausbildung von operativen Offizieren war die Vermittlung von Fähigkeiten, vielfältige Aufgaben zu lösen und zur gegenseitigen Ersetzbarkeit in der Lage zu sein, besonders wichtig. Dabei kam es auf einen hohen Grad an Flexibilität an, wobei innovative Lösungsansätze gefordert wurden. Ziel war die ständige Verbesserung präziser Aufgabenstellungen, die Kommunikation mit den Entscheidungsträgern und die Kooperation mit den Mitarbeitern. Trotz der allenthalben existierenden politischen Dogmatik durften solche Aspekte wie die Entwicklung von Eigenständigkeit und Initiative unter unterschiedlichen Zeit- und Lagebedingungen nicht vernachlässigt werden. Dazu diente auch eine effektive Zusammenarbeit mit den Vertretern der Teilstreitkräfte sowie mit den Chefs und Leitern der Waffengattungen, Spezialtruppen und Dienste.

Von den operativen, aber besonders von den Richtungsoffizieren23) wurde Eigenständigkeit in der Arbeit gefordert. Ihnen ging es im Kampf um die Zeit darum, nach effektiven Methoden der Aufgabenübermittlung, der Informationsübertragung und Führung der Truppen zu suchen. Diese Gelegenheiten hatten sie bei den vielfältigen Übungen und Ausbildungsvorhaben im Militärbezirk, durch Teilnahme an den nationalen und internationalen Übungen und Manövern unterschiedlichen Maßstabes. Übungen und deren Ergebnisse wurden täglich ausgewertet, in einem Auswertebericht erfasst, positive Erfahrungen verallgemeinert und negative Ergebnisse angesprochen. Für Führungskader kam es darauf an, Verantwortung wahrzunehmen und die Unterstellten sachgerecht auszubilden.

Noch bis Mitte der 1980er-Jahre wurden Truppenübungen im Regimentsmaßstab und Kommandostabsübungen der Führungsebene Division und des Militärbezirkes mit Führungsorganen, Stäben und Truppen im vollen Bestand durchgeführt.

 

 

Danach verzichtete man auf Übungen und Manöver großen Umfangs. Eine gute theoretische Vorbereitung war die Basis für ein zweckmäßiges praktisches Handeln. Dennoch war die Praxis die „Mutter der Wahrheit“.

 

 

Die Ausbildung und Übungstätigkeit beruhte auf den Auswertungen von zuvor durchgeführten Übungen der NATO, ihrer Konzepte und Einsatzoptionen. Das Hauptaugenmerk lag auf dem zweckmäßigen Einsatz der eigenen Kampftruppen, dem Einsatz und Zusammenwirken verschiedener Waffengattungen und Dienste, der Erarbeitung entsprechender Entschlüsse und Befehle.

Der Erfolg militärischer Handlungen hing der sowjetischen Militärdoktrin zufolge neben dem Ausbildungsstand maßgeblich von der Kampfmoral sowie der psychologischen und politischen Vorbereitung der Truppe ab. Die Politorgane hatten daher die Aufgabe, die Soldaten davon zu überzeugen, im Kampf härteste Bewährungsproben zu bestehen sowie hohe moralische und psychische Belastungen zu ertragen. Inwieweit v.a. der Einsatz von Kernwaffen den moralischen Wirkungsradius beeinflusst hätte, konnte jedoch niemand voraussehen.

Ein nuklearer Schlagabtausch hätte sicherlich nicht nur die Truppen betroffen, die dem Schlag unmittelbar ausgesetzt gewesen wären, sondern auch jene im Hinterland. Dennoch war die politische und militärische Führung der Auffassung, durch ein hohes politisches Bewusstsein der Soldaten, Organisiertheit, eiserne Disziplin, unerschütterliche Standhaftigkeit, Hartnäckigkeit und das Bestreben, die Aufgabe um jeden Preis zu erfüllen, ohne die Kräfte und selbst das Leben zu schonen, könnten die Truppen auch im Nuklearkrieg vor Kopflosigkeit, Panik und einer Niederlage bewahrt werden.24) Im Folgenden wird - um den Umfang des Beitrags nicht zu sprengen - die Entwicklung des operativen Denkens nur am Beispiel der Planung, Organisation und Durchführung von Angriffsoperationen dargelegt.

 

 

 

 

 

 

 

Ein wichtiger Bestandteil der operativen Kunst im Rahmen einer Angriffsoperation war die Überwindung von Wasserhindernissen und der Durchbruch von Zwischenverteidigungsabschnitten des Gegners aus der Bewegung. Die Besonderheit bestand darin, während der laufenden Operation bereits die nächste Aufgabe oder sogar die nachfolgende Operation vorzubereiten, um die Zerschlagung des Gegners ohne Pause zu vollenden. Die Notwendigkeit der Überwindung einer starken und tiefgestaffelten Verteidigung des Gegners erforderte die Schaffung starker Stoßgruppierungen auf Kosten der Verringerung der Breite des Angriffsstreifens der Armee, bei gleichzeitiger Erhöhung des Angriffstempos.

Der operative Verband (Armee) wurde je nach Lage flexibel aus selbstständigen Truppenteilen verschiedener Waffengattungen, Spezialtruppen und Diensten aus mehreren Divisionen, in besonderen Fällen aus Korps gebildet. Der Bestand einer Armee war daher nicht konstant, er wurde durch die zu lösende operative Aufgabe bestimmt. Je nach Zusammensetzung und Zweckbestimmung wurde umgangssprachlich in Armee (auch allgemeine Armee), Panzerarmee oder Luftarmee unterschieden.

Die Ausmaße der Operation wurden gewöhnlich durch vier Kriterien bestimmt: die Tiefe der Operation, die Breite des Streifens, das Angriffstempo und die Dauer der Operation. Die Ausmaße der Angriffsoperation waren abhängig vom Kampfbestand der Armeen.

Das mittlere Angriffstempo sollte in den 1980er-Jahren auf dem westlichen Kriegsschauplatz 30 bis 50 km am Tag betragen; es konnte in Abhängigkeit vom Gelände, einer stark befestigten und gestaffelten Verteidigung auch geringer sein. Es war angestrebt, ein hohes Angriffstempo durch den effektiven Einsatz von Vernichtungsmitteln und durch die schnelle Ausnutzung der dadurch erzielten Ergebnisse zu erreichen. Was die Breite des Angriffsstreifens der Armee betraf, so war sie abhängig vom Bestand, der Staffelung und dem geplanten Verlauf der Operation. Die Breite einer Division in der 1. Staffel konnte 10 bis 20 km betragen und die eines Regiments bis zu 5 km. Bei der Festlegung der Breite des Angriffsstreifens war in erster Linie die Schaffung einer entscheidenden Überlegenheit an Kräften und Mitteln über den Gegner in der Hauptschlagrichtung, bei gleichzeitiger Gewährleistung der Standhaftigkeit an übrigen Abschnitten der Front, aber auch der Möglichkeit zur Entfaltung von operativen Gruppierungen aus diesen Abschnitten einschließlich der Einführung (Einsatzes) der 2. Staffeln zu berücksichtigen.

 

Charakteristische Merkmale

Kernwaffen und andere hochtechnisierte Mittel des bewaffneten Kampfes veränderten den Inhalt der Operation und des Gefechts. Im Krieg wäre nicht mehr das bloße Aufeinandertreffen gepanzerter Fahrzeuge, Panzer, Artillerie und Fliegerkräfte zu erwarten gewesen, sondern jenes von Kernwaffenschlägen, sofern solche erfolgt wären, und von massiven konventionellen Schlägen der Artillerie, Raketentruppen und Luftstreitkräfte mit unvorstellbarem Ausmaß, Chaos, Verwirrungen und Deformationen erzeugend. Die Bedingungen des nuklearen, aber auch des konventionellen Krieges, hätten nicht nur zur Zerstörung Deutschlands und großer Teile Europas führen können, sondern auch zur Vernichtung der Menschheit.

Durch die entwickelten Fähigkeiten und Möglichkeiten der Streitkräfte beider Seiten hätten Kampfhandlungen an Dynamik gewonnen und eine größere Dimension angenommen. Die Truppenführung wäre mehr als zuvor durch Feuer und Bewegung, nach Ziel, Raum und Zeit abgestimmten Handlungen geprägt gewesen. Wie nie zuvor wären die Kampfhandlungen von der Operativität25) im Denken der Truppenführer beeinflusst worden.

In der WVO hat die taktische, operative und strategische Ausbildung des Offizierkorps in den jeweiligen Führungsebenen, von der NATO kaum wahrgenommen, eine systematische Entwicklung vollzogen und eine historische Leistungsfähigkeit erlangt. NVA-Offiziere profitierten von dem herausragenden Bildungsangebot an den Offiziersschulen und Militärakademien der DDR und der Sowjetunion, ferner von der analogen Ausbildungs- und Übungspraxis in den Streitkräften der WVO.

Besondere Bedeutung hatten die Voraussicht, die Initiative und die Selbstständigkeit bei militärischen Handlungen erlangt. Außerdem nahm die Wirksamkeit der operativen Tarnung zu, um den Gegner über die wahren Absichten zu täuschen. Einen höheren Stellenwert erhielt die Tätigkeit der Offiziere in Stäben und in den Streitkräften zur unmittelbaren koordinierten Vorbereitung der Kampfhandlungen, in der zeitgerechten und exakten Abstimmung der Aufgaben in der Operation und im Gefecht.

Die Organisation des Zusammenwirkens galt als unentbehrlich, um Kampfhandlungen erfolgreich führen zu können, weil die beteiligten Kräfte und Mittel entsprechend ihren spezifischen Einsatzmöglichkeiten in der Regel Teilaufgaben zu lösen hatten, die einander ergänzten und unmittelbar voneinander abhängig waren. Das Zusammenwirken war somit ein wesentlicher Teil der Arbeit der Befehlshaber, Truppenführer und Stäbe zum Fassen des Entschlusses und zur Aufgabenstellung an die Kommandeure der unterstellten Truppen. Es war nicht nur während der Vorbereitung der Operation und des Gefechts durchzuführen, sondern auch in seinem Verlauf, insbesondere dann, wenn wegen krasser Lageveränderungen die vorher getroffenen Festlegungen nicht mehr den realen Bedingungen der Operations- bzw. Gefechtsführung entsprachen.

Das Zusammenwirken wurde in der Regel im Gelände auf die taktische Tiefe bzw. optische Sicht, am Geländemodell oder anhand der Karte auf die gesamte Tiefe der Operation bzw. des Gefechts organisiert. Dabei koordinierten die militärischen Vorgesetzten die Hauptfragen des Zusammenwirkens. Sie bestimmten die Aufgaben der Truppen, die im Interesse der Verbände und Truppenteile, in Richtung des Hauptschlags im Angriff oder in der Konzentrierung der Hauptanstrengung in der Verteidigung zu leisten waren. Außerdem stimmten sie die Optionen ihrer Erfüllung ab, zum Beispiel die Koordination zweckmäßiger Handlungen.

Die Fragen des Zusammenwirkens wurden in der Reihenfolge des vermutlichen Ablaufs der bevorstehenden Kampfhandlungen „durchgespielt“. Die Stäbe arbeiteten auf Weisung der Befehlshaber und Truppenführer Fragen des Zusammenwirkens innerhalb der Truppenkörper und mit den Nachbarn detailliert durch, stimmten die Arbeit mit den nachgeordneten Stäben ab, übermittelten Signale der Orientierung, Warnung und gegenseitigen Erkennung. Hinzu kam die Organisation der Nachrichtenverbindung zwischen den zusammenwirkenden Truppen.26)

Auch Inhalte der Sicherstellung der Operation und des Gefechts hatten sich geändert. So hatten die Panzer- und Luftabwehr, die Bekämpfung von Luftlandetruppen, die Sicherung von Flanken und Nähten (Grenzen) ihren Sicherstellungscharakter verloren und wurden zum Hauptinhalt der Kampfhandlungen. Der Schutz vor Präzisionswaffen und vor zielsuchender Munition hatte besondere Beachtung gewonnen. Komplizierter geworden waren die Vorbereitung und Durchführung von Angriffs-, Verteidigungs- und Begegnungsgefechten sowie die Verlegung und Unterbringung von Truppen. Hinzu kamen neuartige Kampfhandlungen von operativen Manövergruppen, Streifzugabteilungen, Luftlande- und Luftsturmtruppen für die zielstrebige Entwicklung des Erfolgs in der operativen Tiefe der Verteidigung des Gegners.

 

Schlussbemerkungen

Moskau hatte aus seiner Militärdoktrin nie ein Hehl gemacht. Die Planungen liefen darauf hinaus, einen Krieg, wenn er von der NATO entfesselt wird, nicht auf dem Boden der Verbündeten, sondern auf dem Territorium des Gegners, also der NATO-Mitgliedstaaten, auszutragen. Mit anderen Worten, ein Angriff war allein als Reaktion auf die Offensive des Gegners beabsichtigt. Das bedeutet, dass ein Präventivangriff möglich gewesen wäre, wenn sich aus unterschiedlichen Aufklärungsquellen ein Gesamtbild ergeben hätte, aus dem der Aufmarsch der NATO-Streitkräfte eindeutig zu erkennen war, und kein Zweifel mehr bestanden hätte, dass der Krieg unmittelbar bevorstand.

Die US-Planer im Pentagon sahen in gegensätzlicher Lage, also in einer verifizierten Angriffsbereitschaft der WVO, einen „preemptive strike“, somit einen atomaren Erstschlag vor, um die Kapazitäten der feindlichen Streitkräfte, besonders der Sowjetarmee, zu schwächen.27) Danach war ein Krieg zwischen der NATO und der WVO eher ausgeschlossen, denn niemand wollte eine etwaige Selbstvernichtung riskieren.

Die Erziehung und Ausbildung der Offiziere im Ostblock trug dem damaligen Kriegsbild Rechnung, mit dem sich alle modernen Streitkräfte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen hatten. Somit entsprach das Führungsverständnis den Dimensionen der Optionen damaliger Kriegführung.

Um glaubhaft abschrecken zu können, entstand in der Bundeswehr wie in der NVA das Diktum „Soldaten müssen kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.“ Das war ein sehr hoher Anspruch, der das grundsätzliche berufliche Selbstverständnis des Offizierskorps beider Seiten bestimmte.

Auch nach Ende des Ost-West-Konflikts hielten die Offiziere der NVA das hohe Niveau des militärischen Denkens in den Streitkräften der WVO für gerechtfertigt, trug es doch zur Kriegsverhinderung durch militärische Abschreckung entscheidend bei.

 


 

ANMERKUNGEN:

1) Field Manual 100-5 Operations (US-Heeresdienstvorschrift 100-5, Einsatzgrundsätze), Prínciples of war, (Grundsätze der Kriegführung), Washington D.C., 5 May 1986. S. i und 173. Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost), S.11.

2) Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost) 1988, S.17.

3) Andreas Stupka. In: Milan Vego: Operatives Denken, Österreichische Militärische Zeitschrift, ÖMZ 2/2007, S.134.

4) Ebbe Gyllenstierna: „What Can the Study of the Art of War Teach Us?“ Ny Militar Tidskrift, no. 2-3, 1956; translated by Military Review (August 1956), S.104. Ralph L. Allen: „Piercing the Veil of Operational Art,“ Parameters 16, no. 4, S.26. In: Andreas Stupka: Milan Vego, Operatives Denken, Österreichische Militärische Zeitschrift, ÖMZ 2/2007.

5) Alle politischen und militärischen Akteure waren Mitglied in der jeweiligen kommunistisch gesinnten Partei des Ostblocks. Insofern war sie eine Vereinigung von Politikern, Militärs und anderen Bürgern des Teilnehmerstaates der WVO, die auf die politische Willensbildung Einfluss nahm und an der Verteidigung des Landes oder der Koalition explizit mitwirkte.

6) Vgl. Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch), DVW 1-32660/e, Bl. 6. Studienmaterial: „Die Grundlagen der sowjetischen Operativen Kunst“ (Thesen), Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung, o.O., o.D.

7) Wassili D. Sokolowski: Militär-Strategie, Köln 1965, S.201.

8) Wolfgang Wünsche: Offensivprinzip der sowjetischen Militärdoktrin. In: Was war die NVA? S.66-69; Vgl. auch Wolfgang Wünsche: Sowjetische Militärdoktrin - DDR-Militärdoktrin - Landesverteidigung der DDR, in: Rührt euch!, S.100-129; Hans Werner Deim: Operative Ausbildung in der Nationalen Volksarmee im Kontext militärstrategischen Denkens und militärstrategischer Disposition. In: Rührt euch! S.325-362.

9) Der Begriff geht zurück auf das erste Jahrtausend und blieb im politischen und ethnischen Sinn für die Ostslawen bis ins 17. Jahrhundert erhalten. Dieser Herrschaftsverband kann als Vorläufer für die heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland angesehen werden. Vgl. Kappeler: Russische Geschichte, S.13.

10) Operative Vereinigungen sind Flotten, Flottillen und Flottenfliegerkräfte der Seestreitkräfte sowie Fronten und Armeen (darunter Panzerarmeen und allgemeine Armeen der Landstreitkräfte sowie Armeen der Luftverteidigung und Luftarmeen der Luftstreitkräfte).

11) Siehe BArch, DVW 1-32660/e, Bl. 8. Studienmaterial: „Die Grundlagen der sowjetischen Operativen Kunst“ (Thesen), Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung, o.O., o.D.

12) Bezeichnung in der Sowjetunion und in der heutigen Russischen Föderation für den Teil des Zweiten Weltkriegs vom Beginn des Überfalls des Nationalsozialistischen Deutschland auf die Sowjetunion am 22.6.1941 bis zur Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8.5.1945. Mit 20 Millionen sowjetischen Todesopfern, darunter 7 Millionen Zivilisten, trug die Sowjetunion die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges. Schätzungen zufolge wurde ein Viertel der Bevölkerung während des Krieges getötet.

13) Siehe BArch, DVW 1-32660/e, Bl. 8. Studienmaterial: „Die Grundlagen der sowjetischen Operativen Kunst“ (Thesen), Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung, o.O., o. D., Bl. 12.

14) Siehe BArch, DVW 1-32660/e, Bl. 28 f., Studienmaterial: „Die Grundlagen der sowjetischen Operativen Kunst“. (Thesen), Ministerium für Nationale Verteidigung, Verwaltung Aufklärung, o.O., o.D.

15) Ebd., Bl. 32.

16) Der Begriff Armeekorps ist ausschließlich ein Terminus der WVO, der Hinweis auf die Struktur des Verbandes gibt. In der NATO wird der Begriff Korps verwendet, das in der Regel über drei Divisionen, einschließlich der Korpstruppenteile verfügte.

17) Militärlexikon, Berlin (Ost) 1973, S.135.

18) Festgelegte Gruppe von Offizieren, deren Funktion im Wesentlichen darin besteht, die Entschlüsse des Befehlshabers (Kommandeurs) vorzubereiten und durchzusetzen. Zu ihr gehören die Kommandeure, ihre Stellvertreter, die Politorgane, die Chefs der Waffengattungen und Dienste. Außerdem hat sie die Aufgabe, unterstellte Truppenteile und Einheiten im Auftrag des Befehlshabers (Kommandeurs) zu führen sowie Informationen von oben nach unten und umgekehrt zu gewährleisten. Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.200.

19) In der NATO wird der Begriff operative Gliederung verwendet.

20) Dienstvorschrift (DV) 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, S.9.

21) Ebenda, S.10.

22) Vgl. Armeeoperationen, Beispiele aus Erfahrungen des Großen Vaterländischen Krieges, Teil 1, Militärakademie Dresden 1983.

23) In der Einsatzgliederung wurden aus den drei Unterabteilungen der Abteilung Operativ der 5. Armee die Planungs-, Informations- und Richtungsgruppe gebildet. Die Planungsgruppe befasste sich mit der Planung der Operation und allen damit zusammenhängenden Fragen. Die Informationsgruppe war zuständig für die Information des Stabes, den Nachweis der Kampfhandlungen und die Berichterstattung. Die Richtungsgruppe hatte die Aufgabe, Anordnungen und Befehle an die Divisionen zu verfassen und nach Bestätigung durch den Befehlshaber zu übermitteln und ständig die Verbindung zu den Divisionskommandeuren zu halten. Praktisch waren diese Stabsoffiziere das Verbindungselement zwischen Befehlshaber und Divisionskommandeur. Sie hielten die ständige Verbindung und verfolgten die Kampfhandlungen der Divisionen und waren fortwährend bereit, dem Befehlshaber gegenüber Bericht zu erstatten.

24) Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost) 1988, S.285.

25) Prinzip der Truppenführung. Der wesentliche Inhalt besteht in der ständigen Kenntnis der Lage und dem schnellen Reagieren auf ihre Veränderungen, in der rechtzeitigen Präzisierung des gefassten Entschlusses und der den Unterstellten gestellten Aufgaben, in der Fähigkeit der Kommandeure und Stäbe, die zweckmäßigste Methoden der Arbeit anzuwenden und die Aufgabe in der Zeit zu erfüllen, die es gewährleistet, dem Gegner zuvorzukommen. Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.202.

26) Militärlexikon, Berlin (Ost)1973, S.416. Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost) 1988, S.108-109.

27) Franz Josef Strauß: Ich bekenne mich, Die Erinnerungen des Franz Josef Strauß (V): Der Kampf um die Atomstrategie. In: Der Spiegel 39/1989, 25.9.1989, S.104-133. Niederschrift eines Gesprächs zwischen Robert S. McNamara und Franz Josef Strauß im Juni 1962.