Einen kühnen Angriff verabsäumt?

Raymond E. Bell Jr.

 

Am 15. August 1944 begannen die erfahrene 3., 36., und 45. US-Infanteriedivision des VI. Armeekorps, unterstützt von französischen Kommandounternehmen, an der Küste Südfrankreichs anzulanden. Gleichzeitig landete der vereinigte US-kanadische 1. Sondereinsatzverband auf den nahe gelegenen Inseln Levant und Port Cros. Weiter im Landesinneren führte in der Nähe der französischen Stadt Le Muy der 1. Luftlande-Sondereinsatzverband in Divisionsstärke „eine der wirksamsten und bestausgeführten Luftlandeoperationen des Krieges“1) durch. Der Invasion waren tags zuvor Machtdemonstrationen zu Luft und zur See vorangegangen.

Innerhalb von Tagen war die französische Armee „B“, bestehend aus der kampferprobten 1. französischen und 3. algerischen Infanteriedivision und der 9. Kolonial- und 1. französischen Panzerdivision unter dem Kommando des französischen Generals Jean de Lattre de Tassigny, angelandet und auf dem Vormarsch. Ihre Ziele waren die wichtigen Häfen Marseille und Toulon, die am 28. August eingenommen wurden. In der Zwischenzeit drangen Truppen des VI. Korps nach Norden vor in der Hoffnung, die 19. deutsche Armee abzufangen und zu vernichten. Darin waren sie insofern nicht erfolgreich, als es der deutschen 11. Panzerdivision gelang, entlang des Flusses Rhone einen Fluchtweg offenzuhalten, indem sie die 36. Infanteriedivision und die mechanisierte Task Force Butler auf der Höhe der Städte Montelimar und Livron2) vorübergehend stoppte.

Die raschen alliierten Angriffe in Richtung Norden, um dort die Südflanke von General Eisenhowers Offensive aus der Normandie zu schützen, verfolgten nicht nur das Ziel, die deutschen Kräfte in Südfrankreich abzuschneiden und zu zerstören, sondern auch den wichtigen Hafen Marseille wieder zu öffnen.3)

So erfolgreich diese ursprünglich mit ANVIL (Amboss) bezeichnete, später aber in DRAGOON (Dragoner) umbenannte Operation auch war, hatte sie sehr umstrittene Anfänge. Die amerikanischen Generäle George C. Marshall und Dwight D. Eisenhower als Befürworter eines Angriffs auf Deutschland über Nordwesteuropa bestanden auf die Invasion. Unterstützung erhielten sie vom sowjetischen Diktator Josef Stalin. Das britische Oberkommando und insbesondere Premierminister Winston Churchill sprachen sich sehr gegen das Landeunternehmen aus.4) Sie wollten die Ressourcen, von denen ohnehin nur sehr wenige rein britisch waren, andernorts eingesetzt sehen, beispielsweise im Golf von Biskaya, in der Bretagne oder im Norden Italiens. Insbesondere befürworteten sie eine Fortsetzung des Angriffs in den „weichen Unterleib“ Europas, ein Konzept, das auf einen Angriff gegen Ungarn durch die jugoslawische Pforte von Ljubljana und dann in Richtung Deutschland abzielte. Stalin mit seinen eigenen Vorstellungen für den Balkan verstand es, geschickt Angriffspläne gegen eine Region zu verhindern, die er als seine Zone speziellen Interesses ansah.5)

Eine primäre Frage für die drei großen westlichen Verbündeten bestand darin zu entscheiden, wo der Fokus der westeuropäischen Kampfhandlungen liegen sollte. Der amerikanische Fokus war sehr explizit: Ein rascher Vormarsch nach dem Ausbruch aus der Normandie hing trotzdem stark davon ab, ob genügend amerikanische Kräfte zur Ausnützung des alliierten Erfolges zur Verfügung standen. Der französische Fokus lag offensichtlich auf der Befreiung des Heimatlandes von der Naziherrschaft. Die Franzosen unternahmen aber große Anstrengungen, Formationen in adäquater Stärke und Ausrüstung in den Kampf zu schicken. Das britische Hauptaugenmerk schien ambivalent zu sein: einerseits die Betonung der Invasion Nordwestfrankreichs, andererseits eine Verstärkung der Aktivitäten im Operationsraum Mittelmeer. Große britische Verbände kämpften unter Feldmarschall Montgomery in Nordwestfrankreich und Belgien. Gleichzeitig standen ihre Hauptkräfte aus dem Commonwealth, Indien, Kanada, Südafrika und Neuseeland inklusive, in Italien unter britischem Gesamtbefehl.

 

Strategische Zielsetzungen

Der heftige Vorstoß von Frankreich und den Benelux-Staaten aus nach Deutschland wurde so zum primären strategischen Szenario für Westeuropa. Es gab jedoch noch ein anderes strategisches Szenario analog zum britischen Konzept, nämlich Deutschland vom Süden her durch Norditalien, Österreich und Ungarn anzugreifen, das man in Erwägung hätte ziehen können.

Zusätzlich zum Vorstoß flussaufwärts entlang der Rhone zwecks Zusammenschlusses der Kräfte mit der rechten Flanke von Pattons 3. Armee wäre es eine kühne alliierte Strategie gewesen, einen Angriff über die französischen Alpen hinweg ins norditalienische Flusstal des Po vorzutragen. Die Zielsetzungen einer solchen Handlungsweise wären mannigfach gewesen.

Politisch hätte ein Vorstoß nach Norditalien die Zielsetzung haben können, die ungeklärte Lage in Deutschland nach dem Hitler-Attentat vom Juli zu verschärfen. Mehr militärisch als politisch bedeutsam wären die Zielsetzungen gewesen, durch einen Sieg über die faschistische Ligurische Armeegruppe des italienischen Feldmarschalls Rodolfo Graziani mit vier italienischen und zwei deutschen Infanteriedivisionen Norditalien mit seiner ausgedehnten Industriebasis zu befreien. Eine zweite Zielsetzung hätte das Vordringen in den Rücken der deutschen Stellungen entlang der Gotenlinie zwecks logistischer Ausschaltung der feindlichen Kräfte sein können, die gegen den alliierten Vormarsch aus Süditalien kämpften. Ein drittes Ziel wären die Freisetzung und der mögliche anderweitige Einsatz vieler alliierter Kräfte gewesen, die entlang der Gotenlinie dem deutschen Generalfeldmarschall Albert Kesselring gegenüberstanden. Eine vierte Zielsetzung wäre es gewesen, die Alliierten in die Lage zu versetzen, das Potenzial eines Vorstoßes durch die Ljubljana-Pforte in Jugoslawien nach Ungarn auszunutzen. Eine fünfte Zielsetzung wäre gewesen, alliierte Flugfelder in der Poebene anzulegen, von wo aus Flugzeuge Ziele in Deutschland und von Deutschland besetzten Ländern leichter hätten erreichen können. Ein sechstes Ziel wäre es gewesen, sich der zunehmend besser organisierten französischen Widerstandsbewegung in Südostfrankreich und der wachsenden italienischen Partisanenorganisationen in der Poebene bedienen zu können.

Wie die Geschichte zeigt, wurde eine so kühne Strategie nicht angenommen.6) Aber zwei sehr berühmte Feldherren waren in und über die französischen Alpen marschiert und hatten erfolgreich ihre Feinde geschlagen, nachdem sie ihren Weg in die Poebene Norditaliens genommen hatten. Der erste von ihnen war Hannibal, der zweite Napoleon. Die Gründe, warum die Alliierten im 20. Jahrhundert nicht in Betracht zogen, was Hannibal im dritten vorchristlichen und Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bewerkstelligt hatten, und so verfehlten, die oben aufgelisteten Zielsetzungen zu erreichen, führen zu einer verblüffenden Studie über Strategie, Operationen und Taktiken, verfügbare Truppen, Feindlage, Wetter und Gelände sowie wohl am wichtigsten: Logistik.

 

Hannibal und Napoleon

Hannibal bewerkstelligte seine berühmte Überquerung der französischen Alpen nach Norditalien mit 37 Elefanten und Tausenden Soldaten zu Fuß und zu Pferd. Der Einfall war ein operativer Erfolg. Seine Armee marschierte die Rhone flussaufwärts im Hochsommer des Jahres 218 v.Chr. in Richtung zu dem dem Mont Viso nächstgelegenen Traversette-Pass. Der Vormarsch wurde durch indigene Stämme verzögert, sodass die Armee die erste Kette der Alpen nicht vor Oktober erreichte. Zu dieser Zeit hatte es zu schneien begonnen, aber Hannibal drängte unermüdlich voran und pausierte nur zwei Tage lang nach dem Traversette-Pass, um seinen Truppen Erholung zu gönnen. In Summe benötigte er 15 Tage, um über die Berge in die Poebene vorzudringen, wo er von seinen italischen Verbündeten, den Insubrern, willkommen geheißen wurde.7)

Hannibals Alpenquerung war von schlimmer Mühsal gekennzeichnet. Er musste durch Tiefschnee in bitterer Kälte marschieren. Seine Männer hatten Schwierigkeit, auf den rauen Gebirgspfaden Halt zu finden. An einer Stelle hatte ein Erdrutsch den Pfad komplett weggerissen und damit eine Bresche verursacht, deren Auffüllung den Vormarsch verzögerte. Für die Elefanten gab es nicht genug Futter. Nichtsdestoweniger bewältigten 20.000 Fußsoldaten, 6.000 Reiter und alle Elefanten die Probleme und Sorgen der Überquerung.8) Hannibal eroberte den Großteil der italienischen Halbinsel und schlug die römischen Armeen nahe Placentia, am Trasimenischen See und bei Cannae.

Napoleon war der nächste berühmte Feldherr, der erfolgreich die französischen Alpen überquerte und danach signifikante Siege einfuhr. Eine Armee marschierte zwischen 15. und 20. Mai 1800 über den Großen Sankt Bernhard-Pass in Richtung Poebene. Andere Armeen überschritten die Pässe Kleiner Sankt Bernhard, Sankt Gotthard, Simplon und Mont Cenis. Am 2. Juni stand Napoleon am Stadtrand Mailands. 60.000 Soldaten marschierten in diesem Frühling des Jahres 1800 über die Alpen - aber nicht ohne Schwierigkeiten. In einigen Fällen erforderte der Marsch durch den späten Frühlingsschnee eine Trennung von Geschützrohren und Lafetten und ihre Beförderung auf Schlitten, die aus ausgehöhlten Baumstämmen zusammengebaut wurden.

Das größte Hindernis, das Napoleon überwinden musste, bevor er in die Poebene marschieren konnte, war die italienische Festung in Bard. An der Engstelle des Dora Baltea-Passes vor dem Zugang zur Poebene gelegen, musste die Festung umgangen werden, damit Napoleon seine Artillerie und logistische Unterstützung nach vorne bringen konnte, um seinen Vormarsch zu unterstützen. Er war in der Lage, seine Infanterie über den Monte Albaredo zu verbringen, nicht aber seine schweren Waffen und Fahrzeuge. Durch List und Täuschung schaffte er es aber, einige seiner Kanonen durch Bard zu transportieren, indem er die Straßen der Stadt mit Kehricht bedecken und Stroh um die Räder der Lafetten wickeln ließ. Nächtens ließ er so die Festung passieren, deren Geschütze nicht weit genug nach unten gerichtet werden konnten, um erfolgreich gegen Napoleons schwere Waffen eingesetzt zu werden.9)

Einmal in der Poebene angelangt, eroberte Napoleon die große Stadt Mailand und machte sich daran, die Nachschublinien der österreichischen Armee über den Brenner-Pass nach Österreich abzuschneiden. Dadurch wurde er in die Lage versetzt, die Österreicher von hinten anzugreifen und am 14. Juni bei Marengo zu schlagen. Anschließend schloss er einen Waffenstillstand mit den Österreichern, die ihm alle Festungen westlich des Flusses Mincio und südlich des Po überließen.10)

Wenn schon Hannibal und Napoleon die Seealpen überqueren und das Flusstal des Po entlang auf der erfolgreichen Suche nach ihren Zielsetzungen vorstoßen konnten, warum konnten dann die Alliierten im Sommer 1944 nicht das Gleiche bewerkstelligen? Die Umstände rund um die Weigerung der Alliierten, diesen Weg einzuschlagen und in die Fußstapfen Hannibals und Napoleons zu treten, laden zu einer weiteren Untersuchung der Gründe ein, warum sie möglicherweise einen kühnen strategischen Stoß zur Erreichung der oben angeführten alliierten Zielsetzungen verabsäumten.

 

Deutschlands strategische Lage und Sorgen

Für die Deutschen war Norditalien aufgrund der stark befestigten und das Gelände beherrschenden Gotenlinie vom Herbst 1944 bis Kriegsende aus mehreren Gründen wichtig. Eine erfolgreiche Erhaltung der Stellungen verwehrte den Alliierten den Zugang zur Industriebasis der Poebene und blockierte den Vormarsch der Alliierten nach Ungarn, Österreich und dem Balkan. Gleichermaßen wurde die Errichtung alliierter Flugfelder unmöglich gemacht, von denen aus Ziele in Süddeutschland und Österreich wirksamer bombardiert hätten werden können. Außerdem wurde solcherart die Unterbrechung der deutschen Nachschublinien verhindert, über die Deutschland seine Divisionen versorgte, die an der Gotenlinie gegen die Alliierten kämpften. Politisch half das Anhalten des alliierten Vormarsches vor der Poebene, Benito Mussolinis faschistischen Staat am Leben zu erhalten. Gleichzeitig bedeutete es eine Verlängerung des Krieges und verringerte die Chancen auf ein vorteilhafteres Friedensarrangement.

Das deutsche Oberkommando postulierte, dass die Zielsetzung des alliierten Kampfes in Italien der Zugang zum Balkan und Süddeutschland war und nicht bloß die Eroberung ganz Italiens. Je weiter die Verbündeten nach Norden vorstießen, desto einfacher würde die Errichtung einer Operationsbasis für Bodenangriffe gegen Österreich, Süddeutschland oder die Länder auf dem Balkan. Norditalien würde außerdem eine ideale Ausgangsbasis für einen Angriff durch die jugoslawische Ljubljana-Pforte nach Ungarn abgeben. Durch die Einnahme von Stellungen in den Bergen südlich der Poebene wären die Alliierten - neben der Beseitigung von Mussolinis Marionetten-Regierung - in der Lage gewesen, Hitlers Verbündete auf dem Balkan zu einem Kriegsaustritt zu bewegen. Das alliierte Oberkommando war auch der Ansicht, dass die Türkei angesichts der Entschlossenheit der Alliierten, auf dem Balkan vorzustoßen, ihre Neutralität zugunsten der Alliierten aufgeben könnte.11)

Die Poebene stellte eine direkte deutsche Nachschublinie nach Deutschland und Österreich dar. Wenn eine alliierte Streitmacht auf ihrem Weg flussabwärts des Po zur Adria diesen Nachschubweg abschneiden würde, wären die deutschen Divisionen an der Gotenlinie ihres aus Deutschland kommenden Nachschubs beraubt. Die Poebene versorgte die deutschen und faschistischen italienischen Kräfte auch mit Nahrungsmitteln und Kriegsmaterial, das die italienischen Fabriken unbeschadet alliierter Bombardements und Sabotage durch Partisanen herstellten und den feindlichen Truppen an der Gotenlinie fehlen würde. Diese verschanzten Kräfte würden umzingelt und zur Kapitulation gezwungen werden.

1944 bombardierte die alliierte 15th Air Force bereits Süddeutschland, Österreich, Ungarn und den Balkan von Flugfeldern in Süditalien aus. Die deutsche Aufgabe der Poebene hätte diese Ziele noch verwundbarer gemacht, nicht nur durch schwere Bomber der Alliierten, sondern auch durch mittlere und Jagdbomber. Gleichzeitig wären auch Ziele im Herzen Deutschlands und in Polen leichter und sicherer zu erreichen gewesen.12)

Hitler war Mussolini gegenüber parteiisch, obwohl er sich der Schwächen des italienischen Führers und der begrenzten Fähigkeit der Italiener, einen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen der Nazis zu leisten, bewusst war. Hitler gestattete Mussolini nach der Kapitulation Italiens gegenüber den Alliierten im September 1943 die Einrichtung einer faschistischen Marionetten-Regierung in Norditalien. Hinsichtlich effektiver Kampfkraft wurde die faschistische Armee als Farce eingeschätzt, aber Grazianis Ligurische Armee stellte im norditalienischen Piemont einen Faktor dar und stationierte Truppen an der französisch-italienischen Grenze. Im Frühherbst 1944 verstärkten die Deutschen die italienische Präsenz an der Grenze mit zwei Infanteriedivisionen.13) Obwohl ihr Kampfwert umstritten war, hätten die durch Deutsche unterstützten italienischen Verbände gegebenenfalls einen Vorstoß durch die französischen Alpen in die Poebene behindern können.

Obwohl die Deutschen Italien nicht als größeren Kriegsschauplatz betrachteten, waren Hitler und sein Oberkommando in der Lage, den Krieg zu verlängern, indem sie dem alliierten Vormarsch die italienische Halbinsel nordwärts Widerstand boten. Den Krieg in Italien von Ende 1944 in das Jahr 1945 hinein zu verlängern entbehrte jeglicher strategischen Plausibilität, doch Hitlers psychologische Gemütsverfassung veranlasste ihn, jedem Verlust von Territorium Widerstand entgegenzusetzen und einem seiner wenigen verbliebenen wichtigen Unterstützer Hilfestellung zu geben. Während für die Alliierten der Krieg in Europa in seine Endphase trat, war Hitler immer noch der Ansicht, die alliierte Koalition würde zerbrechen und er würde günstige Waffenstillstandsbedingungen erreichen.14) Der Besitz eines Teils von Italien, insbesondere der Poebene, würde für ihn ein mögliches Faustpfand bedeuten, sollte er die Alliierten zur Annahme eines Verhandlungsfriedens bewegen können.

 

Strategische Überlegungen der Alliierten

Während die Deutschen eine Vielzahl von Gründen hatten, die Alliierten aus Norditalien fernzuhalten, waren Letztere sich nicht einig in der Beurteilung der Wichtigkeit dieser Region. Früh im Jahr 1944 waren die USA auf die Operationen OVERLORD und ANVIL/DRAGOON fixiert, deren Zielsetzung es war, den alliierten Einmarsch in Deutschland durch Nordwesteuropa zu erleichtern. Die Briten wollten eine verstärkte Anstrengung in Italien, weil sie der Meinung waren, dass ein Durchbruch durch die südliche Pforte Deutschlands nicht nur die Invasion Deutschlands erleichtern, sondern auch Gelegenheit bieten würde, Österreich, Ungarn und die besetzten Balkanländer anzugreifen.15) Für die USA war Italien sehr zum Nebenschauplatz verkommen. Für die Briten blieb Italien ein wichtiges Operationsgebiet, wo der britische Feldmarschall Sir Henry M. Wilson das Kommando innehatte. Für die Sowjets war es wichtig, dass die Westalliierten aus den Niederlanden und Frankreich nach Deutschland vorstießen. Gleichzeitig bedeutete die Konzentration auf Nordwesteuropa, dass eine westliche Einmischung in die sowjetischen Interessen in Österreich, Ungarn und am Balkan verhindert wurde.

Vielleicht waren die USA so auf Eisenhowers Angriff durch Nordwesteuropa orientiert, dass ein Angriff über die französischen Alpen, entweder als größere Operation oder als Ablenkungsmanöver, nicht ernsthaft bzw. gar nicht in Erwägung gezogen wurde. Als die Operation ANVIL/DRAGOON durchgeführt wurde, gab es keinen über die Beobachtung der französisch-italienischen Grenze hinausgehenden Plan.16) Eine französische Gebirgsdivision und amerikanische FlA-Verbände wurden an der Grenze stationiert, nachdem die französische und amerikanische Armee zur rechten Flanke der 3. US-Armee in Ostfrankreich aufgeschlossen hatten. Keine Angriffskräfte wurden in den französischen Alpen stationiert, und ein deutscher Angriff gegen Südfrankreich wurde nicht in Erwägung gezogen. Es bestand genügend Vertrauen in die entmutigenden Charakteristika des Geländes, die die Sorgen wegen eines solchen Angriffes beseitigten. 1940 hielten drei französische Gebirgsdivisionen eine italienische Armee ab, in Südfrankreich eine Basis einzunehmen, wodurch das Vertrauen in die vermutete Undurchdringlichkeit der Seealpen zusätzliche Rechtfertigung erhielt.17)

Die Briten verschwendeten auch keinen Gedanken daran, einen amerikanischen oder französischen Angriff in die Poebene über die französischen Alpen zu ermutigen, nachdem die Alliierten in Südfrankreich gelandet waren. Die Briten waren so damit ausgelastet, die Invasion Südfrankreichs zu stoppen, die ihrer Meinung nach ein großer Fehler war, sodass sie, selbst als die Amerikaner und Franzosen in Südfrankreich Fuß gefasst und die großen Häfen von Marseille und Toulon eingenommen hatten, niemals den Vorschlag aufs Tapet brachten, die Gotenlinie von hinten aus der Poebene einzunehmen. Stattdessen entschlossen sie sich, ihren Weg durch die verstärkte deutsche Frontlinie einzuschlagen, was ihnen nach acht Monaten schlussendlich gelang. Wenn die Briten die deutsche Stellung strategisch umgehen wollten, hätte das von der Adria aus mit Venedig und Triest als möglichen primären Zielen bewerkstelligt werden sollen. Wenn jemand vorgeschlagen hätte, den erfolgreichen Beispielen Hannibals und Napoleons nachzueifern, so wäre eine so kühne Strategie zuallererst dem Historiker Winston Churchill zuzutrauen gewesen, doch dachte der - zumindest seinen Memoiren nach - nicht daran.

Stalin machte auch keinen Vorschlag zugunsten eines Angriffs durch die Seealpen. Im Rückblick betrachtet, lag es in seinem besten Interesse, die Alliierten in Italien festgefahren zu halten. Je länger die Gotenlinie hielt, desto mehr Ressourcen, Zeit und Anstrengungen der Briten, Amerikaner und Verbündeten wurden verbraucht. Durch den Angriff auf die Gotenlinie von vorne kamen die Alliierten den deutschen Stärken entgegen und nutzten nicht die Schwäche des Feindes aus. Schlussendlich standen die Sowjets in Wien, Österreich, bevor die amerikanischen Verbände endlich am österreichischen Brennerpass den Schulterschluss machen konnten. Mit seinem Schweigen über den Versuch, einen raschen Sturz der Deutschen in Italien herbeizuführen, spielte Stalin ein kluges Spiel.

 

Die Rolle von Gelände, Wetter und anderen Hindernissen

Sicherlich stellen die französischen Alpen von der Schweizer Grenze bis zum Mittelmeer entlang der französisch-italienischen Grenze ein bedeutendes Geländehindernis hinsichtlich Bewegung und darüber hinausgreifender Operationen dar. Es ist einfach einzusehen, wie das gebirgige Gelände einen Angriff entmutigen kann. Einen solchen Vorstoß logistisch zu unterstützen wäre ebenfalls eine große Herausforderung gewesen. 1944 begünstigten die defensiven Charakteristika der Berge in hohem Maße die feindliche Agenda.

Die Geschichte lehrt aber, dass die Überraschung oft durch einen furchtlosen General erreicht wird, der gegen einen Feind aus einer unerwarteten Richtung in einem kühnen Stoß losschlägt. Sowohl Hannibal als auch Napoleon erreichten essenzielle operationelle Überraschung nicht nur durch die Fähigkeit, Truppen über die Alpenpässe zu führen, sondern auch wegen der Verbringung von schwerem Material und Waffen auf demselben Weg. Elefanten waren die großen Kampffahrzeuge zu Hannibals Zeiten, genauso wie Geschütze Napoleons Hauptwaffensysteme waren. Dass beide Feldherren es schafften, sowohl einerseits die Kampfelefanten als auch andererseits die Kanonen auf dem Gefechtsfeld zum Einsatz zu bringen, trug dazu bei, den Überraschungseffekt zu steigern.

Der Kampf im 20. Jahrhundert erforderte weit mehr als die Bewegung von Elefanten und Artilleriegeschützen durch unwegsames Gelände. Die Mechanisierung der Kombattanten bedeutete nicht nur den Transport schweren Gerätes, sondern auch die Erstellung sicherer und adäquat entwickelter Nachschubwege, insbesondere guter Straßen, die den Verkehr von Räder- und Panzerfahrzeugen aufnehmen konnten. Hannibal und Napoleon stellte sich das Problem der Nachschublinien nicht, denn nach Überwindung der Alpen konnten sich ihre Truppen lokaler Nahrungsmittel bedienen und das Land plündern.

Trotz der beträchtlichen Herausforderung, durch die Alpen vorzumarschieren, gab es 1944 ein relativ ausgeklügeltes, wenn auch spärliches Netzwerk von Straßen und Tunnels in den Alpen, die von den Alliierten verwendet hätten werden können. Obwohl die Bergpässe Großer St. Bernhard, Simplon und Sankt Gotthard in der neutralen Schweiz lagen, hätte es die Tunnels von Frejus und Mont Blanc sowie die Pässe Kleiner St. Bernhard, Mont Cenis, Montgenevre und Larche über die Berge sowie Routen entlang der Riviera gegeben. Von Letzteren hatte aber nur die Route entlang des Mittelmeers von Monaco nach Genua in Italien eine Eisenbahnverbindung, die nicht durch einen Tunnel führte. Die Eisenbahn von Nizza in Frankreich nach der italienischen Stadt Cuneo führte durch zwei Tunnels in den französischen Alpen. Die andere Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Ländern führte durch den Bahntunnel von Frejus, der das italienische Turin mit den französischen Städten Lyon und Grenoble verband.

Zusätzlich zu den wenigen Alpenpässen spielte die Distanz von der wahrscheinlichsten Logistikbasis über die Grenze nach Italien eine Rolle. Von Marseille via Monaco nach Turin betrug die Entfernung durch den Tende-Tunnel etwa 240 Meilen. Obwohl die Route von Marseille nach Monaco und von Cuneo nach Turin in flachem Gelände verläuft, führt der Abschnitt von Monaco nach Cuneo über die französischen Alpen in einem gewundenen Anstieg, der leicht durch natürliche oder künstliche Hindernisse blockiert werden kann. Dies ist vielleicht die kürzeste Nachschublinie von Frankreich nach Italien. Wären Nizza oder Cannes die alliierte Logistikbasis statt Marseille, wäre die Distanz bis Turin um etwa 100 Meilen kürzer. Die Alpen wären aber noch immer eine größere Herausforderung gewesen. Eine alternative Route für die Logistik-Unterstützung wäre noch die Küstenstraße von Monaco durch die italienischen Städte San Marino und Savona nach entweder Genua oder Turin gewesen. Die Entfernung von Nizza bis Turin auf dieser Strecke hätte ungefähr 160 Meilen betragen und wäre nach Verlassen der Küstenstraße und Überwindung der ligurischen Apennin-Berge in relativ flachem Terrain nach Turin verlaufen.

Die vielleicht kürzeste Strecke von der französisch-italienischen Grenze nach Turin führt über den Pass Mont Cenis, von dem Turin ungefähr 45 Meilen entfernt liegt. In diesem Fall hätte die Schwierigkeit allerdings in der großen Entfernung bis Marseille bestanden, das der nächstgelegene größere französische Hafen gewesen wäre.18) Eine Nachschubroute hätte über 280 Meilen durch die französischen Städte Valence und Grenoble geführt, von denen Letztere am 23. August durch die Alliierten befreit wurde. Nichtsdestotrotz hätte Grenoble als logistisches Zwischenlager fungieren können, weil hier sowohl eine Straßen- als auch Eisenbahnanbindung vorhanden war. Ein Kopfbahnhof hätte in St. Jean Maurienne, gerade ein paar Meilen westlich des Frejus-Tunnels, eingerichtet werden können. Im Falle einer Zerstörung des Tunnels hätte der Nachschub über den Mont Cenis-Pass umgeleitet werden können. Weil die wohl beste Versorgungsroute für die in Nordwesteuropa operierende US-Armee von Marseille rhoneaufwärts nach Zentral- und Ostfrankreich führte, wäre die Einrichtung eines größeren logistischen Zwischenlagers in Grenoble im Bereich der alliierten Kapazitäten gelegen gewesen.19)

Während das Transportnetzwerk relativ kärglich und die Abstände bis zum Eingang in die Poebene durch verschiedene Engstellen kompliziert wurden, gab es noch einen anderen natürlichen Faktor, der Beachtung verdient: das Wetter. Schnee fällt relativ bald im Spätsommer in den französischen Alpen, je weiter nördlich vom Mittelmeer, desto früher kann man schneebedeckten Boden finden. Hannibal überquerte die Alpen im Oktober, wie oben erwähnt zu einer Zeit, in der man größere Schneefälle erwarten konnte.20) Schlechtwetter war für ihn insofern keine Einflussgröße, als er nach dem Verlassen der Alpen nicht von Nachschublinien abhängig war. Andererseits marschierte Napoleon in Italien im Mai ein, gerade als der Schnee zu schmelzen begann.21) Der größere Teil seines Vorstoßes führte ihn durch die heutige Schweiz, wo die Berge sowohl ein Terrain- als auch ein Wetterproblem darstellten. Wenn die Alliierten die französischen Alpen über die Pässe Kleiner St. Bernhard, Montgenevre und Mont Cenis im September 1944 überquert hätten, hätten sie mit fragwürdigem Wetter zu tun gehabt. Obwohl sich Angriffskräfte in relativ kurzer Zeit - unter der Annahme, der deutsch-italienische Widerstand wäre nicht hartnäckig gewesen - bis in die Poebene vorkämpfen hätten können, so wäre doch die Versorgung einer größeren Streitmacht eine ansehnliche Herausforderung gewesen. Straßensanierungen und laufende Instandhaltungsarbeiten inklusive massiver Schneeräumung wären notwendig gewesen.

Wenn die Alliierten die französischen Alpen weiter im Süden im August oder September überquert hätten, wären sie erst später als im Norden auf Winterbedingungen gestoßen, hätten aber immer noch eine Herausforderung zu bewältigen gehabt. Die Überquerung des Tende-Passes wäre im Falle einer Blockierung des Tunnels eine große Aufgabe gewesen. Die Zerstörung des Tunnels würde den Bau einer Umgehung in steilem Gelände bedeutet haben, um alliierte Truppen in ihrem Angriff auf Turin von Cuneo aus unterstützen zu können. Im Oktober kann das Wetter in Cuneo sehr schlecht sein, sodass man sich leicht vorstellen kann, was schwerer Regen für die Verbindungswege in diesem Teil der Alpen bedeuten könnte. Wollte man eine solche Versorgungsroute für Kräfte in ihrem Angriff auf Turin entlang der Mittelmeerküste einrichten, wäre eine Kombination von Schlechtwetter und mäßig guten Straßen, die einerseits an das Meer und andererseits an das Gebirge grenzen, ebenso eine größere Herausforderung gewesen.

Künstliche Hindernisse gegen einen Angriff durch wenige Alpenpässe hätten in Verbindung mit geschickter Geländeausnutzung und Schlechtwetter zu schwierigen Kämpfen führen können. Die Alliierten waren in ihrem Angriff auf die deutsche Gotenlinie mit vergleichbaren Bedingungen konfrontiert.22) Die Deutschen hatten die Gotenlinie sorgfältig verstärkt, während die Franzosen und Italiener Jahre auf den Bau von Festungen verwendet hatten, die an Stellen errichtet wurden, um Bewegung durch die Berge effizient zu verhindern. Wie bemerkt, hatte der italienische Angriff 1940 gegen französische Grenzbefestigungen in den französischen Alpen nur begrenzten Erfolg, und Napoleon hatte Schwierigkeiten, die seinen Einzug in die Poebene im Jahr 1800 behindernde Festung von Bard zu überwinden.

Nach einer Überwindung der Alpen hätten jedoch signifikante künstliche Hindernisse gegen einen Angriff durch Norditalien in Flussrichtung des Po kaum Schwierigkeiten bereitet. Wegen des relativ flachen und offenen Terrains auf dem Weg zur italienischen Ostküste in der Poebene hätten Befestigungen nur minimale Verzögerungen verursacht. Anders als in den Kriegen in früheren Jahrhunderten, als die Festungen eine wichtige Rolle für die Operationen spielten, machte die Fähigkeit, diese befestigten Positionen mit hochmobilen Verbänden zu umgehen, diese Festungen praktisch wertlos.23) Sogar die als Hindernisse gedachte Zerstörung von Brücken über den Fluss beeinflusste Operationen nur minimal, weil diese in der ostwärts führenden Flussrichtung verliefen.

Gleiches hätte man nicht über die Zerstörung von Brücken über die Nebenflüsse des Po sagen können, von denen im Sommer wenige mehr als trockene Flussbette sind, die nach Regen und Schneefall aber zu wilden Fluten werden. Die in den Po mündenden Flüsse Minci, Oglio, Ticino, Adige und Sesia hätten überquert werden müssen, um Padua und Venedig zu erreichen und die Deutschen an der Gotenlinie zu umfassen. Während der Boden bei Trockenheit eine rasche Bewegung ermöglicht hätte, verwandelt sich die Tonerde im östlichen Potal bei Nässe rasch in Morast, wie die alliierten Kräfte im April 1945 auf ihren Marsch durch Bologna zur Poebene erfahren mussten.24)

Das Wetter in der Poebene ist bei Weitem nicht so herausfordernd wie das in den französischen Alpen, im Herbst herrscht aber eine Kombination von Nebel und Regen vor. Während ein solches Wetter Überraschungen begünstigt, sind die unvorteilhaften Bedingungen eine große Herausforderung, wenn es um die Befahrbarkeit von Straßen oder um die Gemütsverfassung des einzelnen Soldaten geht. Nichtsdestoweniger hätten alliierte Truppen nach Erreichung der Poebene nicht mit den Problemen und Sorgen zu kämpfen gehabt, mit denen ihre Kameraden im nördlichen Apennin an der Gotenlinie konfrontiert waren.

 

Der Gegner

Feldmarschall Erwin Rommel war der Kommandant der deutschen Kräfte in Norditalien 1943, als Italien kapitulierte. Er setzte die vorhandenen mobilen Kräfte ein, um alle wichtigen Straßen, Pässe und Eisenbahnlinien nach Norditalien im September 1943 zu schließen, weil die Deutschen fürchteten, die Alliierten würden in Norditalien nach einem amphibischen Angriff aus dem Mittelmeer eindringen.25) Von deutscher Seite gab es aber keine Überlegungen, dass die Alliierten in Südfrankreich anlanden und Norditalien via französische Alpen angreifen würden. Nachdem die Deutschen Norditalien besetzt und die italienische Marionetten-Armee organisiert hatten, scheint ihre Angst vor einer Invasion Norditaliens nördlich des Apennin und in die Poebene für einige Zeit geschwunden zu sein.26)

Im Juni 1944 nahmen die Alliierten allerdings Rom ein und bewegten sich rasch nordwärts und befreiten im August Florenz. Danach wurde der alliierte Vormarsch sehr langsam, weil die Deutschen die befestigte Gotenlinie hartnäckig hielten. Erst im April 1945 durchbrachen die Alliierten die Befestigungen und marschierten in die Poebene ein.

Nach dem Sturz von Mussolinis Regierung erlaubten ihm die Deutschen die Aufstellung einer Marionetten-Regierung und die Organisation einer Art faschistischen Armee zum Einsatz in Nordwestitalien. Diese unter dem Kommando des italienischen Feldmarschalls Rodolfo Graziani stehende Armee bestand aus dem deutschen LXXV. Armeekorps mit der 148. Reservedivision, der 157. Gebirgsdivision und dem italienischen Lombardei-Korps. Die Ligurische Armee hatte aber einen hauptsächlich aus Deutschen bestehenden Stab.27)

Als die Alliierten am 15. August 1944 in Südfrankreich anlandeten, bescherte ihre Präsenz den Deutschen zunehmend Unbehagen. Feldmarschall Albert Kesselring, Oberbefehlshaber Südwest, beobachtete mit steigender Nervosität den alliierten Vormarsch rhoneaufwärts. Die offizielle Geschichtsschreibung der US-Armee konstatierte:

„Bis die Schneefälle des Winters die Pässe von Hochsavoyen [in den französischen Alpen] zum italienischen Piemont schlossen, würden die Deutschen ein wachsames Auge auf die französisch-italienische Grenze richten, weil Kesselring der Meinung war, die Alliierten in Frankreich könnten versuchen, dem alten Invasionspfad zu folgen und zum Industriekomplex Turin-Mailand in Nordwestitalien vorzustoßen.“28)

Aber selbst wenn die Deutschen wegen dieser Region Bedenken hatten, unternahmen sie keine ernsthaften Anstrengungen, Verteidigungsstellungen auf den Pässen anzulegen oder bestehende technisch zu verstärken. Sie machten sich jedoch frühere französische und italienische Befestigungsbauten voll zunutze. Als der alliierte 1. Sondereinsatzverband, bestehend aus amerikanischen und kanadischen Truppen, zur Winterkampfausbildung im September 1944 in die französischen Alpen verlegte, erhielt das Hauptquartier Nachrichten von französischen Agenten, dass der Feind italienische Grenzbefestigungen besetzt hielt. Zur selben Zeit erwies sich auch die deutsche Artillerie wirksam, feindliche Rückzugsbewegungen durch das Gebirge zu günstigeren Verteidigungsstellungen zu unterstützen.29) Um die Region zusätzlich zu sichern, ersetzten die Deutschen im September die 148. Reservedivision durch das 253. Infanterieregiment und das 80. und 107. Grenadierregiment der 34. Grenadierdivision,30) allesamt Kampftruppen.

Die deutsche Taktik im Umgang mit den Amerikanern war hauptsächlich vom Gelände und amerikanischen Druck beeinflusst. Vor ihrer Ablösung hatte die deutsche 148. Reservedivision im September noch schwere Verluste durch die 1. Luftlande-Taskforce hinnehmen müssen. Nichtsdestoweniger machten sich die Deutschen das Gebirgsterrain maximal zunutze. Mit 60% nicht-deutscher Mannschaft war die Division nicht in der Lage, die amerikanische Streitmacht zu stoppen. Allerdings gelang es dem deutschen Verband, den amerikanischen Vorstoß durch die Verlegung von Minen und Sprengfallen in der Angriffsrichtung zu verzögern. Aber selbst unter Einsatz von Artillerie war der deutsche Widerstand nicht groß genug, den amerikanischen Vorstoß zur italienischen Grenze aufzuhalten.31)

Die Deutschen mussten aber auch mit ihren italienischen Verbündeten und der heftigen italienischen Partisanenaktivität in ihrem Rücken in Nordwestitalien fertig werden. Die italienischen Faschisten waren nicht in der Lage, ihrer Marionetten-Armee Kampfgeist einzuimpfen, obwohl jede der vier Divisionen einen motivatorischen Namen trug: Littorio (Liktorenbündel), Monte Rosa, San Marco (Heiliger Markus) und Italia. Die Deutschen sahen diese Verbände als unzuverlässig an, und Soldaten des Lombardei-Korps ergaben sich vielfach nach nur geringem Widerstand.32)

Aber wenn die Deutschen relativ einfach mit ihren faschistischen Verbündeten umgehen konnten, so hatten sie mit den italienischen Partisanen viel mehr Schwierigkeiten. Die 34. Grenadierdivision, die zwei Jahre in Russland gekämpft hatte, wurde im Juni 1944 hauptsächlich zur Bekämpfung der Partisanen nach Norditalien verlegt.33) Es dauerte aber nicht lang, bis die Division an die französisch-italienische Grenze verlegt wurde, um dort die 148. Reservedivision zu ersetzen. Zwischenzeitlich übertrug die 34. Grenadierdivision die Partisanenbekämpfung der Waffen-SS, die die Anweisung erhielt, den anwachsenden Aufstand in Norditalien zu kontern, indem die gut organisierten italienischen Partisanen vernichtet, alliierte Agenten enttarnt und abgeschossene alliierte Piloten gefangen genommen wurden, bevor sie von Freischärlern gerettet werden konnten.34)

Ende 1944 und Anfang 1945 setzten die Deutschen die 5. Gebirgsdivision und die 34. Grenadierdivision, unterstützt durch Korps-Artillerie und Einheiten der Waffen-SS, in der Poebene und entlang der französisch-italienischen Grenze ein. Sie waren in der Lage, gemeinsam mit dem Wetter, den Hindernissen und dem Gelände jeden ernsthaften Versuch der Alliierten, von Südfrankreich aus Nordwestitalien und die Poebene anzugreifen, abzuschrecken. Die Geschichte des IV. Korps vermerkt, dass das Hauptquartier des Korps wusste, dass sich im Gebiet Turins das gesamte deutsche LXXV. Korps „in Kampfbereitschaft befand.“ Amerikanische Aufklärungsberichte deuteten auch an, dass die Divisionen des deutschen Korps sich in „erstklassiger Kampfstärke präsentierten“.35)

Die mit den Deutschen verbündeten italienischen Kräfte erwiesen sich als wenig leistungsfähig. Zwecks Leistungssteigerung arbeiteten die Deutschen eng mit ihren italienischen Kameraden zusammen und führten die italienischen Operationen. Feldmarschall Kesselring war bestrebt, aus seinen Marionetten-Kameraden das Beste herauszuholen, hatte dabei aber wenig Erfolg. Wenn sich eine Gelegenheit dazu bot, desertierten die faschistischen italienischen Soldaten.36)

 

Die Alliierten

Auf alliierter Seite kämpfte nicht nur eine teilweise wieder aufgestellte italienische Armee wie die Infanteriedivision Legnano unter britischem Kommando, sondern auch italienische Partisanen waren in Norditalien besonders effizient.37) Zu Kriegsende befanden sich große Gebiete der Poebene unter effektiver Kontrolle der Partisanen. Sobald die Alliierten die Gotenlinie durchbrochen hatten, konnten sie bedeutende Fortschritte erzielen, weil die Guerilleros kritische Einrichtungen bewachten, kleine Gruppen von Deutschen ausschalteten, die Verlegung von Minen und Sprengfallen und die Aufstellung von Hindernissen verhinderten, die den alliierten Vormarsch verlangsamen hätten können.38) Gegen Ende des Krieges waren die Deutschen mehr oder weniger unfähig, die Partisanen von der Unterstützung der alliierten Operationen abzuhalten.39)

Während der Kampf der italienischen Kombattanten an der Seite der Alliierten angemessene Beachtung erfuhr, blieb die logistische Unterstützung durch die italienische Zivilbevölkerung im Großen und Ganzen unbeachtet. Die Hauptlast bei der Instandhaltung der Versorgungswege, Logistikdepots und anderen Aktivitäten, die körperliche Arbeit erforderten, trugen Zivilisten. In von Deutschen besetzten Gebieten bot die Bevölkerung ihren bewaffneten Partisanen-Kameraden Unterschlupf und versteckte - oft mit großem persönlichen Risiko verbunden - abgeschossene alliierte Piloten.40)

Auf der anderen Seite der italienischen Grenze in Südfrankreich waren die Amerikaner die Ersten, die in den französischen Alpen auf den Feind trafen. Nach der Landung in Südfrankreich im Spätsommer und Frühherbst 1944 brachte die US-Armee einen mittelmäßigen Truppenmix zum Einsatz. Als erster Verband erreichte die 1. Luftlande-Taskforce die französisch-italienische Grenze mit dem Auftrag, die Flanke für den alliierten Vorstoß rhoneaufwärts zu sichern.41) Bis 14. September war dieser Verband in der Größe einer verminderten Division bis nahe an die Grenze vorangekommen. Seine Front erstreckte sich von der Mittelmeerküste über etwa 90 gewundene Meilen nordwärts bis zum Larche-Pass. Mit seiner bescheidenen Größe konnte der Verband wenig mehr bewerkstelligen, als feindliche Aktivitäten zu beobachten oder einen Streifzug nach Italien zu unternehmen. Zu keinem Zeitpunkt bis zum wirklichen Kriegsende überschritt eine alliierte verminderte Division, die den Deutschen und Italienern gegenüberstand, die französisch-italienische Grenze.42)

Anfang November 1944 wurde die 1. Luftlande-Taskforce aufgelöst. Das 509. Fallschirmjägerbataillon wurde nach Reims in Zentralfrankreich entsandt, um dort Eisenhowers Hauptquartier zu schützen, während das 517. Fallschirmjägerregiment zur 17. Luftlandedivision verlegt wurde und in der Ardennenoffensive zum Einsatz kam. Der 1. Sondereinsatzverband verblieb bis 21. November in der Region und wurde schließlich von der 44. FlA-Artilleriebrigade abgelöst. Fünf Tage später übernahm die berühmte japanisch-amerikanische 442. Regimentskampfgruppe (RCT) die früheren Stellungen des 1. Sondereinsatzverbandes. Die 442. RCT, ein verstärktes Infanterieregiment, kämpfte in Frankreich und wurde später an die amerikanische Front in Italien verlegt. In den letzten Tagen des Krieges stieß die 442. RCT zur französischen 27. Gebirgsdivision in Turin.43) Das Alpenkommando der französischen Armee übernahm die Verantwortung für alle alliierten Aktivitäten entlang der französisch-italienischen Grenze, als die 442. RCT zur Verstärkung der amerikanischen Truppen in Italien verlegt wurde.44)

Der 1. Sondereinsatzverband war eine Ad-hoc-Organisation mit begrenzter nachhaltiger Kampfkraft. Während das Gebirgsterrain die Bewegung großer organisierter Standarddivisionen nicht begünstigte, bestand die leichte teilstreitkräfteübergreifende Streitmacht aus Eliteinfanteristen, die für den Kampf an entlegenen Orten ausgerüstet und ausgebildet waren. Die Geschichte des 1. Sondereinsatzverbandes lehrt uns aber, dass „… das Fehlen von Transportmitteln es unmöglich machte, engen Kontakt zu halten und permanenten Druck [auf den Feind] auszuüben, der dessen Gegenwehr verhindert sowie Zerstörung und Verminungsaktivitäten beeinträchtigt hätte.“45)

Der für die 1. Luftlande-Task Force insgesamt freundliche Bericht beschreibt dennoch die Kämpfe und Taktiken bei der Bekämpfung des Gegners als Verfolgungsaktionen bis hin zur französisch-italienischen Grenze:

„Die Verfolgung erfolgte zu Fuß, wobei es nicht immer einfach war, Kontakt zu halten. Straßen wurden gesprengt, Pfade waren vielfach vermint. Der Gegner war verwirrt und schlecht geführt. Er führte keinen Verzögerungskampf, sondern machte großräumige Rückzüge, um Kräfte zu sammeln, wobei seine Entschlossenheit stark variierte. Sein Widerstand war sporadisch, unerwartet und schwierig vorherzusehen.“46)

Als der 1. Sondereinsatzverband schließlich in den französischen Alpen zur französisch-italienischen Grenze vorrückte, erhielt er den Befehl, nicht weiter vorzugehen. Den Einheiten war es nicht gestattet, auf italienisches Territorium vorzurücken, und abgesehen von kleineren Angriffen und Patrouillen waren alle Offensivaktionen untersagt. Womit der 1. Sondereinsatzverband hier konfrontiert war, war die Grenzziehung zwischen den alliierten Kriegsschauplätzen Nordwesteuropa und Mittelmeerraum, die entlang der französisch-italienischen Grenze verlief. Hätten die Alliierten in Südfrankreich 1944 eine größere Operation in der Poebene unternehmen wollen, so hätte diese zwischen zwei größeren Hauptquartieren koordiniert werden müssen, die ohnehin schon anderweitig genug zu tun hatten. General Dwight D. Eisenhower stieß an die deutsche Grenze vor, und Feldmarschall Harold R. L. G. Alexander kämpfte verbissen im nördlichen Apennin. Keines der beiden Hauptquartiere war offensichtlich gewillt, Truppen für einen Angriff von Frankreich nach Norditalien in die Poebene abzustellen. Beide Kommandanten waren darauf bedacht, möglichst viele Ressourcen zur Erreichung ihrer primären Missionen einzusetzen. Erst als im April 1945 das Kriegsende nahte, wurde ein Angriff durch die Seealpen unternommen, und zwar nur von der französischen Armee.

Zu Kriegsende unterschied sich die französische Armee in organisatorischer Hinsicht sehr stark von ihrer Aufstellung 1940. Sogar zur Zeit der Invasion Südfrankreichs im August 1944 hatte die Armee in Italien außerordentliche Kompetenz unter Beweis gestellt, insbesondere beim Ausbruch von Monte Cassino und dem Vormarsch auf Rom. Unbeschadet der Tatsache, dass die Franzosen größere Kampfverbände - prinzipiell aus Kolonialtruppen bestehend - aufgestellt hatten, standen sie noch immer einer größeren Menge Herausforderungen gegenüber.

Der Eintritt des französischen Armeekorps in die Kämpfe in Nordwesteuropa erfolgte über Südfrankreich. Um dorthin zu gelangen, mussten die ersten französischen Einheiten vom Absatz des italienischen Stiefels (II. Korps mit der 1. Infanterie- und 3. algerischen Division), aus Korsika (9. Kolonialdivision) und aus Oran in Algerien (1. Panzerdivision) antransportiert werden. Alle diese Einheiten verfügten über amerikanische Ausrüstung, allerdings fehlte es an vielen benötigten Gegenständen sowie ausgebildetem Personal. Abgesehen von der 3. algerischen und 1. Infanteriedivision mangelte es den Verbänden großteils an Kampferfahrung.47)

Die französischen Verbände in Nordwesteuropa bildeten zusammen die 1. französische Armee unter Marschall Jean Joseph-Marie Gabriel de Lattre de Tassigny und waren dazu auserkoren, die rechte Flanke von Generalleutnant Jacob Devers’ VI. Korps in Nordostfrankreich zu bilden. Im August 1944 wurde kein Gedanke daran verschwendet, diese Verbände jenseits der Alpen gegen den Feind in Italien einzusetzen. Doch im Dezember 1944 hatte sich die Lage grundsätzlich geändert. Obwohl die Franzosen in den Vogesen und im Elsass schwer im Einsatz waren, waren sie in der Lage, die 27. Gebirgsdivision (DIA) an der Seite der amerikanischen 44. FlA-Brigade zu stationieren, die den Deutschen gegenüberstand, die immer noch einen schmalen Streifen Land westlich der französisch-italienischen Grenze besetzt hielten. Am 1. März 1945 stellte der französische Generalleutnant Paul Doyen das Alpenkorps auf, bestehend aus der 27. Gebirgsdivision und der 1. mechanisierten Infanteriedivision, die kurz zuvor aus der französischen 1. Armee ausgegliedert worden war. Dazu kamen noch französische Partisanenverbände, die FFI. Die 27. Gebirgsdivision mit Hauptquartier in Grenoble war nur schlecht bewaffnet, während die 1. Infanteriedivision aufgrund ihrer partiellen amerikanischen Ausrüstung einen besseren Eindruck machte. Insgesamt bestand das Alpenkorps aus etwa 20 Infanteriebataillonen, die noch durch Artillerie und Pioniere verstärkt wurden.48)

Es lag in den Händen dieses französischen Korps, durchzuführen, was Hannibal und Napoleon Jahrhunderte zuvor bewerkstelligt hatten. Im Frühling 1945 wurde ein die Grenzen der Armeegruppen überschreitender Angriff versucht. Französische Verbände von General Devers’ VI. Korps durften in den Verantwortungsbereich von Feldmarschall Alexanders 15. Armeegruppe in Italien eindringen. Aber Alexander, der nun auch den Kriegsschauplatz Mittelmeer kommandierte, befahl den Franzosen, auf einer Linie von den Schweizer Alpen über Mailand zum Golf von Ligurien Halt zu machen.49)

Der Vorstoß begann am 9. April 1945 und ging zügig vonstatten. Teile der 27. Gebirgsdivision trafen in den Vororten von Turin auf die 442. RCT, die vom Apennin nordwärts vorstieß. Nach Vertreibung der letzten Feinde von französischem Territorium stießen die Franzosen weiter nach Osten vor. Obwohl sie die von Alexander vorgegebene Linie noch nicht erreicht hatten, informierte am 27. April das Hauptquartier der 15. Armeegruppe das VI. Korps, dass ein weiterer Vormarsch der Franzosen in Italien nicht notwendig war. Tags darauf befahl General Devers das Angriffsende und die Rückkehr der französischen Kräfte nach Frankreich.50)

Nun begann ein Wettstreit politischer Willensstärke. Die Franzosen weigerten sich abzuziehen und hatten Ende Mai noch ihre Stellungen in Italien inne. General Doyen ließ General Devers wissen, er würde die französischen Truppen ohne entsprechende Instruktionen der französischen Regierung nicht zurückschicken. Prestige und Ehre in der Auseinandersetzung kamen zum Tragen. Die Franzosen wollten nicht, dass die Italiener ihren Rückzug von italienischem Territorium als Truppenabzug sahen. Darüber hinaus erfuhren alliierte Offizielle, dass die Franzosen die Annexion eines Teils des besetzten Territoriums, das in früheren Jahrhunderten schon umstritten war, ins Auge fassten. Dann kamen auch noch die Briten ins Spiel, weil Alexander eine Militärregierung für ganz Italien einrichten wollte, die auch das Gebiet unter französischer Kontrolle, insbesondere die Provinz Cuneo, umfasst hätte. Daher intervenierte Alexander heftig bei Eisenhower, er solle die französische Regierung dazu bringen, dass Doyen Devers’ Befehlen entspreche. Die Franzosen weigerten sich nachzugeben. Präsident Truman drängte General Charles de Gaulle, den Rückzug zu befehlen. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, befahl Truman, die Ausgabe von Munition und Ausrüstung an die Franzosen einzustellen. Nach weiterem politischen Druck stimmte die US-Regierung am 11. Juni zu, die Leih- und Pacht-Operationen wieder aufzunehmen, und die Franzosen entschlossen sich, „einen normalen militärischen Abzug“51) durchzuführen.

Der französische Vorstoß nach Norditalien war keine Wiederholung der erfolgreichen Kampagne Napoleons aus dem Jahr 1800. Auch zum Erfolg Hannibals gibt es keine Parallelen. Die französische Frühlingsattacke war in der Tat insofern unnötig, als die 15. Armeegruppe nach Überwindung der Gotenlinie rasch die Poebene besetzte und mit Teilen in Südösterreich eindrang. Aber das war 1945 der Fall, nicht 1944, als die Deutschen die Alliierten im nördlichen Apennin aufhielten und die Ligurische Armee in Norditalien stationiert war. Dies alles führt wieder zurück zur Frage, ob ein kühner Angriff der Alliierten in Norditalien über die Seealpen 1944 mit Umfassung der deutschen und italienischen Kräfte und deren anschließender Kapitulation erfolgreich hätte sein können?

 

Conclusio

Trotz der Vorteile alliierter Angriffe auf die Nachschublinien, über die die deutschen Truppen an der befestigten Gotenlinie unterstützt wurden, und einem anschließenden Vorstoß nach Österreich, Ungarn und möglicherweise dem Balkan war ein Angriff dieser Größenordnung operativ problematisch, wenn auch strategisch attraktiv. Aus taktischer Sicht hatten die Alliierten das Potenzial, durch die Alpen anzugreifen, allerdings nicht ohne Schwierigkeiten.

Die USA mit Unterstützung durch die Sowjetunion wollten Deutschland in Nordwesteuropa besiegen und nicht durch eine größere Kriegsanstrengung in Italien. Die Briten hatten Einwände dagegen und zogen mit ihrem Vorschlag, die Invasion Südfrankreichs abzusagen, den Kürzeren. Bedingt durch das Fehlen eines amerikanisch-britischen Konsenses über die Wirksamkeit einer Strategie, die deutschen Kräfte in Italien von hinten anzugreifen, konnte es keinen Angriff über die französischen Alpen in die Poebene geben.

Die Existenz einer signifikanten physischen Barriere mit begrenztem Zugang durch die französischen Alpen und die für den Spätsommer 1944 zu erwartenden Wetterbedingungen waren der Entscheidung, die Gebirgskette zu überwinden, nicht gerade förderlich. Anders als zu Hannibals und Napoleons Zeiten wäre ein sehr großer „logistischer Aufwand“ erforderlich gewesen. Tatsächlich ist es möglich, dass die riesigen Ressourcen der Amerikaner zum Tragen gekommen wären, aber zu welchen Kosten, betrachtet man die weltweiten Engagements der USA zu diesem Zeitpunkt des Krieges? Eine zweite Ledo-Straße zu bauen wäre für die US-Pioniere sicher im Bereich des Möglichen gelegen, hätte man auf lokale Arbeiter beiderseits der französischen Alpen zurückgreifen können, doch ist es zweifelhaft, ob genügend Truppen vorhanden gewesen wären, um eine Nachschubroute bzw. Nachschubwege zu bauen.

Schlussendlich war die Verfügbarkeit ausreichender Truppen auf amerikanischer oder französischer Seite für eine solche Operation nicht gegeben. Die Franzosen hätten im August 1944 eingesetzt werden können, doch wollte Eisenhower möglichst starke Kräfte in Nordwesteuropa haben, und die Franzosen unter seinem Kommando strebten in erster Linie die vollständige Befreiung Frankreichs an. Feldmarschall Alexander hasste die Abstellung jedweder Truppen zur Invasion Südfrankreichs. Allerdings hätten mit der Eröffnung Marseilles als größerer Hafen zur Unterstützung der amerikanischen Streitkräfte in Nordwesteuropa einige der eingetroffenen bzw. neu ankommenden amerikanischen Divisionen für einen Angriff über die Alpen eingesetzt werden können.

Sicherlich wären die Deutschen schwer bedrängt gewesen, einen Überraschungsangriff einer größeren Streitmacht über die Berge abzuwehren. Aber die amerikanischen Verbände, die nach der August-Invasion in Marseille angelandet wurden, waren nicht kampferfahren, und es standen auch keine altgedienten amerikanischen Formationen an der französisch-italienischen Grenze, um den Eintritt der neuen Verbände ins Kampfgeschehen zu erleichtern. Nach Überschreiten der französischen Alpen hätten italienische Partisanen willkommene Unterstützung leisten können, aber es ist immer noch fraglich, inwieweit sie mit ihrem Beitrag der alliierten Anstrengung hätten helfen können.

Vergleicht man die Für und Wider eines Angriffs durch die französischen Alpen, so hatte das strategische Konzept, wenn schon nicht die Umsetzung, seine Verdienste. Nach Überwindung der Berge und durch Operationen in der Poebene, gestützt auf sichere Nachschubwege nach Frankreich, hätte eine starke Streitmacht mobiler Truppen theoretisch eine rasche deutsche Kapitulation in Italien erzwingen können, weil der Gegner mit seinen vorhandenen Kräften in einen Zweifrontenkampf verwickelt worden wäre. Tatsache ist allerdings, dass das von Hannibal und Napoleon innerhalb von Tagen Erreichte von den Alliierten nur schwer zu erzielen gewesen wäre, selbst wenn sie sich auf eine Strategie einigen hätten können, einen alpenüberquerenden Angriff in Norditalien zu lancieren. Die erforderlichen Truppen, möglicherweise unter Einschluss der amerikanischen 10. Gebirgsdivision, waren aber nicht verfügbar. Die Beginnzeit mit August war spät, berücksichtigt man das bevorstehende raue Herbstwetter und die gesperrten Alpenstraßen, die von motorisierten Truppen gemieden werden mussten. Die logistische Anstrengung zur Unterstützung einer solchen Operation hätte signifikante Herausforderungen bedeutet.

Letztendlich waren aber weder die amerikanische noch die britische oberste Führung ausreichend innovativ, die möglichen Vorteile eines wahrhaft „indirekten Ansatzes“, die Deutschen in Italien durch einen kühnen Überraschungsangriff über die französischen Alpen zu schlagen, zu erkennen. Die bevorzugte alliierte Vorgehensweise war der Stoß geradeaus. In Italien war sie ein Frontalangriff auf dem Bergrücken des Apennin. In Nordwesteuropa bedeutete sie einen Vorstoß geradeaus auf breiter Front unter Ausnutzung von Bruchstellen in der deutschen Verteidigungslinie. Als die Siegfried-Linie erreicht war, ging es um einen direkten Angriff gegen die Befestigungen, bis ein Durchbruch erreicht war, durch den die mobilen Alliierten operieren konnten, um die Zerstörung Nazi-Deutschlands zu vollenden. Ein von den Alliierten versuchter „kühner Angriff“ über die Seealpen auf den Spuren Hannibals und Napoleons war eine Herausforderung, der sich die Deutschen niemals stellen mussten.

 


ANMERKUNGEN:

1) Vincent J. Esposito, ed., The West Point Atlas of American Wars, (Frederick A. Praeger: New York, 1959), Map 57. Die Wirksamkeit der Luftlandeoperation wird von John D. Burtt im Artikel „The Battle That Won’t End“ in World at War, April-May 2011, S.23 infrage gestellt. Er behauptet: „Wegen Nebels gelang aber die Landung nicht gut, und die Fallschirmjäger wurden über einem großen Gebiet verstreut. Bei Tagesanbruch hatten sich nur rund 60% der Fallschirmjäger in der Nähe ihrer Zielorte versammelt.“

2) Ebd.

3 Vgl. Jeffery J. Clarke & Robert Ross Smith: Riviera to the Rhine, U.S. Army Center of Military History: Washington, D.C., 1993), S.71. In der Folge zit. als Clarke and Smith. Zu den Bemühungen, die Hafenkapazitäten von Marseilles wiederzustellen, s. S.204-205.

4) Ebd. S.22. Vgl. a. Winston S. Churchill: Triumph and Tragedy, (Houghton Mifflin Company: Cambridge, Massachusetts, 1953), S.100, S.718-720. Vgl. a. Kent Roberts Greenfield: Command Decisions, (Harcourt, Bruce and Company: New York, 1959), S.21, S.285-286.

5) See Clarke & Smith zu Stalins und der russischen Perspektive über anglo-amerikanische Operationen im Mittelmeerraum und auf dem Balkan, S.12.

6) See Clarke & Smith, S.579, zur Perspektive über eine solche Strategie.

7) Gavin de Beer, FRS, Alps and Elephants - Hannibal’s March, (E.P. Hutton & Co.: New York, 1956), S.66-69. De Beer führt vier Kriterien für seine Behauptung an, dass der Traversette-Pass die von Hannibals benutzte Route war: die Schneehöhe; die Schwierigkeit des Weges für Packtiere und Elefanten; der Ausblick vom Pass, als einer von dreien, von dem aus die italienische Ebene gesehen werden konnte; und der einzige Ort zwischen Montgenevre und der Riviera, der aus dem Durance-Becken herausführt. Vgl. de Beer, 108-110. es gibt viele andere Thesen, wo Hannibal seinen Vorstoß nach Norditalien bewerkstelligt hat.

8) William A. Mitchell: Outlines of the World’s Military History, (Military Service Publishing Company: Harrisburg, Pennsylvania, 1940), S.87.

9) Yorck von Wartenburg: Napoleon as a General, Volume I, ed. Walter H. James, (United States Military Academy: West Point, New York, 1955), S.177.

10) Ebd. S.194.

11) Ralph S. Mavrogordato: „Hitler’s Decision on the Defense of Italy,“ Command Decisions (Harcourt, Brace and Company: New York, 1959), S.228-230.

12) Vgl. Churchill, Triumph and Tragedy, S.521-522, zur Wirksamkeit der Bombenangriffe in der Poebene.

13) Vgl. Clarke & Smith S.64, zu Kesselrings Mission, Alpenpässe zu halten, den alliierten Vormarsch nach Norditalien zu blockieren.

14) Vgl. Winston S. Churchill, The Second World War, (Cassel & Co., Ltd.: London, 1959), S.903 zur Möglichkeit eines Separatfriedens Hitlers mit Großbritannien und den USA.

15) Vgl. Burtt, S.17, zur Kontroverse zwischen Amerikanern und Briten über die Invasion Südfrankreichs.

16) Clarke & Smith, S.172.

17) Vgl. Winston Churchill: Their Finest Hour, (Cassel & Co.: London, 1949), S.111-115, zum italienischen Versuch und Fehlschlag einer Invasion Südfrankreichs über die Seealpen.

18) Vg. Clarke & Smith, S.203-204 zur Bedeutung Marseilles und der notwendigen Reparaturarbeiten zur Herstellung der Funktionsfähigkeit. Unbeschadet extensiver deutscher Zerstörungen war die Kapazität des Hafens im September groß genug, um 113.500 Tonnen Güter, 32.800 Fahrzeuge und 10.000 Fässer Petroleumsprodukte anzulanden.

19) Ebd. S.199-209. Die Logistikprobleme der Operation ANVIL/DRAGOON werden auf diesen Seiten zusammengefasst. Entfernungen und der rasche Vormarsch rhoneaufwärts verschlechterten die logistische Lage in dieser Operation.

20) Mitchell, S.87.

21) Ebd. S.356. Vgl. a. Wartenburg S.174-178 zu Napoleons Alpenüberquerung.

22) Vgl. Headquarters IV Corps, U.S. Army, Italy, The Final Campaign across Northwest Italy, 14 April - 2 May 1945, (Italy: 1945), S.2 für Kommentare über den Winter im Apennin an der deutschen Gotenlinie. Weiterhin zitiert als Headquarters IV Corps.

23) Vgl. Ebd. S.64 zur Bedeutung der alten befestigten Städte in Nordwest-Italien.

24) B.H. Liddel Hart, Strategy, (Praeger Publishers: New York, 1967), S.314.

25) Mavrogordato, S.230.

26) Ebd. S.235-236.

27) Headquarters IV Corps, S.82.

28) Ernest F. Fisher, Jr., Cassino to the Alps, (Government Printing Office: Washington, D.C., 1989) S.303.

29) Summary of Enemy Operations, Section II Intelligence, Historical Record - 1st Special Service Force, November 1944 (NARA file SSFE 1 -.3).

30) Headquarters, 1st A/B Task Force, Office of the A.C. of S. G-2, Summary of Enemy Operations, 12 October 1944 (NARA file 99/06 (FABTF) - .3).

31) Section II Intelligence, 1st Airborne Task Force Operations Report September 1944, (NARA file 99/06 (FABTF) - .3).

32) Ebd.

33) Ebd.

34) Headquarters IV Corps, S.90.

35) Ebd. S.65.

36) Esposito, Map 107.

[37]) Churchill, Triumph and Tragedy, S.525.

[38]) Vgl, Giulio Bolaffi, ed., Sui Sentieri Partigiani (Berrrino Publishers: Susa, Italy, 2005), S.17-21 als Beispiel eines gut organisierten italienischen Partisanenwiderstandes in Norditalien schon am 26. August 1944. Vgl. a.o Headquarters IV Corps, 67 zur Nützlichkeit italienischer Partisanen bei der Feind-und Geländeaufklärung.

[39]) Vgl. Headquarters IV Corps, S.88-90 über die Beteiligung italienischer Partisanenkräfte bei der Einnahme Mailands.

[40]) Vgl. Churchill: The Second World War, S.768 zur Rolle der lokalen italienischen Bevölkerung bei der Rettung alliierte Kriegsgefangener.

[41]) Headquarters, 1st A/B Task Force, Operations Report, September 1944 (NARA file 99/06 (FABTF -0.3), 1. The 1st Luftlande-Task Force bestand aus den folgenden größeren Komponenten: 517 Fallschirmjägerregiment; 463. Fallschirmjäger-Feldartilleriebataillon (später ersetzt durch das 602. Parachute Field Artillery; Feldartilleriebataillon; 509. Fallschirmjägerbataillon; 551. Fallschirmjägerbataillon; 1. Sondereinsatzverband; 887. Pionierkompanie; 68. FlA-Artillerie Bataillon; 937. Feld-Artilleriebataillon.

[42]) Ebd. der erste Sondereinsatzverband bestand nun hauptsächlich aus amerikanischem Personal.

[43]) Fisher, S.506-507.

[44]) Vgl. Maurice Passemard, Haute Lutte, (Service historique de l’armee de Terre: Paris, France, 1989), über französische militärische Aktivitäten entlang der französisch-italienischen Grenze von Ende 1944-1945.

[45]) Historical Record - 1st Special Service Force, Nov 44, 4.

[46]) Ebd.

[47]) Clarke & Smith, S.21.

[48]) Marcel Vigneras, Rearming the French, (U.S. Government Printing Office: Washington, D.C., 1957), S.367.

[49]) Ebd. S.367.

[50]) Headquarters IV Corps, S.99.

[51]) Vigneras, S.367-369.