Seestrategie im 21. Jahrhundert

Mahan und Corbett im 21. Jahrhundert

Gerald Böhm/Matthias Wasinger

 

Bei der Beschäftigung mit maritimen Strategien wird man zwangsläufig mit den Namen Alfred Thayer Mahan und Julian Stafford Corbett konfrontiert, zwei Denker, welche die Seestrategie im Allgemeinen und das strategischer Handeln einzelner Staaten - wie im Folgenden auszugsweise dargestellt - bis in die heutige Zeit prägen. Es kann in diesem Zusammenhang nicht auf deutschsprachige Seestrategen verwiesen werden. Obgleich Österreich vor rund hundert Jahren noch über Seestreitkräfte verfügte, die Bundesrepublik Deutschland in der Bundeswehr aktuell eine Marine betreibt, sind beide Staaten ihrem Denken nach primär auf Landstrategien ausgerichtet. Somit bieten sich die Seestrategen aus dem britischen und US-amerikanischen Raum als Referenz an. Doch die Lehren der Genannten entstammen dem 19. Jahrhundert. So stellt sich die Frage nach der Gültigkeit der Ausführungen Mahans und Corbetts. Als Referenz wurde das Werk Seapower: A Guide for the Twenty-First Century von Geoffrey Till herangezogen, da dieses Buch einerseits als Standardwerk zu diesem Themenfeld gilt und andererseits der Autor als renommierter Marinehistoriker durchaus als Kapazität in diesem Bereich bekannt ist. Geoffrey Till, geboren im Jänner 1945 in London, lehrt seit Jahren am Kings College, ist Direktor des Corbett Centre for Maritime Policy Studies und Herausgeber einschlägiger Fachliteratur. An seinen Ausführungen soll überprüft werden, wieviel von Mahan beziehungsweise von Corbett noch in einem Buch über Seestrategie des 21. Jahrhunderts steckt. Welche Grundsätze haben sich bestätigt, welche Dogmen widerlegt? Zur Beantwortung dieser Fragen werden im Folgenden die bestimmenden Lehren auszugsweise dargestellt, Begrifflichkeiten abgeglichen, Parallelen gesucht und Widersprüche geprüft.

Es zeigt sich, dass sich sowohl die Lehren Mahans als auch Corbetts im Standardwerk Geoffrey Tills wiederfinden. In diesem werden sie jedoch ins 21. Jahrhundert versetzt. Till passt in seinem Werk das Bekannte an neue Umfeldbedingungen und waffentechnische Weiterentwicklungen an. Die Lehren Mahans und Corbetts bleiben bis dato grundsätzlich valide, wobei, bei detaillierter Betrachtung Mahan zwar möglicherweise ein Teil des Denkens Corbetts sein kann, Corbetts Doktrin auf Dauer jedoch den Zweck verfolgt, jene Zeitspanne zu überbrücken, bis man selbst in der Lage ist, Mahans Ansätze umzusetzen. Staaten entschließen sich offensichtlich nicht aus freien Stücken zur Umsetzung von Corbetts Seestrategie, sondern wählen (wie am Beispiel Europas oder Chinas ersichtlich) diesen Ansatz, da sie zur Umsetzung des Mahan’schen Denkens weder die personellen, noch die materiellen Ressourcen besitzen. Sie verfolgen Corbetts Doktrin jedoch wahrscheinlich nur solange, bis sie auf jene Mahans wechseln können.

Der Zweck der Seestrategie Corbetts ist jedoch das Brechen der Vorherrschaft des Hegemon, um dann seinen Platz einzunehmen und schließlich, so sehr dies im heutigen Zeitalter möglich ist, im Sinne Mahans zu handeln. Diesem Denken wurden bis dato keine neuen wahrhaften Meilensteine beigefügt. Geoffrey Tills Werk jedenfalls stützt die Theorie der Anwendbarkeit Mahans und Corbetts, deren Lehren im Umfeld des 21. Jahrhunderts neu gedacht werden können und auch müssen.