Die Übung „Bärentatze“ im Jahre 1969: Verlauf und Folgerungen (Teil1)

Beiträge zur Geschichte des Bundesheeres der 2. Republik

Andreas Steiger

 

Um ein glaubhaftes militärisches Verteidigungskonzept Österreichs mit dem von der Bevölkerung erwarteten und im Wehrgesetz verankerten Schutz der Grenze zu verbinden, wurde das damalige atomare „Schild-Schwert-Konzept“ der NATO den österreichischen militärischen Verhältnissen angepasst, um die in Österreich vorhandenen militärischen Kräfte richtig einzusetzen. Es gab hier zwei verschiedene „Denkschulen“ im Bundesheer. Eine Einsatzvariante sah vor, die Brigaden als Hauptträger des Abwehrkampfes („Schwert“) nach operativen Grundsätzen und nicht für Nebenaufgaben einzusetzen. Um die Mobilmachung der Brigaden zu ermöglichen, wurde ein unmittelbar an der Grenze aufgestellter „Grenzschutz“ errichtet, der den „Schild“ für das dahinter einsatzbereit zu machende „Schwert“, die Brigaden, darstellte. Die zweite (und wohl realistischere) Einsatzvariante war, die vier Jägerbrigaden und den Grenzschutz als Schild einzusetzen, und die drei Panzergrenadierbrigaden als Schwert zu verwenden. Ableitend daraus war das Bundesheer zwischen dem „Feldheer“ (mit Ausbildungstruppen) und der „territorialen Organisation“ (Grenzschutz, Militärkommanden und Einrichtungen zu dessen Aufstellung) gegliedert. Zudem wurde wechselweise einmal die eine Hälfte und das andere Mal die andere Hälfte der Brigaden auf vollen Stand gebracht, wodurch diese in Anlehnung an die Jahreszeiten als „Winter- und Sommerbrigaden“ bezeichnet wurden. Die Ausbildung in den Brigaden teilte sich in drei Monate Grundausbildung; danach drei Monate Ausbildung in der Gruppe und im Zug und abschließend drei Monate Ausbildung im Verband (in der Kompanie bzw. im Bataillon) auf. Die Brigaden waren lediglich in den drei letzten Ausbildungsmonaten bedingt einsatzbereit. Die letzten drei Monate des Jahres stand die Brigade leer, sie brauchte jedoch gewissermaßen als „Systemerhalter“ ein Überbrückungskontingent. Kritik gab es auch im Rahmen eines Volksbegehrens, welches das Ziel hatte, das Bundesheer abzuschaffen.

Die Großübung des Jahres 1969 hatte u.a. den Zweck, die „Standfestigkeit“ gegenüber einem überlegenen Ostgegner zu erproben. Die operative Ausgangslage der Übung war, dass sich ein Oststaat „Partei Orange“ und ein Weststaat „Partei Blau“ gegenüberstanden. Im Raum Melk wurde ein „Neutral-Staat“ „Gelb“ für die Übungsleitung geschaffen, um dieser ein ungestörtes Agieren während der Übungsphase zu ermöglichen. Die Übungsanlage sah vor, dass nach einem angenommenen Spannungszustand der Weststaat („Partei Blau“) Mobilmachungsmaßnahmen eingeleitet hatte, worauf der Oststaat („Partei Orange“) seine Kräfte im Grenzraum zum Weststaat aufmarschieren hatte lassen. Absicht der „Partei Orange“ war es, dem Aufmarsch der „Partei Blau“ zuvorzukommen, und vor der endgültigen Versammlung der Kräfte des Weststaates im raschen Stoß den Raum vorwärts der Enns zu gewinnen und die Kräfte von Blau zu vernichten. Für die „Partei Blau“ war der Übungszweck der hinhaltende Kampf, der Kampf gegen einen mechanisierten Feind im Voralpengelände. Für beide Parteien wurden zusätzlich der Eisenbahntransport und der weiträumige Motorisierte-Marsch beim Aufmarsch und Rückmarsch geübt.