Die Logik des Irrationalen

Strategischer Umgang mit Emotionen für Leadership im 21. Jahrhundert

Gunter Maier

 

Die Irrationalität ist nicht so irrational, wie es scheint. Sie ist keine Black Box, ganz im Gegenteil, es gibt Muster und Regeln, mit deren Hilfe man sie beherrschen kann. Leadership im 21. Jahrhundert muss diese Muster erkennen, wenn sie den herannahenden Herausforderungen gewachsen sein will, denn auch die Irrationalität ist ein Terrain, auf dem sich der versierte Stratege bewegen muss. Dabei ist Irrationalität und Pragmatismus kein Widerspruch, denn streng genommen gibt es gar keine Irrationalität, es gibt nur unterschiedliche Logiken im Sinne der Schlussfolgerungslehre, wofür der Stratege seinen Geist öffnen muss. Gewinnen kann man auf diesen Spielfeldern allerdings nur, wenn man die Spielregeln kennt. Die Spielregeln basieren auf der Welt der Emotionen und der Interaktion. Will man komplexe Herausforderungen meistern, ist es töricht die Dinge nur auf Basis der Rationalität anzugehen. Heutige Leader sind konditioniert durch ein ausschließlich rational ausgerichtetes Bildungssystem, das auf lückenhaften Annahmen basiert. Viele dieser Annahmen widersprechen der Natur des Menschen. Technik kann man erfinden, aber den Menschen kann man nicht (neu) erfinden. Vielmehr muss man ihn verstehen und ihn mit diesem Verständnis führen. Aus diesem Grunde sind die Lehren der Strategieklassiker nach wie vor aktuell. Sie beschreiben all diese emotionalen Spielregeln. Speziell jene Werke die vor der beschriebenen kartesischen Katastrophe verfasst wurden, beinhalten das Wissen um einen ausbalancierten Geist und sie unterliegen nicht der dogmatischen Überbetonung der Ratio. Die Emotionsforschung hat mittlerweile einige wichtige Aspekte der menschlichen Emotionen empirisch untersucht und die Ergebnisse bestätigen die Beobachtungen der Klassiker, wenngleich diese Disziplin noch in den Kinderschuhen steckt. Zu vielfältig sind die verschiedenen Theorien und Klassifizierungen, sodass noch vertiefte Forschung nötig sein wird. Für den Leader ist dies allerdings sekundär. Die strategische Praxis erfordert ein Verständnis um die existierenden Emotionen, wie sie entstehen und wie sie wirken. Mit diesen Erkenntnissen kann man sich im militärischen Konflikt, in der politischen Auseinandersetzung oder im ökonomischen Management wesentlich sicherer bewegen. Es stellt sich auch immer die Frage, welche Logik sich hinter einem Problem verbirgt. Hat man sich diese Frage gestellt und kann man sie auch beantworten, hat man den ersten Schritt zur Lösung getan. Und es ist der wichtigste Schritt, denn diese Frage zielt auf die Ursachen und nicht auf die Symptome. Die politisch Verantwortlichen sind in diesen Zeiten besonders gefordert, denn die Flüchtlingskrise und der übergreifende Nah-Ost-Konflikt verlangen charismatische und visionäre Leader, die es verstehen, den demokratiefeindlichen Kräften zu trotzen, die Destabilisierung der Republiken zu verhindern und den Menschen eine positive Vision des zukünftigen Europas zu vermitteln. Zu ängstlich und v.a. nur reaktiv handeln sie in diesen Tagen. Sie scheinen nicht zu realisieren, welche Kräfte und Eigendynamiken zu Gange sind, und sie sind sich zudem nicht bewusst, welche Handlungsspielräume ein Verständnis der Emotionen bietet, da sie verbissen an rationalen Dogmen festhalten. Die Welt der Emotionen hingegen ist ein reichgefüllter Werkzeugkasten, der helfen kann die Büchse der Pandora wieder zu verschließen.