Vom Isonzo an den Piave

Über die Lehren aus der Offensive von Flitsch-Tolmein 1917

Andreas Stupka

 

Noch heute zeugen die in den Fels gesprengten Kavernen und Schützengräben entlang der slowenischen und österreichischen Grenze zu Italien vom brutalen Ringen um jeden Felsbrocken in den Kämpfen zwischen 1915 und 1917 an der österreichischerseits so genannten „Südwestfront“, oder eben dem italienischen Kriegsschauplatz. Erst mit der erfolgreichen Offensive der Mittelmächte, die am 24. Oktober 1917 begonnen wurde und als 12. Isonzoschlacht in die Geschichte eingehen sollte, verschob sich die Frontlinie um durchschnittliche 100 Kilometer nach Südwesten an den Piave. Dieser schwungvolle gemeinsame Angriff der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen über die Räume Flitsch und Tolmein, heraus aus dem Gebirge in die venetische Ebene brachte das italienische Heer an den Rand des Zusammenbruches, der einerseits nur durch neu ausgehobene Verstärkungen und auch durch massive Unterstützung der Entente mit Truppen und im Materialbereich verhindert werden konnte. Andererseits zeigte sich bei den Mittelmächten bereits erheblicher Mangel an Truppen und Material, der eine Fortsetzung des Angriffes über den Piave hinaus nicht zuließ. Zumindest aber war damit eine Frontbegradigung vom Gardasee bis an die Adria gelungen, die bis zum Ende des Krieges nicht mehr verändert werden sollte. Aus militärwissenschaftlicher Sicht stellt sich daher die Frage, wie dieser einmalige große Erfolg der Mittelmächte auf dem italienischen Kriegsschauplatz zustande kommen konnte - griffen doch diese aus der numerischen Unterlegenheit heraus einen materiell und personell voll aufgefüllten Gegner an und versetzten ihm damit eine vernichtende Niederlage. Dazu wird es notwendig sein, zunächst die Vorgeschichte bis zur Schlacht selbst zu beleuchten, um die strategischen Überlegungen zu erkennen. Die Darstellung der Anlage der gesamten Operation und in weiterer Folge deren Durchführung müssen die psychologische Verfasstheit der Truppen, die materielle Situation und die taktischen Ansätze berücksichtigen, um die Erfolgsfaktoren herausarbeiten zu können. Daraus sollen dann allgemeine Grundsätze erfließen, die für militärische Operationen über die Zeiten hinweg Gültigkeit haben und somit in die Lehre Eingang finden können.

Geistige Wendigkeit, eine gediegene allgemeine Bildung, hervorragende fachspezifische Ausbildung und ein großes Vertrauen in das Können der Truppenführer fördern die Innovation und ermöglichen erst freie Entschlüsse im Sinne der eigenen Absicht. Dies sind die Lehren aus der Offensive von Flitsch-Tolmein für die heutigen und die folgenden Soldatengenerationen, denen ein Opfergang, wie er an der Italienfront vor hundert Jahren stattgefunden hat, erspart bleiben möge.