Umkämpfte Gewässer - Beobachtungen zur Lage auf den Weltmeeren 2017 (Teil 1)

Bruno-Günter Hofbauer

 

Das Jahr 2016 hat in vielen Bereichen der militärischen Auseinandersetzungen bemerkenswerte Veränderungen mit sich gebracht. Aus der Perspektive Europas hat besonders das politisch selbstbewusste und militärisch aggressive Vorgehen Russlands bestimmend gewirkt. Hier sind auch die Entwicklungen rund um den syrischen Bürgerkrieg zu beachten, der nicht zuletzt wegen der weiter gestiegenen russischen Aktivitäten in eine neue Phase gewechselt hat. Mit vollendeten Tatsachen sieht sich der Westen in der Frage der annektierten Krim und der russischen auch militärischen Unterstützung für die abtrünnigen Gruppierungen in der Ostukraine konfrontiert. Das Umdenken in Europa, das durch die Krise in der Ukraine ausgelöst worden war, hat sich fortgesetzt, die friedliche Zusammenarbeit zwischen Westeuropa, der NATO und Russland in einer neuen Ordnung nach dem Kalten Krieg scheint 2016 endgültig einer aktuellen konfrontativen Linie gewichen zu sein. Das zeigt seine Auswirkungen nicht nur in Europa, sondern im gesamten Nahen Osten, in Nordafrika und dem Sahelraum; hier wird der Kampf gegen den Terror - und an dessen Spitze gegen den selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) - zunehmend durch die gegensätzlichen Machtinteressen der verschiedenen Akteure bestimmt und von diesen instrumentalisiert. Die Flüchtlingskrise, die im Jahr 2015 ihren Anfang genommen hatte, ist zwar abgeflaut, doch die Wanderbewegungen haben nicht an grundsätzlicher Intensität verloren. Ebenso wenig wurden koordinierte Schritte unternommen, um die Gründe für die Wanderbewegungen in den Herkunftsländern in den Griff zu bekommen. Aus der zentraleuropäischen Perspektive scheinen die meisten aktuellen und erwartbaren militärischen Konflikte einen grundsätzlich landorientierten Fokus aufzuweisen und darüber hinaus noch weit entfernt zu sein. Gerade die Migrationskrise sollte aber vor Augen führen, dass sich in einer globalisierten Welt Konflikte und deren Auswirkungen nicht eindämmen lassen, sondern ebenso globalisierte Folgen mit sich bringen. Verstärkend hinzugetreten ist noch die modifizierte und wenig berechenbare Politik der neuen US-Regierung, welche dazu angetan ist, die allgemeine Situation zu destabilisieren und auf dem Bankett der internationalen Machtpolitik den verschiedenen Akteuren bisher nicht gegebenen Handlungsspielraum als erreichbar erscheinen lässt. Ein Blick auf die Weltmeere zeigt darüber hinaus, dass die Wahrnehmung der globalen Entwicklungen aus der europäischen Perspektive teilweise trügerisch, jedenfalls aber nicht vollzählig ist. Einsätze im Mittelmeer zur Bewältigung der Flüchtlingskrise oder zum Kampf gegen die Piraterie am Horn von Afrika haben in den letzten Jahren, neben der Unterstützung von primär landzentrierten Operationen, einen bestimmenden Charakter für die Seestreitkräfte Europas angenommen. Für die militärische Betrachtung der Lage auf den Weltmeeren haben jedoch zwei Akteure unübersehbar Aktivitäten gesetzt: Russland und China. Der eine Akteur nah an Europa, zunehmend bemüht, seine ihm nach eigener Einschätzung zustehende Rolle auf der Weltbühne wieder zu erlangen und der andere weit von Europa entfernt, doch global wirksam. Beiden gemein ist der Einsatz ihrer Seestreitkräfte zur offensiven Interessensdurchsetzung, wobei das gesamte Spektrum der Möglichkeiten, die Seestreitkräfte ihren strategischen Auftraggebern bieten, genutzt wird.